Zwei Tage Bayern

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Ich bin wieder zurück in Hamburg von einem verlängerten Bayern-Wochenende. Und habe endlich, nach über einem Vierteljahr, meine beiden Halbschwestern Emma und Paula wieder gesehen. Es gibt morgens einen ICE, mit dem ich ohne Umsteigen von Hamburg bis fast vor ihre Haustür fahren kann, und da Emma noch bis 14.00 Uhr arbeiten musste, hatte ich mich zunächst nur mit Paula verabredet. Gemeinsam wollten wir bei einem Eis auf Emma warten und dann zusammen zu einem Badesee fahren. Und wie es der Zufall so will, gab es bereits vorher eine eher drollige Begegnung.

Während wir uns jeweils einen Pappbecher mit zwei Eiskugeln mitgenommen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum auf den Rasen gesetzt hatten, um eben jene zu löffeln, wurde unsere Aufmerksamkeit auf zwei Leute gelenkt, die sich schräg gegenüber vor einer Bankfiliale zofften. Nicht um ihr Konto, sondern einer der beiden hatte seinen Opel Astra beim Einparken in die hintere linke Tür des VW Passats gelenkt und dort eine nette Beule hinterlassen. Worum es bei dem Streit genau ging, bekam ich nicht richtig mit, dafür war die Entfernung zu groß. Es dauerte jedenfalls nicht lange, bis ein grün-weiß lackierter BMW-Kombi aufkreuzte und Paula sagte: „Ich lach mich schlapp, wenn da jetzt Emma aussteigt. Das könnte durchaus sein.“

Naja, wenn ich schon eine drollige Begegnung ankündige, war ja klar, wer aus dem Auto stieg. Wir beobachteten aus sicherer Entfernung das Treiben. Der Passatfahrer wurde immer ruhiger und versuchte, seine Papiere aus einer klebrigen Plastikhülle zu bekommen, während sich der Astrafahrer, der Verursacher der Beule, immer weiter aufregte. Und dann geschah etwas, was wir erst später, als Emma es uns erklärte, realisiert und verstanden haben. Plötzlich ging Emma, die vorher neben dem Mann gestanden hatte, blitzschnell einen Schritt auf ihn zu, drückte ihm ihren ausgestreckten Arm vor den Hals und stieß ihn quasi nach hinten um. Der Mann legte sich der Länge nach rückwärts auf das Parkett, ziemlich unsanft und laut schreiend, wenngleich Emma ihn so halb auffing. Eine Sekunde später saßen Emma und ihre beiden Kollegen auf ihm.

Wie Emma später aufklärte, hatte der Mann ein Messer aus der Tasche geholt und versuchte gerade, es auszuklappen oder zu öffnen oder ähnliches. „Und warum wirfst du den dann zu Boden?“, wollte Paula wissen. – „Naja, das war die sanfteste Möglichkeit, seine Aktion zu beenden. Der Typ war ziemlich aggressiv, und wenn einer in Gegenwart der Polizei ein Messer zieht, dann warte ich bestimmt nicht ab, ob er damit losrennt, es durch die Gegend wirft oder sich selbst in den Bauch rammt.“ – Paula wollte unbedingt gezeigt bekommen, wie sie den Typen so schnell aufs Parkett gelegt hatte. Der Trick war denkbar einfach: Sie stand rechts neben ihm und hatte ihren linken Fuß hinter seine Füße gestellt und ihn gleichzeitig mit ihrem Arm vor seinem Hals zurückgedrängt. Dadurch musste er einen Schritt rückwärts gehen, was aber nicht ging, da dort ihr Fuß stand. So ist er rückwärts gestolpert und ins Fallen gekommen.

