Diskriminierung

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Über die jüngste Diskriminierung am Arbeitsplatz habe ich auch auf Twitter geschrieben und darauf über 1.500 persönliche Reaktionen und weit über 20.000 aufmunternde Likes bekommen. Laut dem Dienst „Nindo“, der die Reichweite größerer Socialmedia-Kanäle misst, gehört mein Twitter-Account in den letzten Monaten nahezu täglich zu den 100 reichweitenstärksten deutschsprachigen Kanälen, bei alleiniger Betrachtung der „Likes“ ist er sogar unter den Top 50 und heute beispielsweise noch vor meiner geschätzten Kollegin „Schwesterfraudoktor“ und Luisa Neubauer, Ralph Ruthe, Bastian Schweinsteiger, Sascha Lobo sowie Borossia Dortmund. Allerdings auch weit hinter Jan Böhmermann, Karl Lauterbach und Christian Drosten.

Der Vor- und Nachteil von Twitter ist, dass ein Austausch umfangreicherer Statements kaum möglich ist, da alle Nachrichten auf wenige Zeichen begrenzt sind. Und Antworten auf Antworten irgendwo im Kleingedruckten verschwinden. Zu weit weg, um als wichtiges Statement gelesen zu werden. Manche Dinge bedürfen aber unbedingt eines Statements. Zum Beispiel – aus dringendem Anlass – der Umgang mit Diskriminierung. Es brennt mir schon seit einiger Zeit unter den Nägeln.

Diskriminierung ist Scheiße. Ich glaube, das müssen wir nicht diskutieren. Im Zweifel möchte ich darüber aber auch nicht diskutieren.

Diskriminierung bedeutet immer Ausgrenzung und funktioniert nur über Separation. Eine diskriminierende Person versucht mit persönlicher Übermacht (ob sie tatsächlich besteht oder nur suggeriert wird, ist belanglos), jemanden an den gesellschaftlichen Rand zu drängen. Und damit ist eigentlich auch schon die Frage beantwortet, wie wir auf Diskriminierung reagieren sollten: Mit Zivilcourage. Indem wir uns mit der diskriminierten Person solidarisieren und der diskriminierenden Person signalisieren, dass ihr Versuch des Wegdrängens an den Rand von der Mehrheit der Gesellschaft eben nicht toleriert oder gar geteilt wird.

Dazu ist oft noch nicht mal ein Einmischen erforderlich. Ein bloßes „ich habe dich im Auge“, das Aufsuchen der Nähe der diskriminierten Person oder freundliches Ansprechen der diskriminierten Person reichen meistens völlig aus.

Was allerdings sehr schwierig ist, und das fällt mir immer wieder auf, ist, wenn jemand auf Diskriminierung wiederum mit Diskriminierung antwortet, also beim „Helfen“ selbst Personen ausgrenzt, im schlimmsten Fall sogar noch unbeteiligte.

„Wer sich über deine Körperbehinderung lustig macht, hat selber eine Behinderung, und zwar eine geistige.“ – Nein. Ausdrücklich nein. Menschen mit geistiger Behinderung machen sich nicht über andere Menschen mit Behinderung lustig. Zumindest nicht mehr als Menschen ohne geistige Behinderung. Vielmehr erlebe ich Menschen mit geistiger Behinderung sehr häufig als sehr freundlich, zugewandt und hilfsbereit.

„Wer sich über deine Behinderung lustig macht, sollte sich stets vor Augen führen, dass ihn im nächsten Moment auch das Schicksal treffen könnte und er durch einen Unfall im Rollstuhl sitzen muss.“ – Nein. Ich bin ein total glücklicher Mensch. Ich fühle mich nicht als Opfer des Schicksals (die meisten anderen Menschen, die ich kenne, übrigens auch nicht), sondern ich kann meine Beine nicht bewegen und bewege mich deshalb in einem Rollstuhl fort. Ich mache einige Dinge anders, weil ich meine Beine nicht bewegen kann. Aber das ist keine Strafe und kein Schicksal, und ich möchte auch nicht, dass das so verstanden oder ich so gesehen werde.

„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“ – Dieses über 30 Jahre alte Zitat von Richard von Weizsäcker finde ich, wenngleich ich auf ihn ansonsten positiv zu sprechen bin, ganz schlimm. Es mag in die Zeit gepasst haben, heute passt es nicht mehr. Aus meiner Perspektive bin ich also jemand, dem ein Geschenk weggenommen wurde? Eine Bestohlene? Es ist etwas Schönes, nicht behindert zu sein, in Abgrenzung zu einer unschönen Behinderung?

„Diejenigen sollten nur mal eine Woche im Rollstuhl fahren, damit sie wissen, wie es sich anfühlt.“ – Nein. Nicht laufen zu können ist mehr als eine Woche im Rollstuhl zu sitzen und an irgendwelchen Treppen stehen zu bleiben. Es ist auch etwas völlig Anderes, wenn die Aktion zeitlich begrenzt ist. Und ich finde, es bringt viel mehr, einem betroffenen Menschen zuzuhören als etwas unbedingt am eigenen Leib erfahren zu wollen. Zumal es eben noch diverse andere Situationen gibt, die einfach davon nicht abgedeckt sind, dass jemand sich in einen Rollstuhl setzt oder sich eine Dunkelbrille aufsetzt und „blind“ spielt.

„Nur weil du nicht laufen kannst, heißt das ja nicht automatisch, dass auch dein Denken eingeschränkt ist.“ – Selbst wenn mein Denken eingeschränkt wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Du konntest doch nichts dafür, dass dich jemand umfährt.“ – Selbst wenn das beim Skilaufen, auf dem Motorrad oder auf einer illegalen Drogenparty passiert wäre: Wäre ich dann ein Mensch zweiter Klasse?

