Hamburg bei Nacht

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Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich mal zur Nachtzeit trainieren würde. Man hört und liest ja immer mal wieder, dass einzelne Sportlerinnen und Sportler in den frühen Morgenstunden joggen gehen, aber organisiertes Training zur Nachtzeit? Während andere Leute schlafen oder in Partystimmung sind?

Schon um kurz nach halb Zwei wurde ich mit einem Kleinbus abgeholt. Am Steuer saß Tatjana, die ich schon vom Trainingslager kannte. Im Auto traf ich Yvonne. Die Bänke waren ausgebaut, dort waren vier Rennrollstühle und der Alltagsrolli von Yvonne eingequetscht. Mein Alltagsrolli kam noch hinzu. Ich kuschelte mich neben Yvonne auf die Beifahrer-Sitzbank. Schon ging es los. War das aufregend!!!

Wir fuhren an den Stadtrand, fast bis nach Schleswig-Holstein, direkt an einen Elbstrand. Auf der Fahrt bekam ich erklärt, wie so ein Straßentraining abläuft. Grundsätzlich, da es ein Training ist und kein Rennen, bleiben alle immer zusammen. Wenn einer stehen bleiben muss, bleiben alle stehen. Wir trainieren in zwei Gruppen, in einer sind zwei richtig gute Athleten mit einem eigenen Trainer im eigenen Begleitfahrzeug, in der zweiten bin ich und noch fünf andere Leute. Unsere Trainerin fährt ebenfalls in einem Begleitfahrzeug hinterher. Jeder Sportler bekommt einen Sender in ein Ohr, über den die Trainerin einem was ins Ohr funken kann.

Die Rennrollstühle müssen Reflektoren nach hinten, nach vorne und zur Seite tragen, dazu jeweils ein (LED-) Licht nach vorne und nach hinten, dürfen aber im Straßenverkehr eigentlich nur auf Gehwegen fahren. Da dort keiner trainieren kann und man im richtigen Rennen auch nicht auf dem Gehweg fährt, dürfen wir nachts auf ausgewählten Fahrbahnen trainieren, wenn ein Begleitfahrzeug das ganze nach hinten absichert. Dafür braucht man extra eine Genehmigung!

Ansonsten gilt: Ganz weit rechts fahren. Fahren nur hintereinander, an Ampeln anhalten, dann allerdings in Zweierreihen nebeneinander. Ansonsten gelten die normalen Verkehrsregeln wie für Radfahrer.

Ein Rennrollstuhl ist beim Triathlon das Pendant zum Laufen, nicht etwa zum Radfahren. Dafür gibt es ein mit den Händen über eine Kurbel angetriebenes Bike. Ein Rennrolli sieht etwa so aus:


Bei der Straßenversion sind eben noch Reflektoren dabei sowie ein Halter für die Trinkflasche. Ich darf einen sechs Jahre alten Rennrolli ausleihen, den vorher eine Kaderathletin mit ungefähr meinen Maßen gefahren hat. Sie fährt heute ein neueres Modell.

Endlich kamen wir an unserem Startplatz an. Yvonne fragte, ob ich aufgeregt sei. Ich war unendlich aufgeregt! So aufregende Dinge mache ich nachts normalerweise nicht…

Cathleen ist von ihrer Mutter zum Startplatz gebracht worden. Bei Simone war der Vater dabei. Aileen und Tim kannte ich noch nicht. Die beiden Profis fuhren bereits los. Ich sollte mich mal in meinen Rennrolli setzen, eventuell müssten noch Dinge eingestellt werden. Tatjana half mir, mich dort hineinzuzwängen. Nein – der passte wie angegossen. Die Füße hingen noch ein wenig komisch in der Gegend herum, aber ansonsten war der wie für mich gemacht. So ein Glück!

Simone saß bereits halb in ihrem Rennrolli, spielte mit ihrer Trinkflasche herum und wartete. Cathleen kam gerade vom Klo. Ich hatte mich schon gewundert, warum man ausgerechnet hier startet, aber hier war neben einem öffentlichen Badestrand eine rollstuhlgerechte Toilette mit dem Euro-Schließsystem. Gute Planung. „Willst du zuerst auf Klo oder darf ich?“ fragte Yvonne mich.

