Uschi und ein Luchs

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Eine weitere Woche meiner Famulatur ist geschafft. Es macht sehr großen Spaß, allerdings bin ich auch froh, wenn es vorbei ist. Die körperliche und vor allem die seelische Belastung ist wirklich nicht zu unterschätzen. Mit meiner Chefin komme ich ganz gut klar, mit den übrigen Mitarbeiterinnen überwiegend auch. Überwiegend heißt: In der Praxis sind sechs Mitarbeiterinnen hauptsächlich in Teilzeit beschäftigt. Eine Minijobberin, Uschi, kurz vor der Rente, arbeitet nur an einem Nachmittag. Mit ihr bin ich am letzten Montag, unserem ersten gemeinsamen Tag, richtig heftig aneinander geraten.

Bei dutzenden Patienten klappte alles irgendwie. Die Routine fehlt mir, ich muss ständig fragen, oft kann ich nur raten, Atemwegsinfekte sind das Dauerthema. Dann kommt eine junge Familie in die Praxis, ist eigentlich sonst bei einem anderen Kinderarzt. Dessen Praxis ist krankheitsbedingt geschlossen. Die elf Monate alte Tochter ist akut verschnupft und hat leichtes Fieber. Nach Angaben der Mutter hustet sie auch – nicht ständig, aber wenn, dann extrem heftig. Es handele sich um trockenen Reizhusten. Ich soll die Vorgeschichte aufnehmen und dokumentieren, das Kind untersuchen und wenn ich fertig bin, die Chefin dazurufen. Natürlich bevor das Kind wieder angezogen wird.

Das Kind findet meine Untersuchung spannend und guckt mich aufmerksam an. Das Mädchen ist insgesamt recht warm, hat aber trockene und auffallend blasse Haut. Auffällig ist auch ein sehr schlanker Ernährungszustand. Die oberen Atemwege sind etwas verrotzt, die Ohren sind unauffällig, der Hals ist leicht gerötet. Die Lunge ist überall frei. Ich weiß nicht warum, aber irgendein inneres Bedürfnis hat mich dazu veranlasst, das Herz sehr genau abzuhören. Alte Hasen machen das sehr routiniert und hören sofort, wenn da etwas nicht stimmt, genauso wie ein absoluter Autofreak schon beim Reinfahren in die Werkstatt weiß, welches Bauteil gerade rasselt. Ich hingegen habe von Automotoren allenfalls einen oberflächlichen Plan und muss mich beim Abhören des Herzens sehr konzentrieren und mir im Kopf Bauplan und Funktionsweise aufrufen, um die Töne den verschiedenen Aktionen zuordnen zu können. Ich habe es einfach noch nicht oft genug gemacht, um routiniert zu sein. Man muss dazu wissen, dass es neben dem allgemein bekannten „Herzschlag“ noch mehrere weitere Töne gibt, die ein Herz machen kann, und die völlig normal sind. Einige Geräusche sind aber krankhaft. Einige Geräusche, die bei Erwachsenen krankhaft sind, sind wiederum bei Kindern völlig normal. Einige Geräusche, die nicht normal sind, sind neben den lauten, völlig normalen Herztönen kaum zu hören.

Dieses Herz schlägt völlig regelmäßig und auch fast unauffällig. Nur … ich glaube, an der Herzspitze ein regelmäßiges, ganz leises Klicken zu hören. Das Kind guckt mich geduldig an. Die Eltern quasseln in einer Tour. Ich sage: „Tschuldigung, könnte ich bitte einmal kurz abhören? Wir können gleich reden, nur ich höre im Stethoskop nichts, wenn wir uns nebenbei unterhalten.“ – Kein Problem. Ja, da klickt wirklich was. Und jetzt, wo ich genau hinhöre, ist auch ein an- und abschwellendes Rauschen / Fiepen zu hören. Ganz kurz, recht leise, also leiser als das Atemgeräusch, immer kurz nach dem dumpfen ersten Herzton (Anspannungston). Sehr schwierig zu hören, weil ein Kinderherz sehr schnell schlägt. Normal sind solche Geräusche auf jeden Fall nicht. Ob sie behandlungsbedürftig sind, kann man aber pauschal nicht sagen. Man muss wissen, dass viele geringfügige Abweichungen keine Auswirkungen oder Folgen haben.

Vermutlich ist das völlig harmlos, denn ich bin ja nicht die erste, die sich das Herz anhört. Bevor sich da also nun unnötig jemand Sorgen macht, möchte ich, dass meine Chefin sich das anhört und mir hinterher kurz erzählt, was ich da gehört habe. In dem Moment kommt Uschi, die besagte Minijobberin, ohne Anzuklopfen in das Zimmer gepoltert und fragt, wie lange das denn hier noch dauert. Mir steht nicht zu, darüber zu urteilen, aber ich finde es unverschämt. Es dauert so lange wie nötig. Wir werden schon kein Kaffeekränzchen machen. Ich überhöre das und bitte sie: „Ja, könnten Sie bitte einmal der Chefin Bescheid sagen, dass sie noch einmal mit abhört, ich bin mir bei einer Sache nicht ganz sicher.“

