Rundumschlag

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Sehr lange haben wir gewartet, noch viel länger musste Helena darauf warten, dass sie nun endlich mal die Therapie bekommt, die hinsichtlich ihrer Einschränkungen dem hiesigen Standard entspricht. Dafür geht es jetzt aber hoffentlich umso schneller. Wir wollen Fortschritte.

Wir haben lange abgewogen, ob es sinnvoll ist, Helena bei Maries Mutter in die hausärztliche Behandlung zu geben. Es sprechen einige Dinge dagegen, insbesondere ist Maries Mutter keine Pädiaterin (also keine Kinderärztin), sie ist persönlich betroffen, und damit besteht immer die Gefahr, dass man ihr fehlende Objektivität unterstellt; andererseits verstehen die beiden sich prächtig und Maries Mutter labert nicht lange um den heißen Brei, sondern fasst auch unangenehme und aufwändige Themen beherzt an. Insofern haben wir uns zusammen mit dem Jugendamt und dem Betreuer darauf verständigt, dass Maries Mutter das am Anfang alles anschieben und koordinieren soll, mittelfristig die verschiedenen Fachbereiche aber selbstverständlich durch Fachärzte in der näheren Umgebung betreut werden. Aber mit Blick darauf, dass es einen ersten Termin meistens erst in drei bis sechs Monaten gibt, war es Gold wert, dass Marie bereits am Freitag mit ihr zu ihrer Mama fahren konnte.

Die drei hatten den letzten Termin und haben dazu über zwei Stunden in der Praxis gesessen. Überweisung zum Kinderneurologen und Termin in der zweiten Januarwoche: Check. Überweisung zum Orthopäden und Termin in der ersten Märzwoche: Check. Überweisung zum Urologen und Termin in der übernächsten Woche: Check. Ärztliche Stellungnahme zur Psychotherapie und Termin für eine Probesitzung bei einer Kinderpsychologin in einer Nachbargemeinde in der nächsten Woche: Check. Verordnung für Knöchel-Orthesen zum Laufen, einen Rollstuhl für lange Strecken (ja, wirklich) und ein Vorspannbike als Alternative zum Fahrrad zum Inhaber „meines“ Sanitätshauses gefaxt, der auf telefonische Bitte noch am selben Tag drei Kostenvoranschläge online an die Krankenkasse geschickt hat: Check. Ärztliche Verordnung über eine Insulinpumpe mit ausführlicher medizinischer Begründung an die Krankenkasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Pflegebedürftigkeit zusammen mit Vollmacht und medizinischer Stellungnahme an die Pflegekasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Schwerbehinderung im Eilverfahren zusammen mit Vollmacht und ärztlicher Stellungnahme an die zuständige Behörde geschickt: Check. Den ganzen Senf in einem PDF-Dokument zusammengefasst und (ohne Befunde) an den Vormund und an das Jugendamt zur Kenntnis geschickt: Check. Am Ende mit rauchendem Kopf aus der Praxis gerollt: Check. Am Abend vom Vormund drei Daumen-hoch-Smileys per Mail zurück bekommen: Check.

Ende Januar haben wir nun auch einen Termin beim Kinderarzt bekommen. Leider müssen wir dafür fast 20 Kilometer fahren. Die Praxis hier im Ort ist nicht ohne Stufen zu erreichen (und alleine lassen wir Helena mit der komplexen Vorgeschichte never ever zum Erstgespräch), die Praxis hat die Note 4,6 aus 20 Bewertungen, das würde mir nicht mal für einen Tierarzt im Notdienst reichen. Vergiss es. Der Kollege, den wir uns jetzt gemeinsam ausgesucht haben, hat aus 35 Bewertungen eine 1,0. Und eine Weiterbildung als Endokrinologe – da kann also nichts verkehrt laufen.

Nach diesem bürokratischen Rundumschlag haben Marie und ich mit Helena noch Klamotten und Bettwäsche gekauft. Auch wenn ich an einem Advents-Samstag normalerweise niemals shoppen würde, gab es noch einen Großeinkauf. Ja, es ist bald Weihnachten, aber Helena soll nicht den Eindruck bekommen, dass das, was sie täglich benötigt und jahrelang versäumt wurde, nun als Weihnachtsgeschenk abgegolten wird. Dafür fallen uns noch jede Menge andere Dinge ein, die dann auch wirklich mal ein Bonbon und keine Notwendigkeit sind. Bis zu einer klaren Entscheidung haben wir uns ja auf das Nötigste beschränkt.

