An der Nudel

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Es ist der dreiundzwanzigste August und ich bin vor etwa dreimalzwanzig Stunden dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Draußen waren dreiundzwanzig Grad, zumindest am Meer, das nicht mehr ganz dreiundzwanzig Grad hatte. Eher neunzehn. Ja, wir waren am Strand, dreiundzwanzig weniger neunzehn Leute, also eine eher kleine Runde, bestehend aus Marie, einem Freund, einer Freundin, die zusammen sind und sich in meinem Blog keine Kosenamen wünschen, und mir.

Geflohen sind wir. Für ein ruhiges und entspanntes Wochenende zum Erholen. Maries Eltern haben uns ihr Wochenendhaus überlassen. Einzige Bedingung war, dass wir am Ende einmal grob saubermachen und den Müll rausbringen. Das sollte möglich sein.

Es war sehr entspannt. Wir sind am Freitag vor einem gemeinsamen Wochenend-Einkauf nochmal schnell in die Ostsee gehüpft, haben abends meinen Geburtstag gefeiert, weniger mit großem Besäufnis, mehr mit leckerem Abendessen und einer anschließenden angeregten Quatschrunde bis spät in die Nacht. Ich habe alleine auf einem Klappsofa geschlafen in himmlischer Ruhe, wurde am Samstagmorgen durch den Duft von Aufbackbrötchen geweckt, bevor wir im Garten gefrühstückt haben.

Am Samstag waren wir den ganzen Tag am Strand, haben mehrmals im Meer gebadet, uns gesonnt – und weiter nichts. Lustig war eine Begegnung mit einem jungen Mädchen, geschätzt zwölf Jahre alt, das mit ihrer Mutter am Strand, aber alleine im Wasser war. Wir hatten sie zuerst nicht wahrgenommen und schwammen im eher flachen Wasser an ihr vorbei. Wir hatten zwei Luftmatratzen dabei und unsere beiden zu Fuß gehenden Freunde machten sich einen Spaß draus, Marie und mich so in die (eigentlich eher flachen) Wellen zu schieben, dass sie entweder über das Kopfteil spritzten oder die ganze Matratze umkippte. Ja, man kann nicht immer nur erwachsenes Verhalten zeigen…

Dieses Mädchen suchte ganz offensichtlich unsere Nähe, tauchte immer wieder zwischen uns auf und suchte schüchtern Blickkontakt. Irgendwann, als ich zum gefühlt zwanzigsten Mal von der Matratze gefallen war, schob ich ihr das Ding hin und fragte: „Willst du auch mal?“ – Sie nickte und kletterte drauf. Eher vorsichtig. Meine Freundin schob sie ebenfalls in eine Welle, so dass die Matratze kenterte. Wir spielten einen Moment in der Fünfergruppe weiter, dann brüllte plötzlich die Mutter vom Rand. Das Mädchen fragte: „Seid ihr später noch hier?“ – „Wir sind den ganzen Tag hier.“ – „Ich muss raus.“

Ich überlegte, warum die Mutter sie so streng aus dem Wasser holte. Dachte einen Moment nach, ob es richtig war, mit einem fremden Mädchen zu spielen. Wobei sie ja auf uns zugekommen ist und nicht anders herum. Aber egal, wir hätten auch „Nein“ sagen können. Oder sogar „Nein“ sagen müssen? Oder wenigstens vorher die Mutter fragen, ob das okay ist? Ich schob diese Gedanken zur Seite. Schlimm finde ich sie. Weil ich nie einem Kind etwas antun würde. Aber ich bin ja nicht alleine auf der Welt und deshalb … andererseits: Wo sind wir eigentlich, dass man nicht mal mehr spontan mit jemandem spielen darf? Okay, ich bin dreiundzwanzig … ich schob die Gedanken erneut zur Seite.

Später, als wir wieder aus dem Wasser kamen und uns abgetrocknet hatten, kam die Mutter zu uns. Und sagte: „Es tut mir leid, dass ich euer schönes Spiel unterbrechen musste. Aber meine Tochter ist zuckerkrank und musste spritzen und essen.“ – Ich fühlte mich verfolgt. Kam jetzt gleich die Frage, ob ich gerade im Krankenhaus … meine Famulatur ableiste? Nein, sie kam nicht, aber ich war dennoch einigermaßen perplex. Hat sich mein Idiotenmagnet umschulen lassen und zieht künftig junge Diabetiker an?