„Passiert das häufig, dass einer ein Messer rausholt? Ich dachte immer, Hamburg ist ein heißes Pflaster.“ – „Naja, ich weiß ja nicht, wie oft das in Hamburg passiert, aber hier ist das eher eine Ausnahme. Dass einer eins mitführt oder dass wir einem eins abnehmen, das gibt es öfter. Aber rausholen und einsetzen wollen ist eher selten. Zum Glück. Dafür hatte ich aber in der letzten Woche einen, der mir nachts bei einer Ruhestörung vollgekokst mit einem Hammer in der Hand die Wohnungstür geöffnet hat.“

Na klasse. Ob ich das so gut finde, dass sie diesen Job macht?

Als Emma dann später mit gut einer Stunde Verspätung bei uns war, konnten wir endlich zu einem See fahren und schwimmen gehen. Dort trafen wir, eher zufällig, noch zwei Freundinnen von Paula, die sich zu uns auf den Rasen legten. Es war sehr nett. Abends gab es ein drastisches Wärmegewitter mit einer angenehmen kurzfristigen Abkühlung. Wir waren gerade beim Grillen, als das losging, allerdings war der Grill schon so weit, dass man ihn unter ein Carport stellen konnte, während wir uns auf eine überdachte Terrasse setzten.

Nachdem ich nachts total gut geschlafen habe, haben wir am Samstag eine ausgedehnte Radtour gemacht. Ich hatte trotz aller Widrigkeiten mein Vorspannbbike im Zug mitgenommen, und auch die Freundin von Paula, die ebenfalls im Rollstuhl sitzt, kam mit ihrem Handbike mit. Wir hatten eine etwas weiter entferntere Badestelle an einem Fluss zum Ziel. Die war fast noch etwas besser, da hier nicht so viele Leute waren. Auch am Samstagabend gab es Gewitter, erneut beim Grillen.

Es waren total tolle drei Tage. Wir haben uns, wie schon bisher, sehr gut verstanden und uns viel erzählt und vor allem sehr viel gelacht. Über unseren gemeinsamen Teil der Familie haben wir überhaupt nicht gesprochen, was für mich auch völlig in Ordnung war. Leider war das Wochenende viel zu schnell vorbei: Heute nachmittag fuhr mein Zug zurück nach Hamburg. Gerade so eben noch rechtzeitig vor einem heftigen Unwetter. Nun dauert es nicht mehr lange, bis wir uns im Norden wiedersehen. Ich freue mich schon!

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.

Von einem Komma, dem Weltuntergang und Weihnachten

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Es gibt mal wieder was lustiges: Als ich gestern mit der U-Bahn nach Hause fuhr, stand auf der elektronischen Zuganzeige am Bahnsteig der Hinweis: „Achtung! Letzter Zug vor dem Weltuntergang!“ – Leider war der Akku meines Handys schon so weit leer, dass ich kein Foto mehr machen konnte. Schade. Ein Typ regte sich auf, dass da ein Komma fehle…

Gleiches (Akku-) Problem hatte ich auch kürzlich beim Schwimmtraining, allerdings hatte dort jemand ein Billighandy dabei, um dokumentieren zu können, was regelmäßig bestritten wird, wenn man sich bei den zuständigen Stellen beschwert:

Das einzige barrierefreie WC im Schwimmbad ist seit Wochen defekt. Eigentlich wurde an der Kasse gesagt, es sei wieder in Ordnung, aber als ein 12jähriges Mädchen aus der parallel zu uns statt findenden Gruppe in die Gemeinschaftsumkleide zurück gerollt kam und Tatjana ansprach, ob sie mal bitte mit ihr kommen könne, ahnte ich schon, dass man uns mal wieder für dumm verkauft hatte. Tatjana kam eine Minute später ohne das Mädchen zurück, kniete sich vor mir hin, nahm meine Hand und guckte mich mit ihrem unschuldigsten Blick und klimpernden Wimpern an: „Tatjana, darf ich in der Dusche Pipi machen?“ – „Nur im Handstand“, blödelte ich zurück.

