Schneewittchen und die 7 Rollis

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Eigentlich meinte ich, ich hätte mit der Begleitung unserer Amerikaner meinen Reeperbahn-Soll für dieses Quartal erfüllt, aber wenn es einen guten Grund gibt, stürze ich mich selbstverständlich auch ein zweites oder drittes Mal ins blinkend rote Getümmel.

Und diesen guten Grund gab es tatsächlich. Catharina, von der ich über ein Vierteljahr nichts gesehen oder gehört habe (bis auf ein einziges Mal bei der Physio, da war sie jedoch mittendrin und ich wollte sie nicht stören), rief mich an, sie sei am Dienstag entlassen worden. Sie habe ein neues Handy, daher habe nur sie meine Nummer, ich ihre aber nicht. Sie habe eine Wohnung in Hamburg-Harburg bekommen, nicht schön, aber fürs Erste reiche es. Ihr falle die Decke auf den Kopf. Ihre Leute seien allesamt so überfürsorglich, das sei zwar von Montag bis Freitag okay, aber bitte nicht auch noch am Wochenende. Sie wollte wissen, ob ich am Wochenende nicht ein paar rollende Leute zusammentrommeln könnte für einen netten Abend auf dem Kiez.

„Na klar“, habe ich ihr geantwortet. Bloß nicht fragen, warum Kiez, bloß nicht überlegen, ob wirklich jemand Zeit haben könnte. Wenn jemand versucht, auf eigenen Beinen … pardon … Rädern zurecht zu kommen, nachdem er sich vor einem Vierteljahr noch umbringen wollte, das erste Wochenende allein zu Hause ist und von sich aus zum Hörer greift, um irgendwas anderes zu tun als dumm rumsitzen, dann kann die Antwort nur „na klar“ heißen. Finde ich.

Simone, Cathleen, Sofie, Frank, Jana, Catharina und ich – sechs spontane Zusagen. Ohne dass meine Leute von Catharina wussten – das blieb bis zuletzt eine angekündigte Überraschung. Sofie meinte, sie würde Besuch bekommen von Vanessa, die würde aber auch gerne mitkommen, sei jedoch als einzige keine Rollifahrerin. Habe zwar eine angeborene Querschnittlähmung (Spina bifida), die jedoch so tief lokalisiert und zudem inkomplett sei, dass sie laufen könne. Bißchen wackelig, aber es sei okay. Sie würde aber aus einem anderen Grund noch auffallen, jedoch sei das ihre Überraschung, sagte Sofie, wenn ich so ein Geheimnis um die siebte Person machen würde.

Wir trafen uns im Hauptbahnhof. Catharina wurde von ihrer Mutter begleitet, der es sichtbar schwer fiel, ihre Tochter an eine Horde Rollstuhlfahrer abzugeben. Allerdings erkannte sie Cathleen, Sofie und mich als diejenigen wieder, die ihrer Tochter vor einem Vierteljahr zum Schwimmen verholfen haben. Sie sagte aber nichts weiter mehr dazu. „So Mama, jetzt verkrümel dich doch mal, ich schaff das schon alleine. Du bist zu alt für die Party.“ – Klare Worte. Die Mutter verschwand. Fehlte nur noch Vanessa.

Plötzlich tauchte zwischen uns ein Mädchen auf, schätzungsweise 13 oder 14 Jahre alt, vielleicht auch erst 11 oder 12. Einerseits wirkte sie schon sehr weit entwickelt (deutliche Brust), andererseits war sie sehr klein, höchstens 135 cm. Ich war im Sitzen kaum kleiner als sie im Stehen. Trug neongelb-camouflage-farbene Rave-Pants, Buffalostiefel, Zebrajacke mit Kapuze, gepflegte, blonde, schulterlange Haare, keine Schminke, ein Kaugummi im Mund, drei Piercings in der linken äußeren Ohrmuschel … bitte was? Mit 14?! Ich weiß, es gibt kein Mindestalter, aber wessen Eltern erlauben einem Kind unter 14 bitte solche Piercings? Und vor allem, welches halbwegs seriöse Studio pierct Kinder? Ich habe bestimmt nicht viele konservative Einstellungen, aber Kinder piercen oder mit irgendwelchen Tatoos schmücken – das geht mal gar nicht. Sorry.

Egal, war ja nicht mein Kind. Das Mädel wuselte wie ein kleiner Terrier zwischen uns herum, tickte mir auf die Knie, sprang weiter zu Sofie, tickte ihr auf die Knie, sprang weiter zu Frank, tickte ihm auf die Knie und rief keck und mit frecher Stimme: „Na?! Merkst du das?“ Frank reagierte gelassen: „Na du Wirbelwind, hast du denn deine Hausaufgaben schon fertig?“ Das Mädel streckte ihm die Zunge raus, sprang zurück zu Sofie, stieg mit einem Fuß auf die Haltebuchse ihres Vorderrads, drückte sich hoch und setzte sich mit einer Drehung auf ihren Schoß. Umarmte Sofie halb und fragte: „Duhu? Holst du mir ein kühles Bier? Ich hab gerade Bock auf eins, aber der Typ am Kiosk wollte nicht mit mir reden. Wie immer.“ Sie verdrehte die Augen.