„Was für ein Idiot, gleich zum Psychiater überweisen.“ – Nein. „Idiot“ ist ein (beleidigendes) Synonym für jemanden mit Intelligenzminderung, Menschen mit Intelligenzminderung machen sowas nicht. Zumindest nicht wegen ihrer Intelligenzminderung. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen auch nicht. Das diskriminiert diesen Personenkreis.

„Konntest du da keine schmerzhafte Untersuchung machen? Oder mal so einen richtigen Einlauf?“ – Nein. Auch das wäre ein Ausnutzen von Macht und damit schlimm.

„Ich habe mit Behinderten gearbeitet, konnte viel von denen lernen und weiß, wie man mit denen umgehen muss.“ – Menschen mit Behinderung sind eigenverantwortliche Menschen, die eine Einschränkung haben und diese selbst kompensieren oder dabei technische oder persönliche Hilfe benötigen. Ich finde es ganz schlimm, wenn jemand versucht, „Experte“ über mich zu sein oder glaubt zu wissen, was ich brauche. So einen Eingriff in die Persönlichkeit des Gegenüber traut sich doch sonst auch niemand!

Ich wünsche mir, dass hierüber mehr nachgedacht wird und dass wir Diskriminierungen nicht mit Diskriminierungen beantworten, sondern mit dem Willen, niemanden auszugrenzen und Barrieren gemeinsam abzubauen.

Nicht gesagt

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Ich weiß, ich blogge inzwischen viel zu selten. Aber ich blogge noch. Auch wenn der Tag nur 24 Stunden hat: Manchmal bekomme ich es hin. Manchmal.

Ich muss mal wieder etwas aufschreiben, um es aus meinem Kopf zu entlassen. Ein Erlebnis von meinem Arbeitsplatz, das mich doch ziemlich aufgewühlt hat in den letzten Tagen. Ich bin immernoch im 3. Weiterbildungsjahr Pädiatrie in einer Kinderarztpraxis hier im Ort angestellt. Mein Chef (als Inhaber einer Weiterbildungsberechtigung) teilt sich die Praxisräume mit einer weiteren Kollegin, die ebenfalls Fachärztin für Pädiatrie ist.

Anfang dieser Woche sollte sich ein Kind erstmalig in der Praxis vorstellen. Die Mutter hatte sich telefonisch einen Termin geben lassen und dabei keine Wünsche geäußert, wer dieses Erstgespräch mit Anamnese und Untersuchung machen sollte. Zusammen mit der Mutter saß das Kind im Wartezimmer. Da mein Chef ohnehin immer viel zu tun hat, mache ich häufig diese eher etwas länger dauernden Termine. An dem Tag würde der Chef zudem etwas später kommen, da er sich noch um eine Familienangelegenheit kümmern musste.

Ich rief also das Kind mit Namen auf. Die Mutter guckte mich an, aber statt mit dem Kind zu mir zu kommen, nahm sie es auf den Arm, ging zur Anmeldung und sagte wörtlich: „Ich möchte mich noch einmal umentscheiden. Sie haben mir nicht gesagt, dass das eine Behinderte ist.“

Während unserer jüngsten Mitarbeiterin sichtbar alle Gesichtszüge entgleisten, antwortete eine ältere Mitarbeiterin mit der Frage: „Naja, ist das denn ein Problem für Sie?“

Und während ich erstmal dumm lächelnd im Flur stand, kam meine Kollegin aus ihrem Zimmer und wurde prompt gefragt: „Die Dame ist neu und möchte mit ihrem Kind nicht zu Frau Socke.“

Das war gar kein Problem: „Dann kommen Sie eben rasch mit zu mir. Gehen Sie schonmal vor, ich komme sofort.“ – Als die Mutter im Behandlungszimmer war, nahm ich mir die Kollegin zur Seite: „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder? Die Dame hat mich wegen meiner Behinderung abgelehnt.“ – „Naja, nicht jeder kann damit umgehen. Nehmen Sie es leicht, alles Andere bringt nichts.“

Der jüngeren Mitarbeiterin hinter der Anmeldung standen die Tränen sichtbar in den Augen: „Das hat sie jetzt nicht wirklich gesagt, oder?“

Tja. Natürlich habe ich mit meinem Chef darüber gesprochen, als er später wieder vor Ort war. Es gab auch ein Teamgespräch, um abzustimmen, wie wir künftig damit umgehen. Und noch schlimmer als die auslösende Situation fand ich, dass mein Chef sich mit seiner Kollegin nicht auf eine Linie einigen konnte und vor mir und den anderen Mitarbeitenden ausdiskutiert wurde, ob das Verhalten dieser Mutter nun diskriminierend sei oder nicht.

Dass die Bemerkung „Sie haben mir nicht gesagt, dass das eine Behinderte ist“ völlig unmöglich ist, darauf konnten wir uns einigen. Dass mein Wunsch auf ein geschlossenes Auftreten verständlich sei, auch. Aber wenn ein Patient mit dem Anblick meiner Behinderung überfordert sei, dann dürfe das sein persönlicher Grund sein, aus dem er nicht von mir behandelt werden möchte. Jeder dürfe immer ablehnen, die Gründe für die Ablehnung spielten keine Rolle. Und wenn ein Patient einen Behandler ablehnt, dürfen andere Kollegen ihn nicht verurteilen und von der ärztlichen Versorgung ausschließen. Erschwerend käme hinzu, dass es um das Kind ginge und nicht um die Mutter.

