Wellen, Wellen, Wellen

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An der Ostsee. Wo sollten wir sonst gerade sein? Das Wetter ist toll und wir haben es tatsächlich hinbekommen, uns mit Cathleen und Lisa mal wieder zu treffen, um gemeinsam ein Stündchen das „Open Water“ zu kraulen. Trotz warmer Luft und relativ warmen Wasser im Schwimm-Neo, und das war auch gut so. Der Wind war kalt, kälter als das Wasser, er wehte anfangs mit Stärke 4, frischte während unserer Stunde auf 5, in Böen 6 bis 7, auf. Wir waren nicht die einzigen Schwimmer, aber es waren nur Schwimmer und keine Planschenden im Wasser. Gerade dort, wo das Wasser flach war, konnte man sich kaum halten. Es herrschte zudem eine wahnsinnige Unterströmung, so dass man nur an bestimmten Stellen wieder zurück an Land kam. Insbesondere bei senkrecht auf die Küste wehendem Wind darf man das Phänomen nicht unterschätzen und muss damit rechnen, dass man einige Meter weiter links oder weiter rechts weitere Versuche unternehmen muss, an Land zu gelangen. Das muss man natürlich vorher wissen, seine Kräfte gut einteilen. Vor allem darf man eins nicht tun: In Panik geraten, wenn es mehrmals nicht klappt, weil die Strömung zu stark ist.

Aber wir waren zu viert und hatten eine Freundin an Land gelassen, die uns beobachten sollte. Lisa, die nicht so viel Erfahrung hat, war anfangs etwas ängstlich und wich mir nicht von der Seite, aber mit der Zeit wurde sie sicherer und schwamm ihren Weg. Wir schwammen eine Strecke parallel zur Küste doppelt (also hin und zurück), und es waren etwa vier Kilometer. Das Erlebnis in den Wellen ist unbeschreiblich, wenngleich ich gefühlt mindestens zwei Liter Salzwasser geschluckt habe und am Ende, als ich endlich wieder Boden unter dem Po hatte, der Eindruck entstand, die Erde würde schaukeln. Insgesamt war das Schwimmen in den Wellen nicht wesentlich schwieriger als im ruhigen Wasser. Nur brechende Wellen sind schwierig, die anderen schaukeln einen ja nur ein wenig rauf und runter.

Meine Kondition war schonmal besser. Ich habe mich in den letzten Wochen zu wenig sportlich betätigt. Ich war jetzt nicht außer Atem oder am Ende völlig geschafft, aber ich merkte schon, dass ich schonmal besser in Form war. Einen Triathlon „aus dem Stand“ würde ich mir im Moment nicht zutrauen. Oder? Na gut, vielleicht.

Lange gab es keine super-ekligen Dinge mehr bei mir. Ich bin darüber natürlich recht froh. Andererseits: Dass sie jemals ganz aufhören würden, davon träume ich realistischerweise nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser mögen gewarnt sein: Es waren vermutlich tatsächlich um die zwei Liter Salzwasser, die ich in den Wellen getrunken habe. Na klar, ich versuche, das meiste Wasser, das beim Kraulen und Atmen in den Mund schwappt, sofort wieder auszuspucken. Meistens gelingt mir das auch, gerade bei so hohen Wellen ist es aber eine Herausforderung. Und manchmal kommt der Wasserschwall so plötzlich, dass man keine andere Wahl mehr hat, als das quasi reflexartig zu schlucken. Nicht, weil man das schlucken möchte, sondern weil die Alternative ist, das Zeug einzuatmen, also zu verschlucken – mit entsprechendem Hustenreiz. Und das wäre bei dem Wellengang eben auch kein Vergnügen.

Salzwasser gibt man ja auch vor Darmspiegelungen. Damit man dort überhaupt reingucken kann. Ich will es nicht spannender machen: Ich hatte zwischenzeitlich kurz Bauchweh, allerdings ging das schnell vorbei. Später wusste ich dann auch, warum. Im bewegten Wasser habe ich nichts davon gemerkt, aber als ich wieder zurück an Land war, wunderte ich mich schon, was für eine seltsam gefärbte Brühe aus meinen Hosenbeinen lief. Boa, igitt! Ich stecke anderen Leuten inzwischen zwar Endoskope in den Po, aber bei denen ist allenfalls Wasser und ein wenig Schleim im Darm. Sich im Neoprenanzug wie ein mariniertes Schnitzel zu fühlen, hat was ganz besonderes. Wie ich meine Querschnittlähmung liebe! Zum Glück haben es die anderen nicht sofort mitbekommen.

