Nochmal Openwater

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Nachdem mir der Fünf-Kilometer-Wettkampf vor vier Wochen so gut gefallen hat, war es klar, dass ich zustimmen würde, dieses Mal sogar sofort, als Christin mich in der letzten Woche fragte, ob ich sie noch einmal begleiten würde. Wieder Ausland, dieses Mal anderes Land, wieder nur wenige Autostunden von meinem derzeitigen Wohnort entfernt. Wieder in einem Binnensee, wieder über zwei Tage, wieder mit unterschiedlichen Wettkämpfen für Schüler und Erwachsene.

Wir wollten direkt nach meinem Dienst losfahren. Ich hatte angeboten, Christin von Zuhause abzuholen. Plötzlich, ich schrieb gerade einige Berichte an meinem Arbeitsplatz, klingelte mein Telefon in der Hemdtasche. „Hier ist eine junge Frau. Sie möchte direkt zu dir.“ – „Name?“ – „Christin […]“ – „Kannst du schicken.“

Eine halbe Minute später klopfte es an meiner Tür. Als Christin vorsichtig ihren Kopf durch die Tür steckte, konnte ich mir nicht verkneifen, sie so zu begrüßen, wie sie es immer macht, wenn ich in der Schwimmhalle darauf angewiesen bin, dass mir jemand den Nebeneingang öffnet. „Tschuldigung, haben Sie sich in der Tür geirrt? Das hier ist die Kinderstation.“ – Christin antwortete schlagfertig: „Bin noch ein Baby und möchte mir einen Schnuller abholen. Außerdem habe ich gerade meine Dreimonatsblähungen, wollen Sie mal hören?“

Sie kam hinein, setzte sich auf einen freien Stuhl und meinte: „Hier arbeitest du also. Und so siehst du aus, wenn du arbeitest.“ – „Ja. So sehe ich aus.“ – „Warum hast du kein Stethoskop um den Hals? Ich habe das immer für ein Erkennungszeichen gehalten.“ – „Das brauche ich zum Briefe tippen nicht. Das liegt hier.“ – „Warum hast du keinen weißen Kittel an?“ – „Das ist kein Kittel, sondern ein Mantel.“ – „Wie, der Kittel ist ein Mantel?“ – „Genau. Ich darf aber statt des weißen Mantels auch nur weiße Jeans und weißen Kasack tragen.“ – „Was ist ein Kasack?“ – „Das ist ein hüftlanges Hemd mit überlappendem V-Ausschnitt, das man sich über den Kopf zieht.“ – „Und das jetzt?“ – „Das sind eine blaue Hose und ein blaues Schlupfhemd.“ – „Hast du einen BH drunter?“ – „Willst du nachgucken?“

„Später. Und wieso steht hier keine Liege drin?“ – „Weil das hier ein Rückzugs- und Schreibraum ist und kein Untersuchungsraum. Hier kommen keine Patienten rein.“ – „Hast du Drogen hier?“ – „Hier nicht, aber im Stationszimmer ist ein Giftschrank.“ – „Ist da Marihuana drin?“ – „Nö. Brauchst du welches?“ – „Nee, ich bin Sportlerin und will morgen starten und da bestimmt keine Dopingsperre bekommen. Aber ich würde gerne mal sehen, wie sowas aussieht. Also in echt. Hast du schonmal einen Joint geraucht?“ – „Nee. Und das möchte ich auch nicht. Drück mal bitte die Daumen, dass das hier heute ohne größere Katastrophen vorüber geht, damit wir pünktlich loskommen. Wieso bist du eigentlich hierher gekommen? Ich hätte dich doch abgeholt?“ – „Naja, wäre halt eine Stunde Umweg gewesen für dich und ein paar Busse fahren doch.“

Nachdem Christins erste Neugier gestillt war und die letzte Stunde meines Dienstes ohne größere Katastrophen vorüber ging, saßen wir pünktlich im Auto. Kamen sehr gut durch und waren nach einigen Stunden trotz Geschwindkeitsbeschränkungen und Sommerreiseverkehr sehr schnell dort, wo wir hin wollten. Zelt aufbauen, den Kompressor das Luftbett aufblasen lassen, schnell noch eine Kleinigkeit essen, in einem Waschhaus, sogar mit Klappsitz an der Wand für Menschen mit Behinderung, duschen, Zähne putzen, ab in die Falle. Wir zwei unter einen aufgefalteten Schlafsack, wegen der Wärme, vielleicht auch aus anderen Gründen, unbekleidet. Christin: „Ich hab mich schon seit Tagen darauf gefreut, mit dir zu schmusen. Du bist so sanft und so zärtlich.“

Oha. Was für Komplimente. Nein, es gab wieder einfach nur Hautkontakt. Ein wenig den Rücken streicheln, eng aneinander liegen. Kein Knutschen, keine Intimitäten. Wobei ich das schon sehr intim finde. Aber ich könnte mir natürlich noch sehr viel mehr vorstellen. Und ehrlicherweise auch mit ihr. Aber ich bin da zurückhaltend. Ich stimme zu, aber ich fordere es nicht heraus. Es ist sehr schön mit ihr und es macht sehr viel Spaß. Vor allem ihre Unbefangenheit finde ich sehr erfrischend. Manchmal benehmen wir uns wie Kinder.

Zum Beispiel wachte ich mitten in der Nacht auf. Zum Glück. Das, was ich zum Abendessen getrunken hatte, wollte raus. Das ist der Nachteil beim Zelten: Zu Hause wäre ich jetzt vom Bett schnell in meinen Stuhl rübergerutscht und zum Klo gerollt. Das kann ich auch im Dunkeln. Hier müsste ich vom Fast-Boden nach oben. Zum Waschhaus. Mir vorher was anziehen. Bis das alles so weit ist, hat meine autonome Querschnitt-Blase schon ihre Geduld verloren. Irgendein Gefäß würde ich im Dunkeln sicherlich auch nicht treffen. Also Pampers anziehen und hoffen, dass Christin mich morgen früh nicht allzu eklig findet. Wobei ich sie ja inzwischen etwas besser einschätzen kann und die Sorge wohl unbegründet ist. Während ich in meiner Tasche wühlte, flüsterte sie: „Was rödelst du denn da rum?“ – „Ich muss dringendst pissen“, flüsterte ich zurück. Sie stand schlagartig auf und wollte mich hochheben. „Ich trag dich.“ – „Nackt oder was?“ – „In die Sauna gehst du doch auch nackt. Ich dachte, es wäre dringend.“ – „Ja, aber ich gehe doch nicht nackt in das beleuchtete Waschhaus!“ – „Quatsch, nächste Hecke!“ – „Wenn das einer sieht.“ – „Wenn du die Klappe hältst, bestimmt nicht. Die pennen alle. Wehe, du furzt dabei laut.“

Es dürfen mich gerne tausende Leserinnen und Leser für bescheuert halten und die Szene total verstörend, aber das war ein Spaß! Christin hat mich unter meinen Kniekehlen vor sich hergetragen, wie man ein kleines Mädchen in freier Natur abhalten würde, bis zu einer Hecke. Es fehlte nur, das gleich ein Platzwart mit einer Taschenlampe irgendwo um die Ecke biegt und uns in die Augen leuchtet. Ich hatte dermaßen Herzklopfen, dass uns hier jemand sehen oder beobachten würde. Es war zwar stockdunkel, aber eben auch total still. Man hörte jeden Schritt auf dem Gras. Christin stach der Hafer, sie schwenkte mich hin und her wie eine Gießkanne, mit der jemand ein Beet bewässern wollte. „Merkst du das eigentlich, wenn ich deinen Arsch durch die Brennesseln schwenke?“, flüsterte sie mit gepresster Stimme, ihr Lachen unterdrückend. Ich flüsterte: „Merken nicht, aber die Hautreaktion wäre die gleiche. Also lass es!“

Ich war so erleichtert und glücklich, als wir wieder unter dem Schlafsack lagen. Am nächsten Morgen war zuerst unser Check-In angesagt. Wir mussten unsere Unterlagen abholen und im Internet ein Video anschauen, mit dem wir instruiert werden sollten. Hier fiel die Begrüßung weniger herzlich aus als beim vorherigen Wettkampf. Was mir nicht schlechter gefiel, denn eigentlich mag ich keine Sonderrollen. Auch wenn ich erneut die einzige Rollstuhlfahrerin war. Aber es gebe noch einen älteren Herrn mit einem im Oberschenkel amputierten Bein, sagte man uns. Der schwimme schon seit Jahren mit. Persönliches Begleitkajak sei hier übrigens nicht zugelassen. Allgemein wären Rettungsschwimmer im Kajak dabei, aber persönliche Assistenz sei nicht möglich. Das würde ich aber so überleben, davon war ich überzeugt.