Cathleen und ich schauten uns stirnrunzelnd an. „Wollt ihr auch eins? Ich schmeiß ne Runde“, sagte sie. „Oh nee“, dachte ich mir, „kann mal einer dieses nervige Kind wegschicken?“ – Sofie antwortete ihr: „Okay, ich hol dir eins. Will noch jemand was vom Kiosk?“ Das konnte nicht ihr Ernst sein. Obwohl … vermutlich wollte sie ihr ein Malzbier holen und sie dann verabschieden. Irgendwie wurde es auch allerhöchste Zeit, dass diese Vanessa endlich kommt, damit wir weiter konnten. Sofie fuhr zu einem SB-Markt und kam mit acht Flaschen Bier im Ruckack wieder. Sie verteilte sie, nachdem sie die Kronkorken an der Bremse ihres Rollstuhls geöffnet hatte. Das konnte jetzt nicht ihr Ernst sein, dass sie dem Mädchen Bier gab! Als Sofie ihr die Flasche gab und das Mädchen diese sofort ansetzte und einen tiefen Zug nahm, stammelten Simone, Cathleen und ich nur noch ein „Ähhh hallo?“ in Richtung Sofie heraus. Das Mädchen rülpste laut. Sofie sprach sie an: „Mahlzeit. Übertreibs nicht.“ Sofie grinste. Das Mädchen grinste auch. Irgendwas war hier faul.

Plötzlich grinste das Mädchen nicht mehr, sondern drückte mir ihre Flasche in die Hand. „Nimm. Schnell.“, sagte sie. Verdattert nahm ich die Flasche, bevor sie mir das Bier über die Hose kippte. Sie kniete sich hin, band demonstrativ ihre Schuhe zu. Hinter uns trottete eine Polizeistreife vorbei. Als sie weiterging, stand sie wieder auf und wollte ihr Bier zurück. „Danke. Ich habe keinen Bock, schon wieder kontrolliert zu werden.“ – „So. Wollen wir los?“, fragte Sofie. Ich antwortete: „Warten wir nicht noch auf Vanessa?“

Sofie grinste. „Darf ich vorstellen? Das ist Vanessa.“ Das Mädchen hielt die Bierflasche vom Körper weg und verbeugte sich tief. Fast bis zur Erde. Wir stellten uns alle einmal vor. Als wir losfuhren und dieses Mädchen vor uns her lief, fiel mir auf, dass das Mädchen komisch lief. Es wackelte mit dem Po, ging irgendwie seltsam. Nicht wirklich breitbeinig, aber irgendwie holte sie den meisten Schwung aus der Hüfte und irgendwie hob sie ihre Füße auch unnatürlich weit hoch. Tiefer Querschnitt – trägt vermutlich orthopädische Schienen unter der Hose. Aber sie war schnell. Ich passte Sofie ab und fragte sie: „Wie alt ist Vanessa?!“ Sofie grinste. „Dreiundzwanzig. Aber sie benimmt sich manchmal wie zehn. Das Showprogramm war meine Überraschung.“ Die war ihr gelungen.

Als wir in der S-Bahn saßen, wollte die unbedingt mit uns anstoßen. „Auf einen feucht-fröhlichen Abend“, meinte sie. Irgendwie gefiel mir ihre freche Art. Sie hatte sich bei Sofie auf den Schoß gesetzt, quer über beide Beine, und ließ ihre Unterschenkel gegen die Speichen von Sofies Rad baumeln. Fragte sie, wie es ihr geht, war plötzlich total nett. An der Stadthausbrücke stiegen Sicherheitsleute ein. „Die Fahrkarten bitte!“ Die Rollstuhlfahrer wurden nicht kontrolliert, aber von Vanessa wollten sie eine Fahrkarte. „Begleitperson“, sagte Sofie. Der Typ nickte. Sah das Bier. Deutete drauf. „Äh, wie alt bist du?“ fragte er.

„Ich halt nur für sie die Flasche“, antwortete sie und deutete auf Sofie. „Oder haben Sie mich trinken sehen?“ Der Typ verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und ging weiter. Vanessa schmollte und sagte: „Das fehlte noch, dass der mir mein Bier wegnimmt.“ Und nahm einen weiteren Zug aus der Flasche. „Bis Reeperbahn müssen die leer sein, da ist Glas nicht erlaubt“, sagte sie. Alle Achtung! Ich hätte nicht gedacht, dass sie sowas so genau nimmt. Das hatte allerdings mit der nächsten Überraschung zu tun und die war nicht mehr weit.

Da die S-Bahn-Station nicht barrierefrei war, mussten wir über die Rolltreppen nach draußen. Ich fragte Catharina, ob wir gemeinsam jemanden anprechen sollten, der sich zur Sicherheit hinter sie stellt. „Nein, hoch kann ich alleine. Nur runter bin ich mir noch etwas unsicher.“ Supi.

Vanessa stiefelte vorweg, wurde fast von einem Typen umgelaufen, der sich umdrehte, um sich nochmal zu vergewissern, dass da wirklich sieben Leute im Rolli über die Vergnügungsmeile zogen. „Guck mal, ne Horde Behinderte“, rief er seinen Leuten zu. Vanessa schüttelte den Kopf, stiefelte weiter. Plötzlich fing sie an zu singen: „Schneewittchen und die sieben Rollis…“, meinte dann aber: „Nee, irgendwas ist da verkehrt.“ Dieser Zwerg (wie sie sich selbst nannte) hatte meinen Humor. Wir kamen an dem ersten Fachgeschäft für alle möglichen Spielzeuge vorbei (also kein Ramschladen) und mussten unbedingt hinein. „Mal sehen, ob die auch Dildos für Zwerge haben“, witzelte sie. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass sie Witze dieser Art schon lange nicht mehr hören kann. Aber solange sie selbst solche Sprüche klopft, war alles okay.

