Open Water III

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An Christins Wettkampftag war es bewölkt. Die Lufttemperatur, die vorher noch über 30 Grad hatte, war auf angenehme 21 Grad gefallen. Fast optimale Bedingungen für einen Wettkampf. Wir fuhren rund 30 Kilometer zu einem Süßwasser-Binnensee, in dem die Wettkämpfe stattfinden sollten. Ich fasse es kurz zusammen: Durch einen heftigen Regenfall zwischendrin war es kurz davor, dass die Veranstalter das Rennen unterbrechen. Christin konnte zwar ihre 10 Kilometer durchschwimmen, war aber fast zehn Minuten langsamer als noch vor einer Woche und entsprechend unzufrieden. „Die ganze Woche brennt die Sonne und in den zwei Stunden, in denen ich schwimme, bricht ein Unwetter über uns herein, dass alle meterweit von der Strecke gepustet werden.“

Immerhin konnte ich mir in der Zeit schon die Startunterlagen für meinen Wettkampf am nächsten Tag abholen. Ich musste vor Ort noch Startgelder entrichten und eine Tageslizenz kaufen, wieder alles mit Kreditkarte, ich wurde darauf hingewiesen, dass ich jede Sonderregel vorher zur Prüfung anmelden müsse, sonst würde ich disqualifiziert, wenn ich beispielsweise statt aus dem Stand im Sitzen starten würde. Persönliches Begleitboot war nicht zugelassen, es würde zwei Runden zu je 2,5 Kilometer geben und nach 2,5 Kilometer könnten mir Getränke und Suppe angereicht werden. Die normalen Begleitboote mit den Lifeguards wären aber immer dabei. Es gebe ein 67 Personen starkes Feld aus Teilnehmenden und darunter seien mit mir fünf Personen mit Handicap. Ich sei aber die Einzige mit Rollstuhl und die am schwersten eingeschränkte Teilnehmerin. Meine Assistenz dürfe mich in den Callroom begleiten und mich bis zum Start bringen und nach dem Ziel auch aus dem Wasser holen. Wenn ich direkt beim Start Assistenz benötigte, müsste ich das vorher angeben. „Nö, auf dem Po von der Stegkante ins Wasser rutschen, bekomme ich hin.“ – „Dann schreibst du bei ‚Start Assistance required‘ ein ‚No‘ und bei ‚Assistance to get off the water‘ ein ‚Yes‘.“

„Die Startplätze werden nach Meldezeit vergeben. Der schnellste Schwimmer darf als erstes auf den Steg und sich frei entscheiden, von welchem der 75 Startplätze er ins Wasser springt. Der zweitschnellste kommt als zweites auf den Steg und so weiter. Die fünf Handicapped-Schwimmer dürfen ihre Plätze frei wählen, bevor der Schwimmer mit der schnellsten Meldezeit den Steg betritt und sich dort auch schon positionieren. Wenn du nicht solange sitzen kannst, kannst du dem Startordner auch die Nummer sagen, dann wird dieser eine Slot mit einem Hütchen für dich gesperrt. Du hast keine besondere Badekappe, die dich als Handicapped Swimmer erkennbar macht, es müssen alle auf alle Rücksicht nehmen. Wer einen anderen Schwimmer überschwimmt, fliegt raus. Das gilt für Menschen mit und ohne Handicap. Du darfst einen Bikini oder einen herkömmlichen Badeanzug ohne Bein benutzen. Neopren ist nicht zugelassen. Die Arme müssen immer frei sein. Wenn du einen Badeanzug mit Beinansatz oder mit langem Bein trägst, muss das Modell von der Weltorganisation abgenommen sein und eine Zulassungsnummer tragen, sonst darfst du es hier nicht verwenden. Du musst beim Abgeben deiner Startkarte morgen auch eine ärztliche Bescheinigung auf Englisch vorweisen, dass du sportgesund bist. Viel Glück.“

Muss ich nochmal vorwarnen, dass mein Wettkampfbericht, wie immer, TMI enthält? Also zu viele Informationen einschließlich der unappetitlichen Details. Wer also zart besaitet ist und gerade frühstückt, liest vielleicht erstmal anderswo weiter.

Ich habe in der Nacht kaum geschlafen. War immer wieder wach, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht aufgeregt war. Es ging für mich um nichts. Im schlimmsten Fall zieht mich irgendein Boot aus dem Wasser. Wenngleich ich natürlich ankommen wollte. Gegen fünf Uhr schlief ich ein und war völlig gerädert, als um kurz nach sechs Uhr der Wecker klingelte. Frühstücken? Nee. Ich würde nichts runterbekommen. Nicht mal irgendeinen Keks. Ich wollte nur so schnell wie möglich zum Start und losschwimmen. Es war bewölkt, es waren 24 Grad angesagt, somit waren Luft und Wasser etwa gleich warm. Kein Wind, kein Regen: Eigentlich beste Bedingungen. Christin holte mir eine Kanne lauwarmen Kamillentee aufs Zimmer. Duschen, Beine rasieren, am Ende doch zum Frühstück rollen und eine Schale mit Müsli essen. „Am besten wird sein, wenn ich dir deine Wettkampfbekleidung hier auf dem Bett liegend anziehe. Da auf dem Acker oder im Auto werden wir das nicht hinbekommen.“ – „Um 11 geht das los. Wir sollen um 10 im Call-Room sein, vorher noch eingecheckt haben, vorher noch dorthin fahren…“ – „Um 9 fahren wir ab.“ – „Zwei Stunden lang in dem engen Ding?“ – „Zweieinhalb, um 8.30 Uhr fangen wir mit dem Anziehen an. Plus die zwei Stunden für deinen Wettkampf, macht viereinhalb Stunden. Wirst du überleben. Stell dich nicht so an, wenn ich 25 Kilometer schwimme, überlebe ich die Zeit auch.“ – „Die Frau an der Anmeldung faselte gestern was davon, dass mein pinker Anzug von der Weltorganisation abgenommen sein muss. Ist er das?“ – „Guckst du hier, die Nummer, die später auf deinem Arsch ist, ist die Zulassungsnummer.“