Am Samstagmorgen war Christin dran. Das Teilnehmerfeld war nicht allzu groß, lediglich acht Frauen wollten die zehn Kilometer lange Strecke schwimmen. Christin kam nach zwei Stunden und knapp fünfzehn Minuten als erste an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die nächste Frau war rund zehn Sekunden hinter ihr. Wahnsinn. Ich habe fast geheult, als ich die beiden gegeneinander kämpfen sah und sich immer mehr abzeichnete, das Christin vorne sein würde. Keine Ahnung, woher sie nach zwei Stunden die Energie nahm, noch einen Sprint einzulegen. Aber am Ende hat sie sich belohnt.

Mein Start war am frühen Nachmittag. Christins weiche Knie hatten sich inzwischen einigermaßen erholt. Ich lag im Zelt auf dem Luftbett, wir zogen mir zusammen ihren Schwimmanzug an. Wenn ich das öfter machen sollte, würde ich mir selbst so ein Teil für 300 Euro und mehr kaufen. Jetzt, für den zweiten Wettkampf, wollte sie mir ihren alten Wettkampfanzug, den sie nur noch als Ersatz dabei hat, erneut leihen. Und ich hatte das Glück, das unsere Körpergröße und auch unser Körperbau relativ gleich ist. Wenn man von meinen etwas dünneren Beinen mal absieht, aber sie sind immerhin noch dick genug, dass sie die langen Beine des Anzugs ohne Falten ausfüllen. Nach zwanzig Minuten hatte ich das Ding an. Vielleicht würden wir das auch in 15 Minuten hinbekommen, aber das Ding sitzt so eng, dass man bloß nicht ins Schwitzen kommen sollte. Dann geht nämlich gar nichts mehr.

Das Briefing hatten wir ja schon per Onlinevideo bekommen, von daher konnten wir uns eine lange Warterei im aufgeheizten Großraumzelt sparen und gleich auf den Steg. Christin cremte mich zum letzten Mal fett mit Sonnenmilch ein. Und mit Vaseline an jenen Stellen, an denen der Anzug scheuern könnte und die Haut sich die ganze Zeit bewegt. Badekappe und Brille vernünftig festgeklebt, drei Trinkbeutel hinten in den Anzug gesteckt, am liebsten wäre ich mich nochmal etwas eingeschwommen, nur wäre ich nie im Leben vom Wasser aus wieder auf den Steg gekommen. Nur mit einem riesigen Umweg über Land.

Als endlich gestartet war, dachte ich mir: Nee, oder? Worauf hast du dich da jetzt nochmal eingelassen? Zwei Stunden schwimmst du jetzt durch diesen See. Und dieses Mal zeigte sich gleich am Anfang, dass die elf Frauen, die gegen mich antreten würden, schneller sein werden als ich. Erheblich viel schneller. Aber das war mir egal. Ich hing meinen Gedanken nach und schwamm einfach. Irgendwo tuckerte ein Motorboot vor mir her. Jedes Mal, wenn ich einatmen wollte, atmete ich Abgase ein. Das war sehr lästig. Aber auch schnell wieder vorbei. Ich schwamm. Und schwamm. Und schwamm.

Ein Begleitkajakfahrer interessierte sich für mich und blieb auf meiner Höhe. Irgendwann war er wieder weg. Es passierte rein gar nichts. Außer dass ich schwamm. Nach einem Kilometer kam die erste Boje. Oder vielmehr eine etwas größere aufgeblasene Tüte, die auf dem Wasser hin und her schaukelte. Mir ging es gut. Mein Tempo hatte ich richtig gewählt, ich konnte gut atmen, die Wassertemperatur war okay. Plötzlich war die zweite Boje da. Ich hatte sie zwar angeschwommen und immer mal wieder nach ihr geschaut, aber dann war sie sehr überraschend dichter gekommen. Noch fünfhundert Meter bis zur Wasserstation. Sollte ich schonmal was trinken? Das Bedürfnis hatte ich nicht.

Als ich an dem Schwimmsteg in der Nähe des Ufers ankam, fragte mich jemand: „Warm oder kalt?“ – „Kalt!“ – „Große oder kleine Flasche?“ – „Große!“ – Ich bekam eine 750-Milliliter-Wasserflasche mit einem Sportdeckel drauf, wie man sie auch in einem berühmten Discounter bekommt, angereicht. Ich drehte mich auf den Rücken, legte meinen Kopf waagerecht hinein, ließ mich treiben und nuckelte an dieser Flasche. Ich hatte doch ziemlichen Durst. Knapp einen halben Liter soff ich aus, das restliche frische Wasser spritzte ich mir über mein Gesicht, um mal etwas anderes wahrzunehmen als immer nur Seewasser und um einmal kurz etwas sauberes Wasser ins Gesicht zu bekommen. Dann warf ich die Flasche in Richtung des Stegs und schwamm weiter.

An der nächsten Boje hatte ich zum ersten Mal das Bedürfnis, etwas zuckerhaltiges zu mir zu nehmen. Ich griff nach einem Trinkbeutel und schüttete dessen Inhalt in mich hinein. „Bitte ohne spucken dieses Mal“, dachte ich mir. Klappte. Ich bildete mir ein, die Wirkung des eingeflösten Zuckers in den Muskeln merken zu können. Kurz vor der vierten Boje schüttete ich noch einmal den Inhalt eines Trinkbeutels in mich hinein. Wieder glaubte ich, einen kleinen Energieschub wahrnehmen zu können. Es schwamm sich besser als ich erhofft hatte und ich hatte auch nach vier Kilometern keine nennenswerten Probleme. Ich musste nicht spucken, wie beim letzten Mal, meine Blase spielte nicht verrückt, wie beim letzten Mal, ich verschluckte mich nicht in einer Tour, wie beim letzten Mal, sondern ich hatte das Gefühl, dass ich auch noch einen sechsten Kilometer schaffen würde. Allerdings war keine schnellere Geschwindigkeit drin. Und ich schätze, dass ich einen sechsten Kilomter zumindest anteilig geschwommen bin, denn zuletzt kam mir der Wind entgegen.

Nach zwei Stunden und 21 Minuten schlug ich an. Deutlich langsamer als beim letzten Mal. Aber dafür war mein Kreislauf wesentlich fitter. Ich schwamm in einen flacheren Bereich. Erst jetzt merkte ich, dass eine ganze Traube von Zuschauern mir applaudierte. Und erst jetzt erfuhr ich, dass diejenige, die zuletzt vor mir ins Ziel kam, schon seit einer Dreiviertelstunde da war. Aber ankommen ist alles.

Ich schwamm vorsichtig zu einer Stelle, an der das Wasser so flach war, dass ich mit dem Po auf den Grund sitzen konnte, während mein Kopf noch über Wasser war. Christin hatte Shorts und Shirt an und kam in meine Nähe, bis sie bis zu den Knien im Wasser war. „Ich weiß nicht, wieviele spitze Steine hier im flachen Wasser sind. Oder Scherben. Ich würde dich gleich auf den Arm nehmen. Sag du mir Bescheid, wann wir loslegen können.“ – „Bescheid.“

Als ich im Stuhl saß, begannen meine Beine zu zittern. Ihnen fehlte mal wieder der Nervenimpuls. Einige der umstehenden Leute guckten etwas sparsam aus der Wäsche. Was ich etwas doof fand: Die Siegerehrung für „meinen“ Wettkampf war bereits gelaufen. Ich meine: Einerseits ist klar, dass man nicht auf mich warten möchte, zumal ich als Letzte ja nicht aufs Treppchen komme. Aber andererseits kenne ich das nicht, dass man eine Siegerehrung durchführt, während der Wettkampf noch läuft. Aber egal. Ich hängte mir ein Handtuch um, Christin schob mich zu unserem Campingplatz, ich duschte mir dort Vaseline und grünes Seewasser ab und befand: Das war nicht die letzte lange Strecke. In diesem Sommer vielleicht. Aber in diesem Leben sicher nicht.

Kein Triathlon IV

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Hier kommt nun der letzte Teil meines mal wieder ausführlich beschriebenen Erlebnisses. Und ich warne vor: Es wird exkrementlastig. Wer da empfindlich ist, liest vielleicht lieber ein wenig im Telefonbuch.