Während die anderen auf dem Po sitzend durch den Sand krabbelten, winkte ich unsere Fußgängerin zu mir heran. „Kannst du mir einen Gefallen tun und ohne großes Aufsehen mit mir nochmal ins Wasser gehen? Es gibt gute Gründe, warum ich meinen Neo im tiefen Wasser ausziehen sollte, und ich würde dich auf ewig lieben, wenn du mir dabei hilfst.“ – „Ach du Scheiße.“ – „Du hast es erfasst.“ – „Na klar. Rutsch doch schonmal in die Richtung, ich ziehe mir eben Schwimmsachen an.“

Nein, ich habe nicht geheult. Herzklopfen hatte ich zuerst. Aber unsere Fußgängerin war lieb. Und unkompliziert. Zog mich ins brusttiefe Wasser und zog mir meinen Neo aus. Ich versuchte ihr zu erklären, dass da normalerweise nichts passiert, dafür sitzt das alles viel zu eng. „Aber wenn das von dem vielen Salzwasser von fest zu flüssig wird, kann das passieren.“ – „Ist ja nicht schlimm, das wäscht sich ja gut aus bei der Wasserbewegung.“ – „Ich finde mich gerade so widerlich.“ – „Das würde mir wohl genauso gehen an deiner Stelle, aber ich finde das, ehrlich gesagt, weniger eklig als Quallensuppe. Du machst dich jetzt komplett nackig, schaust mal, das alles draußen ist, machst dich da unten richtig sauber, wir drehen den Neo auf links und spülen den aus und dann merkt man davon nichts mehr. Vielleicht solltest du zu Hause deinen Neo mal mit ein wenig Waschpulver ein Stündchen in die Badewanne legen. Um ganz sicherzugehen.“ – Gesagt, getan. Es war ein schwieriges Manöver, weil ich eigentlich mehr Hände bräuchte als ich hatte. Und nicht stehen konnte, während die Wellen mich hin und herschubsten. Aber meine Begleitung hat mich die ganze Zeit festgehalten, teilweise so fest und eng, dass es mir richtig unangenehm war. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie mir geholfen hat.

Und die anderen? Als wir wieder am Strand waren und bei den anderen ankamen, die sich am Auto bereits ausgezogen und abgetrocknet hatten, meinte Marie mit rausgestreckter Zunge: „Na, Stinki?“ – Noch lustiger war Lisa drauf. Mit toternster Miene fragte sie mich: „Warum hast du das gemacht? Konntest du das nicht kontrollieren oder hast du falsch kalkuliert? Ich meine, das weiß man doch eigentlich, dass … du weißt schon.“ – „Das war keine Absicht. Ich kann das ja nicht richtig kontrollieren und irgendwie hat sich mein Bauch wohl über das viele Salzwasser aufgeregt.“ – „Das ist ganz schön peinlich, oder? Also mir wäre das zumindest peinlich, wenn mir das passiert. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich lach dich nicht aus.“ – Gut zu wissen. Ich könnte sie immernoch regelmäßig knuddeln.

Diesel, Bratwurst und Muskelschwund

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Was für eine dicke Suppe! Bis kurz vor Hannover war das Wetter noch schön, von dort an wurde die Sicht immer schlechter. Als Marie und ich am Freitag in Hamburg aus dem Zug stiegen, kam man sich vor wie in einer Waschküche. Stellenweise konnte man keine 50 Meter weit gucken. Und so schauten wir beispielsweise an der Tankstelle auch zwei Mal hin: Diesel für 1,17 € pro Liter? Tatsächlich.

Das Riesenrad auf dem Winterdom, dem Volksfest in Hamburg, drehte leer seine Runden. Was wohl daran lag, dass man von unten noch die ersten fünf Gondeln erkennen konnte, darüber aber alles in der grauen Suppe verschwand. Irgendwie unheimlich. Es war voll, aber es waren erstaunlich wenige Leute im Rollstuhl unterwegs. Cathleen, Marie und ich waren (von zwei älteren Damen in ihren Alu-Shoppern abgesehen) die einzigen. Auf hohe oder schnelle Karussells hatten wir kaum Lust, denn es war kalt und nass. „Lass uns eine Runde im Autoscooter drehen“, meinte Cathleen. Doch daraus wurde nichts: „Es ist zu voll. Kommen Sie mit Ihren Rollstühlen einen anderen Tag wieder.“ – Danke für die Gastfreundschaft. Das hatten wir so auch noch nicht erlebt.

Die Bratwurst vom Schwenkgrill schmeckte dafür aber umso besser. Wenn man vom Preis absah: 3,80 € fand ich reichlich happig. Aber dafür gab es den Senf gratis dazu. Und wir hatten ja immerhin schon günstig getankt. Vom freitäglichen Höhenfeuerwerk war natürlich auch absolut nichts zu sehen. Kurz vor Mitternacht waren wir wieder bei Marie zu Hause. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Wir saunieren im Garten. Bitte stört uns nicht. Danke und gute Nacht!“

Ich tippte auf den Zettel und kommentierte: „Vögel im Nebel?“ – Marie antwortete: „Will ich gar nicht wissen. Sollen sie machen. Wenigstens warnen sie vor.“ – Ich grinste. Marie schüttelte den Kopf.

Gestern abend durfte ich einen Arbeitskollegen von Maries Vater (und seine Frau) kennenlernen, die bei Maries Eltern zu Abendessen eingeladen waren. Es gab Fondue, Marie und ich waren auch eingeladen und durften unsere Gabeln in den heißen Topf halten. Es war lecker und die Gäste waren sehr nett.

