Emma und Paula

25 Kommentare4.555 Aufrufe

Schreibstauentstehung nenne ich das Phänomen, das einem intensiven Erleben ereignisreicher Tage und kurzer Nächte zwischen fremden Wänden geschuldet ist. Keine Angst, aus dem Schreibstau entwickelt sich kein anderer Schreibstil, mir hat lediglich die Sonne ein wenig zu doll auf den Kopf geschienen. Das zusammen mit vielen neuen und tiefen Eindrücken ließ mich heute morgen beim Blick in den Spiegel jemanden erkennen, der neben mir sich steht sitzt.

Bevor ich also über so langweilige Dinge schreibe wie ein absolut spannendes Trainingslager in Bayern mit vielen netten Leuten, jeder Menge Spaß, guten Trainern und dem Gefühl im Bauch, es hat sportlich eine Menge gebracht, muss ich als allererstes von dem Treffen mit meinen zwei Halbschwestern schreiben.

Es war deutlich entspannter als zuerst angenommen, wenngleich es sehr bewegend war. Nicht, weil ich nach 20 Jahren endlich meine Halbschwestern sehe – von denen habe ich zwanzig Jahre nichts gewusst, also habe ich auch nichts vermisst. Nein, die Tatsache, dass mein Vater mir über Jahrzehnte nichts gesagt hat und mich ganz offensichtlich auch angelogen hat, das ist schon hart. Das ist eine Dimension, die ich von ihm bisher nicht kannte. Und die natürlich weitere Zweifel aufwirft. Was ich auch sehr ungerecht fand, ist, dass meine Halbschwestern seit jeher von seinem Doppelleben wussten, ich jedoch nicht. Aber dafür können sie natürlich nichts.

Ich habe mich mit Informationen zu mir vor dem Treffen sehr bedeckt gehalten. Wenngleich ich mir sehr sicher war, dass das alles echt ist, blieben mir bis zuletzt einzelne Zweifel, ob mich eventuell jemand verarscht. Irgendein lustiger Leser, irgendeine der Personen, die von meiner Anwältin mal aufgefordert worden sind, mir keine Pimmelbildchen mehr zu schicken, meine psychisch kranke Mutter oder jemand, der auf junge Frauen mit Querschnittlähmung steht und mich hinterhältig in eine Falle lockt. Nichts von alledem war der Fall, aber meine Vorsichtsmaßnahme, Informationen über mich nur sehr sparsam herauszugeben, hatte dazu geführt, dass sie, sofern mein Vater nichts darüber erwähnt hatte, nicht wussten, dass ich einen Unfall hatte und im Rollstuhl sitze. Das ist zwar fies, aber … sie hatten 20 Jahre einen Wissensvorsprung, ich 20 Tage. Es war auch okay.

Und in der Tat hat mein Vater nichts von meinem Unfall erzählt, sondern hat sogar noch Kontakt, sogar in derselben Regelmäßigkeit wie bisher, etwa einmal pro Quartal. Auch von seiner Trennung und seinem Auszug hat er nichts erzählt. Meine zwischenzeitliche Befürchtung, dass er dort inzwischen wohnen könnte, bestätigte sich (entsprechend) zum Glück nicht. Der Wunsch, mich zu sehen, ging eindeutig von meinen Zwillingsgeschwistern aus, und die beiden haben am Ende auch durchgesetzt, dass sie mich erstmal alleine treffen. Meinen spärlichen Informationen hatte es zur Folge, dass ich im Augenblick meines Auftauchens einen Überraschungsmoment auf meiner Seite hatte, der zwar eher mehr als weniger gemein ist, der aber im Nachhinein vieles von beiden Seiten erheblich entspannt und verkürzt hat.

Ich hatte letztlich Marie als Begleitung mitgenommen und so tauchten wir in einer wunderschönen Stadt auf, etwa 2.000 Jahre alt, mit vielen historischen Gebäuden aber dennoch einer modernen Infrastruktur und daher auch mit dem Rollstuhl gut zu bewältigen. Das Wetter war schön. Wir hatten uns an einem Cafè verabredet, die beiden saßen draußen an einem der Tische, ich erkannte sie anhand der vorher gesehenen Fotos sofort, bei den beiden dauerte es spürbar länger. So lange, dass es mir gelang, mit der Frage: „Ist hier noch frei?“ zunächst ein „Nein“ aus ihnen herauszukitzeln.