Sie nickt und geht raus. Das Kind ist noch immer ganz ruhig und daddelt mit einem Spielzeug herum, während es unter einer Wärmelampe gegrillt wird. Kurz danach spielt die Mutter mit dem Kind, der Vater erzählt mir, dass die Tochter bislang sehr pflegeleicht ist. Nach drei Minuten gucke ich, wo die Chefin bleibt. Möglicherweise hat sie gerade selbst viel zu tun. Nein, sie steht an der Anmeldung und füllt irgendwelche Zettel aus. Das Wartezimmer ist voll. Als sie mich sieht, fragt sie: „Na, bist du soweit? Ich warte auf dich, bevor ich meinen nächsten Patienten aufrufe.“ – „Und ich warte nur auf dich.“ – „Achso, ich habe das so verstanden, als wenn du noch einen Moment brauchst.“

Auch das kommentiere ich nicht. Aber ich wollte ihr vorher sagen, was ich gehört habe, ohne dass die Eltern daneben stehen. Es ist zwar immer wichtig, auch das Fach-Chinesisch zu beherrschen, aber zur groben Informationsweitergabe kann man auch Deutsch reden. Also sage ich ihr, dass ich an der Herzspitze ein Klickgeräusch höre. „Außerdem rauscht da was.“ – Meine Chefin geht voraus. Uschi, die die Worte mit angehört hat, sagt zu mir: „Und bei dir rauscht es im Kopf.“

Ich dachte, ich hätte mich verhört. Ich frage nach: „Wie bitte?“ – „Ist doch wahr. Du bist nicht die erste Famulantin, die entweder die komplette Praxisorganisation auf den Kopf stellt, altbewährte Methoden über den Haufen wirft und neumodischen Schwachsinn einführen will oder glaubt, das Fachwissen direkt vom Herrn vermittelt bekommen zu haben und über alle Erfahrungen erhaben zu sein.“ – Boa, wie ungerecht! Sie kennt mich noch nicht mal eine Stunde und kommt zu so einem Urteil? Ich glaube es nicht. Eine Kollegin lacht und sagt: „Nun lass mal gut sein, das ist heute wirklich nicht dein Tag.“ – Sie setzt noch einen drauf: „Nein, es nervt mich einfach, wenn hier ein Schnullerdoc nach dem nächsten den ganzen Laden aufmischt. Es war eine glückliche junge Familie – bis eine Medizinpraktikantin ein Rauschen hörte.“ – Ihre Kollegin sagt: „Die Chefin guckt sich das deswegen ja gerade an und wird das mit Sicherheit einordnen können. Du warst auch mal jung und hast mal klein angefangen.“ – Ich schüttel nur mit dem Kopf und rolle in das Sprechzimmer zurück. Ich würde mich sowas nicht trauen.

Die Chefin lauscht konzentriert. Ich gucke sie an. Werde ungeduldig. Frage: „Und?“ – Sie nickt. Zumindest schon mal keine Einbildung oder irgendwas ganz anderes. Sie nickt noch einmal. Und fragt die Mutter: „Ist das Herz ihrer Tochter mal untersucht worden?“ – „Was ist mit ihrem Herz?“ – „Nun, vermutlich gar nichts, deswegen frage ich.“ – „Naja, wir haben bisher alle Vorsorgeuntersuchungen eingehalten.“ – „Ist mal ein Ultraschall gemacht worden?“ – „Das weiß ich nicht.“ – „Ich würde Sie bitten, einen Kardiologen aufzusuchen, um ein Ultraschall vom Herzen machen zu lassen. Man hört bei Ihrer Tochter ein Herzgeräusch, das einfach eine harmlose Besonderheit sein kann, die nicht stört und die man nicht weiter beachten muss und die vielleicht im Wachstum wieder verschwindet. Um hier aber auf Nummer Sicher zu gehen, sollten wir das einmal abklären.“ – „Müssen wir uns Sorgen machen?“ – „Sie sollten besorgt genug sein, um das einmal überprüfen zu lassen. Aber mehr erstmal nicht.“

Immerhin war es erstmal dringend genug, dass die Chefin persönlich aus dem Behandlungszimmer in einer Kinderklinik angerufen und einen Termin für den nächsten Morgen gemacht hat. Die Familie ging besorgt nach Hause und bis zum Feierabend hat mich Uschi nicht mehr angeguckt. Weil ich nicht möchte, dass irgendwas im Raum stehen bleibt, habe ich sie noch einmal angesprochen. Sie giftete herum, ich sei dafür verantwortlich, dass der kleine Wurm nun durch die Mühlen der Diagnostik gedreht wird und später irgendeine Klinik irgendeinen lukrativen Eingriff vornimmt, der eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Mit möglicherweise lebenslangen Folgen für das Kind.