Sollte ich mir das alles nicht doch nochmal überlegen? Ach nee, das denke ich jedes Mal. Um 8.25 Uhr ging ich nochmal aufs Klo, um halb neun lag ich nackt auf dem Bett und ließ mir von Christin meinen Wettkampfanzug anziehen. Bis zum Knie ging es schnell. Ab da reden wir über zwei Zentimeter pro Minute. Der Stoff dehnt sich so gut wie überhaupt nicht, sondern stattdessen muss die Haut in das Teil reingequetscht werden. Der Anzug, den mir Christin beim letzten Mal geliehen hatte, war bereits etwas ausgeleiert, diesen hatte noch niemand vorher getragen. Zentimeter um Zentimeter. Bloß nicht mit dem Fingernagel in den Stoff fassen, dann würde er sofort reißen. Wieder von unten eine Falte erzeugen, und nach oben schieben. Noch zwei Zentimeter. Die schlimmste Stelle war, den Oberkörperbereich des Anzugs über meinen Po zu bekommen. Als das endlich nach rund fünfzehn Minuten soweit war, ging es relativ schnell. Bis zum Bauchnabel, Arme durch die Träger, langsam hochziehen. Ein wenig links zupfen, ein wenig rechts, … „Sitzt er gut im Schritt?“, fragte Christin und fasste mir dorthin. Bevor ich etwas sagen konnte, warf sie mich aus meiner sitzenden Position im Bett um, legte sich auf mich drauf und küsste mich. „Wenn es nicht so mühsam wäre, würde ich dich jetzt sofort auspacken“, sagte sie.

Ich zog mir eine Leggings und einen Hoody drüber, setzte mich in meinen Rollstuhl und verspürte sofort Blasendruck. „Das kann ja nun nicht sein, du warst vor nicht mal 30 Minuten. Du bist nervös, das ist alles.“ – Ich hoffte, Christin würde recht behalten. Sie schob mich einfach aus dem Zimmer. Tür zu, zum Auto, umsetzen, Rollstuhl in den Kofferraum, los. Ich hoffte immernoch, das meine Blase sich nicht selbständig machen würde. Ohne Pampers würde das eine riesige Sauerei geben und wir haben noch rund 30 Kilometer zu fahren. Christin meinte: „Sind Kunstledersitze. Wenn du schwimmst, habe ich zwei Stunden Zeit, sie abzuwischen. Willst du dich vorsorglich auf ein Handtuch setzen?“ – Besser bei 24 Grad kein großes Handtuch zu haben als dass hier irgendwas plätschert, dachte ich mir. Es passierte aber nichts.

Christin zog meinen wasserdichten Bezug auf mein Rollstuhl-Sitzkissen und hängte ein Handtuch über die Rückenlehne, ich zog meine Leggings aus und rollte mit allen Unterlagen zum Check-In. Es war alles vollständig, ich bekam mehrere Klebe-Tatoos mit meiner Startnummer ausgehändigt, dazu eine Anleitung, wohin das alles geklebt werden müsse. Erneut kein Wort über meine Behinderung. Auffallend. Zurück bei Christin, drückte sie mir eine Flasche Wasser in die Hand. „Trinken, sonst dehydrierst du später.“ – „Ich muss seit dem Hotel dringend aufs Klo. Ich muss erstmal gucken, wie und wo ich das erledige.“ – „Du setzt sich jetzt ins Gras und ich klebe dir die Tatoos auf und schmiere dich mit Sonnencreme und Fett ein. Und währenddessen wässerst du bitte den Rasen, der ist sehr trocken.“

Ich war die Nummer 141. Und bekam diese Nummer auf beide Oberarme und auf beide Handrücken. Christin cremte mich mit Sonnencreme ein, richtig dick, am Hals und an den Schultern bekam ich zusätzlich noch eine Fettcreme aufgetragen, ich bekam meine Haare zusammengebunden, bekam meine erste Badekappe auf, meine Schwimmbrille, die zweite Badekappe, alles festkleben … Christin war in Action. Und ich versuchte, gleichzeitig zu trinken und mich zu entspannen. Klappte nicht. Ich setzte mich wieder in meinen Rollstuhl, fuhr zum Callroom. Ich war eine der ersten. Bekamen wir noch eine Einweisung? Wir saßen in einem Zelt, drinnen knapp 70 Plastik-Klappstühle. Ich parkte mich neben einen und setzte mich wieder ins Gras. Irgendwann müsste es ja mal klappen, zumal es schon anfing, weh zu tun. Mit gestreckten Beinen ging es nicht, mit angewinkelten Beinen ging es nicht, im Schneidersitz ging es auch nicht. Keine Chance. Ich hörte aufmerksam der Einweisung zu, dann hieß es: „Die Nummer 141 kann auf den Steg oder kann sich einen Slot reservieren lassen.“ – „Auf den Steg“, sagte ich. Christin setzte mir eine Basecap auf. „Da ist pralle Sonne. Kühl dir bloß ab und zu mal den Kopf mit Wasser. Notfalls gehst du einmal komplett rein und kommst wieder raus. Das ist erlaubt. Die Mütze setzt du kurz vor dem Start ab und lässt sie einfach auf dem Steg liegen. Ich sammel sie später ein.“