Als erstes bekamen wir erzählt, dass die beiden gerade fünf Minuten zuvor noch besprochen hatten, sich pünktlich zum vereinbarten Termin ein großes Eis zu bestellen und wieder zu verschwinden, wenn das aufgegessen ist. Soll heißen: Sie haben mit dem Gedanken gespielt, dass ich dort überhaupt nicht auftauchen würde. Um so mehr freuen sie sich, dass sie mich endlich mal live sehen. Dann kam die aus meiner Sicht geschickte Auflösung meines Überraschungsmomentes: „Wie kommt es eigentlich, dass ich mir dich noch nie im Rollstuhl sitzend vorgestellt habe?“ – „Hat unser Vater davon nie etwas erwähnt?“ – Beide schüttelten den Kopf.

Das coolste war: Es war kein Problem. Kein Mitleid, kein falscher Respekt meinem Fortbewegungsgerät gegenüber, keine Berührungsängste. Völlig unkompliziert. Eine der beiden studiert Psychologie, zusammen mit ihrer besten Freundin, einer Rollstuhlfahrerin, die sie schon seit der Grundschule kennt – mit angeborener Querschnittlähmung. Das erklärt vielleicht einiges, aber nicht alles. Die andere der beiden hat gerade ihre Laufbahnprüfung bei der Polizei bestanden.

Was soll ich schreiben? Ich muss die ganzen Eindrücke, Geschichten, Fotos und das ganze Gewirr drumherum erstmal verdauen. Es war insgesamt sehr positiv, es gab viel zu erzählen, es gibt eine gemeinsame Wellenlänge, auch einen gemeinsamen Humor – und beide können unheimlich toll zuhören und erzählen. Schnell waren einige Stunden vorbei und wir trennten uns wieder, allerdings wollen die beiden in der nächsten Woche einmal in Richtung Norden aufbrechen. Ich bin ab heute für eine Woche mit einer Kinder- und Jugendfreizeit an der Ostsee (als „Betreuerin“) und vermutlich am Dienstag wollen meine beiden neuen alten halben doppelten Geschwister mich besuchen. Ich freue mich schon sehr darauf. Vorher werde ich aber versuchen, zwischen Sand, Sonnencreme, Schokoeis und Seewasser meinen Schreibstau aufzulösen.

Und fast hätte ich es vergessen: Sie haben sich die Adresse meines Blogs notiert. Und wollten ihn lesen bis zur nächsten Woche. Hoffentlich wollen sie danach mich trotzdem noch näher kennen lernen. Auf die Frage, wie ich die beiden denn nennen soll, sofern ich nicht die realen Namen verwende, sagten sie fast aus einem Mund: „Emma und Paula.“ – „Ah ja. Und wer ist Emma?“ – „Die ältere von uns beiden. Ich bin ein paar Minuten älter“, sagte Emma. Und Paula grinste.

Scheint echt zu sein

17 Kommentare3.858 Aufrufe

Nachdem ich jetzt ein wenig nachgedacht, gegrübelt, nachgedacht, gegrübelt und überlegt habe, glaube ich zu wissen, dass ich meine beiden Geschwister auf jeden Fall kennen lernen möchte. Wann und wo, das steht noch nicht fest.

Ich denke aber (oder ich tendiere dazu), mich mit denen zu treffen, wenn ich in den nächsten Wochen zu einem Trainingslager fahre und dann ohnehin in Bayern bin. Das hätte den Vorteil, dass ich selbst die Länge dieses Treffens bestimmen kann und sich nicht so eine Situation ergibt, in der sie von mir erwarten, dass ich mich um sie kümmere, während sie in Hamburg sind. Wie gesagt, ich kenne sie nicht, aber wenn die erstmal wissen, wo ich wohne oder wenn ich denen am Ende noch ein Hotel organisieren muss oder ein schlechtes Gewissen eingeredet bekomme, weil ich sie nicht bei mir schlafen lasse oder sonstwas … nö. Da finde ich das andere entspannter. Und wie schon kommentiert wurde, in erster Linie wollen die mich ja sehen. Also müssen sie das auch so akzeptieren. Natürlich an einem öffentlichen Ort (Restaurant etc.).

