Porsche und Strumpfhose

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Leider „konnte ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin.“ So lautete der drittletzte Satz meines letzten Eintrags.

Während ich im Feuer Foyer des Hotels saß, um abzuwarten, dass eine der angestellten Personen nochmal eben den Müll vom Vornutzer aus meinem Zimmer holt und mein Bett bezieht, setzte sich jemand zu mich. Ein Mann, geschätzt zehn Jahre älter als ich, geschätzt über 190 cm groß, sportliche Figur, gepflegtes Äußeres, dunkelblonder Kurzhaarschnitt, kein Bart, bekleidet mit dunkelblauer Jeans, Poloshirt und schwarzen Halbschuhen. Stützte sich beim Sitzen mit seinen Unterarmen auf seinen Oberschenkeln ab und guckte mich an, während ich meine Handy-Kurznachrichten beantworte.

Eigentlich hatte er nicht das typische Alter, um mich mit einer Story, in der wahlweise er, seine Frau oder einer seiner Nachbarn auch schonmal in einem Rollstuhl gesessen hat, zu beglücken. Ich konnte im Augenwinkel sehen, dass er mich noch immer beobachtete, und ich versuchte, nicht hinzugucken, da ich keine Lust hatte, mich volltexten zu lassen. Ich schrieb noch einen Moment, dann sprach er mich auch ohne Blickkontakt an: „Tschuldigung, sind wir verabredet?“

Was für eine originelle Anmache! Als wenn ich, wenn ich verabredet wäre, mich an einen Tisch setzen und mein Gegenüber ignorieren würde. Ich dachte mir so: „Na, Socke, dann spiel das Spiel doch einfach mal mit!“ – Also antwortete ich: „Ja, sind wir, sorry, ich muss nur schnell die Nachricht zu Ende tippen.“ – „Kein Problem. Die anderen sind bestimmt auch gleich da. Ich heiße übrigens Daniel.“ – „Jule“, sagte ich, blickte einmal kurz hoch und tippte weiter. Die anderen? In welcher Gruppe würde ich da gelandet sein?

Als ich fertig war mit Tippen, schaute ich ihn an. Er sagte: „Ich bin zum allerersten Mal auf so einem Real-Treffen. Und bin tierisch aufgeregt. Wie oft warst du schon dabei?“ – „Ist auch mein erstes Mal.“ – „Unter welchem Nickname schreibst du im Forum?“ – „Ich schreibe gar nicht im Forum.“ – „Oh, eine stille Mitleserin! Das finde ich ja mal spannend.“

Ich fragte ihn: „Und unter welchem Nickname schreibst du?“ – „Geheimnis. Noch. Wenn ich ihn jetzt verraten würde, wüsstest du ja sofort alles über mich. Und ich kenne dich gar nicht. Das wäre doch unfair, oder? Wann hast du entdeckt, dass du auf Strumpfhosen stehst?“ – Ach herrje. Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Wo hinein bin ich denn da jetzt geraten? „Ähm. Äh. Tja.“ – „Ja, war bei mir so ähnlich. Wobei ich nur in die softe Ecke gehöre. Also ich ziehe selbst keine an.“ – „Ich schon. Manchmal.“ – „Darf ich fragen, ob du gerade eine trägst?“ – „Gemeimnis“, antwortete ich.

Dieser Mensch schien sich für mich zu interessieren. Oder vielleicht auch nur für meine Strumpfhose. Oder für die Vorstellung, dass ich gerade eine Strumpfhose tragen könnte. Bevor wir tiefer in ein Gespräch einsteigen konnten, kamen im Minutentakt weitere Leute hinzu. Am Ende waren es zehn Männer zwischen 25 und 55 Jahren und, außer mir, drei Frauen. Eine Frau, etwa 45 Jahre alt, war mit einem der Männer verheiratet, die andere war offensichtlich schon mehrmal auf „Realtreffen“ gewesen. Sie umarmte sofort alle und war, mit Minirock und schwarzer Feinstrumpfhose bekleidet, eindeutig darauf aus, allen zu gefallen.

Ein Mann, geschätzt um die 50, nannte sich Ralle, hielt in der kleinen Runde eine Begrüßungsrede. Sprach alle mit „Freundinnen und Freunde des glänzenden Nylons“ an. Das war der Moment, an dem ich überlegte, mich auszuklinken. Aber ich kam nicht dazu. Ralle brachte seine Freude über die Anwesenheit neuer und bekannter Gesichter zum Ausdruck und gab vor, dass wir uns in 15 Minuten am Ausgang treffen würden, um gemeinsam in einem nahe gelegenen Restaurant, in dem ein Tisch reserviert sei, zu Abend zu essen. Er blickte mich an und sagte, er hoffe, dass das ebenerdig sei.