Wenn es nun die Regel gab, dass niemand über den anderen absichtlich überschwimmen dürfe, dann könnte ich mich ja an der strategisch günstigsten Stelle platzieren, also auf dem Slot 75. Machte ich auch. Christin schob mich auf die Hinterräder gekippt über die doch recht unebene Rampe zum Steg, ich setzte mich auf die Stegkante, Füße ins Wasser, Rollstuhl hinter mich, Bremsen fest, so konnte ich mich noch eine Zeitlang anlehnen. Christin versorgte mich mit zwei weiteren Literflaschen Wasser, dazu noch drei Fruchtsäfte zu je 200 ml in Tüten, die ich mir später am Rücken in den Badeanzug stecken konnte. Christin stellte sich so neben mich, dass ich einigermaßen im Schatten saß. Ich schob den Rollstuhl ein paar Zentimeter weiter zurück, damit ich bequemer sitzen konnte. Nach und nach kamen die anderen Athletinnen die Rampe herunter. Der Steg schaukelte.

Welche anderen Handicaps die anderen vier behinderten Athleten hatten, konnte ich nicht sehen. Neben mich stellte sich eine junge Frau, etwas jünger als ich, begrüßte mich. Kurz darauf setzte sie sich auf die 74 und fing an, ihren Oberkörper mit Seewasser zu bespritzen. Ich bekam einige Tropfen ab und plötzlich funktionierte das, worauf ich seit Stunden wartete. Ich traute mich nicht, nach unten zu schauen und hoffte nur, es würde nach vorne direkt in den See laufen und nicht nach hinten oder zur Seite. In erster Linie hatte ich aber das Gefühl, es lief im Anzug nach oben. Aber glücklicherweise nicht nur, denn es begann unter mir im Wasser zu plätschern. Die Frau neben mir musste das mitbekommen. Ich sah im Augenwinkel, dass sie mich plötzlich anschaute. Ich hoffte nur, es lief nicht auch zur Seite weg und sie bekam nicht noch was davon ab. Das wäre der größte Gau. Sie hörte nicht auf, mich anzugucken. Irgendwann drehte ich meinen Kopf zu ihr und guckte zurück. Sie grinste mich an und sagte: „We are real nasties.“

Es war 10:30 Uhr. Es ging mir sehr viel besser. Ich versuchte, möglichst viel von dem Wasser vorab zu trinken, um für die nächsten zwei Stunden in praller Sonne genügend hydriert zu sein. Es war zwar nicht so warm wie an den ersten Tagen, aber inzwischen war keine Wolke mehr am Himmel. Der Steg füllte sich immer mehr. Ich konnte langsam nicht mehr sitzen. Christin hatte mir ihre Uhr geliehen. Noch 8 Minuten bis zum Start. Es plätscherte noch einmal unter mir. Ich war froh, dass das so klappte. Die Frau neben mir guckte mich schon wieder grinsend an. Dann wurden alle zunehmend unruhiger, hampelten und sprangen auf dem wackeligen Steg auf und ab und irgendwann durften wir los. Ich ließ die Leute, die springen können, vor mir ins Wasser springen. Der Steg schaukelte wie ein Frachter nach einem Seitwärts-Stapellauf. Dann drückte ich mich hoch und ließ mich vorwärts ins Wasser fallen. Das Wasser war genauso warm wie die Luft, allerdings fühlt sich Wasser ja immer kälter an als Luft.

Ich konnte mich gut bewegen, ich bekam eine gute Wasserlage, es war kein Wind, das Atmen klappte gut. Einmal bekam ich den Fuß einer anderen Athletin gegen meine Hand, einmal bekam ich die Bugwelle einer anderen Athletin direkt in den Mund, als sie mich überholte, das Wasser schmeckte eklig. Etwas sandig. Ich versuchte, mich ein wenig zu bremsen, um die fünf Kilometer durchhalten zu können. Es schwamm sich gerade besser als erwartet. Ich hatte ein gutes Tempo drauf und war nicht die Letzte. Es waren sogar mehr als vier Personen hinter mir, so dass ich nicht nur Menschen mit Handicap hinter mir haben konnte.

