Ableismus und Stigma

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Dass ich seit vielen Jahren versuche, den Menschen um mich herum einen Spiegel vorzuhalten, wenn mich jemand anschaut und mal wieder nur einen Rollstuhl sieht, ist nicht neu und haben alle, die meinen Blog regelmäßig lesen, wohl schon mitbekommen. Was heute „Able-ismus“ genannt wird, also die Beurteilung meiner Persönlichkeit anhand meiner Fähigkeiten, zieht sich seit jeher durch meinen Blog. Leider scheint diese Seuche nicht auszurotten zu sein.

Ich finde es ja charmant, beispielsweise besonders schlau, besonders schnell, besonders kräftig oder auch besonders hübsch zu sein. Ich unterhalte mich gerne mit schlauen Menschen, fiebere sehr gerne mit tollen Sportlerinnen, lasse mich gerne von einem muskulösen Menschen tragen und könnte stundenlang einen wunderhübschen Mann anblicken. Oder eine wunderhübsche Frau. Eine der hübschesten Frauen, die ich persönlich kennenlernen durfte, hat übrigens das 21. Chromosom drei Mal.

Ich finde es wichtig, auch gegenüber sich selbst anspruchsvoll zu sein. Und für das alltägliche Zusammenleben brauchen wir Maßstäbe und Schubladen, und selbstverständlich müssen wir sortieren. Ich möchte nicht, dass mir jemand eine Spritze setzt, der von dem, was da drin ist, keinen blassen Schimmer hat. Mir ist sehr wichtig, dass der Mensch, der mir meine Winterräder ans Auto schraubt, begreift, was er da tut. Und auch wenn mir meine Frisörin jedes Mal wieder erzählt, welche Gangster in ihrem Haus wohnen und dort regelmäßig randalieren, möchte ich sie nicht eintauschen. Aber darum geht es auch gar nicht.

Ich kann einen Menschen nicht anhand seiner Fähigkeiten beurteilen. Wer legt bitte fest, was Fähigkeiten sind, welche gut und welche schlecht sind? Kennt jemand alle Fähigkeiten eines anderen Menschen? Oftmals kennt man seine eigenen Fähigkeiten ja noch nicht mal vollumfänglich. Und den Wert eines Menschen kann überhaupt niemand beurteilen. Nicht zuletzt, weil es niemandem zusteht, den Wert eines Menschen festzulegen. Ich kann mir meine persönliche, subjektive Meinung bilden. Und diese auch vertreten. Eigentlich hatte ich gedacht, oder zumindest gehofft, dass das gerade in Deutschland seit mindestens 75 Jahren Konsens wäre. Stattdessen lese ich gestern auf einer Gratulationskarte an Marie:

„Liebe [Marie], wir freuen uns mit dir, dass du es geschafft hast! Wir zweifeln keine Sekunde daran, dass du schon bald eine mindestens genauso gute Medizinerin sein wirst wie deine Mutter, die [meinem Mann] und mir nun schon seit so vielen Jahren, in guten und in schlechten Zeiten, mit Rat und Tat zur Seite steht und immer für uns da ist. [Wir] erinnern uns noch sehr genau an deine Anfänge in ihrem Labor. Die Zeit vergeht, und inzwischen bist du eine erwachsene Frau geworden und gehst deinen eigenen Weg! Wir hoffen sehr und wünschen dir von ganzem Herzen, dass dein abgeschlossenes Studium dir […] helfen wird, den Makel deiner Behinderung und der damit oft verbundenen gesellschaftlichen Wertlosigkeit mit eigener Kraft auszugleichen. Wir wünschen dir von ganzen Herzen eine gute Zukunft in deinem neuen Lebensabschnitt und hoffen, dass es dir [an der Ostsee] genauso gut geht wie [in Hamburg]! Herzliche Grüße, deine […]“

Die Dame ist noch nicht pensioniert und arbeitet im höheren Dienst einer Behörde. Hat also studiert, engagiert sich in Kirche und vor allem in der Politik, ist also keine Anfängerin, wenn es darum geht, die richtigen Worte zu finden. Na klar, unglückliche Formulierungen, ein Griff ins Klo, davor kann sich niemand immer bewahren. Aber „Makel“ und „gesellschaftliche Wertlosigkeit“ in einem Satz sind kein Versehen. Das ist das Spiegelbild einer behindertenfeindlichen und ableistischen Denkweise. Maries Mutter hat schon gesagt, dass sie eine ausdrückliche Entschuldigung dafür erwartet, auch wenn sie überzeugt ist, dass dieses Ehepaar es nicht böse gemeint hat.