„Ich … äh … gehöre gar nicht dazu“, stammelte ich. Ralle widersprach sofort: „Unsinn! Du kommst mit. Das ist ein Befehl.“ – „Sonst sind wir ja kräftig genug, dich die Stufen hochzutragen“, sagte ein anderer Mann und weitere Leute nickten. Während alle sich weiterhin laut begrüßten, sagte ich zu Daniel: „Ich habe mit eurem Forum gar nichts zu tun.“ – „Achso!“, lachte er. Und fragte: „Willst du vielleicht trotzdem mitkommen? Oder hast du schon eine andere Verabredung?“

Nein, hatte ich nicht. Sollte ich alleine im Hotel bleiben und in einem notdürftig gereinigten Zimmer fernsehen? Oder begleite ich Daniel zu einem Treffen mit ein paar Freaks aus dem Internet? Ich überlegte einen Moment, entschied mich dann für Daniel. Wahrscheinlich würde jeder, dem ich das erzähle, mich für verrückt halten. Es dauerte ein wenig, bevor ich mir dann aber dennoch sicher war, dass einige der anderen Leute eine gehörige Macke hatten. Wir saßen in dem ebenerdig erreichbaren Restaurant an einem Tisch, und während sich eine Delegation älterer Teilnehmer fast schon in die Haare darüber bekam, wie dick und wie dehnbar die richtige Feinstrumpfhose zu sein habe, griff Ralle mindestens fünf Mal auf, dass er das Forum gegründet habe und noch immer moderiere und er damit Menschen, die dachten, sie seien mit ihrer Vorliebe ganz alleine, eines besseren belehre und zusammengebracht habe. Der Nobelpreis stünde ihm dafür nicht zu, aber für ein Bundesverdienstkreuz sei es eigentlich mal an der Zeit.

Die Hälfte der Leute war nur wenig bescheiden unterwegs. Ich kann Protzerei nicht leiden. Es gab überhaupt keine Veranlassung, mit der Größe des Firmenwagens, der Farbe der Kreditkarte oder der Höhe des Jahreseinkommens anzugeben. Dennoch wurde das bei einigen Leuten sofort Thema. Aber nie direkt, sondern immer ganz subtil. Subtile Protzerei finde ich nochmal schlimmer.

„Ist dein Rollstuhl eigentlich eine gesundheitliche Notwendigkeit oder ein ausgelebter Teil deines Fetisches?“, wollte Ralle von mir plötzlich wissen. Ich liebe direkte Fragen. Ich versuchte, mich in die Denkweise hinein zu versetzen, denn die Frage war offenbar ernst gemeint. Dass es Menschen gibt, die auf amputierte Gliedmaßen stehen, ist ja inzwischen kein Geheimnis mehr. Auch sie dürften sich übrigens vor einem Austausch über ihre „Vorliebe“ ähnlich alleine fühlen. Umso deutlicher wurde mir noch einmal, was (und nicht wer) hier eigentlich in den Fokussen der Begierden steht. Wenn ich meinen Rollstuhl als sexuelles Objekt verstehen würde, müsste ich dann wirklich damit in der Öffentlichkeit herumfahren? Eher nicht. Aber das war gar nicht seine Idee.

Binnen weniger Sekunden redete niemand mehr. Alle schauten mich fragend an und warteten, teils kauend, teils mit halb geöffnetem Mund, auf meine Antwort. „Eine gelebte Notwendigkeit meiner Mobilität“, sagte ich. Zwei Männer prosteten mir mit ihrem Bierkrug zu, zwei andere lobten mich für meine Antwort, die Gespräche gingen weiter, nur Ralle war noch nicht zufrieden. „Dann hat man bestimmt einen Behindertenausweis, oder?“, fragte er. „Davon kann man ausgehen“, antwortete ich. Ralle streckte mir fordernd seine Hand entgegen: „Darf ich mal sehen?“

Nö. Hatte der ne Meise? „Wenn wir uns kennen, zeig ich dir vielleicht auch meine Ausweis- und Bonuskartensammlung“, erwiderte ich. Drei Leute lachten, Ralle blieb hart. „Also doch Fetisch“, sagte er und aß weiter. Ich antwortete: „Meinetwegen.“ – „Siehste.“ – „Meinetwegen darfst du das denken.“ – „Wenn das stimmt, könntest du doch den Ausweis zeigen“, sagte er. Ich antworte: „Ich sehe keine Notwendigkeit, mich vor dir auszuweisen.“ – Ralle legte Messer und Gabel auf den Rand seines Tellers, holte sein Portmonee aus der Gesäßtasche und fragte: „Welchen Ausweis willst du sehen?“ – „Gar keinen.“ – Er nickte und sagte abschätzend: „Alles klar. Es tut mir leid, wenn ich jetzt deinen Auftritt zerstört haben sollte, aber das hier ist ein Realtreffen. Das wurde im Forum eindeutig gesagt.“