An meinem „großen Tag“ weckte mich der Wecker. Nicht die Enten. Als ich nach dem Duschen wieder im Zelt war, sagte Christin: „Ziehe ich dir das Ding jetzt im Zelt im Liegen an oder legen wir drüben eine Decke auf die Wiese? Im Sitzen wirst du es nicht über den Hintern kriegen.“ – Gemeint war ihre Ersatz-Hightech-Schwimmkleidung, die sie bereits ausrangiert und nur für den Notfall noch dabei hatte. Oder für Stinkesocken, die ziemlich genau die gleichen Körperproportionen haben. Ich antwortete: „Ich lege mich nicht nackt vor den Augen anderer auf eine Decke.“ – „Dann hier. Danach nur noch Zelt abbauen, das mache ich, alles ins Auto, Klappe zu, rüberrollen.“

Ich habe noch nie in meinem Leben so ein enges Teil angezogen. Christin meinte die ganze Zeit, dass das so eng sein müsse. Ich dachte, ich implodiere gleich. Über die Beine ging es in etwa zehn Minuten. Das war wie eine superenge Feinstrumpfhose. Stück für Stück. So stelle ich es mir vor, Kompressionsstrümpfe anzuziehen. Dann über den Hintern. Was an sich kein Problem wäre, müsste nicht der ganze Stoff, der später den Oberkörper bedeckt, auch mit drüber. Der Stoff erinnerte mich irgendwie an Butterbrotpapier. Ich war in erster Linie damit beschäftigt, nicht wegzurutschen. Aber Christin war völlig ruhig. Nach weiteren zehn Minuten hatte sie das Ding über meinen Popo bekommen. Dann nochmal überall etwas nachziehen, dann bis zur Brust hochziehen und wieder runterschieben. „Oben ziehst du dir jetzt ein Shirt drüber, das machen wir erst kurz vor dem Start, sonst schneidet es später an den Schultern so in die Haut ein.“ – „Darf ich atmen?“ – „Wenn es noch geht, gerne. Unten ziehst du dir eine lange Sporthose drüber, damit du nirgendwo hängen bleibst und ein Loch reinreißt. Du siehst klasse aus.“

Hatte schonmal irgendwer so ein Teil an und weiß, wovon ich schreibe? Ich fürchte: Nein. Während ich mich schonmal auf den Weg zum Call-Tent machte, wo sich alle Schwimmerinnen eine halbe Stunde vor dem Start zu letzten Anweisungen einfinden sollte, baute Christin unser Zelt ab. Eigentlich wollte ich mich nochmal einschwimmen. Aber das würde ich zeitlich nicht mehr schaffen. Egal, es ging um nichts. Außer ankommen. Ein Mensch vom Orgateam kam auf mich zu und sprach mich in gebrochenem Deutsch an. „Mein Name ist Freddi und ich bin für ihre persönliche Assistenz zuständig. Wenn Sie Hilfe benötigen, rufen und winken Sie bitte nach mir. Ich bin immer auf dieser Wiese oder auf dem Steg.“ – „Dankeschön.“

Ich war so aufgeregt. Meine Badekappe hatte ich irgendwo. Meine Schwimmbrille auch. Christin kam zu mir. „Ich habe das gerade noch mit dem Kajak geklärt. Ich helfe dir auf den Steg und beim Start, dann komme ich im Kajak hinter dir her und begleite dich bis zum Ziel. Die ersten fünf bis zehn Minuten müsstest du alleine schaffen. Ich habe mir schon eine Schirmmütze organisiert gegen die Sonne. Eincremen mache ich, wenn ich dir den Anzug hochgezogen habe, sonst habe ich keine Kraft. Und dann geht es los. Bist du aufgeregt?“ – „Wahnsinnig.“ – „Hör gleich gut zu beim Briefing. Nicht dass du die Bojen falsch anschwimmst und disqualifiziert wirst. Ich würde deinen Rollstuhl auch gerne ins Auto werfen. Zum Steg kommen wir damit eh nicht runter, das Ding versandet unterwegs. Ist es okay, wenn ich dich auf den Arm nehme?“ – „Meinetwegen ja, aber bin ich dir nicht zu schwer?“ – „Das kriege ich hin.“

Sie war sehr fürsorglich. Was ich sonst nicht so mag. Aber irgendwie konnte sie es so gut abgrenzen. Verstand, wo es mir half und wo es unangebracht war. Bis das Briefing startete, dauerte es gefühlt endlos. Ich saß zusammen mit Christin in der letzten von fünf Klappstuhlreihen in einem großen weißen Zelt. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich versuchte, mich zu entspannen. Christin drückte mir erneut meine Trinkflasche in die Hand und brachte erstmal meinen Rollstuhl ins Auto, während ich auf einem wackeligen Holzklappstuhl saß. Neben mir saßen rund dreißig Frauen, wenige ein paar Jahre jünger als ich, etliche ein paar Jahre älter als ich. Durchschnittlich wohl um die 30. Als Christin wieder da war und sich neben mich setzte, fing endlich jemand mit der Begrüßung an. Der Zeitplan war schon nicht mehr zu halten. In zwei Minuten sollte der Start sein. Die Männer waren schon lange im See. Es begann damit, dass die Windstärke unter drei sei, die Wassertemperatur 23,6 Grad und die Luft bereits 25 Grad hätte. Alles auf Englisch. Was wichtig sei, wenn jemand einen Krampf bekäme. Dass man sich nirgendwo festhalten dürfe, auch nicht am Begleitboot. Dass die Strecke amtlich vermessen sei und zur Qualifikation für höhere Leistungsstufen geeignet sei. Mein größtes Problem war (wie könnte es auch anders sein) mal wieder meine Blase. Das würde nicht mehr lange gut gehen. Und er hörte einfach nicht auf zu sabbeln. Noch eine Regel, noch ein Hinweis. Die junge Frau neben mir war auch schon ganz nervös und wippte die ganze Zeit mit ihren Beinen. Ich flüsterte Christin ins Ohr: „Wenn der noch lange labert, geht hier was schief.“ – Christin sagte: „Ist Rasen unterm Stuhl. Merkt keiner.“

Nö, das würde ja auch gar nicht plätschern. Ich überlegte, ob ich mich lieber auf den Boden setzen sollte. Dann endlich war er fertig. „Wenn keine weiteren Fragen mehr sind, begeben Sie sich bitte direkt bis vor den Steg. Sie werden einzeln aufgerufen.“ – Christin nahm mich auf den Arm. Einen Arm unter meine Knie, einen Arm hinter meinen Rücken und unter meine Schultern, ich hielt mich mit einem Arm an ihren Schultern fest. Sie trug mich nach draußen und setzte mich auf den Rasen vor den Steg. Wahnsinn, wie kräftig sie war. Es machte ihr scheinbar überhaupt nichts aus. Ich bin nun auch nicht sehr schwer, aber ich bin auch kein Kind mehr. Ein herumstehendes älteres Paar, er mit einem Wanderstock in der Hand, tuschelte hörbar: „Ach, die ist behindert. Ich wundere mich schon, warum sie getragen wird. Schwimmt die auch mit? Nicht, dass die untergeht.“ – Christin murmelte leise: „Fresse.“

Vorsichtig mein T-Shirt ausziehen und vor die Brust halten, während Christin mir die Träger über die Schultern zog. Das war nochmal ein Akt. Und ich weiß, too much information, aber es blieb uns nichts erspart: „Ich piss jetzt echt hierhin“, sagte ich. Christin meinte: „Ja schön. So trocken, wie das Gras ist, versickert das an Ort und Stelle.“ – Ich war froh, es zumindest bis hierhin geschafft zu haben. Christin schmierte mich an den Schultern und am Hals fett mit Sonnencreme und Vaseline ein. Eine Badekappe auf den Kopf, Schwimmbrille drüber, zweite Badekappe, festkleben. An der Stirn, an den Wangen. Ich bekam meinen Transponder ums Handgelenk. Auch festkleben. Mit wasserfestem Klebeband. „Der rödelt sich sonst los in den nächsten Stunden“, wusste Christin. Hätte ich alles nicht auf dem Schirm gehabt. Nun kam endlich die Frau mit dem dicken schwarzen Fasermaler und schrieb mir meine Startnummer auf die Oberarme und auf die Hände. Christin gab mir drei Squeez-Trinkbeutel für unterwegs. „Steck sie dir hinten rein.“ – „Was?“ – „Am Hintern oben in den Badeanzug. Dann hast du was mit Zucker, wenn du schnelle Energie brauchst. Wasser bekommst du an der Verpflegungsstation, das hat er ja eben erklärt. Gesalzene Suppe gibt es heute nicht.“ – „Haha.“

Dann durfte Christin mich endlich auf den Steg bringen. Ich saß am äußersten linken Ende. Man rechnete wohl damit, dass ich die langsamste sein würde. Ich saß auf Christins Handtuch. Mit meinem angepinkelten Hintern. Es dauerte nochmal rund fünf Minuten, dann hob ein Mensch auf einem Motorboot endlich seine Fahne. „Take your marks …“ – Mit dem lauten Hupen aus einer Druckluft-Tröte sollte es losgehen. Ich war durch das lange Sitzen außerhalb des Wassers richtig aufgeheizt und dachte für einen Moment, ich bekäme Kreislauf, als ich in das kalte Wasser fiel. Ich schwamm einfach. Christin hatte Recht. Die optimierte Wasserlage durch den geringfügigen zusätzlichen Beinauftrieb in dem langen Schwimmanzug war vorteilhaft. Und die Gleit-Eigenschaften auch. Ich kraulte. Ich suchte eine Geschwindigkeit, die ich möglichst eine lange Zeit durchhalten könnte. Ohne dass ich heute abend noch beschäftigt wäre. Die ersten hundert Meter liefen gut. Ich war nicht die letzte, sondern hatte bereits zwei Frauen überholt. Ohne mich angestrengt zu haben. Ich versuchte eine lockere Armfrequenz und eine ganz ruhige Sechser-Atmung. Klappte. Allerdings nicht immer, manchmal wollte ich atmen und bekam wegen einer Miniwelle den Mund nicht aus dem Wasser. Dann zur anderen Seite … klappte. Doch, es lief besser als gedacht. Schon zweihundert Meter? Und noch immer zwei Leute hinter mir. Gut.