Ich wage nicht zu fragen, ob das noch genauso gesehen wird, wenn ein Patient laut sagen würde, dass er nicht von einem afrikanischen, jüdischen oder schwulen Arzt behandelt werden möchte. Klar, niemand ist gezwungen, sich von jemandem behandeln zu lassen, aber darum geht es mir nicht. Sondern: Wenn ich im Eisladen kein Eis kaufen möchte, weil dort eine Frau mit Kopftuch bedient und ich das nicht auf die Kette kriege, dann gehe ich dort nicht hinein oder gehe ohne großes Theater wieder raus. Ich gehe aber nicht hinein und fordere eine männliche deutsche Bedienung (ich kotz gleich). Mit der Begründung, dass ich von der anderen Kraft nicht bedient werden möchte, weil es sich um eine Frau mit Kopftuch handelt. Ich glaube, da würde ich hochkant rausfliegen – und das mit Recht.

Wir fanden keine gemeinsame Lösung. So bleibt mir nur, das wegzustecken und hoffen, dass sich solche Vorfälle bis zum Ende des Weiterbildungsjahres im Frühsommer nicht wiederholen. Wir sind noch lange nicht am Ziel.

Garantie und so

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Siebenundneunzig Mal (mindestens) bin ich schon gefragt worden, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Warum? Ganz einfach: Arbeiten! Immer arbeiten! Das letzte halbe Jahr hat vor allem wegen der Pandemie ganz schön reingehauen. Weiterbildung Pädiatrie. Und ganz vorneweg natürlich Helena. Und Sport. Und andere Prioritäten. Und so.

Hinzu kam aber auch, dass ich ja Anfang 2018 in dieses Haus an die Ostsee gezogen bin. Damit war eben auch nachträglich noch viel Arbeit verbunden. Leute, baut bloß kein Haus. Die Anzahl derer, die dich verarschen und auf deine Kosten sich die Taschen vollstopfen wollen, ist enorm hoch.

Nein, es sind nicht alle so. Ich habe das Haus ja mitten im Bau übernommen. Ein Ehepaar, Frau im Rollstuhl, hatte es bauen lassen und dann plötzlich verkaufen wollen, noch vor Bezugsfertigkeit. Ob nun das Geld ausgegangen ist, die beiden sich getrennt haben oder andere schlimme Dinge passiert sind, spielt keine Rolle. Für mich war es nicht nur finanziell ein Glücksgriff.

Es gibt viele Dinge, die wirklich super sind. Gasheizung mit Brennwerttechnik zum Beispiel. Dazu Solarmodul auf dem Dach. Ein traumhafter Verbrauch. Immer warme Hütte. Immer warmes Wasser. Kein einziges Mal ausgefallen seit drei Jahren. Die Fußbodenheizung macht ein absolut angenehmes Raumklima. Lautlos, gleichmäßig, mit Thermostat und Zeitschaltung in jedem Raum genau geregelt. Ließe sich sogar übers Internet steuern. Ich bin begeistert.

Fenster und Türen. Dreifachverglasung mit elektrischen Rolläden. Man hört nichts. Es zieht nicht. Die Kälte bleibt draußen, die Wärme im Sommer aber auch. Badeinrichtung. Sanitär. Schnitt und Aufteilung. Elektro- und Netzwerk-Installation. Bodenfliesen. Automatische Belüftung. Kamin. Dach. Alles super.

Es gibt aber auch viele Dinge, die mich und uns über Wochen den letzten Nerv gekostet haben. Der Fußboden im Wohnzimmer beispielsweise. Völlig schief. Für Rollstuhlfahrer absolut nervig. In der Raummitte war der Fußboden wesentlich höher als an den Seiten. So extrem, dass ein auf dem Boden platzierter Basketball weggerollt ist. In der Raummitte ging es noch, aber auf dem letzten Meter waren auf allen Seiten zwischen achtzehn und achtundzwanzig Millimeter Höhenunterschied. Zum Vergleich: Eine ebenerdige Dusche soll zwanzig Millimeter Gefälle haben. Im Vertrag war eine Abweichung von höchstens drei Millimetern pro Meter vereinbart. Und zur Terrassentür war eine Schwelle von höchstens zehn Millimetern vereinbart. Abgeliefert wurden aber 96 Millimeter. Mit dem Rollstuhl nicht mehr überwindbar. Also: Die komplette Terrasse mit Sockel musste wieder hochgenommen werden, das Fenster- und Türelement entfernt und neu wieder eingesetzt werden, der Fußboden im Wohnzimmer musste sowieso neu verlegt werden. Hurra. Bis die Firma dann endlich mit der Nachbesserung begann, war es 2020. Und quasi die letzte Möglichkeit, bevor wir das bei einer anderen Firma in Auftrag gegeben und vom Verursacher eingeklagt hätten.