Ich begreife diese Denkweise nicht.

Ich habe heute mit einer Nachbarin gesprochen. Sie brachte uns unsere Mülltonne wieder, die jemand bei ihr vor die Tür gestellt hat. Die Tonne wurde heute geleert und ich vermute, sie ist nach der Leerung bei dem Orkan hier durch die halbe Straße geweht, obwohl wir eigentlich dafür bezahlen, dass sie wieder zurückgebracht wird. Ich hatte sie noch gar nicht vermisst. Die Nachbarin wohnt seit drei Jahren hier und ist mit ihrer Lebenspartnerin aus Syrien geflüchtet. Wir sind schon öfter mal kurz ins Gespräch gekommen. So auch heute. „Der Lesbenhaushalt hat keinen Tannenbaum“, erzählt ein Nachbar (zum Glück nicht der, der bei uns den Rasen mäht) in der ganzen Straße herum. Sowas gebe es in Syrien nicht. Ich habe das auch schon mitbekommen, obwohl er Marie und mich noch nicht persönlich angesprochen hat. Sie erzählt: „Wir haben ihn in unsere Wohnung eingeladen, damit er sich davon überzeugen kann, dass wir dort kein offenes Feuer machen. Das hat er nämlich auch behauptet.“ – „Das müssen Sie nicht machen. Der Mensch hat ein dreckiges Mundwerk und verstößt gegen unsere Gesetze.“ – „Wir wollen keine Probleme. Davon hatten wir Jahre lang genug.“

Am Ende haben wir beide Frauen zu uns zum Abendessen eingeladen. Es gab nichts Besonderes, belegte Brote, Gemüse, Wasser, Tee. Und Kaminfeuer. Es war sehr schön, ein unterhaltsames und auch spannendes Gespräch, ein Viertel auf Deutsch, drei Viertel auf Englisch. Es ist übrigens zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt worden, warum wir im Rollstuhl sitzen und ob Marie und ich eine sexuelle Beziehung haben. Nur mal so angemerkt. Und wir sind jetzt „per du“.

Helena hat uns heute berichtet, dass sie beim Reiten ihrer besten Freundin von ihrer bald beginnenden Psychotherapie erzählt hat. Sie geht vollkommen neugierig und positiv an das Thema heran. Die Freundin habe sie über die Probestunde ausgefragt und ganz interessiert zugehört. Eine anwesende Pferdebesitzerin, die Helena gar nicht kennt aber das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin wohl mitbekommen hat, habe Helena ungefragt den Rat gegeben, das mit der Pschotherapie künftig für sich zu behalten, weil Psychotherapie „etwas Peinliches“ sei. Der Spruch hätte auch von meinem Vater kommen können.

Was denken Menschen eigentlich, was man da Peinliches macht? Können wir mal bitte aufhören, Menschen, die traumatisiert sind, mit dem Stigma zu beschämen, dass sie gerade von der Welt um sie herum falsch verstanden und ausgegrenzt werden?

Aufräumen, Anfall

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Am Freitag muss ich unters Messer. Na gut, Messer ist übertrieben. Aber geschnibbelt wird schon. Oder vielleicht auch nur gestanzt. Unter meinem Fuß habe ich einen Pigmentnävus, also einen Leberfleck, den meine Hautärztin gerne entfernen möchte. Genauer genommen sind es zwei in einem, von denen einer asymmetrisch und in seiner Begrenzung unscharf ist. Für mich ist das unter dem Fuß weniger ein kosmetisches Problem, sondern ein gravierendes, was die Heilung der Wunde angeht. Da meine Füße weniger durchblutet sind und kaum bewegt werden, wird der Heilungsprozess wohl keine 10 bis 14 Tage, sondern eher zwei Monate dauern. Aber was sein muss, muss sein. Ich will ja nicht, dass daraus irgendwann mal ein Melanom wird.

Für die Wohnung meines Vaters haben wir eine Werkstatt für behinderte Menschen mit der Entrümpelung der Wohnung beauftragt. Emma und ich haben uns am Freitag dort erneut getroffen, um das zu begleiten. Pünktlich um acht Uhr morgens rangierte ein Lkw mit Hebebühne rückwärts auf den Parkplatz, zwei Personen saßen drin. Für einen Moment dachte ich, das wäre falsch kalkuliert worden, obwohl ich Fotos von der Wohnung per Mail geschickt hatte.

