Denkzettel

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Dass eine Person mit einem Rollstuhl durch einen Baumarkt fährt, mag ja heute keine große Besonderheit mehr sein. Aber wenn nun drei Menschen im Rollstuhl hintereinander herfahren, dann bleiben selbst heute noch Leute stehen oder rennen gar gegen ein Regal. Ganz zu schweigen von den vielen lustigen Sprüchen und Fragen, wie beispielsweise der, ob wir ein Rollstuhlrennen machen. Oder ob man die Dinger im Baumarkt testen und kaufen könnte. Die Oma sei nämlich schlecht zu Fuß. Und wehe, ich lächle dann nicht. Dann gibt es beleidigte Leberwürste, und nachdem ich mal gesehen habe, was so alles in eine Leberwurst gedreht wird, mag ich keine Leberwürste mehr. Schade.

Auf den wenigen Rolliparkplätzen vor dem Baumarkt konnten wir nicht parken, weil mal wieder alle anderen darauf parkten. Bis auf eine Ausnahme hatte niemand einen Ausweis. Zu unserem Glück mussten wir nicht viel oder schwer schleppen. Zu unserem Pech ging in dem Moment, als wir über den großen Parkplatz zurück zum Auto rollen wollten, ein Wolkenbruch los, so heftig und so derbe plötzlich, dass wir es gerade noch schafften, uns in ein Zelt zu retten, das ein Würstchenverkäufer auf dem Baumarktparkplatz aufgebaut hat. Bis zum Auto und vor allem bis wir alles verladen hätten, wären wir nass bis auf die Knochen gewesen.

Wenn ich schon keine Leberwurst esse, esse ich Bratwürste eigentlich erst recht nicht. Marie auch nicht. Helena auch nicht. Ob wir trotzdem hier stehen dürften für ein paar Minuten? Beim Würstchenverkäufer fiel mir sofort sein unvollständiges Gebiss und eine eindeutige Alkoholisierung auf. Im Zelt futterte ein Mensch eine Currywurst, der, wenn er kein Rocker war, zumindest wie einer aussah. Mit ihm warteten zwei weitere Typen. Alle drei trugen die gleiche Lederkluft und Sonnenbrillen, hatten kahlrasierte Schädel und lange Bärte, waren extrem tätowiert und hatten auf ihrem Rücken die gleichen Symbole auf der Kutte aufgenäht. „Denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen“, dachte ich mir so.

„Dürfen wir ganz kurz hier warten bis es etwas weniger regnet, auch wenn wir nichts bestellen, sondern nur einen Taler in die Kaffeekasse werfen?“, fragte ich. Der Würstchenverkäufer nickte fröhlich, der Typ mit der Currywurst sagte zu seinen Kumpeln: „Zieht mal die Ärsche ein, damit die Bräute hier komplett reinpassen. Nicht, dass die Lütte noch wegschwimmt. Wie alt bist du?“, fragte er Helena. Helena antwortete etwas schüchtern: „Dreizehn.“ – Während er kaute, sagte er: „Dreizehn … als ich dreizehn war, hab ich mit der Schule schon nichts mehr am Hut gehabt. Hausaufgaben hab ich nie gemacht und Fehlstunden … 333 Stück. Oder so.“ – Die anderen beiden lachten dreckig. Er fuhr fort: „Mach das bloß nicht nach, hörst du?“ – Helena schüttelte den Kopf. Geheuer war ihr der Typ nicht, das sah ich ihren Augen an. Sie guckte mich an, entspannte sich etwas und lächelte.

In der nächsten Sekunde brüllte er mit derart lauter und tiefer Stimme, dass Helena vor Schreck fast aus ihrem Rollstuhl sprang: „Hööiiii! Kannst du lesen? Oder hast du Tomaten auf den Augen? Du willst mir doch nicht sagen, dass du ne Behinderung hast!“ – Die Brüllerei richtete sich an jemanden, der gerade auf einem der frei gewordenen Rolliplätze parkte, ausstieg und beinahe wie ein junger Gott mit einem Regenschirm in der Hand in Richtung des Baumarktes sprang. Der Mensch blieb erschrocken stehen und sagte: „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ – Unser Rockerfreund ging zum Eingang des Zeltes, stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Das geht mich verdammt was an. Meine Freunde hier müssen bei Regen über den gesamten Parkplatz eiern, weil du Idiot denen die Plätze wegnimmst. Sieh zu, dass du deine Karre umparkst, sonst erledige ich das gleich für dich.“ – „Blas dich hier nicht so auf“, sagte der Falschparker und lief weiter.

Unser Rockerfreund zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf und sagte: „Wie ich solche Krawattenträger hasse. Zu fein, mal zehn Schritte durch den Regen zu laufen. Lieber nehmen sie anderen Leuten die Parkplätze weg. Der kriegt jetzt erstmal eine Packung.“ – Die beiden anderen Kollegen lachten erneut dreckig. Was hatte er vor?