Einbauküche. War noch nicht drin. Ich hatte mich für eine robuste Küche mit großer Arbeitsplatte und ohne Oberschränke entschlossen. Markenprodukt aus dem gehobenen Preissegment, teilweise besondere Arbeitshöhe wegen Rollstuhl. Wir vereinbarten schriftlich, mit welchen Einbaugeräten die Küche geliefert wird. Die Küche wird aufgebaut. Währenddessen kann ich als Rollstuhlfahrerin natürlich nicht ständig im Weg herumstehen. Zwei Tage sind sie mit zwei Personen beschäftigt. Als letztes kommen die Geräte dran. Als erstes fällt mir auf, dass der Herd nicht der ist, den wir vereinbart hatten. Die Einbauer wissen von nichts. Der Chef: „Das ist ein gebrauchtes Ceran-Feld, das bekommen Sie von uns kostenlos geliehen, bis Ihr bestelltes Induktionsfeld geliefert wurde.“

Backofen: Ebenfalls ein anderes Gerät. Bestellter Backofen angeblich auch nicht kurzfristig lieferbar. Kühlschrank: Eine Billigmarke. Ich rufe zum dritten Mal den Chef an: „Das ist tatsächlich mein Fehler. Ich schlage vor, ich schreibe Ihnen Ihren Kühlschrank wieder gut und berechne Ihnen für diesen nichts. Den bekommen Sie zur Küche kostenlos dazu, die war ja teuer genug. Probieren Sie den aus, und wenn Sie den wirklich nicht wollen, können Sie Ihren immernoch mal nachbestellen.“

Und was Otto beim ersten Besuch in der Woche danach sofort gesehen hat: Über der Kochstelle ist bauseitig eine Öffnung in der Decke, die im Rohr nach draußen führt. Für die Dunstabzugshaube. Bestellt hatte die Küchenfirma die gewünschte Abzugshaube doch tatsächlich als Umluftgerät. Schließt das Rohr nach draußen mit einem Plastikdeckel. Ohne was zu sagen. Und installiert darunter, quasi verdeckend, die Umluft-Haube. Und als wäre das nicht genug, fast hätte ich es vergessen: Beim zweiten Montagetermin sind sie mit ihrem Lkw noch gegen das elektrische Tor im Gartenzaun gefahren. Was dann auch nochmal vier Wochen defekt war.

Der Kühlschrank knackt in einer Tour und pfeift im Betrieb. Der Ofen scheppert. Das Ceranfeld braucht, um einen Liter Wasser in einem Minitopf zum Kochen zu bringen, auf höchster Stufe über fünfzehn Minuten. Ein Vierteljahr und etliche Anrufe später regelt meine Anwältin schriftlich, dass die Leihgeräte (und der Kühlschrank) abgeholt werden müssen. Inzwischen habe ich von einer anderen Firma endlich die gewünschten Geräte bekommen. Die andere Firma stellt dann auch aus Kulanz die Schubladen und Türen richtig ein, was die vorherige Firma auch nicht geschafft hatte.

Nee, ich habe extra keine billige Küche genommen. Und auch keine unbekannte Aufbaufirma. Weil ich eigentlich nicht so ein Theater wollte. Gleiches Thema: Waschmaschine. Steht im Hauswirtschaftsraum. Nagelneues Gerät einer Premium-Marke. Wird von einem Vertragshändler angeliefert. Das Bull-Auge vorne ist gesprungen, woraufhin ich die Annahme verweigere. Wer weiß, was mit dem Gerät passiert ist. Zweite Lieferung nach zwei Wochen. Das Gerät wird aufgebaut. Nach vier Wochen kommt zum ersten Mal der Kundendienst, weil das Gerät im Betrieb laut knackt und knarzt. Stellt fest, dass eine Schweißnaht mangelhaft ist. Das Gerät wird getauscht. Nach vier Wochen kommt wieder der Kundendienst, weil das Türgummi undicht ist und immer ein Schnapsglas voll Wasser unter der Tür herausläuft. Ich bekomme die dritte Maschine. Diese Maschine macht nach zwei Monaten bei jedem Anschleudern laute Geräusche, als würde jemand bei jeder Trommeldrehung einen lauten Gong betätigen. Dong Dong Dong Dong Dong, im ganzen Haus zu hören. Der Kundendienst kommt zum nächsten Mal und tauscht die komplette Aufhängung der Trommel. Zwei weitere Monate später klackert das Gerät bei jeder Trommeldrehung, und beim Schleudern dröhnt es so laut, dass das vor der Haustür zu hören ist. Der Kundendienst kommt und stellt fest, dass die hinteren unteren Stoßdämpfer defekt sind. Braucht aber zwei weitere Termine, um sie zu tauschen, weil er zwei Mal die falschen Ersatzteile dabei hat.

Es wurde dann auch noch ein neues Betriebssystem aufgespielt, weil sich mit dem alten der Kurzwaschgang nur dann anwählen ließ, wenn man vorher entweder den Öko-Waschgang an- und wieder abgewählt hatte oder den Temperaturregler einmal verstellt hatte. Also beispielsweise von 30 auf 40 und wieder zurück auf 30 Grad. Wenngleich die Geräusche jetzt weg sind, der Programmfehler konnte leider trotz Update nicht behoben werden. Aber bei der Gelegenheit wurde dann auch die Dosiereinheit der Spülmaschine (gleiche Premiummarke) getauscht, die ebenfalls in der Garantiezeit kaputt gegangen war und keinen Klarspüler mehr in den letzten Spülgang abgab.

Noch was zum Wäschetrockner? Gleiche Premiummarke. Sobald ein Spannbettlaken in der Trommel ist, wickelt er alle Kleinteile im Spannbettlaken ein, trocknet dieses von außen und alle Kleinteile drinnen bleiben feucht. Kundendienst: „Jepp. Das ist ein bekanntes Problem. Das liegt an der Energie-Einstufung. Wenn der Trockner so wenig Strom verbrauchen soll, wie auf dem Label steht, dreht sich die Trommel nur noch in eine Richtung und wickelt dabei dann die kleine Wäsche in großen Laken ein. Wenn Sie häufig große Laken trocknen, stelle ich Ihnen ein, dass die Trommel sich abwechselnd links- und rechtsrum dreht. Dann wickelt sich nichts ein und alles wird trocken, aber dafür stimmt der Energieverbrauch nicht mehr.“ – Tja. Tatsächlich. Jetzt ist die Wäsche trocken.