Heute war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit mal wieder mit meinem Rennbike los. Im Orkan bin ich zwar nicht weggeflogen, aber teilweise blieb mir richtig die Luft weg, als der Wind mir direkt ins Gesicht wehte. Ich musste hin und wieder drei, vier Gänge runterschalten, um einigermaßen im Tempo zu bleiben. Zum Glück hatte ich den Gegenwind auf dem Hinweg und den Rückenwind auf dem Rückweg. Ich bin so glücklich, mich endlich mal wieder auspowern zu können. Ich hatte gehofft, zwischen zwei Schauern hindurch zu kommen, bin aber so richtig triefnass geworden. Also hinterher gleich in die heiße Badewanne. Und jetzt gleich ins warme Bettchen, denn morgen früh beginnt der Tag mit Frühdienst!

Wochenende

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Auch wenn ich Hamburg sehr vermisse, fühle ich mich an der Ostsee sehr wohl. Gerade jetzt, wo es nachts wieder etwas kühler wird, finde ich das Klima, den Wind und die leicht salzige Luft sehr angenehm. Derzeit pendel ich vier bis fünf Mal pro Woche in eine Großstadt, um dort zu arbeiten und mich in der Pädiatrie fortzubilden, und ehrlich gesagt freue ich mich, wenn ich Feierabend habe, auch sehr auf die Ruhe außerhalb einer hektischen Großstadt. Normalerweise kaufe ich nicht mal in der Stadt ein, einerseits, um die Geschäfte in meiner Nähe zu unterstützen, andererseits, weil es dort nicht so viele seltsame Leute gibt. Oder vielleicht sind sie auch auf ihre Weise seltsam, nur komme ich mit ihrer Weise besser zurecht.

Dass mir im Supermarkt einer im Vorbeigehen an die Ti..en fasst, kann wohl fast nur in der Großstadt passieren. In einem kleinen Ort gibt es immer jemanden, der jemanden kennt; das Risiko, erkannt zu werden, ist viel zu groß. Ja, es ist eine Sauerei und eine Erniedrigung, aber ich werde das verkraften. Auch wenn es ganz schön weh tat und schon der Gedanke daran widerlich ist. Schade, dass ich das nicht schnell genug realisiert habe und zu perplex war, um angemessen zu reagieren. Das ärgert mich am meisten. Der Typ ging, während ich in der Warteschlange an der Kasse stand, durch den Gang der geschlossenen Nachbarkasse (wo aber die Sperre nicht geschlossen war) und griff mir im Vorbeigehen von schräg oben an meine rechte Brust, drückte einmal kräftig zu, und verschwand zügigen Schrittes nach draußen. Weder die ältere Dame vor mir noch der Herr hinter mir haben scheinbar etwas mitbekommen. Leider tun solche Menschen so etwas ja nicht, weil sie mich toll finden. Oder meinen Körper. Nicht, dass das so eine Aktion rechtfertigen würde, aber diesen Gedanken fände ich um einen Hauch angenehmer als das Wissen, dass er mir lediglich seine Macht zeigen wollte.

Als ich wieder vor der Tür war, war er weg. Auf dem Weg zum Auto musste ich über die Straße, und während ich an einer Ampel wartete, blieb auf dem Fußweg gegenüber eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen offenbar an einer Unebenheit hängen und stürzte vorwärts und mit dem Kopf voraus laut scheppernd über ihr mit Einkaufstüten vollständig behängtes Hilfsmittel. Aua. Positiv war, dass auf beiden Fahrstreifen sofort mehrere Autofahrer anhielten, ausstiegen und der Frau helfen wollten. Auch eine Radfahrerin hielt an, stieg vom Fahrrad ab und kümmerte sich. Mit vereinten Kräften versuchte man, die Frau wieder aufzurichten, was aber nicht gelang. Negativ war, dass man offenbar ohne zu überlegen handelte. Sinnvoller wäre es, die Frau erstmal auf dem Boden liegen zu lassen. Ihr Bewusstsein trübte nämlich in der nächsten halben Minute ganz offensichtlich und von Weitem erkennbar ein. Inzwischen wurde die Ampel grün, ich rollte auf die andere Seite. „Hallo, lassen Sie die Frau mal bitte auf dem Boden.“ – „Echt? Warum das denn?“ – Ich sprach die Frau an: „Hören Sie mich?“ – Inzwischen setzten sie die Frau wieder auf den Boden ab. Ich sagte: „Schauen Sie mal, sie ist gar nicht richtig ansprechbar. Ich rufe einen Krankenwagen.“