Ich war gerade 20 Minuten unterwegs, als das Schwimmen zunehmend schwieriger wurde. Ich bekam Bauchweh. Nein, Bauchkrämpfe. Richtig starke Bauchkrämpfe. Was war das jetzt? Aufregung? Psyche? Zuviel getrunken? Zuviel Sonne? Ich drehte mich auf den Rücken und entspannte mich. Es gelang mir, ein weiteres Mal zu pinkeln. Ich hoffte, dass das die Ursache war und versuchte, keine Zeit zu verlieren. Nach zwei Minuten drehte ich mich erneut auf den Rücken. Richtig heftige Bauchkrämpfe. Ein Paddelboot mit einem Lifeguard kam auf mich zu. Ich schloss für einen Moment die Augen. Entweder geht das jetzt in den nächsten Minuten vorbei oder ich müsste den Wettkampf abbrechen. Ich versuchte mich zu entspannen. Plötzlich, ich erschrak mich fast, musste ich pupsen. Ich liebe meine Querschnittlähmung. Mein erster Gedanke war: Bitte keine große Sauerei jetzt. Der Lifeguard war auf meiner Höhe und fragte: „Any problems?“ – „No, I’m only a little bit gassy.“ – „Oh, you are trying to fart? I better keep some distance when you butter the biscuit.“

Na, der hatte ja Humor. Ich schwamm weiter. Nein, es schien wirklich nur zu viel Gas gewesen zu sein. Es ging mir bereits wesentlich besser. Während der nächsten Minuten pupste ich noch ein paar Mal mitten beim Schwimmen, und ja, ich weiß, es ist eklig, aber ich fasste mit meiner Hand einmal an meinen Po, um festzustellen, dass das wirklich nur Gas war. War es. Ich musste mir also keine Gedanken darum machen, ob ich noch ein paar Kilometer vollgeschissen weiterschwimmen möchte, denn ich war nicht vollgeschissen. Nachdem das auch geklärt war, hatte ich den Anschluss zu der Gruppe verloren und schwamm alleine hinter ihr her. Der Lifeguard hatte mich aus einiger Entfernung stets im Blick, aber mehr passierte nicht. Ich erreichte die Bojen, um die ich schwimmen müsste, um das zweieinhalb Kilometer lange Dreieck zu absolvieren, als ich um die zweite Boje herum war, nuckelte ich mir meinen ersten Apfelsaft aus meiner Trinkpackung in den Mund, um 12.06 Uhr kam ich als letzte am Steg an. Wohlgemerkt nach der ersten Runde, während einige Teilnehmer schon fast mit ihrer zweiten Runde fertig waren. Christin wartete auf dem Steg und hatte an einer langen Angel eine Flasche Wasser für mich, ich nahm sie mir, drehte mich auf den Rücken, füllte oben einen halben Liter nach, ließ unten gleichzeitig gefühlt einen halben Liter raus.

Zweite Runde. Große Lust hatte ich nicht mehr, aber ich wollte ankommen. Nach etwa einem Kilometer, also kurz nach der ersten Boje, zog sich schlagartig der Himmel mit Wolken zu. Die Sonne war verschwunden, Wind kam auf. Wie aus dem Nichts. Einzelne Regentropfen fielen vom Himmel. Ich schwamm weiter. Und schwamm, und schwamm, und schwamm, manchmal hatte ich das Gefühl, der Wind drückt mich zurück, aber ich schwamm, und schwamm, trank einen weiteren Apfelsaft, pullerte um 12.42 Uhr plötzlich mitten im Schwimmen, also ohne Pause zu machen und mich dazu auf den Rücken zu drehen und meine Blase zu bestreichen, schwamm, schwamm, schwamm, irgendwann kam ein Motorboot, auf das der Kayakfahrer neben mir wechselte und um 13.21 Uhr mit einer Zeit von 2:20 Stunden und ein paar zerdrückten Sekunden war ich in der Zielzone. Christin kam ins Wasser, hatte einen Badeanzug an, umarmte mich, gab mir einen Kuss auf den Mund, hielt mich fest, während sie im brusttiefen Wasser fest mit den Füßen am Boden stand. „Du hast es geschafft!“

Christin trug mich aus dem Wasser, setzte mich in meinen Rollstuhl. Meine Beine spielten verrückt. Spastik ohne Ende, sie zitterten als würde ich an einer Nähmaschine sitzen. Das musste an dem ganzen Adrenalin liegen, das auch in meinem Kopf wummerte. Ich sollte direkt zur Siegerehrung kommen. Ich bekam mit der Zeit natürlich keinen Preis, aber ich bekam ein T-Shirt und ein Handtuch sowie eine Teilnehmermedaille überreicht. Nein, erneut kein Hinweis darauf, dass ich ja trotz meiner Behinderung die fünf Kilometer geschafft hatte. Stattdessen baute sich die junge Frau, die auf der 74 gesessen hat, vor mir auf. Inzwischen frisch geduscht reichte sie mir ihre rechte Hand zum Highfive und meinte: „Hey, wir haben es geschafft!“

Die Rückreise nach Deutschland am zweiten Tag nach dem Wettkampf war unspektakulär. Allerdings waren wir gerade wieder im Lande, als der erste einen dummen Spruch machte. Wie habe ich es vermisst! Wir saßen im ICE, ich auf dem Rollstuhlplatz, Christin auf dem Begleiterplatz, als eine Frau sich uns gegenüber auf den für Schwerbehinderte reservierten Sitz setzte und uns fragte, ob wir dort sitzen möchten. Was ja ziemlich unsinnig ist, wenn wir bereits einen Sitzplatz haben, aber: „Ich bin zwar nicht schwerbehindert“, meinte sie, „aber wenn jemand angehumpelt kommt, mache ich Platz. Die meisten Behinderten fahren ja sowieso nicht Bahn.“ – Danke fürs Gespräch. Ja, ich habe es vermisst. Wirklich.