Ohne Schirm stapfte er zum falsch geparkten Auto, holte ein Taschenmesser aus seiner Lederweste und begann, die Kennzeichen des Autos abzumontieren. Erst vorne, dann hinten. Beide waren in so eine Blende mit Werbeaufdruck geklemmt. Die Kennzeichen stellte er neben einen Müllcontainer neben dem Imbisszelt, dann kam er völlig durchnässt wieder rein und sagte: „Meister, gib mir mal was von deiner Papierrolle.“ – Er bekam eine Rolle Küchentücher und trocknete sich damit ausgiebig die Glatze und das Gesicht ab. Irgendwann deutete er auf meine Beine und sprach mich an: „War das ein Unfall?“ – Ich sagte: „Auf dem Schulweg, ja. Eine Autofahrerin hat mich erwischt beim Abbiegen. Fußgängerüberweg. Ich hatte grün, sie auch … zack.“ – „Bei dir auch?“, fragte er Marie. Marie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe das seit Geburt. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ – „Was gibt es bloß für einen Scheiß auf dieser Welt? Ich stelle mir das schlimm vor, in so einem Ding sitzen zu müssen. Entschuldige, wenn ich so direkt bin.“ – „Ich habe nie etwas anderes kennengelernt“, sagte Marie. Der Typ guckte sie an, dachte einen Moment nach und verkniff sich irgendwas. Wie zu erwarten war, kam die Story von einem Kumpel, der jetzt im Rollstuhl sitzt.

Dann guckte er Helena an, traute sich aber wohl nicht, sie auch zu fragen. Helena sagte: „Ich kann laufen. Wollen Sie mal sehen?“ – Bevor er antwortete, stand sie auf und wackelte in dem engen Zelt einmal um unsere drei Rollstühle herum. Der Imbissbesitzer klatschte, aber unser Rocker sagte: „Bist du bescheuert, da klatscht man nicht. Aber eins musst du dir merken: Ich will von Frauen nicht gesiezt werden. Ich heiße Torsten. Und …“

Bevor er weiter reden konnte, kam der Falschparker zu seinem Auto zurück. Er wollte gerade einsteigen, als Torsten sich wieder in den Zelteingang stellte und rief: „Die Bullen waren gerade hier und haben deine Kennzeichen mitgenommen. Sie mussten gleich weiter und hatten leider keine Zeit. Wir sollen dir aber ausrichten, wenn du ohne Kennzeichen fährst, bist du reif. Du sollst da drüben zur Wache kommen und deine Kennzeichen auslösen. Tja, dumm gelaufen, würde ich sagen.“

Einer seiner Kumpel röhrte lachend in sein Glas. Helenas Augen wurden immer größer. Marie guckte mich an. Ich dachte mir so: Damit möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Mit so einem Scheiß, so nett es auch gemeint ist, macht man sich bestimmt strafbar. Amtsanmaßung oder irgendsowas. Der Falschparker kam mit seinem Schirm zum Imbiss gelaufen. „Haben die gesagt, was es kostet?“ – „Ich würde vorher lieber nochmal zum Automaten. Die haben bestimmt keine Kartenzahlung da.“ – „Haben Sie dort angerufen?“ – Torsten grinste. Der Mann lief mit seinem Schirm in der Hand davon.

„So, Regen wird weniger. Wir machen zügig die Biege. Vorher baue ich ihm noch schnell seine Kennzeichen wieder an.“ – Er gab Marie, mir und zum Schluss Helena seine Pranke. „Hol di fuchtig“, sagte er zu ihr. Was auf Hochdeutsch so viel heißt wie: „Machs gut.“ – Das Anbauen der Kennzeichen dauerte nur Sekunden. Reinstecken, gegendrücken, fertig. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. „Wir machen uns dann auch mal vom Acker“, sagte ich. Ich hatte keine Lust, erst noch befragt zu werden. Denn er würde mit ziemlicher Sicherheit nicht alleine wiederkommen.

Ich sage nochmal, dass ich Selbstjustiz nicht gut finde. Es ist nicht meine Aufgabe, jemand anderen für sein falsches Verhalten zu sanktionieren. Das ist alleine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Ich hoffe trotzdem, dass dem Falschparker dieser Denkzettel eine Lehre war. Ich vermute allerdings, er wird spätestens bei der Rückkehr realisiert haben, dass Torsten ihm ein Märchen aufgetischt hat. Von daher dürfte der Erfolg des Denkzettels dann auch dahin sein. Und nein, wir haben nicht mitbekommen, wie das ausgegangen ist. Wollen wir auch nicht.

Marmelade

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Eigentlich wollte ich heute ganz viel Positives schreiben, einige schöne Ostseefotos posten … nee. Ich warne schonmal vor: Wer ohnehin schon genervt ist, sollte sich vielleicht vorher und rechtzeitig eine Tischkante zum Reinbeißen suchen. Ich bin auch Tage danach noch schwer genervt. Marie auch. Helena sowieso. Es macht einfach nur fassungslos.