Als ich mein Telefon rausgekramt hatte und den Notruf gewählt hatte, versuchte ich, ihren Puls zu tasten. Der war eindeutig vorhanden und sehr schnell. Ich nahm eine Alkoholfahne wahr. Der Disponent in der Leitstelle meldete sich mit der Frage, wo der Notfallort sei. Nachdem ich ihm diesen genannt hatte, fragte er, was für ein Notfall vorliege. „Eine etwa 75 Jahre alte Frau ist auf den Kopf gestürzt und hat kurz danach das Bewusstsein verloren. Puls und Atmung sind vorhanden. Man muss von einem schweren Schädelhirntrauma ausgehen. Schicken Sie bitte einen Notarzt her.“ – „Ist die Frau ansprechbar?“ – „Nein, sie ist bewusstlos.“ – „Ist sie alkoholisiert?“ – „Möglicherweise.“ – „Ich schicke Ihnen einen Rettungswagen.“ – „Schicken Sie bitte den Notarzt, es besteht der Verdacht auf ein schweres Schädelhirntrauma.“ – „Sind Sie vom Fach?“

Alter! Willst du das jetzt ausdiskutieren bis sie an ihrer Hirnblutung gestorben ist? Beim Sturz über einen Gehwagen und Aufprall mit dem Kopf voraus muss ich nicht fachkundig sein, um zu wissen, dass das eine Hirnverletzung hochwahrscheinlich macht. Wenn sie Pech hat, gleich mit Blutung, vielleicht hat sie sich auch noch die Halswirbelsäule verletzt, die Frau wird höllische Schmerzen haben, und dass sie kurz noch bei Bewusstsein war und jetzt nicht mehr, ist absolut kein gutes Zeichen. Aber bevor ich mich jetzt an der Diskussion auf Kosten von Zeit und Gesundheit der Frau beteilige, sagte ich nur: „Ja.“ – Und hätte in der Aufregung beinahe noch „Medizinstudentin“ gesagt. – „Hilfe ist unterwegs.“

Offenbar bringt mein Beruf den Nachteil mit sich, dass man nicht bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes am Telefon betreut wird. Allerdings ging es sehr schnell. Und tatsächlich war der Notarzt ebenfalls sofort entsandt worden und traf knappe zwei Minuten nach dem Rettungswagen ein. Auch er vermutete ein schweres Schädelhirntrauma und verlor keine Zeit, die alte Dame ins Krankenhaus zu bringen. Leider habe ich kein gutes Gefühl, aber ich hoffe natürlich, dass es ihr bald wieder besser geht.

In meinem Job musste ich gestern bei einem sechsjährigen Jungen einen Tubus wechseln. Also ihm einen neuen Beatmungsschlauch in die Lunge legen. Das ist bei Kindern nochmal herausfordernder als bei Erwachsenen. Der Junge liegt seit einem Ertrinkungsunfall im künstlichen Koma. Zudem kam er an ein anderes Beatmungsgerät, da es mit dem bisherigen ein technisches Problem gab. Die nette Stationsärztin, die nicht loben, sondern immer nur tadeln kann, war dabei und schaute mir mit Argusaugen auf die Finger, ohne selbst aktiv zu werden. Die weibliche Pflegekraft und ich arbeiteten gut zusammen, sie macht den Job schon seit über 10 Jahren. Das macht sehr viel Spaß, wenn jemand so routiniert ist. Es klappte alles richtig und zügig. Der Tubus lag, doch als ich das Beatmungsgerät anschließen und einschalten wollte, passierte: Nichts. Es leuchtete alles munter vor sich hin, aber es gab keine Fehlermeldung und keine Beatmung.