Doch dann kam noch ein vollbesetzter Kleinbus. Sieben Männer und Frauen, alle mit Sicherheitsschuhen, sandfarbener Latzhose, dunkelblauem Firmen-Hoody und Arbeitshandschuhen ausgestattet, stellten sich brav auf. Der Mensch, der den Lkw gelenkt hatte, kam auf mich zu und gab Emma und mir die Hand. Ich rollte dann einmal durch die Runde, um auch den anderen acht Leuten die Hand zu drücken.

Einer von ihnen fragte gleich: „Oh, du sitzt im Rollstuhl. Hast du auch Arbeit?“ – „Ja, hab ich.“ – „Das ist super!“, antwortete er und klopfte mir auf die Schulter. „Im Büro?“, fragte er weiter. Ich antwortete: „Nein, in einem Krankenhaus.“ – „Oh, da möchte ich nicht arbeiten. Da sind ja lauter kranke Leute!“ – „Mir macht das Spaß.“ – „Ich arbeite beim Möbel tragen. Das ist anstrengend. Aber besser als Gärtnerei. Da war ich vorher. Da hatte ich immer Husten und Schnupfen, weil wir immer draußen waren. Möbel tragen ist besser.“ – Sein Kumpel gab ihm einen Stoß in die Rippen: „Wir sollen nicht so viel sabbeln, wir sind zum Arbeiten hier.“ – Er rieb sich grinsend seine Hände und konnte es kaum erwarten, dass es los ging. Dann sagte er zu sich: „Und immer dran denken: Wir können keinen Schaden gebrauchen. Nicht gegen die Wände ballern und die Türrahmen ganz lassen.“ – Ein anderer, sehr kräftiger Typ, sagte: „Wie kannst du am Morgen schon so viel labern, ey!“

Nachdem das geklärt war, wurde sondiert. Die Gegenstände, die noch brauchbar waren, bekamen eine Kennzeichnung und sollten zum Schluss heruntergetragen werden. Alles andere nahm seinen Lauf. Irgendein Nachbar stand plötzlich in der Wohnung und kam auf mich zu: „Was ist denn hier los?“ – „Wohnungsauflösung.“ – „Ist er im Heim? Oder … verstorben ist er nicht, oder?“ – „Mein Vater ist verstorben, ja.“ – „Oh, das tut mir leid. Ich habe mich immer schon gefragt, ob er keine Kinder hat, die sich um ihn kümmern, aber Sie sind ja auch behindert. Sind das alles Schwachsinnige, die hier heute helfen?“ – „Nein.“ – „Aber normal sind die doch nicht, oder?“ – „Doch, völlig normal.“ – „Ich dachte, das wären Schwachsinnige, ich habe den Lkw mit der Aufschrift draußen gesehen.“ – Ich wandte mich ab. Hätte er nochmal ‚Schwachsinnige‘ gesagt, wäre mir der Kragen geplatzt. Zum Glück waren alle so beschäftigt, dass sie das nicht mitbekamen. Emma übernahm das Wort: „Am besten gehen Sie jetzt mal wieder aus der Wohnung, wir haben hier zu tun. Guten Tag!“

Die Aufgaben waren klar verteilt. Ein Anleiter schraubte zusammen mit einem Mitarbeiter die großen Möbel auseinander, alle anderen trugen den ganzen Kram die Treppen runter. Der andere Anleiter stand unten und belud den Lkw. Nach drei Stunden war der gesamte Sperrmüll im Auto. Einschließlich des ganzen Gerümpels aus dem Keller. „Wir fahren das jetzt weg und machen Pause, anschließend räumen wir dann die Sachen aus, die bei uns aufbereitet und weiterverwendet werden.“

Um 14 Uhr war die Wohnung besenrein. Während die ganzen Leute unten an den Fahrzeugen warteten, füllte jemand mit mir die Papiere aus. Ich fragte: „Dürfen Ihre Mitarbeiter Trinkgeld bekommen?“ – „Nachdem alles erledigt ist, ja.“ – „Was wird da so gegeben?“ – „Das ist unterschiedlich. Bei so einem Auftrag zwischen zwei und zwanzig Euro. Einige geben aber auch gar nichts.“ – Mit Blick darauf, dass diese Menschen durchschnittlich etwa 160 bis 180 Euro im Monat verdienen, über die sie frei verfügen dürfen, stellt sich mir die Frage nach einem Trinkgeld nicht. Es ist alles zügig abgearbeitet worden, es ist nichts beschädigt worden – das hätte eine andere Firma auch nicht besser gemacht. Ich war entsprechend vorbereitet und gab sieben Leuten jeweils 20 Euro. Alle bedankten sich, mein redseliger Freund, der nicht im Krankenhaus arbeiten wollte, klatschte in die Hände und sagte: „Das hat sich ja mal wieder gelohnt! Und das nimmt mir keiner weg! Trinkgeld ist Trinkgeld! Das kommt zu Hause gleich in meine Spardose.“ – „Worauf sparst du denn? Darf ich das wissen?“ – „Auf ein Tablet. Filme gucken bei Youtube. Aber keine Pornos, dann wird Nina richtig sauer. Die kann richtig ausrasten.“ – „Nina ist deine Freundin?“ – „Wir sind Silvester acht Jahre zusammen. Guck!“, sagte er und zeigte mir nicht etwa ein Foto von ihr, sondern acht Finger.