Helena kam am Freitag vom Einkaufen zurück. Es war ihr irgendwie wichtig, das alleine zu machen. Also zum Wochenende noch alles das zu holen, was wir nicht vorher einkaufen konnten. Das Meiste hatten wir schon mit dem Auto geholt, aber Frisches und Vergessenes fehlte noch. Zudem hatten sich Susi und Otto kurzfristig angekündigt. Helena hatte sich einen großen Rucksack geschnappt, ihn an ihren Rolli gehängt und war losgeflitzt.

Sie heulte Rotz und Wasser. Sie war richtig außer sich. Was ich einerseits gut fand, weil sie sich früher auch schnell gleichgültig und distanziert gegeben hat; andererseits möchte ich natürlich nicht, dass es ihr so schlecht geht. „So eine verfluchte Scheiße“, schimpfte sie. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam sofort, setzte sich auf mich und drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter. Ich streichelte ihr erstmal den Rücken. Fragte nicht, was los war. Sie würde das ohnehin gleich erzählen, wenn sie sich etwas beruhigt hatte.

Ich machte mir so meine Gedanken. Geld vergessen? Dann würde sie nicht so ausrasten. Sondern zurückkommen, einmal erwähnen, dass sie verplant ist, und wieder abhauen. Es musste irgendwas vorgefallen sein. Hatte sie jemand geärgert? Bevor ich weiter überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich hab voll den Scheiß gemacht! Und bin bei [Supermarkt] rausgeflogen. Die waren so gemein zu mir. Ich habe was runtergeschmissen und dann war da einer vom Personal, der hat erst über mich gelacht und anschließend gesagt, ich soll den Laden verlassen, bevor noch mehr passiert. Ich bin eine Zumutung.“

„Was?! Das hat er gesagt?“ – „Ja.“ – „Das ist ja unglaublich.“ – „Das ist nicht gelogen!“ – „Ich habe es unglücklich ausgedrückt. Ich meinte nicht, dass ich dir nicht glaube, sondern dass das ein unglaublich schlimmes Verhalten ist. Und er hat wirklich darüber gelacht, dass dir was runtergefallen ist?“ – „Nein. Ich hab ihn gefragt, ob er mir ein Glas von oben aus dem Regal holen kann, weil das da so bescheuert gestapelt war. Und da meinte er, ich soll doch das von unten nehmen und ist weggegangen. Aber das war was anderes und das wollte ich nicht. Und dann hab ich mich hingestellt und mich festgehalten und dann kam ich auch da oben ran. Ich hab aber nicht gesehen, dass in der Reihe dahinter auch noch Gläser oben drauf gestapelt waren. Und die kamen dann mit runter. Wie eine Lawine. Ich hab vor Schreck die Hände hochgenommen, konnte mich nicht mehr halten, bin umgekippt, hab mich da voll auf die Fresse gelegt, der ganze Mist ist auf mich drauf gefallen. Und dann kam der Mitarbeiter wieder um die Ecke und hat mich ausgelacht. Und dann bin ich wieder aufgestanden, ein Mann hat mir seine Hand gegeben und gesagt, ich soll mir nichts draus machen, der Supermarkt ist dagegen versichert. Und dann bin ich raus. Und draußen hab ich dann gemerkt, dass ich mich dabei dem Sturz auch noch angepinkelt habe, aber wahrscheinlich hat das in der schwarzen Leggings niemand gesehen.“

„Und dann setzt du dich mit deinem nassen Po auf meinen Schoß?“ – „Ja, das ist jetzt erstmal nicht so wichtig“, weinte sie. Das hat sie also so entschieden. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Helena, hör mir mal zu: Wenn du was kaputt machst, dann können wir das entweder so bezahlen oder wir haben dafür eine Versicherung. Das kann und darf jedem passieren. Das ist überhaupt kein Problem, solange du nichts mutwillig kaputt machst.“ – „War es nicht.“ – „Ich weiß. Und den Rest: Ich fahre da jetzt hin und mach den Typen rund. So geht niemand mit dir um, schon gar keiner, der unser Geld damit verdient. Möchtest du mitkommen oder soll ich alleine fahren?“ – „Ich komme mit. Jetzt sofort?“ – „Erst was Trockenes anziehen. Und dann fahren wir mit unseren Handbikes hin?“ – „Ja. Und du reißt ihm so richtig den Ar*** auf?“ – „So richtig. Sowas geht nicht.“ – Helena holte sich ein Taschentuch, putzte sich die Nase und lächelte vorsichtig.

Marie war arbeiten. Ich hätte sie gerne als moralische Unterstützung dabei gehabt. Wenn das jetzt der Schicht- oder gar Marktleiter war … aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Helena und ich kamen in den Markt und steuerten direkt auf eine Situation zu, die dem ganzen Vorfall noch eine Krone aufsetzte. Offensichtlich derjenige, der sich eben schon so unmöglich benommen hatte, ein Jugendlicher, geschätzt 16 Jahre alt, stand mit zwei gleichalten Jungs an einem Getränkeregal und spielte offenbar die Szene mit Helena nach. Die Füße und Knie nach innen gedreht und die Arme wie zur Balance auf einem Drahtseil ausgebreitet, stolperte er durch den Gang und sagte mit verstellter Stimme: „Kannst du mir mal einen runterholen? Warte, ich machs mir selbst.“ Und dann nahm er drei Dosen und begann damit zu jonglieren. Helena guckte ihn mit großen Augen an, er hatte uns noch nicht bemerkt. Ich hatte genug gesehen, fuhr so dicht an ihn heran, dass er bei nächster Bewegung gegen meinen Rollstuhl stoßen würde. Er fing die Dosen auf und ich sagte: „Ich hoffe, du findest neben deinen Privatvorstellungen noch Zeit, mir zu sagen, wo dein Chef sich gerade aufhält.“

Er sah mich, sah Helena, und konnte sich wohl den Rest zusammenreimen. „Dahinten irgendwo“, sagte er kleinlaut. Ich setzte meine ernsteste Miene auf und sagte: „Hättest du dann vielleicht die Güte, mich zu ihm zu bringen?“ – Er trottete vorweg. Der Chef saß in seinem Büro, das sich hinter einer Schiebetür mit ein paar sich anschließenden Stufen befand. Womit er beschäftigt war, konnte ich nicht sehen, aber er kam gleich hinaus. Der merkwürdige Mitarbeiter ging in die Richtung seiner Getränke zurück. „Wie kann ich helfen?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Ich bin mit Helena zurückgekommen, um den Schaden von vorhin zu regulieren. Da sind wohl ein paar Marmeladengläser zu Bruch gegangen.“ – „Achso. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Das macht ja niemand mit Absicht.“ – „Achso. Also hat sich die Lage wieder beruhigt?“ – „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber hier fällt so viel runter am Tag, das sammeln wir gleich wieder auf und dann ist gut.“ – „Also kein Hausverbot?“ – „Nein, um Himmels Willen. Dann hätten wir ja bald keine Kunden mehr.“

„Ihr Mitarbeiter hat Helena des Ladens verwiesen.“ – „Wann? Heute?“ – „Ja, vor einer Stunde etwa. Der Kollege, der uns gerade zu Ihnen geführt hat. Er meinte, Helenas Anwesenheit sei eine Zumutung für dieses Geschäft.“ – „Nein. Das hat er gesagt?“ – Helena antwortete: „Ja. Und er hat sich über mich lustig gemacht. Weil ich nicht an die Gläser rangekommen bin und mir das alles auf den Kopf gefallen ist.“ – „Haben Sie sich verletzt?“ – „Nein.“ – „Wenn das für Sie zu hoch ist, können Sie auch immer jemanden fragen. Wir helfen Ihnen gerne.“ – Das war die nächste Steilvorlage: „Ihr Kollege soll das abgelehnt und Helena auf ein anderes Produkt unten im Regal verwiesen haben.“ – „Ich werde wahnsinnig“, seufzte der Marktleiter und ging in sein Büro. Der Mitarbeiter wurde ausgerufen und kam kurz danach angetrottet. Inzwischen mit hochroten Ohren.

Eins rechne ich ihm jedoch an. Er sagte: „Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen? Ich habe Mist gebaut.“ – Der Chef sagte: „Ich bin gleich wieder da“, und verschwand mit ihm im Büro. Nach fünf Minuten ging die Schiebetür auf. Der junge Mann kam tränenüberströmt raus, ging auf Helena zu und streckte ihr die Hand hin. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er. Helena drehte sich weg und sagte: „Nee. Das können Sie sich abschminken. Sie beleidigen mich bis auf die Knochen und jetzt haben Sie Angst um den Job? Vergessen Sie es.“ – „Dann eben nicht“, sagte er und verschwand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht mit dem Kopf zu schütteln: Dann eben nicht – genau.

Der Marktleiter kam hinterher und sagte leise: „Herr […] ist eine Aushilfe und packt einmal pro Woche Getränke auf. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, und ich darf im Einzelnen nicht darüber reden, nur soviel: Ich beschäftige ihn, weil ich ihm eine Chance geben möchte. Wie gesagt, Einzelheiten darf ich nicht sagen. Ich habe gewusst, dass das nicht einfach sein wird, als er hier angefangen hat, aber ich vermute, dass er zu Hause … ach, ich weiß es nicht, warum er sowas tut. Es geht auf jeden Fall nicht. Ich hatte ihn zuerst nur im Lager, an zwei Nachmittagen, wenn wir Ware bekommen haben, und dort hatte er mir viel Grund zu Optimismus gegeben, so dass ich ihn zuletzt auch im Laden beschäftigt habe. Das war offensichtlich ein Fehler. Mein Fehler. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn jetzt wieder ins Lager zurückversetze oder ob ich mich ganz von ihm trenne. Ich bin wirklich sprachlos. Helena, nehmen Sie denn meine Entschuldigung an?“, sagte er und streckte ihr die Hand aus. Sie guckte mich an, dann gab sie ihm die Hand.

Irgendwas im Rahmen einer Bewährung? Irgendwelche Sozialstunden? Wobei Supermarkt ja nun weniger mit Sozialer Arbeit zu tun hat. Oder schon woanders rausgeflogen. Egal. Ja, ich bin unbedingt dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Aber ich bin auch der Meinung, dass so ein Verhalten sanktioniert werden muss. Helena hat das mit ihren 13 Jahren schon sehr richtig gesehen, dass er wohl eher deshalb plötzlich so kleinlaut war, weil er Angst um seinen Job hatte, als dass er Reue zeigte. So habe ich das jedenfalls auch wahrgenommen.

Wir waren gerade mal zwei Stunden wieder zu Hause, da klingelte ein Nachbar aus der Parallelstraße an unserer Tür. Ich öffnete. „Ich habe hier was für Helena angenommen. Da kam eben ein Taxi, die Fahrerin stieg aus und fragte, ob ich wüsste, wo hier in der Straße eine Helena im Rollstuhl wohnt. Ich habe es an mich genommen und gesagt, ich liefere es ab. Ich wollte die genaue Adresse nicht rausgeben. Man weiß ja nie.“ – Es war ein in Folie eingewickelter Korb mit jeder Menge Süßigkeiten, Kerzen, Shampoo und in der Mitte einem kleinen Plüsch-Affen. An dem Plüsch-Affen war ein Briefumschlag befestigt, darin eine Postkarte und ein Einkaufsgutschein über 30 Euro. Auf der Postkarte stand: „Liebe Helena, ich wünsche mir, dass Sie trotz allem meine Kundin bleiben, und bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung für das, was Sie heute in meinem Geschäft erleben mussten. Ich verspreche Ihnen, dass das niemals wieder vorkommt.“

Vom Marktleiter unterschrieben. Ich weiß zwar noch nicht, woher der unsere (ungefähre) Adresse hat, allerdings kennt in einem Dorf immer irgendjemand irgendwen. Wie furchtbar. Ich hoffe nur, dass der doofe Mitarbeiter jetzt nicht auch weiß, wo Helena wohnt. Das macht mir etwas Angst. Immerhin wusste keiner, dass Helena Diabetikerin ist und deshalb die ganzen Süßigkeiten wohl noch drei Jahre vorhalten werden.

Ich vermute sehr stark, dass dieser junge Mitarbeiter sehr viel Dominanz zu Hause erlebt hat. Und sich derzeit nur cool fühlen kann, wenn er andere Menschen dominiert. Ich halte das für sehr gefährlich und würde wohlwollend empfehlen, dem Jungen nicht nur mit einem Arbeitsplatz im Lager helfen zu wollen, sondern ihm mal professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Und Helena? Sah den Korb und fragte zuerst: „Woher haben die unsere Adresse?“ – Ich zuckte mit den Schultern. Und dann: „Ist das alles für mich? Okay, das scheint dem Chef dann aber richtig peinlich gewesen zu sein. Aber richtig so. Ist dir aufgefallen, dass er mich gesiezt hat? Das war richtig komisch. Aber damit ist das jetzt dann auch erledigt. Echt, Jule, als du angefangen hast, wir wollen den Schaden bezahlen, wäre ich fast geplatzt. Aber dann hab auch ich Dussel den Trick verstanden. Jedenfalls danke, Jule.“

Ich bekam einen Kuss auf die Wange. Das war das allererste Mal, dass sie sich bei mir für etwas direkt bedankt hat. Ich sag ja: Unsere Große wird erwachsen.

Nur noch peinlich

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Was habe ich nicht so alles vermisst in der einen Woche, in der ich flach lag: Menschen! Vollmond! Menschen bei Vollmond?!

Ich habe den heutigen dienstfreien Morgen zum Einkaufen genutzt. Also Lebensmittel und so. Wir haben bei uns im Ort fünf verschiedene Supermärkte, davon zwei Discounter und drei relativ große Läden mit Vollsortiment. Am häufigsten bin ich bei dem, der Lebensmittel liebt, vor allem, weil der so schöne Behindertenparkplätze vor der Tür hat. Und weil ich die eine Kassiererin so gerne mag. Oder sie mich. Oder beides.

Ich nenne sie mal Gabi. Ich kannte sie schon aus dem Supermarkt, als ich sie plötzlich mit ihrem Enkel im Krankenhaus traf. Das ist einige Monate her. Sie trug den Jungen auf dem Arm und kam in die Notaufnahme. Panisch, weil er überraschend allergisch auf irgendein Nahrungsmittel reagiert hatte. Ich glaube, es waren Scampis. Damit meine ich nicht, dass es nach dem Essen ein wenig (oder ein wenig mehr) im Hals kratzte, wie es viele Leute beispielsweise nach grünen Äpfeln haben, sondern da war richtig was los. Quaddeln am ganzen Körper, das Gesicht war so angeschwollen, dass der Junge kaum mehr aus den Augen gucken konnte, die Lunge pfiff wie eine Dampflok, schon von Weitem hörbar. Er war einerseits kaum zu beruhigen, andererseits abwesend und benommen – kurzum: Mit Schock oder Kreislaufstillstand war jeden Moment zu rechnen und der Zustand war durchaus potenziell lebensbedrohlich. Sein Glück war, dass das Essen in einem Restaurant in der Nähe des Krankenhauses stattgefunden hatte. Oma hatte sich ihren Enkel direkt geschnappt und hat die Beine in die Hand genommen.

Das Gute ist, dass man mit den richtigen Medikamenten den Zustand relativ schnell in den Griff bekommt. Nach zehn Minuten hat sich der Sturm komplett gelegt und nach einer Stunde fragen die meisten schon, ob es wirklich nötig ist, dass sie noch länger zur Beobachtung vor Ort bleiben. Jedenfalls wollte Gabi in den ersten zwei Minuten ihren Enkel kaum loslassen, bis sie dann merkte, dass die Medikamente anschlagen. Erst als ich sie dann in die dermatologische Ambulanz entlassen hatte, fragte sie mich, ob wir uns nicht kennen. Kurzum: Jedes Mal, wenn ich nun dort einkaufe, stelle ich mich an ihre Kasse. Und jedes Mal legt sie mir mein Wechselgeld mit beiden Händen in meine Hand, drückt sie fest zu und wünscht mir einen schönen Abend. Oder ein schönes Wochenende.

Heute nun kam ich auf den Parkplatz. Alle Behindertenparkplätze waren von unberechtigten Leuten belegt, also habe ich mich über zwei normale Parkplätze an einen Bordstein gestellt, so dass neben mir niemand mehr parken konnte und ich genügend Platz zum Ein- und Aussteigen hatte. Dafür musste ich aber nun einmal komplett um den Supermarkt herum rollen und auf dem Weg dorthin hätte mich beinahe jemand mit seinem SUV einkassiert, der meinte, mit mindestens 40 Sachen über die Auffahrt hämmern zu müssen.

Zuerst holte ich vom Bäcker, der dort eine Shop-in-Shop-Filiale hat, ein Brot. Es sollte 25 Cent mehr kosten als sonst. Und es war beim letzten Mal schon 50 Cent teurer geworden. 75 Cent innerhalb von drei Wochen fand ich so happig, dass ich ganz freundlich fragte: „Huch, ist das teurer geworden?“ – Die Verkäuferin, geschätzt relativ neu oder aus einer anderen Filiale, jedenfalls hatte ich sie da noch nie gesehen, pampte mich in einem unmöglichen Tonfall an: „Nee. Das kostet schon immer so viel.“ – Ich erwiderte: „Echt? Ich war der Meinung, dass ich vor drei Wochen noch 75 Cent weniger bezahlt hätte.“ – „Das kann ja gar nicht sein. Und ich finde die Tour auch ziemlich beknackt von Ihnen. Wir sind hier nicht auf einem türkischen Basar. Wenn Sie sich das Brot nicht leisten können, nehmen Sie einfach ein günstigeres.“ – What?! Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Lief hier eine versteckte Kamera, hatte sie schlecht gefrühstückt? Kunde stört? Ich blieb betont ruhig: „Das habe ich so nicht gemeint. Ich möchte nicht verhandeln. Ich habe mich nur gewundert, weil ich vor zwei Wochen dafür einen anderen Preis bezahlt habe.“ – „Das glaube ich Ihnen nicht.“ – „Also nun wird es echt unverschämt.“ – „Zahlen Sie jetzt für das Brot oder kann ich den nächsten Kunden bedienen?“

Die Kundin hinter mir sagte, ebenfalls betont ruhig: „Keine Hektik bitte, ich habe Zeit.“ – Ich legte ihr das Geld auf die Glastheke, und ich war mir sicher, was ich sonst bezahlt hatte und noch sicherer, beim letzten Mal mit einem Schein ausgekommen zu sein und nicht noch zusätzliche Münzen rausgekramt zu haben. Aber egal. Für das nächste Mal überlegen wir uns halt, ob wir nicht doch wieder häufiger selber backen, denn bei fast 20 Prozent Aufschlag ist eine Schmerzgrenze überschritten. Ich bekam mein Brot, rollte in den Supermarkt und verschwand im ersten Gang. Und während ich dort stand und abwartete, ob jemand vorbei kommen würde, der mir ein Glas aus dem obersten Regal holen könnte, hörte ich Gabi mit mühsam gedämpfter Stimme: „Sind Sie eigentlich noch ganz dicht, die Kundin so anzukacken?“ – Die Verkäuferin blökte irgendwas zurück, was ich nicht verstehen konnte, weil Gabi ihr gleich in die Parade fuhr: „Ich will hier nichts hören! Sie entschuldigen sich sofort, wenn sie wieder rauskommt. Mindestens mit einem Stück Kuchen. Das ist eine Stammkundin, die immer freundlich ist.“

Freundlich? Oh, dann kennt sie mich an meinen schlechten Tagen nicht. Aber irgendwie machte es Spaß, zuzuhören. Ich blickte mich um, ob man mich irgendwo in einem Spiegel sehen könnte. Nö. Die Verkäuferin versuchte nochmal, sich zu rechtfertigen: „Vielleicht habe ich etwas zu heftig reagiert. Aber wir sind doch hier kein Sozialamt, das Nahrungsmittel an Bedürftige verteilt.“ – „Sind Sie eigentlich komplett bescheuert? Noch ein Wort und ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass das Ihr letzter Tag in dieser Filiale ist. Zu Ihrer Information: Das ist eine Kinderärztin! Und keine Obdachlose, die sich hier ihr Essen zusammenschnorrt.“

Okay, Kinderärztin stimmt nicht. Aber „keine Obdachlose“ stimmt. Wobei mir wichtig ist, dass man einer Obdachlosen auch freundlich sagen könnte, dass man nicht bereit ist, ihr ein Brot umsonst oder verbilligt zu geben. Auch eine Obdachlose müsste man nicht so unmöglich anfahren. Es ist aber erstaunlich, was Leute so alles mit Rollstühlen verbinden. Einige denken ja, ich schlafe in dem Teil, andere verbinden damit Obdachlosigkeit (ich bin in der Tat schon mehrmals gefragt worden, ob ich eine Wohnung hätte, und bekam auf erstaunte Nachfrage erklärt, dass ja viele Obdachlose im Rollstuhl sitzen würden). Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nur Leggings, alte Sneaker, einen Wollpullover und eine Mütze trug.

Nachdem weitere Kunden in den Kassenbereich kamen, war das Gespräch schlagartig vorbei. Ich suchte immernoch jemanden, der mir das Glas aus dem Regal holen könnte. Als ich später mit meinem gesamten Krempel bei Gabi an der Kasse war, erkundigte sie sich, wie immer, nach meinem Befinden. Ich mich nach ihrem. Am Ende drückte sie mir mein Wechselgeld fest in die Hand und wünschte mir, wie immer, einen schönen Tag. Von ihrer Explosion beim Bäcker war ihr nichts anzumerken. Auf dem Weg nach draußen fing mich die Verkäuferin ab. Inzwischen bedienten zwei Frauen hinter der Bäckerei-Theke. Die andere hatte mich schon öfter bedient. „Darf ich Ihnen ein Stück Kuchen anbieten? Ich möchte mich bei Ihnen für meinen Tonfall eben entschuldigen.“

„Ach, wissen Sie, mir reicht schon, dass Sie es sich nochmal überlegt haben. Das hat mich nämlich gerade sehr verletzt, wie Sie mit mir umgegangen sind.“ – „Ja, das tut mir leid, aber letztlich haben Sie sich getäuscht. Und dann so aufzutreten, war auch nicht in Ordnung.“ – War sie wirklich so doof, dass sie nicht merkte, dass sie sich gerade erneut um Kopf und Kragen redete? Inzwischen war es mir scheißegal, was dieses Brot kostete, und am liebsten hätte ich ihr das als Geschoss hinter ihre Theke gefeuert. Ungefähr so:

Nein, ich kann mich ja benehmen, wenngleich mir vermutlich jeder Bissen davon im Hals stecken bleiben wird. Ich ließ die blöde Schrippe stehen und rollte zum Auto. Auf halbem Weg holte mich ihre Kollegin ein und sagte: „Ich möchte mich für meine Kollegin entschuldigen. Sie ist ganz neu bei uns im Team. Wir werden das Verhalten mit unserem Chef nachbesprechen. Ich habe das eben schon von Frau Gabi gehört, was da vorgefallen ist. Das ist wirklich nicht unser Stil.“

„Sie müssen sich nicht für Ihre Kollegin entschuldigen. Ich kann das schon trennen. Ist das Brot eigentlich teurer geworden?“ – „Ja, seit Anfang April kostet es 40 Cent mehr.“ – „Ich habe jetzt […] bezahlt.“ – „Dann hat die Kollegin das auch noch falsch gebucht. Kommen Sie bitte beim nächsten Mal zu mir. Sie bekommen eine Tüte Brötchen aufs Haus. Da ist offenbar alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Das ist wirklich nur noch peinlich. Bitte keine Feindschaft, okay?“

Ja. Das stimmt. Und nee, keine Feindschaft. Wobei ich um die neue Kollegin künftig einen großen Bogen machen werde. Die bedient mich nicht nochmal. Muss ich erwähnen, dass sich jemand mit seinem SUV (nicht der, der mich fast umgenietet hätte) neben mein Auto gestellt hat? Mit zwei Rädern den Bordstein hochgefahren und auf dem Rasen stehend, zwanzig Zentimeter neben meiner Tür? Und ich hatte Speise-Eis im Einkaufskorb …

Rundumschlag

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Sehr lange haben wir gewartet, noch viel länger musste Helena darauf warten, dass sie nun endlich mal die Therapie bekommt, die hinsichtlich ihrer Einschränkungen dem hiesigen Standard entspricht. Dafür geht es jetzt aber hoffentlich umso schneller. Wir wollen Fortschritte.

Wir haben lange abgewogen, ob es sinnvoll ist, Helena bei Maries Mutter in die hausärztliche Behandlung zu geben. Es sprechen einige Dinge dagegen, insbesondere ist Maries Mutter keine Pädiaterin (also keine Kinderärztin), sie ist persönlich betroffen, und damit besteht immer die Gefahr, dass man ihr fehlende Objektivität unterstellt; andererseits verstehen die beiden sich prächtig und Maries Mutter labert nicht lange um den heißen Brei, sondern fasst auch unangenehme und aufwändige Themen beherzt an. Insofern haben wir uns zusammen mit dem Jugendamt und dem Betreuer darauf verständigt, dass Maries Mutter das am Anfang alles anschieben und koordinieren soll, mittelfristig die verschiedenen Fachbereiche aber selbstverständlich durch Fachärzte in der näheren Umgebung betreut werden. Aber mit Blick darauf, dass es einen ersten Termin meistens erst in drei bis sechs Monaten gibt, war es Gold wert, dass Marie bereits am Freitag mit ihr zu ihrer Mama fahren konnte.

Die drei hatten den letzten Termin und haben dazu über zwei Stunden in der Praxis gesessen. Überweisung zum Kinderneurologen und Termin in der zweiten Januarwoche: Check. Überweisung zum Orthopäden und Termin in der ersten Märzwoche: Check. Überweisung zum Urologen und Termin in der übernächsten Woche: Check. Ärztliche Stellungnahme zur Psychotherapie und Termin für eine Probesitzung bei einer Kinderpsychologin in einer Nachbargemeinde in der nächsten Woche: Check. Verordnung für Knöchel-Orthesen zum Laufen, einen Rollstuhl für lange Strecken (ja, wirklich) und ein Vorspannbike als Alternative zum Fahrrad zum Inhaber „meines“ Sanitätshauses gefaxt, der auf telefonische Bitte noch am selben Tag drei Kostenvoranschläge online an die Krankenkasse geschickt hat: Check. Ärztliche Verordnung über eine Insulinpumpe mit ausführlicher medizinischer Begründung an die Krankenkasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Pflegebedürftigkeit zusammen mit Vollmacht und medizinischer Stellungnahme an die Pflegekasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Schwerbehinderung im Eilverfahren zusammen mit Vollmacht und ärztlicher Stellungnahme an die zuständige Behörde geschickt: Check. Den ganzen Senf in einem PDF-Dokument zusammengefasst und (ohne Befunde) an den Vormund und an das Jugendamt zur Kenntnis geschickt: Check. Am Ende mit rauchendem Kopf aus der Praxis gerollt: Check. Am Abend vom Vormund drei Daumen-hoch-Smileys per Mail zurück bekommen: Check.

Ende Januar haben wir nun auch einen Termin beim Kinderarzt bekommen. Leider müssen wir dafür fast 20 Kilometer fahren. Die Praxis hier im Ort ist nicht ohne Stufen zu erreichen (und alleine lassen wir Helena mit der komplexen Vorgeschichte never ever zum Erstgespräch), die Praxis hat die Note 4,6 aus 20 Bewertungen, das würde mir nicht mal für einen Tierarzt im Notdienst reichen. Vergiss es. Der Kollege, den wir uns jetzt gemeinsam ausgesucht haben, hat aus 35 Bewertungen eine 1,0. Und eine Weiterbildung als Endokrinologe – da kann also nichts verkehrt laufen.

Nach diesem bürokratischen Rundumschlag haben Marie und ich mit Helena noch Klamotten und Bettwäsche gekauft. Auch wenn ich an einem Advents-Samstag normalerweise niemals shoppen würde, gab es noch einen Großeinkauf. Ja, es ist bald Weihnachten, aber Helena soll nicht den Eindruck bekommen, dass das, was sie täglich benötigt und jahrelang versäumt wurde, nun als Weihnachtsgeschenk abgegolten wird. Dafür fallen uns noch jede Menge andere Dinge ein, die dann auch wirklich mal ein Bonbon und keine Notwendigkeit sind. Bis zu einer klaren Entscheidung haben wir uns ja auf das Nötigste beschränkt.

Heute war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit mal wieder mit meinem Rennbike los. Im Orkan bin ich zwar nicht weggeflogen, aber teilweise blieb mir richtig die Luft weg, als der Wind mir direkt ins Gesicht wehte. Ich musste hin und wieder drei, vier Gänge runterschalten, um einigermaßen im Tempo zu bleiben. Zum Glück hatte ich den Gegenwind auf dem Hinweg und den Rückenwind auf dem Rückweg. Ich bin so glücklich, mich endlich mal wieder auspowern zu können. Ich hatte gehofft, zwischen zwei Schauern hindurch zu kommen, bin aber so richtig triefnass geworden. Also hinterher gleich in die heiße Badewanne. Und jetzt gleich ins warme Bettchen, denn morgen früh beginnt der Tag mit Frühdienst!