Keine wirkliche Alternative

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Warum tue ich mir eigentlich die Fahrten mit Bussen und Bahnen an, wenn ich mir doch ein Taxi leisten könnte? Und müsste es nicht sogar der Unfallgegner zahlen, der meinen Viano zerlegt hat?

Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Nein. Der Unfallgegner muss für die Zeit, die es durchschnittlich dauert, mein Fahrzeug wiederzubeschaffen, einen Leihwagen bezahlen. Für den Zeitraum gibt es irgendeine Regel, das sind maximal sechs oder acht Wochen. Lange Lieferzeiten, Behindertenumbau etc. gehen zu meinen Lasten. Es gibt eine höchstrichterliche Entscheidung, dass die Umstände, die sich aus einer Behinderung ergeben, nicht durch den Unfallgegner auszugleichen sind. Genauso wie ein Rollstuhlfahrer bei Totalausfall des Aufzugs keine Mietminderung geltend machen kann – es sei denn, er wohnt im 4. Stock oder höher (dann sind es 10%). Der Umstand, dass ich als Rollstuhlfahrerin nicht mehr aus der Wohnung komme, wenn der Aufzug defekt ist, ergibt sich aus meiner Behinderung, und die ist nicht dem Vermieter zuzuschreiben.

Aber wie dem auch sei, ich hätte ja auch so genug Kleingeld, um mit einem Taxi zu fahren. Die Frage ist nur: Ist es wirklich so viel stressärmer? Am Mittwoch war das Chaos ja auch nicht vorauszusehen, sondern es kam eins zum anderen. Es gibt genügend Tage, an denen es mit Bus und Bahn einwandfrei funktioniert. Versuchsweise habe ich mir vorgenommen, einen Tag lang alle Strecken mit dem Taxi zu fahren und in meinem Blog zu dokumentieren. Und leider geriet ich dabei nicht nur an so nette Fahrer wie meinen Herausforderer bei den BOBs, Sash aus Berlin.

Zur Uni sind es etwa 10 Kilometer, mit dem Auto ist das in 15 bis 20, maximal 30 Minuten zu schaffen. Ich wollte vorher noch etwas abholen und etwas kopieren, plante, um 9.30 Uhr dort zu sein und rief am Donnerstagabend gegen 21.00 Uhr die Taxizentrale an. „Guten Abend, mein Name ist Stinkesocke, ich möchte gerne für morgen früh ein Taxi vorbestellen. Und zwar am liebsten einen Kombi oder einen Van, weil ich einen Rollstuhl mitnehmen muss.“ – „Lässt sich der Rollstuhl falten?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Dann bräuchten Sie aber einen Behindertenbus, nur den bekommen Sie nicht über uns. Da hätte ich eine andere Telefonnummer für Sie, haben Sie was zu schreiben?“ – „Ich möchte ein Taxi haben, am liebsten einen Kombi oder einen Van. Ein Bus ist nicht erforderlich, denn mein Rollstuhl passt in einen Kombi hinten rein.“ – „Achso. Ich hatte verstanden, dass er sich nicht falten lässt.“ – „Das ist richtig, aber er passt trotzdem hinten rein.“ – „Was wiegt der Rollstuhl?“ – „Um die 10 Kilogramm.“ – „Achso. Das ist also ein Leichtgewichtrollstuhl?“ – „Er wiegt etwa 10 Kilo.“ – „Ja, also ein Leichtgewichtrollstuhl, schreibe ich auf.“

Meinetwegen, es ist zwar kein Leichtgewichtrollstuhl, sondern ein Aktivrollstuhl, aber bevor ich das erkläre … – „Wo soll die Fahrt losgehen?“ – „Bei mir zu Hause, das ist …straße Nummer …“ – „Um welche Uhrzeit soll das Fahrzeug bei Ihnen sein?“ – „Um 9 Uhr bitte.“ – „Soll der Fahrer klingeln?“ – „Nein, ich bin um 9 Uhr unten.“ – „Wohin soll die Fahrt gehen?“ – „In die …straße.“ – „In Hamburg?“ – „Ja.“ – „Wieviele Personen fahren mit?“ – „Nur eine.“ – „Und Ihren Namen hätte ich dann gerne noch einmal.“ – „Jule Stinkesocke.“ – „Okay, dann wiederhole ich: Einen Kombi oder Van um 9.00 Uhr in der …straße Nummer …, eine Person mit einem Leichtgewichtrollstuhl, Sie kommen runter.“ – „Genau.“ – „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ – „Nein danke.“ – „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend.“ – „Danke gleichfalls.“