Ich versuchte, abzuschalten. Sechser-Atmung. Ganz ruhige und lange Züge. Ellenbogen weit aus dem Wasser raus. Schön den letzten Druckpunkt noch mitnehmen. Kopf konkret zum Atmen hochdrehen und nach dem Einatmen zackig wieder ins Wasser zurück. Finger zusammen. Sauber eintauchen, Arme weit vorstrecken. Lief. Um Christin zu entdecken, atmete ich jetzt zur anderen Seite. Nein, sie war noch nicht da. Oder? Egal. Sie würde mich schon entdecken und im Moment brauchte ich sie nicht. Richtiger Kurs? Ja. Die nächste Boje liegt vor mir. Die beiden Frauen waren weiterhin hinter mir. Nicht ablenken lassen. Schwimmen.

So schwamm ich. Und schwamm. Und schwamm. Irgendwann sah ich Christin. Ihr Kajak fuhr etwa zehn Meter neben mir. Tipps dürfte sie mir nicht geben. Aber falls irgendwas schief gehen würde, wäre sie da. Ich schwamm. Und schwamm. Das Tempo schien okay zu sein. Das würde ich durchhalten können. Vermutlich. Habe ich es auf Anhieb richtig gewählt? Wahnsinn. Das ist das erste Mal, dass ich eine so lange Strecke im See schwimme. Die beiden Frauen sind noch immer hinter mir. Die erste Boje würde bei 1,5 Kilometern kommen. Da war ich noch lange nicht. Obwohl … Konzentration. Nicht so viele Gedanken machen, sondern sauber schwimmen.

Plötzlich war sie da. Wenn ich nach vorne schaute, konnte ich sie sehen. Die erste rote Boje. Alles lief gut. Wenn es so weitergehen würde, würde ich es schaffen. Die erste Wasserstation war in einem Kilometer. Ich griff nach einem Trinkbeutel. Ein Plastikverschluss. Ich legte mich auf den Rücken, bekam den Verschluss geöffnet und kippte das Zeug in mich rein. Apfelsaft. Geschätzt 200 Milliliter. Christin kam dicht an mich heran. „Schwimm du weiter, ich fische den Müll gleich aus dem Wasser“, rief sie mir zu. Das Trinken muss ich noch üben. Ich hatte dabei Luft geschluckt. Hat schonmal jemand unter Wasser gerülpst? Nee? Mahlzeit. Weiter im Text. Sechser-Atmung. Ging noch immer. Nochmal, nochmal, und Zack! Hatte ich eine Welle im Mund und verschluckt. Bäh. Ich musste husten. Heftig husten. Und kotzte dabei den Apfelsaft wieder aus. Boa, wie widerlich. Ich hustete nochmal. Und kotzte. Unter Wasser. Schwallweise. Ich drehte mich auf den Rücken. Nochmal husten. Nicht mehr kotzen. Und atmen. Atmen. Husten. Atmen. Ich drehte mich wieder in Bauchlage. Und musste wieder husten. Wieder zurück in Rückenlage. Eine Frau zog an mir vorbei. Ich hoffe, sie hatte nichts von meinem Apfelsaft abbekommen. Christin rief: „Was ist los? Verschluckt? Einmal aufrichten, abhusten, weitermachen!“ – Ich versuchte, meinen Oberkörper in eine senkrechte Position zu bekommen. Ich hatte noch mehr Luft im Magen, die jetzt rauskam. Danach war auch der Hustenreiz weg. „Weiter!“, brüllte Christin. Ist ja gut.

Weiter. Trinken will gelernt sein. Ich schwamm wieder. Vierer-Atmung. Irgendwann wieder Sechser-Atmung. Schwimmen, schwimmen, schwimmen. Meine Arme wurden schwer. Zuckermangel? Noch einen Versuch mit dem Apfelsaft starten? Wäre wohl besser. Wieder auf den Rücken drehen. Dieses Mal klappte es besser. Ich ging gleich nach dem Trinken einmal in die Horizontale, rülpste die Luft aus dem Magen, und schwamm weiter. So oft und so laut habe ich das wohl noch nie in meinem Leben gemacht. Aber wie sagte Christin? Ich bräuchte mich nicht zu genieren. Meine Blase war ruhig, mein Darm war ruhig, mein Magen war ruhig. Die schweren Arme wurden wieder leichter. Die Wasserstation kam in Sichtweite. Eigentlich hatte ich keinen Durst. Aber besser wäre es wohl. Die Wasserstation bedeutete auch, dass ich die Hälfte gleich geschafft hätte. Ich bekam eine Trinkflasche gereicht. Öffnete sie auf dem Rücken liegend und soff. Doch, ich hatte Durst. Zum Glück war es Wasser ohne Gas. Ich sah, dass inzwischen drei Leute hinter mir waren. Und ich konnte mich nicht erinnern, zwei überholt zu haben. War ich so konzentriert?

Einmal in die Horizontale. Nee, keine Luft im Bauch. Das lag wohl an diesen komischen Trink-Squeeze-Beuteln. Ich schwamm und schwamm. Und überholte tatsächlich noch eine Frau. Jetzt hatte mich der Ehrgeiz gepackt. Vier Schwimmerinnen hinter mir, obwohl sie mit Armen und Beinen schwammen? War ich so gut oder konnten die nur ihre Kräfte besser einteilen und würden mich auf dem letzten Kilometer überholen, während ich auf den Seegrund absinke? Schwimmen. Nicht so viel denken. Auch nicht darüber nachdenken, dass ich heute noch mit dem Auto wieder nach Hause fahren musste. Oder was wohl Helena macht, ob es ihr gut geht. Wie es Marie geht. Hallo, Kopf! Schwimmen!

Irgendwann war die nächste Boje in Sicht. Schon dreieinhalb Kilometer geschafft. Aber noch 1.500 Meter. Soviel wie 60 kurze Bahnen. Nach der Boje kamen die Wellen eklig von der Seite. Ich atmete zur anderen Seite. Und sah jetzt Christin ständig neben mir. Die Arme wurden schwer. Fühlte ich sie überhaupt noch? Halte ich das durch? Eigentlich nicht. Aber durchbeißen ist jetzt angesagt. Konzentrieren. Es war die letzte Boje. Und ich bin nicht die letzte Schwimmerin. Noch immer waren vier Schwimmerinnen hinter mir. Bei jedem dritten Versuch, zu atmen, bekam ich jetzt eine Welle ab. Und immer, wenn ich Seewasser in den Mund bekam, versuchte ich, es wieder auszuspucken. Was mir nicht immer gelang. Aber zum Glück verschluckte ich es nicht. Ich bekam Bauchweh. Das war auch keine Luft im Bauch, das war der Darm. Den ich eigentlich heute morgen entleert hatte. Würde ich am Ende auch so eine tolle Story erzählen können? Bitte. Nicht.

Nochmal Apfelsaft. Christin fischte den Müll aus dem Wasser. Nochmal rülpsen. Das ist nicht der Darm. Das ist die Blase, die da Theater macht. Als ich kurz in der Horizontalen war, fasste ich mir an den Bauch. Das war die Blase. Warum entleerte die sich nicht? Sonst tut sie das zu den unmöglichsten Momenten, und jetzt, wo sie es dürfte, macht sie es nicht? Soll das jemand verstehen? Ich versuchte, sie zu triggern. Unterleib beklopfen, an den Oberschenkelinnenseiten kratzen. Nö. Interessierte sie nicht. Ich bekam Gänsehaut. Könnte sie sich bitte entleeren?

