Selbsternannter Alles

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Da könnte man mal einen Tag ausschlafen. Einen Tag seit langer Zeit. Marie hat sich um Helena gekümmert, Helena war in der Schule und um halb neun bimmelte es an der Haustür. Einmal, zweimal, dreimal. Helena ist krank und sie hat ihren Haustürschlüssel vergessen? Nee, ein osteuropäischer Mensch stand vor der Tür und bat um Spenden. War angetrunken und erklärte: „Ich bin selbsternannter internationaler Menschenrechtler und selbsternannter Alles. Sie müssen mir Geld geben.“

Dann allerdings gerieten seine Gedanken aus der Spur: „Was hast du gemacht, sitzen im Rollstuhl. Unfall gehabt?“ – „Hören Sie, ich möchte nicht, dass Sie hier klingeln. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“ – Tür zu. Während ich mich wieder hinlegte, hoffte ich, dass der selbsternannte Alles nicht nochmal klingelt oder aus Frust in meine Hecke pinkelt. Ich war gerade wieder eingeschlafen, da bimmelte es tatsächlich erneut. Gleich zwei Mal hintereinander. Und kurz darauf wummerte jemand gegen die Tür. Jetzt reichte es.

Dieses Mal sah ich zwei Umrisse vor der Glastür. Zwei Menschen in blau. Die suchten bestimmt den selbsternannten Alles, dachte ich mir. Ich öffnete. „Guten Morgen, wir möchten zu Frau Socke.“ – „Steht vor Ihnen.“ – Nanu? Ist was mit Helena? Oder mit Marie? Vermutlich bin ich zu schnell gefahren. Oder zu langsam. Oder es geht um mein Auto, das ja noch auf dem Klinikparkplatz steht. Hat es jemand geklaut und ist damit gegen einen Baum gefahren? Sie fragten: „Dürfen wir mal reinkommen?“ – „Eigentlich nicht. Worum geht es?“ – „Sind Sie die Tochter von Herrn … Socke, geboren am …?“ – „Dann kommen Sie doch mal rein.“

Das hörte sich nicht gut an. Und meine Befürchtung sollte sich bewahrheiten. „Wir müssen Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen. Ihr Vater ist gestern abend tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es tut mir sehr leid.“ – Ich hatte irgendwie damit gerechnet, dass das eines Tages auf mich zukommen würde. Aber so rasch? Ich antwortete: „Danke. Wissen Sie Genaueres?“ – „Nein, wir haben nur die Bitte von den Kollegen aus … bekommen, Sie zu benachrichtigen. Ich gebe Ihnen aber gerne die Nummer der örtlich zuständigen Wache, dann könnten Sie dort nachfragen.“ – „Ja, vielen Dank.“ – „Können wir noch etwas für Sie tun?“ – „Nein, ich glaube nicht.“ – „Sollen wir jemanden anrufen, der zu Ihnen kommt, damit Sie nicht alleine sind?“ – „Nein, das ist so in Ordnung. Ich habe zu meinem Vater seit fast zehn Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Das ist zwar eine sehr traurige Nachricht, aber ich bin einigermaßen gefasst.“ – „Dann wünschen wir Ihnen trotzdem noch einen schönen Tag.“

Er wäre dieses Jahr noch 62 geworden. Das ist eigentlich kein Alter, um zu sterben. Ich bin heute, am Tag nach der Nachricht, spontan die rund 300 Kilometer zu seiner Adresse gefahren, kam natürlich nicht bis zur Wohnung, da sie im 2. Stock ohne Aufzug ist. Auf dem Hintern die Treppen hochrutschen wollte ich dann doch nicht. Ein älterer Herr fummelte auf einem vor dem Haus gelegenen Garagenhof an seinem Fahrrad herum, er fragte gleich, zu wem ich wollte, und wie sich dann herausstellte, wohnt er mit seiner Frau im ersten Stock schräg unter meinem Vater. Zu dem Nachbarn hatte mein Vater wohl bis zuletzt immer mal lockeren Kontakt gehabt. Er erzählte, dass er das Haus eigentlich seit zwei Jahren nicht mehr verlassen hatte. „Verschiedene Nachbarn haben für ihn eingekauft, das konnte er ja alles nicht mehr. Jetzt hatten wir uns gewundert, weil wir fast eine Woche nichts mehr von ihm gehört haben. Sonst kam er immer mal bis zu unserer Wohnungstür und redete mit uns, gab uns einen Einkaufszettel, aber nachdem wir gar nichts mehr von ihm hörten, sind wir nach oben und als niemand öffnete, haben wir den Krankenwagen angerufen. Naja, die haben ihn dann im Flur gefunden. Die Wohnung ist noch versiegelt, da darf im Moment noch niemand rein.“