Nach einem kurzen Besuch bei unserem Haus, das noch steht und immer besser aussieht, sind wir nun wieder auf der Rückreise. Morgen früh muss ich über 45 Minuten lang die Ergebnisse einer recht umfangreichen Hausarbeit vorstellen. Ich bin nicht wenig aufgeregt. Ich durfte mich zusammen mit drei Kommilitoninnen und Kommilitonen mit Muskelschwund, wie es im Volksmund heißt, befassen. Ich bin mit meinen 45 Minuten als erste dran und stelle das Thema vor. Um den Umfang der Arbeit kurz anzureißen: Es gibt rund 800 Erkrankungen, die mit einem Abbau der Muskelmasse einhergehen können. Diese lassen sich in 23 Gruppen untergliedern. Mein Job ist es morgen, die 23 Gruppen vorzustellen und abzugrenzen. Also im Durchschnitt zwei Minuten pro Gruppe, und das alles so aufbereitet, dass niemand der Zuhörer etwas durcheinander bekommmt und nach der 22. Gruppe noch alle folgen können. Hurra. Aber ich freue mich – es ist ein sehr interessantes Thema!

Abbaden 2014

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Das Wintersemester ist in vollem Gange. Und dabei waren am Wochenende draußen noch über 20 Grad. Und falls das für einen goldenen Oktober (zumindest im Norden) nicht ungewöhnlich erscheint, so ließ mich ein Blick auf die Wassertemperatur der Ostsee staunen. 17 Grad laut Anzeigetafel. Und als Cathleen meinte, das sei ein Marketing-Gag, rief sie die Seite des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie auf und erhielt Bestätigung. Tatsächlich waren außer uns (Marie, Cathleen, Lisa und ich), die bei wenig Wellen und wenig Wind und strahlendem Sonnenschein noch rund eine Stunde im Neo draußen trainierten, noch einige andere Leute im Wasser. Und nicht nur einmal kurz mit den Füßen oder bis zur Hüfte, sondern komplett. Drin. Zuerst merkt man zu kaltes Wasser ja an den Fingern (und an den Füßen, sofern man an den Füßen was merkt), aber es war wirklich angenehm. Wir hatten mit mehreren Kannen heißem Tee vorgesorgt, um uns vorher vorzuwärmen und hinterher schnell wieder aufwärmen zu können, falls es doch zu kalt werden würde, aber mir war anschließend eher nach einem kühlen Wasser als nach einem warmen Tee.

Als wir uns abtrockneten, kamen einige Spaziergänger zu ihren Autos zurück. „Ihr seid ja harte Kerle“, ließ uns ein älterer Mann wissen. Und seine Frau fügte hinzu, dass sie Lisas Badeanzug toll fände, was Lisa natürlich ein breites Lächeln ins Gesicht zauberte. Auf dem Rückweg hielten wir an einem Burger-Laden an. Nein, keine Kette, sondern selbstgemachte Dinger, die auch 10 Mal so viel kosten wie die Pappe aus der Systemgastronomie, dafür aber auch gefühlt 100 Mal leckerer schmeckten.

Es war das erste Mal, dass wir Lisa in kleiner Runde außerhalb des offiziellen Trainings mit an die Ostsee nahmen. Leider ausgerechnet zu einem inoffiziellen Abbaden, denn an den nächsten Wochenenden werden wir nicht die Zeit haben, im Meer zu schwimmen, und danach wird es zu kalt sein. Aber Lisa hat es gefallen: „Ich hab euch lieb“, ließ sie uns wissen. Und das zauberte mir natürlich ein Lächeln ins Gesicht.

Ohne Unterhose im Kettenkarussell

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Ich gehöre zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Wenn ich gefragt werde, warum, erzähle ich immer die Geschichte aus einem Trainingslager, als ich mit einer anderen jungen Frau aus Niedersachsen in einem Zimmer schlief. Beziehungsweise: Sie schlief, alle anderen waren wach. Weil alle anderen im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass ein technisches Gerät nachts in einer Tour irgendwelche Geräusche von sich gibt. So ein leises, diskretes „Plopp“ oder „Klack“ kann ich auch noch überhören, aber spätestens, wenn das Ding ganze Melodien pfeift oder irgendwelche Alltagsgeräusche immitiert, bin ich hellwach. Besagtes Handy der Niedersachsin konnte Autohupe, rülpsendes Kind, Rasierapparat, Steinzeittelefon und mit den Stimmen prominenter Comedians schwachsinnige Dialoge rufen. Nachdem diverse Schlafhungrige wegen eines Whatsapp-Dialogfeuers zunehmend den Eindruck bekamen, ein Hochzeitskonvoi hätte sich in unserem Schlafzimmer zum Probehupen versammelt, und sämtliches Gerede nichts brachte, weil die Niedersachsin trotz inzwischen wieder tagheller Beleuchtung bereits tief und fest schlummerte, krabbelte Cathleen wieder aus ihrem Bett, schnappte sich das Ding und sperrte es, nachdem sich wegen einer Tastensperre nichts einstellen ließ, kurzerhand in ein Handtuch und eine Mülltüte gewickelt im Kosmetikeimer im Bad ein. Dann war Ruhe – und uns blieb auch die Kuhherde erspart, die für nächsten Morgen als Weckton eingestellt war. Nicht nur Männer können verspielt sein. Über chronisch defizitäre persönliche Aufmerksamkeit möchte ich wegen eines einzigen muhenden Handys noch nicht nachdenken …