„Nö, ich war zu Hause gerade“, antwortete ich. Yvonne widersprach: „Ich würde trotzdem nochmal gehen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nee, ich muss nicht.“ Cathleen mischte sich ein: „Sie kathetert nicht.“ – „Achso“, erwiderte Yvonne knapp und dampfte ab.

„Ich versteh nur Bahnhof“, sagte ich und blickte Cathleen an. Sie erklärte es mir: „Die Kathetermäuse sollten am Anfang eine leere Blase haben, damit sie nicht so schnell voll wird. Sonst staut sich das bei denen nämlich in die Nieren zurück und dann kippen sie um, wenn sie Pech haben. Außerdem macht das auf Dauer die Nieren kaputt. Und da unterwegs kein Rolliklo ist, müssen die dann im Notfall irgendwo am Straßenrand kathetern, das ist nicht so angenehm, außerdem hält das die ganze Gruppe auf. Übrigens … hast du eigentlich noch ne Pampers an?“

Simone und die Mutter von Cathleen guckten mich an. Ich merkte, wie meine Wangen dunkelrot wurden. Ich weiß nicht, wann ich mit dem Thema mal so cool umgehen kann wie die anderen betroffenen Leute. Aber ich weiß, dass es noch ewig dauern wird. Ich nickte unauffällig. „Ja, ausziehen!“ kam es von Simone und Cathleen wie aus einem Mund.

Bitte was?! Ihr wollt dass ich was mache? Simone und Cathleen nickten beide auf meinen ungläubigen Blick. „Die musst du ausziehen, sonst scheuerst du dir alles wund.“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Mir war eher zum Weinen zumute. Nö, das wurde mir zu intim. Jetzt fing auch noch die Mutter an: „Ernsthaft jetzt. Das schnürt sich vorne am Oberschenkel richtig in die Haut ein, wenn du Pech hast. Die musst du ausziehen.“

Das traf mich so unvorbereitet, dass ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ich war wie gelähmt. Ausnahmsweise nicht mal nur in den Beinen. Ich krallte mir Cathleen und rollte ein Stück von der Gruppe weg, die mich beobachtete. Einzelne Tränen kullerten über meine Wangen. Auf die Situation hatte mich niemand vorbereitet. Ich bin noch nicht mal 24 Stunden aus der Klinik und schon war ich angekommen an meinem ersten schwerwiegenden Alltagsproblem. „Wie soll ich das denn machen?“

Cathleen sah erschrocken in mein Gesicht. „Hey! Weinst du?“ In der Dunkelheit war das wohl schlecht zu sehen. Jetzt ging es auch noch richtig los. „Nee“, log ich und wischte mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht. Cathleen nahm mich in den Arm und drückte mich. „Du musst hier nicht mitmachen, wenn dir das noch zu viel ist. Soll ich Tatjana fragen, ob du vom Auto erstmal zuguckst?“

„Nein, ich will ja mitmachen. Aber wie soll ich das denn machen? Ganz ohne irgendeinen Schutz bin ich noch nie irgendwo weit weg vom Klo gewesen. Ich hab das nicht so gut unter Kontrolle!“ Ich weinte immernoch. Was für eine peinliche Vorstellung.

„Du gehst jetzt erstmal auf Klo und wenn wir fertig sind mit dem Training, gehen wir alle duschen“, bestimmte Cathleen. Ich schüttelte den Kopf. „Cathleen! Selbst wenn ich jetzt auf Klo gehe! Wenn unterwegs meine Blase verrückt spielt und ich nichts um habe, mache ich in die Hose!“

„Ja, dann ist das eben so“, erwiderte Cathleen ohne eine Miene zu verziehen. „Oder meinst du, beim Triathlon machst du mal schnell einen Abstecher zu Mc Donalds, kaufst dir da ne Cola und fragst, ob du bei der Gelegenheit mal deren WC benutzen darfst? Ein Fußgänger kann sich schnell in die Hecke hocken, wir können das nicht. Das ist hier Leistungssport, keine Beauty Farm.“