Paula, meine Halbschwester, wird am Donnerstag zu mir an die Ostsee kommen. Mit ihr fahre ich dann am Freitag noch einmal zu seiner Wohnung. Emma, meine andere Halbschwester, kommt am Freitag direkt aus Bayern dazu. Dann wollen wir das Chaos mal sichten und entscheiden, wie es weitergeht. Sofern die Obduktion nichts Auffälliges ergibt, wird die Wohnung bis dahin freigegeben sein.

Auch wenn es mein Vater war und die Nachricht an sich sehr emotional ist, trage ich das alles gerade sehr mit Fassung. Ja, es berührt mich, und ja, ich denke darüber nach, wie ich es mir (anders) gewünscht hätte, aber ich habe ihn fast zehn Jahre nicht gesehen. Und das, was ich zuletzt gesehen habe, wie er mich behandelt hatte, wie er meinen Unfall verarbeitet hat, hatte einen tiefen negativen Eindruck bei mir hinterlassen. Es ist meine rechtliche Pflicht, mich zusammen mit meinen beiden Halbschwestern darum zu kümmern, dass er bestattet wird, ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich um die Wohnung und den Nachlass zu kümmern, sofern die finanzielle Situation nicht so unmöglich ist, dass es klüger wäre, gar nichts erst anzufassen. Aber mehr wird da nicht laufen.

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.

Ein weiteres tolles Wochenende

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Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei. Inzwischen kann ich fließend bayrisch. Zumindest verstehen. Als Hamburger Deern glaubte ich zu wissen, dass, wenn ich morgens meine Stinkesocken nicht wiederfinde, diese höchstwahrscheinlich „wech“ sind. Inzwischen habe ich aber gelernt: Sie könnten auch „fort“ sein.

Um gleich der Frage vorzubeugen: Ich trage nachts keine Socken. Es sei denn, es ist arschkalt. Aber selbst dann ziehe ich die Dinger im Schlaf meistens unfreiwillig aus, zumindest eine davon, so dass ich das auch gleich sein lassen kann. Wenngleich ich meine Beine und Füße nicht willentlich bewegen kann, bewegen tun sie sich im Schlaf trotzdem. Von alleine, durch Nervenimpulse, die die Muskeln gerne hätten oder glauben, wahrgenommen zu haben. Gerade wenn ich lange Zeit gesessen habe und dann die Beine strecke, fangen sie gerne an zu zappeln.

Von Marie oder Cathleen würde es, wenn wir unter derselben Decke liegen, irgendwann heißen: „Sag mal, kriegst du das langsam mal in den Griff mit deinen Füßen? Das Gezappel nervt.“ – Meine Schwestern lagen zwar nicht mit unter meiner Decke, sondern auf einem aufblasbaren Gästebett in meinem Zimmer, trotzdem reichte es aber irgendwann für ein: „Mogst need amoi dei haxn gscheit zammramma?“ – Wobei ich dann mich vor meinem inneren Auge einen Karton gepökelte Eisbeine verräumen sah und unwillkürlich zu lachen anfing.

Sie haben sich bemüht, hochdeutsch zu sprechen. Und es hat auch geklappt. Aber geflucht haben sie auf bayerisch. Und untereinander waren sie auch eher in ihrem Slang unterwegs.

Was mir besonders toll gefallen hat: Sie hatten nach wie vor kein Mitleid und haben mich nicht mit Samthandschuhen angefasst. Okay, ich erwähnte bereits, dass Paula schon seit frühester Kindheit eine enge Freundin hat, die wegen Spina bifida, einer angeborenen Querschnittlähmung, im Rollstuhl sitzt, und inzwischen mit ihr zusammen studiert. Womit natürlich auch Emma regelmäßigen Kontakt zu ihr hatte und auch noch hat. Das ist ja aber bekanntlich kein Garant dafür, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten – umso schöner, dass sie es tun.