Ralle unterstellte mir also, und erst jetzt verstand ich überhaupt das Ansinnen, dass mein Rollstuhl nicht etwa mein sexueller Fetisch sei, sondern der behinderte Auftritt vor Dritten mich anmachen würde. Wirklich? Oder war er einfach nur unverschämt dominant und übergriffig? Bevor ich etwas antworten konnte, sagte einer der Männer: „Aber sie ist doch real hier, Ralle.“ – „Mir gehen diese ganzen Geschichten im Forum total auf den Keks. Deswegen machen wir ja diese Realtreffen. Kennengelernt haben wir uns im Forum, ich habe aber dauerhaft kein Interesse an virtuellen Freunden, die im Netz alle Porsche fahren und im realen Leben bei der Stadtreinigung oder bei Aldi an der Kasse arbeiten. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich habe nichts gegen Menschen, die bei Aldi arbeiten. Sondern gegen jene von ihnen, die behaupten, sie fahren einen Porsche.“

„Porsche ist also dein sexueller Fetisch?“, fragte ich. Mir war klar, dass sich unsere Wege in den nächsten zehn Minuten trennen würden. Ich hatte lediglich großen Hunger und wollte noch ein paar Happen essen, bevor ich zurück ins Hotel rollte. Ralle legte einen Autoschlüssel auf den Tisch. Von einem Porsche. Ich sagte: „Ach, Schlüssel-Fetisch. Ich habe verstanden. Ich muss ehrlich sein: Ich kenne dein Forum gar nicht. Ich begleite nur jemanden.“ – „Ja, dann bitte ich dich um Verständnis, wenn ich dich jetzt auffordere, zu gehen.“ – „Darf ich noch eben aufessen?“ – „Nee.“ – Jemand versuchte, zu vermitteln, aber Ralle blieb hart. „Ich bin der Chef.“ – „Achso. Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend, Chef.“

Ich rollte zur Kasse, bezahlte mein Essen und machte mich auf den Weg zurück ins Hotel. Es ging etwas bergab. Aus meiner Erfahrung mit einem Ex-Partner, der auch nur meine körperliche Beeinträchtigung sexuell attraktiv fand und nicht mich, und aus den Informationen, die ich während meines Studiums sammeln durfte, ist eine ganz große Schwierigkeit beim Fetischismus, dass das Nirwana nie erreicht werden kann. Selbst das heute perfekte Objekt ist morgen unvollkommen und damit potenziell immer weniger interessant. Schwierig wird eine Beziehung vor allem dann, wenn mindestens einer der Partner nicht reflektiert genug ist, um die Motivation der sexuellen Aktivität zu erkennen. Oder der andere nicht aufrichtig genug ist. Ich fürchte, dass Ralle mehrmals in seiner Vergangenheit genau mit diesen Konflikten konfrontiert war, mit sich oder mit anderen, und er deshalb aus meiner Sicht so unangemessen agiert hatte.

„Bist du flott unterwegs“, hechelte hinter mir jemand. Es war Daniel. Ich stoppte. Er guckte mich an: „Das war ja unerträglich. Ich habe mich auch verabschiedet.“ – „Aber jetzt nicht meinetwegen, oder? Du bist doch extra zu diesem Treffen gekommen.“ – „Nein, die Leute sind mir zu strange. Bundesverdienstkreuz für ein Forum voller Geschichten, ich bitte dich. Ich hatte das nicht erwartet. Und seitdem ich weiß, dass das Treffen nicht dem geistigen Austausch dient, sondern nur Ralles Überprüfung derjenigen, die sich im Forum als strumpfhosenliebende Frau ausgeben, habe ich sofort die Biege gemacht. Und ich würde noch heute wieder abreisen, wenn du nicht hier wärst. Gehen wir noch zusammen was trinken?“

Daniel ging aufs Ganze. Ich antwortete: „Ich muss morgen einigermaßen fit sein und habe eigentlich keine Lust auf Gedränge, Lärm und schlechte Luft. Ich würde jetzt eher ins Hotel zurück fahren, mich aufs Bett legen und noch ein wenig fernsehen.“ – „Das könnte ich mir auch vorstellen. Allerdings verbrauchen zwei Fernseher, die dasselbe Programm zeigen, doppelt so viel Strom wie einer. Wäre es da aus ökologischer Sicht nicht sinnvoller, mit vier Augen auf ein Gerät zu schauen statt auf zwei?“ – Ich ließ die Frage unbeantwortet und bog in Richtung eines Kaufhauses ab. Irgendwie juckte mir das Fell. Daniel lief hinter mir her, auf eine Antwort wartend. Oder damit rechnend, dass er keine bekommt.

In der Strumpf-Abteilung im Erdgeschoss blieb ich stehen. „Welche favorisiert Ralle?“ – „Keine Ahnung.“ – „Und welche favorisierst du?“ – „Das ist mir jetzt peinlich.“ – „Wieso das denn? Also ich fände die ganz attraktiv“, sagte ich und holte die erstbeste Schachtel, in der sich eine schwarze mit einem angedeuteten Karomuster befinden sollte, von einem Haken. Daniel antwortete: „Die sieht bestimmt gut aus, aber so richtig sexy finde ich ja die etwas festeren, transparenten. Nahtlos sollte sie sein, mit Höschenteil, eher glatt und glänzend als samtig, …“ – „Zeig sie mir“, sagte ich neugierig. Er ging zu einem anderen Regal, stöberte ein wenig und holte etwas vom obersten Haken: „Sowas zum Beispiel. Aber es muss eben auch die richtige Frau in dem Ding sein und auch bestimmte Verhaltensweisen zeigen.“ – „Sich räkeln?“ – „Nee, eben genau das nicht. Ich stehe eher auf Lässigkeit, Ungezwungenheit, Unbekümmertheit.“