Wir waren vorgestern auf dem Weihnachtsmarkt. Mit acht Rollis und sechseinhalb zweibeinigen Fußgängern enterten wir die Spitalerstraße, den Rathausmarkt und den Jungfernstieg. Es war so brechend voll, dass wir fast nur darauf achten mussten, niemandem über die Füße zu fahren. Die meisten Leute waren noch nicht in ihrer Weihnachtsruhe angekommen, sondern suchten hektisch und genervt nach Geschenken. Am besten fand ich die Werkzeuge in Lebensgröße aus Schokolade: Schrauben, Muttern, Schraubenschlüssel, Hammer, … konnte man alles aus Schokolade kaufen.

Den Spruch, ob wir hier nun unbedingt mit unseren Rollstühlen durchfahren müssten, hörte ich mindestens drei Mal. Ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag auf keinen dummen Spruch zu reagieren und alles ignoriert. Beim dritten Mal kam die Antwort allerdings von direkt hinter mir: „Ja, sollen sie über das Pflaster krabbeln oder was?“, fragte eine Stimme, die ich irgendwo schon einmal gehört hatte. Ich drehte mich um und blickte in das Gesicht eines Mannes um die 60, das ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte. Bevor ich irgendwas erwidern konnte, war er auch schon wieder in der Menge verschwunden.

Schade, ich hätte ihn bei zwei weiteren Sprüchen gerne noch einmal hinter mir gehabt. Erstens: „Wünschen Sie sich zu Weihnachten, noch einmal wieder laufen zu können?“ – Von einer wildfremden Frau. Und: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sich eine ihrer Behinderten aus dem Staub gemacht hat!“ – Zu einer unserer Fußgängerinnen, als eine siebzehnjährige Rollifahrerin in die Sparkassenfiliale in der Spitalerstraße abgebogen ist, während der Rest der Gruppe schonmal langsam weiterrollte…

Ich werde den Heiligen Abend zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht für mich alleine verbringen. Die letzten Jahre bin ich abends mit einigen Leuten aus der WG in den Michel zum Gottesdienst gefahren, in diesem Jahr bin ich von Marie und ihren Eltern eingeladen worden, Weihnachten mit ihnen zusammen zu verbringen. Ich freue mich auch schon sehr darauf, denn Cathleen fährt am 24. zu ihrer Mutter und ihren jüngeren Geschwistern, Frank und Sofie sind heute für eine Woche in die Sonne geflogen, … ich wäre sonst so ziemlich alleine. Meine beiden Halbschwestern hatten auch gefragt, ob ich zu ihnen kommen möchte, aber mein Vater will wohl auch dorthin – vielen Dank.

Ich wünsche auf diesem Weg allen meinen Leserinnen und Lesern ein paar ruhige Festtage!

Ein weiteres tolles Wochenende

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Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei. Inzwischen kann ich fließend bayrisch. Zumindest verstehen. Als Hamburger Deern glaubte ich zu wissen, dass, wenn ich morgens meine Stinkesocken nicht wiederfinde, diese höchstwahrscheinlich „wech“ sind. Inzwischen habe ich aber gelernt: Sie könnten auch „fort“ sein.

Um gleich der Frage vorzubeugen: Ich trage nachts keine Socken. Es sei denn, es ist arschkalt. Aber selbst dann ziehe ich die Dinger im Schlaf meistens unfreiwillig aus, zumindest eine davon, so dass ich das auch gleich sein lassen kann. Wenngleich ich meine Beine und Füße nicht willentlich bewegen kann, bewegen tun sie sich im Schlaf trotzdem. Von alleine, durch Nervenimpulse, die die Muskeln gerne hätten oder glauben, wahrgenommen zu haben. Gerade wenn ich lange Zeit gesessen habe und dann die Beine strecke, fangen sie gerne an zu zappeln.

Von Marie oder Cathleen würde es, wenn wir unter derselben Decke liegen, irgendwann heißen: „Sag mal, kriegst du das langsam mal in den Griff mit deinen Füßen? Das Gezappel nervt.“ – Meine Schwestern lagen zwar nicht mit unter meiner Decke, sondern auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer, trotzdem reichte es aber irgendwann für ein: „Mogst need amoi dei haxn gscheit zammramma?“ – Wobei ich dann mich vor meinem inneren Auge einen Karton gepökelte Eisbeine verräumen sah und unwillkürlich zu lachen anfing.

