Die achte Million

13 Kommentare2.088 Aufrufe

Heute gegen 16.40 Uhr war der 8.000.000. Seitenaufruf meines Blogs. Ich weiß aus den nicht veröffentlichten Kommentaren zur 7. Million am 14. April 2019, einige Leserinnen und Leser finden das nicht mehr erwähnenswert. Ich aber schon. Dieses hier ist übrigens der 1.101. Beitrag. Uff.

Derzeit wird mein Blog pro Tag zwischen 3.400 und 8.000 Mal aufgerufen, wenn ich gerade einen neuen Beitrag gepostet habe, natürlich öfter als an anderen Tagen. Aber aktuell niemals unter 3.400 Mal pro Tag. Der Tag mit den aktuell meisten Seitenaufrufen war der 9. Juli 2019 mit fast 29.000 Klicks.

Übrigens ist der häufigste Suchbegriff, der Menschen aktuell auf meinen Blog führt (hinter den ganzen einschlägigen Suchworten wie „Jule“, „Rollstuhl“, „Behinderung“ etc.), das Wort: „Strumpfhose“. Mein Beitrag über einen Strumpfhosenliebhaber, mit dem ich beinahe im Bett gelandet wäre, scheint wohl sehr großes Interesse zu wecken oder zumindest einer großen Suchmaschine sehr zu gefallen.

Elftes Gyrosbaguette

28 Kommentare4.313 Aufrufe

Ich stelle mir gerade vor, ich hätte Geburtstag. Nicht meinen richtigen, der in meiner Geburtsurkunde steht, sondern den anderen. Also den Zweitgeburtstag. Den ich immer an dem Tag berolle, an dem ich einst dem Sensenmann erst die Hand geschüttelt, dann aber nochmal „Auf Wiedersehen“ gesagt habe.

Der Tag, an dessen Jährung ich früher immer Gyrosbaguette gegessen habe. Was mir inzwischen aber keinen Spaß mehr macht, weil erstens Gyrosbaguette so viele Zwiebeln enthält, dass ich davon in einer Tour laut pupsen muss, zweitens es den Imbiss nicht mehr gibt, an dem sich die Heli-Crew an meinem Unfalltag sowas geholt und dann aus Gründen liegen gelassen hat, drittens es die Notärztin nicht mehr gibt, die mir damals nicht mit einem Gyrosbaguette, sondern mit viel Liebe, ein wenig Gas, viel Wasser und ein paar Drogen das Leben gerettet hat.

Ich stelle mir gerade vor, es wäre mein elfter Zweitgeburtstag. Ich hätte dienstfrei, würde morgens mit Marie eine Runde im Meer trainieren, würde mich nachmittags noch mit einer Freundin treffen, die extra ihr Fahrrad auf dem Auto mitbringt, weil wir beide schon seit Monaten gemeinsam an paar Kilometer abreißen und dabei quatschen wollen, sie auf dem Fahrrad und ich mit meinem Handbike; ich würde von Marie einen Kuchen mit elf Kerzen bekommen und gar nicht mehr so viel über das alles nachdenken, denn es ist bereits elf Jahre her.

Und ich stelle mir vor, ich hätte am Morgen ein paar Leuten geschrieben, das ich heute meinen elften Zweitgeburtstag feiere und mit allen, die wollen, anstoße. Ohne mir viel dabei zu denken. Und dann passiert *Trommelwirbel* etwas, womit niemand gerechnet hat: In den zwei Stunden danach wollen 100 Leute mit mir anstoßen und prosten mir zu. Ich freue mich riesig über die Aufmerksamkeit. Auch wenn ich mich inzwischen für ausgeglichen halte, so ein Zweitgeburtstag ist immer Scheiße. Auch nach elf Jahren sind Gedanken da. Keine, die mich umwerfen, keine, die mich noch zum Heulen bringen, aber am Abend davor in alten Fotoalben geblättert zu haben, war ohnehin nicht richtig. Nein, einfach nur ein wenig Melancholie. Ablenkung tut gut, und Anteilnahme auch. Mitleid nicht.

Naja, und dann stelle ich mir vor, in den zwei Stunden danach wollen noch weitere 100 Leute mit mir anstoßen. Auch wenn ich nur noch vorsichtig nippe, ist mir schon ganz schwindelig. Ich muss Sekt nachkaufen, weil ich mit einem solchen Ansturm gar nicht gerechnet habe. Neben aneinanderklirrenden Gläsern bekomme ich viele schöne Worte.