Ich hatte Lust. Lust, ihm den Kopf zu verdrehen. Beziehungsweise ihm den Kopf noch weiter zu verdrehen. Denn sein Hinterherlaufen, seine Einladungen, seine Andeutungen waren ja bereits mehr als eindeutig. „Und soll sie eher eng sitzen?“ – „Also eng anliegen auf jeden Fall. Keine Falten oder Leerräume. Aber Pellwurst mit Laufmaschen ist auch nicht gut.“ – „Guck mal bitte, ob sie die in 36 haben.“ – „Haben sie.“ – „Dann möchte ich mir so eine kaufen. Was kostet sie?“ – „Über 30 Euro. Aber was willst du damit?“ – „Ich werde nirgendwo sonst eine bessere Kaufberatung bekommen, die keine kommerziellen Absichten verfolgt.“ – „Achso.“

Zurück am Hotel sagte ich: „Ich rolle jetzt in mein Zimmer, ziehe meine Jacke, meine Schuhe und meine dicken Klamotten aus, gehe einmal pullern und dann komme ich zu dir aufs Zimmer zum Fernsehen gucken. Okay? Welche Zimmernummer hast du?“ – Mein Bett war inzwischen bezogen. So richtig sauber fand ich das Zimmer aber noch immer nicht. Sollte ich nochmal duschen? Untenrum auf jeden Fall. Rasiert hatte ich mich gestern erst. Zum Glück hatte ich kein Bier getrunken, sondern nur Wasser. Und nichts Blähendes gegessen. Blase einmal kathetern würde auch sinnvoll sein, auch wenn sich diese sonst auf dem Klo eigentlich zuverlässig komplett entleert. Haare bürsten. Zähne nach dem Essen putzen. Nein, keine Strumpfhose angezogen. Sondern normale Unterwäsche, darüber eine flauschige bunte Stoffhose, gestrickte bunte Wollsocken und ein ärmelloses Top.

Ich packte die Strumpfhosenpackung, eine Packung Kondome und eine Pampers in meinen Rucksack. Wer weiß, was dieser Abend noch bringen würde. Ich war mir gerade nicht sicher, was mich mehr reizen würde: Etwas auszuprobieren, bei dem es nicht um mich, meine Behinderung oder fünfundneunzig soziale Bindungen ging, sondern um ein Objekt an meinem Körper. Oder herauszufinden, ob meine Weiblichkeit stärker ist als so ein merkwürdiger Fetisch.

Er öffnete seine Zimmertür. Ebenfalls frisch geduscht. Angezogen, mit einem Handtuch in der Hand, sich gerade die Haare trocken rubbelnd. „Mach es dir schonmal bequem! Du kannst ja schonmal nach dem Fernsehprogramm gucken, ich bin gleich da.“ – Ich setzte mich auf das Bett um, Kissen in den Rücken, Beine ausgestreckt. Den Fernseher ließ ich ausgeschaltet. Kurz danach kam er aus dem Bad, fragte, ob er sich zu mir auf sein Bett setzen darf.

Eine meiner ersten Fragen war, ob seine aktuelle Partnerin auf Strumpfhosen steht. Ich gebe zu, das kann etwas fies sein, aber er antwortete direkt: „Diejenige, die ich derzeit gerne als Freundin hätte, möchte nichts von mir. Und ob sie Strumpfhosen trägt oder sogar darauf steht, weiß ich noch nicht.“ – Also interessiert er sich für sie aus anderen Gründen und ist derzeit Single. Und früher?

„Meine erste Freundin konnte damit nichts anfangen. Wir waren ein paar Wochen zusammen. Damals war ich 15. Meine erste richtige Partnerin hatte ich mit 16 und war mit ihr sieben Jahre zusammen. Zuerst zwei Jahre heimlich, weil meine Eltern das nicht wollten. Mit 18 hatte ich mit ihr mein erstes Mal, das war aber nicht schön. Danach hatten wir nie wieder Verkehr.“ – „Was? Moment. Ihr wart fünf Jahre miteinander nicht im Bett?“ – „Doch. Wenn ich abends von der Arbeit kam, lag sie schon im Bett und hatte eine Strumpfhose an. Aber ihr machte das keinen Spaß. Nur das habe ich erst später gemerkt. Die letzten zwei Jahre haben wir in getrennten Betten geschlafen. Ich fand sie nicht mehr attraktiv, sie hatte ihr Wesen sehr verändert.“