Da der Mietvertrag eine unwirksame Renovierungsklausel hat, werden wir die Wohnung nur besenrein übergeben. Der Vermieter hat sich bereits darauf eingelassen. Er wollte lediglich eine Sterbeurkunde sehen und hat die Kündigung, die eigentlich erst zum 28. Februar möglich wäre, zum 15. Dezember akzeptiert. Vermutlich will er keinen Leerstand und ab Januar neu vermieten. Oder ist froh, wenn das Kapitel ein Ende hat. Oder dass er nicht selbst aufräumen musste. Keine Ahnung.

Worüber ich sehr sauer bin: Die Stelle, die seine Pension zahlt (er war Beamter), hat seine Bank über seinen Tod informiert. Mit der Folge, dass die das Konto gesperrt hat und alle Abbuchungen zurückgerufen hat. Mit entsprechenden Gebühren. Miete, Telefon, Strom, Zeitungs-Abo. In Zeiten, in denen Datenschutz groß geschrieben wird, ist das höchst interessant. Die Bank möchte einen Erbschein, vorher reden sie nicht mit mir. Sagenhaft!

Auf dem Rückweg, keine zehn Kilometer vor meinem Zuhause, die Ostsee ist schon in Sichtweite, steht auf einer Bundesstraße im Tempo-50-Bereich, am Ende einer Ortschaft, ein Kleinwagen am gegenüberliegenden Straßenrand. Daneben, auf dem Gehweg, liegt eine Frau. Ein Mann, vermutlich der Fahrer, schüttelt und rüttelt sie. Hatte er sie angefahren? Mein Herz beginnt zu rasen. Da die Straße frei ist, fahre ich nach links auf die andere Straßenseite, schalte das Warnblinklicht ein und kann so auf der Gehwegseite aussteigen. Der Mann ist völlig hektisch. Rollstuhl zusammenbauen, Handy mitnehmen. „Was ist passiert?“

„Meine Freundin hat im Auto einen Anfall bekommen und um sich geschlagen. Sie ist Epileptikerin. Sie blutet aus dem Mund.“ – Die Frau lag ruhig auf dem Gehweg und atmete tief. „Drehen Sie sie mal bitte auf die Seite. Nicht, dass das Blut in die Lunge läuft. Und haben Sie eine Decke im Auto? Holen Sie die mal bitte.“ – „Sie hat hier so ein Medikament, das soll ich ihr geben, hat sie mir mal gesagt. Das kommt in den Po.“ – Er war völlig überfordert und drückte mir ein Valium-Klistier in die Hand, rannte aufgeregt auf und ab. „Holen Sie mal bitte die Decke“, sagte ich. Ich setzte mich aus dem Rollstuhl auf die Erde, mit angewinkelten Knien auf meine Fersen, und drehte sie in die stabile Seitenlage. Blut lief ihr aus dem Mund. Sie hatte sich offenbar auf die Zunge gebissen. Ich kniff ihr mit aller Kraft in den Oberarm. Sie verzog das Gesicht. „Ihre Freundin schläft nur. Atmung und Puls sind völlig normal.“ – „Sie braucht dieses Medikament.“ – „Das braucht sie nur, wenn der Anfall nicht aufhört. Wie lange hat sie gekrampft?“ – „Vielleicht eine Minute. Sie war vorher schon so merkwürdig still und angenervt. Sind Sie sicher, dass sie das Medikament nicht braucht?“ – Ich sagte ihm, was ich beruflich mache und im selben Moment entspannte sich sein Gesicht, seine ganze Haltung, und er fing zu weinen an. – „Tschuldigung“, sagte er und drehte sich weg. „Ich kann sie nicht leiden sehen.“