Ich schluckte. Cathleen rollte wieder zu den anderen zurück, ich rollte hinterher. „Mehr als dass du dich hier bis auf die Knochen blamierst, kann dir nicht passieren“, dachte ich mir still. Ohne ein Wort rollte ich zur Toilette. Hinter mir hörte ich Getuschel. Und dann Cathleens Stimme: „Ach nix. Sie geht jetzt nochmal aufs Klo und dann können wir los.“

Yvonne kam mir entgegen. „Nun doch?“ Ohne ein Wort rollte ich an ihr vorbei. Kurz danach war ich dann startbereit. Schuhe aus, dann half Tatjana mir in meinen Rennrollstuhl und lud meinen Alltagsstuhl in den Kleinbus. Dann wurde ich verkabelt, bekam das Ding ins Ohr, setzte mir vorsichtig den Helm auf. Die Aufregung verdrängte die Unsicherheit.

Tatjana stieg auf eine Mini-Leiter und befestigte hinten auf dem Dach des Busses zwei gelbe magnetische Blinklichter. Hinten an der Tür wurde mit Saugfüßen ein Achtungsschild angeklebt, dadrunter stand: „Straßenrennen“ Okay… Sehr eindrucksvoll. Nur dass das im Dunkeln sowieso keiner sieht, bis auf das Geflacker von den Blinklichtern. Aber immerhin fegt uns so keiner hinterrücks von der Piste. Außer Tatjana verwechselt Gas und Bremse.

Wir fuhren los, anfangs ging es nur steil bergauf. Nach jedem Anschub blieb der Rollstuhl sofort wieder stehen. Und man konnte nur sehr dosiert anschieben, da der Stuhl sonst vorne hochgekommen wäre. Also absoluter Grenzbereich. Doch dann … war das geil! Vor allem konnte ich ohne große Mühe das Tempo mithalten. Die Straßen waren leer, im Lichtkegel des Kleinbusses konnte man genug sehen. Tatjana gab Aileen, die die Gruppe anführte, offenbar über Funk Anweisungen. Mal fuhren wir etwas schneller, mal etwas langsamer. Dann hieß es plötzlich, wir sollten rechts in einer Bushaltestelle stehen bleiben. Dehnübungen waren angesagt. „Braucht noch jemand was?“ fragte Tatjana. Wir hielten direkt vor einer Esso-Tankstelle. Allgemeines Kopfschütteln.

„So, wir fahren bis zur Ampel und danach geben wir Vollgas. 90%, auf die Kurven aufpassen, nicht in den Gegenverkehr geraten. Zügig die Kurven durchfahren, der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen.“ Die Anweisung war klar. Wie war das? Der nachfolgende Verkehr kann nicht überholen? Denkste. Mit dröhnendem Motor musste uns ein Mercedes überholen, mitten in einer S-Kurve. Natürlich durch die Gegenspur. Glücklicherweise kam dort keiner, denn ich überlegte schon, ob er dann zum Ausweichen in unsere Gruppe krachen wollte. 30 waren erlaubt, die fuhren wir locker. Egal.

Erste Erfahrungen hatte ich mit einem Rennrollstuhl schon beim Trainingslager und vorher beim Training auf dem Sportplatz gemacht, aber Straßentraining ist nochmal was ganz anderes. Vor allem unterschätzt man den ziemlich langen Bremsweg. Und wenn man durch Lenken wenden wollte, bräuchte man wohl einen ganzen Marktplatz.

Nach einigem auf und ab befuhren wir nun ein schnurgerade und breit ausgebautes Stück der Elbchaussee. „Der erste gibt jetzt so etwa 80%, der letzte überholt jeweils die Gruppe. Und schert erst aus, wenn der erste sich vorne eingegliedert hat.“ Drei Durchgänge. Es machte Spaß, aber ich kam eindeutig an meine Grenzen. Vor allem, wenn es etwas bergauf ging, merkte man, dass ich keine Kondition hatte.