„Ich habe sie dann für eine Frau verlassen, die ebenfalls mir zuliebe im Bett Strumpfhosen anzog, aber mit ihr war ich nur ein paar Monate zusammen. Dann lernte ich eine Frau kennen, die vier Jahre älter war als ich, und die auf einer Veranstaltung eine Strumpfhose so richtig nach meinem Geschmack trug. Ich war hin und weg und habe anschließend sieben Jahre lang versucht, sie irgendwie in die Nähe meines Fetisches zu bekommen. Was aber dazu führte, dass sie mich mehr und mehr abstoßend fand. Und dann war ich noch rund zwei Jahre mit einer fast zehn Jahre jüngeren Frau zusammen, die meinen Fetisch teilte. Aber sie verließ mich, drei Monate nachdem wir zusammen eine Wohnung bezogen hatten, für einen anderen Typen. Das war 2015. Seitdem bin ich solo.“

„Und schaust dir inzwischen täglich Strumpfhosen-Filmchen im Netz an und gibst jeden Monat viel Geld für Prostituierte aus.“ – „Das Erste ja, das Zweite nicht. Ich habe zu viel Angst, mir da was einzufangen.“ – „Denkst du, dass dich deine Vorliebe in deinem Leben einschränkt?“ – „So würde ich das nicht sagen. Aber sie moderiert mein Leben. Strumpfhosen sind für mich ein Indikator für Attraktivität. Wenn eine Frau noch so hübsch ist, aber keine Strumpfhosen tragen mag, finde ich sie nicht attraktiv.“

Das war natürlich schon eine heftige Ansage. Ich will es nach langem Text endlich kurz machen: Wir hatten nichts miteinander. Alles, was mir von diesem Abend, der dann auch bald zu Ende war, bleibt, ist eine noch immer verpackte Strumpfhose. Die Erkenntnis, dass ich den Typen recht attraktiv fand, mir vielleicht auch das Eine oder Andere hätte vorstellen können. Ich bin froh, keinen Fetisch zu haben. Faibles und Präferenzen ja. Aber einen Fetisch nicht. Und du so?

Schimmel

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Es gibt Themen in der Medizin, die finde ich besonders spannend. Und es gibt Themen, die finde ich sogar noch spannender. Derzeit bilde ich mich fünf Jahre lang fort im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Da lerne ich hin und wieder auch mal ein paar neue Dinge, und was meinen aktuellen Arbeitsplatz betrifft, kann ich auch nicht klagen, aber … Maries Mama hat vor einiger Zeit eine Einladung zu einem Workshop bekommen. Sie bekommt ständig solche Einladungen. Und in diesem Fall meinte Marie zu ihr: „Wenn du da nicht hin willst, lass das bloß nicht verfallen. Ich kenne jemanden, der leckt sich die Finger danach.“

So machte ich mich am Freitag auf den Weg. Nach rund fünf Stunden Zugfahrt kam ich pünktlich (ja, das halte ich für erwähnenswert) am Zielort an. Einen Rollkoffer vor mir hergeschoben, eierte ich durch den Bahnhof, bekam die richtige Bimmelbahn und fuhr bis fast direkt vor das Hotel. Checkte ein, mein Zimmer sollte im obersten Stockwerk sein. Und wie ich so am um die Ecke gelegenen Fahrstuhl wartete, sagte doch die eine Mitarbeiterin von der Rezeption lachend zu ihrer Kollegin: „Die Behinderte ist in zwei Minuten wieder hier. Wetten?“

Hm? Warum? Zimmer nicht gereinigt? Der vorherige Gast liegt noch im Bett? Die Schlüsselkarte passt nur zur Putzkammer? Der Aufzug fährt nicht ins oberste Stockwerk? Das Fenster liegt mitsamt seinem Rahmen im Hof? In der Badewanne schläft ein Krokodil?

Nein, ganz anders: Die Tür zum Bad und die Fläche neben dem Bett sind so schmal, dass ich gar keine Chance habe, dort hinein zu gelangen. Hochfloriger Teppichboden. Zum Fenster müsste ich krabbeln. Ich rolle also wieder nach unten. Sie erzählt mir, dass die barrierefreien Zimmer leider renoviert werden. Leider habe man beim Einbuchen der Reservierungen nicht darauf geachtet, dass ich ja ein barrierefreies Zimmer bräuchte. Ob ich auch mit diesem Zimmer klar käme, wollte sie wissen.

„Das fragen Sie mich ernsthaft, nachdem Sie gerade schon vorausgesagt hatten, dass ich in zwei Minuten wieder hier bin? Sie lassen mich hier mit dem Koffer durch das halbe Hotel fahren, obwohl Sie wissen, dass ich das Zimmer nicht nutzen kann und stellen sich jetzt auch noch doof? Werden Sie dafür von mir bezahlt?“ – Ich finde das ungeheuerlich. Die Dame zuckte mit den Schultern und sagte: „Dann müssen Sie sich halt ein anderes Hotel suchen.“

„Ja. Und jetzt hätte ich gerne meine Anzahlung zurück. Die Mehrkosten stelle ich Ihnen hinterher in Rechnung.“ – „Welche Mehrkosten?“ – „Das, was das andere Hotel jetzt mehr kostet. Plus die Taxifahrt dorthin. Kurzum: Der Schaden, der mir dadurch entsteht, dass Sie unseren Vertrag nicht erfüllen.“ – „Welchen Vertrag?“ – „Den in meiner Tasche. Von Ihnen schriftlich bestätigt. Ein barrierefreies Zimmer für zwei Nächte. Können Sie mir dann bitte noch vermerken, dass das bestellte Zimmer nicht verfügbar ist?“

Hat sie tatsächlich gemacht. Ein anderes Hotel, auf der anderen Seite der Stadt, hatte noch ein barrierefreies Zimmer frei. Für 133 Euro pro Nacht. Plus Frühstück. Das ist eigentlich nicht meine Preislage. Aber günstiger ging es nicht.