Christin und Amerika

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Für irgendwelche kulturellen Sehenswürdigkeiten hatten wir in den Tagen in Amerika keine Zeit. Wir hätten uns Zeit nehmen können, aber unser Hunger war hauptsächlich der nach Sonne. Wir haben es beide geschafft, schon vor unserem Wettkampf etwas Sonnenlicht zu bekommen ohne dabei die Haut zu verbrennen. Immerhin würde ich während meiner Schwimmzeit der prallen Sonne ausgesetzt sein. Wir lagen also am Strand, hatten uns einen Sonnenschirm geliehen (ohne den es nicht auszuhalten war), soffen literweise Wasser und gingen alle zwei Stunden mal in die Wellen. Vorausgesetzt, das Wasser war da. Wobei ein wenig Wasser immer da war.

Christin bat darum, die Klimaanlage nachts abgeschaltet zu lassen und lieber das Fenster weit zu öffnen, um sich nicht noch zu erkälten. Draußen kühlte es auch nachts nicht unter 20 Grad ab, so dass wir nackt unter einer großen Bettdecke lagen. Nein, eine feste Beziehung (im Sinne einer offiziellen Partnerschaft) haben wir nach wie vor nicht miteinander. Das sehen wir zum Glück beide so. Zum Glück, weil ich Einigkeit und Ehrlichkeit mag. Eine enge Freundschaft zweifelsfrei, und wenn ich mir vor Jahren auch noch nicht so sicher war, ob Sexualität und „keine feste Beziehung“ zusammenpassen, so empfinde ich zurzeit Sexualität nicht als etwas so Einzigartiges, dass das nur mit mir alleine oder mit einem festen Partner geht. Klar, nackt nebeneinander im Bett zu liegen, weil es warm ist, hat nicht unbedingt etwas mit Sexualität zu tun, wenn ich es ganz pragmatisch sehen möchte. Und ich halte nach wie vor und ausschließlich nach dem männlichen Geschlecht Ausschau. Wobei ich inzwischen weiß, wie anspruchsvoll ich bin.

Es geht eindeutig von ihr aus. Sie will. Sie will oft und lange. Sie ist nicht übergriffig, ich könnte alles sofort und jederzeit beenden. Aber sie zeigt mir sehr genau, was sie will. Führt meine Hand, lässt mich fühlen, schmiegt sich an, hat sehr großes Verlangen. Küsst gut, schmeckt gut, fühlt sich gut an. Und, und das gefällt mir ganz besonders, hat keine Berührungsängste mit Blick auf meine Querschnittlähmung. Nein, sie kann nichts kaputt machen und nein, ich bin nicht aus Zucker. Während ich eher etwas zurückhaltender bin, nimmt sie sich mich so, wie sie es gerade braucht. Und hat volles Vertrauen, dass ich „Nein“ und „Stopp“ sagen würde. Wenn ich etwas nicht möchte. Ich möchte aber und es fühlt sich verdammt gut an.

Am Tag vor Christins Wettkampf reiste eine amerikanische Sportlerin an, checkte im selben Hotel ein und fragte uns gleich, ob wir zusammen Mittagessen wollen. Christin und die amerikanische Sportlerin sind klare Konkurrentinnen im Sport, kämpfen um jede Sekunde gegeneinander. Allerdings nur im Wettkampf. Diese professionelle und faire Trennung, die ich mir im Privatleben, im Job, im Verhältnis zu anderen Eltern aus Helenas Klasse oder nur ganz allgemein viel mehr wünschen würde, wurde hier wirklich gelebt. Wir futterten zusammen, Christin und die Sportlerin quatschten über ihren letzten Wettkampf und über einen bestimmten Schiedsrichter, ich wurde gefragt, woher wir uns kennen, was meine Hobbys sind, und bekam gleich ein indirektes Lob, dass sie es faszinierend fände, wie gut und wie viele Deutsche Englisch sprechen könnten. Sie sagte, dass Deutsch so eine komplizierte Sprache sei, und wir übten am Beispiel „Frei-Wasser-Schwimmen“ das deutsche Wort für „Open Water Swimming“. Das „Sch“ machte ihr anfangs große Probleme, irgendwann konnte sie es aber. Ich bin in den Stunden nicht ein einziges Mal auf meine Behinderung angesprochen worden. Kein einziger Kommentar, weder, dass mein Rollstuhl sportlich sei, noch wie es passiert ist. Kurzum: Sie hat es mir überlassen, ihr davon zu erzählen. Und nicht umgekehrt.

Ich will nicht sagen, dass man mich nicht fragen darf. Wobei ich am liebsten gefragt werde, ob ich darüber sprechen möchte, weil es mir die Chance gibt, mich für ein „Nein“ zu entscheiden. Es ist um ein Vielfaches anstrengender, die Frage „Warum sitzt du im Rollstuhl“ mit „Darüber möchte ich nicht sprechen“ zu beantworten. Die nötige stärkere Zurückweisung des Anliegens bringt nicht selten einen Rechtfertigungsdruck mit sich, der vom Fragesteller oft auch ganz bewusst erzeugt, eingesetzt oder sogar ausgenutzt wird, beispielsweise durch Nachhaken oder durch eine eingeschnappte Vertrauensfrage.

