Keine zweite Chance

43 Kommentare2.692 Aufrufe

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn man täglich viele neue Leute kennenlernt. Ich meine den Kreis, mit dem man täglich zu tun hat. Genauso wie den Kreis derjenigen, von denen man erst herausfinden muss, dass man mit ihnen nicht täglich zu tun haben möchte. Alle Menschen, die mir neuerdings über den Weg laufen, zu beschreiben, wäre zu umfangreich – und auch nicht nötig. Will sagen: Es gibt in meinem neuen Umfeld sehr viele entspannend unkomplizierte Menschen. Zumindest wirkt es bisher so. Es wirkt außerdem so als wäre mein Idiotenmagnet etwas schwächer geworden.

Am letzten Wochenende hat mich eine Kommilitonin gefragt, ob ich mit ihr zum Rollstuhlbasketball wollte. Sowas ist mir ja noch nie passiert. Die Kommilitonin ist Fußgängerin und wollte von mir … ja, was eigentlich? Egal, ich fand es nett. In Hamburg hätte ich mit Sicherheit gesagt: „Nö, lass mal. Das ist keine Sportart, die ich mir jetzt zwei Stunden oder länger ansehen müsste. Nicht, weil sie nicht sehenswert wäre, im Gegenteil. Nur bin ich eher selbst aktiv, statt still auf der Bank zu sitzen. Nicht im Basketball, sondern in anderen Sportarten. Aber hier und jetzt … ich sagte spontan zu und so fand ich mich plötzlich über 100 Kilometer entfernt in einer großen Sporthalle am Spielfeldrand wieder. Meine Kommilitonin hatte einen klaren Favoriten – ich schloss mich an.

Nach dem Spiel sollte vor dem Spiel sein, wenn es nach dem Wunsch eines Sportlers gegangen wäre. Er kam nach dem Spiel auf mich zu, kannte mich nicht, erkannte mich nicht, sprach mich trotzdem an. Ich sehe so sportlich aus, ob ich schon mal Rollstuhlbasketball gespielt hätte. Ein paar wenige Male hätte ich es ausprobiert, antwortete ich. Er fand, ich müsste unbedingt in die Mannschaft kommen, ich würde das mit Sicherheit gut können und sie bräuchten noch Verstärkung. Vor allem weibliche. Der Typ war Mitte 40. Meine Kommilitonin und ich wurden eingeladen, mit der Mannschaft nach dem Spiel noch ein Bier zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.

Ich habe nie ernsthaft überlegt, in diese Mannschaft zu gehen. Über hundert Kilometer zum Training, für eine Sportart, wo harte Bälle fliegen, wo man mit Rollstühlen zusammenscheppert und umfällt – nö. Nicht mein Ding. Es ist meine persönliche Entscheidung, lieber als Einzelsportlerin unterwegs zu sein. Und trotzdem ging ich mit dieser Mannschaft in ein Restaurant und quatschte ein wenig. Meine Kommilitonin bekam gleich erzählt, dass auch Fußgänger mitspielen könnten. Und mitten in der anfangs sehr angeregten Unterhaltung kippte plötzlich die Stimmung so sehr, dass wir ziemlich schnell in Aufbruchstimmung kamen und später im Zug nach Hause auch eine Zeitlang nichts mehr sagten.

Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreibe. Aber es will mir einfach nicht aus dem Kopf. Die Geschichte von einem Mann, Mitte 30, der wegen einer Querschnittlähmung im Rollstuhl sitzt und auftrat wie ein König. Als gehörte ihm die Welt. Anfangs fand ich das noch irgendwie spannend, mit welcher Sicherheit er von sich selbst und seinem Leben sprach. Ziemlich bald, nämlich als er mich fragte, warum ich im Rollstuhl sitze, ich ihm meine Geschichte erzählt hatte und nachfragte, woher er seinen Querschnitt hatte, war ich völlig perplex. Er erzählte mir, er habe sein Auto in suizidaler Absicht in den Gegenverkehr gelenkt. Leider -aus damaliger Sicht- sei nur eine Querschnittlähmung dabei heraus gekommen.