Wir hatten ein ziemlich gefülltes Wochenendprogramm. Beide hatten sich von mir eine Erkundungstour im Rollstuhl gewünscht. „Ich möchte das schon seit Jahren, meine Freundin sagt immer, ich soll es einfach tun, aber ich kann mir das einfach nicht erlauben. Bei uns zu Hause ist das Risiko einfach zu groß, dass mir jemand über den Weg läuft, der mich kennt und im günstigsten Fall sich nur erschrickt und hinterher dumme Fragen stellt. Es gäbe aber auch genügend Leute, denen könnte man das nicht erklären. Unsere Mutter würde ausflippen, wenn es wegen so einer Aktion später Theater gibt.“

„In Hamburg kennt uns keiner. Da können wir mal die Sau rauslassen.“ – Also fuhren Marie und ich zusammen mit Emma und Paula in die Sporthalle „meines“ Krankenhauses, um, bewaffnet mit zwei weiteren Rollis, den beiden das Rollstuhlfahren beizubringen. Wenn man schon so eine Entdeckungstour macht, gilt es auf alle Fälle zu vermeiden, dass Situationen entstehen, die anderen Menschen eine Hilfestellung abverlangen. Das gehört sich einfach nicht. So eine Behinderung „vorzuspielen“ ist eine Sache, solange aber kein Dritter unmittelbar betroffen ist, ist das aus meiner Sicht eine persönliche Sache. Aber nun sich noch von Dritten helfen lassen, obwohl man eigentlich auch aufstehen könnte, das ginge entschieden zu weit.

Also übten wir, wie man sich fortbewegt. „Drin gesessen hab ich ja schon oft bei meiner Freundin. Und rumgegurkt bin ich damit im Zimmer auch schon. Und ankippen kann ich auch“, sagte Paula, verschätzte sich mit der Kippfreudigkeit von Sofies leihweise überlassenen Zweitrolli und lag auf der Erde. Das Kinn hatte sie gerade noch rechtzeitig zur Brust gezogen, so dass sie nicht mit dem Hinterkopf auf den Hallenboden donnerte. Zwei Sekunden guckte sie verdattert aus der Wäsche, dann fing sie zu lachen an. Auf der Straße wären nun die Menschen zusammengelaufen, mindestens einer hätte 112 gewählt … hier in der Sporthalle, an deren Rand mindestens 30 Leute an Fitnessgeräten turnten oder auf Fahrradergometern radelten, kümmerte sich niemand um das Problem. Lediglich der anwesende Sporttherapeut murmelte im Vorbeigehen: „Fallsucht?!“

Nach zwei Stunden Crashkurs verkündete Emma: „Ich bin völlig nassgeschwitzt. Ich muss gleich erstmal duschen. Ich hätte nie gedacht, dass das so anstrengend ist. Obwohl, ‚anstrengend‘ ist das falsche Wort. Kraft braucht man eigentlich kaum, aber man muss sich unheimlich konzentrieren, um das alles präzise zu koordinieren.“ – Am Ende meinte der Sporttherapeut: „Ist genehmigt. Wollt ihr heute noch auf große Tour?“

Als wir wieder bei mir zu Hause waren, schnipselten wir mit vier Leuten eine Reispfanne zusammen. Plötzlich sagte Emma: „Wir haben neulich gesehen, dass du die Million voll hast. Seitenaufrufe meine ich, bei deinem Blog. Bist ja ganz schön berühmt geworden mit deiner Geschichte, oder? Hast du nicht manchmal Angst, dass deine Offenheit dir Nachteile bringt? Ich meine später mal im Job oder wenn du neue Leute kennen lernst. Es gibt doch viele Dinge, von denen man eigentlich nicht möchte, dass andere sie erfahren. Du schreibst irgendwie über alles.“