Und so habe ich es genossen, dass meine Behinderung mal nicht im Vordergrund stand, auch wenn ich kein Problem gehabt hätte, mich mit ihr darüber zu unterhalten.

Keine Paranoia

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Zum Check-In waren wir rechtzeitig im Flughafen, und während Christin genauestens auf Waffen und andere verbotene Gegenstände durchsucht und durchleuchtet wurde, wurde ich nur halb überprüft. Die Arme, der Rücken … hätte ich eine Handgranate in der Hosentasche gehabt, hätte das wohl niemand gemerkt. Immerhin wurde aber der Rollstuhlrahmen auf früheren Kontakt zu Sprengstoff beprobt. Jetzt fehlte nur noch, dass Emma nach ihrem letzten Schießtraining meinen Rollstuhl angefasst hat und dort jetzt noch Munitionsanhaftungen kleben. War aber alles negativ.

Wir waren gerade mit der Kontrolle fertig, da kam bereits eine Mitarbeiterin auf uns zu. „Sind Sie Frau Socke? Schön, dass Sie rechtzeitig da sind. Ich würde Sie gerne jetzt schon in Ihr Flugzeug bringen. Sie und Ihre Begleitung steigen zuerst ein. Sie dürfen mit Ihrem Rollstuhl bis zu Ihrem Sitzplatz fahren, anschließend wird der aber im Frachtraum verstaut. Ich lese hier, Sie sind eine WCHC, das heißt, Sie brauchen den Kabinenrollstuhl, um auf die Toilette zu kommen, richtig? Melden Sie sich bitte bei meinen Kolleginnen und Kollegen an Bord, sobald Sie ihn benötigen.“

Etwa zehn Minuten nach uns kamen die anderen Reisenden in den Flieger. Einige von ihnen glotzten, andere bekamen es gar nicht richtig mit, dass schon zwei Fluggäste dort saßen. Ein Mann schnaufte wie eine Lokomotive und hatte einen dunkelroten Kopf. Für mich sah das aus wie Bluthochdruck, aber es ist nicht mein Job, das zu bemerken. Und vielleicht täuschte ich mich auch. Ich hoffte nur, dass ich ihm nicht gleich helfen müsste. Ich wurde persönlich von einer Crew-Mitarbeiterin begrüßt und gefragt, ob es mir gut ging, dann rollte der Vogel los. Nach den Sicherheitshinweisen wussten wir alle, wie der Gurt anzulegen ist, wann die Sauerstoffmaske aus der Decke fällt und wo die Notausgänge sind, und wenig später waren wir schon in der Luft. Wir gewannen sehr schnell an Höhe, es dröhnte, wackelte und rumpelte ziemlich, während wir eine graue Wolkendecke durchquerten.

Der Flug verlief reibungslos und ohne medizinische oder andere Zwischenfälle. Auch der Klogang war unspektakulär. Wir haben uns ein wenig unterhalten, ich habe auch eine Zeitlang geschlafen. Irgendwann, schneller als gedacht, konnten wir wieder Festland unter uns sehen. Zum Aussteigen bekam ich, zwar erst, nachdem alle anderen draußen waren, aber immerhin persönlich meinen unbeschädigten Rollstuhl zurück. Die Passkontrolle, über die ja im Vorfeld so viel Dramatisches berichtet wurde, war völlig unspektakulär. Wir mussten unsere Papiere vorlegen und wurden gefragt, mit welcher Absicht wir ins Land reisen. Wir gaben an, an einem sportlichen Wettkampf teilnehmen zu wollen. Keine drei Minuten, dann war alles erledigt. Der Flieger war klimatisiert, der Flughafen auch, als wir allerdings nach draußen kamen, dachte ich, mich trifft der Schlag: Über 30 Grad Lufttemperatur schon vor dem Mittagessen, ein paar kleine Wölkchen am Himmel und eine Luftfeuchtigkeit, die an eine Waschküche erinnerte. Christin, die ja öfter mal auf internationalen Wettkämpfen startet, meinte, es sei günstiger, in einiger Entfernung zum Flughafen einen Mietwagen zu ordern als direkt im Flughafen. Womit sie völlig recht haben sollte. Während am Flughafen diverse Autovermieter ihre Station hatten, deren Namen oder Logo auch in Deutschland bekannt ist, gerieten wir drei Straßen weiter an einen lokalen Anbieter.

Hier bekam ich zum ersten Mal mit, was Kundenservice heißt. Als Christin und ich das Grundstück des Autovermieters betraten, eine Art Tankstellengelände zwischen ein paar Geschäftshäusern an einer vielbefahrenen Straße, hielt uns erstmal ein Mitarbeiter die Tür auf. Obwohl gerade schon jemand bedient wurde, wurden wir sofort gefragt, ob wir ein Auto mieten wollten. Wir bekamen einen Sitzplatz an einem runden Glastisch, bekamen ein Glas Wasser hingestellt – mit Unmengen von Eiswürfeln. „Sie ziehen Ihr Gepäck hinter sich her, Sie sind bestimmt gerade am Flughafen gelandet“, fragte uns der Mitarbeiter auf Englisch. Und fuhr fort: „Und jetzt suchen Sie einen Mietwagen. Ich bin mir sicher, wir werden das Passende für Sie finden. Haben Sie schon eine Idee, bevorzugen Sie eine bestimmte Marke?“