Das zwölfjährige Mädchen kam später noch einmal zu uns, wir bauten eine große Sandburg zusammen. Zu fünft. Ich fühlte mich ein wenig an die Begegnung mit Mia erinnert, die vor rund einem Monat einfach auf uns zusteuerte und mit der wir auch eine Sandburg bauten. Diese sah sehr gut aus. Als sie gerade fertig war, zogen mal wieder dunkle Wolken auf. Wir entschieden uns, zusammenzupacken und abzufahren. Erst jetzt bemerkte das Mädchen, dass Marie und ich nicht laufen können. „Ach, gehören euch etwa die Rollstühle da oben an den Dünen?“ – Ich fühlte mich erneut an Mia erinnert und glaubte inzwischen schon fast an ein Déjà-vu. Wenn sie nun noch fragt, ob sie auch mal damit fahren darf…

Tatsächlich. Das Mädchen wollte dann noch unbedingt ausprobieren, wie es sich anfühlt, in so einem Ding zu sitzen. Und meinte, dass es ja gar nicht so schlimm sei, wie sie es sich vorgestellt hätte. Allerdings wird sie nicht verstanden haben, welche weiteren Einschränkungen damit verbunden sind. Muss sie auch nicht.

Heute waren wir, bevor wir aufgeräumt, geputzt, den Müll rausgebracht und alles gut abgeschlossen haben, mit Fahrrädern und Handbikes an einem nahen Badesee. Leider war das Wetter nicht mehr so gut, so dass wir nur einmal kurz im Wasser waren und die übrige Zeit auf einer Decke liegend mit der Sonne flirteten, die sich immer wieder hinter Wolken versteckte.

Mit uns war, neben einigen anderen Sonnenhungrigen, eine Gruppe aus einer Behinderteneinrichtung vor Ort. Der Altersdurchschnitt der Bewohner lag bei Mitte 40, der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter bei gefühlt 20. Rollstühle kannte Klaus, so nenne ich ihn mal, wohl aus seinem täglichen Leben, wenngleich er selbst Fußgänger war. Er kam zu uns, stellte sich demonstrativ direkt vor unserer Decke in die Sonne, biss sich seitlich auf seinen Zeigefinger und wippte mit dem Oberkörper hin und her. Marie, die gerade auf dem Bauch auf der Decke lag, schaute über ihre Schulter und fragte: „Na, wer bist du denn?“ – Er nahm seinen Finger aus dem Mund und sagte, weiterhin wippend: „Ich bin Klaus.“ – „Oh, hallo Klaus, ich bin Marie.“ – „Marie! Das ist Marie! Ich bin Klaus. Wasser ist kalt.“ – „Joa, das Wasser ist etwas kalt. Aber die Sonne scheint.“ – „Etwas kalt, ja, etwas kalt. Gehst du auch schwimmen?“ – „Ich war schon im Wasser.“ – „Ich geh heute auch schwimmen, Wasser ist nicht tief, ist nicht tief. Bist du Marie?“ – „Ich bin Marie. Und das ist Jule.“ – Er klatschte in die Hände. Ich winkte. Er hatte eigentlich gerade aufgehört mit dem Oberkörper zu wippen, jetzt biss er wieder auf seinen Finger und wippte weiter. Meine blendende Schönheit, die ihn verunsicherte? – „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie“, sagte er und ging zu seiner Gruppe zurück. Aus der Ferne hörten wir: „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie. Die sitzen im Rollstuhl.“

„Nee, die liegen auf der Decke“, murmelte Marie leise. Ich grinste. Kurz darauf kam Klaus wieder angelaufen. „Jetzt gehts los ins Wasser! Wasser ist kalt.“ – „Ach, so schlimm wird das nicht. Die Sonne scheint ja.“ – Die größten Probleme hatten die Betreuer damit, Klaus ins Wasser zu bekommen. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er motorisch einfach enorm unkoordiniert agierte, sich auf den Po setzte und sich krampfhaft an einer grünen Schwimmnudel festhielt, obwohl das Wasser gerade mal zwanzig Zentimeter tief war. Eine Betreuerin, die mit einer jungen, vor Freude kreischenden Frau bereits viel weiter im tieferen Wasser war, brüllte laut: „Zieh ihn einfach an seiner Nudel ins Wasser.“

Unsere Freundin prustete los und Marie setzte gleich noch einen drauf: „Wenn sie die mal findet, wo er doch eben schon solche Angst vor kaltem Wasser hatte!“ – Die Betreuerin legte noch einmal nach: „Zieh ihn an seiner Nudel ins Wasser!“, brüllte sie. Am Ende klappte es am besten ohne die Nudel. Klaus plantschte wie ein kleines Kind, und als er irgendwann wieder nach draußen kam, meinte er im Vorbeigehen, ohne uns anzugucken: „Ich bin Klaus, das ist Jule und das ist Marie.“

Klaus hatte es erfasst. Und es war ein schönes Wochenende.