Dann sollten wir das Tempo drosseln, denn wir müssten links abbiegen. Möglichst aus der Fahrt links einordnen und dann ganz langsam abbiegen, das ist eine tückische … huch … tatsächlich … tückische Kurve. Halbmondsweg? Vor lauter Wolken war irgendwie gar kein Mond zu sehen. Aber wenigstens regnete es nicht. Und es war angenehm kühl, allerdings nicht zu kalt. Die Straße war hell erleuchtet, nur ganz vereinzelt fuhr mal ein Auto.

Dann kam wieder eine Strecke, bei der Autos nicht überholen konnten. Hier war 50, wir fuhren knapp 40, schneller war nicht möglich, da wir über mehrere Ampeln mussten und wir den Bremsweg einkalkulieren mussten. Natürlich fing der einzige Autofahrer, der sich hinter dem Bus einfand, das Hupen an. An der Kreuzung Ebertallee / Osdorfer Weg mussten wir bei Rot anhalten. Der Fahrer hielt neben uns und pöbelte: „Ihr haltet hier den ganzen Betrieb auf mit Eurem Scheiß.“ Ja nee, ist klar. Na klar ist das nervig, wenn man mal zwei Minuten nur 40 fahren kann statt 50. Da keiner der anderen reagierte, ignorierte ich den Typen auch.

Ich musste mal. Ich verdrängte den Gedanken. Vielleicht war es auch nur die komische Sitzposition, die dieses Gefühl auslöste. So richtig spüre ich das ja sowieso nicht. Ich wusste nicht, wohin wir wollten, aber allzu weit konnte es nicht mehr sein. Grün. Es ging weiter. Einige Schlaglöcher, die man umfahren musste, dann wurde es wieder zweispurig. „Bremsen, bremsen, bremsen!“ funkte uns Tatjana ins Ohr. Von rechts kam ein Rettungswagen mit Blaulicht. Uuuups, quietsch, qualm, radier, stink, … der hat eindeutig Vorfahrt. Bitteschöööön… Wir mussten relativ scharf abbremsen, sofern man bei diesen unmöglichen Bremswegen überhaupt von Schärfe sprechen kann.

Vorbei an einem Friedhof und dem Volkspark (ziemlich gruselig im Dunkeln) fuhren wir in die Richtung einer Sporthalle. „Langsam ausfahren, lockern, strecken“, war das Kommando. Inzwischen wurde es hell am Horizont. Die Vögel trällerten aus voller Kehle ihre Lieder. Die Luft roch angenehm nach feuchtem Waldboden. Ich war völlig fertig. Aber glücklich. Glücklich fertig.

„Für den Anfang schon ganz gut“, meinte Tatjana. Nun ging es direkt zum Duschen. Wir fuhren über relativ unwegsames Gelände zu einer offenen Stahltür in einer weißen Wand der Halle. Dort stand bereits ein Duschrollstuhl. Zusammen mit dem Trainer der beiden Top-Athleten, der bereits wartete, stieg einer nach dem anderen aus dem Rennrollstuhl in den Duschrollstuhl, wurde reingeschoben und musste sich drinnen umsetzen. Dort gab es zwei feste Klappsitze und mehrere Gartenstühle, die einfach unter die anderen Duschen gestellt waren.

Ich zog meine Klamotten aus und warf sie direkt ins nächste Waschbecken. Endlich duschen! Haare waschen! Gesicht waschen! Ich hatte mir mehrmals den Schweiß aus dem Gesicht gewischt und das mit den dreckigen Händen. Wir sahen aus wie die Indianer. „Und? War gut?“ fragte mich Cathleen. Ich nickte. War gut. Erfahrung und Kondition wird am Anfang niemand ernsthaft von mir verlangen. Alles andere war wohl nicht zu unterirdisch.

Yvonne wurde zur S-Bahn gebracht, Simone wurde von ihrer Mutter abholt. Cathleen fragte, ob sie spontan bei mir schlafen könnte. Gerne, warum nicht?! Und die Rennrollis? Die bleiben erstmal in einem Lagerraum stehen und kommen Montag kurz unter den Hochdruckreiniger. Der Hausmeister kümmert sich drum. Außer bei Simone: Den hat der Vater gleich wieder eingesammelt und mitgenommen.