Der Laden war groß genug, um ihn mit 7 Rollis befahren zu können. Zwergendildos hatten sie keine, dafür aber viele andere lustige Sachen. Catharina ging es gut, sie amüsierte sich und schien glücklich zu sein. Als wir wieder rauskamen, warteten bereits zwei Polizisten auf uns. Vanessa kam als letzte aus dem Laden und wurde prompt umzingelt. „Guten Abend. Eine kurze Personenkontrolle.“ Vanessa war sichtlich genervt und stampfte mit einem Fuß auf. „Oh menno, wir sind noch nicht mal 10 Minuten hier!“ Einer der Polizisten antwortete sofort: „Kinder in deinem Alter haben sich in solchen Läden gar nicht aufzuhalten. Wissen deine Eltern, wo du bist?“

„Ja. Ich habe ihnen erzählt, dass ich mit ein paar Freunden über die Reeperbahn ziehe und sie haben mir viel Spaß gewünscht.“ sagte sie und kramte in ihrer Bauchtasche nach ihrem Portemonnaie. Sofie lachte. „Jaja“, sagte der eine Polizist und deutete auf ihre Brusttasche. „Nimm mal bitte die Hände da raus.“ Sie gehorchte aufs Wort, funkelte die beiden Polizisten an und sagte: „Ich will dir nur meinen Ausweis zeigen, okay? Ich hab keine Waffen dabei. Keine Spritzen, kein Pfefferspray, nix. Ich mach jetzt vorsichtig den Verschluss auf, lass die Tasche auf den Boden fallen, schiebe sie dir mit dem Fuß rüber und dann darfst du sie herzlich gerne durchsuchen.“

„Du hattest schon öfter mit der Polizei zu tun?“ fragte der Polizist. – „Täglich“, antwortete Vanessa. Sofie lachte erneut. Vanessa schob ihm die Tasche zu. „So, bitte, darfst du durchsuchen.“ – „‚Sie‘ bitte, ja?“ – „Darfst ‚du‘ durchsuchen“, wiederholte Vanessa. Der Polizist belehrte sie: „Es heißt ‚Sie‘.“ – Vanessa antwortete: „Du duzt mich ja auch. Ich bin dir aber nicht böse und du wirst auch gleich merken, warum.“ – „Sollten Sie über 16 sein, entschuldige ich mich bei Ihnen.“ – „Nein nein, es ist alles gut so wie es ist.“ Der Polizist zog sich Lederhandschuhe an und begann mit spitzen Fingern, die Bauchtasche zu durchsuchen. Vanessa verdrehte die Augen. „Da ist nichts drin! Keine Spritzen, keine scharfen Gegenstände. Mensch, seh ich so unseriös aus?“ Der Polizist fand ihr Portmonnaie, fand den Personalausweis. Reichte ihn seinem Kollegen. Der hatte schon sein Funkgerät in der Hand, als der andere Polizist den Führerschein kurz in die Hand nahm und wieder wegsteckte, dann den Schwerbehindertenausweis von Vanessa in der Hand hielt. Damit dürfte ja eigentlich erklärt sein, dass es vielleicht gesundheitliche Gründe haben könnte, dass sie so klein ist und damit noch viel zu jung aussieht. Aber dann hielt er plötzlich eine Chipkarte in der Hand und sagte zu seinem Kollegen: „Du. Warte mal eben. Guck mal.“

Der antwortete nur: „Ach du Scheiße.“ Vanessa nickte. „Genau.“ Der Polizist fragte: „Sind Sie Polizeibeamtin?“ Ich guckte Vanessa verwundert an. Sie antwortete: „Nee, Kollege, Tarifangestellte. Erkennt man daran, dass auf meinem Ausweis kein Dienstgrad draufsteht. Schwerbehinderte werden in aller Regel in unserem Verein nicht verbeamtet und Zwerge haben im Vollzugsdienst auch nichts zu suchen, okay? Und wenns euch recht ist, würde ich dann gerne mit meinen Freunden weiterziehen. Im Gegensatz zu euch bin ich nämlich heute schon fertig mit meinem Dienst und ich habe das Gefühl, hier laufen noch ganz viele richtige Verbrecher rum.“ – „Ja sofort. Ich frage nur noch einmal über Funk nach, dann dürfen Sie sofort weiter.“ – „Ach Kollege, eben waren wir doch noch beim Du.“ Der Typ war völlig durch den Wind. Brabbelte irgendwas ins Funkgerät. Dann kam zurück, dass alles in Ordnung sei, Vanessa bekam ihren Ausweis wieder, die Polizisten entschuldigten sich noch mindestens drei Mal und wünschten uns einen schönen Abend. Und wir sollten nicht böse sein.

Kaum waren die außer Sichtweite, mussten wir sie natürlich fragen, was das mit dem Ausweis auf sich hatte. „Ich bin Verwaltungsangestellte bei der Polizei, ganz einfach. Habe eine Verwaltungsausbildung gemacht und arbeite nun zwischen trockenen Akten. Sowas gibts auch bei den Bullen. Für den Vollzugsdienst bin ich zu frech, zu klein, zu wackelig und unter den engen Uniformhosen tragen meine Windeln auch zu sehr auf. Nein, im Ernst, man muss ja gewisse gesundheitliche und sportliche Voraussetzungen mitbringen und ich scheitere schon an der Körpergröße.“ Simone wollte wissen, ob sie denn nicht wenigstens die schweren Jungs verhören dürfte. „Natürlich nicht. Wenn der beim Verhör ausrastet, bin ich dem doch gar nicht gewachsen. Körperlich nicht, und entsprechend ausgebildet bin ich auch nicht. Ich könnte höchstens spucken oder versuchen, unter dem Messer durchzutauchen.“ Und dass sich alle Polizisten untereinander duzen, darüber wurden wir auch noch aufgeklärt. Auch über die Grenzen eines Bundeslandes hinweg. Klingt doch mal nett.