Bei Kindern wird der Tubus in aller Regel ja nicht geblockt, so dass man noch vorsichtiger sein muss, wenn man von seinen Routine-Handgriffen abweicht. Befestigt war er auch noch nicht. Ich drückte nochmal auf das Beatmungsgerät. „Du kannst den Tubus kurz loslassen“, hatte die Pflegekraft von sich aus das Problem erkannt und übernahm, bevor ich etwas sagte. Wichtig ist dennoch der Austausch untereinander: „Ich habe Probleme mit dem Beatmungsgerät. Es läuft nicht.“ – Ich versuchte erneut, die Beatmung zu starten, ohne Erfolg. „Es beatmet nicht.“

Ich wendete mich wieder dem Patienten zu. Die Aufgaben sind klar verteilt, die technische Bereitstellung des Geräts ist keine ärztliche Aufgabe. Die Pflegekraft versuchte sich an der Maschine, während ich mir einen Beatmungsbeutel schnappte, das Beatmungsgerät wieder abkoppelte und erstmal per Beutel beatmete. „Hat es Sauerstoff?“, fragte ich. Die Pflegekraft prüfte die Steckverbindung an der Wand. „Jetzt hör ich es“, sagte sie plötzlich. „Nee, das bin ich mit dem Beutel“, antwortete ich. Es wurde keine Störung angezeigt, aber es lief auch nichts. Ich riskierte einen Blick auf die Stationsärztin, sie verdrehte die Augen. Tolle Hilfe.

Die Pflegekraft checkte die Sauerstoffverbindung am Gerät. Bingo. Sie war nicht richtig eingesteckt. Nun bekam das Gerät Sauerstoff und funktionierte. Wir konnten Beatmungsbeutel und Beatmungsgerät umgestecken. In der Zwischenzeit hatte ich vier Mal manuell beatmet, der Fehler war also schnell gefunden und meine Vermutung war goldrichtig. Die Beatmung lief, alles war richtig eingestellt, trotz Schwierigkeiten haben wir es hinbekommen. Wie schon gesagt: Sie tadelt gerne, folglich hat sie nicht gelobt, dass wir die Situation gemeistert haben, sondern mich zu tadeln versucht, dass das Beatmungsgerät nicht richtig angeschlossen war. Einmal lasse ich sowas ja durchgehen, aber nun war es genug: „Das ist nicht mein Problem. Ich kann voraussetzen, dass das bereitstehende Equipment fehlerfrei funktioniert.“ – Sie guckte mich an wie ein Auto. Bis Montag sehe ich sie erstmal nicht mehr. Ja, ich will was lernen. Aber anpampen lassen muss ich mich dazu nicht. Ich schätze, wir werden noch unseren Spaß zusammen haben. Aber jetzt ist erstmal Wochenende.

Unterste Schublade

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An Verbesserungen gewöhnt sich der Mensch sehr schnell. Auch Stinkesocken gewöhnen sich sehr schnell an Verbesserungen. Und nehmen sie irgendwann vielleicht sogar als selbstverständlich hin. Zum Beispiel, wenn man zum Autofahren nicht mehr mit einem Schlüssel hantieren muss. Als Rollstuhlfahrerin bin ich mit beiden Händen stets beschäftigt, da ist es eine enorme Erleichterung, wenn ich keinen Schlüssel in die Hand nehmen muss, um ins Auto einzusteigen. Auch wenn mein allererstes Auto nicht mal eine Funk-Fernbedienung hatte, sondern ich noch mit dem Schlüssel im Türschloss herumfummeln musste und mich irgendwann gewundert habe, dass mein Schlüssel auch beim Auto nebenan passt, möchte ich den technischen Fortschritt nicht missen.

Ich gewöhne mich auch daran, dass unsere Gesellschaft mehr und mehr verarbeitet, dass Menschen mit Behinderungen am Leben teilnehmen. Sehr viele im positiven Sinne. Sie nehmen es wahr, schauen vielleicht mal, fragen mitunter, sind unbeholfen … alles kein Problem. Okay, wenn ich am selben Tag zum zwanzigsten Mal gefragt werde, ob ich Hilfe brauche, kann es nerven, aber immerhin fasst mich inzwischen fast niemand mehr einfach so an. Das war vor Jahren noch anders.

Manche Menschen haben aber bekanntlich große Probleme. Zu denen rechne ich auch einen jungen Mann, den ich gestern beim Einkaufen beobachtet habe. Normalerweise blende ich wegen der nach wie vor vorhandenen Gafferei sehr viel um mich herum aus. Manchmal bekomme ich in einer Fußgängerzone gar nicht mit, dass jemand an mir vorbeiläuft, den ich kenne. Wenn ich jemanden beobachte, hat das meistens einen sehr guten Grund. In diesem Fall war es ein sehr schlechter: Der Mann erlaubte sich einen Spaß damit, Einkaufswagen, die Menschen am Rand des Gangs geparkt hatten, ganz subtil in die Gangmitte zu ziehen, ebenso Rollcontainer und einen Pappkarton. Im ersten Moment dachte ich, er erlaubt sich einen Scherz auf Kosten eines Bekannten, der mit ihm einkauft und beim Suchen erstmal aufräumen muss.