Sie dachte nicht dran. Weiter im Text. Christin kam zu mir. „Was ist los? Nicht so lange unterbrechen, sonst kommst du raus. Es läuft so gut für dich.“ – „Ich muss dringend pissen und kann nicht.“ – Sie lachte. „Dreh dich auf den Rücken und versuch nochmal.“ – Ich drehte mich auf den Rücken. Kratzte nochmal an meinen Beinen. Nichts. Keine Chance. Die vierte Schwimmerin kam gefährlich nahe. Weiterschwimmen. Bevor ich aus dem Rhythmus kam. Der Ehrgeiz packte mich. Ich wollte es durchziehen. Und vor den vier anderen ins Ziel kommen. Ich schwamm zügig weiter und konnte auch wieder ein wenig größere Distanz zu der gefährlich nahe gekommenen Schwimmerin aufbauen. Ich schaute einmal nach vorne. Die nächste Schwimmerin war sehr weit weg. Die würde ich nicht mehr einholen. Das Ziel ist noch etwa einen Kilometer entfernt. Das würde ich schaffen.

Dann spielte doch tatsächlich noch mein Kreislauf verrückt. Mein Herz raste. Das war die Blase, die hier so extrem auf mein Nervensystem drückte. Einen Moment später hörte ich ein Rauschen in meinen Ohren, mir wurde schwindelig. Nicht lustig. Ich schwamm weiter. Drei, vier Sekunden später ging es wieder. Jetzt durchhalten bis zum Ende. Kreislauf, Kreislauf, Kreislauf. Abwechselnd Herzrasen und dann Blutdruckabfall. Rauschen in den Ohren, schwindelig. Aber immer nur Sekunden. Ich konnte dabei aber weiter schwimmen. Übel war mir. Nochmal spucken? Bitte nicht. Jetzt so kurz vor Ende aufgeben? Bitte auch nicht. Ich schwamm näher an Christin heran. Drehte mich auf den Rücken. Sagte zu ihr: „Ich hab Kreislaufprobleme. Bleib mal bitte in meiner Nähe.“ – Und schwamm weiter. Viereratmung. Die Atmung wurde immer flacher. Am Ende schwamm ich immer langsamer, aber mit Zweieratmung. Übel war mir. Egal jetzt, die Anschlagbrücke, unter der ich durchschwimmen müsste, ist da vorne. Sichtbar. Durchziehen jetzt. Endspurt? Daran war nicht zu denken. Ich könnte froh sein, wenn ich da ohne Abzusaufen ankomme. Kreislauf grüßt erneut. Nie so, dass es unbeherrschbar wurde, aber doch deutlich merkbar. Dann endlich: Das Ende ist keine 50 Meter mehr weg. Und die vier Schwimmerinnen sind noch hinter mir. Eine ist sehr nah dran, aber ich würde das durchziehen. Komme ich mit meiner Hand überhaupt an diese Brücke? Ja, mit den Fingerspitzen. Weiterschwimmen, weiterschwimmen. Ins flache Wasser. Ich kann nicht mehr.

Christin musste um die Anschlagbrücke herum paddeln, fuhr mit dem Kajak auf den Strand, sprang heraus und kam zu mir gelaufen. „Du bist fertig, Jule, du hast es geschafft! Superklasse! Ganz ruhig, leg dich auf den Rücken. Atme ganz ruhig weiter. Alles ist gut. Versuche, auf dem Rücken etwas weiter zu schwimmen. Du bist im flachen Wasser, ich kann hier stehen und passe auf dich auf. Leg dich auf den Rücken. Ganz ruhig.“ – Sie hielt mich fest. Das tat gut. Ich hatte Unterleibsschmerzen, das war unbeschreiblich. Blase und Nieren. Gar nicht gut. Wenn sich das jetzt nicht sofort regulieren würde, müsste ich mich sofort kathetern. Ich wusste nicht, ob sie das auf dem Schirm hatte. Ich sagte: „Ich muss so extrem dringend, dass es schon weh tut, und kann aber nicht. Das macht auch die Kreislaufprobleme, schätze ich.“ – Ich war richtig kurzatmig. Christin nahm mich auf den Arm und ging mit mir noch ein Stück tiefer ins Wasser. „Versuche, dich zu entspannen.“ – Sie drehte mich so, dass ich auf den See hinaus gucken konnte. Hielt mich unter meinen Knien fest. Wie man ein kleines Mädchen abhalten würde. Nur im Wasser. Ich kratzte erneut an den Innenseiten meiner Oberschenkel. Nichts. „Entspann dich. Guck in die Ferne. Bleib ganz ruhig.“ – Meine Güte, tat das weh. Das war so gemein und sicherlich nicht gesund. Dann plötzlich klappte es. Zuerst spürte ich nur die Wärme, dann ließen die Schmerzen langsam nach. Es schien gar nicht mehr aufzuhören. „Es klappt, oder?“, fragte Christin. Ich nickte. Sie hielt mich weiter fest. Was um mich herum passierte, bekam ich nicht mit. Christin sagte: „Gut, dass niemand so genau weiß, was wir hier tun.“

Das war mir so egal. Es waren gefühlt schon zwei Minuten vergangen. Irgendwann ließ Christin meine Beine los. Ich konnte wieder atmen. Die Schmerzen waren weg. Ich fühlte mich so erleichtert. Sowas hatte ich noch nie. So extrem. Ich atmete mehrmals ganz tief ein und aus. Dann begann ich zu frieren. Und gleichzeitig zu lachen. Ich hatte so eine Euphorie in mir, dass ich lachen musste, ob ich wollte oder nicht. Und nicht mehr aufhören konnte. In den ersten Momenten lachte Christin mit. Dann realisierte sie aufgrund ihrer Wettkampferfahrung, was mit mir los war. Und schien zu wissen, dass das nicht angenehm ist. „Du hast einen Flash, oder? Versuche, ruhig zu atmen. Ich bin bei dir. Das ist gleich vorbei. Einfach nur ruhig atmen.“ – Christin trug mich aus dem Wasser und setzte mich auf die Wiese ins Gras. „Ich hole dir dein Handtuch.“

Meine Zeit: Ich war schneller als Christin. Während sie 2:15 Stunden gebraucht hatte, war meine Zeit 2:09:33 Stunden. Okay, ich gebe zu, sie ist die doppelte Strecke geschwommen. Meine Durchschnittsgeschwindigkeit waren damit etwa 2,3 km/h. Das ist nun wirklich nicht schnell, aber: Schwimme du mal 5 Kilometer am Stück ohne Beine. Und dann reden wir nochmal. Und für ein allererstes Mal ist die Zeit gut. Basta. Christin fand sie super. Und immerhin waren noch vier Leute langsamer als ich. Okay, die waren schon über 60. Aber sie waren langsamer.

Christin trug mich unter eine nicht barrierefreie Dusche. Sie hatte einen Gartenstuhl dort hineingestellt, auf den ich mich setzen konnte. Das Ausziehen dieses Schwimmanzugs ging bedeutend schneller als das Anziehen. Christin und ich duschten in derselben Kabine. Sie seifte mich mit ein. Es war einiges an Shampoo und mechanischer Arbeit nötig, um die Vaseline-Reste und die Reste der Startnummern von der Haut zu bekommen. Ich war völlig platt. „Wenn es für dich okay ist, fahre ich“, sagte Christin. „Dann kannst du schlafen. Du siehst sehr kaputt aus.“

Geschlafen habe ich im Auto zwar nicht, aber es war gut, dass sie gefahren ist. Sie ist sehr gut und aufmerksam gefahren. Wieder zu Hause, empfingen mich bereits Helena und Marie. Sie wollten als Erstes meine Urkunde sehen. Marie fand meine Zeit gut. Und dann erzählte ich von Christin und unseren beiden Nächten. Bevor Marie oder Helena das in meinem Blog lesen. Helena: „Hattet ihr Se* miteinander?“ – „Nein, wir haben nur ein wenig gekuschelt.“ – „Aber nackt?!“, fragte Helena. Ich antwortete: „Ja.“ – Sie überlegte einen Moment und sagte dann: „Das muss so schön sein.“ – „Wir haben nur ein wenig gekuschelt. Den Rücken gekrault und sowas. Aber es war schön.“ – „Aber du kraulst mich doch trotzdem auch noch, oder?“

Na sicher, Helena. Sicher.