Muss ich erwähnen, dass Vanessa, um den Geldautomaten bedienen zu können, auf meinen Schoß klettern musste? Muss ich erwähnen, dass Vanessa in der Großen Freiheit zum zweiten Mal von der Polizei kontrolliert wurde? Allerdings ließen die ziemlich schnell von ihr ab, als sie erklärte, schon einmal kontrolliert worden zu sein. Die Beamten ließen sie den Perso rausholen, schauten drauf und begnügten sich damit. Vanessa meinte, auf der Reeperbahn wurde sie an einem Abend schon bis zu acht Mal von den Bullen kontrolliert. Sie sei auch schon abgetastet und durchsucht worden. Gestern blieb es bei den 2 Malen. Und: Es wollte kein einziger Geschäftsmitarbeiter ihren Ausweis sehen. Lediglich an einigen Clubs standen Einlasskontrollen. Zusammen mit den vielen Zwergenwitzen, der Tatsache, dass sie im Supermarkt nirgendwo dran kommt, nicht mal alleine Geld abheben kann (weil man zwar mit ausgestrecktem Arm an den Schlitz kommt, aber den Bildschirm nicht erkennt, genauso wie Rollifahrer), fand ich es erstaunlich, wie fröhlich sie das trotzdem wuppt. Ich würde irre werden, wenn mich alle drei Minuten jemand fragt, ob ich schon 18 bin.

Aber das war dann zu fortgeschrittener Stunde egal. Wir hatten einen super Abend. Haben Billard gespielt am Hamburger Berg, haben uns bis kurz vor 2 Uhr noch eine Liveband angehört und hatten jede Menge Spaß. Bauchtaschen sollte man übrigens auf dem Kiez nicht sichtbar tragen. Viele Prostituierte machen das auch und vielleicht steht ja einer der Freier auf Zwerge, meinte Frank, der sich dafür prompt einen festen Faustschlag gegen seinen Oberarm abholte. Irgendwann stellte man fest, dass Simone kaum größer ist, aber wegen ihres Rollstuhls wesentlich höher sitzt. Und Catharina mit uns sehr glücklich war, denn sie bedankte sich etliche Male für den schönen Abend. Am Ende bin ich auch so richtig happy aber erschöpft ins Bett gefallen.

Catharina schwimmt

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Yes. Mit etwas Glück: Morgen nachmittag. Mit etwas weniger Glück: Übermorgen vormittag. Das hängt jetzt davon ab, ob der Hautarzt morgen Zeit für mich hat und alle seine Untersuchungen machen kann – oder eben nicht. Wenn nicht, werde ich spätestens am Donnerstag entlassen, wurde mir fest versprochen.

Inzwischen habe ich Catharina ohne große Mühe davon überzeugen können, dass wir zusammen schwimmen gehen. Eigentlich sollte sie im Rahmen der medizinischen Reha schon öfter mit ihrem Physiotherapeuten ins Schwimmbad, das hat sie jedoch abgelehnt und jedes Mal einen irren Aufstand geprobt. Irgendwann erzählte sie mir dann, dass sie Wasser noch nie mochte und schon als Kind nicht baden gegangen ist. In der Schule gab es keinen Schwimmunterricht (das ist ja heute schon fast die Regel) und insofern war sie mit ihren 23 Jahren noch nie in ihrem Leben in einem Schwimmbecken oder im Meer! Ich wollte es erst nicht glauben, aber ich wollte sie dann auch nicht zu sehr bloßstellen. Das kann doch nicht wahr sein, dass jemand in seinem Leben noch nie nass geworden ist, außer vom Regen oder von der Dusche. Ich würde eingehen wie eine Blume, die man vergisst zu gießen, wenn ich nicht mehr schwimmen dürfte.

Was bei ihr gefruchtet hat, war meine Darstellung, dass ich finde, mich im Wasser frei und nicht-behindert bewegen zu können. Ich habe ihr gesagt, dass ich ganz fest davon überzeugt bin, dass sie schwimmen lernen wird. „Ich habe nicht mal einen Bikini“, sagte sie. Ich wollte auch nicht alleine mit ihr ins Wasser, das war mir dann doch zu gefährlich, da ich unmöglich einen ausgewachsenen Menschen im Wasser festhalten kann mit meiner eigenen Querschnittlähmung; ich wollte aber auch keinen Therapeuten dabei haben, der der Aktionen einen offiziellen Charakter gibt.

Also habe ich Sofie und Cathleen organisiert, die beiden kannte sie ja schon, und Cathleen hat ihr auch noch vorher einen Badeanzug gekauft. Das Gute war: Wir waren (von der Pflicht-Rettungsschwimmerin, die am Rand Sudoko rätselte, abgesehen) völlig alleine. Badeanzug passte wie angegossen, Gummi-Rutschbrett auf die Beckenkante, Hintern rüber, … und nun? „Dreh dich auf den Bauch und lass dich langsam reingleiten. Und dann hältst du dich am Beckenrand fest.“ – „Ich glaub, ich will doch nicht.“ – „Vertrau mir.“ Bevor ich bis drei zählen konnte, drehte sie sich und rutschte auf dem Bauch ins Wasser, klammerte sich an einer Stange fest. Nur der Kopf schaute noch raus. „Die Abkühlung ist genial“, meinte sie.