Kurz nach 6 fielen wir in mein Bett. Ziemlich genau 20 km sind wir gefahren in etwa einer Stunde. Mit Ampeln und Pause zum Dehnen. Nicht schlecht. Die Strecke habe ich mal einzeichnen lassen:


Nun habe ich Hamburgs Straßen bei Nacht kennen gelernt. Beim nächsten Straßentraining bin ich wieder dabei. Wenn ich darf.

Die erste Nacht im neuen Bett

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Seit gestern ist mein neues Bett fertig! Marke Eigenbau, 140 x 200 cm groß, an der Seite eine große Schiebetür, um den Platz drunter nutzen zu können, ansonsten kein großer Firlefanz. Ein stabiler Lattenrost, eine für Querschnittgelähmte ausreichend weiche, aber dennoch nicht zu weiche Matratze wurde bereits Freitag geliefert, direkt von einem Sanitätshaus und mit Zuschuss der Unfallkasse. Nee, mit Druckgeschwüren ist nicht zu spaßen, wie ich ja auch selbst schon erfahren durfte.

Gestern habe ich mir dann zusammen mit Frank in einem Bettengeschäft zwei Kopfkissen und zwei neue Steppdecken gekauft, dazu gleich vernünftige Bettwäsche und Spannbettlaken in der richtigen Größe. Das Bett steht jetzt in einer Ecke des Zimmers, das passt sehr gut.

Kaum war ich da, rief Cathleen mich auf dem Handy an. Ob ich am Wochenende schon etwas vor hätte, wollte sie wissen. Ich sagte ihr, dass ich eine Nacht „Ausgang“ bekommen habe und zum ersten Mal in meinem neuen Zimmer in meinem Bett schlafen würde. Da fragte sie, ob ich das unbedingt alleine machen möchte oder ob sie mir Gesellschaft leisten darf.

Naja, nichts lieber als das. Dann bin ich in meiner ersten Nacht so völlig alleine in einer eigenen Wohnung (okay, in einem eigenen Zimmer) wenigstens nicht einsam. Abends haben wir dann noch mit Frank und Sofie zusammen im Gruppenraum gesessen und einfach nur erzählt. Einfach über alles mögliche gequatscht. Ich fand es toll.

Gegen 12 sind wir dann alle ins Bett gegangen. Meine erste Nacht, in der noch jemand anderes in meinem Bett liegt. Anfangs war es ein bißchen ungewohnt, aber ich war plötzlich so müde, dass ich einfach einschlief. Gegen 4 Uhr morgens wurde ich wach, weil Cathleen mit ihren Kopf auf meinem Unterarm lag und der Unterarm eingeschlafen war. Ich legte vorsichtig ihren Kopf zur Seite und streichelte ihr einmal über die Wange. Im tiefsten Schlaf lächelte sie einmal kurz.

Als wir heute morgen gegen 10 wach wurden, fühlte ich mich ausgeschlafen wie schon lange nicht mehr. Niemand klapperte auf dem Flur mit dem Essenswagen, keine Krankenschwester kam ins Zimmer, niemand wollte von mir irgendetwas. Wir standen auf. „Erst duschen oder erst frühstücken?“ fragte Cathleen. Ich wollte es davon abhängig machen, wer draußen noch gerade frühstückt. Mich stören ungeduschte Freunde am Frühstückstisch nicht, anderen möchte ich das aber nicht zumuten.

Ich schaute um die Ecke. Sofie rollte gerade über den Flur. Wir verabredeten uns zum Frühstück. Und glücklicherweise störten die beiden sich auch nicht an ungeduschten Leuten am Frühstückstisch. „Es kommt immer drauf an, wer das ist“, meinte Sofie. Ich hatte gestern noch eingekauft, so hatten wir einen gut gedeckten Frühstückstisch. Es war richtig gemütlich. Gefräßiges Schweigen.

Bis … Cathleen plötzlich laut pupste. Sorry Cathleen, ich muss es erwähnen. Weil ich so froh darüber bin, dass es dir passiert ist und nicht mir. Ich habe eine sehr große Angst davor, dass es mir vor fremden Leuten passiert. Vielleicht hängt es mit meinem Trauma aus dem Telekom-Shop am Donnerstag, den 12.02.09 zusammen, das ich zwar irgendwie verarbeitet, aber noch lange nicht vergessen habe. Vielleicht auch mit meinen Erfahrungen von zu Hause, wo ich rausgeflogen wäre, wenn ich das beim Essen gemacht hätte. Ja, möglicherweise bin ich da etwas neurotisch.

