Lena

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Ich habe auch das letzte Wochenende wieder mit Marie und ihrer Familie verbracht. Es war, wie immer, sehr schön. Die Sonne hatte sich angekündigt, entsprechend waren wir alle Vier über die freien Tage an der Ostsee. Maries Eltern leisten sich dort nach wie vor ein Wochenendhaus. Wir haben gegrillt, wir waren im Meer schwimmen, haben sogar eine Zeitlang am Strand gelegen – besser hätte ich mich nicht entspannen können.

Wir haben unter anderem noch einmal sehr ausführlich über meinen Blog und das Drama, das sich vor etwa zwei Jahren daraus entwickelt hat, gesprochen. Ob es nicht einfacher wäre, das Ding einfach zu löschen und nicht mehr, allenfalls privat, zu schreiben. Sicherlich wäre es das – zumindest oberflächlich und auf den ersten Blick. Insbesondere weil sich abzeichnet, dass die Verrückten, die auch schon vor zwei Jahren so viel Energie investiert haben, um mich am Bloggen zu hindern, sofort wieder und weiterhin Spaß daran finden, mich zu mobben. Aktuell wurden in meinem Namen obszöne Nachrichten verschickt.

Aber ich möchte mir meine Entscheidungen und vor allem meine Freiheiten nicht diktieren lassen, schon gar nicht von ein paar durchgeknallten Neurotikern. Auch wenn ihre Aktionen in der Vergangenheit geeignet waren, mich für eine Zeitlang völlig orientierungslos zu machen. Soll heißen, dass ich selbst die Freundschaft zu Marie und ihren Eltern, die mich aufgenommen haben wie eine Schwester beziehungsweise eine Tochter, nicht mehr klar einordnen konnte. Zu viele Menschen aus meinem direkten Umfeld, von denen ich das nie erwartet hätte, haben sich indirekt am Mobbing beteiligt. Zum Beispiel, indem sie einfach blind sensible Informationen durchgesteckt haben oder einzelne Aktionen geduldet haben, statt sich deutlich zu positionieren. Inzwischen weiß ich aber wieder, wem ich vertrauen kann – und wer mich verarscht hat. Manche Erfahrungen sind bitter, aber wohl nötig.

Manche Erfahrungen nützen aber auch. Ich weiß, dass einige Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit öfter Opfer von Mobbing werden. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass es in der Klinik, in der ich im letzten Jahr den letzten Teil meiner Famulatur abgeleistet habe, zu einem weiteren Vorfall gekommen ist. Eine Kommilitonin, die noch nicht so lange studierte, sah ich während einer ihrer praktischen Arbeiten einmal pro Woche auf „meiner“ Station. Sie hat mich regelmäßig um Hilfe beim Lernen gebeten und ich habe mich auch ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie wurde dann aber anstrengend, insbesondere hatte ich den Eindruck, sie hätte kaum andere Kontakte. Sie wurde mehr und mehr distanzlos – in jeder Hinsicht. Irgendwann erzählte sie mir von ihren psychischen Problemen, die nach dem Verlust ihrer Mutter aufgetreten seien. Ich habe mehrmals ganz deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie zu sehr an mir klammert. Sie brachte mich irgendwann in die Situation, für jede Entscheidung, weniger bis kaum noch Zeit noch mit ihr zu verbringen, eine Rechtfertigung zu verlangen. Keine Erklärung, die hatte sie ehrlich bekommen. Sondern sie konnte das nicht akzeptieren. Gleichzeitig war sie eifersüchtig auf eine andere Famulantin, die überhaupt nicht an mir klammerte, die es daher aber auch nicht nötig machte, sie auf Distanz zu halten.

Eines Tages zog mich diese andere Famulantin plötzlich zur Seite, sprach mich an, Lena habe sie um Rat gefragt. Müsse sie etwas tun, wenn sie den Verdacht habe, ich würde von der Station Medikamente mitgehen lassen? Alleine diese Fragestellung hatte die andere Famulantin schon dazu veranlasst, sofort Zweifel zu hegen und mich direkt darauf anzusprechen, dass Lena gegenüber ihr und mindestens zwei weiteren Mitarbeiterinnen behauptet hätte, sie hätte gesehen, dass ich mir Zugang zu einem Medikamentensafe verschafft und Diazepam (eine angstlösende Psychopille) und Tilidin (ein starkes Schmerzmittel, das euphorisiert) entwendet hätte.