„Traust du dich, dein Gesicht ins Wasser zu legen?“ fragte ich sie nach einiger Zeit. Sie guckte mich entgeistert an, Cathleen machte es vor, Sofie auch, sie versuchte es zaghaft und verschluckte sich gleich. „Ja … nicht einatmen, du Nuss. Atme mal gezielt ins Wasser rein, mach mal ein paar Blubberblasen.“

Nach einer halben Stunde hatte ich sie soweit, dass sie sich flach auf den Rücken legte, den Kopf in meine Hand, und die Decke anschaute. Und ich konnte sie soweit ins Wasser legen, dass nur noch Mund, Nase und Augen aus dem Wasser schauten. Und dann schwebte sie für einen Moment schwerelos im Wasser. Bevor sie zu zappeln anfing, griff ich wieder ihren Kopf und hielt ihn sicher aus dem Wasser raus. „Hast du das mitbekommen, du bist eben ganz alleine geschwommen?“

Jetzt hatte ich den Ehrgeiz in ihr geweckt. Sie wollte es noch einmal probieren und noch einmal und noch einmal. Und dann kam die Quietsche-Ente ins Spiel. Sie selbst sollte bestimmen können, wann ich sie wieder festhalte, ohne dass sie den Mund aufmachen musste. Sobald sie die Quietsche-Ente drückte, quietschte es und ich halte sie wieder fest. Ansonsten schwebt sie solange im Wasser, wie sie es will und riskiert auch, dass ihr der eine oder andere Wasserschwall über das Gesicht läuft. Solange sie sich nicht bewegt, ist das Gesicht in Rückenlage ja nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche. Ich musste ihr noch ein paar Mal sagen, dass sie senkrecht zur Decke schauen muss, sonst funktioniert es nicht, weil sie dann automatisch auch im Rücken und in der Hüfte mit einknickt, aber dann schwebte sie minutenlang alleine im Wasser.

So heiß wie es war, war noch keinem kalt, so dass ich ihr auch noch zeigte, wie sie sich vom Rücken auf den Bauch dreht. Einfach eine Hand mit angewinkeltem Arm über die Brust hinweg zur gegenüberliegenden Schulter führen und mit dem Daumen von außen gegen den Oberarm tippen. Alles andere passiert automatisch. Und dann: Zugreifen. Das konnte sie sofort und war nun in der Lage, am Ende jeder Bahn nach dem Beckenrand zu greifen.

Und nun kam die Übung, die am meisten Mut erforderte. Einfach mal das Wasser mit den Händen an der Hüfte vorbei in Richtung Füße schieben. Und siehe da: Catharina schwamm. Sehr unbeholfen, sehr unsicher, aber sie kam vorwärts. Sofie war inzwischen aus dem Wasser geklettert und warf fünf große Rettungsringe ins Wasser. Hinterher erzählte sie, dass das lediglich ein psychologischer Trick ist, um die lange Bahn in mehrere kleine Abschnitte zu unterteilen. Catharina griff nicht einmal nach einem solchen Ring, sondern arbeitete selbständig daran, sich effektiver nach vorne zu bewegen. „Wenn du dir das Wasser im letzten Schwung noch unter den Po schiebst, gibt dir das so viel Auftrieb, dass du in dem Moment sicher einatmen kannst, ohne dabei Wasser zu schlucken.“

Nach zwei Stunden mussten wir aus dem Wasser. Ich hatte Angst um meine Haut, irgendwann wird es auch kalt und Catharina war am Ende ihrer Kräfte. Als wir aus dem Wasser geklettert waren und uns lauwarm abduschten und abseiften, sagte Catharina: „Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffen würde.“ – „Ich freue mich richtig darüber, dass du das geschafft hast. Wenn du jetzt richtig gut übst, bist du schon bald soweit, dass du ganz alleine schwimmen gehen kannst. Völlig unabhängig von anderen Menschen.“ – „Hast du morgen nochmal Zeit?“

Als wir aus der Schwimmhalle kamen, standen draußen im Flur die Eltern. Die Mutter fiel ihrer Tochter gleich um den Hals, der Papa stand da und heulte. Sie hatten das Spektakel, zumindest die letzten Minuten, vom Flur gesehen. Im Flur sind mehrere große Fenster, durch die man in die Schwimmhalle gucken kann. „Ich freue mich so, dass du endlich Anschluss gefunden hast.“ hörte ich die Mutter irgendwann sagen, während wir beschlossen hatten, die Familie mal alleine zu lassen. „Solche Eltern hätte ich mir damals gewünscht“, sagte ich nachdenklich zu Sofie.

„Man kann nicht alles haben“, antwortete sie. Und ermahnte mich quasi durch die Blume noch einmal, sich an den Dingen zu erfreuen, die mir das Leben schenkt – und nicht neidisch dem hinterher zu trauern, was nicht geht. Auch wenn das, was nicht geht, oft sogar elementare Dinge sind. Sicherlich hat sie nichts dagegen, wenn ich es benenne, statt es zu verdrängen. Aber dennoch hat sie Recht: Man kann nicht alles haben.

Einladung ins Bistro

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Geplant ist, dass ich nächste Woche nach Hause entlassen werde. Wenn nicht noch wieder irgendwas dazwischenkommt, klappt das auch.

Zur Zeit geht es hier nur noch darum, die frisch verheilte Haut noch ärztlich zu überwachen und nach meiner langen „immobilen Phase“, wie die Sporttherapeutin es nennt, ganz gezielt Muskel- und Konditionsaufbau zu betreiben. Das heißt: Ich bin verstärkt in ein Programm aus Krankengymnastik, Schwimmen, Sport, Gerätetraining und Massagen eingebunden. Die Therapeuten sagen, es sei deutlich zu erkennen, dass ich lange flach gelegen habe (ich merke das selbst natürlich auch), aber es sei auch sehr deutlich zu erkennen, dass ich vorher sehr intensiv Sport gemacht habe. Dadurch regeneriere sich der Körper erheblich schneller.