Ich wusste, dass diese Frage ungeheuer großen Zündstoff liefern würde, konnte sie mir aber nicht verkneifen: „Und dein Unfallgegner?“

Er antwortete so beiläufig als hätte ihn jemand nach der Uhrzeit gefragt: „Tot. Ein Familienvater auf dem Weg zur Arbeit.“

Ich guckte ihm in die Augen. Und sah Gleichgültigkeit. Die mich wiederum veranlasste, nachzufassen. Einfach weil ich hoffte, mich zu täuschen. Ich sagte: „Ach herrje.“ – Und musste gar nicht weiter reden. Er unterbrach mich quasi mit einem Schulterzucken: „Die Versicherung hat gezahlt.“

Ich konnte das noch immer nicht glauben. Ich hakte nochmal nach: „Hat was gezahlt?“ – Er antwortete: „Na, die hinterbliebene Familie hat ein Schmerzensgeld bekommen von meiner Versicherung.“

Ich bohrte noch weiter: „Und du?“ – „Ich nicht. Ich hab nichts bekommen von meiner Versicherung. Ich war gegen Unfälle aber auch nicht versichert. Damals.“

Wollte der mich provozieren? Ich redete weiter: „Das wäre ja aber auch gar kein Unfall gewesen. Das meinte ich aber auch nicht. Ich meine vielmehr, ob das nicht eine unheimliche Last ist, die jemand auf sich lädt, wenn er in ein unbeteiligtes Auto reinlenkt. Ich frage mich: Warum ein Auto und kein Brückenpfeiler?“

Er antwortete: „Die Last darf man sich nicht aufladen, sonst hat man kein Leben mehr. Die Versicherung hat gezahlt und fertig. Ich bin damals angeklagt worden wegen Totschlags, war aber wegen einer psychischen Störung nur vermindert schuldfähig. Die Richter haben meine Querschnittlähmung eingerechnet und fanden, dass ich schon genug bestraft bin. Ich musste nie ins Gefängnis. Vielleicht auch deshalb, weil es damals kaum barrierefreie Gefängniszellen gab“, sagte er und lachte. Ich guckte ihn an, ohne eine Miene zu verziehen.

Er sagte dann, aus seinem Lachen raus: „Ach komm, guck nicht so böse. Oder gehörst du auch zu denen, die finden, ich hätte keinen Anspruch auf eine Rehabilitation? Keine zweite Chance? Soll ich mich deiner Meinung nach lieber nochmal umbringen, oder was möchtest du mir jetzt raten? Mit dem Auto mache ich es nicht nochmal, das musste ich versprechen, bevor ich meinen Führerschein zurückbekommen habe.“

Nein. Wie schon geschrieben, die Stimmung war so sehr gekippt, dass ich mich verabschiedete. Die Antwort auf die Frage bin ich ihm schuldig geblieben. Dafür war ich zu perplex. Aber inzwischen weiß ich sie: Jeder Mensch sollte eine zweite Chance bekommen, das denke ich schon. Und ich lasse mich auch nicht auf die „Einmal Täter, immer Täter“-Schiene lenken. Jedoch: Eine zweite Chance, so denke ich, muss man sich „verdienen“. Durch Einsicht, Reue, Umkehr, Wiedergutmachung. Wenn die Feststellung, dass die Versicherung ein paar Kröten überwiesen hat, alles ist (neben der Erkenntnis, dass die Schuld nahezu unerträglich ist), dann fällt mir dazu nur eins ein: Ich möchte mit so einem Menschen nicht in einer Mannschaft spielen.

Diese arrogante Art des Gegenangriffs finde ich tausend mal schäbiger als eine von Reue getragene Lüge, man sei besoffen am Baum gelandet. Oder ähnliches. Bäh.

Mordfall Maria

27 Kommentare2.383 Aufrufe

Maria ist jung, hübsch, keck, modern, selbstbestimmt, temperamentvoll und kämpferisch. Sie wohnt in einer WG und führt trotz ihrer Behinderung ein aktives und erfülltes Leben. Sie spielt Rollstuhlbasketball und studiert Medizin. Sie ist bei ihren Freundinnen und Freunden beliebt, wohnt in Hamburg und wird plötzlich ermordet. Warum und von wem, das wissen bisher nur ganz wenige, und die, die es wissen, werden das natürlich vor Januar 2014 nicht verraten. Denn im Januar 2014 ermittelt Kriminalhauptkommissar Wilfried Stubbe mitten unter uns Rollstuhlfahrern und damit in einem ihm bisher unbekannten Milieu. Es wird Stubbes letzter Fall (Arbeitstitel: „Mordfall Maria“).