Ist es meine Aufgabe, solche Methoden zu kompensieren? Meine Chefin hat die Mutter gebeten, zur Besprechung des Befundes noch einmal zu kommen oder zu ihrem Kinderarzt zu gehen. Soll ich jetzt künftig meinen Job nicht mehr machen und Probleme für mich behalten, weil sie anderen einen Anlass zu Betrug und sinnlosen Behandlungen geben könnten? Ich sagte nichts dazu. Es steht mir, erneut, nicht zu, über das Verhalten der Mitarbeiterin zu urteilen. Auf einer Gesprächs- und Diskussionsebene rechnete ich mir von vornherein keine Chancen aus.

Uschi verschwand pünktlich mit Ende der Sprechzeit. Nachdem die letzten Patienten bedient waren und alles aufgeräumt war, setzen wir uns üblicherweise noch einmal kurz zusammen und sprechen bei einem Kaffee oder einem Tee noch einmal fünf bis zehn Minuten über den Tag. Und über das, was am nächsten Tag ansteht. Organisatorisch wie auch inhaltlich. Ich wollte das aus meiner Sicht unmögliche Verhalten der Minijobberin nicht in dieser Runde ansprechen, zumal sie nicht mehr vor Ort war. Aber jene Kollegin, die zuvor schon fragte, ob sie einen schlechten Tag hätte, thematisierte das noch einmal: „Uschi musste man heute wieder mit der Kneifzange anfassen. Du hast den Segen ja auch einmal geballt abgekriegt“, sagte sie und guckte mich an. Ich nickte. Sie fragte: „Was ist da jetzt eigentlich rausgekommen? Ich habe das am Ende nicht mehr mitgekriegt. Waren da nun Herzgeräusche?“ – Meine Chefin sagte: „Ja. Wie bist du darauf überhaupt gekommen, Jule?“

Ich sagte: „Ich weiß es nicht. Ich habe die Lunge abgehört, natürlich auch einmal kurz das Herz, und aus irgendeinem Grund habe ich genauer hingehört. Das war eigentlich reiner Zufall.“ – „Nun back mal nicht so kleine Brötchen. Das war eine Sternstunde. Das haben vor dir einige Kollegen überhört und ich bin mir auch nicht sicher, ob mir das in der Routine aufgefallen wäre.“ – „Na gut, dann eben Glück“, sagte ich, denn es war wirklich ein Zufallsfund. Meine Chefin ließ nicht locker: „Mädel, deine hanseatische Bescheidenheit in allen Ehren, aber das muss einem ja überhaupt erstmal auffallen! Du hast Ohren wie ein Luchs. Und nun sag nicht, es liegt nur am guten Stethoskop, das lass ich nicht gelten.“ – Okay, ein wenig Seelenbalsam nach der Begegnung mit Uschi tut ja ganz gut.

Die Familie kam heute wieder. Sie war wie ausgewechselt. Die Mutter weinte. Das Kind hat einen angeborenen Herzfehler (genauer gesagt an der Mitralklappe, das ist die Herzklappe, die verhindert, dass Blut aus der linken Herzkammer in den linken Vorhof zurückfließt). Wohl keine ganz große oder ganz dringende Sache, aber man will noch weitere Untersuchungen machen und es ist möglich, dass das operativ versorgt werden muss, wenn die durch den Herzfehler verursachte Undichtigkeit zu groß ist und langfristig zu Problemen führt.

Das tut mir sehr leid und ich hoffe, dass es richtig war, sie in die Herzklinik zu schicken. Uschis Worte, die sicherlich auf eigene schlechte Erfahrungen, ob nun persönlich oder im Laufe der langen Dienstzeit gemacht, basieren, wollen mir natürlich nicht aus dem Kopf. Aber trotzdem denke ich, dass ich richtig gehandelt habe. Es ist nur einfach so verdammt schwierig, alles zu überblicken. Nicht nur fachlich, sondern auch noch (zwischen-) menschlich und hinter dem Horizont. Vor allem in dem Takt, den das volle Wartezimmer vorgibt.

Drogen und Theophyllin

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Am zweiten Tag meiner Famulatur in der Kinderarzt-Praxis sollte ich ein Sprechzimmer übernehmen, meine Chefin das andere. Und bei jedem Patienten am Ende die Therapie einmal mit ihr abstimmen. Gleich als erstes kam ein Mädchen zu mir, gerade 13 Jahre alt. Zerrissene Jeans, Wollpulli, Lederjacke über dem Arm. Blonde Haare akkurat geflochten. Blasse Gesichtsfarbe, dünne Arme und Beine, im Gesicht sah sie aus wie ein zerbrechliches Porzellanpüppchen. Sie wirkte einerseits sehr schüchtern, andererseits begrüßte sie mich gleich mit einem „Moinsen“. Ich musste grinsen. Ich sagte ihr, was ich jedem sagen muss, nämlich dass ich Famula(ntin), also quasi Praktikantin bin. „Cool“, meinte sie, „vielleicht studiere ich später auch mal Medizin. Aber den N.C., den man dafür braucht, werde ich wohl nie erreichen. Schaun wir mal. Ich will aber gar nicht lange den Betrieb aufhalten, ich brauche meine Drogen und vor allem einmal neue Theophyllin-Ampullen, und dann bin ich auch gleich wieder weg.“