Wie alle frischen Querschnitte und wie alle Querschnitte, die mit einer Hautverletzung behandelt werden, musste ich mich auch nochmal wieder einem Aufklärungsprogramm unterziehen und mir in mehreren Vorträgen anhören, wie wichtig es ist, dass man auf seine Haut aufpasst. „Hauptsache Haut“ kann ich inzwischen vorsingen und ich finde es auch ein bißchen albern, dass ich nach nicht mal einem Jahr diesen ganzen Zirkus nochmal wieder mitmachen muss. Es war ja nicht meine Schuld, dass ich diese Verletzungen bekommen habe. Aber immerhin weiß ich nun wieder, dass meine Haut die wichtigsten 2m² meines Lebens sind.


Ich liege zur Zeit mit Catharina in einem Zimmer. Sie ist 23, vom Pferd gefallen und durchläuft gerade die Phase der Niedergeschlagenheit und des sozialen Rückzugs. Während man, frisch verletzt, im Krankenhaus liegt, hat man, so meine eigene Erfahrung, so gut wie keine Vorkenntnisse über eine Querschnittlähmung. Wenn man sich endlich mit der eigenen Situation beschäftigt, schaut man in aller Regel auch nicht über den Tellerrand hinaus. Erst wenn man die Situation akzeptieren konnte und den Kontakt zu anderen Querschnitten, auch zu „neuen“ Frischverletzten, hat, beschäftigt man sich (oft) intensiver mit der ganzen Thematik. Insofern weiß und realisiert Catharina nicht, dass sie schon einen großen Weg in ihrer Bewältigungsarbeit zurückgelegt hat und ihre Niedergeschlagenheit und Zickigkeit eigentlich ein sehr gutes Zeichen sind. Mit der richtigen Therapie und der nötigen Hilfe von Mitmenschen, die sie akzeptieren und sie etwas pushen, ist sie nicht mehr weit davon entfernt, ihre Situation anzunehmen.

Wenn ich jetzt, nach gut einer Woche, mitbekomme, dass sie meine nervenaufreibenden Bemühungen der letzten Tage auch nur wenige Zentimeter auf einen richtigen Weg geschoben haben, bin ich sehr glücklich. Und heute schien es erstmals so.

Catharina liegt seit mehreren Wochen hier und war, als ich das Bett neben ihr bezog, absolut unerträglich. Absolut mies drauf, in einer völligen Scheiß-Egal-Haltung, ich bin das arme Würstchen und wenn du mich nicht ertragen kannst, dann schlaf doch auf dem Flur oder schieb mich raus. Jeder Wimpernschlag war mit theatralischem Leid verbunden und ihr ganzes Leben hatte keinen Sinn mehr. Sie war (und ist) in der Phase, in der mir damals die Schwestern den Namen „Stinkesocke“ gegeben haben. Weil (Stink-) Stiefel im Bett nicht erlaubt sind.

Sie sammelte die Tabletten, die sie eigentlich gegen ihre Blasenlähmung nehmen sollte, um sich damit eine Überdosis verpassen zu können. Und machte daraus auch kein Geheimnis. „Ich bring mich sowieso bald um.“ Das war der heutige Gipfel. Dass sie mir damit nur ein müdes Lächeln entlocken konnte, passte ihr nicht in den Plan. „Wann ist es soweit?“ – „Ich warte noch auf den passenden Moment.“ – „Mach es doch gleich, dann hast du es hinter dir.“ – „Wenn ich es jetzt mache, klingelst du nach den Schwestern.“ – „Ich kann auch solange ein Eis essen gehen, dann hast du deine Ruhe.“ – „Ja. Iss ne Kugel mehr, dann habe ich mehr Zeit.“ – „Willst du erst noch beten oder was?“ – „Nee, nur sicher sein, dass es auch gewirkt hat, bevor du wieder da bist.“ – „Ich lass mir ne Stunde Zeit. Wo ist dein Abschiedsbrief? Oder soll ich deinen Eltern mündlich was ausrichten?“

„Meine Eltern sind mir egal.“ – „Du ihnen aber nicht.“ – „Doch.“ – „Nein.“ – „Egal. Wenn ich tot bin, kriege ich das nicht mehr mit.“ – „Das stimmt. Und du machst es ja für dich, nicht für sie.“ – „Was?“ – „Na das Umbringen. Du tust das ja für dich. Nicht für sie. Man muss auch mal an sich selbst denken.“ – „Du nimmst mich nicht ernst oder? Ich mach das wirklich.“ – „Ich nehm dich ernst, nur was soll ich dazu sagen, Catharina? Wenn du dich umbringen willst, werde ich dich davon nicht abhalten können, ich kann ja schließlich nicht bis aufs Klo dir überall hinterher fahren. Wenn das jemand will, schafft er es auch. Selbst wenn es mir und den Ärzten und Therapeuten hier gelingt, dich einige Zeit davon abzuhalten, du wirst ja hier nicht Jahre lang liegen bleiben, und irgendwann hast du dann deinen Moment, in dem es keiner verhindern kann. Daher habe ich für mich – völlig rational – entschieden, Leute von ihrem Suizid nicht mehr abzuhalten. Wenn sie es tun wollen, finde ich es persönlich schade, dass sie ihr Leben wegwerfen, aber es ist ihre freie Entscheidung. Die muss ich akzeptieren.“