Für Maria, die ermordete Rollstuhlfahrerin, setzt sich Jana Reinermann in den Rollstuhl. Genau, jene hübsche Berlinerin, die im letzten Jahr die sexy Nanny aus „Kokowääh 2“ so herrlich naiv und ungeniert gespielt hat. Weitere Rollen dieser letzten Folge sind mit Uwe Bohm und Jule Böwe besetzt. Ich kann es gar nicht erwarten, die 50. Stubbe-Folge im Fernsehen (ZDF) zu sehen. Ich selbst spiele in dem Film aber nicht mit.

Drehbuchautor dieser Folge, der gleichzeitig auch Regie führt, ist Peter Kahane. Er hatte, wie er mir sagte, schon lange die Idee, einen Kriminalfilm in der Rollstuhlszene zu drehen. Da eine bloße Idee bekanntlich nicht reicht, um so einen Film zu produzieren und ins Fernsehen zu bringen, sondern eben auch viele andere Leute überzeugt sein wollen, hat es lange gedauert, bis aus dieser Idee ein konkretes Projekt wurde. Ich kann mir vorstellen, dass spätestens seit den Paralympics 2012, die in die Medien und in die öffentliche Wahrnehmung weiter vorgedrungen sind als sämtliche Paralympics je zuvor, das Interesse und sogar auch die Lust, einen Spielfilm über selbstbestimmt lebende Menschen mit Behinderungen auszustrahlen und anzusehen, endlich groß genug waren.

Im letzten Jahr wurde das Vorhaben also so greifbar, dass Peter Kahane konkret mit dem Schreiben begann und damit jeder seiner Filmfiguren nach und nach Leben und Charakter eingehaucht hat. Ich stelle mir das sehr schwierig vor: Einerseits darf so eine Gruppe nicht zu groß werden, andererseits wollen die handelnden Personen möglichst interessant sein und irgendwie miteinander verzahnt. Andererseits ist immer nur Friede, Freude, Eierkuchen stinklangweilig. Eine spannende Handlung muss auch noch her, so realistisch wie möglich und dabei doch möglichst außergewöhnlich soll es auch noch sein – keine einfache Aufgabe. Und eine der wohl schwierigsten Hürden in diesem Fall wähne ich darin, etwas darzustellen, was vor allem von der dargestellten Szene, sprich: den Rollstuhlfahrern, abgenommen wird. In ihr vermute ich die schärfsten Kritiker.

Peter Kahane hat sich aus meinem Blog für seine Maria viele Inspirationen geholt. Es ist mir eine Ehre, dass ich ihm bei seinem Projekt helfen durfte und, wie er sagt, auch geholfen habe. Auch hat er meinen Blog den Schauspielern und Mitarbeitern als Lektüre empfohlen. Er sei „ein starkes Dokument“ und, ehrlich gesagt, bin ich darauf auch etwas stolz.

Seien wir doch realistisch: Nicht wenige Menschen können sich auch heute noch nicht vorstellen, dass eine Querschnittgelähmte ausgerechnet Medizin studiert, Kinder bekommt, fremdgeht, Auto fährt, ein Haus baut oder einfach nur glücklich ist. Ich sage nicht, dass die Mehrzahl der Menschen so denkt. Ich sage auch nicht, dass Peter Kahane so denkt. Aber ich weiß, dass er weiß, dass es Menschen gibt, die so denken. Wenn es ihm mit seinem Film gelingt, auch nur einen dieser Menschen zum Nachdenken anzuregen, freue ich mich, dass ich Inspirationen und Bestätigungen geben durfte. Ich bin mir sicher, es wird ein guter Film.

Über den genauen Ausstrahlungstermin (derzeit ist der 18.01.14 grob geplant) werde ich rechtzeitig informieren.