Ich antwortete: „Ich glaube, diese Angst muss man nur haben, wenn man Außenseiter ist. Ich formuliere das bewusst so krass. Wenn man Freunde hat, die einen mögen wie man ist, und ich bin überzeugt, die habe ich, dann kann es einem völlig egal sein, was andere, die (noch) nicht deine Freunde sind, über dich denken. Ich zwinge ja niemanden zu näherem Kontakt. Ich kann mir lediglich vorstellen, dass, wenn man keine Freunde hat, es cool sein könnte, über mich abzulästern. Wenn keiner da ist, der widerspricht, weil er mich gern hat, kann man sich vielleicht eher ergötzen über die Dinge, über die ich öffentlich schreibe, obwohl man sie eigentlich vor der Öffentlichkeit geheim hält. Hast du Freunde, die solche Lästereien gleich im Keim ersticken würden, traut sich keiner, schließlich will man sich damit nicht selbst zum Außenseiter machen. Ich habe vielmehr die Erfahrung gemacht, dass man mit Offenheit und Ehrlichkeit gut punkten kann.“

Ich fügte hinzu: „Nicht alle mögen das. Vor meinem Unfall wäre ich lieber gestorben als zum Beispiel gefragt zu werden, ob ich schon mal Sex hatte. Oder mich selbstbefriedigt. Obwohl ich das damals noch nie gemacht hatte. Geschweige denn Sex. Und heute? Ich rede nicht mit jedem über Sex. Oder über Selbstbefriedigung. Es bleibt schon etwas intimes. Aber kein Geheimnis. Es darf ruhig jeder wissen, ob ich das mache. Wenn es interessiert. Ich laufe auch nicht durch die Straßen und rufe das in die Welt hinaus. Aber wenn einer fragt, bekommt er eine ehrliche Antwort. Und wenn einer meinen Blog liest, liest er mitunter auch darüber etwas. Statistisch gesehen mache ich das sowieso, dann bin ich lieber eine Persönlichkeit als eine Nummer. Ich habe lieber klare Verhältnisse als Gerüchte.“

Emma fragte Marie: „Bist du auch so offen?“ – Marie sagte: „Ich weiß nicht. Im Prinzip schon. Ich schreibe halt keinen Blog. Aber wenn mich jemand was intimes fragt … es hängt immer davon ab, warum mich jemand etwas fragt. Wenn er sich über mich lustig machen will, gebe ich eher keine Antwort.“ – Paula fragte: „Okay. Masturbierst du?“ – Marie grinste. Und sagte dann: „Jetzt gerade nicht.“ – „Anknüpfend an die Geschichte von neulich: Weiß deine Mutter, dass du das machst? Oder vermutet sie es nur? Wirst du jetzt rot?“ – Marie antwortete: „Ich werde immer rot bei solchen Themen. Aber sie weiß es.“ – Emma warf dazwischen: „Na, ihr habt ja Themen.“

Ich fragte: „Redest du mir ihr darüber?“ – „Um Himmels Willen. Nee. Nein, sie kam mal morgens in Zimmer und ich war halt im Bett, es war ein Sonntagmorgen, ich hatte mich sehr intensiv beschäftigt und war etwas verschwitzt. Sie wollte mich zum Frühstück wecken, sah mich und fragte, ob ich Fieber hätte. Wollte mir ihre Hand auf die Stirn legen und ich fauchte sie an: ‚Mama! Kein Fieber. Etwas mehr Diskretion bitte, ja?'“ – Ich grinste. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen, auch den Gesichtsausdruck dazu. Ich fragte: „Und wie hat sie reagiert?“