Christin sagte: „Nein, wir suchen nur einen fahrbaren Untersatz.“ – „Woher kommen Sie?“ – „Aus Deutschland.“ – „Oh, aus Deutschland! Das ist ja fantastisch! Ich habe schon viel gehört, es soll sehr schön dort sein. Eine Sache müssen Sie mir erstmal erklären: Wie fühlt es sich an, ohne jede Geschwindigkeitsbegrenzung fahren zu dürfen? Ich stelle es mir irre vor. Die Polizei im Rücken und du darfst fahren so schnell wie du willst.“ – Er amüsierte sich. Christin sagte: „Das Besondere daran ist ja: Wenn du so schnell fährst, wie es die Physik erlaubt, gibt es immer noch jemanden, der schneller fährt als du.“ – „Das muss ich gleich meinem Kollegen erzählen. Was war das Schnellste, was du je gefahren bist?“ – Inzwischen hörte uns ein weiterer Mitarbeiter zu. Christin sagte: „Ich bin mal bei ihr mitgefahren“, sagte sie und deutete auf mich, „da fuhren wir 220 Kilometer pro Stunde.“ – Unser Mitarbeiter fragte den anderen: „Wie rechnet man das in Meilen um?“ – Der andere Mitarbeiter antwortete: „Das machst du so wie du es am besten kannst.“

Dann kamen wir endlich zum Geschäftlichen: „Ich habe für euch ein deutsches Auto. Schönes Auto. Einen Wulkswahn. Dschätta. Automatik, Air Condition, Benziner, alle Meilen inklusive, Versicherung gegen Kollision und Diebstahl ohne Selbstbeteiligung, alle Gebühren und Steuern inklusive für 31,50 Dollar pro Tag. Vollgetankt ist er, vollgetankt muss er wieder abgegeben werden. Den würde ich nehmen. Wenn das zu teuer ist, hätte ich auch noch einen kleinen Mitsubishi für 26,50 Dollar pro Tag. Der fährt auch, aber ich würde den Dschätta nehmen. Einen Toyota SUV für 34 Dollar hätte ich auch noch. Oder, wenn es was luxuriöses sein soll, dann einen Bi-Emm-Dabbelju Icks Feif für 96 Dollar am Tag.“ – Einen Ford Transit als 15-Sitzer hätten wir auch haben können, für 170 Dollar pro Tag. Wir einigten uns auf den Toyota SUV, weil dort mein Rollstuhl ohne irgendwelches Gebastel in den Kofferraum passte. Beim Jetta hätten wir den erst zerlegen müssen. Kombis gab es gar nicht, nur Automatik, alle Autos hatten Klimaanlage. Kreditkarte, internationaler Führerschein vorzeigen, fertig. Der Mitarbeiter brachte uns zu unserem Auto, er erklärte einige Besonderheiten – und los ging es zum Hotel.

Wir mussten noch etwa 70 Kilometer fahren. Wir fuhren über eine sechsspurige Straße, und obwohl es einigen Verkehr gab, war alles sehr viel entspannter. Alle hielten sich sehr genau an das Tempolimit, einzig gewöhnungsbedürftig war, dass manchmal die rechte Spur recht unangekündigt in eine Ausfahrt überging. Etwas merkwürdig war auch, dass das Rechtsabbiegen bei Rot generell erlaubt war, solange das nicht ausdrücklich verboten war und man niemanden behinderte. Das klappte alles ganz gut.

Unser Hotel lag direkt am Meer, allerdings hatten wir aus Kostengründen ein Zimmer mit Blick zur anderen Seite gewählt. Der Unterschied lag bei fast 100 Dollar am Tag, was nun wirklich übertrieben war. Die Ausstattung war einfach, aber zweckmäßig. Der Raum war klimatisiert, es gab einen mit etlichen Säften, Mineralwasser und Softdrinks gefüllten Kühlschrank, eine barrierefreie Dusche, zwei Einzelbetten mit elektrisch verstellbarem Kopfteil, einen großen Flat-TV, der sogar ARD und ZDF digital empfangen konnte, vier Kissen pro Bett, kurzum: Nichts zu meckern.

Als erstes fuhren wir in ein Einkaufszentrum, um Sonnencreme, ein paar Lebensmittel und Getränke zu kaufen. Danach wollte ich nur noch eins: Gib mir Sonne, gib mir Strand, gib mir Meer. Am Strand gab es einen befestigten Weg und an einer Station, die auch Fahrräder vermietete, gab es Strandrollstühle zu mieten. Selbst für die 12 Dollar pro Tag brauchte es eine Kreditkarte, mit Bargeld wären wir nicht weitergekommen. Aber es gab keinen Kommentar, keine Diskussion, keinen blöden Spruch. Ich möchte so ein Ding ausleihen, und ich konnte so ein Ding ausleihen. Die Mitarbeiter benahmen sich so als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen als Strandrollstühle an Menschen mit Behinderung zu verleihen. In Deutschland würde dafür erstmal der Bürgermeister angerufen und nach den Verwaltungsvorschriften gefragt werden. Ist jetzt übertrieben, aber so kommt es mir häufig vor. Es war hier alles so unkompliziert.