Nun hätte ich ja erwartet, dass das Zimmer sauber ist. Den Müll hat man sofort abgeholt, das Bett hat man auch noch sofort bezogen, die restlichen Reinigungsarbeiten könnten dann erst am nächsten Morgen stattfinden. Es heißt ja immer, dass bei denen, die am meisten meckern oder sogar einen Meckerblog schreiben, das eigene Zuhause noch viel schlimmer aussieht. Nee, Leute, ich würde mich schämen, wenn meine Bude so schimmelig wäre.

Ich muss jetzt ins Bettchen. Deshalb kann ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin. Aber ich hole es nach. Versprochen.

Dieser Gammel hing im Rolli-Bad am seidenen Faden. Immerhin gibt es eine Warnung: Falls jemand mit dem Rollstuhl drankommt, sitzt er auf dem elektrischen Stuhl. Was wohl passiert, wenn jemand aus Versehen mit den Duschstrahl draufhält oder Kinder im Krabbelalter mitbringt...
Dieser Klappsitz in meiner Dusche war fast ganz sauber und hatte die Haare schön.
Ich vermute, dass ein einfacher Lappen mit Scheuermilch schon ausgereicht hätte, den Siff zu entfernen. Da soll ich mich anlehnen?
Das war der Fußboden im Bad, bevor mein Bett aufgeschüttelt wurde.
Das sind bestimmt die Fussel von seinen Tennissocken, die er zwischen den Zehen hatte, bevor er duschen ging.
Scheinbar wird an bestimmten Stellen nicht ganz so häufig gewischt. Oder der Lappen ist dann schon dreckig.
Nee, die Fußnägel gehören mir nicht.

Gute Vorsätze und: Wie man damit umgeht

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„Gute Vorsätze“ ist, glaube ich, ein Instrument, um vom Jahreswechsel-Blues, den viele Menschen schieben, wenn sie die letzten 365,25 Tage in ihren Gedanken Revue passieren lassen, abzulenken. Genauso wie die Knallerei. Die soll böse Geister vertreiben. Vermutlich nicht nur die draußen, sondern auch die, die auf der Psyche liegen. Wenn Weihnachten, das Fest der Liebe, vorbei ist, und alle Aufregung verflogen, dann brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Gute Vorsätze.

Früher oder später ist der Jahreswechsel-Blues weg. Alle sind wieder im Alltag angekommen, sind wieder im Stress, sind mittendrin. Mit ihm weg sind dann auch die guten Vorsätze. Einmal pro Tag ins Schwitzen kommen, respektvoll und wertschätzend mit meinen Mitmenschen umgehen, nicht auf Behindertenparkplätzen parken und so weiter – spätestens Ende Januar ist alles so wie früher.

Alle Behindertenparkplätze sind belegt, mit Leuten ohne Ausweis. Das Schwimmbad ist wieder leer, niemand zieht mehr seine Bahnen. Außer die Verrückten, die auch ohne gute Vorsätze schon immer regelmäßig trainiert haben. So wie Marie und ich, die heute beide 2,8 Kilometer geschwommen sind. Und Helena, die nebenbei, ganz cool, ihr Jugendschwimm-Abzeichen in Silber geschafft hat. Zum Sprung vom Dreimeter-Brett ist die Mitarbeiterin der Schwimmhalle doch tatsächlich Stufe für Stufe mit ihr die Leiter hochgeklettert und hat sie gesichert. Und oben, ohne lange zu überlegen: Zack, erledigt.

Vorher musste Helena eine Karte lösen. Marie und ich nicht, wir kommen mit unserem Mitgliedsausweis rein. Helena stellt sich brav an der Kasse an, vor ihr führt eine ältere Dame unendliche Gespräche wegen Gutscheinen und Rabatten. Als Helena endlich dran ist und schon Luft holt, kommt eine Frau von rechts und drängelt sich vor. Helena, nicht auf den Mund gefallen, fragt ganz höflich: „Möchten Sie vor?“ – Da sagt doch die Frau: „Nicht nötig, ich bin schon dran.“

Löst ihre Karte, bezahlt mit einem Dutzend Münzen, grinst Helena nochmal an, dreht sich zum Eingang und muss ruckartig stehen bleiben, weil ich mich ihr in den Weg gestellt habe. Ich frage: „Was war das denn eben?“ – Sie geht um mich herum ohne zu antworten. Ich hätte ja große Lust, sie in der Halle noch einmal anzusprechen. Aber was würde das bringen? Sie hat sich lediglich vorgedrängelt. Ich denke mir so: Hoffentlich verschluckt sie bei der nächsten Wende zwei Liter Beckenwasser mit drei richtig fetten Haarbüscheln. Und ein wenig ärgert es mich, dass ich nicht auf Kommando neben ihr pinkeln kann.