Ich bin mir inzwischen sicher, dass diese Geschichte echt ist und nicht etwa eine Form des Enkeltricks oder ähnliches. Dass der Brief in Süddeutschland gestempelt wurde, hat nichts zu bedeuten, die Fotos können auch gefälscht sein. Irgendwer fragte, ob es nicht aufgefallen ist, wenn der Vater Weihnachten nicht zu Hause ist. Es gab in der Tat mehrere Weihnachtsfeste, an denen mein Vater „dienstlich“ unterwegs war, zumindest an einem Tag, und es ist ja auch nicht gesagt, dass die Fotos am Heilig Abend entstanden sind. So ein Weihnachtsbaum steht ja auch mal einen Tag länger. Und ich gehe sogar davon aus, dass die bayerische Familie die ganze Zeit wusste, dass er in Hamburg noch eine weitere Familie hat (die wiederum jedoch nichts von der bayerischen wusste).

Wie schon erwähnt, es liegen Abschriften von amtlichen Dokumenten dabei (Geburtsurkunde), aus denen sich ergibt, wer der Vater ist. Dazu die Fotos, der Kontakt zu meiner Oma (väterlicherseits) – aus meiner Sicht passt das. Meine Oma hat meine aktuelle Adresse nicht, denn wenn sie die hätte, hätte sie auch meine Mutter. Und genau das will ich verhindern. Sie hat aber wohl erwähnt, in welchem Sportverein ich Sport treibe. Anschließend haben die dort angerufen, dort wollte man meine Adresse aber auch nicht rausgeben, jedoch hat man ihnen angeboten, einen Brief an meine Anschrift weiterzuleiten, wenn er an die Vereinsanschrift und zu Händen Jule Stinkesocke gesendet wird.

Es gibt zudem im Internet eine gewerbliche Homepage, auf der die Mutter der Zwillinge auf mehreren Fotos zu sehen ist. Eine Person dieses Namens, die so aussieht wie die Frau auf den mir zugeschickten Fotos, gibt es tatsächlich. Die angegebene Anschrift steht auch so im Telefonbuch. Dennoch werde ich beim ersten Treffen nicht alleine sein, sondern jemand mitnehmen, es fahren genügend meiner Leute mit zu dem Trainingslager, da wird schon jemand Zeit haben, der sich notfalls auch mal zwei Stunden alleine beschäftigen kann, wenn die ersten kritischen fünfzehn Minuten überstanden sind.

Mich wundert, wieviele meiner Leserinnen und Leser ebenfalls plötzlich von Halbgeschwistern erfahren haben und unter welchen Umständen (Beerdigung etc.). Ich habe so etwas noch nie in meinem Freundeskreis mitbekommen. Aber das scheint es öfter zu geben als ich gedacht habe.

Zwillinge in Bayern

52 Kommentare5.696 Aufrufe

Das Leben ist ja nie frei von Überraschungen; sie nach Gesichtspunkten einordnen und bewerten zu können, entscheidet wohl darüber, wie sehr jemand durch eine Überraschung aus der Bahn geworfen wird.

Eine Überraschung hat mich gerade sehr aus der Bahn geworfen. Ich habe über meinen Sportverein einen Brief bekommen, einen großen Umschlag. Ich dachte für einen Moment, es seien irgendwelche sportlichen Unterlagen, Testergebnisse, Urkunden, Abrechnungen, Formulare, Ausschreibungen, was auch immer. Dann schaute ich auf den Absender, eine bayerische Adresse und dachte: Cool, das sind die Unterlagen für ein Trainingslager, für das ich mich angemeldet habe. Da ich dringend auf den Termin warte (zwei stehen zur Auswahl und man wird eingeteilt), weil sich anhand dieses Termins entscheidet, wann und ob eine Freundin ein paar Tage in den Ferien zu Besuch kommmen kann, öffnete ich den sofort und … es war was ganz anderes.