„Ach, ganz süß eigentlich. Sie ist zurückgezuckt und sagte ‚Oh, Verzeihung. Ähm, Frühstück ist fertig.‘ Und später in der Küche hat sie mir einen Kuss gegeben und gesagt: ‚Mach dir keinen Kopf, okay? Es ist alles gut.‘ – Ich war damals 13 oder 14. Und da ist man doch noch etwas sensibler und grübelt über vieles nach. Beziehungsweise: Ich hab über vieles nachgegrübelt.“ – „Ich glaube, das ist normal.“ – „Und eine andere Situation hatte ich noch, da war ich 16 oder 17, da habe ich mir von meiner damaligen besten Freundin [aus einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit angeborener Querschnittlähmung] einen Vibrator ausgeliehen. Sie hatte den von ihrer größeren Schwester und eigentlich wusste ich nicht, was ich überhaupt damit wollte, aber es war cool und erwachsen und … naja, ich hab ihr versprochen, wenn ich den ausprobiere, zieh ich vorher ein Kondom drüber. Hab ich auch gemacht, nur leider hat meine Mutter das Kondom im Mülleimer entdeckt. Ich hatte damals einen Freund, mit dem ich aber nur geknutscht hatte, bevor es zum ersten Sex kam, waren wir schon wieder auseinander. Ich habe damals die Pille nicht bekommen, weil meine Mutter Angst hatte wegen Thrombose. Wir haben sehr offen darüber gesprochen und ich war einverstanden, dass ich sie nicht nehme, solange ich sowieso nicht mit ihm schlafe. Sie meinte, sie hat absolut nichts dagegen, wenn wir Sex haben, wir sollen nur unbedingt an Verhütung denken. Und ich habe ihr halt erklärt, dass wir höchstens fummeln, sie also ganz beruhigt sein kann. Und dann sah sie halt das benutzte Kondom.“ – „Und dann?“ – „Naja, sie hat mich drauf angesprochen und gesagt: ‚Ich dachte, ihr knutscht nur. Ist das noch aktuell, dass du keine Pille willst?‘ – Und ich habe halt gedacht: ‚Was will sie jetzt von mir, ich habe meinen Freund zwei Tage nicht gesehen?‘ – Naja, das Kondom. Lag halt im Müll im Bad. Hab ich ihr halt die Story mit dem Vibrator erzählt.“ – „Und?“ – „Sie hat mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Flasche Desinfektionsmittel hingestellt und gemeint: Kannst du auch einfach abwischen. Ist auf die Dauer billiger.“ – „Cool.“

Paula fragte Marie: „Trägst du eigentlich auch Pampers?“ – Marie schüttelte den Kopf. „Nee. Ausnahmsweise vielleicht mal. Bis ich 14 war, hab ich immer welche gehabt, aber seitdem bekomme ich ein Medikament, das die Blase lähmt und muss mich kathetern. Das klappt recht zuverlässig.“ – „Warum nimmst du dieses Medikament nicht, Jule?“

„Ich bekomme das auch. Aber in niedrigerer Dosierung, weil ich die höhere Dosierung nicht vertrage. Da werde ich zittrig, sehe Doppelbilder – geht nicht. Ich bin ja auch relativ dicht, die Pampers ist ja eher eine Vorsichtsmaßnahme. Wenn ich zu Hause bin oder nur kurze Zeit unterwegs, trage ich auch keine. Und ich muss mich eben nicht kathetern, weil ich die Blase so leer bekomme. Hat alles seine Vor- und Nachteile.“

Paula sagte: „Ich würde ja eigentlich auch gerne mal sowas anziehen. Also nur um zu wissen, wie sich das anfühlt.“ – Emma fielen fast die Augen aus dem Kopf. Marie sagte: „Mach doch. Lass dir von Jule eine geben. Ist aber nicht anders als eine Unterhose. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass man sie richtig zuklebt.“ – Ich grinste. Emma verfiel vor Fassungslosigkeit in ihren bayerischen Dialekt, fragte ihre Zwillingsschwester einigermaßen entsetzt, ob sie jawohl nicht auch noch „einisoacha“ will.

Als wir endlich unterwegs waren, war Emmas erste Bemerkung: „Was gaffen die Leute denn bloß so extrem? Haben die noch nie jemanden im Rolli gesehen oder was? Das ist ja völlig extrem!“ – „Ich habe keine Ahnung, ob das vielleicht daran liegt, dass wir zu viert sind.“ – „Nee, eben als ich alleine mit dem Aufzug vorweg gefahren bin, glotzte auch ein Typ so extrem. Ich hätte am liebsten was gesagt.“ – „Ich merke das schon gar nicht mehr. Ich blende das echt aus. Es kann sogar sein, dass Leute an mir vorbei laufen, die ich kenne, und die ich überhaupt nicht wahrnehme. Oft denken die, ich bin unfreundlich und grüße nicht. Oft nehme ich sie gar nicht wahr.“

Wir fuhren mit der U-Bahn in die City, eierten dort durch die Haupt-Einkaufsstraße. Emma sagte erneut: „Das Gegaffe macht mich aggressiv. Ich kenne das ja von der Uniform her, da gucken ja auch viele. Plötzlich grüßen dich wildfremde Leute. Gähnen ohne Hand vor dem Mund oder in der Nase popeln kann man da nicht so einfach. Aber man kann zur Not wenigstens noch die Mütze weit ins Gesicht ziehen. Aber das hier? Ich komme mir vor wie eine rollende Zielscheibe.“