Sie haben sich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. Und es hat auch geklappt. Aber geflucht haben sie auf bayerisch. Und untereinander waren sie auch eher in ihrem Slang unterwegs.

Was mir besonders toll gefallen hat: Sie hatten nach wie vor kein Mitleid und haben mich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Okay, ich erwähnte bereits, dass Paula schon seit frühester Kindheit eine enge Freundin hat, die wegen Spina bifida, einer angeborenen Querschnittlähmung, im Rollstuhl sitzt, und inzwischen mit ihr zusammen studiert. Womit natürlich auch Emma regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte und auch noch hat. Das ist ja aber bekanntlich kein Garant dafür, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten – umso schöner, dass sie es tun.

Wir hatten ein ziemlich gefülltes Wochenendprogramm. Beide hatten sich von mir eine Erkundungstour im Rollstuhl gewünscht. „Ich möchte das schon seit Jahren, meine Freundin sagt immer, ich soll es einfach tun, aber ich kann mir das einfach nicht erlauben. Bei uns zu Hause ist das Risiko einfach zu groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der mich kennt und im günstigsten Fall sich nur erschrickt und hinterher dumme Fragen stellt. Es gäbe aber auch genügend Leute, denen könnte man das nicht erklären. Unsere Mutter würde ausflippen, wenn es wegen so einer Aktion später Theater gibt.“

„In Hamburg kennt uns keiner. Da können wir mal die Sau rauslassen.“ – Also fuhren Marie und ich zusammen mit Emma und Paula in die Sporthalle „meines“ Krankenhauses, um, bewaffnet mit zwei weiteren Rollis, den beiden das Rollstuhlfahren beizubringen. Wenn man schon so eine Entdeckungstour macht, gilt es auf alle Fälle zu vermeiden, dass Situationen entstehen, die anderen Menschen eine Hilfestellung abverlangen. Das gehört sich einfach nicht. So eine Behinderung „vorzuspielen“ ist eine Sache, solange aber kein Dritter unmittelbar betroffen ist, ist das aus meiner Sicht eine persönliche Sache. Aber nun sich noch von Dritten helfen lassen, obwohl man eigentlich auch aufstehen könnte, das ginge entschieden zu weit.

Also übten wir, wie man sich fortbewegt. „Drin gesessen hab ich ja schon oft bei meiner Freundin. Und rumgegurkt bin ich damit im Zimmer auch schon. Und ankippen kann ich auch“, sagte Paula, verschätzte sich mit der Kippfreudigkeit von Sofies leihweise überlassenen Zweitrolli und lag auf der Erde. Das Kinn hatte sie gerade noch rechtzeitig zur Brust gezogen, so dass sie nicht mit dem Hinterkopf auf den Hallenboden donnerte. Zwei Sekunden guckte sie verdattert aus der Wäsche, dann fing sie zu lachen an. Auf der Straße wären nun die Menschen zusammengelaufen, mindestens einer hätte 112 gewählt … hier in der Sporthalle, an deren Rand mindestens 30 Leute an Fitnessgeräten turnten oder auf Fahrradergometern radelten, kümmerte sich niemand um das Problem. Lediglich der anwesende Sporttherapeut murmelte im Vorbeigehen: „Fallsucht?!“

Nach zwei Stunden Crashkurs verkündete Emma: „Ich bin völlig nassgeschwitzt. Ich muss gleich erstmal duschen. Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend ist. Obwohl, ‚anstrengend‘ ist das falsche Wort. Kraft braucht man eigentlich kaum, aber man muss sich unheimlich konzentrieren, um das alles präzise zu koordinieren.“ – Am Ende meinte der Sporttherapeut: „Ist genehmigt. Wollt ihr heute noch auf große Tour?“