Nicht gerade beruhigend, dass man bei einer Querschnittlähmung nichts von alledem merkt. Mit viel Geduld bekommt man den Darm an bestimmte Entleerungszeiten gewöhnt. Das betrifft aber ausschließlich feste Ausscheidungen. Flüssige oder gasförmige nicht. Zu eklig? Zu viele Informationen? Tja, du liest es nur. Ich werde unfreiwillig damit konfrontiert. Wollen wir mal einen Tag tauschen? (Bitte nicht ernst nehmen.) Mit viel Glück ist der Querschnitt so inkomplett, dass man noch Gefühl hat und zwei Sekunden vor den anderen merkt, was da gleich passiert.

Zurück zum Frühstückstisch: Cathleen verzog keine Miene, sondern sagte fast im selben Moment einmal laut: „Entschuldigung!“ Sofie, die gerade den Mund voller Cornflakes hatte, schluckte und murmelte: „Macht nix.“ Es schien sie echt nicht aus dem Rollstuhl zu werfen. Und Cathleen futterte weiter, als würde sie nichts anderes erwarten. Selbst Frank brachte keinen Spruch. Okay, das möchte ich bitte auch für mich in Anspruch nehmen, wenn es mir zum ersten Mal vor versammelter Mannschaft passiert. Wahrscheinlich werde ich dann knallrot und verschwinde erstmal für die nächsten 24 Stunden in meinem Zimmer. Am meisten Angst habe ich, dass das in der Schule in einer Klausur passiert. Oder wenn ich von vorne ein Referat halte. Oder vergleichbares.

Nach dem Frühstück haben wir geduscht und uns mit Simone und Nadine verabredet. Zusammen waren wir dann noch auf einem Straßenfest, nur leider regnete es in einer Tour. Zurück im Krankenhaus vermisse ich bereits mein neues Zimmer. Keine 14 Tage mehr und ich bin endlich hier raus!

Terminator, Kopfsteinpflaster und Käse-Eis

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Ich nenne es beim Namen: Das Cinemaxx-Kino am Hamburger Bahnhof „Dammtor“. Schön zentral liegt es, 8 Säle hat es. Da ist bestimmt etwas dabei, was Cathleen, Luisa und ich uns anschauen können. Vielleicht nicht unbedingt Terminator. Aber sonst … egal.

Am Dammtorbahnhof ging erstmal der Aufzug nicht. Und die einzige Rolltreppe, die abwärts fährt, auch nicht. Super. Das Sicherheitspersonal erklärt uns, dass sie zwar einen Schlüssel haben, um die andere Rolltreppe kurzfristig in die Gegenrichtung laufen zu lassen, das sei ihnen aber verboten. Cathleen, nicht auf den Mund gefallen, meinte frech: „Na kommen Sie, wir werden Sie nicht verpetzen.“

Nichts zu machen. Vorschrift bleibt Vorschrift. Und eine Ausnahme über die Leitstelle? Keine Chance. „Ich muss nicht fragen, wir dürfen es nicht. Es kann sein, dass jemand am Hauptbahnhof Dienst hat, der das darf, das könnten wir mal erfragen.“ Na so ein Schwachsinn. Wo ist jetzt der Unterschied, ob Herr Müller oder Herr Schulz den Schlüssel ins Schloss steckt und einmal daran dreht?!

„Es geht schneller, wenn Sie mit der nächsten Bahn zum Hauptbahnhof fahren und dort in den Bus umsteigen und zum Dammtor zurückfahren.“ Ja nee, ist klar. 6 Minuten bis der nächste Zug kommt, 5 Minuten bis Hauptbahnhof, dann quer durch den Hauptbahnhof zur Mönckebergstraße, dort am Sonntag auf den nächsten Bus warten, dann 12 Minuten Fahrzeit … dann sind wir in etwa einer Dreiviertelstunde wieder hier. Hurra!