„Welches Leben denn? Was ist das denn für ein Leben mit einer Querschnittlähmung?“ – „Gute Frage. Willst du eine Antwort?“ – „Nein.“ – „Das ist konsequent. Schließlich willst du dich ja umbringen. Dann musst du es auch nicht mehr wissen.“ – „Genau.“ – „So, gibt es nun einen Abschiedsbrief? Du könntest deinen Eltern ja wenigstens mitteilen, dass sie nicht Schuld daran sind. Sie werden sich nämlich genau das die nächsten Jahre sonst vorwerfen. Und ihnen vielleicht schreiben, dass du sie lieb hast. Mir wäre es wichtig, dass meine Angehörigen verstehen, warum ich mich umgebracht habe.“ – „Mir nicht.“ – „Dann bist du ein ziemliches Arschloch. Dich kosten die drei Sätze keine zwei Minuten. Deine Eltern trauern um dich die nächsten Jahre. Zwei Minuten für einige Sätze, die deinen Eltern, die dich aufgezogen haben und dich lieben, die nächsten Jahre ein kleines bißchen leichter machen. Und komm mir jetzt nicht mit dem Argument, deine frische Querschnittlähmung rechtfertigt das Arschloch-Sein. Da habe ich als ebenfalls Querschnitt ein Wörtchen mitzureden und meine Freunde, die auch Querschnitte sind und ebenfalls keine Arschlöcher, würden dir auch widersprechen. Weißt du, ich habe ja Verständnis dafür, dass es dir dreckig geht und jeder Gedanke irgendwie weh tut. Aber man kann sich auch ein bißchen Mühe geben, dem Leben eine Chance zu geben. Bevor man sich umbringt, kann man zumindest mal versuchen, mit dem Leben klar zu kommen. Wenn du in drei Monaten mitkriegst, dass das nach wie vor alles keinen Sinn hat, kannst du immernoch in den Sack hauen. Aber dann musst du später wenigstens nicht mit dem Gedanken leben, du hättest nicht alles versucht.“

„Wenn ich tot bin, muss ich mit keinen Gedanken leben.“ – „Weißt du das? Aber das führt jetzt zu weit, ich weiß es auch nicht. Aber du wirst dir ein Leben lang Gedanken machen, wenn du dich vom Balkon fallen lässt und unten mit dem Hals zuerst in der Hecke aufkommst und hinterher dann als beatmeter Querschnitt nicht mal mehr die Chance hast, dir selbst die Schläuche zu ziehen, weil das einzige, was du noch bewegst, deine Augen sind.“ – „Ich mach das ja so, dass es klappt.“ – „Dann frag mal die Leute ein Stockwerk höher, die da liegen, weil sie es nicht geschafft haben. Die waren sich auch totsicher. Meinst du, ich krieg nicht mit, dass du deine Tabletten sammelst? Meinst du eigentlich, die Leute hier sind so blöde, dir Tabletten zu geben, mit denen du dich umbringen kannst? Meinst du eigentlich, du bist die einzige, die hier unter solchem psychischen Druck steht? Wach doch mal auf und kümmer dich mal um andere Dinge als um dein Selbstmitleid. Lern doch mal Leute richtig kennen und gib ihnen eine Chance, dich kennen zu lernen. Ich kriege nachher von zwei Mädels Besuch, eine ist in deinem Alter. Lass uns doch einfach mal zusammen ins Bistro rübergehen und was nettes essen, statt hier ständig diesen Kantinenfraß reinzuschaufeln und einfach bißchen quatschen. Paar Leute beobachten, einfach mal rauskommen. Gib dir selbst doch mal eine Chance.“

„Kein Bock.“ – „Du wirst von selbst nie Bock dazu haben. Aber dann liegst du hier in drei Monaten noch und starrst die Decke an. Gib dir doch einfach mal einen Ruck und mach was, wozu du keinen Bock hast, um diesen beschissenen Depri-Kreislauf zu durchbrechen.“ – „Ich schaff das aber nicht.“ – „Da rollst du fast von alleine hin. Das ist eine Fachklinik hier, da ist alles ebenerdig und mit Aufzügen ausgestattet. Du hast drei erfahrene Leute dabei und bist auf einem Krankenhausgelände.“ – „Ich habe doch nicht mal vernünftige Klamotten hier.“ – „Du wirst jawohl ein T-Shirt und eine Sporthose haben. Die anderen gehen da auch nicht im kleinen Schwarzen hin.“ – „Das ist alles lieb gemeint, aber ich bin doch überhaupt nicht mobil. Ich kann kaum Rollstuhlfahren, vielleicht kippe ich noch raus oder kriege Kreislaufprobleme oder meine Blase spielt verrückt und ich pinkel da vor allen Leuten unter den Tisch. Nein danke.“

„Wenn du deine Blasentabletten mal regelmäßig nehmen würdest, statt sie zu horten, würdest du auch nicht ständig alles vollpissen.“ Sie schluckte. Das hat gesessen. „Aber wenn das dein einziges Problem ist, ziehst du dir eine Windel an, dann läuft auch nichts unter den Tisch. Kreislaufprobleme und Rollstuhlfahren lasse ich nicht gelten. Du bist in Begleitung, was soll da passieren.“ – „Ich zieh doch keine Windel an, bin ich ein Baby?“ – „Nein, aber du sollst ja auch keine Babywindel anziehen, sondern eine für Erwachsene. Und jetzt pass auf, was du sagst und lass dir einfach mal einen guten Rat geben von jemandem, der auch mal in deiner Situation war und nicht mit ansehen kann, wie du dir das Leben schwer machst.“ – „Wenn mich das zu sehr anstrengt, hau ich sofort wieder ab.“ Ach nee. – „Wenn dich das zu sehr anstrengt, schiebe ich dich höchstpersönlich wieder ins Zimmer. Versprochen.“ – „Du willst mich schieben? Du sitzt doch selbst im Rollstuhl.“ – „Was hat das damit zu tun? Ich zeig dir nachher, dass das geht.“