Als wir wieder bei mir zu Hause waren, schnipselten wir mit vier Leuten eine Reispfanne zusammen. Plötzlich sagte Emma: „Wir haben neulich gesehen, dass du die Million voll hast. Seitenaufrufe meine ich, bei deinem Blog. Bist ja ganz schön berühmt geworden mit deiner Geschichte, oder? Hast du nicht manchmal Angst, dass deine Offenheit dir Nachteile bringt? Ich meine später mal im Job oder wenn du neue Leute kennen lernst. Es gibt doch viele Dinge, von denen man eigentlich nicht möchte, dass andere sie erfahren. Du schreibst irgendwie über alles.“

Ich antwortete: „Ich glaube, diese Angst muss man nur haben, wenn man Außenseiter ist. Ich formuliere das bewusst so krass. Wenn man Freunde hat, die einen mögen wie man ist, und ich bin überzeugt, die habe ich, dann kann es einem völlig egal sein, was andere, die (noch) nicht deine Freunde sind, über dich denken. Ich zwinge ja niemanden zu näherem Kontakt. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass, wenn man keine Freunde hat, es cool sein könnte, über mich abzulästern. Wenn keiner da ist, der widerspricht, weil er mich gern hat, kann man sich vielleicht eher ergötzen über die Dinge, über die ich öffentlich schreibe, obwohl man sie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim hält. Hast du Freunde, die solche Lästereien gleich im Keim ersticken würden, traut sich keiner, schließlich will man sich damit nicht selbst zum Außenseiter machen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Ehrlichkeit gut punkten kann.“

Ich fügte hinzu: „Nicht alle mögen das. Vor meinem Unfall wäre ich lieber gestorben als zum Beispiel gefragt zu werden, ob ich schon mal Sex hatte. Oder mich selbstbefriedigt. Obwohl ich das damals noch nie gemacht hatte. Geschweige denn Sex. Und heute? Ich rede nicht mit jedem über Sex. Oder über Selbstbefriedigung. Es bleibt schon etwas intimes. Aber kein Geheimnis. Es darf ruhig jeder wissen, ob ich das mache. Wenn es interessiert. Ich laufe auch nicht durch die Straßen und rufe das in die Welt hinaus. Aber wenn einer fragt, bekommt er eine ehrliche Antwort. Und wenn einer meinen Blog liest, liest er mitunter auch darüber etwas. Statistisch gesehen mache ich das sowieso, dann bin ich lieber eine Persönlichkeit als eine Nummer. Ich habe lieber klare Verhältnisse als Gerüchte.“

Emma fragte Marie: „Bist du auch so offen?“ – Marie sagte: „Ich weiß nicht. Im Prinzip schon. Ich schreibe halt keinen Blog. Aber wenn mich jemand was intimes fragt … es hängt immer davon ab, warum mich jemand etwas fragt. Wenn er sich über mich lustig machen will, gebe ich eher keine Antwort.“ – Paula fragte: „Okay. Masturbierst du?“ – Marie grinste. Und sagte dann: „Jetzt gerade nicht.“ – „Anknüpfend an die Geschichte von neulich: Weiß deine Mutter, dass du das machst? Oder vermutet sie es nur? Wirst du jetzt rot?“ – Marie antwortete: „Ich werde immer rot bei solchen Themen. Aber sie weiß es.“ – Emma warf dazwischen: „Na, ihr habt ja Themen.“

Ich fragte: „Redest du mir ihr darüber?“ – „Um Himmels Willen. Nee. Nein, sie kam mal morgens in Zimmer und ich war halt im Bett, es war ein Sonntagmorgen, ich hatte mich sehr intensiv beschäftigt und war etwas verschwitzt. Sie wollte mich zum Frühstück wecken, sah mich und fragte, ob ich Fieber hätte. Wollte mir ihre Hand auf die Stirn legen und ich fauchte sie an: ‚Mama! Kein Fieber. Etwas mehr Diskretion bitte, ja?'“ – Ich grinste. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen, auch den Gesichtsausdruck dazu. Ich fragte: „Und wie hat sie reagiert?“