Während wir unsere Bahnen schwimmen, schiebt plötzlich ein Badegast unsere beiden Rollstühle an die Wand. Also er hebt sie mehr als dass er sie trägt, weil sie ja festgebremst sind. 25 Meter Kraul schaffe ich, wenn ich mich beeile, in rund 20 Sekunden. Das ist eine Geschwindigkeit von immerhin fast 2,5 Knoten! Oder 4,5 km/h. Okay, die schnellste Schwimmerin der Welt mit einer in etwa vergleichbaren körperlichen Einschränkung schafft rund 6,5 km/h, aber das Ziel, die weltschnellste Schwimmerin mit Querschnittlähmung im Lumbalbereich zu sein, hatte ich noch nie. „Entschuldigung, was machen Sie mit unseren Rollstühlen?“, frage ich den recht sportlich aussehenden Herrn, der zwischen 55 und 60 Jahre alt sein dürfte.

„Die dürfen hier nicht am Beckenrand stehen, das ist eine Unfallgefahr“, sagt er. Ich antworte: „Und wie kommen die später wieder zu uns zurück? Ich krabbel doch jetzt nicht quer über die Fliesen.“ – „Das müssen Sie auch nicht. Sagen Sie mir einfach Bescheid, dann hole ich sie Ihnen wieder.“ – „Nein, lassen Sie die bitte hier am Beckenrand stehen.“ – „Unfallgefahr. Die müssen hier weg.“ – „Dann müssten Sie die Startblöcke da aber auch abmontieren. Ob die nun da stehen oder direkt daneben ein Rollstuhl …“ – „Die Startblöcke sind fest, die Rollstühle beweglich. Jemand könnte darüber stolpern und mit den Stühlen ins Wasser stürzen.“ – „Nun ist aber gut.“ – „Wie gesagt, sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie wieder raus wollen. Ich bin dahinten in Bahn 2. Wenn es sein muss, hebe ich Sie sogar hoch. Ich habe jahrelang meine behinderte Mutter gepflegt, von daher weiß ich, wie man damit umgeht.“

Wie man damit umgeht. Aha. Ich schwimme zurück, tauche unter der Leine durch und kralle mir die Schwimmhallen-Aufsicht. „Entschuldigung? Der Herr dort hinten hat unsere Rollstühle vor die Wand geschoben. So kommen wir jetzt aber nicht mehr dran. Könnten Sie uns die bitte wieder an den Beckenrand stellen?“ – „Ja, selbstverständlich.“ – „Danke.“

Wie man damit umgeht.

Hokuspokus

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Ich war heute nach Feierabend noch einmal im Schwimmbad. Helena war mit eine Freundin verabredet, Marie hilft heute ihrer Mutter bei einer Jahresabrechnung und ich hatte nochmal Lust auf den Blindfisch.

Normalerweise glaube ich nicht an Hokuspokus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, als gäbe es eine gewisse Paranormalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Frau bereits fertig ist mit Schwimmen und im nassen Badeanzug, in ein Handtuch eingewickelt, auf einer gefliesten Bank sitzt und … auf mich wartet? Würde sie sehen können, würde ich sagen, sie starrt Löcher in die Luft. Ich rolle zu ihr und begrüße sie mit einem herzlichen „Moin“, wie sich das für ein Nordlicht gehört.

Sie dreht ihr Gesicht in meine Richtung. Weint sie? Oder ist das vom Chlorwasser? Nein, sie weint. Neulich hat mich noch jemand gefragt, ob blinde Menschen weinen können. Sie versucht, das, was sie bedrückt, einigermaßen zu überspielen, aber es gelingt ihr nicht. „Hi Jule, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir?“ – „Danke. Was ist denn los mit dir? Ärger?“ – „Nee, alles gut.“ – „Du kannst mit mir sprechen. Oder möchtest du nicht?“ – Sie schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, fängt an, Rotz und Wasser zu heulen. Ich nehme sie in den Arm und streichel ihr den Rücken. Ich kenne die Frau kaum.

Da ist was ganz bescheuertes passiert. So mitgenommen, wie sie ist. Das hab ich im Gefühl. Zum Glück hab ich noch nicht geduscht. „Wir ziehen uns jetzt an und dann setzen wir uns zu mir ins Auto und dann erzählst du mir alles, okay?“ – Würde sie das wollen? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber sie nickte. Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich in meinem Auto. Die Standheizung versuchte, die kalten Temperaturen draußen zu lassen. Und die sehbehinderte Frau fing sofort zu erzählen an: „Ich war heute nicht arbeiten. Ich konnte nicht.“