Aus dem Regionalexpress gegenüber steigt eine Gruppe Polizeibeamter in Uniform mit Rucksäcken auf dem Rücken aus und kommt durch den Tunnel auf unser Gleis. „Die fragen wir mal. Drei sexy Leichtgewichte im Rolli sind doch nix für paar knackige Jungs in Uniform. Vier Mann, vier Ecken, 25 Stufen.“ Cathleen hatte noch nicht aufgegeben. Und quatschte den ersten an: „Entschuldigung, wären Sie so lieb und würden uns kurz helfen?“

Nö, würden Sie nicht. Sie dürfen nicht. Es könnte etwas dabei passieren. Und dann wären sie nicht versichert. Hinter uns fing ein Typ an zu brüllen. „Dieses Deutschland kackt sich zu mit seinem Bürokratismus! Die drei Mädels wollen runter und der Fahrstuhl geht nicht. Ich fasse jetzt an einer Ecke an. Hat hier noch jemand genug Arsch in der Hose und hilft mit?“ Wow. Drei junge Männer, schätzungsweise Türken, zögerten keine Sekunde, drückten ihren Freundinnen ihre Rucksäcke in die Hand und krempelten die Ärmel hoch. Eine Gruppe Mädels bot sich ebenfalls an. Keine dreißig Sekunden später waren wir drei unten. Ohne dass etwas passiert ist. Die sind nichtmal ins Schwitzen gekommen. Wir bedankten uns höflich. Natürlich musste jemand, der das sah, uns nochmal kurz darauf hinweisen, dass dorthinten ein Aufzug ist… Argh!

So, endlich weiter zum Kino. Cathleen, uns zugewandt: „Meine Damen und Herren, hier siehen Sie Hamburgs intelligenteste Rampe für Rollstuhlfahrer.“ Ich traute meinen Augen kaum. Kopfsteinpflaster, mit Mini-Steinen und Zwischenräumen so groß wie die Steine selbst, bedeckte eine Rampe neben fünf bis sechs Stufen vor dem Eingang. Man musste schon sehr geschickt sein, um nicht zu stürzen. Endlich an der Kasse angekommen, erfuhren wir das schier unglaubliche: Es gibt 8 Säle, davon sind 4 mit dem Rollstuhl zu erreichen. In allen vier rollstuhlgerechten Sälen läuft … richtig! Terminator. Zu den anderen Filmen kommen wir leider nicht.

„Wir können uns auch auf einen normalen Sitz umsetzen.“ – „Das bringt Euch nichts, vor den Sälen sind Stufen.“ Nun hatte auch Cathleen genug: „Lasst uns zum Jungfernstieg fahren und ein Eis essen. Ich hab die Schnauze voll.“ Gesagt, getan.

Reicht es? Oder soll ich noch ein i-Tüpfelchen … nicht? Doch? Okay. Vanille war aus. Schokolade war aus. Kirsche war aus. Banane war aus. Stracciatella war auch aus. Dafür gab es aber so lustige Sorten wie „Schlumpf“, „Käse“, „Moccabohne“, „Stachelbeere“. Eigentlich fehlten nur noch Lebertran, Spargel und Forelle.

Ostsee bei 14 Grad

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Man muss schon gehörig einen an der Klatsche haben, um sich bei Windstärke 6 in einer Fleece-Jacke in einen Strandkorb zu setzen. Cathleen, Sofie, Frank und ich hatten jeder mindestens zwei an der Klatsche. Aber wisst ihr was? Wenn man wegen einer körperlichen Behinderung schon seine 100% im Behindertenausweis hat, macht sich der Dachschaden auch nicht mehr bemerkbar. Mehr als Vollklatsche geht eben nicht.

Und so interessierten uns die Gedanken der vorbeiziehenden Leute auch nur sekundär. Obwohl wir uns sie ausgemalt haben. „Oh, die haben nur einmal pro Jahr Ausgang und nun ist das Wetter schlecht.“ Oder: „Die wissen es nicht besser.“

Frühmorgens sind wir mit Frank aufgebrochen, kamen gegen 10 Uhr in Haffkrug (Ostsee) an, mieteten uns zwei Strandkörbe, drehten sie mit dem Rücken zur Hauptwindrichtung und packten uns hinein. Sofie hatte Kartoffelsalat und Würstchen für das Mittagessen mit, Frank baute uns erstmal einen Sandwall, dann spielten wir Uno. Es war nur genial. Der Wind blies den feinen Sand überall hin, aber gegen Mittag kam die Sonne hinter den Wolken zum Vorschein und man konnte sogar im T-Shirt sitzen.