Kein Triathlon III

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Geweckt wurden wir um kurz vor sechs Uhr von einem Entenpaar, das hinter der Hecke stand und laut schimpfte. Worüber auch immer. Christin schaute mich verschlafen an und verdrehte ob des Lärms die Augen. Während andere Menschen sich jetzt noch einmal umdrehen würden, hatte mich meine Querschnittlähmung schon wieder voll im Griff: Ich stellte erstmal fest, dass meine Blase über die Nacht brav gewesen war. Jetzt aber randvoll war, was kein Problem war, solange ich mich nicht aufrichte. Sobald ich das mache, bleibt ein Zeitfenster von zwei bis drei Minuten. Mein Rollstuhl stand im Vorzelt. Zum Waschraum müsste ich über den unebenen Rasen. Das ist ein ziemliches Risiko, da auch Erschütterung die Blase triggern kann. Und zeitlich muss die eine Toilette wirklich sofort frei sein. Zu viele Unsicherheiten, um das auszutesten. Also präparierte ich mich. Neben Christin. Mir war es schon etwas unangenehm, aber sie guckte mir interessiert zu. „Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand selbst sowas anziehen kann. Also so Pants schon, die hatten in der einen Schule, in der ich Praktikum gemacht habe, auch einige Leute. Überwiegend welche mit mehreren Einschränkungen. Warum hast du welche zum Zukleben?“ – „Weil die mehr Saugstärke haben. Die Pants sind eher für schwachen Beckenboden geeignet, aber nicht, wenn das plötzlich alles auf einmal rauswill.“ – „Will es das jetzt?“, fragte sie interessiert. Ich antwortete: „Das Risiko ist halt sehr groß nach so vielen Stunden. Und ich will nicht, dass du noch dein Handtuch opfern musst.“ – Ich zog mir Shorts und Top über, rutschte über den Boden zu meinem Rollstuhl, rollte über den Rasen zum Toilettenhaus und war froh, dank zehnjähriger Erfahrung richtig entschieden zu haben.

Christin wurde nach unserem Frühstück vor dem Zelt zunehmend nervöser. Ich bat ihr meine Hilfe an, aber sie sagte klar, und das fand ich gut, denn mit klaren Ansagen kann ich am Besten umgehen, dass es ihr am Meisten hilft, wenn ich sie komplett in Ruhe lasse, mich oberhalb des Stegs auf einer Zuschauer-Wiese aufhalte und sie sich dann unmittelbar vor dem Start nochmal „verabschiedet“. So schnappte ich mir eine Wolldecke, legte sie unterhalb eines Baums auf eine Rasenfläche in der Nähe des Starts, wo gerade jemand ein großes Zelt und einen riesigen Grill aufbaute, genoss die Ruhe und ließ mir die letzte Nacht noch einmal durch den Kopf gehen. War das in Ordnung? Ja, ich fand schon. Selbstverständlich wird es Menschen geben, die zwei Frauen im selben Bett falsch oder sogar eklig finden. Vor allem, wenn eine auch noch eine körperliche Einschränkung hat. Und wenn sie gar nicht zusammen sind. Aber Banane.

Ziemlich bald kam Christin sowie rund zwei Dutzend andere Frauen auf die Wiese. Die Männer, etwa 30 insgesamt, starteten eine Viertelstunde vor den Frauen. Christin war sehr nervös, trug einen Trainingsanzug und darunter ihre Schwimmkleidung. Aufwärm-Gymnastik, Einschwimmen, nochmal Dehnen, dann gab es eine Instruktion in einem großen Zelt, während die Männer bereits starteten. Kurz darauf kam sie heraus, drückte mir ihr Handtuch, ihre Hose und ihre Jacke in die Hand, dazu ihre leere Trinkflasche und meinte: „Wünsch mir Glück!“ – „Viel Glück!“, sagte ich. Sie sagte: „Mein Ziel sind zwei Stunden und fünfzehn Minuten. Oder weniger.“ – „Ich drücke dir die Daumen.“

Das wäre eine Geschwindigkeit von durchschnittlich 4,4 Kilometern pro Stunde, rechnete ich nebenbei aus. Und das ist wohl nicht schlecht. Tatsächlich brauchte Christin genau 2:15:36 Stunden, also eine halbe Minute mehr als ihr Ziel. Absolut genial, auch wenn sie ihr Zeitziel ganz knapp verpasst hat. Deutschlands beste Schwimmerinnen bleiben wohl unter zwei Stunden, sodass es lediglich eine persönliche gute Leistung ist. Dennoch: Ich finde es wahnsinnig, eine Leistung über zwei Stunden lang auf einem so hohen Niveau halten zu können. Die Mehrzahl der Freizeitschwimmer würde nicht mal eine 25-Meter-Bahn in unter 21 Sekunden schaffen. Sie schwimmt 400 Bahnen hintereinander in diesem Tempo. Absolut irre.

Sie kam aus dem Wasser und konnte nach dieser Leistung noch normal gehen. Ich glaube, mich müssten sie tragen… Ich saß inzwischen im Rollstuhl, konnte mich auf dem Rasen aber nur schlecht bewegen. Sie setzte sich mit ihren nassen Sachen auf meinen Schoß, trocknete sich mit dem Handtuch das Gesicht ab. Sie roch nach See und war angenehm kühl. Ihr Herz raste und sie war noch immer außer Atem. Ich umarmte sie und hielt sie fest. Echt klasse Leistung. „Geht es dir gut?“, fragte ich, da sie nichts sagte. Noch immer außer Atem antwortete sie: „Ich bin glücklich. Ich habe so viele Endorphine im Körper, dass ich gerade die ganze Welt umarmen möchte. Ich gehe mich gleich erstmal in Ruhe ausschwimmen und dann habe ich Hunger, dass ich ein halbes Schwein auf Toast essen könnte. Such mal bitte inzwischen irgendwas raus, wo wir was mampfen können. Und bitte nichts Feines, ich brauche ‚Fressen und Saufen‘. Und bitte keine Grillwurst“, sagte sie und guckte auf den rauchenden Grill.

Nach dem Duschen auf dem Wettkampfgelände fuhren wir direkt wieder zu dem Italiener, bei dem wir auch gestern waren. Wir waren uns einig, dass wir für gutes Essen keine Experimente mehr machen. Christin bestellte sich eine Mega-Pizza, ich bekam die Nudeln. Auch wenn sie nach dem Schwimmen schon mehrere Flaschen Wasser geleert hatte, trank sie zum Essen noch weitere zwei Karaffen Leitungswasser. Der Gastwirt fragte, ob sie an dem Wettkampf teilgenommen hatte und stellte ihr sofort kostenloses Wasser auf den Tisch. Als wir fertig waren, sagte sie: „Sei mir nicht böse, aber ich möchte nur noch zum Zelt und mich hinlegen. Nicht schlafen, aber nicht mehr rumrennen.“ – „Alles gut. Ich werde mich auch ausruhen für meinen morgigen großen Tag. Ich werde sowas von verrecken auf der Strecke.“ – „Quatsch. Ich habe vorgelegt, du schwimmst morgen die gleiche Zeit. Das habe ich im Gefühl.“

„Träum weiter“, sagte ich. Und sie: „Und du schwimmst in meinem Anzug. Also nicht in dem von heute, sondern in meinem zweiten. Der bringt dir mindestens 10 Minuten.“ – „Da komme ich doch nie im Leben rein.“ – „Ziehen wir zusammen an. Plane schonmal eine halbe Stunde extra dafür ein. Aber die Dinger sind absolut geil. Damit gleitest du durchs Wasser wie ein Hai.“ – „Ich gehöre doch aber gar nicht zu denjenigen, bei denen es um 10 Minuten geht.“ – „Na und? Hallo? Bei dir bringt das bestimmt sogar noch mehr, weil du nur mit den Armen schwimmst und es dann sehr viel leichter geht.“ – „Die anderen lachen sich doch kaputt. Da sind echte Leistungssportler dabei und ich komme da mit so einem 250-Euro-Teil an.“ – „400 Euro. Aber das ist egal, weil die auch alle so ein Teil tragen. Oder es ist ihre Entscheidung, sowas nicht zu wollen. Aber das Ding gibst du nicht wieder her. Der Auftrieb, die Wasserlage, die Kompression – das wird dir gefallen. Und es kann dir doch egal sein, was die anderen Leute über dich denken. Manchmal bist du auch echt ein wenig empfindlich, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Findest du?“ – „Ja. Ich helfe dir beim Anziehen.“ – „Die Dinger sind doch extrem empfindlich. Wenn ich mich damit auf den Steg setze und rutsche damit über irgendeine Kante…“ – „Du setzt dich auf ein Handtuch. Du würdest doch auch mit dem nackten Hintern nicht über eine Kante rutschen. Und sonst hast du eine Haftpflichtversicherung.“ – „Ich finde das unheimlich süß von dir, aber…“ – „Nichts ‚aber‘, Jule. Jetzt hör mal auf, das so pessimistisch zu sehen. Das nervt langsam. Es könnte auch morgen ein Gewitter kommen und der Blitz sucht sich ausgerechnet dich aus. Meine Güte. Ich habe mir schon gut überlegt, ob ich ihn dir gebe. Und ich würde ihn gewiss nicht jedem geben. Aber ich möchte, dass du ihn anziehst.“

Ich kam schon wieder so unter Druck, weil ich mich aufgrund von Intimitäten rechtfertigen musste. Ja, ich möchte, dass die Menschen mich verstehen. Ich könnte auch einfach sagen: „Mach ich nicht.“ – Vorsicht, es wird eklig.