Mir fielen etliche Fotos, alle möglichen amtlichen Dokumente, handgeschriebene Briefe und mit dem Computer geschriebene Texte entgegen und ich war so verdattert, dass ich erstmal in der falschen Etage ausgestiegen bin. Als ich dann endlich in meinem Zimmer war, schaute ich mir die Fotos näher an, staunte, wunderte mich, und begann den Text zu lesen.

Darin schrieb mir eine Frau aus Bayern, dass sie seit Monaten versucht, mich zu kontaktieren und meine Anschrift herauszufinden, nur leider ohne Erfolg. Über meine Oma und einen Hinweis auf meinen Sportverein sei es ihr nun offensichtlich gelungen, mir einen Brief zukommen zu lassen, den sie mir zum 18. Geburtstag schickt. Nun, da ich im August volljährig werde … häh?! Muss ich meinen Ausweis ändern lassen? Ich dachte, ich werde 20.

Nun, da ich im August volljährig werde, hätte ich ihrer Meinung nach ein Recht darauf, etwas zu erfahren, was mir bisher ihres Wissens nach verborgen geblieben sei. Und zwar: Ich habe zwei Schwestern. Halbschwestern um genau zu sein, Zwillinge um noch genauer zu sein. Sie seien vier (also in Wirklichkeit zwei) Jahre älter als ich und seien „entstanden“ (lange Rede kurzer Sinn), als mein Vater meine Mutter mit einer anderen Frau betrogen habe.

Zuerst dachte ich, mich wolle jemand verarschen. Oder ich lese das Drehbuch einer neuen Telenovela. Aber nee. Insgesamt schrieb sie viel blabla. Okay, schön und nicht schön zugleich. Was mein Vater vor meiner Zeit gemacht oder nicht gemacht hat, müssen meine Eltern untereinander klären. Zusammen waren sie da wohl schon. Aber: Mein Vater hatte regelmäßig Kontakt zu dieser Familie, über die ganzen Jahre, ohne mir je ein Wörtchen davon zu erzählen. Ob meine Mutter davon wusste, weiß ich (noch) nicht, meine Oma hat es gewusst. Eigentlich muss meine Mutter es gewusst haben, denn er ist wohl seinen Unterhaltspflichten nachgekommen.

Ich rechne mit vielem, ich kann mir vieles vorstellen, aber das hier wirft mich gerade richtig aus der Bahn. Wie kann jemand sowas über Jahre und Jahrzehnte verheimlichen? Und dort immer wieder hin fahren und zumindest mir irgendeinen Scheiß erzählen? Unglaublich. Und die nächste Frage: Was kommt noch alles?!

Denen muss er auch irgendeinen Scheiß erzählt haben, denn mein Alter stimmt ja nicht. Er wird dort angegeben haben, dass ich zwei Jahre jünger bin. Warum er das getan hat und warum das noch niemandem aufgefallen ist, weiß ich nicht.

In dem Umschlag liegen Abschriften von Geburtsurkunden meiner Halbschwestern bei, etliche Fotos, auf denen auch mein Vater (mal unterm Weihnachtsbaum, mal in Badehose) zu sehen ist, Telefonnummern – ein sehr freundlicher Text insgesamt. Kein Sterbenswörtchen von meinem Unfall, von der aktuellen Entwicklung. Haben die noch Kontakt? Es geht aus dem Brief nicht hervor.

Sie möchten Kontakt. Sie möchten mich kennenlernen. Und zwar in erster Linie möchten das meine beiden Halbschwestern und fragen, ob wir uns treffen wollen. Sie haben Jahre lang still halten müssen (wussten demnach also von mir) und möchten nun endlich wissen, wer ich bin, wie ich aussehe und ob wir uns verstehen und Gemeinsamkeiten haben.

Die beiden Halbschwestern (22) haben übrigens noch eine weitere Schwester (17) und einen Bruder (14), allerdings von jeweils anderen Vätern. Die Mutter hat wohl nach meinem Vater noch mit zwei anderen Männern Kinder gezeugt. Bevor sie inzwischen einen Mann verheiratet ist, der weder mein Vater noch Vater irgendeines der Kinder ist. Und nun?!