Strand und Mia

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Und während halb Deutschland schwitzt, hatten wir ein wunderschönes Wochenende an der Ostsee. Gestern nahezu spiegelglatte See, kaum Wind, erträgliche Temperaturen, strahlend blauen Himmel und herrlichen Sonnenschein, dazu ein fast menschenleerer Strand. Guckst du:

Und heute geilstes Luftmatratzenwetter: Bei strahlendem Sonnenschein und etwa Windstärke 3 konnte man sich wunderbar durchschaukeln lassen. Ich glaube, insgesamt waren Marie und ich heute über drei Stunden im Wasser. Nicht an einem Stück, aber an einem Tag…

Wir hatten heute unser Strandiglu aufgebaut, um ein wenig vom Wind und der Sonne geschützt zu sein. Marie und ich teilten uns eine Schaufel und bauten eine Sandburg, als plötzlich ein etwa zehnjähriges Mädchen zu uns kam, erst schüchtern guckte, dann zu ihren Eltern blickte, die ihr zunickten. Dann fragte sie: „Darf ich an eurer Burg mitbauen?“ – „Na klar“, sagte Marie. Also bauten wir mit drei Leuten bestimmt eine Stunde lang eine große Sandburg. Mit Muscheln verziert, mit einem Burggraben, einem Tunnel – nur leider gibt es ja immer wieder Kinder, die unbedingt alles kaputt machen müssen. Wir waren gerade fertig, als zwei geschätzt sechs- bis achtjährige Jungs mutwillig auf unserem Kunstwerk herumspringen mussten. Marie zog das eine Kind noch am Bein weg, es war allerdings schon zu spät. Die Mutter kam dazu und verpasste den beiden Rotzlöffeln eine Standpauke. Das interessierte die beiden jedoch nur sekundär.

Aber man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben. Manchmal auch kurz hintereinander. Wir nahmen die zehnjährige Burgenbauerin mit ins Wasser (sie hat natürlich vorher ihre Eltern gefragt, ob sie durfte) und spielten mit ihr auf der Luftmatratze. Wir waren ziemlich ausgelassen. Ich glaube, sie hatte den größten Spaß. Nach einiger Zeit brachte Mia, so hieß das Mädchen, unsere Luftmatratze in unser Strandiglu, holte stattdessen ihre schwimmende Frisbee-Scheibe. Da kamen doch tatsächlich die beiden Rotzlöffel an und fragten, ob sie mitspielen dürfen. Ich konnte mir nicht verkneifen: „Mit Euch spielen wir nicht. Ihr habt unsere Burg kaputt gemacht. Tschüss!“

Vielleicht ist es denen ja eine Leere Lehre. Als wir wieder draußen waren, kamen Mias Eltern zu uns an unser Iglu und wir haben uns lange unterhalten. Total nett, über alles mögliche. Sie seien Tagesurlauber aus Hamburg, ihre Tochter käme ab Sommer auf eine andere Schule, sie habe bisher große Probleme in der Schule gehabt, weil sie sonst sehr schüchtern sei, die beiden hätten sich gefreut, dass sie heute bei uns Anschluss gefunden hätte, obwohl wir ja schon sehr viel älter seien. Und so weiter.

Irgendwann zogen Gewitterwolken auf. Wir begannen, unsere Sachen zusammenzupacken. Am Morgen hatte Maries Papa uns die Sachen noch von der Düne über den Sand getragen, während wir auf dem Popo dorthin gerutscht sind. Wir hätten ihn jetzt angerufen, wollten aber vorher Mias Eltern fragen, ob sie uns helfen. Die beiden waren vollkommen perplex: „Ach, zu Euch gehören die Rollstühle am Eingang? Wir hatten uns schon gewundert, wer die wohl vergessen haben mag, dachten dann aber, dass vielleicht noch jemand irgendwo in den Dünen liegt. Das ist ja eine Überraschung.“