Hauptsache, er kippt mir nicht auch noch um. Weitere Autos hielten nach und nach an. Merke: Sobald einer Erste Hilfe leistet, kommen weitere dazu. Leistet keiner Erste Hilfe, möchte kaum einer der Erste sein, und alle fahren vorbei. Zum Glück fing niemand an, mit dem Handy zu filmen. Womit man ja heute immer rechnen muss. Ich schickte die Leute weg. Ein Rettungswagen sei unterwegs. Das erschien mir angesichts des überforderten Freundes die beste Lösung zu sein. Gefühlte zehn Minuten später kam der Rettungswagen. Als die Sanitäter sie auf die Trage hoben, machte sie die Augen auf und guckte mich an, seufzte tief. Sprach wenige Worte. Wollte ins Krankenhaus. Am Ende saß ich völlig durchgefroren wieder im Auto. Vielleicht sollte ich mir, wie Maries Mutter, doch mal einen Notfallrucksack ins Auto stellen. Problem dabei ist nur: Die Anschaffungskosten trage ich. Die Kosten für den ständigen Ersatz der Medikamente, die mal Frost und mal Hitze abbekommen, auch. Das Risiko, dass einer das Auto knackt, um an die Tasche zu kommen, wäre sehr hoch. Und für einen vernünftig sortierten Rucksack legt man gut und gerne 500 Euro oder mehr hin. Hingegen soll der Rettungsdienst, der den ganzen Kram an Bord hat, nach acht bis zehn Minuten vor Ort sein. Das kann zu spät sein, und dann werde ich mir Vorwürfe machen. Andererseits … ach, ich weiß nicht.

Rapunzeln

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Unsere konzeptionelle Bewerbung für Helena haben wir Mitte dieses Monats offiziell eingereicht. Die formellen Voraussetzungen erfüllen wir, das örtliche Jugendamt hat keine Bedenken, Maries Eltern haben schriftlich zugesagt, uns bei Bedarf zu unterstützen, in der Schule und der anschließenden Tagesbetreuung gibt es keine nennenswerten Probleme, der Vormund ist „grundsätzlich einverstanden“, lässt sich aber von der fachlichen Einschätzung des derzeit betreuenden Jugendamtes leiten. Wir drei wollen nach wie vor unbedingt. Einige Menschen um uns herum sind vorsichtig optimistisch, dass das klappen wird, andere behaupten sogar, dass die das nicht mehr ablehnen können … wir sind gespannt und hoffen, dass die Entscheidung noch in diesem Jahr gefällt wird. Damit einige Dinge endlich mal einen Schritt weitergehen und für alle lieber heute als morgen Klarheit herrscht.

In ihrer Schule sind sie derzeit mit Sexualkunde-Unterricht beschäftigt. Helena kommt aus der Schule, hüpft zuerst bei Marie auf den Schoß und fragt: „Marie, darf ich dich mal was extrem Intimes fragen? Also was richtig ganz extrem Intimes?“ – „Na sicher. Darf ich mir nach der Frage aber noch überlegen, ob ich das beantworten möchte?“ – „Ähm … ja. Okay. Also. Wie soll ich das fragen? Ähm: Haben deine Eltern dir jemals das … ähm … Rapunzeln verboten?“ – „Das Rapunzeln? Ist es das, was ich denke?“ – „Ja. Genau das.“

Ich sitze im Nebenzimmer und spitze die Ohren. Was ist denn mit ihr los? Marie sagt: „Nein. Warum sollten sie das tun?“ – „Keine Ahnung.“ – Helena flitzt zu mir, springt bei mir auf den Schoß, hält sich an mir fest. „Jule?“ – „Meine Eltern haben mir das Rapunzeln auch nicht verboten. Aber ich muss dazu sagen, dass ich, solange ich zu Hause gewohnt habe, das auch nicht gemacht habe. Aber sie hätten es mir auch nicht verboten. Wer verbietet sowas?“ – „Ich weiß es nicht, ich glaube, die Eltern von der [Mitschülerin]. Sie hat ganz extrem nachgefragt, ob Eltern so etwas verbieten dürfen. Also ob so ein Verbot zählt.“ – „Ach du liebe Zeit. Aber du kennst die richtige Antwort dazu.“ – „Na klar. Mein Körper gehört mir und wer ihn anfassen will, braucht mein Okay.“ – „Das sowieso. Und was Rapunzel angeht: Es ist immer nur schwierig, wenn andere das mitbekommen. Weil man das von anderen Leuten nicht ungefragt und unvorbereitet sehen will.“ – „Nein. Aber die [Mitschülerin] tut mir leid.“ – „Das hat man früher sehr häufig gemacht, dass man das verboten hat. Man hat sogar den Kindern eingeredet, wenn sie das machen, würden sie krank werden. Das Rückenmark zerstört sich und sowas.“ – „Aber das stimmt nicht.“ – „Nein, und ich bin mindestens verwundert, wenn nicht sogar entsetzt, dass es sowas heute noch gibt.“