Ein 13 Jahre altes Mädel will was?! Ich ließ mir meine Irritation nicht anmerken, rief mir ihre Akte auf. Asthmatikerin, reagiert auf Erdnüsse, Nüsse und Penicillin mit einer Anaphylaxie (also einem lebensbedrohlichen allergischen Schock). Letzter Lungenfunktionstest wurde vor kurzem vom Facharzt gemacht, letzte medizinische Reha in Süddeutschland im letzten Sommer. Behindi-Ausweis mit einem Grad von 100, dazu eine amtliche Feststellung über „Hilflosigkeit im Kindes- und Jugendalter“, ein Attest für die Teilnahme am Wettkampfsport. Reiten. Bevor ich ins Blättern kommen würde, lenkte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Mädchen. „Was brauchst du genau von dem ganzen Gedöns hier?“, fragte ich sie und deutete auf den Monitor. „Also, Salbutamol habe ich immer mehrere Sprays gleichzeitig im Gebrauch, damit ich das nirgendwo liegen lasse, da bräuchte ich eine neue Packung. Das Fluticason habe ich nur zu Hause, da ist das letzte Ding gerade angebrochen. Das bräuchte ich also auch einmal. Salmeterol hab ich noch zwei Sprays verschlossen zu Hause liegen. Das reicht, sonst wird das schlecht. Und dann brauche ich noch die Theophyllin-Ampullen.“

„Hast du die schon mal bekommen?“ – „Ja, aber erst zwei Mal gebraucht. Da waren fünf Ampullen in der Packung, eine habe ich immer im Rucksack, falls ich einen großen Anfall bekomme, der auf Salbutamol nicht anspricht. Gerade beim Reiten kann es ja dauern bis der Notarzt da ist, da trinke ich dann eine halbe Ampulle. Ist besser als wenn ich blau werde.“ – Ich schluckte. Sie fuhr fort: „Eine Ampulle war mal in einem Rucksack drin, der geklaut wurde, jetzt hat meine Mutter noch eine zerbrochen, als sie meine nassen Stiefel fallen gelassen hat und nun habe ich nur noch die eine. Das ist mir zu riskant.“ – „Klar.“ – Es klopfte, die Chefin kam rein. Das Mädchen stand auf, begrüßte sie mit einem sportlichen Handschlag. Sie fragte: „Na, kommt ihr klar?“ – „So halb“, antwortete ich. „Ich stell mich gerade ein bisschen doof an.“ – Meine Chefin setzte sich neben mich und übernahm die ganze Sache. Das Mädchen erzählte erneut. „Hast du dein Tagebuch dabei? Kann ich es einmal sehen bitte? Und dann würde ich gerne noch einmal auf Lunge und Herz hören.“

Als das Mädchen wieder draußen war, bekam ich Tipps, von denen ich einen so kürzlich schon einmal sehr deutlich gehört hatte. „Drei Dinge. Erstens: Begegne der Reife und der Größe eines Kindes immer mit Respekt, aber lass dich davon nie emotional mitnehmen. Zweitens: Du führest Regie und bestimmst, was passiert. Der Patient darf fragen, aber nie fordern. Drittens: Selbst wenn dich die Erkrankung des Patienten überfordert, der Patient soll sich bei dir gut aufgehoben fühlen und dir vertrauen. Daher gib ihm zumindest das Gefühl, dass du genau weißt, was du tust.“

Ich habe das erstmal so geschluckt, damit es im Programm weiter geht. Die restlichen Patienten waren durchweg Atemwegsinfekte und damit eine gewisse Routine. Na klar hat mir dieses Mädchen imponiert. Wenn ich mir vorstellen sollte, ständig hochpotente Notfallmedizin mit mir rumschleppen zu müssen, damit ich bei einem Ausritt in den Wald nicht über die Wupper springe, hätte ich schon zu knabbern. Das Mädel ist aber gerade mal in der 5. Klasse. Aber ich fand nicht, dass ich sie unnormal behandelt habe. Das mit der Regie habe ich schon einmal gehört – ich darf mir die Leitung der Veranstaltung nicht aus der Hand nehmen lassen. Ich arbeite dran. Aber ich fand auch nicht, dass ich das getan hatte. Zumindest nicht so extrem, dass sie mir zu nahe gekommen wäre oder mir das Gespräch aus der Hand genommen hätte. Und das mit dem Gefühl … da bin ich mir sehr unsicher. Gerade als Frischling kann ich nicht auftreten als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich halte es eigentlich für sinnvoller, dem Patienten zu vermitteln, dass man ihn ernst nimmt. Also auch wenn ich vielleicht gerade nicht weiß, ob ich einem Kind Theophyllin in die Hand drücken darf und ich von dieser Frage völlig überrascht bin: Ich halte es für falsch, mit einem flüchtigen Blick in eine Anfallsstatistik und einem Abhören der Lunge im Normalzustand den Eindruck zu vermitteln, ich hätte alles im Griff.