Kurz vor Abfahrt wagten wir dann das Abenteuer: Strandbesuch ohne wenigstens einmal im Wasser gewesen zu sein, ging gar nicht. Sagte Frank. Und fing an, sich Badesachen anzuziehen. Cathleen und Sofie sagten, sie würden mitkommen. Und ich? Ich hatte Angst. Ich fürchtete, an meine Grenzen zu kommen. Das Wasser hatte enormen Wellengang. Ich hatte zwar einen Badeanzug dabei, hätte mich aber am liebsten irgendwo auf einer Toilette umgezogen, wenn überhaupt. Ich wollte weder Spielverderber noch Angsthase sein. Aber ich wusste nicht, ob ich das wagen sollte.

Sofie begann, sich umzuziehen. Ich trödelte mutwillig. Wühlte in meiner Tasche, tat so, als würde mein Handy mir gerade etwas wichtiges mitteilen wollen. Erstmal schauen, wie das bei den „Profis“ aussieht. Ja, ich schäme mich für mein fehlendes Selbstvertrauen. Ein unauffälliger Blick zu Sofie … keine Pampers. „Ich glaube, ich will doch nicht mit schwimmen“, dachte ich mir so. Aber Cathleen war meine Rettung. Ich wartete einen Moment, ob irgendwelche Kommentare kommen würden, die mich, wären sie an mich gerichtet, sicher zum Heulen gebracht hätten. Nein, sie kamen nicht. Keiner glotzte. Ich machte meine Hose auf…

Ich bin da sehr sensibel. Ich weiß sofort, wann jemand mir zuliebe schauspielt und sich seine Kommentare verkneift oder absichtlich so tut, als wäre alles normal, obgleich er sich gerade an meiner Andersartigkeit gedanklich gestoßen hat. Hier hatte ich dieses Gefühl nicht. Es schien mir, und das ist bei meinen „neuen“ Freunden Gold wert, eine ehrliche tiefgründige Akzeptanz da zu sein: Ich muss mich nicht verstellen, um gemocht und ernst genommen zu werden.

Auf dem Hintern sitzend robbten wir das kurze Stück durch den Sand. Die beiden „Profis“ warnten mich vor einer von mir beinahe unterschätzten Gefahr: Scharfkantige Steine und Muscheln können die gefühllose Haut der Beine erheblich verletzen. Und dann schwappte eine große Welle bis zu meiner Brust hoch. Ich kreischte laut, so kalt war das Wasser. Auch Frank, Sofie und Cathleen hatten einen Riesenspaß. Wir saßen in den Wellen und überließen dem Meer, den Wellen das Spiel mit uns. Ich musste mich schon gut abstützen, um nicht umgeworfen zu werden.

Schwimmen wollte niemand wirklich, dafür waren der Wind und die Wellen zu stark. Irgendwann wurde es kalt und wir robbten auf dem Hintern sitzend durch den feinen Sand wieder zu unseren Strandkörben zurück. Wir sahen aus wie panierte Schnitzel. Frank legte Handtücher in die Strandkörbe und meinte: Am besten so in der Sonne trocknen lassen. Dann geht der Sand am besten ab. Ich kuschelte mich mit Cathleen in einen Strandkorb, Sofie und Frank saßen neben uns in dem anderen. Und plötzlich kam die Sonne hinter den Wolken hervor und es wurde richtig schön warm.

Gerade komme ich aus der Dusche. Den feinen Sand vom Strand habe ich, obwohl ich mich intensiv abgerubbelt hatte, noch überall gefunden. In den Ohren, in der Nase, in den Haaren, überall. Auf den Fliesen lag eine richtige Sandschicht. Ich hoffe, ich bin alles losgeworden. Es war ein super schöner Tag!