Reicht? Ja, mir auch. Bevor jetzt alle meine Leserinnen und Leser kommentieren, dass der Text einen verbitterten Eindruck macht: Nein, das täuscht. Ich bin nicht verbittert. Ich bin fröhlich. Ich wollte nur mal loswerden und aufschreiben, was sich hier so abgespielt hat, als ich nicht bloggte. Damit ich das in zwei Jahren nochmal nachlesen und jetzt endlich verdrängen kann.

Schwer in Ordnung

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Ich hatte aufgrund meiner eigenen körperlichen Einschränkung inzwischen ja Kontakt zu sehr vielen Menschen mit Behinderung. Nicht nur in Deutschland oder im europäischen Ausland, sondern weltweit. Nein, „Kontakt haben“ bedeutet nicht unbedingt „kennen“, „gut kennen“, „bekannt sein“ oder „befreundet sein“, sondern ein gemeinsames Thema zu haben, sich auszutauschen, vielleicht sogar, regelmäßig miteinander zu sprechen, Ansichten zu teilen und so weiter.

Das gemeinsame (nicht: das einzige) Thema ist auf jeden Fall die persönliche Einschränkung. In diesem meiner Kreise ist sie meistens körperlicher Art und deutlich sichtbar. Mir gefällt, vor allem im Sport, dass mühevolles und behutsames Rantasten oft völlig entfällt. Wenn die junge Dame neben mir ihre Oberschenkelprothese ablegt, bevor sie in den See springt, glotzt niemand. Auch nicht, wenn die Prothese samt Schuh danach irgendwo rumsteht. Andersrum interessiert es auch niemanden, wie ich aus meinem Rollstuhl hinausklettere. Und sollte ich dabei abrutschen und mich auf die Nase legen, ruft, anders als auf der Straße, niemand ungefragt den Notarzt, sondern fragt höchstens im Vorbeigehen, ob ich denn Fallsucht hätte. Natürlich bekomme ich die Hilfe, die ich brauche. Aber es wird niemand mit Samthandschuhen angefasst. Und das finde ich persönlich sehr förderlich im Umgang mit den individuellen Rucksäcken. Jeder Mensch trägt ja irgendeinen Rucksack. Eine Bekannte aus Amerika sagt immer: „Es ist keine Sünde, auf die Fresse zu fallen. Sondern es ist eine Sünde, nicht wieder aufzustehen.“

Was sich auch so gar nicht schickt, sind Vergleiche. Habe ich auch noch nie erlebt. Eben weil nicht zählt, was du nicht kannst, sondern weil zählt, was du aus deiner Situation machst und was du hinbekommst. Und sei es mit Hilfe, Assistenz oder in kleinen Schritten. Weil du vielleicht eine geistige Behinderung hast oder weil dir eine Depression gerade alle deine Spoons verschleppt hat. Klar, ich habe großen Respekt vor einer sehbehinderten Bekannten, die ohne jedes Sehvermögen ihren Alltag als Mutter zweier Kinder mit Halbtagsjob, Haushalt und sportlicher Karriere meistert. Ich wäre völlig aufgeschmissen, wenn ich nichts mehr sehen würde. Anders herum sagt sie aber auch, sie wäre völlig aufgeschmissen, wenn sie nicht mehr laufen könnte. Beide wollen wir nicht tauschen. Ich möchte auch nicht mit jener Bekannten tauschen, die nichts mehr hört. Oder mit jener, der seit einer Explosion beide Beine fehlen. Ich weiß, sowas klingt dramatisch. War es sicherlich auch. Eine andere Frau in meinem Alter, die ich auch schon lange kenne, ist als Kind vor die Straßenbahn gelaufen und hat deshalb seitdem keine Unterschenkel mehr. Einer anderen fehlen seit Geburt die Hände. Kurzum: Es kommt niemand auf die Idee, das Eine mit dem Anderen zu vergleichen, in Relation zu setzen oder gar zu bewerten.

Entsprechend wenig ernst nimmt die Szene im Allgemeinen auch die Feststellungen im Schwerbehindertenausweis. Jeder braucht ihn, jeder hat ihn, aber kaum einer findet das zeitgemäß. Vor Corona kam es durchaus vor, dass am Rande einer sportlichen Veranstaltung mit den Behindertenausweisen Skip-Bo gespielt wurde. Der 50er muss zuerst raus, der 100er mit vielen Merkzeichen gewinnt. Damit das Spiel nicht langweilig wird, wird neu gemischt. Bei 20 Ausweisen auf dem Tisch und zwei Teams kann das schon sehr lustig und albern werden. Einen ernsten Hintergrund bekommt es aber schnell, wenn sich im Bus zwei (meistens alte und verbitterte) Menschen um einen Sitzplatz streiten: „Ich hab 70, Sie 60, also müssen Sie aufstehen, ich bin schwerer behindert.“ – Schon live erlebt (und nicht nur einmal). Kopf. Tisch. Aua.

Eine Behinderung wird von den Versorgungsämtern der Länder nach einem einheitlichen Gesetz festgestellt und dabei nach einer einheitlichen Verordnung bewertet. Rund 10% der Bevölkerung ist bei der Behörde Stammkunde. Es ist also ein riesiger Verwaltungsapparat. Oft werden Behinderungen nur über begrenzte Zeiträume festgestellt und dann wieder neu aufgerollt. Über 90% der Fälle werden nach Aktenlage aufgrund der eingereichten medizinischen Unterlagen (Arztbriefe, Entlassungsberichte etc.) von Sachverständigen beurteilt.