„Ach, ganz süß eigentlich. Sie ist zurückgezuckt und sagte ‚Oh, Verzeihung. Ähm, Frühstück ist fertig.‘ Und später in der Küche hat sie mir einen Kuss gegeben und gesagt: ‚Mach dir keinen Kopf, okay? Es ist alles gut.‘ – Ich war damals 13 oder 14. Und da ist man doch noch etwas sensibler und grübelt über vieles nach. Beziehungsweise: Ich hab über vieles nachgegrübelt.“ – „Ich glaube, das ist normal.“ – „Und eine andere Situation hatte ich noch, da war ich 16 oder 17, da habe ich mir von meiner damaligen besten Freundin [aus einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit angeborener Querschnittlähmung] einen Vibrator ausgeliehen. Sie hatte den von ihrer größeren Schwester und eigentlich wusste ich nicht, was ich überhaupt damit wollte, aber es war cool und erwachsen und … naja, ich hab ihr versprochen, wenn ich den ausprobiere, zieh ich vorher ein Kondom drüber. Hab ich auch gemacht, nur leider hat meine Mutter das Kondom im Mülleimer entdeckt. Ich hatte damals einen Freund, mit dem ich aber nur geknutscht hatte, bevor es zum ersten Sex kam, waren wir schon wieder auseinander. Ich habe damals die Pille nicht bekommen, weil meine Mutter Angst hatte wegen Thrombose. Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ich war einverstanden, dass ich sie nicht nehme, solange ich sowieso nicht mit ihm schlafe. Sie meinte, sie hat absolut nichts dagegen, wenn wir Sex haben, wir sollen nur unbedingt an Verhütung denken. Und ich habe ihr halt erklärt, dass wir höchstens fummeln, sie also ganz beruhigt sein kann. Und dann sah sie halt das benutzte Kondom.“ – „Und dann?“ – „Naja, sie hat mich drauf angesprochen und gesagt: ‚Ich dachte, ihr knutscht nur. Ist das noch aktuell, dass du keine Pille willst?‘ – Und ich habe halt gedacht: ‚Was will sie jetzt von mir, ich habe meinen Freund zwei Tage nicht gesehen?‘ – Naja, das Kondom. Lag halt im Müll im Bad. Hab ich ihr halt die Story mit dem Vibrator erzählt.“ – „Und?“ – „Sie hat mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Flasche Desinfektionsmittel hingestellt und gemeint: Kannst du auch einfach abwischen. Ist auf die Dauer billiger.“ – „Cool.“

Paula fragte Marie: „Trägst du eigentlich auch Pampers?“ – Marie schüttelte den Kopf. „Nee. Ausnahmsweise vielleicht mal. Bis ich 14 war, hab ich immer welche gehabt, aber seitdem bekomme ich ein Medikament, das die Blase lähmt und muss mich kathetern. Das klappt recht zuverlässig.“ – „Warum nimmst du dieses Medikament nicht, Jule?“

„Ich bekomme das auch. Aber in niedrigerer Dosierung, weil ich die höhere Dosierung nicht vertrage. Da werde ich zittrig, sehe Doppelbilder – geht nicht. Ich bin ja auch relativ dicht, die Pampers ist ja eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ich zu Hause bin oder nur kurze Zeit unterwegs, trage ich auch keine. Und ich muss mich eben nicht kathetern, weil ich die Blase so leer bekomme. Hat alles seine Vor- und Nachteile.“

Paula sagte: „Ich würde ja eigentlich auch gerne mal sowas anziehen. Also nur um zu wissen, wie sich das anfühlt.“ – Emma fielen fast die Augen aus dem Kopf. Marie sagte: „Mach doch. Lass dir von Jule eine geben. Ist aber nicht anders als eine Unterhose. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass man sie richtig zuklebt.“ – Ich grinste. Emma verfiel vor Fassungslosigkeit in ihren bayerischen Dialekt, fragte ihre Zwillingsschwester einigermaßen entsetzt, ob sie jawohl nicht auch noch „einisoacha“ will.