In dieser Woche war ich mal wieder besonders stolz auf sie. Was ich ihr nicht in der vollen Breite zeigen möchte, was ich hier aber unverhohlen zugebe. Über Sexualkunde und Rapunzel werden zum Glück keine Tests geschrieben. Aus Gründen. Aber es wurde im Test die Frage gestellt: „Wie entsteht eine Familie?“ – Kann man fragen, dann sollte man aber meiner Meinung nach aber nicht nur konservative Antworten zulassen. Helena hat aus meiner Sicht sehr klug geantwortet: „1. Durch den Wunsch, zusammen zu leben. 2. Durch die Geburt eines Kindes.“ – Leider war das der Lehrkraft keinen der fünf Punkte wert, den diese Frage vorsah. ‚Heiraten und Kinder kriegen‘ hätte vermutlich die volle Punktzahl ausgelöst. Oder noch mehr. Helena möchte der Lehrerin einen Brief schreiben. Ich weiß noch nicht, ob ich das gut finde. Ich möchte brechen.

Ganz viel Müll

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Paula und ich sind am letzten Freitag rechtzeitig um 4.30 Uhr bei mir losgefahren, um Emma vom Bahnhof abzuholen. Sie hatte einen Nachtzug genommen und wir hatten vereinbart, uns um 7 Uhr morgens am bisherigen Wohnort unseres verstorbenen Vaters zu treffen. Weil noch kein Berufsverkehr war, hoffte ich, mit zweieinhalb Stunden für die rund 300 Kilometer auszukommen. Da es fast nur Autobahn war, müsste es funktionieren.

Eine Baustelle kam nach der nächsten, kaum fuhren wir mal 120 km/h, wurden wir auch schon wieder auf Tempo 80 oder sogar nur 60 km/h ausgebremst. Schon für die ersten 100 Kilometer brauchten wir über eine Stunde. Doch dann war die Strecke frei, gut ausgebaut, freie Sicht – was will man mehr? Mit Tempomat fährt es sich sehr entspannt. Irgendwann fragte Paula: „Sag mal, fahren wir wirklich die ganze Zeit 200? Wenn ich da an meine Karre denke, die ist schon bei 130 dreimal so laut. Und kommt selbst bergab bei Rückenwind nicht über 160. Das ist voll entspannt.“ – „Im Moment sind Winterreifen drauf, daher ist es sogar etwas lauter. Aber ich bin auch sehr zufrieden.“ – Bei 200 km/h hört man nur Wind- und Abrollgeräusche. Der Motor schnurrt bei rund 2.300 Umdrehungen im 9. Gang leise vor sich hin.

Um 6.50 Uhr standen wir vor dem Bahnhof. Emmas Zug fuhr gerade ein. Wir warteten im Auto, da es arschkalt draußen war. Als nächstes wollten wir den Wohnungsschlüssel von der Polizeiwache abholen. Ich hatte extra am Vortag noch dort angerufen und nachgefragt, ob alles in Ordnung sei. Ja, natürlicher Tod, die Wohnung sei wieder freigegeben. Emma flitzte zu ihren „Kollegen“ rein – und kam zehn Minuten später ohne Schlüssel wieder raus. „Die haben den an das Nachlassgericht weitergegeben.“ – Ich dachte erst, sie wollte uns foppen. Aber es stimmte. Ich fragte: „Nee, oder? Warum das denn?“ – „Weil die hier nicht beurteilen können, wer berechtigt ist, den Schlüssel in Empfang zu nehmen.“

Na super. Und das Nachlassgericht würde vermutlich am Freitag gar nicht geöffnet sein. „Ich habe mir gerade schriftlich bestätigen lassen, dass das von der Polizei angebrachte Siegel entfernt werden kann, weil die Todesermittlungen abgeschlossen sind.“ – „Wofür brauchen wir das denn?“ – „Warte mal ab. Wir fahren jetzt erstmal zu der Wohnung und hoffen, dass nur ein Siegel an der Tür ist und nicht noch eins vom Gericht.“