Okay. Ich gehöre also zu den Menschen, die ihr Handy nachts lautlos stellen. Und damit habe ich erst relativ spät mitbekommen, dass mir mein Angehimmelter mit dem knackigen Po geantwortet hat. Und so, wie ich es nicht erwartet hätte: „Bin zufällig gerade zum Trainieren in Hamburg. Vielleicht trainieren wir zusammen? Melde dich bei mir!“

So schnell war ich noch nie so wach. Die SMS war vor zwei Stunden abgesendet worden. Eigentlich war ich mit Marie und Cathleen verabredet, tatsächlich zum Handbiken. Also zum Trainieren. Möglicherweise würden noch weitere Leute dazu kommen. Vielleicht hatte er sich auch bereits zuvor verabredet und mehrere Kollegen dabei? Keine gute Ausgangslage für ein Stelldichein, und Speed-Dating konnte irgendwie nicht in meinem Interesse sein.

Marie meinte: „Wenn er alleine ist, kannst du ihm ja eine andere Strecke vorschlagen. Dann trainiere ich mit Cathleen und den anderen ohne dich. Und falls er mit mehreren Leuten hier ist, muss sich das irgendwie ergeben. Oder du lädst ihn hinterher noch irgendwohin ein.“

Ziemlich schnell klärte sich, dass er alleine trainiert. Das kleine Männchen in meinem Kopf ermahnte mich: „Jule, er wird nicht deinetwegen alleine hierher gekommen sein, er hatte das sowieso vor und deine SMS kam genau im richtigen Moment. Also nutze die Chance, aber interpretiere nicht zuviel hinein.“ – Marie sagte: „Dann wünsche ich euch viel Spaß!“ – Ich fragte: „Und das ist jetzt okay für dich, dass ich unsere Verabredung zum Training so spontan absage?“ – „Ich hätte dich zwar gerne dabei gehabt, aber dein Rendezvous geht eindeutig vor. Hast du Kondome dabei?“ – „Ähm, was?“ – „Soll ich meine Mutter fragen, ob sie welche hat? Ich habe im Moment keine hier.“ – „Das fehlte noch.“ – „Wieso?“ – „Ich frag deine Mutter doch nicht nach Kondomen!“ – „Nein, ich frag sie.“ – „‚Hast du mal Kondome für Jule?‘ Wie peinlich ist das denn bitte?“ – „Gar nicht. Ich bezweifel aber, dass sie welche hat.“ – „Ich kaufe welche. Ich glaube aber nicht mal, dass ich heute welche brauche.“ – „Sicher ist sicher. Kauf welche. Und werd bloß nicht rot dabei.“ – „Deine Sorgen möchte ich haben!“

In einer Stunde wollten wir uns treffen. War ich aufgeregt! So aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mein Gesicht glühte. Nochmal rasieren? Ja, und bloß nicht schneiden. Klamotten packen. Was ziehe ich zum Training an? Wieso ist das so kalt? Wieso brauche ich lange Kleidung, wo ich so schön sonnengebräunt bin? Soll ich wirklich noch Kondome kaufen? Besser ist das. Gibt es die im Supermarkt um die Ecke?

Tatsächlich gab es die dort. In allen möglichen Farben und Geschmacksrichtungen. Kiwi-Banane? Bah, pfui. Ich entschied mich für ein geschmacks- und farbneutrales niedersächsisches Markenprodukt mit fast einhundertjähriger Tradition – haltbar waren sie auch noch ein paar Jahre. Dann konnte ja nichts schief gehen, selbst falls der Akt mal etwas länger dauert. Der Laden war leer, ich war die Einzige an der Kasse. Die Kassiererin musterte mich. Ich nahm schonmal mein Portmonee in die Hand. Die Kassiererin musterte mich weiter. Würde ich nicht im Rollstuhl sitzen, könnte man denken, ich hätte vier Eiterpickel und mindestens einen Popel im Gesicht. Die Kassiererin, eine Frau, geschätzt auf Mitte bis Ende Fünfzig, starrte mich weiter an. Ich dachte mir: „Frollein, gibt es hier jetzt irgendein Problem? Siehst du zum ersten Mal in deinem Leben eine Packung Kondome? Habt ihr die Dinger neu im Sortiment? Oder übersteigt es deinen Horizont, dass Behinderte ficken und dabei keine Kinder zeugen und auch keine Krankheiten übertragen wollen? Zieh die Packung über den Scanner, nimm mein Geld, und dann ist gut.“

Vielleicht sollte ich ihr auch nur ein einfaches „Ist was!?“ vor den Kopf knallen. Ach nee, das klischeebehaftete Denken findet ja wieder nur in meinem Kopf statt. Ich entschied mich, gar nichts zu sagen, nahm einen 10-Euro-Schein und legte ihn neben der Kondompackung auf den Kassentisch. Müsste ich noch erwähnen, dass ich die Packung jetzt gerne kaufen möchte? Sie musterte die Packung, guckte mich erneut an. „Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen?“, fragte sie mich. Grinste sie? Tatsächlich, sie grinste. Ich antwortete: „Ja, vielen Dank. Was macht das bitte?“ – „Sieben neunundsiebzig.“ – „Zehn Euro habe ich Ihnen dort schon hingelegt.“ – „Ja, bitte immer erst geben, wenn der Kassiervorgang abgeschlossen ist, das könnte sonst ins Laufband geraten oder ein Windzug weht es weg.“ – „Ja, gewiss.“ – „Und zwei einundzwanzig zurück. Und den Bon dazu. Brauchen Sie eine Tüte?“