Ein eher dämlicher Scherz, weil alle anderen Leute ja auch betroffen sind. Mein Lieblings-Scherz beim Einkaufen ist es, irgendwelche Waren, die man auf keinen Fall haben möchte, unbemerkt im gemeinsamen Einkaufswagen zu platzieren. Das funktioniert natürlich nur einmal im Jahr, aber es funktioniert. Kondome, weiße Schlüpfer in Größe 62, billigsten Schnaps in der Literflasche, eine Fünf-Kilo-Box Gummitiere, zwei Dosen Bier der Hausmarke, Inkontinenzhöschen, Fertiggerichte aus der Dose oder einen 12er Karton Scheuermilch. Zuletzt habe ich Maries Mama geprankt und, während sie an der Kühltheke war, vier Zweiliter-Pakete billigsten Wein in den Wagen gestellt. Und dann ganz leidenschaftlich nach den richtigen Tampons gesucht. In den ersten zehn Sekunden war sie sich nicht sicher, ob sie den richtigen Wagen erwischt hat, dann fragte sie ihren Mann: „Brauchst du günstiges Frostschutzmittel oder warum hast du diese Sterbehilfe hier reingestellt?“ – Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die vier Packungen und stellte sie in den Wagen, der herrenlos direkt daneben stand, und sagte: „Der hat sich im Wagen geirrt.“

Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass dieser Mensch nicht vor uns an der Kasse steht und dann erstmal der Marktleiter mit dem Stornoschlüssel aus dem Lager gerufen werden musste. Die ältere Dame, zu der der Wagen gehörte, runzelte eine Zeitlang die Stirn, ich hätte zu gerne ihre Gedanken gelesen. Dann packte sie den Wein zurück in unseren Wagen. Ich konnte den Drang, lachen zu müssen, kaum noch unterdrücken. Die Dame ging weiter, Maries Mutter kam zurück und sah den Wein schon wieder in ihrem Wagen liegen. Sie murmelte etwas mit „volltrunken“, bevor sie den Wein wieder in das Regal zurückstellte, wo ich ihn hergeholt hatte.

Die gestrige Aktion des jungen Mannes richtete sich scheinbar gegen eine junge Frau, die hinter ihm lief und einen weißen Taststock in der Hand hielt. Sie musste sich ständig neu orientieren und das ganze Gerümpel zur Seite schieben, das der Typ vor ihr in den Gang geräumt hatte. Ich wollte nur noch herausfinden, ob die beiden vielleicht zusammen gehörten. Eine Neckerei? Ein Test, eine Prüfung? Aber danach sah es nicht aus. Bevor ich mich einmischen konnte, und ich hätte mich eingemischt, sprach ihn ein Mitarbeiter an. Ich konnte nicht hören, was er sagte, er redete jedenfalls auf den Typen ein, während er die Unordnung in seinem Laden wieder beseitigte. Für mich sah es so aus, als hätte der Spinner das direkt auf die offensichtlich sehbehinderte junge Frau abgesehen. Würde ich ihn damit konfrontieren, würde er vermutlich behaupten, dass er das nicht gesehen hätte.

Unsere Wege trennten sich. An der Kasse stand die junge Frau mit dem weißen Taststock plötzlich wieder vor mir. Von dem blöden Typen, der die Einkaufswagen in den Weg geräumt hatte, war nichts mehr zu sehen, dafür sprach sie jetzt die Kassiererin an: „Hallo, ich sehe Sie oft im Bus.“ – Häh? Soll sie jetzt antworten: ‚Fein, ich Sie nicht.‘ Oder vielleicht: ‚Ich fahre lieber Bus, weil ich mein Auto immer überall gegen lenke.‘ – Nein, sie antwortete: „Oh ja, ich fahre oft mit dem Bus Nummer …“

Die junge Frau packte ihren Einkauf in ihren Rucksack und wollte mit Karte zahlen. Das ging alles ohne Probleme, und wenn ich nicht vorher ihren weißen Stock gesehen hätte, hätte ich von hinten nicht bemerkt, dass sie eine Sehbehinderung hat. Als sie alles im Rucksack hatte, faltete sie ihren Stock wieder auseinander und ging davon. Ich guckte die Kassiererin an, die glotzte dieser jungen Frau gefühlt endlos hinterher, wie sie zielstrebig direkt auf die Ausgangstür zuging, dann aber stehen blieb und einer Frau mit Kinderwagen auswich, die ihr entgegen kam.