Emma stiefelte zur Wohnung hoch und kam sofort wieder herunter. „Ist nur eins vom Landeskriminalamt dran wegen der Todesermittlung. Und das ist schon zur Hälfte ab. Also fragen wir jetzt mal die Nachbarn, wer einen Schlüssel hat.“ – „Doch nicht zum Gericht?“ – „Möglichst nicht. Die kommen noch auf die Idee, dass die Wohnung zur Sicherung des Nachlasses erneut beschlagnahmt wird. Ich glaube kaum, dass der zuständige Rechtspfleger an einem Freitag morgen drei Frauen einen Schlüssel aushändigt, ohne vorher geprüft zu haben, ob sie die rechtmäßigen Erben sind und ob sie das Erbe annehmen. Insofern stellen wir keine Fragen, deren Antworten wir nicht hören wollen, und wecken auch keine schlafenden Hunde.“

Die Nachbarn, die den Krankenwagen gerufen haben, hatten keinen Schlüssel. Aber der Hausmeister sollte einen haben. Der war in seinem Büro, wollte uns den Schlüssel zur Wohnung zunächst aber nicht aushändigen. Als ich ihm dann aber meinen Ausweis zeigte und den Zettel, dass die Versiegelung aufgehoben ist, versprach er, in den nächsten zehn Minuten vorbei zu kommen. Emma nahm mich auf den Arm und trug mich in den zweiten Stock, Paula kam mit meinem Rollstuhl hinterher. Vor der Tür warteten wir im Halbdunkel auf den Hausmeister. Der kam, schloss auf und sagte: „Aushändigen kann ich euch den nicht ohne Zustimmung des Haus-Eigentümers.“ – „Da wird ja bestimmt noch ein Schlüssel irgendwo liegen, dann nehmen wir den erstmal an uns.“

Wir bedankten uns, der Hausmeister ging wieder weg. Ich rollte über die Türschwelle in die Wohnung. Mir wurde schwindelig. Nicht nur von der schlechten Luft. Es war sehr sonderbar, nach zehn Jahren die Wohnung meines gerade verstorbenen Vaters zu betreten. Drinnen war das absolute Chaos. Er schien die Wohnung seit Jahren nicht mehr verlassen zu haben. Auf verschiedenen Tischen lagen meterhohe Stapel Zeitungen. Dicke Staubschichten lagen überall auf dem Teppich, verstaubte Spinnenweben hingen unter der Decke. Auf dem Küchenfußboden, auf der Spüle, auf dem zugeklappten Herd und in einem Küchenschrank standen locker 300 Bierdosen. Und mindestens 50 leere Wodkaflaschen. Paula guckte mich mit großen Augen fassungslos an.

Versifft war es nicht. Kein Schimmel, keine Viecher. Vom Altpapier und von den leeren Gefäßen abgesehen, gab es keinen Müll. Dennoch war der Geruch unerträglich. Emma öffnete erstmal alle Fenster weit, stellte dazu einige vertrocknete Blumentöpfe auf den Fußboden. Hängte die Wohnungstür aus. „Nicht, dass die zufällt, solange wir keinen Schlüssel haben.“

Die Badewanne war randvoll mit Schmutzwäsche. Sechs Uhren hingen in den Räumen an den Wänden, alle zeigten andere Zeiten an oder waren stehen geblieben. Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht der Currywurst-Tante. Ja, sie lebt noch. „Ruf doch mal zurück.“ – Nee, Schätzelein, der lebt nicht mehr.

Erinnerungen kamen in mir hoch. Blöde Erinnerungen. Mir war irgendwie zum Heulen zumute. Aber andererseits musste ich doch nicht weinen. Ganz komische Situation. Emma sagte: „Komm Jule, wir fahren zum Baumarkt. Paula bleibt inzwischen hier und passt auf die Wohnung auf. Okay?“ – Ich nickte. Emma nahm mich wieder auf den Arm, trug mich ins Auto, lief nochmal hoch, holte meinen Rollstuhl. Im Baumarkt nahmen wir uns einen großen Wagen und holten 120 Umzugskartons, 10 Rollen blaue Müllsäcke, einen neuen Zylinder für die Tür, den billigsten, den es in der Größe gab, sechs Einweg-Overalls, einen Karton Einmalhandschuhe und zwei Packungen Einmal-Mundschutz. Ich rollte immer nur hinterher, Emma hatte das alles im Griff. Ich bezahlte. Fast 150 Euro.