Hatte ich jetzt gerade nicht schon genug Tüten gekauft? Immerhin fragte sie nicht, ob sie mir die Kondome hinten rein stecken soll. In den Rucksack natürlich. Ich schüttelte den Kopf und nahm den Rucksack von meiner Rückenlehne, um die Packung dort zu verstauen. Sie sagte: „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag und ganz viel Spaß, bei was auch immer Sie noch vorhaben.“ – „Danke.“ – „Das Wetter lädt ja quasi so richtig zu einem Schmusenachmittag auf der Couch ein. Ich wünschte, ich wäre nochmal so jung wie Sie.“ – Oh. Mein. Gott. Ich lächelte einmal freundlich in ihre Richtung. Das hätte ich besser gelassen. „Darf ich Sie mal was fragen?“, wollte sie wissen.

Was nun wohl kommt. Warum kann ich nicht mal eine Packung Kondome kaufen, ohne in Gespräche verwickelt zu werden? Will sie jetzt wissen, ob ich lieber oben oder lieber unten liege? Oder ob es trotz Behinderung mit dem Sex noch klappt? Oder ob ich richtig feucht werde? Oder ob mein Partner auch im Rollstuhl sitzt? Bevor ich zu Ende denken und mir passende Antworten zurechtlegen konnte, fragte sie leise über den Kassentisch: „Ich habe immer gedacht, wenn man im Rollstuhl sitzt, kann man keine Kinder mehr bekommen.“

Ach daher wehte der Wind. Deshalb das lange Anstarren und Überlegen, bevor sie die Packung über den Scanner gezogen hat. Wollte ich mit einer wildfremden Frau dieses Gespräch führen? Hatte sie eine Suchmaschine zu Hause, die ihr die Frage beantworten könnte? Wenn ich jetzt behaupte, ich hätte es eilig, was auch stimmte, würde das so aussehen, als sei ich verlegen. Das ging gar nicht. Also machte ich sie diskret darauf aufmerksam, dass sie sich gerade komplett daneben benahm, und sagte mit leiser Stimme: „Ach Sie meinen wegen der Kondome? Die sind gar nicht für mich. Die muss ich meiner Zimmernachbarin im Pflegeheim mitbringen. Die ist schon weit über 90 und nicht mehr so gut zu Fuß. Schönen Tag noch. Ein hübsches Halstuch haben Sie da!“

Nichts wie raus. Nicht mehr umdrehen. Draußen konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Und nun direkt zu meinem Angehimmelten mit dem Knackpo. Er wartete schon auf mich, obwohl ich zwei Minuten vor dem verabredeten Termin am verabredeten Ort eintraf. Umgezogen war er auch schon. Ich hielt am Straßenrand, ließ das Fenster runter. Er kam zum Fenster. Ich sagte: „Guten Tag, der Herr!“ – „Guten Tag, junge Dame! Schönes Auto haben Sie da. Neu? Geklaut?“ – „Geklaut. Aber bitte nicht petzen. Du bist ja schon umgezogen.“ – „Ja, in zwei Minuten ist Trainingsbeginn, etwas mehr Disziplin bitte, ja?“ – „Wie lange bist du denn schon hier?“ – „Zehn Minuten ungefähr.“ – „Dann beeil ich mich und dann können wir gleich los.“ – „Keinen Stress.“ – „Kannst du schonmal mein Bike hinten rausholen? Dann kann ich so nach hinten krabbeln und mich dort eben umziehen. Das geht im Liegen einfacher.“ – „Klar, ist hinten offen?“ – Ich drückte auf den Knopf für die Zentralverriegelung. „Jetzt ja.“

Während er mein Rennbike aus dem Kofferraum holte, krabbelte ich nach hinten auf die Ladefläche. „Ich mach dann hier erstmal wieder zu, dann kannst du dich in Ruhe umziehen“, sagte er, warf die Klappe ins Schloss. Ich konnte ihn genau beobachten, aber durch die schwarz getönten hinteren Scheiben sollte er mich eigentlich nicht erkennen können. Das war mir erstmal ganz recht, denn es gab da so zwei Dinge, die er nicht unbedingt sehen sollte, bevor wir unser erstes Date hatten. Erstens fahre ich natürlich nicht ohne Pampers Auto. Auch wenn die noch völlig trocken war und er einen medizinischen Beruf hat (oder bald hat), würde es dafür mit Sicherheit einen besser geeigneten Moment geben. Zum Trainieren musste sie auf jeden Fall ab, sonst scheuert man sich wund. Und dann wäre es vielleicht ganz gut, nach dem Frühstück nochmal zu pinkeln? Ein Einmalkatheter mit Beutel empfinde ich als die hygienischste Lösung. Zellstoffunterlage drunter, da ich im Auto keine Hände waschen konnte, sterile Handschuhe an, Spiegel in die richtige Position. Guckt jemand außer mir? Nö. Mein Angehimmelter war fasziniert von meinem Rennbike. Also Katheter durch die Harnröhre, vierhundert Milliliter plätschern in den Beutel, rausziehen, fertig. Dank Ventil bleiben die da auch drin. Den ganzen Müll in eine undurchsichtige Tüte hinter den Beifahrersitz, Einteiler an, Heckklappe auf: „Na, überlegst du, auf Handbiken umzusteigen?“ – „Cooles Teil. Habe ich noch nie so eingehend begucken können. Ich bin wirklich gespannt.“ – „Kannst du das Gefährt mal bis hierher schieben, dass ich mich rübersetzen kann, ohne dafür erst meinen Alltagsstuhl ausladen zu müssen? Und machst du mir mal bitte den Reißverschluss am Rücken zu?“