„Ich stell mir gerade vor, du setzt dir eine Polizeimütze auf und fährst damit im Rolli herum.“ – „Genau. Und dann am besten noch mit Handschellen an den Rollstuhl gefesselt. Und hinten guckt eine Windel aus dem Hosenbund.“ – Marie krümmte sich vor Lachen. Ein Mann fasste ihr von hinten auf die Schulter: „Na, habt ihr auch Spaß? Das finde ich toll.“

Am Jungfernstieg stellten wir uns an einem Eisladen an. Als Emma ihren Eisbecher in der Hand hielt, fragte sie: „Scheiße. Und wie komme ich jetzt vorwärts?“ – Eine Frau: „Ich helfe Ihnen! Soll ich Ihr Eis nehmen?“ – Ich löste die Situation auf: „Hier, halt mein Eis auch und ich schiebe dich.“ – Genauso machten es auch Marie und Paula. Als die beiden im der Abendsonne auf die Binnenalster guckten, meinte Paula: „Hamburg ist schon schön. Irgendwie haben wir noch nicht viel gesehen, aber mir gefällt die Stadt. Ehrlich.“

Als wir wieder zu Hause waren und die zwei überflüssigen Rollis abgestellt hatten, machten wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, diesmal zur Sternschanze. Das dortige Schanzenfest wollten die beiden unbedingt erleben, wenngleich der größte Teil des Nachmittags bereits vorüber war. Ein Straßenfest mit vielen Flohmärkten, Musik, Fressmeile zog tausende Leute an. Wir ergatterten sogar noch einen Außentisch in einer der vielen Gaststätten und bekamen noch total leckeres Essen. Die Luft war angenehm warm und wir wären auch gerne noch länger geblieben, nur irgendwann kippte die Stimmung merklich. Nicht unsere, sondern die offensichtlich extra angereister Chaoten, die auf Randale eingestellt waren. Entsprechend machten wir uns vom Acker – gerade noch rechtzeitig, denn kurz danach gab es in jener Straße die erste Messerstecherei.

Am Sonntag haben sich Emma und Paula jeweils ein Fahrrad ausgeliehen. Zu dritt (ich mit meinem Handbike, nein nicht das Rennbike, sondern das zum Vorspannen für den Alltagsrolli) sind wir insgesamt fast 35 Kilometer an der Elbe entlanggeradelt. Es war total toll. Paulas erster Kommentar: „Ohh, Schaaaafis! Und ein schwarzes ist auch dabei!“ – Emma: „Familienzusammenführung.“

Unter anderem kamen wir auch an der Stelle vorbei, an der ich das aktuelle Hintergrundbild aufgenommen habe:

Am Montagmorgen sind meine Zwillingshalbschwestern wieder nach Bayern zurückgefahren. Ein weiteres tolles Wochenende ist vorbei.

Sand im Ohr, Sonne im Hirn

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Ich bin wieder zurück. Eine Woche Strand mit einem Haufen verzogener Kinder und Jugendlicher Betreuerinnen und Betreuern ist vorbei. Nach ausgiebigem Schlaf in (m)einem vernünftigen Bett habe ich gerade die hoffentlich letzten Sandkörner aus meinen Ohren gewaschen.

Nach einer Woche Trainingslager in Bayern und dem Kennenlernen meiner beiden älteren Halbschwestern hatte ich quasi einen halben Tag Zeit, Wäsche zu waschen, neu zu packen, Mails grob zu checken und die wichtigsten Telefonate zu erledigen, bevor es eine weitere Woche mit letztlich fast 30 Kindern und Jugendlichen (zwischen 12 und 18, bei wenig Heimweh auch ab 11 oder 10, bei viel Langeweile auch bis 19 oder 20 Jahren) auf Strandfreizeit an die Ostsee ging. Stinkesocke übernahm mit noch fünf anderen „Erwachsenen“ die „Betreuung“ der Horde – für lau natürlich. Wir Betreuer mussten zwar Unterkunft und Essen nicht bezahlen, bekamen aber auch kein Geld. Was mich besonders berührt hat, war, dass mal wieder alle Kinder und Jugendlichen mitfahren konnten. Es gibt ja immer wieder einige Familien, die die 300 € für eine Woche Freizeit für ein Kind nicht leisten können, und die auch keine öffentlichen Zuschüsse bekommen. Hier sammelt seit Jahren ein Unternehmen aus dem Hamburger Umland mit einer Spendenaktion für diese Sommerfreizeit – die Nachkommestellen (also Cent) aller Junirechnungen fließen in einen Topf und am Ende rundet der Chef auf eine volle Summe auf. So sind in diesem Jahr 1.500 € zusammengekommen. Natürlich klappt sowas nur, wenn die Firma sich darauf verlassen kann, dass nur diejenigen unterstützt werden, die wirklich mittellos sind.