Am Freitagmorgen, es ist 8.42 Uhr, klingelt es bei mir. „Ihr Taxi ist da!“ – „Ja, 9 Uhr hatten wir gesagt.“ – „Achso, 8.45 Uhr steht auf meinem Zettel.“ – „Ja, da ist dann ein Fehler passiert, ich hatte ausdrücklich 9 Uhr gesagt.“ – Gemurmel in der Leitung. Ich rief vorsorglich die Taxizentrale noch einmal an, man kennt ja seine Pappenheimer. „Stinkesocke hier, ich hatte für heute morgen ein Taxi in die …straße Nummer … bestellt, können Sie mir sagen, ob das klappt und welcher Wagen kommt?“ – „Einen Moment, ich schaue für Sie einmal nach. *klicker* *klicker* Welche Uhrzeit?“ – „Ja, jetzt gleich.“ – „Hier haben wir einmal 9.00 Uhr mit Rollstuhl, sind Sie das?“ – „Ja, genau.“ – „Das ist der Wagen …, der hat den Auftrag angenommen.“ – „Alles klar, dann weiß ich Bescheid. Vielen Dank!“ – „Keine Ursache, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“

Ich kramte also meine Sachen zusammen und fuhr mit dem Aufzug nach unten. Es war 8.55 Uhr, als ich die Beifahrertür vom Fahrzeug öffnete. Eine Limousine, kein Kombi. Der Fahrer schaute mich an: „Hatten Sie bestellt?“ – „Ja.“ – „Auf welchen Namen?“ – „Stinkesocke.“ – Er kletterte aus dem Auto, kam zu mir. „Wie machen wir das mit dem Rollstuhl, kann man den falten?“ – „Nein.“ – „Nein?! Dann bekomme ich den nicht mit.“ – „Wir können die Räder abnehmen und die Rückenlehne runterklappen.“ – „Den bekomm ich nicht in den Kofferraum. Also ich glaube das nicht. Ich habe ja schon die ganzen Kindersitze da hinten drin. Müssen wir mal schauen, eventuell muss ich die auf die Rückbank legen.“ – „Ich hatte extra um einen Kombi oder einen Van gebeten.“ – „Ja, sehen Sie, das ist nämlich auch nicht übermittelt worden.“ – „Ja, das ist doof. Ich habe es aber ausdrücklich gesagt.“ – „Steigen Sie erstmal ein.“

Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und mein erster Blick fiel auf den (alten) Taxameter, der nicht, wie manchmal in neueren Modellen, irgendwo im Rückspiegel untergebracht, sondern fest auf der Beifahrerseite am Armaturenbrett angebracht war und mit roten 7-Segment-LED-Anzeigen munter vor sich hin leuchtete: 8,20 €. Bevor ich dem Fahrer also erklärte, wie mein Rollstuhl zu falten ging, fragte ich: „Was hat das hier mit den 8,20 ähm 8,30 auf sich?“ – „Erklär ich Ihnen gleich.“ – „Nein, das erklären Sie mir bitte jetzt, sonst steige ich sofort wieder aus.“ – „Das ist die Wartezeit seit 8.45 Uhr.“ – „Wir haben um 9.00 Uhr einen Termin, da oben hängt eine Uhr, es ist vor 9.00 Uhr. Ich möchte gerne meinen Rollstuhl haben – vielen Dank.“ – „Und jetzt?“ – „Jetzt rufe ich Ihre Taxizentrale an und bestelle mir ein anderes Fahrzeug. Schönen Tag noch.“ – „Sie müssen die Anfahrt und die Wartezeit bezahlen.“ – „Nö.“ – „Dann rufe ich jetzt die Polizei?“ – „Tun Sie, was Sie für richtig halten.“

Ich rief über mein Handy die Taxizentrale an. „Guten Tag, Stinkesocke mein Name, ich hatte für 9 Uhr ein Taxi bestellt in die …straße Nummer …“ – „Ja, wir hatten doch eben telefoniert. Der Wagen müsste jeden Moment da sein.“ – „Der Wagen ist schon da, allerdings ist es weder ein Kombi noch ein Van und der Fahrer hat vor Abfahrt bereits über 8 Euro auf der Uhr, schicken Sie mir bitte ein anderes Fahrzeug.“ – „Moment mal bitte.“ – Wartemusik. – „Ich erreiche den Fahrer gerade nicht. Ist der noch vor Ort?“ – „Der steht neben mir.“ – „Können Sie mir den einmal geben?“ – „Nein, kann ich nicht, schicken Sie mir bitte ein anderes Fahrzeug, einen Kombi oder einen Van, und das bitte zügig, ich habe einen Termin.“ – „Geben Sie mir doch bitte mal den Fahrer.“ – „Ich gebe mein Handy nicht an fremde Leute weiter. Schicken Sie mir jetzt einen anderen Wagen oder soll ich woanders anrufen?“ – „Nein, ich schicke Ihnen ein anderes Fahrzeug so schnell es geht.“ – „Wie lange wird es etwa dauern?“ – „So schnell es geht, um die 10 Minuten.“ – „Okay.“

Vier Minuten später fuhr ein Touran auf das Gelände. Ich winkte ihm zu. „Guten Tag, Sie hatten ein Taxi bestellt?“ – „Ja, genau.“ – „Und was hat das hier mit dem Kollegen auf sich?“ – „Keine Ahnung, der wollte seine Fahrt nicht mit 2 Euro 80 sondern mit 8 Euro 20 beginnen und dafür muss er sich einen anderen dummen suchen.“ – „Okay?! Na da sag ich mal lieber nichts zu. Kann man den Rollstuhl falten?“ – „Nein, der passt aber so hinten rein. Meine Freundin hat auch einen Touran.“ – „Achso, na dann.“