Habe ich einfach nicht. Und ich möchte nicht in zwei Jahren vor Gericht stehen und die Frage beantworten, wieso ich leichtfertig einem Kind solche Medikamente ausgehändigt habe, mit denen es sich jetzt aus Versehen umgebracht hat. Ich möchte dann wenigstens begründen können, wieso ich mich so entschieden habe. Und selbst wenn ich durch einen Blick in ein Asthma-Tagebuch und durch das Abhören der Lunge ein wenig Zeit zum Überlegen gewonnen habe, ändert es nichts daran, dass ich überfordert war und gerne erstmal in Ruhe nachgelesen, nachgefragt oder zumindest nachgedacht hätte. Aber vielleicht fehlt mir letztlich nur noch eine generelle Routine, um schneller zu solchen Entscheidungen zu kommen.

Grippale Infekte und zwei Impfungen

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Ich glaube, ich habe noch nie so viel gelernt innerhalb so kurzer Zeit wie in den letzten Tagen. Die Praxis von Maries Mama ist ja schon immer sehr unterhaltsam und interessant, aber eine Kinderarztpraxis, in der ich gerade den ersten Teil meiner Famulatur ableiste, stellt alles in den Schatten. Sehr eindrucksvoll, sehr herausfordernd, teilweise sehr emotional. Und Kinder sind ja sowieso nochmal völlig anders als Erwachsene. Eben nicht nur kleiner.

Am ersten Morgen sollte ich mich gleich hinter den Empfangstresen setzen und die Praxis kennenlernen. Das war keine große Herausforderung, das ist bei Maries Mutter deutlich anspruchsvoller. Nach zwei Stunden wollte die Chefin, dass ich ihren Job übernehme und sie mir dabei über die Schulter guckt. Das war der Sprung ins kalte Wasser und damit klar eine große Herausforderung, zumal ich die Patienten überhaupt nicht kannte, bisher kaum etwas mit Kindern zu tun hatte und vor allem auch die Ärztin nicht kannte.

Meine erste Patientin war ein sechsjähriges Mädchen mit grippalem Infekt. Hatschi *sprüh*. Sie war sehr tapfer, ließ alles mit sich machen, auch doppelt. „Ich möchte aber keine Spritze, lieber trinke ich irgendwas ekliges“, meinte sie. „Spritze gibt es heute nicht, versprochen“, sagte ich und war schlagartig die beliebteste Person im Raum. Während die Mutter mit mir eine Diskussion anfing, warum es am Tag 3 der Erkältung noch kein Antibiotikum gibt, bestaunte das Mädchen meinen Rollstuhl. Einen Finger nervös an den Lippen spielend, fragte sie irgendwann: „Sind Sie mal aus dem Fenster gefallen?“ – „Nein, ich bin vom Auto angefahren worden. Auf dem Schulweg.“ – „Hat das weh getan?“ – „Nein, ich habe was gegen die Schmerzen bekommen, aber ich musste ganz lange im Krankenhaus bleiben.“ – „Können Sie gar nicht mehr laufen?“ – Ich schüttelte den Kopf. Und fragte: „Wie kommst du darauf, dass ich aus dem Fenster gefallen sein könnte?“ – „Meine Mama sagt immer, ich soll nicht auf die Fensterbank klettern, wenn ich da rausfalle, muss ich im Rollstuhl sitzen.“ – Ich guckte die Mutter an, die bekam ein knallrotes Gesicht. „Auf Fensterbänke zu klettern ist wirklich nicht ungefährlich“, sagte ich.

Die beiden waren wieder draußen, die Tür war zu. „Das war gut“, lobte meine Chefin. „Alles richtig gesehen, an alles gedacht, Entscheidung gegen das Antibiotikum war richtig, vielleicht könnte man zusätzlich noch erklären, warum es noch kein bakterieller Infekt sein kann.

Patient Nummer zwei kam alleine und war 12. Hielt sich mit einer Hand an seinem Bauchnabel fest. Er hat seit heute morgen Durchfall. Ganz heftig mit viel Bauchweh. Ob er gekotzt hat, wusste er nicht. Häh? Das wäre etwas, woran ich mich doch auf jeden Fall erinnern würde. Ich fragte, was er gegessen hat. „Das kommt nicht vom Essen“, sagte er. Ich fragte: „Sondern?“ – „Keine Ahnung, bin ich der Arzt?“ – Ich fragte zurück: „Werden wir gerade ein wenig kiebig?“ – „Nö. Kann man eigentlich feststellen, ob jemand Bauchweh hat? Nur mal so aus Interesse…“ – Nachtigall, ick hör dir trapsen. Wie auf Kommando log ich: „Klar. Beim Abhören. Wieso? Willst du das selbst auch mal hören?“ – „Nee nee. Also im Moment sind sie ja auch nicht da.“ – Meine Chefin: „So, nun mal Klartext, junger Mann. Schule verpennt, Schwänzverbot und jetzt brauchst du ein Attest, oder was?“ – Bingo. Nach drei Minuten rumdrucksen rückte er mit der Sprache raus. Hausaufgaben nicht gemacht und heute morgen so viel Schiss bekommen, dass er auf dem Weg zur Schule zum Kinderarzt rechts abgebogen ist. Hatte aber mit 12 schon eine Attest-Auflage. Sowas hatte ich irgendwie nie.