Mondsüchtig

32 Kommentare2.076 Aufrufe

Es war kein runder. Und es war auch nicht genau der Geburtstag, an dem die Gartenparty stattfand. Trotzdem fanden sich fast 40 Leute bei Marie im Garten ein und traten den Rasen breit gratulierten ihrer Mutter nachträglich und ließen sich mit Grillfleisch, Salaten, knusprigen Baguettebrot und Getränken verwöhnen. Während Maries Patenonkel Uwe am Grill schwitzte, rotierten Marie und ich in der Küche, damit alle Gäste stets genügend saubere Teller, Besteck, Gläser, Getränke und Knabberkram hatten.

Es gab genug zu tun, aber trotzdem war es lustig. Bis zu dem Moment, als einer der Gäste zu uns in die Küche kam und meinte: „Oh, seid ihr die Haussklaven?“ – Marie nahm den dummen Spruch mit Humor, lächelte brav und antwortete: „Jawohl. Womit kann ich Ihnen dienen?“ – Ich hoffte nur, es würde jetzt kein Schweinkram kommen. Irgendwie war mir der Typ nicht so ganz geheuer.

Er antwortete: „Nee, nix, alles bestens.“ Und fügte mit einem Lachen hinzu: „Ist das jetzt eine moderne Form der Sklaverei, wenn das Personal nicht mehr an die Kette gelegt, sondern in einen Rollstuhl gesetzt wird? Oder sind Behinderte einfach nur billiger?“

Sehr witzig. Okay, nicht aufregen. Es ist die Party der Mutter, der Typ ist vermutlich irgendeine wichtige Bekanntschaft, die einen zuviel getrunken hat und jetzt den Macho raushängen lässt. Es gibt ja auch den „Witz“, in dem, wenn die Frau im Wohnzimmer auftaucht oder aus dem Keller kommen kann, die Kette zu lang ist. Vermutlich war das ein Abklatsch davon und sollte witzig sein. Ich lächelte müde.

Marie überhörte den Schwachsinn und lächelte weiter brav. Nachdem der Typ schon fast draußen war, hielt er sich am Türrahmen fest, steckte seinen Kopf nochmal um die Ecke und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: „Habt ihr denn hier drinnen schon was zu essen bekommen?“ – Ich dachte, es sei fürsorglich gemeint, wollte verhindern, dass er uns jetzt noch irgendwas reinbringt und uns vielleicht noch weiter Gesellschaft leistet und sagte: „Ja, vielen Dank, wir sind versorgt.“

Was antwortet der Typ? Allen Ernstes: „Aber ihr musstet jetzt nicht die Soßenreste von den Tellern lecken? Oder habt ihr etwa extra ein paar Meterbrote runtergeworfen!?“ – Er wackelte grinsend mit dem ausgestreckten Zeigefinger, schien sich dabei unheimlich witzig zu finden, tänzelte dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht aus der Tür. Als er draußen war, guckte ich Marie an. Die sah mich mindestens eine halbe Minute ungläubig an, dann sagte sie: „Nein. Bei allen Bedürfnissen nach größtmöglicher Harmonie.“

Ich sagte: „Marie. Lass, das gibt nur Streit.“ – „Dann gibt es eben Streit! Wer bin ich denn, dass ich mich hier herabsetzen lassen muss?“ – Ich rollte mit ihr nach draußen, fast in die Arme von Maries Vater. Der wollte fast nicht glauben, was er hörte, guckte mich immer wieder an. Ich nickte ein paar Mal, während Marie leise erzählte. Dann ging er zu dem Typen und fragte in einem übertrieben ruhigen, nahezu unheimlichen Tonfall: „Entschuldigung, haben Sie gerade die Mädchen gefragt, ob sie bei uns genug zu essen bekommen oder ob sie die schmutzigen Teller ablecken müssen?“

Rhetorisch geschickte Fragestellung. Einige der umstehenden Leute brachen abrupt ihre Unterhaltung ab und lauschten. Es war auf einen Schlag mucksmäuschenstill. Der Typ wurde dunkelrot im Gesicht, stammelte: „Na ganz so nicht, ich … es sollte ein Witz sein, vielleicht war es ein schlechter, ich habe was gesagt wegen …“ – Der Vater unterbrach ihn und fragte erneut, diesmal mit deutlich schärferem Tonfall: „Haben Sie meine Tochter gefragt, ob sie die dreckigen Teller ableckt? Und dabei Anspielungen auf ihre Behinderung gemacht?“