Während der Fahrer meinen Rollstuhl einlud, stieg der erste Fahrer in sein Taxi ein und fuhr davon. Dann stieg mein Fahrer ein, fragte nach dem Ziel, schaltete den Taxameter ein und fuhr los. „Bevorzugen Sie einen bestimmten Weg?“ – „So direkt wie möglich, aber keine spezielle Route.“ – Ich unterhielt mich mit ihm, er war eigentlich ganz nett, fragte mich, woher meine Behinderung käme, erzählte mir, dass er immer einen Rollstuhlbasketballer zur Arbeit gefahren hätte für ein halbes Jahr lang, und dann waren wir auch schon da. „Das macht dann 21 Euro 50 bitte.“

Für den Rückweg begab ich mich zum Taxistand vor der Uni. Kein Fahrzeug da. Also rief ich erneut in der Taxizentrale an. Diesmal kam nach 10 Minuten eine E-Klasse als Kombi, der Fahrer fragte mich auf den ersten 100 Metern, ob ich studiere, sprach nur sehr gebrochen Deutsch und mit starkem Akzent, kannte aber den direkten Weg und am Ende sollte ich 21,10 € zahlen.

Am späten Nachmittag musste ich zum Schwimmen, Ersatztraining für den am Mittwoch ausgefallenen Termin. Fahrzeit: Zwischen 20 und 45 Minuten. Es kam erneut ein Touran, der Fahrer sprach ebenfalls nur gebrochen Deutsch. Er verstaute meinen Rollstuhl, startete den Taxameter, fuhr vom Parkplatz und – fuhr falsch. Er hätte sich sofort links einordnen und einen U-Turn machen müssen, er wartete aber nicht ab, bis alle drei Fahrspuren frei sind, sondern ordnete sich rechts ein und fuhr auf eine Schnellstraße.

Bevor ich ihn fragen konnte, sagte er: „Oh nein, jetzt sind wir verkehrt. Wie machen wir nun. Ist so blöde. Ich fahre über Autobahn, das geht schnell und dann machen wir bei 30 Euro auf Kasse, sind Sie einverstanden?“ – „30 Euro klingt gut, aber Autobahn? Wollen wir nicht lieber die nächste wieder raus und durch das Gewerbegebiet fahren?“ – „Da kenne ich mich nicht aus. Kennen Sie den Weg?“ – „Ja sicher. Autobahn ist ja ein riesiger Umweg, das sind doch bestimmt 20 Kilometer mehr.“ – „Nein, wir fahren Autobahn, das geht schneller, und wir machen bei 30 Euro aus.“

Als wir von der Autobahn über die Elbe stadteinwärts fuhren, waren die 30 Euro erreicht. Bei 30,50 € machte ich den Fahrer darauf aufmerksam. „So, die 30 Euro wären jetzt voll.“ – „Ja, ich darf nicht ohne Taxameter fahren. Aber Sie zahlen am Ende nur 30 Euro. Den Rest muss Chef dann Storno machen.“ – Als wir an der Schwimmhalle ankamen, waren es 51,30 €. Was sagt der Fahrer? – „30 Euro zu 51 Euro sind 21, Hälfte sind 10 Euro 50. Die 30 Cent schenke ich Ihnen, sagen wir 40 Euro glatt.“ – „Wir haben 30 Euro gesagt.“ – „Ja 30, aber jetzt ist 51,30 und Mitte ist 40. Ich muss 10 Euro bestimmt selbst zahlen, sagt Chef nachher und ich bin auch nur sagen wir kleiner Taxifahrer mit Kinder.“ – „30 Euro haben wir gesagt und das ist vermutlich schon mehr als die Fahrt auf dem direkten Weg gekostet hätte.“ – „Nein, auf direktem Weg wäre bestimmt 35 oder 38 Euro gewesen. Ich mache Angebot, wir sagen 35 Euro. Okay?“ – „Wir sagen 30 Euro wie vereinbart.“ – „Ist nicht schön, aber wir streiten nicht, machen 30 Euro.“

Nach dem Schwimmen rollte ich 500 Meter an der frischen Luft zum nächsten Taxistand. Dort saß ein Mann in einem E-Klasse-Kombi. „Fahren Sie mich in die …straße?“ – „Ja klar. Warten Sie, ich mache den Sitz zurück und dann helfe ich Ihnen. Ich komme rum.“ – Ich stieg ein, er verlud meinen Rollstuhl im Kofferraum, dann setzte er sich wieder auf seinen Fahrersitz. „Ich muss ganz schnell noch eine Tour abgeben, ja? Haben Sie es eilig?“ – „Nein.“ – „Dann telefoniere ich kurz und dann fahren wir los.“

Er nahm sein Handy ans Ohr: „Du, kannst du für mich die Frau … abholen? Ich habe noch eine größere Tour reinbekommen.“ – Als er aufgelegt hatte, fuhr er los und meinte: „Das war meine Frau. Wir fahren beide Taxi. Dann klappt das ganz gut, ich hätte sonst einen Kollegen rufen müssen, denn ich habe in 20 Minuten eine feste Tour.“ – Der Mann sprach ebenfalls mit ausländischem Akzent. Er fragte mich, ob ich denn kein Auto hätte. Ich erzählte ihm die Story von meinem zerlegten Viano. Und den langen Lieferzeiten. Und von den Maschen, die seine beiden Kollegen heute abgezogen haben. „Aber die waren nicht von unserer Taxizentrale, oder?“ – „Nein, die waren von …“ – „Rufen Sie doch nächstes Mal bei uns an.“ – „Ich wohne ja dort, wo Sie mich jetzt hinfahren, und das ist ein ganz anderer Stadtteil.“ – „Achso, ich dachte, Sie wohnen da wo Sie eingestiegen sind.“ – „Nein.“ – „Es gibt immer schwarze Schafe, die machen das ganze Gewerbe kaputt. Bei unserer Zentrale gibt es solche Leute nicht. Wir sind nicht viele Fahrer und unser Chef guckt sich die immernoch alle einzeln an. Ich bin jetzt seit 20 Jahren dort und meine Frau auch, wir sind sehr zufrieden.“ – Am Ende zeigte der Taxameter 29,30 € an. Soviel also zum Thema „bestimmt 35 bis 38 Euro“.

Während der Fahrt kamen wir ins Gespräch, wie teuer wohl die teuerste Fahrt innerhalb Hamburgs sein könnte. Er meinte: „Das hat mal jemand ausgerechnet. Das geht von Altengamme nach Wittenbergen und macht so rund 75 Euro.“ – Nicht schlecht.

Nach zwei Terminen endet mein Versuch. Ich bin insgesamt über 100 Euro losgeworden, um einmal zur Uni und zurück und einmal zum Training und zurück zu fahren und ich muss sagen, dass es insgesamt nicht entspannter war als mit der Bahn. Sicherlich, die beiden Chaoten sind Ausnahmen, allerdings garantiert mir auch niemand, dass ich die nicht wieder erwische, wenn ich häufiger Taxi fahren sollte. Hinzu kommt die Angst, im Auto unkontrolliert rumzupupsen. Dann diese ewige Erklärerei beim Vorbestellen, das Rumstehen auf der Straße, wenn der Taxistand leer ist, vielleicht noch im Regen, die Gefahr, dass der Stuhl zerschrammt wird, weil einige Taxifahrer den lieblos in ihren Kofferraum reinpressen und dabei an irgendwelchen Verstrebungen entlang schrammen, die Gefahr, dass die Greifreifen zerschrammen (was dann weh tut beim Fahren), weil einige Fahrer die abgebauten Räder mit dem Greifreifen nach unten auf den Asphalt legen. Oder eben auch, dass sie den Stuhl im Kombi nicht anlehnen, sondern frei in den Raum stellen, so dass der bei jedem Bremsen und Anfahren hin und her poltert…

Ohne Frage, die meisten Taxifahrer sind freundlich, nett, zuvorkommend und verstehen ihren Job. Taxifahren ist sicherlich eine Alternative zum Bahn- und Busfahren, wenn es mal schnell und komfortabel sein soll. Aber wirklich stressfreier finde ich das nicht. Eine echte Alternative ist und bleibt nur das eigene Auto. Und das lässt eben noch auf sich warten.

Rettungslore und Gartenpool

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In der letzten Woche hatten wir es in unserem Studium erstmals mit einer Professorin zu tun, die sich als Anästhesistin lange Zeit darum gekümmert hat, dass Patienten bei einer OP gut schlafen, andererseits aber auch über Jahre als Notärztin unterwegs war. Sie stammt aus dem Rheinland und heißt mit Vornamen Lore, was jetzt erstmal nicht so spannend wäre, hätte sie nicht erzählt, dass ihre Kolleginnen und Kollegen sie damals immer „Rettungslore“ genannt haben.

Marie und ich schauten uns an, wussten, frevelhaft wie wir nunmal sind, nicht, ob wir darüber lachen oder weinen sollten, und hatten diese merkwürdige Vorstellung schon wieder vergessen, als wir vorgestern auf die U-Bahn warteten und plötzlich Marie auf dem sonst menschenleeren Bahnsteig schockiert nach meiner Hand griff. Ich dachte schon, irgendwo liegt einer blutverschmiert im Gleis oder die Rotte Glatzen, die uns oben auf der Straße bereits unangenehm bepöbelt hatte, käme gerade die Treppe hinunter, um mit uns zusammen Geburtstag zu feiern. Nein, nichts von alledem, Maries ausgestreckter Zeigefinger deutete auf ein Schild an der Wand:

Hinter der Wand war nicht etwa unsere Professorin eingesperrt, sondern es gibt einen Wagen, den man auf die Schienen stellt, von Hand schiebt und damit Verletzte aus einem Eisenbahntunnel bergen kann – eine Rettungslore. Tja, Lore, tut uns leid, seit es die Mark nicht mehr gibt, kann auch kein Groschen mehr fallen. Ich bin vermutlich schon hunderte Male an diesem Schild vorbei gerollt, habe dem aber nie Beachtung geschenkt. Wer von meinen Leserinnen und Lesern zuerst errät, in welchem U-Bahnhof das Foto geschossen wurde, bekommt von mir ein virtuelles Lächeln.

Wenn ich den roten Faden meines Online-Tagebuchs nun gerade schonmal verlassen habe und meine Leser entgegen aller Gewohnheit direkt in einem Beitrag anspreche, bitte ich auch gleich darum, die letzten 10 Tage noch durchzuhalten und weiter abzustimmen. Bei den BOBs. Ursprünglich wollte ich nur nicht auf Platz 11 bleiben, im Moment stehe ich aber mit 40% vor Verfolger Sash (31%) auf Platz 1. Ich freue mich über soviel Zuspruch und sage: Vielen Dank!

Aber gerade habe ich auch gesehen, dass es in der nächsten Woche bis zu 30 Grad warmes Wetter geben soll – nur bei uns in Hamburg mal wieder nicht. Da wird es weiter regnerisch bei höchstens 15 Grad. Ähm … habe ich zu hohe Erwartungen, wenn ich nach gefühlten 10 Monaten endlich mal wieder einen Abend bis Mitternacht ohne Thermokleidung auf einer Terrasse sitzen möchte? Oder nachts draußen Sport machen, ohne hinterher sehnlichst eine heiße Dusche herbeizuwünschen, weil man nach drei Minuten Stillstand nicht mehr warm wird? Nur mal so als klitzekleinen Hinweis an denjenigen, der da oben die Geschicke lenkt.

Immerhin war ich gestern schon wieder draußen schwimmen. Ja, ich weiß, der liebevolle Aufbau eines Spannungsbogens funktioniert anders. Ich fange nochmal neu an: Ich war mit Marie zum Kochen verabredet, wir haben uns für einen leckeren Nudelauflauf entschieden und wollten anschließend für die Uni lernen. Wir saßen in ihrem Zimmer auf dem Bett, waren mit dem Lernen so gut wie fertig, als sie plötzlich sagte: „Sag mal, hättest du Lust, eine Runde schwimmen zu gehen?“

„Lust schon, aber wann und wo denn?“ – „Jetzt gleich, bei uns im Garten. Mein Papa hat vorgestern unseren Pool wieder gefüllt, es friert ja nachts nicht mehr und ich geh da eigentlich jeden Tag rein und plansche eine Runde.“ – „Ihr habt einen Pool im Garten? Was denn für einen?“ – „Naja, so glaube ich 1,50 tief und … keine Ahnung, wie breit, aber man kann richtig drin schwimmen.“ – „Also richtig sowas gefliestes oder so ein Plastikteil?“ – „Nein, richtig installiert und eingebuddelt und gefliest, da ist auch eine Sauna daneben und eine Dusche mit fließendem Wasser.“

„Sag nicht, in die Sauna kommt man mit dem Rolli rein.“ – „Ja denkst du, meine Eltern stellen sich hier ein Saunahäuschen hin, in das ich nicht reinkomme?“ – „Keine Ahnung, könnte ja sein, dass das nichts für dich ist!“ – „Ich liebe saunen, vor allem im Winter, wenn Schnee liegt. Absolut geil. Machen wir regelmäßig, nur den Pool lassen wir im Winter leer, das schafft die Heizung nicht.“

„Ach der ist beheizt?“ – „Ja. Im Sommer muss man das nicht unbedingt, aber jetzt zu dieser Jahreszeit wäre das ohne Heizung zu kalt.“ – „Und womit heizt ihr den?“ – „Sonnenlicht. Ausschließlich. Das war Bedingung, sonst hätte meine Mutter dem nicht zugestimmt.“ – „Und reicht das denn?“ – „Sobald es nachts nicht mehr unter 10 Grad abkühlt, kriegt man den nachmittags auf 25 bis 30 Grad. Mehr als 32 wollen wir nicht, weil sich sonst Bakterien zu schnell vermehren, dann muss man da so viel Chemie zugeben, das wollen wir auch nicht.“

„Darf ich denn mit in den Pool? Ich meine, was sagt deine Mutter dazu?“ – „Du wärest die erste Freundin von mir, die nicht reindürfte. Unsere Nachbarin planscht auch regelmäßig drin. Das ist schon in Ordnung.“ – „Okay, leihst du mir einen Badeanzug?“ – „Wieso Badeanzug, ich bade immer nackt. Das ist der Vorteil, wenn man so ein Ding auf dem eigenen Grundstück hat.“ – „Nackt?!“ – „Ja, da guckt schon keiner. Man kann das nicht einsehen von der Straße.“ – „Und wenn deine Eltern nach Hause kommen?“ – „Mein Papa kommt erst heute abend spät und meine Mutter sollte dich in ihrer Praxis mit Sicherheit schonmal nackt gesehen haben, oder?“ – „Das ist aber was anderes.“ – „Die kommt schon nicht dahin und guckt. Wir nehmen große Handtücher mit und dann geht das schon.“

„Ich weiß nicht, irgendwie hab ich so ein bißchen Angst, deine Mutter ist gleichzeitig meine Hausärztin und ich bade in ihrem Pool, das ist für mich irgendwie … nicht richtig. Ich weiß nicht.“ – „Ich rufe sie an und frage, ob wir das dürfen, okay?“ – „Wenn das so selbstverständlich ist, wie du das sagst, wirkt das doch auch doof.“ – „Ich frag einfach, ob der jetzt einsatzbereit ist und ob ich mit dir da heute rein darf.“

„Ist der eigentlich gechlort?“ – „So wie im Hallenbad nicht, das wäre viel zu gefährlich, wenn man sich hier so eine Giftgas-Anlage in den Garten stellen würde, meint mein Papa, aber irgendeine Chemie kommt da immer mit rein, allein schon weil ja doch mal irgendeine Ente da reinkackt oder auch wegen meiner Blase. Da muss man auch hin und wieder irgendeine Tablette nachwerfen. Aber darum müssen wir uns nicht kümmern, das macht alles mein Papa.“

Und was soll ich sagen? Tolle Sache. Wir waren eine Dreiviertelstunde im Wasser, es war herrlich. Maries Eltern haben einen riesigen Garten mit verschiedenen Ebenen und natürlich alles rolligerecht und: In der hintersten Ecke einen großen Pool, an den man mit dem Rolli direkt ranfahren kann, in den man wunderbar reinkommt, in dem man wunderbar schwimmen kann und der, trotz seiner nur 24 Grad, überhaupt nicht kalt war, vor allem dann nicht, wenn die Sonne hinter den Wolken hervor kam.

Marie meinte, wir müssten das dringend in den nächsten Tagen wiederholen. Und eine Poolparty bei ihr machen mit einigen Leuten. Gegen beides hätte ich nichts einzuwenden.

Wie langweilig

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Es hat sich viel verändert. Das wurde mir heute gerade mal wieder bewusst. Nicht nur in meinem Leben, sondern auch in diesem Blog. Das Layout, den Schreibstil – und vor allem die Leserschaft. Wenn ich meine Leser mal ganz nüchtern einfach so beschreiben darf.

Als ich noch im Gefängnis war im Krankenhaus lag, hatte mir meine Psychologin, die ich jetzt seit fast vier Jahren kenne, geraten, ein Tagebuch zu schreiben. Stinkesocke, scheiße drauf, hat erstmal endlos gegenan geredet, dann irgendwann doch damit angefangen und es irgendwann auch online gestellt. Nach wie vor schreibe ich das Tagebuch nur für mich und lasse andere Menschen an meinem Leben teilhaben. Einige Leute aus meinem persönlichen Umfeld kennen es, die meisten aus meiner WG, einige beim Sport, einige aus meiner alten Schule … aber bisher hat es noch niemand von sich aus im Netz entdeckt und mir dann später bei einer realen Begegnung zugeordnet. Alle Leute, die meinen Blog und mich kannten, kannten erst mich und bekamen dann von mir (oder einer Freundin) die Adresse meines Blogs.

Bei zur Zeit bis zu 10.000 Besuchern am Tag ist es unvermeidbar, dass mich früher oder später der erste auf meinen Blog anspricht. Solchen Momenten sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, denn diejenige oder derjenige kennt fast mein ganzes Leben, während ich nicht weiß, wie er tickt. Welche Motivation dahinter steckt, mich anzusprechen. Soll heißen: Es gibt neben den vielen Menschen, die sicherlich nur nett und höflich sind, auch genügend, die etwas im Schilde führen. Und vor denen habe ich, zugegebenermaßen, große Angst.

Aber heute war es nett. Marie und ich kamen in die Uni, wo wir ja zur Zeit unser (später anrechenbares) Probesemester absolvieren, um herauszufinden, ob wir das mit dem Studieren hinbekommen. Falls nicht, mache ich ab August mein Abi nach, falls doch, fangen wir im August ganz regulär mit unserem Studium an (unter Anrechnung der im Probesemester erreichten Leistungen).

Kurz bevor wir um die Ecke bogen und durch die geöffnete Tür rollten, vernahm ich ein deutliches: „Sie kommen.“ – Was passiert jetzt? Wasserbombe? Konfetti? Irgendein Quatsch? Die Antwort lautet letzteres. Einige Leute hatten sich im Halbkreis aufgestellt, gegenseitig untergehakt, tanzten und sangen: „So a Stückerl heile Welt hab‘ ich beim Himmel heut‘ bestellt…“ – Ich lief dunkelrot an, versteckte mein Gesicht hinter meinen Händen. Zwei Mädels sprangen auf uns zu, eine nahm meine Hände und fing an, mit mir zu dem Gesang Gegröle der anderen zu tanzen. Augenblicklich guckten mich gefühlte 150 Leute schüchtern lächelnd und fragend an.

Oh. Mein. Gott. Als wir unsere unfreiwillige Showeinlage inmitten Dutzender im Takt klatschender Leute halbwegs würdevoll beendet hatten, sagte die Professorin, die inzwischen hinter uns stand: „Was ist denn hier los?“ – Ich kam gar nicht zu Wort. „Wir freuen uns und feiern.“ – „Was gibt es denn zu feiern?“

Jemand fragte: „Haben unsere beiden Rollis Geburtstag?“ – „Bestimmt!“ – „Nee sach ma! Was denn?!“ – „Die sind über Nacht berühmt geworden.“ – „Wieso das denn, wegen ihrer Krankheit?“ – „Ja genau.“ – „Welche Krankheit haben die denn?!“ – „Jule hat die BOBs. Wurde kürzlich infiziert und …“

Die Professorin mischte sich ein: „Ich will ja nicht stören, aber könnt ihr das auf später verlegen? Ich würde gerne anfangen.“ – Meine Erlösung. Ich mag so viel öffentliche Aufmerksamkeit nicht. Da wird mir immer ganz schwindelig…

Ende vom Lied: Meine Kommilitonen mussten mir nach der Vorlesung nacheinander vorführen, dass sie meinen Blog zumindest zum Teil gelesen hatten. „Hallo Stinkesocke!“, waren da noch die harmlosen Auswirkungen, Fragen, ob mein Delfin noch lebt, kamen auch schon. Und was auch unbedingt sein musste: „Jetzt weiß ich endlich, wer hier immer so viel pupst. Ich hatte mich schon gewundert, wieso das in eurer Ecke immer so stinkt.“

Haha, sehr nett. Ich verdrehte die Augen. Es stimmt ja gar nicht, dass ich mehr pupse als andere Leute. Nur wenn, dann habe ich das nicht so unter Kontrolle. Allerdings hörte den Spruch diejenige Kommilitonin mit, die vor der Vorlesung schon gefragt hatte, welche Krankheit wir hätten, und fragte weiter: „Ach ist dieses BOBs-Dings irgendwas mit dem Darm? Muss man denn viel pupsen? Aber wieso muss man dann im Rolli sitzen, das gibt doch gar keinen Sinn!“

Der Kommilitone, der sie vorher schon aufgezogen hatte, wollte weiter reden, aber ich sagte: „Ich bin für einen Preis im Internet nominiert worden und das haben einige Leute mitgekriegt. Mehr nicht.“ – „Ach soooo, wie langweilig.“

Statistik, Taxi, Medizin

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Mir wird mal wieder ganz schwindelig. Ich schreibe ein Tagebuch, schreibe es online – und hätte nie für möglich gehalten, dass es so viele Menschen gibt, die das mit- oder sogar durchlesen wollen. Ich dachte einmal, dass mein Leben als Behinderte absolut schrecklich, langweilig, uninteressant sein wird – wer rechnet in der Reha schon damit, dass man als bloggende Rollstuhlfahrerin andere Menschen faszinieren kann? Ehrlich gesagt: Ich habe damals nicht damit gerechnet.

Mitte 2009, als ich aus der Klinik entlassen wurde, wurde mein Blog im Internet pro Monat rund 13.000 Mal angeklickt. Ein Jahr später waren es immerhin schon 20.000 Klicks pro Monat. Noch ein Jahr später (Juni 2011) waren es rund 27.000 Klicks pro Monat – ein beständiges Wachstum.

Zum Januar 2012 waren es plötzlich schon 38.000 Klicks und im März 2012 waren es 46.000 Klicks pro Monat. Und nun kommt der Hammer: In den ersten vierzehn Apriltagen wurde mein Blog bereits über 50.000 Mal angeklickt. Alleine heute haben sich bereits über 7.000 Leute auf meine Seite getraut – bei täglich steigender Tendenz. Durchschnittlich alle 12 Sekunden springt der Zähler eine Nummer weiter.

Und bei TheBOBs liefere ich mir mit Sash, dem Autor von Gestern Nacht im Taxi, inzwischen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zeitweilig waren wir bereits prozentual gleichauf, allerdings habe ich immer allenfalls seine Rücklichter gesehen. Ich glaub, er hat einen Turbolader unter der Haube – da hab ich mit meinem Muskelantrieb natürlich kaum eine Chance. Aber dafür, dass ich ursprünglich nur nicht Platz 11 sein wollte, habe ich doch ganz schön Fahrt aufgenommen.

Apropos: Heute bin ich tatsächlich mit einem Taxi gefahren. In der Schlange standen acht E-Klasse-Limousinen und an erster Stelle ein Sprinter Großraumtaxi. Mir war schon länger bekannt, dass man unter den bereit gestellten Fahrzeugen frei wählen (also theoretisch auch das letzte in der Reihe nehmen) darf, ich habe das auch ein paar Mal gemacht und den Kombi oder Touran genommen, schließlich ist das Verladen eines Rollis da unkomplizierter, zumal sich mein Starrrahmenstuhl nicht so einfach falten lässt wie Omas AOK-Shopper (dafür ist er aber auch stabiler). Heute nahm ich den zweiten in der Reihe, denn in den Sprinter wäre ich schlicht nicht reingekommen, ohne dass mich der Taxifahrer anfassen und ich irgendwelche Turnübungen machen muss. Macht doch der Sprinter-Fahrer einen Zwergenaufstand, schließlich habe er extra Spanngurte und Bodenverankerungen im Fahrzeug, um auch Rollstuhlfahrer in ihrem Stuhl sitzend befördern zu können.

Mag ja alles sein, aber auch im Rolli sitzend will ich nicht Sprinter fahren. Schließlich ist mein Stuhl darauf nicht ausgelegt, es dauert endlos, bis er mich und meinen Rolli über einsteckbare Rampenteile in das Fahrzeug geschoben und verzurrt hat, ich muss mich in jeder Kurve festhalten, ich habe nach hinten beim Crash kaum Halt (Rückenlehne? Kopfstütze?) und komme mir, auf der Hinterachse des Sprinters stehend, vor wie beim Rodeo-Reiten. Nö. Ich wollte mal die neue E-Klasse fahren und saß bereits im Auto, als der Sprinterfahrer immernoch lautstark rumätzte. Was dazu führte, dass der nächste Kunde auch ein anderes Taxi nahm, so dass er noch weiter auf die Palme kletterte…

Und mein Fahrer? Der musste „erstmal Schwager erzählen, was Sprinterfahrer machen für eine Scheiße bei junge Frau, unglaublich.“ – Immerhin telefonierte er nicht mit dem Handy am Ohr, sondern über die Bluetooth-Freisprecheinrichtung des Autoradios. Da er türkisch sprach, konnte ich nicht wirklich folgen, es ging aber um meinen Rollstuhl, denn „Tekerlekli sandalye“ verstehe ich wiederum. Und irgendwie fand ich es witzig, mir anhand Stimmlage, Gesprächstempo und Lautstärke auszumalen, worum es gerade ging und wer wem was an den Hals wünscht. So klang es jedenfalls.

Übrigens hatte mein Taxifahrer eine Telefonflatrate. Ich schaute aus dem Seitenfenster, während er telefonierte und irgendwann vermutete ich eine Verabschiedung und beide hörten auf zu sprechen. Zwei Minuten vergingen ohne jedes Wort, dann fing mein Fahrer plötzlich an loszupoltern, ich dachte schon, es wäre ihm einer vor das Auto gelaufen, habe einen gehörigen Schrecken bekommen und ihn entgeistert angestarrt – aber dann redete auch der Schwager wieder in den Radiolautsprechern … köstlich.

Am liebsten hätte ich noch sehr viel mehr geschrieben, vor allem in den letzten Tagen, denn mein Studium ist unerwartet spannend. Ich versuche, aus den Vorlesungen so viele Informationen wie möglich mitzunehmen und sauge im Moment noch alles auf wie ein trockener Schwamm. In zur Zeit noch allen Vorlesungen werden Dinge erklärt, die mich einfach wahnsinnig interessieren. Vieles (wie zum Beispiel den Aufbau einer Zelle) hatten wir in der Schule in Biologie schon einmal grundlegend, so dass ich gut daran anknüpfen kann. Was mich ein bißchen erstaunt hat, ist, dass wir nach zwei Wochen scheinbar nur noch halb so viele sind wie anfangs. Und was mich ein wenig ärgert, ist, dass einige Leute die Vorlesungen stören. Es ist schon alles enorm viel lockerer als in der Schule (und selbst da war es ja in der Oberstufe bereits relativ locker), aber es gibt doch echt noch Leute, die Papierflieger bauen und nach vorne werfen oder plötzlich laut Musik anstellen oder ähnliches. Und die Dozenten interessiert es alles nicht. Die ziehen ihr Ding durch und überlassen den Rest sich selbst. Irgendwann stellt schon einer die Musik aus. Lediglich einer meinte: „Beim nächsten Flieger gehe ich raus. Sie wollen hier was lernen, nicht ich. Ich muss das nicht machen.“ – Einfach nur peinlich und schade.

Es gibt einen Prof, den ich total toll finde, weil er absolut spannend erzählt. Der setzt sich hin und labert zwei Stunden lang über eine Zellwand und du klebst zwei Stunden lang am roten Faden und vergisst zwischendrin zu atmen und schlucken. Und dann denkst du: „Wie … schon vorbei … kam mir vor wie fünf Minuten.“ – Vor allem, dass ich zu Hause einzelne Sachen noch einmal nachlese oder weiterlese oder im Internet recherchiere, kenne ich aus der Schule überhaupt nicht von mir Streberin. Bisher bereue ich meine Entscheidung keine Sekunde. Ich bin gespannt, wann mich zum ersten Mal der Frust packen wird.

Nur leider beansprucht mich im Moment das Studium zeitlich so unglaublich stark, dass ich kaum noch etwas anderes schaffe. Das Gegondel mit öffentlichen Verkehrsmitteln tut ein übriges – ich hoffe, dass sich das alles noch ein bißchen besser einpendelt.