Er guckte mich an. Und konnte sich den Kommentar natürlich nicht verkneifen: „Fesch!“ – „Ja, ich dachte mir, kurze Hose wird zu kalt. Ich strampel ja nicht mit den Beinen.“ – „Ist das ein Stück?“ – „Ja, sonst rutscht die Hose während der Fahrt und Bauarbeiterdekoltee bei Frauen finde ich nun alles andere als sexy. Schon gar nicht, wenn ich das nicht merke. Weil kein Gefühl da. Du verstehst?“ – „Ich verstehe. Wo kann man sowas kaufen?“ – „Keine Ahnung, wir haben die alle mal über einen Sponsor bekommen. Du kannst halt nichts gebrauchen, was in die Räder oder in die Kette gerät und beim Triathlon fährst du ja auch noch Rennrolli, und dann muss es an den Armen auch eng anliegen. Ich zieh aber gleich noch ein Shirt drüber, dass ich nicht ganz so wie eine Pellwurst aussehe.“ – „Du siehst nicht wie eine Pellwurst aus. Das ist halt sehr körperbetont und dein Körper ist ja nun alles andere als unansehnlich.“ – Lechz. Mehr Komplimente. Alle zu mir, bitte. Ich sagte: „Bevor du auf den nächsten Kilometern nun mehrmals vom Weg abkommst und ich dich retten musst, verhülle ich das lieber noch etwas.“ – „Das ist fies von dir, schließlich verhülle ich meinen Popo auch nicht.“

Er streckte mir die Zunge raus. „Deinen Popo sehe ich aber nur, wenn ich hinter dir her fahre. Ich werde aber vor dir herfahren, weil ich schneller bin als du.“ – „Jaja.“ – „‚Jaja heißt ‚leck mich am Arsch‘ und soweit sind wir noch nicht.“ – „Noch nicht? Was hast du denn noch so vor?“ – „Schaun wir mal. Erstmal Radfahren. Können wir endlich los?“ – „Du kommst doch nicht in die Hufe. Ich bin schon seit zehn Minuten abfahrtsbereit.“

Wir mussten um ein paar Kurven, rund zehn Minuten, gut zum Aufwärmen. Dann waren wir an der Trainingsstrecke angekommen: Ein Damm, für Autos gesperrt, gut asphaltiert, verläuft kilometerweit zwischen Wiesen und Feldern, teilweise durch Wälder. Relativ windgeschützt. Hin und wieder kreuzt er Straßen, auf denen Autos kommen, so dass man eventuell stoppen muss. Ansonsten: Freie Fahrt. Ich drehte auf. Grundgeschwindigkeit 30 km/h. Warf oben vom kleinsten auf das mittlere der drei Kettenblätter um. Das größte kann ich nur bei Bergabfahrten ab 45 km/h richtig gebrauchen. Ich fragte: „Wenn ich jetzt mit meiner Freundin trainieren würde, würden wir uns pro Kilometer um 2 km/h steigern, bis wir bei 40 sind. Und dann drei, vier Sprints mit jeweils 40 bis 45 über einen Kilometer, dann einen Kilometer Erholung bei 30 km/h. Wäre das auch was für dich oder hast du einen anderen Vorschlag?“ – „Alter Schwede. Ich weiß nicht warum, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir heute überhaupt über 30 kommen. Ich habe mit 20 bis 25 gerechnet und bergab bis 35. Sorry. Nein, das machen wir. Dann gib mal Gas.“

Auf den ersten drei Kilometern kamen uns vier Autos verbotenerweise entgegen. Ich musste wegen meiner Breite jedes Mal fast bis zum Stillstand anhalten. Aber dann klappte alles. Ich kann nun nicht behaupten, dass mein Angehimmelter außer Atem kam, aber ins Schwitzen kam er schon. Ein Handbike ist leider wesentlich träger als ein Mountainbike. Soll heißen: Um aus dem Stillstand wieder auf 30 zu kommen, tritt er fünf Mal kräftig in die Pedale, während ich acht Gänge mühsam ausfahren muss. Das eine dauert zehn Sekunden, das andere zwei Minuten. Es war sehr lustig. Er fand die Strecke toll, ich schwitzte trotz eher kühler Luft wie bei einem Saunabesuch. Und während ich mich ziemlich verausgabt habe, schien er zwar gut gefordert, aber noch lange nicht müde zu sein. Etliche Male durfte ich seinen knackigen Po von hinten sehen, vor allem dann, wenn wir nicht zu zweit nebeneinander fahren konnten. Nach 24 Kilometern waren wir wieder an den Autos angekommen. Es begann gerade zu tröpfeln. Eine gute Stunde waren wir unterwegs.