Mit dem war nicht mehr gut Kirschen essen. Das merkte auch der Typ und stammelte: „Ich wusste nicht, dass das Ihre Tochter ist, ich dachte, die beiden … es tut mir leid. Ich bitte um Entschuldigung. Wer von den beiden ist denn Ihre Tochter?“ – So ein Schwachsinn, wir haben, bevor es zum Essen ging, uns ja allen vorgestellt. Der Vater antwortete betont ruhig: „Sie scheren sich jetzt hier ohne einen Mucks aus meinem Garten. Und sollten Sie auf der Straße merken, dass Sie Ihre Jacke vergessen haben: Kommen Sie nicht zurück. Schreiben Sie sie ab. Das ist besser für Sie und Ihre Knochen. Wagen Sie es nicht, noch einmal einen Fuß auf mein Grundstück zu setzen. Oder ich vergess mich.“

Der Typ setzte zu einer beschwichtigenden Antwort an, aber schon als er Luft holte, funkte Maries Vater dazwischen, zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das Gartentor neben dem Haus und bellte: „Raus!“

Nachdem er merkte, dass es keinen Sinn mehr hatte, zu diskutieren, trottete er ohne ein Wort aus dem Garten. Parallel dazu kam Maries Mutter aus dem hinteren Teil des Gartens nach vorne und fragte, was denn los sei. Maries Vater antwortete mit einer Gegenfrage: „Wer ist das?“ – „Das ist ein Kollege. Der ist seit zwei Jahren in der Praxis von Herrn … in der …straße mit drin, quasi der Nachfolger für Herrn …“ – „Ich hab ihn vom Hof gejagt, nachdem er die Mädels beleidigt hat. Paar saudumme Anspielungen auf den Rollstuhl. Ob sie die Teller ablecken würden und so’n Mist.“ – „Waaas? Das war der, der bei … auch schon für Aufsehen gesorgt hat. Weißt du? Der sich da betrunken hat und … “ – „Ach der, ich weiß schon. Ich hab ihm gesagt, er soll nicht nochmal wiederkommen.“ – „Ist nicht schade drum. Wer sich nicht benehmen kann, ist hier auch nicht erwünscht“, sagte sie und strich Marie über die Wange.

Mehrere der umstehenden Leute räusperten sich und bemühten sich, ihre Unterhaltungen fortsetzend, wieder zur Normalität zurück zu finden. Eine rothaarige Frau, geschätzte 65 Jahre alt, sagte mit leiser Stimme zu uns: „Das war das erste Mal, dass ich so etwas miterlebt habe. Ich bin geschockt. Das ist ein ungezogener Kollege, für den man sich schämen muss. Ich werde mir für ihn noch etwas passendes überlegen und das an geeigneter Stelle noch einmal thematisieren. So etwas darf man sich auf keinen Fall gefallen lassen.“

Um Viertel nach Zehn begannen wir, beim Teller spülen in der Küche Rollstuhlbasketball zu schauen. Das Endspiel in London: Zwei Hamburgerinnen sind dabei – da ist das Pficht. Ein spannendes Spiel, die Entscheidung fiel etwa 90 Sekunden vor Schluss, als sich Deutschland nach zähem und körperbetonten Kampf uneinholbar von Australien absetzte und damit Kurs auf Gold nahm. So eine absolut geile Leistung.

Um halb eins, als alle Gäste weg waren, rollten Marie und ich die Poolabdeckung ein und entspannten uns bei einem Nach-Mitternacht-Bad zwischen im Licht tanzenden Mücken und unter einem atemberaubenden Himmel. Es war absolut toll. Gespenstisch und faszinierend zugleich. Wir haben uns gegenseitig den Nacken massiert und endlos lange den Mond angeschaut. Ob ich wohl mondsüchtig bin? Den musste ich danach einfach noch einmal fotografieren:

Ein paar Lichtblicke

14 Kommentare1.943 Aufrufe

Gestern abend kam Cathleen noch zu mir ins Zimmer, hat mich noch eine halbe Stunde in den Arm genommen und gekrault. Sehr lieb von ihr. Sie meint, wir schaffen das schon alles, es seien ja verschiedene Ziele in Sicht und so lange müsse man halt durchhalten. Es brenne ja nichts an. Wenn sie meint… glaube ich ihr das mal.