Als wir wieder vor der Wohnung standen, stieg Emma nicht aus. Sie guckte mich an. Ganz sonderbar. Dann nahm sie mich in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Wange. „Beschissene Situation. Lass uns das Beste draus machen.“ – Ich nickte. Sie brachte meinen Rollstuhl wieder in den zweiten Stock, kam zurück, trug mich in den zweiten Stock. Paula hatte inzwischen einen passenden Wohnungsschlüssel im Schlüsselkasten gefunden. Emma baute den Zylinder aus und baute den gekauften ein. Furzte dabei laut und sagte: „Ich weiß, es ist nur ein kleiner Beitrag für etwas bessere Luft in dieser Hütte.“

Paula grinste und irgendwie musste ich über ihren Galgenhumor lachen. Emma sagte: „So. Paula faltet Kartons, Jule nimmt eine Zeitung nach der nächsten, schaut einmal, ob wichtige Briefe dazwischen liegen, und dann weg damit. Ich bringe die vollen Kartons ins Auto. Sobald das Auto voll ist, fahre ich den Mist zum Altpapiercontainer. Einverstanden?“ – Über 100 Kartons randvoll mit Altpapier hat Emma weggebracht. Immer zwei Kartons auf einmal die Treppe runtergetragen. Und natürlich die leeren Kartons wieder mitgebracht. Zwischendurch mal was getrunken. Dann wieder weiter. Fast dreißig Kartons voll mit Altglas. Beinahe 100 Euro Dosenpfand. Wir drei sahen in den Papieroveralls aus wie die Tatort-Reiniger. Und fühlten uns auch so.

Es war halb acht Uhr abends, als wir die Wohnung von allem frei stehenden Müll bereinigt hatten. Ich rief Marie an, sagte ihr nur kurz, dass wir heute nicht mehr nach Hause kämen. Fanden zu dritt ein Zimmer in einer billigen Hotelkette und duschten erstmal. Gingen in einem netten Restaurant noch eine Kleinigkeit essen. Fielen, zurück im Hotel, in unsere Betten und pennten sofort ein.

Am nächsten Morgen beim Frühstück waren wir fast die Einzigen. Emma sagte: „Wir werden heute alles durchwühlen und alle nötigen Dokumente sicherstellen. Und dann schlage ich vor, wir beauftragen ein Sperrmüllkommando, das die Bude in den nächsten Wochen komplett entrümpelt.“ – Vor ungefähr zehn Jahren hatte er die ganzen Möbel in einem Billig-Kiefermöbel-Mitnahmelager oder beim schwedischen Riesen gekauft. Nichts dazwischen, was man zum Flohmarkt bringen könnte, bei den meisten Schränken fielen schon die Türen ab oder Schubladen waren in sich zusammengefallen, kurzum: Schrott.

Wir sichteten zu dritt jede Menge Unterlagen. Fanden eine Sterbegeldversicherung über 2.500 Euro (für die er unsinnigerweise in den letzten 15 Jahren pro Monat 40 Euro eingezahlt hatte), fanden insgesamt sechs Sparbücher mit Guthaben jeweils zwischen 200 und 5.000 Euro. Auf dem Girokonto hatten sich, weil er ja in den letzten zwei Jahren so gut wie nichts mehr ausgegeben hatte, fast 15.000 Euro angesammelt. In einem Briefumschlag waren fast 2.000 Euro Bargeld, die, wie man anhand der weiteren Unterlagen in dem Briefumschlag feststellen konnte, irgendwer vor drei Monaten von jenem Sparbuch abgehoben haben musste, auf dem jetzt noch 200 Euro waren. Wer das war (und womöglich eine Vollmacht hatte), konnten wir nicht klären.

Wir fanden das Scheidungsurteil über die Ehe meiner Eltern, was bei der Beantragung des Erbscheins, den wir brauchen würden, hilfreich sein wird. Und den Mietvertrag, den wir jetzt kündigen müssten. Wir fanden jede Menge alte Briefe, die meine Mutter meinem Vater geschrieben hat. Ich habe sie nicht gelesen. Wir fanden allerdings keine Fotos, weder von mir, noch von meinen Halbgeschwistern. Auch keine von nackten Frauen. Dafür aber ein schussbereites Gewehr und 200 Schuss Munition. Im Kleiderschrank im Schlafzimmer.

Wir haben inzwischen einen Bestatter damit beauftragt, meinen Vater abzuholen. Er wird verbrannt. Was mit seiner Asche passieren soll, ist noch nicht sicher. Vermutlich werden wir seine Urne anonym bestatten lassen.

Am Sonntagabend sind Emma und Paula zunächst wieder zu sich nach Hause gefahren. Helena empfing mich mit den Worten: „Ich hab dich vermisst“ und wollte sofort kuscheln. Seit Montag muss ich wieder arbeiten. Der Alltag hat mich wieder. Und das ist im Moment auch ganz gut so.