Als wir endlich unterwegs waren, war Emmas erste Bemerkung: „Was gaffen die Leute denn bloß so extrem? Haben die noch nie jemanden im Rolli gesehen oder was? Das ist ja völlig extrem!“ – „Ich habe keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass wir zu viert sind.“ – „Nee, eben als ich alleine mit dem Aufzug vorweg gefahren bin, glotzte auch ein Typ so extrem. Ich hätte am liebsten was gesagt.“ – „Ich merke das schon gar nicht mehr. Ich blende das echt aus. Es kann sogar sein, dass Leute an mir vorbei laufen, die ich kenne, und die ich überhaupt nicht wahrnehme. Oft denken die, ich bin unfreundlich und grüße nicht. Oft nehme ich sie gar nicht wahr.“

Wir fuhren mit der U-Bahn in die City, eierten dort durch die Haupt-Einkaufsstraße. Emma sagte erneut: „Das Gegaffe macht mich aggressiv. Ich kenne das ja von der Uniform her, da gucken ja auch viele. Plötzlich grüßen dich wildfremde Leute. Gähnen ohne Hand vor dem Mund oder in der Nase popeln kann man da nicht so einfach. Aber man kann zur Not wenigstens noch die Mütze weit ins Gesicht ziehen. Aber das hier? Ich komme mir vor wie eine rollende Zielscheibe.“

„Ich stell mir gerade vor, du setzt dir eine Polizeimütze auf und fährst damit im Rolli herum.“ – „Genau. Und dann am besten noch mit Handschellen an den Rollstuhl gefesselt. Und hinten guckt eine Windel aus dem Hosenbund.“ – Marie krümmte sich vor Lachen. Ein Mann fasste ihr von hinten auf die Schulter: „Na, habt ihr auch Spaß? Das finde ich toll.“

Am Jungfernstieg stellten wir uns an einem Eisladen an. Als Emma ihren Eisbecher in der Hand hielt, fragte sie: „Scheiße. Und wie komme ich jetzt vorwärts?“ – Eine Frau: „Ich helfe Ihnen! Soll ich Ihr Eis nehmen?“ – Ich löste die Situation auf: „Hier, halt mein Eis auch und ich schiebe dich.“ – Genauso machten es auch Marie und Paula. Als die beiden im der Abendsonne auf die Binnenalster guckten, meinte Paula: „Hamburg ist schon schön. Irgendwie haben wir noch nicht viel gesehen, aber mir gefällt die Stadt. Ehrlich.“

Als wir wieder zu Hause waren und die zwei überflüssigen Rollis abgestellt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, diesmal zur Sternschanze. Das dortige Schanzenfest wollten die beiden unbedingt erleben, wenngleich der größte Teil des Nachmittags bereits vorüber war. Ein Straßenfest mit vielen Flohmärkten, Musik, Fressmeile zog tausende Leute an. Wir ergatterten sogar noch einen Außentisch in einer der vielen Gaststätten und bekamen noch total leckeres Essen. Die Luft war angenehm warm und wir wären auch gerne noch länger geblieben, nur irgendwann kippte die Stimmung merklich. Nicht unsere, sondern die offensichtlich extra angereister Chaoten, die auf Randale eingestellt waren. Entsprechend machten wir uns vom Acker – gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach gab es in jener Straße die erste Messerstecherei.

Am Sonntag haben sich Emma und Paula jeweils ein Fahrrad ausgeliehen. Zu dritt (ich mit meinem Handbike, nein nicht das Rennbike, sondern das zum Vorspannen für den Alltagsrolli) sind wir insgesamt fast 35 Kilometer an der Elbe entlanggeradelt. Es war total toll. Paulas erster Kommentar: „Ohh, Schaaaafis! Und ein schwarzes ist auch dabei!“ – Emma: „Familienzusammenführung.“

Unter anderem kamen wir auch an der Stelle vorbei, an der ich das aktuelle Hintergrundbild aufgenommen habe:

Am Montagmorgen sind meine Zwillingshalbschwestern wieder nach Bayern zurückgefahren. Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei.