Aufräumen, Anfall

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Am Freitag muss ich unters Messer. Na gut, Messer ist übertrieben. Aber geschnibbelt wird schon. Oder vielleicht auch nur gestanzt. Unter meinem Fuß habe ich einen Pigmentnävus, also einen Leberfleck, den meine Hautärztin gerne entfernen möchte. Genauer genommen sind es zwei in einem, von denen einer asymmetrisch und in seiner Begrenzung unscharf ist. Für mich ist das unter dem Fuß weniger ein kosmetisches Problem, sondern ein gravierendes, was die Heilung der Wunde angeht. Da meine Füße weniger durchblutet sind und kaum bewegt werden, wird der Heilungsprozess wohl keine 10 bis 14 Tage, sondern eher zwei Monate dauern. Aber was sein muss, muss sein. Ich will ja nicht, dass daraus irgendwann mal ein Melanom wird.

Für die Wohnung meines Vaters haben wir eine Werkstatt für behinderte Menschen mit der Entrümpelung der Wohnung beauftragt. Emma und ich haben uns am Freitag dort erneut getroffen, um das zu begleiten. Pünktlich um acht Uhr morgens rangierte ein Lkw mit Hebebühne rückwärts auf den Parkplatz, zwei Personen saßen drin. Für einen Moment dachte ich, das wäre falsch kalkuliert worden, obwohl ich Fotos von der Wohnung per Mail geschickt hatte.

Doch dann kam noch ein vollbesetzter Kleinbus. Sieben Männer und Frauen, alle mit Sicherheitsschuhen, sandfarbener Latzhose, dunkelblauem Firmen-Hoody und Arbeitshandschuhen ausgestattet, stellten sich brav auf. Der Mensch, der den Lkw gelenkt hatte, kam auf mich zu und gab Emma und mir die Hand. Ich rollte dann einmal durch die Runde, um auch den anderen acht Leuten die Hand zu drücken.

Einer von ihnen fragte gleich: „Oh, du sitzt im Rollstuhl. Hast du auch Arbeit?“ – „Ja, hab ich.“ – „Das ist super!“, antwortete er und klopfte mir auf die Schulter. „Im Büro?“, fragte er weiter. Ich antwortete: „Nein, in einem Krankenhaus.“ – „Oh, da möchte ich nicht arbeiten. Da sind ja lauter kranke Leute!“ – „Mir macht das Spaß.“ – „Ich arbeite beim Möbel tragen. Das ist anstrengend. Aber besser als Gärtnerei. Da war ich vorher. Da hatte ich immer Husten und Schnupfen, weil wir immer draußen waren. Möbel tragen ist besser.“ – Sein Kumpel gab ihm einen Stoß in die Rippen: „Wir sollen nicht so viel sabbeln, wir sind zum Arbeiten hier.“ – Er rieb sich grinsend seine Hände und konnte es kaum erwarten, dass es los ging. Dann sagte er zu sich: „Und immer dran denken: Wir können keinen Schaden gebrauchen. Nicht gegen die Wände ballern und die Türrahmen ganz lassen.“ – Ein anderer, sehr kräftiger Typ, sagte: „Wie kannst du am Morgen schon so viel labern, ey!“

Nachdem das geklärt war, wurde sondiert. Die Gegenstände, die noch brauchbar waren, bekamen eine Kennzeichnung und sollten zum Schluss heruntergetragen werden. Alles andere nahm seinen Lauf. Irgendein Nachbar stand plötzlich in der Wohnung und kam auf mich zu: „Was ist denn hier los?“ – „Wohnungsauflösung.“ – „Ist er im Heim? Oder … verstorben ist er nicht, oder?“ – „Mein Vater ist verstorben, ja.“ – „Oh, das tut mir leid. Ich habe mich immer schon gefragt, ob er keine Kinder hat, die sich um ihn kümmern, aber Sie sind ja auch behindert. Sind das alles Schwachsinnige, die hier heute helfen?“ – „Nein.“ – „Aber normal sind die doch nicht, oder?“ – „Doch, völlig normal.“ – „Ich dachte, das wären Schwachsinnige, ich habe den Lkw mit der Aufschrift draußen gesehen.“ – Ich wandte mich ab. Hätte er nochmal ‚Schwachsinnige‘ gesagt, wäre mir der Kragen geplatzt. Zum Glück waren alle so beschäftigt, dass sie das nicht mitbekamen. Emma übernahm das Wort: „Am besten gehen Sie jetzt mal wieder aus der Wohnung, wir haben hier zu tun. Guten Tag!“

Die Aufgaben waren klar verteilt. Ein Anleiter schraubte zusammen mit einem Mitarbeiter die großen Möbel auseinander, alle anderen trugen den ganzen Kram die Treppen runter. Der andere Anleiter stand unten und belud den Lkw. Nach drei Stunden war der gesamte Sperrmüll im Auto. Einschließlich des ganzen Gerümpels aus dem Keller. „Wir fahren das jetzt weg und machen Pause, anschließend räumen wir dann die Sachen aus, die bei uns aufbereitet und weiterverwendet werden.“

Um 14 Uhr war die Wohnung besenrein. Während die ganzen Leute unten an den Fahrzeugen warteten, füllte jemand mit mir die Papiere aus. Ich fragte: „Dürfen Ihre Mitarbeiter Trinkgeld bekommen?“ – „Nachdem alles erledigt ist, ja.“ – „Was wird da so gegeben?“ – „Das ist unterschiedlich. Bei so einem Auftrag zwischen zwei und zwanzig Euro. Einige geben aber auch gar nichts.“ – Mit Blick darauf, dass diese Menschen durchschnittlich etwa 160 bis 180 Euro im Monat verdienen, über die sie frei verfügen dürfen, stellt sich mir die Frage nach einem Trinkgeld nicht. Es ist alles zügig abgearbeitet worden, es ist nichts beschädigt worden – das hätte eine andere Firma auch nicht besser gemacht. Ich war entsprechend vorbereitet und gab sieben Leuten jeweils 20 Euro. Alle bedankten sich, mein redseliger Freund, der nicht im Krankenhaus arbeiten wollte, klatschte in die Hände und sagte: „Das hat sich ja mal wieder gelohnt! Und das nimmt mir keiner weg! Trinkgeld ist Trinkgeld! Das kommt zu Hause gleich in meine Spardose.“ – „Worauf sparst du denn? Darf ich das wissen?“ – „Auf ein Tablet. Filme gucken bei Youtube. Aber keine Pornos, dann wird Nina richtig sauer. Die kann richtig ausrasten.“ – „Nina ist deine Freundin?“ – „Wir sind Silvester acht Jahre zusammen. Guck!“, sagte er und zeigte mir nicht etwa ein Foto von ihr, sondern acht Finger.

Da der Mietvertrag eine unwirksame Renovierungsklausel hat, werden wir die Wohnung nur besenrein übergeben. Der Vermieter hat sich bereits darauf eingelassen. Er wollte lediglich eine Sterbeurkunde sehen und hat die Kündigung, die eigentlich erst zum 28. Februar möglich wäre, zum 15. Dezember akzeptiert. Vermutlich will er keinen Leerstand und ab Januar neu vermieten. Oder ist froh, wenn das Kapitel ein Ende hat. Oder dass er nicht selbst aufräumen musste. Keine Ahnung.

Worüber ich sehr sauer bin: Die Stelle, die seine Pension zahlt (er war Beamter), hat seine Bank über seinen Tod informiert. Mit der Folge, dass die das Konto gesperrt hat und alle Abbuchungen zurückgerufen hat. Mit entsprechenden Gebühren. Miete, Telefon, Strom, Zeitungs-Abo. In Zeiten, in denen Datenschutz groß geschrieben wird, ist das höchst interessant. Die Bank möchte einen Erbschein, vorher reden sie nicht mit mir. Sagenhaft!

Auf dem Rückweg, keine zehn Kilometer vor meinem Zuhause, die Ostsee ist schon in Sichtweite, steht auf einer Bundesstraße im Tempo-50-Bereich, am Ende einer Ortschaft, ein Kleinwagen am gegenüberliegenden Straßenrand. Daneben, auf dem Gehweg, liegt eine Frau. Ein Mann, vermutlich der Fahrer, schüttelt und rüttelt sie. Hatte er sie angefahren? Mein Herz beginnt zu rasen. Da die Straße frei ist, fahre ich nach links auf die andere Straßenseite, schalte das Warnblinklicht ein und kann so auf der Gehwegseite aussteigen. Der Mann ist völlig hektisch. Rollstuhl zusammenbauen, Handy mitnehmen. „Was ist passiert?“

„Meine Freundin hat im Auto einen Anfall bekommen und um sich geschlagen. Sie ist Epileptikerin. Sie blutet aus dem Mund.“ – Die Frau lag ruhig auf dem Gehweg und atmete tief. „Drehen Sie sie mal bitte auf die Seite. Nicht, dass das Blut in die Lunge läuft. Und haben Sie eine Decke im Auto? Holen Sie die mal bitte.“ – „Sie hat hier so ein Medikament, das soll ich ihr geben, hat sie mir mal gesagt. Das kommt in den Po.“ – Er war völlig überfordert und drückte mir ein Valium-Klistier in die Hand, rannte aufgeregt auf und ab. „Holen Sie mal bitte die Decke“, sagte ich. Ich setzte mich aus dem Rollstuhl auf die Erde, mit angewinkelten Knien auf meine Fersen, und drehte sie in die stabile Seitenlage. Blut lief ihr aus dem Mund. Sie hatte sich offenbar auf die Zunge gebissen. Ich kniff ihr mit aller Kraft in den Oberarm. Sie verzog das Gesicht. „Ihre Freundin schläft nur. Atmung und Puls sind völlig normal.“ – „Sie braucht dieses Medikament.“ – „Das braucht sie nur, wenn der Anfall nicht aufhört. Wie lange hat sie gekrampft?“ – „Vielleicht eine Minute. Sie war vorher schon so merkwürdig still und angenervt. Sind Sie sicher, dass sie das Medikament nicht braucht?“ – Ich sagte ihm, was ich beruflich mache und im selben Moment entspannte sich sein Gesicht, seine ganze Haltung, und er fing zu weinen an. – „Tschuldigung“, sagte er und drehte sich weg. „Ich kann sie nicht leiden sehen.“

Hauptsache, er kippt mir nicht auch noch um. Weitere Autos hielten nach und nach an. Merke: Sobald einer Erste Hilfe leistet, kommen weitere dazu. Leistet keiner Erste Hilfe, möchte kaum einer der Erste sein, und alle fahren vorbei. Zum Glück fing niemand an, mit dem Handy zu filmen. Womit man ja heute immer rechnen muss. Ich schickte die Leute weg. Ein Rettungswagen sei unterwegs. Das erschien mir angesichts des überforderten Freundes die beste Lösung zu sein. Gefühlte zehn Minuten später kam der Rettungswagen. Als die Sanitäter sie auf die Trage hoben, machte sie die Augen auf und guckte mich an, seufzte tief. Sprach wenige Worte. Wollte ins Krankenhaus. Am Ende saß ich völlig durchgefroren wieder im Auto. Vielleicht sollte ich mir, wie Maries Mutter, doch mal einen Notfallrucksack ins Auto stellen. Problem dabei ist nur: Die Anschaffungskosten trage ich. Die Kosten für den ständigen Ersatz der Medikamente, die mal Frost und mal Hitze abbekommen, auch. Das Risiko, dass einer das Auto knackt, um an die Tasche zu kommen, wäre sehr hoch. Und für einen vernünftig sortierten Rucksack legt man gut und gerne 500 Euro oder mehr hin. Hingegen soll der Rettungsdienst, der den ganzen Kram an Bord hat, nach acht bis zehn Minuten vor Ort sein. Das kann zu spät sein, und dann werde ich mir Vorwürfe machen. Andererseits … ach, ich weiß nicht.

Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.

Selbsternannter Alles

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Da könnte man mal einen Tag ausschlafen. Einen Tag seit langer Zeit. Marie hat sich um Helena gekümmert, Helena war in der Schule und um halb neun bimmelte es an der Haustür. Einmal, zweimal, dreimal. Helena ist krank und sie hat ihren Haustürschlüssel vergessen? Nee, ein osteuropäischer Mensch stand vor der Tür und bat um Spenden. War angetrunken und erklärte: „Ich bin selbsternannter internationaler Menschenrechtler und selbsternannter Alles. Sie müssen mir Geld geben.“

Dann allerdings gerieten seine Gedanken aus der Spur: „Was hast du gemacht, sitzen im Rollstuhl. Unfall gehabt?“ – „Hören Sie, ich möchte nicht, dass Sie hier klingeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ – Tür zu. Während ich mich wieder hinlegte, hoffte ich, dass der selbsternannte Alles nicht nochmal klingelt oder aus Frust in meine Hecke pinkelt. Ich war gerade wieder eingeschlafen, da bimmelte es tatsächlich erneut. Gleich zwei Mal hintereinander. Und kurz darauf wummerte jemand gegen die Tür. Jetzt reichte es.

Dieses Mal sah ich zwei Umrisse vor der Glastür. Zwei Menschen in blau. Die suchten bestimmt den selbsternannten Alles, dachte ich mir. Ich öffnete. „Guten Morgen, wir möchten zu Frau Socke.“ – „Steht vor Ihnen.“ – Nanu? Ist was mit Helena? Oder mit Marie? Vermutlich bin ich zu schnell gefahren. Oder zu langsam. Oder es geht um mein Auto, das ja noch auf dem Klinikparkplatz steht. Hat es jemand geklaut und ist damit gegen einen Baum gefahren? Sie fragten: „Dürfen wir mal reinkommen?“ – „Eigentlich nicht. Worum geht es?“ – „Sind Sie die Tochter von Herrn … Socke, geboren am …?“ – „Dann kommen Sie doch mal rein.“

Das hörte sich nicht gut an. Und meine Befürchtung sollte sich bewahrheiten. „Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Vater ist gestern abend tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es tut mir sehr leid.“ – Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass das eines Tages auf mich zukommen würde. Aber so rasch? Ich antwortete: „Danke. Wissen Sie Genaueres?“ – „Nein, wir haben nur die Bitte von den Kollegen aus … bekommen, Sie zu benachrichtigen. Ich gebe Ihnen aber gerne die Nummer der örtlich zuständigen Wache, dann könnten Sie dort nachfragen.“ – „Ja, vielen Dank.“ – „Können wir noch etwas für Sie tun?“ – „Nein, ich glaube nicht.“ – „Sollen wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt, damit Sie nicht alleine sind?“ – „Nein, das ist so in Ordnung. Ich habe zu meinem Vater seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Das ist zwar eine sehr traurige Nachricht, aber ich bin einigermaßen gefasst.“ – „Dann wünschen wir Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag.“

Er wäre dieses Jahr noch 62 geworden. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Ich bin heute, am Tag nach der Nachricht, spontan die rund 300 Kilometer zu seiner Adresse gefahren, kam natürlich nicht bis zur Wohnung, da sie im 2. Stock ohne Aufzug ist. Auf dem Hintern die Treppen hochrutschen wollte ich dann doch nicht. Ein älterer Herr fummelte auf einem vor dem Haus gelegenen Garagenhof an seinem Fahrrad herum, er fragte gleich, zu wem ich wollte, und wie sich dann herausstellte, wohnt er mit seiner Frau im ersten Stock schräg unter meinem Vater. Zu dem Nachbarn hatte mein Vater wohl bis zuletzt immer mal lockeren Kontakt gehabt. Er erzählte, dass er das Haus eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hatte. „Verschiedene Nachbarn haben für ihn eingekauft, das konnte er ja alles nicht mehr. Jetzt hatten wir uns gewundert, weil wir fast eine Woche nichts mehr von ihm gehört haben. Sonst kam er immer mal bis zu unserer Wohnungstür und redete mit uns, gab uns einen Einkaufszettel, aber nachdem wir gar nichts mehr von ihm hörten, sind wir nach oben und als niemand öffnete, haben wir den Krankenwagen angerufen. Naja, die haben ihn dann im Flur gefunden. Die Wohnung ist noch versiegelt, da darf im Moment noch niemand rein.“

Paula, meine Halbschwester, wird am Donnerstag zu mir an die Ostsee kommen. Mit ihr fahre ich dann am Freitag noch einmal zu seiner Wohnung. Emma, meine andere Halbschwester, kommt am Freitag direkt aus Bayern dazu. Dann wollen wir das Chaos mal sichten und entscheiden, wie es weitergeht. Sofern die Obduktion nichts Auffälliges ergibt, wird die Wohnung bis dahin freigegeben sein.

Auch wenn es mein Vater war und die Nachricht an sich sehr emotional ist, trage ich das alles gerade sehr mit Fassung. Ja, es berührt mich, und ja, ich denke darüber nach, wie ich es mir (anders) gewünscht hätte, aber ich habe ihn fast zehn Jahre nicht gesehen. Und das, was ich zuletzt gesehen habe, wie er mich behandelt hatte, wie er meinen Unfall verarbeitet hat, hatte einen tiefen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist meine rechtliche Pflicht, mich zusammen mit meinen beiden Halbschwestern darum zu kümmern, dass er bestattet wird, ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich um die Wohnung und den Nachlass zu kümmern, sofern die finanzielle Situation nicht so unmöglich ist, dass es klüger wäre, gar nichts erst anzufassen. Aber mehr wird da nicht laufen.

Oktoberfest

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Lange habe ich sie nicht gesehen, aber nun haben wir es gerade noch einmal geschafft. Emma und Paula wollten zusammen mit mir auf das Münchener Oktoberfest. Marie und ich, für die in der nächsten Woche die Winter-Vorlesungszeit beginnt, wollten unbedingt am Studienort noch die letzten Vorbereitungen treffen und haben zuvor erstmal unsere neuen Bahncards ausgenutzt, um einen Party-Abend in der Bayerischen Landeshauptstadt zu verbringen.

„Wollt ihr uns ärgern oder herausfordern?“, fragte uns der Zugbegleiter noch kurz vor München mit einem breiten Grinsen. Ich guckte ihn fragend an. Wir saßen auf den beiden Rolli-Sitzplätzen in Wagen 9 des ICE, also im Großraumwagen, direkt am Übergang zur 1. Klasse. Unsere Rollstühle standen uns gegenüber, wir hatten beide die Füße auf die Sitzfläche unserer Stühle gelegt und es uns bequem gemacht.

Ich dachte zuerst, die Frage bezog sich auf unsere lässige Sitzhaltung. Es wäre nicht das erste Mal, dass mich jemand anpflaumt, weil ich meine Schuhe auf dem Sitz habe. Auf meinem Sitz, wohlgemerkt. Und Schuhe, die noch keinen Zentimeter auf der Straße gelaufen sind. Unter der Sohle könnte also selbst nach 10 Jahren noch ein Preisschild kleben – sofern die Schuhe so lange halten. Allenfalls könnte man darüber diskutieren, ob man sich hier so hinlümmelt.

Der Zugbegleiter klappte sich den Klappsitz an der Wand gegenüber herunter, setzte sich hin und las unsere Karten ein. Marie fragte: „Was meinen Sie?“ – „Na das hier, Bahncard 100 und dann im Rollstuhl sitzen. Das sieht für mich so aus, als wolltet ihr der Bahn unbedingt zeigen, wie weit wir hinter dem Mond sind. Mal unter uns: Damit rechnet in der Chef-Etage doch niemand.“ – Marie antwortete: „Womit? Dass ich mit Rollstuhl öfter als zweimal pro Monat lange Strecken mit der Bahn fahre oder dass ich meine Fahrten unbürokratisch per Flatrate bezahle?“ – „Keine Ahnung, ihr seid jedenfalls die ersten Reisenden im Rollstuhl, die ich mit einer Netzkarte antreffe.“ – Aha. Das hätte ich jetzt nicht vermutet. Aber wer weiß schon, wie lange er für den Laden schon arbeitet. Ich lächelte freundlich. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das jetzt nicht auf jeder Fahrt wiederholt…

In München wurden wir per Hebebühne aus dem Zug geholt. Emma und Paula warteten bereits auf dem Bahnsteig. Sie waren mit ihrem Zug rund 20 Minuten vor uns angekommen. Im Einheitslook begrüßten sie uns im bayerischem Dirndl und aufwändig frisiert. Obwohl ich eher nicht für Trachtenmode zu haben bin, muss ich zugeben, dass es alles andere als schlecht aussah. Allerdings erwartete zum Glück niemand, dass die Hamburgerinnen ebenfalls im Deerndl aufrollten. Wir gönnten uns für unser Gepäck ein gemeinsames Schließfach und machten uns auf den Weg. Das Wetter hätte besser nicht sein können, obwohl es bei untergehender Sonne bereits kühl wurde.

Mit dem Münchener Oktoberfest ist der Hamburger Dom nicht zu vergleichen. Ich bin keine Dom-Expertin, aber mehr als maximal drei Festzelte habe ich in Hamburg nie gesehen. In München sind es mindestens 15 riesige Zelte mit zum Teil bis zu 10.000 Sitzplätzen. Während man in Hamburg über den Dom geht, um Karussell zu fahren, wird in München eher Bier getrunken, Hähnchen und Würstchen gegessen und geschunkelt.

Einen Festzeltbesuch mussten wir uns natürlich auch antun, man will ja mitreden können. Es gab eine Rampe, jede Menge Rollstuhlplätze, es war rappelvoll, tierisch laut, eine Maß (ein Liter) Oktoberfest-Bier kostete wahnsinnige 10 Euro, es war die reine Massenabfertigung. Die Bestellung wurde quasi im Vorbeigehen aufgenommen, die Bierkrüge auf dem Rückweg im Vorbeigehen schwappend auf den Tisch gedonnert (die Anzahl stimmt, aufteilen könnt ihr alleine, warum habt ihr das Geld noch nicht passend in der Hand), eine Blaskapelle spielte „In München steht ein Hofbräuhaus“ und „Solang der alte Peter“ mehrmals im Wechsel, es wurde gegrölt und geschunkelt. Wir hatten noch nicht ganz aufgegessen, da wurde uns quasi schon der Teller weggezogen, die Frage, ob es noch ein Getränk sein dürfte, bekamen wir mindestens fünf Mal gestellt, obwohl unsere Eimer noch halb voll waren. Und auf Ex habe ich sie nicht runter bekommen … mir war auch so schon etwas blümerant.

Das dürfte neben der Lautstärke vor allem an der schlechten Luft im Zelt gelegen haben. Die fressende und saufende Meute wurde von einigen Ordnern streng bewacht, sobald welche zu lustig wurden und auf den Holzbänken oder gar -tischen tanzen wollten, wurde kurzer Prozess gemacht. Auch die, die es nicht mehr geschafft haben, zum Kotzen das Zelt zu verlassen, wurden aufgefordert, zu gehen. Ein relativ großes Problem war, dass die Plätze weg waren, sobald man aufstand, sodass einige, denen übel wurde, bis zum letzten Moment warteten und dann nicht schnell genug durch die Menge nach draußen kamen. Und, es ist nicht übertrieben, es wurde reihenweise unter die Tische gelullert. Während oberhalb der Holzplatte das Hähnchen eingeworfen wurde, öffnete der Nachbar unterhalb der Holzplatte mal eben den Abwasserhahn. Zum Glück saß uns kein solches Ferkel direkt gegenüber, sonst hätte man sich vermutlich noch darum sorgen müssen, dass die eigene Hose nicht noch was abkriegt. Den lauwarmen Rest aus dem Bierkrug gleich dazu auf die Erde geschüttet und anschließend noch ein neues kühles Blondes bestellt. Platz genug war ja wieder.

Um kurz vor elf waren wir bereits wieder am Bahnhof und bekamen auch gleich einen Zug. Emma und Paula begleiteten uns noch ein Stück. Ich war, ehrlich gesagt, froh, als wir endlich zu Hause ankamen und frisch geduscht in der Falle verschwinden konnten. Ich habe nichts gegen Party, aber so ein Massenbesäufnis mit der entsprechenden Anzahl torkelnder Leute um mich herum ist nichts für mich. Da lobe ich mir doch, wie gesagt, ohne Volksfest-Fan zu sein, den Hamburger Dom oder auch den Bremer Freimarkt.