Ein grippaler Infekt nach dem nächsten … immer wieder das gleiche Spiel. Warum gibt es nicht sofort ein Antibiotikum? Einige der kleinen Würmer waren echt übel dran. Klasse fand ich ein kleines Mädchen, das privat versichert war. Mama hatte gleich eine ganze Liste dabei, was sie alles verordnet haben wollte. Einschließlich Hustenbonbons und Mentholcreme. Als sie wieder draußen waren, meinte meine Chefin: „Die scheinen ohne Selbstbehalt versichert zu sein. Oft werden bei privat versicherten Leuten erst drei- oder vierstellige Beträge übernommen. Bei einigen aber auch nicht, und die haben dann oft solche Einkaufslisten dabei.“

Zwei Kinder durfte ich impfen. Beide waren beinahe zwei Jahre alt. Der erste Junge roch den Braten schon sehr früh, weil die Mutter extrem aufgeregt war und immer wieder erklärte, dass nichts schlimmes passieren würde. Oarrrr! „Guck mal, du kriegst gleich deine Spritze, da brauchst du gar nicht weinen, weil das sofort vorbei ist!“ – „Ich will keine Spritze!“ Kreisch, strampel, plärr. Also nahm ich den kleinen Spatz auf den Arm, setzte ihn bei mir auf den Schoß und rollte mit ihm eine Runde durch das Sprechzimmer. „Gut festhalten, sonst fällst du runter“, meinte ich. Junior hörte auf zu krähen, hielt sich sitzend mit beiden Händen an meinen Hosenbeinen fest und fand das Manöver toll. Meine Chefin machte kurzen Prozess – ein kurzer Angriff aus der Deckung und *zack* war alles vorbei. Mit großen Augen guckte er mich an, bevor das Geschrei erneut losging.

Mit dem zweiten Jungen spielte ich ein anderes Spiel. Während er bei Papa auf dem Schoß saß und mich mit großen Augen anguckte, machte ich Faxen. Rollte mit den Augen, steckte ihm die Zunge raus. Guckte dann entsetzt. Der Junge fing an zu lachen. Ich piekste ihn ein paar Mal mit meinen Fingern. Mal am linken Arm, mal am rechten. Mal am linken Bein, mal am rechten. Sagte: „Arm. Arm. Bein. Bein. Arm. Arm. Bauch. Fuß. Nase. Po.“ – Wieder wurde ich mit großen Augen angeguckt. Nun machte ich es absichtlich falsch, tippte gegen den Arm und sagte: „Bauch.“ – Der Junge lachte. Papa mischte sich ein: „Nanu, was ist das für ein Blödsinn?“ – „Arm. Bein. Po. Papas Arm. Mamas Bein. Dein Fuß.“ – Gelächter. Alles durcheinander, *zack* war die Spritze drin. Während das Kind noch überlegte, was passiert war, machte ich weiter. „Nase. Ohr.“ – Dann fing er doch an zu weinen. Ich nahm aufgeregt drei Taschentücher aus einer Box. Eins bekam Papa, eins ich, eins der Sohnemann: „Schnell, schnell, das verrückte Tränentier ist ausgebrochen! Wir müssen es einfangen!!!“ – Den kannte er auch noch nicht, guckte mich mit großen Augen an und entschied sich nun doch zu lachen. Wenigstens soll er mich trotz aller Gemeinheiten in halbwegs guter Erinnerung behalten.

Famulatur und Suizid

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Das Wintersemester neigt sich dem Ende zu. Noch bis zum Ende des Monats raucht mein Kopf, dann kann ich das Tempo für rund zehn Wochen ein wenig drosseln. Insgesamt bin ich gut im Rennen. Im nächsten und übernächsten Monat werde ich vier Wochen lang in einer Kinderarztpraxis den ersten Teil meiner Famulatur ableisten. Ich freue mich schon riesig, obwohl es sicherlich ein hartes Stück Brot wird, das ich da zu kauen habe. Die erste Erkältung seit vielen Monaten habe ich schon fest eingeplant. Und täglich morgens ganz früh mein warmes, kuscheliges Bett verlassen zu müssen, um abends völlig erschöpft wieder in selbiges zu purzeln, klingt wahrhaftig nicht nach Semesterferien.

Bis Ende 2016 werde ich auch noch zwei Monate lang in einem Krankenhaus oder einer Reha-Einrichtung ein weiteres Vollzeit-Praktikum machen müssen und für einen weiteren Monat dann noch in einer Hausarztpraxis. Somit sind die nächsten Semesterferien schon gut belegt. Wenn alles gut läuft, bin ich im Sommer 2018 mit dem Studium fertig. Es kann aber auch gut sein, dass sich das Ende noch um ein oder zwei Semester nach hinten verschiebt.