„Was ist denn passiert? Hat dich da jemand geärgert?“ – „Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mich gewundert, warum er nicht neben mir liegt heute morgen, habe totale Panik bekommen, dass ihm was passiert sein könnte, will ihn anrufen und lese eine Nachricht auf meinem Handy. Ich habe sie noch immer nicht vollständig entziffert. Magst du sie mir mal vorlesen, bitte?“

„Oh nein. Wie lange seit ihr denn verheiratet?“ – „Seit knapp drei Jahren. Kannst du mir das bitte vorlesen?“ – „Wenn du das unbedingt möchtest?“ – „Keine Sorge, Jule, ich kann das trennen. Ich verknüpfe das nicht mit dir. Aber ich möchte wirklich wissen, was er geschrieben hat. Wenn ich so aufgeregt bin, kann ich mich nicht konzentrieren, da können Schrift und Kontrast noch so groß sein.“

Er schrieb sinngemäß: Liebe […], das ist ein Abschiedsbrief. Ich brauche eine Veränderung. Ich weiß noch nicht, wohin es geht und wo ich landen werde. Aber vor allem, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben können, wird für mich zunehmend zu einem Problem. Ich habe nicht vermutet, dass mir etwas fehlen könnte, wenn ich immer im Hinterkopf habe, dass wir verhüten. Du bist eine wunderbare Frau und ich werde auch in Zukunft immer an dich denken. Alles Gute, […]

Sie hörte auf zu weinen. Eine Zeitlang sagte niemand was. Dann kam von ihr: „Der spinnt ja total. Weiß der, was er tut? Wir haben Jahre lang, bevor wir geheiratet haben, immer wieder darüber gesprochen, dass wir beide es nicht möchten, dass unser Kind ebenfalls sehbehindert sein wird. Das war nie ein Problem. Und plötzlich ist es eins, quasi von heute auf morgen? Und ich erfahre das in einem Abschiedsbrief?“

„Darf ich ehrlich zu dir sein, auch wenn das vielleicht weh tut?“ – „Bitte, Jule, deine Meinung interessiert mich sehr. Du schaust ja quasi von außen drauf.“ – „Für mich klingt es, als ob das vorgeschoben ist. Ist denn überhaupt sicher, dass euer Kind eine Sehbehinderung haben würde? Habt ihr das testen, euch beraten lassen? Und es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen. Adoption zum Beispiel. Wenn man das unbedingt wollte.“ – „Jule, das war nie ein Thema. Ich habe das erwähnt und wir haben Dutzende Male darüber gesprochen, dass uns Kinder nicht wichtig sind. Und an dem Stand hat sich nie etwas geändert. Ich weiß, wie er schreibt, und ich vermute, er hat eine andere Frau kennengelernt. Sein Herz war schon seit Wochen nicht mehr bei mir.“

„Das tut mir so leid.“ – „Weißt du, das Schlimme ist ja, dass ich ihn so liebe. Und dass ich weiß, dass ihn niemand anderes so lieben wird wie ich. Würde er morgen, in einer Woche oder in drei Jahren wieder angekrochen kommen, ich würde ihm die Tür sofort wieder öffnen. Ich kann mir nicht einfach einen neuen Mann suchen. Ich liebe ihn. Und stehe jetzt irgendwo im Niemandsland, hoffe, dass er zurück kommt, wenn er zur Vernunft zurück findet und merkt, dass die andere Frau seine ganzen Träume auch nicht erfüllen kann.“

„Ist er denn so ein Träumer?“ – „Das liebe ich an ihm ja so. Ich hatte vor ihm eine kurze Beziehung, bevor ich ihn kennen gelernt habe. Und egal, mit welcher Freundin ich auch drüber gesprochen habe, alle haben mich beneidet. Er hat alles für mich getan, ich habe alles für ihn getan, wir haben uns manches Wochenende stundenlang geliebt. Nicht nur im Bett, verstehst du? Wir waren selbst nach Jahren noch wie zwei verliebte Turteltäubchen. Schon morgens habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass ich ihn nach Feierabend wieder neben mir habe. Und jetzt komme ich nach Hause und alle seine Sachen sind noch da. Und dann gehe ich ins Bett und sein Kopfkissen riecht nach ihm. Und jedes Mal muss ich mir wieder sagen: Der kommt nicht mehr. Oder hoffen, dass er eines Tages doch zurück kommt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du erstmal ein paar Tage zu einer Freundin gehst. Oder leben deine Eltern noch?“ – „Meine Mutter, aber die würde sterben vor Mitleid, wenn ich jetzt eine Woche bei ihr einziehe. Aber ich werde meine Schwester fragen, ob ich ein paar Tage zu ihr kann. Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ – „Wird sie das machen?“ – „Hundertprozentig. Sie ist Single, jünger als ich und hat schon immer gesagt, wenn mal was ist, mein Gästezimmer ist immer für dich offen.“

Während sie im Auto saß, telefonierte sie mit ihr. „Ich fahre dich eben zu ihr.“ – Das war doch kein Zufall, dass sie trotz dieses Zustandes heute schwimmen gegangen ist. Und das war auch kein Zufall, dass ich vorher an sie gedacht habe und gehofft habe, sie zu treffen. Kann mir niemand erzählen.