Darum

54 Kommentare5.421 Aufrufe

Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.

Kraft für die Inklusion

13 Kommentare1.824 Aufrufe

Vielleicht ist der einen Leserin oder dem anderen Leser meines Blogs aufgefallen, dass ich die Liste der Empfehlungen und Verlinkungen überarbeitet habe, jene, die in der rechten Spalte neben dem Haupttext steht. Sie ist nicht vollständig, schließlich wird nicht immer übermittelt, woher meine Besucher kommen. Falls ich etwas vergessen habe, was ich lieber nicht vergessen sollte, bitte ich um einen Hinweis…

Auch das eine oder andere Printmedium hat mich in den letzten zwei, drei Jahren erwähnt. Das ist immer recht lustig, wenn ich plötzlich über die Vereinsadresse, die bei mir im Impressum angegeben ist, eine Zeitung (als Belegexemplar) weitergeleitet bekomme, mit freundlicher Empfehlung und einem Klebereiter auf der Seite, wo irgendetwas über meinen Blog steht. Meistens sind das Vereinszeitungen oder die Mitgliederzeitungen kirchlicher oder wohltätiger Organisationen, aber es war auch schon eine Parteizeitung und ein Mitgliedermagazin einer Gewerkschaft dabei.

Und es gab, gerade in den letzten Wochen, auch die eine oder andere Anfrage verschiedener Redaktionen. Mittendrin erinnere ich den außergewöhnlich langen Brief eines Redakteurs einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Deutschlands, mit der Bitte, mich interviewen und ein, zwei Tage lang zu verschiedenen Alltagsstationen begleiten zu dürfen. Zum Sport, zur Uni, beim Autofahren, in meiner WG. Oder eine Anfrage eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders für eine Reportage im Rahmen einer Dokumentationsreihe. Mehrere Casting-Anfragen für alles mögliche, eine sogar für eine Talkrunde bei einem privaten Fernsehsender.

Und ich? Ich habe immer „Nein“ gesagt. Warum? Weil ich schüchtern bin, bei einer Talkrunde oder bei irgendeinem Dreh kein Wort rauskriegen würde. Und weil ich hier über mein Leben blogge, wobei ich bestimmen möchte, was ich von mir erzähle. Und nicht zuletzt, weil ich nicht als „starke Frau“ (die häufigste Anfrage) oder „Kraft für die Inklusion Behinderter“ (die zweithäufigste Anfrage) gelten möchte – ich möchte überhaupt nicht öffentlich vor vielen Menschen bewertet werden. Und das passiert automatisch, wenn man einen Artikel über mich schreibt, über die starke Frau, die ihr Leben in den Griff bekommen hat.

Vielleicht habe ich mein Leben ja gar nicht im Griff? Vielleicht stehe ich zwei Meter vor dem Abgrund? Vielleicht bin ich gar nicht stark, sondern nur kämpferisch? Genau das steht eben morgen oder nächstes Jahr exklusiv in meinem Blog.

Auf jeden Fall bin ich aber keine „Kraft für die Inklusion Behinderter“. Denn mein Verständnis einer inklusiven Gesellschaft ist ein gemeinsames Miteinander. Ein gemeinsames Miteinander kann immer dann nicht funktionieren, wenn auf gleicher Ebene (also auf der Ebene der Beteiligten) Bemühungen nötig sind, um dieses gemeinsame Miteinander zu erreichen. Denn jede Bemühung ist aus einem erkannten Defizit motiviert – und das weiß auch der, der diese Bemühungen erlebt.

Die einzig sinnvolle Bemühung auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft kann es sein, Barrieren abzubauen, die das gemeinsame Miteinander behindern. Also einen Rahmen zu schaffen, in dem „alles möglich“ ist. Und zwar nicht, weil ein Mensch ohne Beeinträchtigungen das (offenherzig) möchte, sondern weil ein Mensch mit Beeinträchtigung das (selbstbestimmt) kann. Dass wir da nicht morgen sind, ist mir klar, darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es darum, dass ich nicht für die Inklusion behinderter Menschen kämpfe. Sondern für eine inklusive Gesellschaft, in denen alle Menschen selbstverständlich miteinander leben. Das möchte ich – nur mal so am Rande – erwähnen. Die zahlreichen Anfragen zu eben diesem Thema machen es nötig.

In eigener Sache

9 Kommentare2.082 Aufrufe

Ich weiß ja, der eine oder andere meint es gut. Ich fühle mich auch meistens sehr geschmeichelt.

Aber ich muss trotzdem dazu mal was sagen und mache etwas, was ich eigentlich nicht mache und was auch nicht dazu passt, einen Blog für sich selbst zu schreiben: Ich wende mich an meine Leserinnen und an meine Leser.