Sinn des Manövers soll ein Nachteilsausgleich für die betroffene Person sein. Man geht davon aus, dass bei bestimmten körperlichen, seelischen oder geistigen Einschränkungen die Teilhabemöglichkeiten eingeschränkt sind. Diese Einschränkung geht mit einem Nachteil gegenüber anderen einher, der kompensiert wird. Die Festellung wird mit einer Gradzahl in Zehnerschritten zwischen 0 und 100 bewertet und, sobald Grad 50 erreicht ist, wird ein Ausweis ausgegeben. Mehrere Einschränkungen werden nicht addiert. Dazu gibt es auf Antrag noch weitere Feststellungen, wie zum Beispiel die Zugehörigkeit zu bestimmten Sondergruppen, die ebenfalls in den Ausweis eingetragen werden können.

Ich möchte gerne einige Beispiele auszugsweise und beispielhaft anführen, um maximale Verwirrung zu stiften:

Mit einem Grad der Behinderung von 0 wird bewertet:
– Ausfall des Farbsehens
– Nachtblindheit
– Zeugungsunfähigkeit des Mannes ohne Kinderwunsch
– Verlust der Gebärmutter ohne Kinderwunsch
– Verlust eines Eierstocks
– Alters-Zuckerkrankheit, mit Tabletten behandelbar
– Großwuchs
– Allergisches Asthma mit leichten Anfällen

Mit einem Grad der Behinderung von 10 wird bewertet:
– Ein Migräne-Anfall pro Monat
– Verlust des Geschmackssinns
– Herzschrittmacher
– Totalentfernung einer Brust, Unterhaut-Prothese
– HIV-Infektion ohne Symptomatik
– Kleinwuchs (150 cm)
– Verlust des kleinen Fingers
– Verlust einer großen Zehe

Mit einem Grad der Behinderung von 20 wird bewertet:
– Verlust einer Ohrmuschel
– Verlust aller Zähne, Prothese nicht möglich
– Schlaf-Apnoe mit nächtlicher Beatmung über die Nase
– Zöliakie
– Verlust der Eichel
– Totalentfernung beider Brüste, Unterhaut-Prothesen
– Klumpfuß

Mit einem Grad der Behinderung von 30 wird bewertet:
– Epilepsie, die mit Medikamenten seit 3 Jahren anfallsfrei ist
– IQ unter 70, wenn im Berufsförderungswerk ein Beruf erlernt werden kann
– Vollständiger Sehverlust auf einem Auge
– Verlust einer Niere
– Schwere Akne
– Totaler Haarausfall
– Verlust eines Daumens
– Verlust aller Zehen an beiden Füßen
– 7 cm Beinlängendifferenz

Mit einem Grad der Behinderung von 40 wird bewertet:
– Neurodermitis am ganzen Körper, auch im Gesicht
– Kleinwuchs (135 cm)
– Verlust der Vulva

Mit einem Grad der Behinderung von 50 wird bewertet:
– Hochgradige Gesichtsentstellung
– Stimmbandlähmung mit völliger Stimmlosigkeit
– Stottern mit unverständlicher Sprache
– Völlige Stuhlinkontinenz
– Künstlicher Darmausgang
– Verlust des Penis
– Zuckerkrankheit mit Insulin-Infusionspumpe versorgt
– Ellenbogenprothese (Endoprothese) beidseitig
– Verlust einer Hand

Mit einem Grad der Behinderung von 60 wird bewertet:
– Alkoholabhängigkeit mit mittleren sozialen Anpassungsschwierigkeiten
– Inkomplette Querschnittlähmung mit Harn- und Stuhlinkontinenz

Mit einem Grad der Behinderung von 70 wird bewertet:
– Völlige Harninkontinenz mit ungünstiger Versorgungsmöglichkeit
– Schwere Wirbelsäulenverkrümmung (ab 70 Grad) mit Rumpforthese
– Verlust eines Unterarms im Ellenbogengelenk

Mit einem Grad der Behinderung von 80 wird bewertet:
– Ausfall eines Armplexus-Nervs
– Beidseitige Unterschenkel-Amputation

Mit einem Grad der Behinderung von 100 wird bewertet:
– IQ unter 60, wenn eine Beschäftigung „nur“ in einer Werkstatt für Behinderte möglich ist
– Beidseitiges Nierenversagen mit Dialysepflicht
– Verlust aller Finger

Wenn ich mir jetzt überlege, dass der Verlust einer Niere oder der Verlust des räumlichen Sehens schwerer wiegen soll als die Totalentfernung beider Brüste oder dass jemand, der mit zwei Handprothesen oder zwei Unterschenkelprothesen durch die Welt rennt und hüpft, stärker eingeschränkt sein soll als jemand, der mit inkompletter Querschnittlähmung im Brustwirbelbereich nur noch diskrete motorische Restfunktionen hat und dazu weder Urin noch Stuhl aktiv einhalten kann, dann wird schon klar, warum ich eingangs ausgeführt habe, dass die Einschränkungen nicht vergleichbar sind. Inzwischen wird, zumindest was die Bewertungen angeht, der eine oder andere Anpassungsvorschlag bereits diskutiert. Soweit ich weiß, bislang allerdings ohne verbindlichen Beschluss zur Änderung.