Während ich mein Laptop auf dem Schoß hatte, sah ich sie im Augenwinkel vor sich hinbrüten. Nach fünf Minuten klappte ich das Ding zu, setzte mich in den Rollstuhl um und sagte: „Ich hol mir jetzt ein Eis und melde uns vom Abendessen ab. Möchtest du auch ein Eis?“ – „Nee lass mal.“ – „Magnum?“ – „Oah!!! Willst du mich hier zu meinem Glück zwingen oder was?“ – „Also Magnum?“ – „Magnum. Damit du endlich Ruhe gibst. Das ist ja unerträglich.“ Grins. Meinetwegen bringe ich ihr auch ein Eis mit, damit ich endlich Ruhe gebe. Und wenn das Eis noch so scheiße schmeckt…

Um von meinem Zimmer zum Kiosk zu kommen, muss man einmal quer durch das gesamte Gebäude, durch unzählige (automatische) Türen und Gänge, Hin und Zurück sind das rund ein Kilometer Fahrstrecke. Da man etliche Male links-rechts-links-rechts abbiegen muss und die Türen meistens auch nicht so schnell öffnen, wird man als Rollifahrer ziemlich ausgebremst und muss sich mit seiner Geschwindigkeit sehr zurückhalten. Für die größten Heizer hängen in den Ecken schon Spiegel unter der Decke, damit man sehen kann, wen man hinter der Ecke gleich über den Haufen fährt. Trotzdem ist es eben keine Rennstrecke. Dennoch will ich nicht verschweigen, dass ich alles drangesetzt habe, um Catharina nicht unnötig lange alleine zu lassen. Ich war mir, ehrlich gesagt, nicht sicher, ob sie die Gunst dieses Momentes nutzen würde, um sich die ganzen Tablettenvorräte auf einmal einzuwerfen. Und umso erleichterter war ich, als ich beim Zurückkommen sah, dass sie es nicht getan hatte, sondern sich über das Eis freute. Grübelnd, zurückhaltend, aber sie packte es sofort aus und aß es.

Als wir fertig waren, fiel mir ein: „Ich wollte doch der Schwester das Essen absagen!“ Setzte mich nochmal in den Rollstuhl und rechnete mit Catharinas Widerrede. Sie kam nicht. Als ich im Schwesterzimmer ankam, fragte ich: „Ich kriege gleich noch Besuch von Cathleen und Sofie. Dürfen wir Catharina mitnehmen ins Bistro?“ – „Catharina?“ – „Ja.“ – „Catharina will mit?!“ – „Jaha!“ – „Ähhh… ja. In Begleitung darf sie, hat die Ärztin gesagt. Aber lasst sie bitte nicht alleine.“

Zurück im Zimmer interessierte sich Catharina sofort für das Ergebnis. Betont genervt fragte sie: „Und nun? Darf ich mit?“ – „Ich hab dich jetzt abgemeldet für das Essen hier.“ Sie nickte. Und schluckte.

Und dann war es irgendwann soweit und vier Rollifahrer eierten quer durch das Gebäude in Richtung Bistro. Eher in Schneckengeschwindigkeit, aber dennoch mit einem Ziel vor Augen. Vor seinem Zimmer begegneten wir dem Chefarzt. „Oh, auf Erkundungstour?“ – „Wir wollen das Bistro stürmen“, erwiderte ich. – „Das ist eine gute Idee. Ich habe gehört, die Croques kann man empfehlen. Und sie sollen guten Wein haben.“ – „Danke für den Tipp. Wir lassen uns überraschen. Schönes Wochenende!“

Als wir bestellt hatten, fing Sofie zu erzählen an, dass sie sich verspätet hatten, weil eine Familie sie mit ihrem Van zugeparkt hatten. Sie waren so nah an Sofies Autotür herangefahren, dass Sofie nicht mehr ins Fahrzeug kam. „Und was machst du dann?“ fragte Catharina interessiert. – „Polizei rufen, abschleppen lassen. In diesem Fall hat es sich gelohnt, da in dem Auto noch ein Rollstuhl-Parkausweis lag, der auf die verstorbene Mutter ausgestellt war. Den haben die Bullen gleich beschlagnahmt.“

Catharina machte große Augen. „Woher bekommt man eigentlich so einen Parkausweis?“ fragte sie. Wie gesagt, sie ist nicht mehr weit davon entfernt, ihre Situation anzunehmen. Ich wünsche ihr, dass sie es packt. Wenn ich sie in einem Jahr oder in zwei Jahren wiedersehen würde als einen lebensfrohen Menschen, der seine Behinderung akzeptiert hat und mit ihr irgendwie zurecht kommt, könnte es meine Einladung ins Bistro gewesen sein, die sie auf diesen Weg gebracht hat. Ich weiß zwar, dass sie in der nächsten Woche vielleicht durch etwas anderes ebenso auf den richtigen Weg gesetzt worden wäre; ich weiß auch, dass sie vielleicht noch wieder umfällt und der Weg vom Suizidgedanken zum lebensfrohen Menschen weiter ist als der ins Bistro; ich weiß aber auch, dass ich verdammt stolz darauf wäre, jemandem im entscheidenen Moment einen allerersten Lebenssinn zurückgegeben zu haben.