Zum Thema Rollstuhlreparatur gibt es auch eine tolle Neuigkeit: Gegen 17.30 Uhr bekam ich plötzlich eine SMS, ich möge bitte einen Basketballspieler mal auf dem Handy anrufen, er hätte meine Nummer nicht, einen Fußgänger, der hätte eine Lösung für meine lockeren Speichen und die Acht im Rad. Hab ich natürlich gemacht, er meinte: „Wo genau in der …-Straße wohnst du denn? Die ist ja ziemlich lang. Bist du gerade zu Hause?“

Ich nannte ihm die Hausnummer, zehn Minuten später stand er vor der Tür, meinte, er sei auf dem Weg von der Arbeit nach Hause und nehme jetzt meine Räder mit, in zwei Stunden stellt er sie mir ins Taxi und dann hab ich sie wieder. Er könne das nicht mit ansehen. Ich muss nur das Taxi bezahlen und er kriegt zwei Flaschen Bier, so lange dauere das Einspeichen und Zentrieren. Ich fragte: „Hast du die Speichen denn überhaupt da? Das ist eine Hohlkammerfelge und zwei sind schon wieder gebrochen.“

„Solange es keine Spinergy-Speichen sind, hab ich alles da. Mein Kumpel hat einen Fahrradladen, das passt schon. Ich zentriere dir das und dann hast du sie in zwei Stunden wieder.“

Er guckte sich die Räder an und sagte: „Was haben die denn damit gemacht? Wie kann man denn da so eine Acht reinkriegen? Waren die besoffen oder was?“

Keine Ahnung. „Was sage ich denn jetzt meinem Kostenträger? Offiziell verlangt er ja, dass das Sanitätshaus nachbessert.“ – „Die hatten ja nun mehr als eine Chance. Ist doch nicht dein Problem. Wenn einer rummotzt, sagst du einfach, dass sich das Leben nicht immer nach der Bürokratie richten kann, sondern sich die Bürokratie auch mal nach dem Leben richten muss. Du brauchst zum Studienbeginn einen funktionierenden Rollstuhl, fertig. Sollen sie halt sich was überlegen, wie sie das ausbuchen oder abheften oder sonstwas.“

Tja, was soll ich sagen? Halb acht hatte ich meine Räder wieder. Schnurgerade zentriert, alle Speichen stramm, nichts knarzt, vernünftig aufgepumpt, Decken in Laufrichtung montiert (das war beim Sanitätshaus auch anders), 17 Euro musste ich für das Taxi zahlen – meinetwegen. Ich hätte auch 34 bezahlt. Wenn dann damit jetzt endlich Ruhe ist. Ich könnte den Typen knutschen. Warum tut er das? Der ist fast 20 Jahre älter als ich und ich kenne den kaum. Höchstens mal vom Sehen.

Und noch eine Lösung zeichnet sich ab: Marie, meine Fast-Kommilitonin, hat am 22. ihr Auto bekommen, einen alten Passat Kombi, und hat angeboten, meine jeweiligen Trainingsgeräte zum Straßentraining mitzunehmen. Das ist natürlich ein geniales Angebot, mit dem ich nie gerechnet hätte. Ich war inzwischen auch davon ausgegangen, dass sie nicht mehr so intensiv trainieren wollte, sondern eher nur schwimmt. Aber ich sage natürlich nicht „Nein“ – allerdings möchte sie nach einem Nachttraining (wir trainieren ja meistens nachts auf einer gesperrten Straße) bei mir regelmäßig schlafen und am nächsten Morgen ein Frühstück bekommen – als Entschädigung…

Damit ist mir auf jeden Fall das größte belastendste Problem abgenommen worden. Ich habe mir übrigens noch einmal den Spaß gemacht, und bei einem Autoportal im Internet gesucht. Es gibt in ganz Deutschland keinen einzigen gebrauchten Wagen, der passend umgebaut ist für Handbedienung. Und einen Gebrauchten umzubauen, kommt nicht in Frage, da der Umbau rund 4.000 Euro kostet und das Auto anschließend komplett zum TÜV muss. Da müsste es schon ein sehr guter Gebrauchter sein – das lohnt sich wirklich nicht. Ich hoffe dann lieber, dass einer der beiden doch noch schneller fertig wird.