„Es geht nicht, verstehst du? Wenn ich da über Stunden im Wasser bin, kann es passieren, dass mein Darm verrückt spielt. Und wenn ich dann vom Knöchel bis zum Hals in so einem Ding stecke, wird das richtig widerlich. Und dann gehört er mir noch nicht mal. Das wäre mir so derbe peinlich, ich glaube, ich könnte dir nicht mehr in die Augen schauen.“

„Du hast echt einen Knall. Okay, ich erzähle dir was. Ich bin vor zwei Jahren eine 25er-Strecke geschwommen, okay?“ – „25 Kilometer?“ – „Ja. Dafür brauche ich etwas über sechs Stunden. In den sechs Stunden bekommst du kein Land unter die Füße. Du bekommst von einem Ponton oder Begleitboot Getränke an einer langen Stange und auch mal warme Suppe. Ich bekam Suppe, schön salzig, nicht zu salzig, aber so, dass ich das Gefühl hatte, sie tut mir gut. Ich habe also auf dem Rücken liegend mir gepflegt diese Suppe eingeflößt und bin weiter geschwommen. Das war so nach etwa vier Stunden. Keine zwanzig Minuten später bekam ich Bauchkrämpfe. Ich dachte erst an Salzmangel oder Flüssigkeitsmangel allgemein, und dann merkte ich, dass das mein Darm war, der verrückt spielte. Bevor ich mich auf irgendwas konzentrieren konnte, explodierte die Bombe.“ – Ich guckte sie mit großen Augen an. Sie grinste und erzählte weiter: „Einen Moment lang dachte ich: Das war es jetzt. Aber dann ging es mir schlagartig wieder gut. Und ich bin einfach weiter geschwommen. Es ging mir richtig gut. Wie ein kleines Baby mit vollgeschissener Windel. Die sind ja auch immer quietschfidel, wenn sie gekackt haben.“

„Und dann?“ – „Ich war auf das Schlimmste vorbereitet. Ich dachte, wenn ich aus dem Wasser klettere, läuft überall braune Soße runter. Ich wäre dann schnellstens in eine Dusche und hätte mich sauber gemacht. Aber: Nichts passierte. Das hatte sich bereits alles rausgespült. Ich habe natürlich trotzdem sofort geduscht, aber es roch nichtmal mehr. Ich wette mit dir, dass dir von den fünfzig Leuten, die da morgen auf dem Steg stehen, die Hälfte irgendeine solche Geschichte erzählen kann. Und sollte dir das morgen passieren, hole ich dich am Ende aus dem Wasser und bringe dich diskret in die nächste Dusche. Versprochen. Aber jetzt hör auf, alles schwarz zu sehen.“ – „Es tut mir leid, dass ich da so unsicher bin. Normalerweise stoße ich nicht auf so viel Verständnis und ich wette mit dir, dass die Mehrzahl der Menschen, die deine Geschichte hört, sie entweder nicht glaubt oder sich angewidert abwendet.“ – „Da könntest du Recht haben. Da könnten wir jetzt eine lange Diskussion über Werte und Tabus draus machen. Aus Abgrenzung und so. Ich habe das gestern schon gedacht, als es um deine Hose ging, und ich sage auch ganz klar, ich möchte mit dir nicht tauschen. Ich kann mir inzwischen sehr gut vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn alle Menschen einen beobachten und bewerten. Ob auf dem Rasenplatz oder im Restaurant. Es wird in einer Tour geglotzt und geredet. Ich hätte das so nicht erwartet. Aber du brauchst dich vor mir nicht zu genieren. Und ich unterstütze dich auch, wenn andere dumm reden.“ – „Du bist so süß zu mir. Früher hat mir das auch nicht so viel ausgemacht. Als ich noch mit vielen anderen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern zusammen war. Heute ist das kaum noch der Fall, und je älter ich werde und um so mehr auf mich geschaut wird, wie ich arbeite, wie ich mich benehme, ob ich die richtigen Dinge sage, umso sensibler werde ich.“ – „Das ist nicht gut. Man muss auch mal die Sau rauslassen können, ohne dass es Konsequenzen hat. Solange man niemandem weh tut, finde ich das wichtig.“

Weil ich mich nicht zu genieren brauche, hatte sie ja gesagt, führte ich aus: „Ich bin morgen früh um sechs Uhr mit Abführen dran. Das klappt eigentlich sehr gut. Danach dürfte nichts mehr passieren.“ – „Wenn doch, helfe ich dir. Du schwimmst morgen deine Kilometer, alles andere klären wir danach.“ – Nun war ich doch einigermaßen aufgeregt. Ob ich überhaupt schlafen können würde? Wir schmusten erneut etwas miteinander. Ich muss ziemlich schnell eingeschlafen sein, denn am nächsten Morgen konnte ich mich an keine Einzelheiten mehr erinnern.

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!

Kein Triathlon II

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Am Freitag nach der Arbeit holte ich Christin von zu Hause ab. Sie stand mit ihren zwei großen Schwimmtaschen und einer Zelttasche und einem großen Beutel mit einem Luftbett bereits vor der Tür und wartete auf mich. Auch wenn wir erst in zehn Minuten verabredet waren. Sie lud ihre Sachen hinten ein, setzte sich auf den Beifahrersitz und sagte: „Ich bin so aufgeregt.“ – Dabei schwimmt sie regelmäßig im In- und Ausland diese langen Strecken und das gar nicht mal so schlecht. Vier Stunden hatten wir für die Fahrt eingeplant. Bei Außentemperaturen von über 30 Grad lobte ich mir die Klimaanlage im Auto. Die Autobahn war relativ leer. Wir kamen sehr gut durch. Schon nach zwei Stunden waren wir an der Bundesgrenze, nach einer weiteren am Zielort angekommen. Zeltplatz sofort gefunden, einen schönen, großen Rasenplatz, durch Hecken eingegrenzt, mit Parkmöglichkeit für das Auto zugewiesen bekommen, Zelt aufgebaut, mein Luftbett von einem Kompressor am Stromanschluss des Autos aufblasen lassen. „Muss ich meins auch aufblasen oder reicht eins für uns beide?“, fragte sie. Das Zelt hatte zwei Kabinen und in der Mitte einen überdachten Eingang, war auf vier erwachsene Personen ausgelegt. Ich antwortete: „Meinetwegen kannst du auch mit auf meiner Luftmatratze schlafen. 140 cm sollten für zwei Leute reichen.“

Am Abend fuhren wir zu dem See, an dem Samstag und Sonntag der Wettkampf stattfinden würde. Einige Schwimmerinnen und Schwimmer gaben sich eine letzte Trainingseinheit. Ein Ponton aus vielen kleinen Plastikeinheiten war aufgebaut und schaukelte in ein paar Miniwellen. Einige Fahnen wehten müde im Wind. Im Organisationsbüro konnten wir unsere Unterlagen abholen und mussten mein Startgeld bezahlen. Christin übersetzte für mich und half mir bei der Kommunikation. Die Menschen vor Ort seien sehr gespannt auf mich, es sei das erste Mal, dass eine Rollstuhlfahrerin teilnehme, aber man sei erwartungsvoll und neugierig. Und selbstverständlich könne Christin mich mit einem Begleitkajak unterstützen. Als hätte er auf dieses Stichwort gewartet, kam aus dem Nebenraum ein etwas kräftiger gebauter Mann Anfang 50, mit weißem Hemd und Krawatte, und gab mir die Hand. Er entschuldigte sich für sein schlechtes Schul-Englisch, aber die Kommunikation klappte. Er erkundigte sich nach unserer Anreise und wo wir schlafen werden. „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass diese langen Strecken auch für Menschen im Rollstuhl interessant sein könnten, daher haben wir es nicht so ausgeschrieben. Mein Fehler. Aber wenn Sie hier zurecht kommen, freue ich mich über Ihre Teilnahme. Und so sportlich wie Sie aussehen, habe ich daran gar keine Zweifel. Werden Sie etwas Außergewöhnliches benötigen?“

Ich kannte mich mit Freiwasserschwimmen nicht so gut aus, dass ich alle Eventualitäten überblicken konnte. Ich guckte Christin fragend an und sie antwortete in der Landessprache: „Bitte keine Besonderheiten. Meine Freundin liebt es, wenn sie genauso behandelt wird wie alle anderen auch. Mit allen Konsequenzen. Sie wird nur nicht im Stehen starten können, sondern sie wird sich mit dem Po an die Stegkante setzen und sich dann ins Wasser fallen lassen.“ – Der Mann antwortete: „Also müssen wir nichts mehr extra vorbereiten?“ – „Nein, und bitte auch keine besondere Aufmerksamkeit. Also keine Ansprache, dass der Bürgermeister sich freut, dass 43 Männer, 42 Frauen und eine Rollstuhlfahrerin teilnehmen, die besondere Rücksichtnahme benötigt. Und auch keine gelbe Badekappe mit drei schwarzen Punkten für sie. Sie hat dasselbe Recht, einen Kick ins Gesicht zu kriegen wie alle anderen auch.“ – „Ich glaube, ich habe verstanden.“