Was meint ihr, warum in meinem (Pflicht-) Impressum nicht meine private Anschrift steht, sondern der Sitz eines Blogvereins? Weil ich nicht von mir unbekannten Menschen einfach so besucht werden möchte. Und weil ich keine Pakete bekommen möchte.

Wenn ich glaube, einen neuen Vibrator zu brauchen, bestelle ich mir einen. Oder gehe rolle auf der Reeperbahn in eins der nicht so schmuddeligen Geschäfte.

Wenn ich neue Unterwäsche brauche, gehe ich shoppen. Und auch T-Shirts mit Sprüchen gegen die Diskriminierung behinderter Menschen sind eine tolle Idee, aber ich hätte diese Artikel schon selbst bestellt, wenn ich sie tragen möchte.

Ich weiß, ihr wollt mir mit Socken, Kuscheltieren, Süßigkeiten, Diddl-Mäusen, Schlüsselanhängern und vielem anderen mehr eine Freude machen. Ich fühle mich, wie gesagt, auch ziemlich geschmeichelt.

Aber, und jetzt kommt das große Aber: Dieser Verein, der dort in meinem Impressum genannt ist, wird im Ehrenamt geführt. Die Leute, die da was tun, haben alle einen regulären Job. Haben alle eine Behinderung. Und ich fühle mich unwohl, wenn diese Menschen nach einem anstrengenden Arbeitstag eine Benachrichtigungskarte im Vereinsbriefkasten finden, dass sie am nächsten Werktag mit dem Rollstuhl einige Kilometer zum Postamt gurken mögen, sich dort eine halbe Stunde anstellen, um dann eine Tüte Gummibärchen abzuholen, die noch nicht mal für sie selbst bestimmt ist.

Das ist jetzt in den letzten drei Monaten mehrmals (mehr als ein Dutzend) vorgekommen und ich fühle mich damit nicht wohl. Auch wenn das meistens total lieb gemeint ist und sich bisher noch niemand aus dem Verein beschwert hat. Bitte lasst es trotzdem sein. Ich danke für Euer Verständnis!

Grünes Licht für Bloggerbund

7 Kommentare2.060 Aufrufe

Endlich ist es soweit. Fast ein Vierteljahr hat es gedauert, bis überall grüne Lampen leuchten. Ich rede schreibe von jener Vernetzung von Bloggern … oder anders angefangen: Mir hat das Tagebuch-Schreiben, das Schreiben über mich und meine Behinderung in der bisher schwersten Phase meines Lebens sehr geholfen. Und ich bin mir sicher, anderen Menschen könnte das genauso helfen. Im einzelnen wie auch insgesamt. Also einerseits demjenigen, der gerne verstanden werden möchte und gerne etwas Anteilnahme hätte, andererseits uns allen. Also allen Menschen, sowohl mit als auch ohne Behinderung, wenn es darum geht, einander zu verstehen.

Die Idee ist denkbar einfach: Ich verlinke zu anderen lesenswerten Blogs von Menschen mit Behinderungen oder ihren Angehörigen oder Freunden. Indem ich interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs den Link zu einer Plattform anbiete, auf der alle diese Blogs kurz vorgestellt werden. Wer möchte, kann dann einem oder mehreren oder allen Vorstellungslinks folgen und lernt auf diese Weise neue Blogs, neue Geschichten, neue Menschen kennen. Alle Blogger, die auf dieser Plattform vorgestellt und verlinkt werden, verlinken auch zurück – zeigen also ihren Leserinnen und Lesern, die nicht über die Plattform gekommen sind, wo es andere, ebenfalls lesenswerte Blogs gibt. So profitieren am Ende alle.

Vor allem profitieren aber diejenigen, die gerade in einer schweren Phase stecken: Die möglicherweise mit dem Bloggen oder Tagebuch schreiben beginnen wollen, aber keine Internetkontakte haben und Menschen suchen, die ihnen einfach mal ein Feedback geben. Die vielleicht noch gar nicht nicht wissen, wie sie es anstellen sollen. Oder die vielleicht über den Tellerrand schauen wollen. Oder die von einer Behinderung betroffen sind und einen Wunsch haben, den sie sich selbst nicht erfüllen können – bei dem aber eine Gemeinschaft aus vielen Menschen leicht helfen könnte.

Wer also selbst eine Behinderung hat und einen Blog schreibt oder als Angehöriger bloggt oder sonst die ganze Aktion irgendwie unterstützen möchte oder einfach nur neugierig ist, der schaut sich gerne mal hier um. Ja, der neue Klecks am rechten Rand stammt genau daher und verlinkt auf diese Plattform – allerdings ist ganz am Anfang dort noch nicht allzu viel los. Das könnte sich aber bald ändern – also: Mitmachen!