„Und nun? Eine Runde schwimmen im See? Abkühlen? Statt Dusche?“, fragte ich. Er antwortete: „Ich habe keine Badesachen dabei.“ – „Was für Badesachen? Gleich so rein! Ein Handtuch habe ich für dich.“ – „Ähm. Ja. Klar. Okay. Dann mal los. Wie kommst du da rein?“ – „Entweder trägst du mich oder ich hole meinen Alltagsstuhl aus dem Auto.“ – „Bekomme ich dich getragen?“ – „Ich wiege mehr als ein Zentner. Aber nur knapp mehr. Wobei man mit so einer Angabe ja aufpassen muss. Ich meine ‚Pfund‘ als Basiseinheit, nicht Kilogramm.“ – „Fünfzig Kilo krieg ich wohl auf den Arm.“ – „Dann ohne Rolli.“ Ich klammerte mich um seinen Hals, er trug mich vor seinem Bauch. Etwas geschwitzt hatte er aber auch. Zum Glück. Er trödelte an der Wasserkante herum. „Guck mal, eine Ringelnatter. Oder?“ – „Wo?“ – „Da. Oder was ist das?“ – Ich konnte die aus dieser Position kaum erkennen. Aber es schien eine solche zu sein, die sich am Rande des Sees durch den Sand ringelte. Er ging langsam bis zu den Knien rein. „Soll ich dich mal fallenlassen?“, grinste er.

„Wehe“, funkelte ich ihn an. Das wurde sowieso noch lustig, denn der Baggersee hatte unterwasser stellenweise richtig steile Uferabbrüche. Dass er schwimmen kann, wusste ich, von daher machte ich mich darauf gefasst, irgendwann mit ihm abzurutschen. Ich spürte das kalte Wasser gerade an meinem Rücken, als er ins Leere trat. Boa, war das arschkalt geworden. Vor zwei Wochen hatte der See noch 26 Grad. Mein ganzer Körper zog sich zusammen, meine Beine spackten wild in der Gegend rum. Ich schwamm zwei, drei Züge, um ihn nicht aus Versehen zu treten. Ich wusste, die Spastik würde gleich wieder vorbei sein. Hauptsache, mein Darm lässt sich davon nicht anstecken. Kacken wäre jetzt nicht ganz so sexy. Wir schwammen um die Wette, spritzten uns nass, tauchten uns gegenseitig unter, dann wurde es relativ schnell kalt. Er trug mich wieder zum Auto. „Setz mich erstmal auf die Erde. Handtücher liegen da lose an der Seite.“

Er setzte mich auf ein Handtuch auf die Ladekante, ich zog mich nackt aus, wickelte mich in ein Handtuch ein, rubbelte mit einem anderen meine Haare trocken. Und guckte. Ja, die Chance lasse ich mir doch nicht entgehen. Natürlich glotzte ich nicht. Aber sehen konnte ich trotzdem alles, was ich sehen wollte. „Lecker. Jetzt gleich? Hier im Auto?“, dachte ich mir. „Könnte sofort losgehen“, dachte ich weiter und spürte mein Herz schneller schlagen. Sah man mir das an? Meinen Augen vielleicht? Sabberte ich schon? Er zog sich an. Hatte vorhin die inzwischen nasse Radhose unter seiner Jeans gehabt und … die Unterhose vergessen. Und war im Begriff, ohne eine solche in seine Jeans zu steigen. „Das ist mir gerade ein bißchen peinlich“, meinte er. Ich antwortete: „Ich finde das gerade ziemlich scharf.“ – „Was, keine Short drunter?“ – Ich nickte. Er sagte: „Ich dachte, das ist eher so ein heimlicher Männertraum. Die Frau, die nichts drunter hat.“ – „Träumst du davon?“ – „Och, reizvoll finde ich das schon.“ – Ehrlich ist er schonmal. Und dann: „Du meinst, dann kommt mein Knackpo besser zur Geltung?“ – „Och, vorne sitzt es gerade auch nicht schlecht“, rutschte es mir halb unbeabsichtigt raus. Eigentlich müsste er spätestens jetzt mal was gemerkt haben.