Ich stelle mir vor, dass ich vier Stunden später von dem ganzen Sekt völlig betrunken bin. Inzwischen hat jemand 1.300 Menschen gezählt. Auch wenn ich noch gedacht habe, ich heule nicht, kommen mir die Tränen. Noch vier Stunden später habe ich gefühlte 11 Promille Alkohol im Blut und weiß gar nicht mehr, was ich noch sagen soll. Denn inzwischen haben 4.000 Menschen mit mir angestoßen.

Spinne ich? Ja. Es waren keine 4.000 Leute in meinem Garten. Und auch nicht in meinem Haus. Ich habe keinen Tropfen Alkohol getrunken. Aber ich hatte am Morgen nach einiger Überlegung, ob ich es überhaupt posten sollte, beim Kurznachrichtendienst Twitter geschrieben, dass heute mein elfter Zweitgeburtstag wäre. Dass die Frau, die mich damals umfuhr, hupte statt zu bremsen und ich deshalb jetzt rolle statt zu laufen. Das Ding ging buchstäblich durch die Decke.

Als ich heute vom Dienst wiederkam, hatten über 13.000 verschiedene Menschen meinen Tweet geliked, rund 1.000 verschiedene Menschen meinen Tweet geteilt und, und darüber freue ich mich noch einmal besonders, rund 400 Menschen mir mit persönlichen Worten zu meinem „Geburtstag“ gratuliert. Anteil genommen, mitgefühlt, mich gefeiert. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

Meine Followerzahl hat sich innerhalb von 24 Stunden mehr als verdreifacht. Es wird vermutlich Stunden dauern, zu sichten, wer mir alles seine Visitenkarte in den Briefkasten geworfen hat. Gut, zwei oder drei haben vor lauter Sekt in meinen Vorgarten gekotzt, das mache ich demnächst weg, aber die gibt es ja immer. Hätte ich das für möglich gehalten, dass mir an einem Tag mal deutlich über 10.000 Menschen ihre Aufmerksamkeit schenken?

Ja, es gab mal einen Tag, an dem mein Blog über 22.000 Mal aufgerufen wurde. Nach einer Verlinkung des Bild-Blogs. An einem „normalen“ Wochentag wird mein Blog derzeit etwa 3.500 bis 6.000 Mal aufgerufen. In den letzten 24 Stunden wurden meine Blog-Seiten über 38.000 Mal aufgerufen. Ich wollte es nur mal erwähnen. Denn eigentlich blogge ich nur ein wenig.

Ihr Lieben, danke für das das positive Feedback, die aufmerksamen und mitfühlenden Worte. Ich freue mich, dass so viele Menschen in meinem Leben mitlesen und meinen Zweitgeburtstag mitfeiern wollen. In diesem Sinne: Prost!

Keine Mobilität

29 Kommentare4.069 Aufrufe

Am Pfingstwochenende müssen Marie und ich in diesem Jahr nicht arbeiten. Gar nicht. Alle Tage frei. Wahnsinn.

Nein, wir verreisen nicht. Wir bekommen auch keinen Besuch. Sondern wir chillen. Garten, Sonne, Handbike, Strand. Mehr bitte nicht.

Und Kontaktpflege. Und Bloggen. Und ausnahmsweise kann ich heute Kontaktpflege und Bloggen mal gleich miteinander verbinden: Ein langjähriger Freund erzählte mir heute am Telefon seine Story, die eigentlich exklusiv zu meinem Idiotenmagneten passen würde. Vielleicht müssen wir inzwischen darüber nachdenken, ob alle Menschen mit Behinderung einen solchen Magneten haben, denn auch dieser Freund sitzt im Rollstuhl. Vielleicht wird dadurch aber auch nur einmal mehr deutlich, wie in diesem Land mit Menschen mit Behinderung umgegangen wird.

Ich betone, dass nicht alle Menschen so sind. Ich betone aber auch, dass ich den „bedauerlichen Einzelfall“ nicht mehr hören, lesen oder glauben kann. Es ist kein bedauerlicher Einzelfall, dass die Deutsche Bahn schon wieder ein Problem hatte, Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu transportieren.