Beide Substanzen lassen sich in der Partyszene vermutlich gut verticken. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr davor war ich zwar perplex, aber fit genug, um sofort zu handeln. Ich habe am nächsten Morgen den Chefarzt um ein Gespräch gebeten und mich selbst bei ihm „angezeigt“. Flucht nach vorn. Ihm gesagt, dass mir die andere Famulantin erzählt hätte, Lena hätte mich dabei gesehen. Ich bestreite das natürlich, aber das machen wohl fast alle Leute, selbst wenn sie was angestellt haben. Er schickte mich bis zum Ende der Woche nach Hause, ich solle in Ruhe aufschreiben, was ich dazu sagen möchte. Und am besten mit niemandem, der beteiligt ist, sprechen.

Zwei Tage später durfte ich schon wieder zurück auf die Station, noch bevor ich mich dazu offiziell geäußert hatte. Der Chefarzt rief mich persönlich an, war kurz angebunden und meinte nur: Die Vorwürfe gegen Sie halten einer Überprüfung nicht stand. Sie dürfen morgen wiederkommen, wir freuen uns auf Sie.

Zwei Monate danach gab es dazu sogar noch einen schriftlichen Bericht. Tilidin war zwar im betroffenen Safe, aber nur als Betäubungsmittel, und das liegt ausschließlich in einem nochmal extra gesicherten Teil des Safes, für den nur die Stationsleiterin (Pflege) den Schlüssel am Körper hat. Das heißt, ich wäre gar nicht dran gekommen. Und Tilidin-Verbindungen, die nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und daher nicht besonders zu sichern sind, waren gar nicht im Safe. Außerdem stimmte das Verzeichnis mit der tatsächlichen Menge überein und die letzte Eintragung über Tilidin war Wochen her. Der Vorwurf war damit ausgeräumt.

Beim Diazepam war das nicht ganz so eindeutig. Daran hätte ich theoretisch sogar kommen können. Aber da glaubte man mir einfach. Vermutlich insbesondere, weil sich der andere Teil des Vorwurfs schon als haltlos herausgestellt hatte. Lena meldete sich über Wochen krank, als sie dann wieder erschien, sagte sie gegenüber dem Chefarzt offenbar, dass sie sich von mir zurückgestoßen gefühlt hatte und mir eins auswischen wollte. Sie hat inzwischen eine zweite Chance auf einer anderen Station bekommen. Ich bin zwei Mal auf sie zugegangen und habe ihr eine Aussprache angeboten. Sie hat das aufgrund ihrer psychischen Verfassung abgelehnt. Ich möchte das als persönlich Betroffene kaum kommentieren. Nur soviel: Ich glaube nicht, dass sie einen Abschluss schaffen wird.

Wer nicht wagt

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Ich habe mich entschieden. Für eine Dissertation. Nicht aus der Überzeugung heraus, dass ich das gerne machen möchte. Sondern weil es nützlich sein kann und es keinen günstigeren Zeitpunkt und keine bessere Chance dafür gibt. Ich bin nicht glücklich damit, Entscheidungen aus dem Kopf heraus zu treffen, wenn mein Bauch gerne etwas anderes möchte. Aber die Karriereleiter steht im Kopf und nicht im Bauch.

Auch Marie hat sich entschieden. Ob das alles klappt, wissen wir nicht.

Aber es hat einen positiven Nebeneffekt. Wir kommen wieder weiter in den Norden. Und es gibt nichts besseres als die erneute Empfehlung eines Profs (oder zweier), um die Uni zu wechseln.

Mein zweites Viertel meiner Famulatur ist vorbei. Was jetzt folgt, ist ganz viel Organisation, Logistik und das große Ungewisse. Mein Bauch schmerzt bereits. Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht. Maries Mutter hatte gleich noch einen passenden Kalenderspruch parat: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“

Möge sie doch Recht haben.

Kleine Welt

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Da stehe ich mit meinem Einkauf auf dem Schoß im Aufzug zum Parkdeck, als mein Blick auf ein junges Mädchen, geschätzt zehn Jahre alt, fällt. Unter ihrem Top blitzt eine Dosierpumpe hervor. Insulin? Schmerzmittel? Die Mutter hat gesehen, dass mein Blick kurz an ihrer Tochter kleben blieb. Sie guckt mich an. „Haben wir Sie nicht letzte Woche in der Klinik gesehen?“, fragt sie mich plötzlich. So klein ist die Welt.

„Kann schon sein“, antworte ich. Sie sagt: „Sie sind relativ zügig über den Flur gerollt und meine Tochter war so fasziniert davon, wie Sie die defekte Automatiktür mit der Hand geöffnet haben.“ – Ich lächel die Tochter an, sie lächelt zurück, und sagt: „Wie war das? Jeder hat seinen Rucksack zu tragen. Oder?“ – Dann hebt sie kurz ihr Top zwei Finger breit hoch, so dass mein Blick auf die Insulinpumpe frei wird, und hält mir anschließend lachend die Hand zum High-Five hin.

Was für ein lustiger Vogel! Ich schlage natürlich ein. Die Mutter sagt: „Sie hat aber auch gesagt, dass sie mit Ihnen nicht tauschen möchte.“ – Okay … wenn es ihr hilft, sich vorzustellen, dass es vermeintlich größere Herausforderungen gibt als eine jugendliche Zuckerkrankheit, dann lasse ich das mal so stehen.

Ich würde sofort behaupten, dass es noch wesentlich größere Herausforderungen gibt als ein Diabetes oder eine Querschnittlähmung. Aber die eigenen Aufgaben sind die, die man selbst bewältigen muss. Und da interessiert es nicht, welche Aufgaben andere gestellt bekommen. Aber manchmal hilft der Blick über den Tellerrand dabei schon.

Urlaubsreif

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Die Dritte Woche meiner Famulatur beginnt. Und meine Chefin möchte wissen, ob ich über das Thema „Dissertation“ nachgedacht habe.

Mehr als genug. Mein Kopf sagt was anderes als mein Bauch. Und das ist erfahrungsgemäß nie gut. Ich muss mich zügig entscheiden. Das neue Semester beginnt. Auch Marie hat übrigens Blut geleckt. Sie liebäugelt mit einem Krebs-Thema.

Es ist so schwierig. Es ist später wesentlich einfacher, wenn man sagen kann, man hätte sich mehr oder weniger bewusst dagegen entschieden, als wenn man sagen muss, dass man es versucht, aber aus Gründen schlechter Organisation oder zu geringer Kapazitäten verkackt hat. Insofern hinterlässt die Entscheidung auf jeden Fall einen neuen Eintrag im Lebenslauf – und jeder Eintrag im Lebenslauf sollte am Ende so positiv zu gestalten sein, dass man selbst noch attraktiv genug bleibt.

Maries Eltern denken da weniger kompliziert. Maries Papa findet, dass sich eine solche Chance vermutlich nie wieder ergeben wird, sagt mir, dass ich alle Zeit der Welt hätte und er seine Frau auch nur wegen des akademischen Titels geheiratet hat. Maries Mutter meinte: „Mach es! Schritt für Schritt. Und wenn du dann in eine Pfütze trittst, ist auch nur ein Fuß nass.“ – Tolles Motto für eine Rollstuhlfahrerin. Allerdings tritt die ja bekanntlich fast nie in Pfützen.

Ein Freund, dessen Meinung ich sehr schätze, rät mir ebenfalls zu. „Du packst das. Du hast das Zeug dazu. Lass das nicht ungenutzt.“

Ich selbst sehe mich anlässlich dieser Konfrontation eher leicht bis mittelgradig verzweifelt, stelle mir Fragen, warum und für wen ich das alles überhaupt mache, finde Antworten, frage mich, ob sie richtig sind, finde weitere Antworten, schiebe die Gedanken zur Seite, kann mich nicht entscheiden. Bin genervt von mir selbst und über meine Unentschlossenheit, fühle mich schwach, blicke auf andere Leute mit meiner Einschränkung, sage mir selbst, dass solche Vergleiche unsinnig sind, weil jeder Mensch seines eigenen Glückes Schmied ist, lese weitere schlaue Kalendersprüche, finde wieder keine Antworten und schreibe das Wort „urlaubsreif“ auf meine Schreibtischunterlage. Male es schön bunt aus und gehe ins Bett.