Er lachte. „Du bist ja eine. Sitzst nackt auf der Ladekante und baggerst, was das Zeug hält. Ist dir nicht kalt? Willst du dir nichts anziehen?“ – Sollte ich jetzt nochmal plump andeuten, dass ich dachte, er würde mich wärmen? Nein. Das wäre nicht gut. Ich entschied mich für: „Doch, doch, es ist gerade so spannend anzuschauen.“ – „Hast du keinen Freund?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Sagen wir mal so: Ich bin gerade intensiv auf der Suche.“ – So. Noch deutlicher ging es kaum. Fand ich. Es war aber noch nicht deutlich genug. Entweder wollte er nicht oder er war schwer von Begriff. Oder sehr zurückhaltend. Oder überrascht. Jetzt hieß es abwarten. Er zog sich weiter an. Ich zog mich auch an. Er guckte mir zu. So halb unauffällig. Aber er hatte Interesse. In BH und Top fragte ich ihn: „Hast du noch ein wenig Zeit?“ – „Klar.“ – „Wollen wir aufs Volksfest?“ – „Aufs Volksfest?“ – „Nicht?“ – „Ich war seit mindestens zehn Jahren nicht mehr auf dem Volksfest!“ – „Dann wird es doch mal wieder Zeit, oder?“ – „Könnte man so sehen. Ja. Warum nicht!“

„Okay. Und das ist mir jetzt etwas peinlich. Aber ich werde mich jetzt für das Volksfest untenrum lieber gut einpacken. Gelähmte Blasen flippen im Karussell gerne mal aus.“ – „Okay?!“ – „Ja, nicht besonders sexy, ich weiß. Aber besser als nasse Hosen.“ – „Du, kein Problem. Ich bin nur überrascht. Ich habe gelernt, dass man das mit Medikamenten, Botox und chirurgischen Lösungen vollständig in den Griff bekommen kann.“ – „Bei uns war es noch nicht dran im Studium, aber gerade bei inkompletten oder nicht ganz kompletten Querschnitten ist das nicht so einfach. Mich machen die Medikamente so knülle, dass ich nicht mehr Auto fahren kann, doppelt sehe und all so Zeugs. Oder ich müsste davon weniger nehmen, dann bringen sie aber nichts. Und Botox kommt mir nicht ohne große Not in den Körper. Genauso wenig will ich chirurgisches Geschnibbel.“ – „Ja, du, deine Sache. Ich finde es nur interessant, weil man im Studium was ganz anderes vermittelt bekommt.“ – „Bei einigen klappt das halt sehr gut, bei anderen weniger gut und bei einigen überhaupt nicht. Ich habe das eigentlich recht gut im Griff, da passiert eigentlich nur selten was. Aber wenn sowas im Auto oder unterwegs passiert, ist die Sauerei halt enorm groß. Das vermeide ich gerne.“ – „Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen. Ich bin nur gerade etwas durcheinander. Ich habe Windeln bisher immer mit Kindern und dementen alten Menschen in Verbindung gebracht. Es war für mich bis eben ein Zeichen von absoluter Hilflosigkeit und Schwäche. Allerdings sind das zwei Eigenschaften, die so gar nicht zu dir passen. Ich muss da erstmal neu sortieren. ‚Umparken‘, wie man neuerdings sagt.“ – „Ich hoffe, du sortierst jetzt nicht meine Eigenschaften neu.“ – „Quatsch. Ich finde diese Diskrepanz zwischen der Realität und meinen Gedanken nur gerade sehr … sehr … faszinierend irgendwie.“

Merke: Er findet mich faszinierend. Irgendwie. Irgendwie ist das schonmal ein Anfang. Auf dem Volksfest hat er gelernt, dass mein normales Rollitempo sein Laufschritt ist. Was natürlich nicht heißt, dass er nur gerannt ist. Sondern dass ich für ihn langsam fahre. Und dass eine Querschnittlähmung kein Grund ist, nicht in der Frisbee mitzufahren. Okay, Kettenkarussell musste auch sein, weil man sich da während der Fahrt so schön anfassen kann, und im Dancer sowie der Riesenkrake kann man sich wunderbar an den starken Mann anlehnen, gerade wenn man keine Rumpfkontrolle hat und ganz schön durchgewirbelt wird. Er hat mich überall rein- und wieder rausgetragen. Drei Mal habe ich ihm mit meinem Dankeschön einen Kuss auf die Wange gegeben, als er mich wieder in den Rolli setzte. Und am Ende einmal zum Abschied. Die Kondome habe ich nicht gebraucht. Aber wir wollen uns bald wieder treffen. Ich bin gespannt. Und heiß auf ihn. Immernoch. Und irgendwie auch verknallt. Und hach ja, das ist ein schönes Gefühl. Ein sehr schönes.

Dass er meinen Blog liest, muss ich übrigens eher nicht befürchten. Er ist ein Gegner von kommerzieller Standortbestimmung, mobilem Internet und ähnlichem. Hat kein Smartphone, sondern noch ein Tastenhandy mit Prepaidkarte aus dem Supermarkt. Dass ich blogge, weiß er. Was ich dort blogge, auch. Darüber haben wir schon früher mal gesprochen. Er fand es spannend, meinte aber, es sei nichts für ihn. „Ich lese sowas nicht. Mir reicht, wenn ich auf der Arbeit die halbe Zeit vor der Flimmerkiste sitzen muss. Und mich mit den Tücken drahtloser Röntgenbild-Übertragung rumärgern muss.“ – „Darf ich in meinem Online-Blog auch über unseren heutigen Tag schreiben? Über unser Training, über das Volksfest, über dich?“ – „Solange da nicht mein Name steht oder irgendwelche Fotos auftauchen, kannst du von mir aus auch schreiben, dass ich ohne Unterhose im Kettenkarussell gesessen habe.“ – Okay. Hab ich jetzt. Geschrieben.