Ich war kurz davor, die Kassiererin zu bitten, weiterzuarbeiten, da drehte sie sich zu mir um und murmelte: „Die ist mir schon immer suspekt gewesen. Haben Sie das gesehen? Sie ist der Frau ausgewichen, bevor sie Kontakt hatten. Bei dem Krach hier kann sie das nicht gehört haben, sondern nur gesehen.“

What. The. Ich musste mich echt zusammenreißen. Ich antwortete: „Es ist ja nicht gesagt, dass sie gar nichts mehr sieht.“ – „Und warum hat sie dann einen Blindenstock?“ – „Ich vermute, ihre Sehfähigkeit reicht nicht aus, um den Weg und alle Hindernisse rechtzeitig und zuverlässig zu erkennen. Und sie möchte ihre Umwelt sensibilisieren, dass sie nicht alles sieht.“ – „Wenn Sie mich fragen, ist das eine Betrügerin.“ – Ich holte tief Luft. Lohnte es sich? Ja. Ich antwortete: „Ich frage Sie aber nicht, und was Sie da behaupten, ist ungezogen, verachtend und respektlos. Sie sollten sich schämen.“ – „Was wissen Sie denn? Sie glauben gar nicht, was wir hier tagtäglich alles erleben.“ – „Nee, glaube ich Ihnen auch nicht. Wenn Sie jetzt vielleicht mal voran kommen könnten?!“

So eine blöde Schrippe. Ich hatte keinen Bock, mich noch über sie zu beschweren, dort rumzupetzen und in der Zwischenzeit wird mein Einkauf warm. Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen inzwischen aufgeschlossener gegenüber Menschen mit Einschränkungen geworden sind, schmerzt so ein Vorfall gleich wieder doppelt. Diese Vorverurteilung, diese unberechtigte Kritik von Menschen, die die Situation überhaupt nicht beurteilen können, kotzt mich an. Ich muss es wirklich so deutlich sagen: Es kotzt mich an.

Das sind die gleichen Menschen, die beim Rollstuhlfahrer behaupten, er würde zu Unrecht Sozialleistungen kassieren, denn er habe gerade seinen Fuß bewegt. Ich kann nicht oft genug erwähnen, wie viele Menschen mit Behinderung arbeiten (möchten) und wie viele Rollstuhlfahrer ich kenne, die laufen können. Einige sogar so gut, dass man auf den ersten Blick nicht vermuten würde, dass sie einen Rollstuhl zu Hause haben. Und morgen vielleicht mit dem unterwegs sind, weil sie ihr Tagespensum nicht anders schaffen. Es steht niemandem zu, die Entscheidung, wann jemand ein Hilfsmittel einsetzt und wann nicht, zu kritisieren. Schon gar nicht vor Dritten in Abwesenheit. Das war und ist wirklich unterste Schublade.

Angucken

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Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den „Urlaub“ angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. „Rechts vor links!“, lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: „Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?“ – „Du bist links. Aus dem Weg.“ – Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: „Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem.“ – „Kann ich helfen?“ – „Ja, ich muss dahinten hin“, sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: „Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren.“ – „Dann fahr ich eben außen herum.“ – „Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme.“

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: „Ich hatte das gerade geputzt.“ – Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen – und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen – und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. „Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?“ – „Kann schon sein, warum?“ – „Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen.“

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: „Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?“

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: „Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen.“

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: „Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ – Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest“, sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: „Na, war es schlimm?“ – „Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass.“ – „Was für einen neuen Freund?“ – „Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt.“ – Jetzt gingen ihre Augen auf. „Nein. Im Ernst? Und du?“ – „Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen.“ – „Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?“ – „Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen.“ – „Hast du dich angepinkelt?“ – „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo.“ – „Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin.“ – „Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat.“ – „Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein.“

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: „Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?“ – „Ein Teenie?“ – „Warum nicht?“ – „Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig.“ – „Guck ihn dir doch erstmal an.“

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!