Hinzu kommt noch, dass zumindest in Deutschland um alles gekämpft werden muss. Das wird gefühlt immer schlimmer. Ich habe gerade eine Patientin, bei der schreibt die Fachklinik: „Braucht auch in der Wohnung einen Rollstuhl“, die Rehaklinik: „Braucht ständig einen Rollstuhl, kann sich im Rahmen der Physiotherapie an einer Sprossenwand durch Hochziehen aus dem Rollstuhl selbst aufrichten, freies Stehen nicht möglich“, unsere Praxis: „Auch in der Wohnung dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen“ – und das Amt macht daraus: „Läuft zu Hause frei und steigt Treppen mit Festhalten am Geländer“. Ohne jede Grundlage. Das konnte sie schon seit Geburt nicht. Und nachdem wir nochmals explizit ausgeführt haben, dass das so absolut nicht richtig ist, wird nochmal angefragt, ob wir vielleicht noch ein weiteres offizielles Gutachten hätten, das die noch nicht kennen. Kurzum: Es wird um jeden 10er gefeilscht wie auf einem Basar, und die Behörden nutzen viel zu oft ihre Übermacht aus. Meine persönliche -regelmäßige- Erfahrung.

Ich kriege wirklich einen Föhn, denn die Feststellungen werden ja eigentlich getroffen, um alle Menschen gleichberechtigt teilhaben zu lassen. Wo Defizite sind, will der Staat Erleichterungen und Nachteilsausgleiche schaffen. Wenn nun aber derjenige, dessen Teilhabe eingeschränkt ist, im Zustand der eingeschränkten Teilhabe nicht nur um seine Teilhabe, sondern auch noch um seine Teilhabeberechtigung kämpfen muss, führt sich das Ganze doch selbst ad absurdum. Nein, es muss nichts verschwenderisch verteilt oder überkompensiert werden. Aber wenn auf öffentlichen Druck auf politischer Ebene beschlossen wird, eine Benachteiligung bestimmter Bürger auszugleichen, kann es doch nicht sein, dass auf der Verwaltungsebene die Zugangsmöglichkeiten nur über weitere, für etliche Betroffene unüberwindbare, Barrieren (un-) erreichbar sind.

Es gibt schon lange den Vorschlag, diese Feststellungen an einem Teilhabemodell auszurichten. Also festzulegen, welche Aktivitäten ein Mensch alleine bewerkstelligen muss, um uneingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Beispiele (nicht abschließend): Lernen, Wissensanwendung, Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung, häusliches Leben, interpersonelle Interaktionen, Beziehungen, Erziehung, Arbeit, wirtschaftliches Leben, Gemeinschaftsleben, soziales Leben, staatsbürgerliches Leben, Erholung, Freizeit, Religion, Spiritualität. Sind fünf oder mehr Bereiche eindeutig eingeschränkt oder sind drei oder mehr Bereiche erheblich eingeschränkt, liegt eine Teilhabe-Einschränkung vor. Wie diese dann auszugleichen wäre, wäre Schritt 2.

Man könnte beispielsweise festlegen, in welchen Bereichen zum Beispiel Menschen mit Gehörlosigkeit regelmäßig beeinträchtigt sind. Das wird dann nach Muster festgestellt, es sei denn, derjenige weist nach, dass noch andere (weitere) Bereiche eingeschränkt sind. Ist zusätzlich noch Akne am Start, wird das Profil „Akne“ drübergelegt und ggf. weitere Felder markiert.

So wäre im Schritt 2 beispielsweise denkbar, alle Mobilitäts-Eingeschränkten kostenlos oder vergünstigt mit Bus und Bahn fahren zu lassen. Oder Menschen, die in Freizeit oder Religion eingeschränkt sind, mit einem kostenlosen oder kostengünstigen Internetanschluss auszustatten. Und mit zwei bis acht Taxi-Gutscheinen, damit sie sonntags in die Kirche oder mittwochs zur Gymnastik kommen. Oder oder oder. Das wäre zu erheben, zu diskutieren. Die Betroffenen sollen gehört und beteiligt werden. Und dann muss man ehrlich sagen, dass das zu teuer ist und sich dann der öffentlichen Debatte stellen. Aber dieses ewige Geschacher zu Lasten des Schwachen und des Einzelnen finde ich unerträglich. Und wenn dann wirklich irgendwelche Honks ihre Gutscheine bei Ebay gegen Bargeld verticken, dann wird das eben sanktioniert und derjenige bekommt die nächsten drei Monate keine. Bei Herstellern prüfstandsoptimierter Dieselmotoren oder bei inzwischen insolventen börsennotierten Zahlungsdienstleistern findet der Staat ja auch Lösungen, wie er mit denen umgehen will, die unauffällig aus der Spur laufen. Oder?

Stattdessen werden offiziell Schwer-In-Ordnung-Ausweishüllen von Ämtern ausgegeben. Womit aus meiner Sicht inzwischen auch die amtliche Bestätigung vorliegt, dass „Schwerbehinderung“ eben gerade nicht in Ordnung ist. Und dafür lässt man sich auch noch feiern, statt sich mal ernsthaft mit dem völlig berechtigten und guten Hinweis der Hannah aus Pinneberg bei Hamburg auseinander zu setzen. Nämlich: Warum heißt das Ding überhaupt „Schwerbehindertenausweis“? Was soll das, dass man Menschen in behindert, schwerbehindert, schwerstbehindert und schwerstmehrfachbehindert unterteilt, wo doch schon seit 15 Jahren feststeht, dass eine Behinderung das Produkt einer Wechselwirkung zwischen einem Menschen mit Beeinträchtigung und einstellungs- oder umweltbedingten Barrieren ist? Welche schwere Barriere trage ich als so genannte „Schwerbehinderte“ ständig in mir? Oder mit mir herum? Ich könnte noch weiter stänkern, denn ich bin nach amtlicher Feststellung nicht nur „in meiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt“, sondern auch noch „außergewöhnlich gehbehindert“. Also nicht nur gehbehindert, auch nicht gewöhnlich gehbehindert, sondern außergewöhnlich gehbehindert. Querschnittgelähmte sind also außergewöhnlich. Daran werden wir uns nie gewöhnen. Achso, und hilflos bin ich übrigens auch.