Nach anfänglich regnerischem Wetter zog Petrus ab Montagmittag alle Register. Was ich besonders toll fand, besonders nach der langen Regenzeit im Norden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren derart pflegeleicht, dass wir Betreuer einen sehr entspannten Job hatten. Kein Gezicke, kein Geschrei, kein Gemetzel, nur mal das eine oder andere Wehwehchen. Wir hatten eine bunte Mischung aus körperlichen Behinderungen unter den Teilnehmern, einige waren dazwischen, die zusätzlich eine Lernbehinderung hatten, darauf musste man zwar intensiv eingehen können, aber man hatte nicht ein einziges Mal irgendeinen Stress. Na klar, dummes Zeug, Albernheiten und eine enorme Lautstärke gehörten auf die Tagesordnung, aber nicht ein Jugendlicher ist auf die Idee gekommen, irgendetwas auszufressen, worauf man irgendwie hätte reagieren müssen. Da wurde nicht gesoffen, nach Schlafenszeit tobte niemand mehr durchs Haus, es verschwand niemand unabgemeldet, es gab zwar verschiedene Untergruppen, aber keinen Streit – himmlisch. Wie Urlaub. Mit mir am Frühstückstisch saßen unter anderem zwei Lehrer, die zu einer Schulklasse gehörten, und die sagten schon irgendwann: „Ich begreif das nicht. Bei uns wird mit Brötchen geworfen, die schmeißen sogar die leere Milchkanne von einem Tisch zum nächsten – Kevin lässt du das mal sein, die geht kaputt! – und bei euch gießen sich gegenseitig die Milch ein, wenn einer Hilfe braucht, ohne dass man ein Wort sagen muss.“ – „Das kann man aber nicht vergleichen.“ – „Wahrscheinlich nicht.“

Und ab Dienstag wollten mich meine doppelten halben Schwestern Emma und Paula einen Tag am Strand besuchen kommen. Sie waren am Montag mit dem Auto bis Hannover gefahren, hatten dort geschlafen und waren um kurz nach 10 am Strand. „Ich war noch nie am Meer!“, sagten beide wie aus einem Mund.

Mein erstes Treffen mit den beiden musste ich erstmal verdauen und verarbeiten, aber inzwischen habe ich gemerkt, dass Emma und Paula nicht allzu viel von meinem Vater geerbt haben. Oder um es positiv auszudrücken: Während mehrere Strandgäste in der unmittelbaren Nähe umzogen, weil eine so große Behindertengruppe ihnen „zu viel Lebensrealität im Urlaub“ sei, waren die beiden gleich voll im Geschäft: Wir waren auf einem besonderen Strandabschnitt, auf dem auch Klettergeräte, ein Volleyballnetz und ähnliches aufgebaut waren, dafür aber keine Strandkörbe standen, und der für besondere Zwecke genutzt wird. Wir hatten die offizielle Genehmigung der Gemeinde bekommen, dort zwei große Zelte aufstellen zu dürfen, und Emma und Paula unterstützen den Aufbau gleich mit vollen Kräften, trugen Klappkisten aus dem Auto ins Zelt, halfen einigen Leuten durch den Sand – völlig entspannt. Dann kam ein Typ von der Kurverwaltung und schaute sich das alles an, befand das alles für gut und verschwand wieder mit der Ermahnung, keinen Müll ins Meer zu werfen.