Zuerst fuhren wir zu einem Supermarkt, Wasser und ein paar Lebensmittel für das Wochenende kaufen, anschließend wollten wir noch etwas zu Abend essen. Während ich mir beim Italiener nur noch einen Salatteller bestellte, bekam Christin einen richtig üppigen Nudelteller serviert. „Yummy“, meinte sie und futterte. Als wir wieder am Zelt waren, zeigte das Thermometer noch 25 Grad. Und es war bereits nach 22 Uhr. Wir hatten eine kleine Akkulampe im Zelt, sodass wir uns zurechtfinden konnten. In einem Haus waren Duschen, Waschbecken und Toiletten, sogar eine barrierefreie war dabei. Wir putzten zusammen Zähne. Als wir endlich im auf dem aufgeblasenen Bett lagen, den weit geöffneten Schlafsack nur einmal quer über die Hüfte gelegt, sagte Christin: „Was für eine Wärme im Zelt. Ich habe das Gefühl, das Mückengitter lässt überhaupt keine kühle Luft durch. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es draußen keine kühle Luft gibt. Am liebsten würde ich mein Top ausziehen. Stört es dich?“ – „Von mir aus kannst du auch nackt schlafen“, sagte ich, und es war in dem Moment von mir mehr Scherz als Ernst. Christin sagte aber in völlig naivem Tonfall: „Ich glaube, das mache ich wirklich.“

Kurz darauf lag sie dann tatsächlich völlig unbekleidet neben mir. Oder eher hinter mir, da ich ihr den Rücken zugedreht hatte. „Du bleibst angezogen und schwitzt lieber?“, fragte sie. Es war wirklich warm. Ich setzte mich auf, zog mein Top aus und legte mich wieder hin. Christin flüsterte: „Hose aus! Hose aus! Hose aus!“ – Ich antwortete leise: „Was geht denn bei dir ab? Hast du irgendwas mit mir vor? Ich meine: Außer Schwimmen?“ – Christin flüsterte: „Ja.“ – „Und was?“ – „Ich mache jetzt ein schickes Foto von uns beiden und dann lade es bei Insta hoch“, sagte sie, hielt ihr Handy in der Hand. Einen Moment später blitzte es einmal. Ich drehte mich um und sagte: „Hey, du spinnst wohl. Das möchte ich nicht.“ – „Zu spät. Ich habe dich gut getroffen.“ – Eigentlich hätte mir in dem Moment klar sein müssen, dass sie mich mal wieder neckt. Wurde es aber erst, als sie sagte: „Du musst mir schon das Handy wegnehmen, wenn du noch was retten willst.“

Sie wollte sich mit mir raufen. Sie nackt, ich nur mit Shorts bekleidet. Und wir rauften uns. Sie war durch ihre uneingeschränkte Beinfunktion erheblich beweglicher als ich. Aber ich hatte eindeutig die stärkeren Arme und Hände. Es dauerte nicht lange, dann saß sie auf mir, hatte mich auf dem Rücken liegend zwischen ihren Beinen fixiert und drückte mit ihren beiden Händen meine beiden Hände links und recht neben meinem Kopf auf die Matratze. Endlich mal wieder jemand, der mich normal behandelt. „Gewonnen“, sagte sie. Wir benahmen uns wie kleine Kinder. Aber es machte sehr viel Spaß. Nicht nur die Albernheit, sondern irgendwie auch der körperliche Kontakt. Es fühlte sich schön an. Während Christin mich festhielt, kitzelte sie mich mit ihren Haarspitzen im Gesicht. „Du bist mir völlig ausgeliefert, das weißt du, oder?“, fragte sie. Ich versuchte, meine Hände nach oben zu drücken. Keine Chance.

„Ich finde dich übrigens sehr lecker. Und du riechst auch sehr gut“, sagte sie mir. Frei raus. Vermutlich ohne nachzudenken. Was ich toll fand. Nicht nur wegen des Kompliments an sich, wenngleich ich nicht „lecker“ gesagt hätte, sondern auch wegen ihrer Direktheit. Allerdings könnte das auch schief gehen. Konnte sie sich sicher sein, dass es mir nicht zu weit ging? Hatten wir nicht noch ein ganzes Wochenende vor uns, an dem wir eigentlich schwimmen wollten? Also vor allem sie?

Sie machte keinen Hehl aus ihren Absichten. Und es gefiel mir. „Schmusen wir ein wenig? Vorausgesetzt, bei dir zu Hause wird niemand eifersüchtig.“ – „Ich bin Single“, sagte ich ohne nachzudenken und wusste in dem Moment, ich würde mich auf irgendetwas einlassen wollen. Auf etwas Festes eher nicht, aber eine schöne Nacht zu zweit geht, vier Jahre nach der letzten richtigen Partnerschaft, auch mal so, oder?! Unkompliziert. Nicht nachdenken.

„Ich habe kein Foto gemacht. Das war nur die Taschenlampe. Ich wollte, dass du dich mit mir raufst und der Plan ist zumindest halb aufgegangen.“ – Ich war so hin- und hergerissen, ob ich meine Hose ebenfalls ausziehen sollte. Ich hatte seit vielen Jahren endlich mal wieder so ein Kribbeln im Bauch. Ganz intensiv. Sie drängte mich nicht weiter dazu, und ich glaubte auch, sie wusste bereits, warum ich die Hose nicht auszog. Spätestens als sie auf mir gesessen hat, dürfte sie es gemerkt haben. Oder vielleicht hatte sie mich bei der Rangelei auch bereits am Po berührt. Querschnittlähmung ist wirklich nicht immer einfach. Auch wenn ich viele Alltagssituationen bis hin zu irgendwelchen dämlichen verbalen Anwürfen inzwischen locker bewältige, das hier war trotz aller Unkompliziertheit keine Alltagssituation. Auch nach 10 Jahren nicht. Christin und ich lagen inzwischen mit den Gesichtern zueinander im geringen Abstand nebeneinander, in völliger Dunkelheit, und sie streichelte meinen Unterarm.

„Ich habe übrigens meine Hose noch an, weil … also ich bin so unvorbereitet, weil …“, stammelte ich mir zurecht. Nein, das wird nichts. Mein Kopf wollte nicht. Sie sagte: „Weil du deine Regel hast. Möchtest du einen Tampon?“ – „Nein, ich … bei einer Querschnittlähmung …“ – Sie unterbrach mich: „Achso, du bist undicht?“ – Sie war so umkomplizert. „Sozusagen. Normalerweise nicht, aber es könnte eben was passieren.“ – „Wie hoch ist die Chance?“ – „Dass was passiert? Nachts vielleicht einmal im Monat. Oder seltener. Zu Hause schlaf ich ohne irgendwas. Aber wenn jemand mit mir im Bett ist…“ – „Zieh aus das Ding! Du schwitzt dich dadrin doch zu Tode!“, sagte sie. Ich antwortete: „Ich kann aber nicht garantieren…“ – „Du musst gar nichts garantieren. Im schlimmsten Fall haben wir morgen Sektfrühstück? Damit kann ich leben. Echt jetzt. Dafür würde ich sogar mein großes Schwimmhandtuch opfern.“ – „Ich bin da wirklich sehr ängstlich.“ – „Und für mich ist es überhaupt kein Problem“, sagte sie und zog meinen Kopf zu sich heran, als wollte sie mich trösten. „Ich bewundere deine Stärke und deine Ausstrahlung. Du bist eine sehr erotische Frau. Ein undichter Beckenboden tut dem keinen Abbruch. Finde ich.“ – „Wer von uns beiden hier wohl stark ist.“ – „Du. Und mir ist es egal, ob ich tollpatschig ein Glas umkippe oder bei dir was rausläuft, was bei anderen Leuten drinnen bleibt. Aber wenn es dir lieber ist, lässt du die Hose an.“

Nein, es war mir nicht lieber. Und es ist auch alles gut gegangen. Es war ein sehr schönes Erlebnis. Es ist am Ende gar nicht so viel passiert, sondern wir haben uns gegenseitig den Rücken gestreichelt, sie hatte eine Zeitlang ihr Bein locker zwischen meinen Knien, es war sehr entspannend und angenehm. Auch wenn wir beide nackt waren, gab es keine intime Berührung. Auch keinen Kuss.

Cliffhanger – Fortsetzung folgt!