Mehrmals wurde ich bereits gefragt, auch und besonders in Kommentaren zu einzelnen Postings, ob ich schon Pläne für die Zeit danach habe. Mehrmals wurde sogar sehr konkret das Stichwort „Kinderärztin“ in den Raum geworfen. Und mit Blick auf meine Wahl bei der anstehenden Famulatur sehe ich die Frage erneut auf mich zukommen, so dass ich schon einmal vorgreife: Ich weiß es noch nicht. Ich möchte mir das absolut offen halten. Eine Weiterbildung zur Kinderärztin wird im Anschluss an das Studium weitere mindestens fünf Jahre in Anspruch nehmen. Das heißt: Vor 2023 wäre ich damit auf keinen Fall fertig. Und das ist noch sooo lange hin, dann wäre ich bereits über 30. Nein, daran mag ich jetzt noch nicht denken.

Zuallererst denke ich über die nächsten Wochen nach. Ob es Eltern geben wird, die mich fragen wollen, ob ein Mensch im Rollstuhl unbedingt in einer Praxis für Kinder- und Jugendmedizin arbeiten sollte? Immerhin könnten die Kinder ja von meinem Anblick traumatisiert werden. Die Kinder selbst sind in aller Regel sehr neugierig und interessiert. Marie meinte schon, ich solle bei ganz doofen Eltern einfach die Kinder fragen, ob sie nicht auch so einen tollen Rollstuhl haben wollen. Ich weiß, wir sind fies.

Und ich lerne ja immer dazu. Mein heutiger Praktikumstag auf der Chirurgie (wir müssen einen Tag pro Woche praktisch ran) war mal wieder bombastisch. Patient eins und zwei waren derart schlecht gelaunt, dass ich froh war, nur zugucken zu müssen. Beim dritten Patienten im privaten Einzelzimmer durfte ich selbst ran und sollte mich um eine Wunddrainage kümmern. Der Mann um die 60 war relativ entspannt, ließ alles mit sich machen, musste mich dann aber beiläufig fragen, ob ich hin und wieder Suizidgedanken hätte. Und damit waren wir schlagartig und ohne besondere Einleitung schon wieder auf jener Ebene, die ich nicht leiden kann und die mich inzwischen auch wirklich seit einigen Wochen zunehmend nervt.

Ich glaube nicht, dass er mich verletzen oder beleidigen wollte. Es war, wie wohl fast immer, einfach nur unbedacht. Aber es ist mal wieder so, dass damit jemand ungefragt in meinen persönlichen Bereich eindringt. Und es ist zusätzlich so, dass meine Kommilitoninnen so etwas nicht gefragt werden. Soll heißen: Es liegt mal wieder ganz klar an meiner offensichtlichen körperlichen Beeinträchtigung. Und es wird assoziiert: Ich habe kein lebenswertes Leben. Oder mein Lebenswert ist zumindest deutlich herabgesetzt. Diese beschissenen Vorurteile gehen mir inzwischen so derbe auf den Keks, dass ich ernsthaft hoffe, dass das irgendwann mal weniger wird und sich bessert mit der Zeit.

Ich lerne ja aber dazu und habe freundlich geantwortet: „Ihre Frage ist ziemlich unverschämt und die Antwort lautet: Kein Kommentar.“

Und das war genau die falsche Antwort. Er grinste und sagte: „‚Kein Kommentar‘ heißt ‚Ja‘.“ – „Nein, das heißt es nicht.“ – „Wie lange ist der Unfall her? Es war doch ein Unfall, oder? Ich gebe Ihnen mal einen guten Rat: So ein Medizinstudium eignet sich nur begrenzt dazu, die eigenen Probleme zu lösen. Als angehende Ärztin werden Sie täglich mit Patienten zu tun haben, die schwere Schicksalschläge zu verkraften haben. Da müssen Sie mit sich selbst im Reinen sein. Und das sind Sie nicht, sonst könnten Sie normal über alles reden.“

So ein …! Was redet der mir ein? Ich habe keine Suizidgedanken. Ich hatte auch nie welche, zumindest keine konkreten und schon gar nicht seit meiner Entlassung aus der stationären Rehabilitation. Sicherlich habe ich mir in der Phase nach dem Unfall Gedanken darüber gemacht, wie ein Leben mit Querschnittlähmung aussieht und auf viele Fragen keine Antworten gewusst. Sicherlich war ich in diesem Zusammenhang so verzweifelt, dass mir als einzig sicherer Ausweg aus der Situation das Ende des eigenen Lebens einfiel und ich mir Gedanken darüber gemacht habe, dass mir dabei niemand helfen, geschweige denn diese Aktion für mich umsetzen wird. Also müsste ich es selbst tun. Aber so unerträglich, dass diese Aktion nicht noch ein wenig Zeit hatte, war es nie, auch wenn ich das Gefühl, alles um mich herum würde mich innerlich zerreißen, furchtbar fand. Und so konkret, dass ich mir einen konkreten Plan ausgearbeitet habe, wurde es zum Glück nie.