Immerhin heißt es inzwischen nicht mehr „Die Notwendigkeit ständiger Begleitung ist nachgewiesen“, sondern „Die Berechtigung zur Mitnahme einer Begleitperson ist nachgewiesen“. Es kommt also heute weniger häufig vor, dass irgendein Wichtigtuer mir meinen Ausweis aus der Hand nimmt, auf „Die Notwendigkeit ständiger Begleitung“ tippt, mich fragt, ob ich lesen könne und warum ich alleine Bahn fahre. Warum können wir uns nicht einfach darauf einigen, dass auf dem Teilhabe-Ausweis vorne ein großes Piktogramm aufgedruckt wird? Mein Name und dann einfach fett und groß „+ 1“. Und das gilt dann für den Begleithund, die Begleitperson, whatever. Warum muss ich auf dem Ausweis „hilflos“ genannt werden, wenn ich in der Öffentlichkeit mit dieser Feststellung überhaupt nichts anfangen kann? Warum muss ich „außergewöhnlich“ genannt werden, wenn ich zum Parken ohnehin noch einen weiteren Ausweis benötige? Warum muss ich „schwer“ behindert und „severely disabled“ genannt werden, wenn unschwer Behinderte ohnehin keinen Ausweis bekommen, nachdem es die Pappe ja erst ab einem Grad von 50 gibt?

Und wenn ich noch weiter denken möchte: Warum wird das nicht trägerübergreifend gelöst, so dass auch die Kranken- oder Pflegekasse oder die Arbeitsagentur oder Rentenversicherung einen Teilhabe-Ausweis ausstellen kann? Ohne Nummern, ohne Buchstaben, einfach nur mit dem, was geht? Unter einer zentralen Teilhabe-Nummer. Die jeder bekommt, der wegen einer Teilhabeeinschränkung staatliche Leistungen bekommt. Und wer möchte, kann optional seinen Krankenversichertenstatus und die Zuzahlungsbefreiung auch gleich mit aufspielen lassen und spart sich so ein bis zwei weitere Plastikkarten. Kann mit der Karte seine Leistungen aus dem persönlichen Budget bezahlen, wie mit einer Bankkarte. In der Apotheke, beim Pflegedienst, im Sanitätshaus oder beim örtlichen Taxi- oder Fahrdienst. Oder wo auch immer. Meinetwegen auch noch mit PIN. Das wäre mal ein digitaler Fortschritt.

Und wenn ich das Ding entwerfen und grafisch gestalten dürfte, dann würde es wie eine Kreditkarte aussehen. Richtig edel, mit eingestanztem Namen, Nummer und fälschungssicherem Hologram. Für mehr Bonität im Leben. Und natürlich ohne das Wort „Teilhabe-Ausweis“ oder ähnlichem Kram. Einfach mal hübsch. Und wer so dolle eingeschränkt wird, dass die silberne oder goldene Teilhabekarte nicht ausreicht, um das tägliche Ungleichgewicht auszugleichen, der hat eben Anspruch auf die schwarze mit „VIP-Begleitservice auf allen Fernbahnhöfen“ inklusive. Heute kostet es mich „nur 12 Cent aus dem Festnetz“, wenn ich in einem dreißigminütigen Telefonat mit der Deutschen Bahn hart und „dankbar bis devot“ verhandeln muss, ob und wann sie mir übermorgen ihre Rampe an einen ICE schieben können.

Aber das sind Träume. Stattdessen fülle ich immernoch jedes Jahr einen A4-Zettel aus, dass ich noch immer lebe und im Rollstuhl sitze, damit ich meine kostenlose Wertmarke für den öffentlichen Nahverkehr wieder zugeschickt bekomme. Jedes Jahr. Bei unbefristeter Feststellung. Es reicht nicht, dass das auf dem Ausweis steht, ich brauche jedes Jahr noch eine zusätzliche Wertmarke aus Papier. Mit aufgebügeltem Hologram.

Als ich vor knapp 12 Jahren meine erste Feststellung zum Schwerbehindertenausweis bekam, bloggte ich: „Guten Tag, Sie sind ein Vollpfosten“. Vor allem wegen dieser Wörter „hilflos“ und „außergewöhnlich gehbehindert“. Seitdem haben sich, was den Ausweis angeht, zwei Dinge spürbar geändert: Im Jahr 2011 wurde das A5-Streckenverzeichnis abgeschafft (also das Beiblatt, auf dem die Bahnstrecken im Umkreis von 50 Kilometer um meinen Wohnort aufgeführt waren und das bei jeder Zugfahrt mitzuführen war), im Jahr 2015 wurde der alte Lappen im A6-Format durch eine Plastikkarte im Scheckkartenformat ersetzt. Nach der Kosmetik böte sich doch jetzt auch in diesem Bereich mal die Gelegenheit für ernsthafte Verbesserungen. Weg von Hilflosigkeit, Außergewöhnlichkeit, Schwerbehinderung, hin zu echter Teilhabe. Damit sich nicht zuletzt die Kinder und Jugendlichen nicht mehr wie die Vollpfosten, sondern schwer in Ordnung und als Teil unserer Gesellschaft verstehen dürfen.