Gerade erst vor knapp zwei Wochen traf es die ehemalige Bahnradsportlerin Kristina Vogel, die seit einem Unfall querschnittgelähmt ist und im Rollstuhl fährt: Verschiedene Medien berichten, dass sie in Frankfurt aussteigen wollte, das jedoch nur mit der Hilfe anderer Reisender schaffte, die sie mitsamt Rollstuhl aus dem Zug hoben. Der Mitarbeiter mit der für das Aussteigen benötigten Rampe sei nicht am Zug gewesen, der Schaffner habe sich auch nicht gemeldet. Ich kenne das auch, in einem solchen Fall stelle ich mich dann immer in die Tür und halte den gesamten Zug auf. Irgendwann kommt immer jemand und schaut nach, warum die Tür nicht schließt.

Zwei Wochen davor hatte Bloggerin Wheelymum beschrieben, wie sie beinahe eine Reise nach Berlin absagen musste, weil man ihren Rollstuhl nicht aus dem Zug bekam. Am Ende reiste sie mit dem Flugzeug an.

Und in der letzten Woche? Da traf es vier junge Menschen aus Hamburg, die zu einem internationalen Wettkampf nach Berlin wollten. Zwei sitzen im Rollstuhl, zwei haben andere Einschränkungen; alle vier gehörten zu einem Landes-Auswahlteam, hatten sich für die Teilnahme an dem Wettkampf qualifiziert und über ein Jahr hart dafür trainiert. Für die Hin- und Rückfahrt waren die Fahrkarten schon vor Monaten gekauft und bezahlt, die beiden einzigen in dem ICE vorhandenen Plätze für Rollstuhlfahrer reserviert und die Einstiegshilfe vorbestellt. Wer mit einem Rollstuhl in den Zug möchte, braucht die Hilfe vom Personal, da eine Rampe bedient werden muss.

Am Morgen des Anreisetags stellte eine der Sportlerinnen dann zufällig fest, nachdem sie sich im Internet auf dem Weg zur Schule noch einmal vergewissert hat, ob alles klappen würde: Der betreffende Zug fährt heute ohne Wagen 9. Leider sind im Wagen 9 die beiden einzigen Rollstuhlplätze des Zuges. Und das einzige mit dem Rollstuhl befahrbare WC. Vielleicht übersteht der eine oder andere die zwei Stunden ohne WC. Dass der Zug liegen bleibt und die vier dann nicht auf die Toilette können, mag auch noch weit hergeholt sein. Aber: Die Deutsche Bahn lädt keinen Menschen im Rollstuhl in einen anderen Wagen ein, denn selbst wenn der Rollstuhl durch die schmaleren Eingangstüren hindurch passen würde, müsste derjenige ja die ganze Fahrt über auf dem Gang und damit im Fluchtweg stehen.

Die Beförderung von Menschen mit Behinderung wird bei der Deutschen Bahn durch den hauseigenen Mobilitätsservice koordiniert. Insbesondere diejenigen, die mit dem Rollstuhl reisen, müssen sich spätestens zwei Tage vor Reiseantritt dorthin wenden und darum bitten, eine Einstiegshilfe, also einen Mitarbeiter, der die Rampe bedient, zu bekommen. Nachdem der Wunsch aufgenommen wurde, senden die Mitarbeiter ihn an die jeweiligen Bahnhöfe, diese melden dann zurück, ob das benötigte Personal zur Verfügung steht. Und ob alle Aufzüge funktionieren. Anschließend erhält der Rollstuhlfahrer eine Bestätigungsmail oder einen Anruf. Bei kurzfristigen Änderungen sollen die betroffenen Personen eigentlich informiert werden.

Das ist in diesem Fall nicht geschehen. „Es ist Ihre Aufgabe, zu prüfen, ob der Zug wie vorgesehen fährt und sich gegebenenfalls bei uns zu melden“, sagte die Mitarbeiterin am Telefon. Service geht natürlich anders. In diesem Fall versuchte man nun, die vier Sportlerinnen und Sportler aus Hamburg in einen anderen Zug umzubuchen. Ein Zug später ging nicht, weil dann die Ankunft zum Wettkampf nicht mehr sichergestellt wäre. Ein Zug vorher ging nicht, weil der ebenfalls ohne Wagen 9 fuhr. In dem Zug davor waren die beiden Rollstuhlstellplätze bereits durch andere Rollstuhlfahrer belegt, in dem davor auch, in dem davor auch. Also blieb nur eine Umbuchung auf einen Zug, der sechs Stunden vor der eigentlichen Verbindung fahren würde.

Der Versuch, die Jugendlichen sofort aus ihren Schulen zu bekommen, scheiterte. Alle Handys waren natürlich aus. Das war aber auch nicht mehr relevant, denn wie sich bei einem weiteren Telefonat mit der Bahn herausstellte, würde auch diese Verbindung scheitern: In Berlin stünde für diesen Zug kein Personal zur Verfügung, das die Rampe bedienen könnte.