Auch im Hotel. In unserem Raum gab es einen Sitz für die barrierefreie Dusche. Und fest montierte Haltegriffe. Ansage beim Check-In: Wenn Sie mobile Haltegriffe, die man mit Unterdruck an die Fliesen klebt, oder einen Dusch- oder Toilettenrollstuhl benötigen, oder Lagerungskissen oder weitere Decken, dann sagen Sie bitte Bescheid. Es gab einen Eimer für Hygienemüll im Bad. Alle Spiegel waren in sitzender Position nutzbar. Selbst am nächsten Morgen beim Frühstück gab es wahlweise eine Art kleinen Einkaufswagen, auf den man sein Tablett stellen konnte und das Ding vor sich herschieben konnte, oder ein Tablett mit einer Art Kissen drunter, das man sich auf den Schoß stellen konnte.

Insgesamt waren die Menschen dort sehr viel entspannter. Es drehte sich niemand nach mir um. Es glotzte mich auf der Strandpromenade niemand an. Es laberte mich niemand dicht, die ganze Woche lang nicht. Niemand erzählte mir, was besser für mich sei oder dass er auch schon einmal in einem Rollstuhl gesessen hat. Einmal saß ein kleiner Junge in unserem Frühstücksraum mitten im Weg. Bevor ich dort ankam, sagte die Mutter zu ihm: „Denke bitte dran, dass auch andere Menschen hier sind und du nicht mitten in einem Durchgang sitzt.“ – Daraufhin sagte der Junge: „Die Menschen kommen aber an mir vorbei.“ – „Die Frau im Rollstuhl beispielsweise nicht.“ – Woraufhin er sich ohne ein weiteres Wort anders hinsetzte. In Deutschland gibt es Menschen, die stellen oder setzen sich bewusst in den Weg, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Nein, keine Paranoia.

Ergebniskosmetik

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Ich hatte gestern morgen einen weiteren Termin in Helenas Schule. Zusammen mit Marie. Beim Direktor. Wegen des dicken Bretts. Mir war klar, dass sein Sekretariat erstmal mit ihm Rücksprache hält, bevor wir einen Termin bekommen. Wir bekamen aber sofort einen. Wurden in sein Büro geführt, wir sollten uns an einen Tisch setzen, er würde gleich kommen. Marie sagte: „Ich bin mal gespannt, was für eine eklige Erklärung wir hier gleich bekommen.“ – Ich antwortete: „Gar keine. Du ahnst nämlich noch nicht, wie eklig ich werden kann.“

In dem Moment kam der Direktor herein, gab uns die Hand. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie warten lasse, ich musste erstmal eine Vertretung organisieren, normalerweise habe ich jetzt Unterricht. Aber wenn hier etwas so dringlich ist, hat das natürlich Vorrang. Ich wünsche mir zwar, dass Sie keine neuen Horrornachrichten für mich haben. Aber wenn ich die Dringlichkeit und Ihre bedrückten Gesichter sehe, bekomme ich fast schon Angst. Schießen Sie mal los, was ist passiert?“

Ich öffnete meine Mappe, die ich vor mir auf den Glastisch gelegt hatte, holte eine Kopie von Helenas Zeugnis heraus, legte es vor dem Direktor auf den Tisch und sagte nichts. Er nahm das Zeugnis in die Hand, guckte es mit großen Augen an, guckte mich an, guckte Marie an und sagte: „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter. Ich möchte dazu gar nichts sagen. Wo ist das Original?“

„Bei uns zu Hause“, sagte ich. Der Direktor antwortete: „Tun Sie mir mal bitte einen Gefallen. Stellen Sie bitte schriftlich den offiziellen Antrag, dass die schriftlichen Leistungsnachweise von Helena im Fach Englisch auf die Einhaltung der Prüfungsbedingungen überprüft und nachträglich für ungültig erklärt werden. Erstens. Und zweitens, dass daraus folgend die Englischnote im Halbjahrszeugnis überprüft wird.“

Ich sagte: „Das will ich gerne machen. Können Sie mir denn erklären, wie Ihre Unterschrift unter das Zeugnis kommt?“ – „Frau Socke, machen Sie es nicht komplizierter als es schon ist. Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen. Sie wird ein neues Zeugnis bekommen, dann ohne Englischnote. Das ist im Moment alles, was ich für Euch tun kann. Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

Auf mich wirkt es so, als hätte der Direktor mit der Englisch-Lehrkraft gesprochen, und als hätte die Englisch-Lehrkraft sich jetzt im Zeugnis darüber hinweg gesetzt. Oder sich sogar gerächt. Unter diesen Umständen wäre ein weiterer Unterricht bei dieser Person für Helena nicht mehr zumutbar. Also gehen wir jetzt den Schritt und lassen offiziell überprüfen, ob das seine Richtigkeit hat. Dazu müsste es ja dann einen schriftlichen Bescheid geben, der wiederum eine Grundlage für weitere Schritte bietet.

Ein Schulwechsel kommt für Helena nicht in Betracht. Die nächste geeignete Schule ist 26 Kilometer weit entfernt. Und es ist nicht gesagt, dass es dort besser wird. Im Gegenteil. Von daher hoffe ich, dass der Direktor es schafft, ein wenig mehr Ordnung in seinen Laden zu bringen. Und sein Angebot nicht nur kurzfristige kosmetische Effekte hat. Auch wenn das leider zu befürchten ist.