Aber was geht ihn das bitte an? Ich schluckte die Kröte im Hals herunter und holte Luft, doch meine Anleiterin, die hinter mir stand, zog das Gespräch an sich: „Die Beurteilung, ob meine Kollegin für ihr Studium und für ihren späteren Beruf persönlich geeignet ist, steht Ihnen nicht zu. Und Sie haben hier auch keine Ratschläge zu erteilen. Ihre Frage war völlig unangemessen, und wenn Sie von mir einen Rat wollen, dann sollten Sie sich bei ihr entschuldigen.“

Ich war zum Glück fertig. Er sagte: „Ich weiß, warum sich so wenig Patienten darauf einlassen, Ihren Nachwuchs einzuarbeiten. Ich bestehe künftig auf die gebuchte und bezahlte Chefarztbehandlung. Richten Sie das Ihren Kollegen aus und schicken Sie mir Ihren Chef rein!“

Es dauerte keine halbe Stunde, da ließ mich der Chefarzt zu sich rufen und in einem fünfminütigen Gespräch wissen, dass er keine Auseinandersetzungen mit Patienten wünsche, schon gar nicht mit Privatpatienten. Es sei nicht seine Aufgabe, zwischen den Fronten zu vermitteln. Ich habe ihn dann gebeten, mir als Studentin zu helfen und mir einen Rat zu geben, wie ich künftig mit Fragen nach meiner Suizidalität umgehen soll. Er antwortete: „Dazu darf es gar nicht kommen. Sie haben den Hut auf und Sie dürfen dem Patienten gar nicht den Raum für solche Fragen lassen. Überlegen Sie sich vorher, was Sie in dem Zimmer wollen, und dann arbeiten Sie das konsequent ab, und wenn eine Situation kommt, die ein Patient meint mit sinnlosen und intimen Fragen überbrücken zu müssen, arbeiten Sie nicht souverän und vor allem nicht stringent genug.“

Ich schluckte. Und antwortete: „Das verletzt mich gerade sehr.“ – Seine Reaktion: „Dann habe ich ja den richtigen Nerv getroffen. Sie haben ohne Frage das Zeug zu diesem Beruf, sonst hätten Sie es nicht so weit gebracht. Aber inzwischen müssen Sie so weit gekommen sein, dass Sie Regie führen und nicht der Patient. Sie dürfen nicht lange überlegen, nicht lange rumsülzen, sondern Sie machen Ihren Job. Und so lange Patienten Job und Privatleben vermischen und Sie solches Zeug fragen, ist denen Ihre Rolle nicht klar. Sie lassen die Leute zu nah an sich heran. Also treten Sie mal etwas forscher auf, fragen Sie den Patienten nach seinem Befinden und lassen Sie ihn erzählen und berichten, unterbrechen Sie ihn drei Mal mit der Ansage, dass Sie ihm gerade nochmal weh tun müssen, und sobald Ihre Fragen beantwortet sind, rollen Sie weiter zum nächsten Auftrag! Wenn er dann noch was will, wird er sich schon bemerkbar machen. Und wenn dann solche intimen Fragen kommen, dann sagen Sie einfach, Sie seien auf der Arbeit und nicht in der Kneipe. Es bringt nämlich nichts, auf die Einsicht von Menschen zu hoffen, die meinen, solche Fragen stellen zu müssen. Wenn die bis hierher nicht kapiert haben, dass sich sowas nicht gehört und den Respekt vor Ihnen nicht haben, dann erlangen Sie den nötigen Respekt gewiss nicht durch eine entsprechende Belehrung oder durch drei verdrückte Tränen.“

Ich schluckte noch einmal. Er fuhr fort: „Ich sehe in Ihren Augen die nächste Frage, die Sie schon gar nicht mehr stellen wollen. Und die Antwort lautet: Doch, Sie sind für die Patienten da. Sie sollen sich Zeit nehmen, Sie sollen auch mit Ihnen reden. Aber Sie erreichen eben nichts bei jenen, die gar nicht reden wollen. Und jemand, der Sie fragt, ob Sie suizidal sind, der will nicht reden. Menschen, die reden wollen, sind still oder reden erstmal über sich. Die öffnen Ihnen ihr Herz. Und mit denen dürfen Sie sich, wenn Sie die Zeit dafür haben, von mir aus auch eine Stunde lang zum Quatschen in die Kantine setzen. Die anderen ändern Sie nicht. Also bleibt Ihnen nichts anderes, als sich selbst anzupassen. Ich habe davon gehört, wie der kleine Junge im Rollstuhl auf Sie abgefahren ist. In Ihnen steckt ein wunderbares Potential. Aber das eignet sich eben nicht für jeden Menschen“, sagte er, ging zur Tür und schmiss mich mit einem Händedruck raus.

Ich schluckte ein drittes Mal und konnte mir ein „Danke“ nicht verkneifen. Was total komisch wirken muss in Anbetracht der gehörigen Abfuhr. Aber irgendwie hatte er mir einen Spiegel vorgehalten, in den ich noch nie geblickt habe. Vielleicht hilft mir das weiter. Bestimmt sogar. Ich fragte mich, warum ich das bis heute nie so wahrgenommen habe, bin aufs Klo und habe erstmal geheult.