Somit lässt sich zusammenfassen: Nix Bahn. Es mussten kurzfristig Fahrzeuge und Fahrer organisiert werden, die die Sportler zu ihrem internationalen Wettkampf nach Berlin fahren. Das kleinste Problem dürfte dabei gewesen sein, dass die vier Erfrischungsgetränke verfallen sind, die die Bahn den vier Sportlern vor zwei Monaten spendiert hat (Verzehrgutschein), nachdem dort auch bereits alles drunter und drüber ging, und das Team für eine Strecke, die üblicherweise in 1:52 Stunden zurückgelegt wird, mal eben über fünf Stunden (Rückfahrt nur vier Stunden) benötigt hat. Damals auch, weil die barrierefreien Komponenten gar nicht oder zeitlich nicht passend verfügbar waren. Auf die schriftliche Beschwerde ihres Vereins hat sich bis heute niemand gemeldet. Zwar wurden 50% des Fahrpreises inzwischen automatisiert erstattet, aber auf die versprochene Aufarbeitung warten die Jungs und Mädels noch heute.

Nein, die Deutsche Bahn ist nicht entschuldigt. Auch wenn viele motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert alles versuchen, und auch wenn es unter den Menschen mit Behinderung durchaus auch nervige Zeitgenossen gibt: Es kann nicht sein, dass Menschen mit Behinderung in Deutschland nicht zuverlässig und gleichberechtigt mit der Deutschen Bahn fahren können. Es ist kein Einzelfall, wenn es den ganzen Tag lang effektiv nicht möglich ist, als Rollstuhlfahrer von Hamburg nach Berlin zu fahren. Und darüber diskutiere ich auch nicht.

Reitstunden

6 Kommentare2.004 Aufrufe

Vor etwa vier Monaten bekam ich eine E-Mail, ob jemand Helena damit eine Freude machen würde, wenn er ihr Reitstunden bezahlt. Auch wenn das mit Sicherheit lieb gemeint ist, es fehlt hier nicht an Geld. Und ich möchte keine persönlichen Bindungen zu Menschen, die mich nur über meinen Blog kennen. Umso erschrockener war ich, als ich in der letzten Woche 250 Euro auf meinem Girokonto gutgeschrieben bekam. Von einer mir unbekannten männlichen Person. Verwendungszweck: „Mein Anteil an der Reitbeteiligung.“

Kann sich jemand vorstellen, dass mir beinahe mein Handy aus der Hand gefallen wäre, als mir die Handy-App diesen Zahlungseingang vermeldete und ich den sofort mit dieser E-Mail verknüpfte? Ich habe wirklich einen Moment lang überlegt, wie das sein kann. Meine private Kontonummer sollte eigentlich niemand kennen. Dann habe ich versucht, herauszubekommen, wer das ist. Habe den Namen in eine Suchmaschine eingegeben und bekam eine große Anwaltskanzlei in Hamburg ausgespuckt. Merkwürdig.

Ich suchte die alte E-Mail noch einmal heraus und stellte fest, dass das ein ganz anderer Name war. Gut, das muss nichts heißen, aber in der Mail wurde ein süddeutscher Ort erwähnt und eine Abfrage der IP-Adresse ermittelte einen Einwahlknoten in genau dem Ort, den derjenige auch in der Mail genannt hatte. Also rief ich diese Anwaltskanzlei an. Klären musste ich das ja so oder so. Als ich schilderte, dass ich Geld für Reitbeteiligung auf meinem Konto gutgeschrieben bekam, sagte die Mitarbeiterin: „Das ist etwas Privates. Ich stelle Sie mal durch.“

Ende vom Lied: Papa lebt in Scheidung, ist verplant, hat seiner Tochter versprochen, sich mit 250 Euro an ihren Reitstunden zu beteiligen, hatte keine IBAN, sondern nur Bank und Kontonummer – und dann ist wohl im IBAN-Rechner irgendwas verkehrt gelaufen. Die Namen der Kontoinhaber werden heute wohl nicht mehr abgeglichen, und so hatte ich Geld auf meinem Girokonto, das überhaupt nicht für mich bestimmt war. „Wenn Sie mir 240 Euro zurücküberweisen, wäre ich Ihnen dankbar. 10 Euro Bearbeitungsgebühr dürfen Sie einbehalten. Danke, dass Sie sich gemeldet haben.“