Und dann ging es los mit Sonnencreme und Spaß pur: Wir hatten drei XXL-Luftmatratzen am Start, jeweils acht bis 10 Leute passten drauf. Gekuschelt und gestapelt natürlich. Und was ist lustiger, als sich bei auflandigem Wind durch die Wellen schaukeln zu lassen? Richtig: Einen Fußgänger dabei zu haben, der die Luftmatratze so positioniert und schwimmend durch die Gegend schiebt, dass die Wellen jeweils die volle Breitseite bekamen und die Luftmatratzen immer einen Wimpernschlag vor dem Kentern waren. Die Ostsee soll zwar nur 14 Grad gehabt haben, aber wir waren trotzdem am Dienstag sechs Mal im Wasser.

Und in der Zwischenzeit wurde ich erstmal eingebuddelt. Großes Loch in den Sand, Stinkesocke rein, komplett zuschütten. Dann bekam ich einen kleinen Sonnenschirm daneben, einen Becher mit Trinkhalm zu meinem Mund und vor die Nase den Spiegel-Artikel über den bei „Wetten Dass“ verunglückten Samuel Koch. Irgendwie kam ich mir ziemlich behindert vor, andere Leute beim Umblättern der Zeitung um Hilfe bitten zu müssen – schließlich waren meine Arme auch komplett eingegraben. Es hatte aber einen Vorteil: Es war angenehm kühl.

Emma und Paula blieben spontan bis Donnerstag abend, schliefen die beiden Nächte in einem billigen Hotel am Stadtrand von Lübeck. Wir haben uns sehr gut verstanden und hatten viel Spaß miteinander. Worüber ich sehr glücklich bin (inzwischen), ist, dass sie wirklich ernsthaftes Interesse an mir haben. Sie haben beide meinen Blog gelesen, sie haben sehr viel über sich erzählt, sie haben sehr viel gefragt und wollen im nächsten Monat auch noch einmal nach Hamburg kommen (und ich soll spätestens im September zu ihnen nach Hause für ein Wochenende). Das einzige, woran ich mich noch nicht gewöhnt habe, ist, dass sie über meinen Vater kaum gesprochen haben. Sie haben sich distanziert, einerseits, meinten aber, dass es nichts bringe, sein Verhalten zu bewerten. Weder das vor 22 Jahren, noch das die 20 Jahre lang, noch das die letzten drei Jahre nach meinem Unfall. Er sei einfach eine Person, zu der man nur eine oberflächliche Beziehung haben könne – wie zu einem Nachbarn, mit dem man sich das besser nicht verscherzt, aber mit dem man auch keinen Kaffee trinken geht. Was auf den ersten Blick hart klingen mag, wenn Kinder so über ihren Vater (oder neutraler vielleicht: Erzeuger) reden, so ist es vielleicht der einzige Weg, wie sie mir den Spagat zwischen dem jahrelangen Kontakt zu ihm und ihrer Distanz zu seinem indiskutablen Verhalten mir gegenüber glaubhaft vermitteln können.

Und sonst? Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass zwar die Kinder und Jugendlichen allesamt sehr lieb und pflegeleicht waren, wir aber drei Betreuer hatten, die vorzeitig nach Hause geschickt bzw. ausgetauscht wurden. Ein Paar hat sich so in die Haare bekommen, dass sich die beiden nach insgesamt fünfjähriger Beziehung getrennt haben (wobei das nach meiner Einschätzung nur noch eine Frage der Zeit gewesen ist, da die schon immer einen unmöglichen Tonfall gegenüber hatten) und entsprechend „indisponiert“ waren, um mit deren Worten zu sprechen. Eine dritte Betreuerin, 24 Jahre alt, hat sich benommen als wäre sie 4 Jahre alt. Hat sich an keine Absprache gehalten, nur rumgezickt und als dann wiederholt die Teilnehmer irritiert nachfragten, warum Frau … eines tut oder anderes lässt, wurde sie kurzerhand nach Hause geschickt. Zu viel Sonne im Hirn.

Was bleibt sind zwei absolut tolle Ferienwochen mit vielen schönen Erinnerungen, gut gebräunte Haut, zwei große Schwestern, mit denen ich mich gut verstehe und ein Brief im Kasten, dass der im Februar bestellte Touran abholbereit ist. Somit gibt es nicht nur einen Ausblick auf eine weitere Woche schönes Sommerwetter, sondern auch noch darauf, dass ich endlich mal wieder motorisiert bin – wenngleich sich Sofie und ich den Touran teilen wollen. Der ebenfalls bestellte Viano ist inzwischen in den November gerutscht. Unglaublich.