Wir fragten noch, ob ihnen nicht aufgefallen sei, dass wir uns im Sitzen aus dem Wasser bewegt hätten. „Ja doch, aber wir dachten, das macht ihr wegen der Steine da vorne. Keine Ahnung, wir haben nicht darüber nachgedacht. Nun ist es natürlich klar.“ – Uns wurde geholfen und Mia guckte interessiert zu. Wir setzten uns zunächst auf eine Holzbank, um den ganzen Sand von den Beinen abzuklopfen. Die leeren Rollstühle standen direkt vor uns. Ich fragte Mia: „Willst du mal fahren?“ – Mia guckte ihre Mutter an: „Darf ich?“ – „Na klar, wenn du möchtest?“ – Zack, kletterte sie rein. Ich zeigte ihr, wie leicht der Stuhl kippt, damit sie nicht überraschend nach hinten fällt. Sie hatte ein sehr gutes Körpergefühl und lernte sehr schnell, auf zwei Rädern zu stehen. Und dann fuhr sie durch die Gegend. Zuerst schlecht, später wesentlich besser koordiniert. Ihre Beine waren zu kurz, um die Füße gut auf den Fußbügel stellen zu können, aber mit den Zehenspitzen kam sie dran. Auch waren ihre Oberschenkel etwas zu kurz für die Sitztiefe, aber es ging irgendwie.

Während Mia durch die Gegend düste, fragte die Mutter: „War das ein Unfall bei dir?“ – Ich erzählte ihr in wenigen Sätzen, was mir passiert ist. Marie wurde auch gefragt und erzählte von sich. So quatschten wir noch eine halbe Stunde, während Mia auf dem geteerten Weg zum Strand Rollstuhlfahren übte. Verkniffen habe ich mir natürlich den Spruch: „Nicht, dass sich Mia sowas jetzt zu Weihnachten wünscht.“ – Sowas geht nur bei denen, die unseren schwarzen Humor sicher richtig einordnen können. Dann fielen die ersten Regentropfen und das Donnergrollen wurde lauter. Wir verabschiedeten uns: „Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder hier!“

Ein Fernglas und ein Milan

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Das Wetter ist schön und so sind wir am Wochenende … genau, an der Ostsee. Marie, ihre Mama, ihr Papa und ich wühlen im Garten. Immerhin ist es trocken, so dass ich mich nur wie ein kleines Schlamm-Monster fühle. Während die Frauen sich um Blumen und Beete kümmern (wo kommt so schnell so viel Unkraut her?), baut Maries Papa mit ein paar Freunden eine Holzterrasse. Es hat sich noch niemand in den Finger gesägt und es nimmt schon tolle Formen an. Wenn ich darüber nachdenke, dass vor drei Monaten im Bad nur ein paar Rohre aus der Wand guckten und der Fußboden aus Sand bestand, inzwischen sogar Bilder an den Wänden hängen und Blumen auf dem Tisch stehen, muss ich erkennen, dass sich viel verändert hat. Ich kenne das größte Chaos zwar nur von Fotos – dafür sieht es inzwischen aber richtig schön aus. Die Bild-Zeitung aus 2010, die noch auf dem Küchentisch lag, hängt inzwischen eingerahmt im Gästeklo an der Wand.

Aus der Luft wurde unser buntes Treiben im Garten ebenfalls beobachtet. Vermutlich eher beiläufig während der Nahrungssuche. Wir hätten es gar nicht mitbekommen, wenn nicht plötzlich zwei Männer auf dem Fahrrad, die den Sandweg, der an dem Haus vorbeiführt, als Abkürzung zwischen Kreisstraße und Waldweg genutzt hatten, eine Staubwolke hinter sich herziehend auf das Grundstück preschten, in den Garten liefen und riefen: „Haben Sie ein Fernglas? Haben Sie ein Fernglas?“

„Nein, wozu brauchen Sie das?“, fragte Maries Vater. Einer der beiden, beide waren geschätzt um die 70 Jahre alt, antwortete: „Da oben, da oben!“, und deutete in den Himmel. Maries Papa guckte nach oben und stellte nüchtern fest: „Da fliegt ein Vogel.“ – Der Mann antwortete: „Ja, aber ein ganz besonderer! Ich wüsste zu gerne, was für einer das ist, aber dafür brauche ich ein Fernglas!“ – „Wir haben hier leider keins“, sagte Maries Papa erneut.

„Ich tippe auf einen Schwarzmilan“, sagte einer der Freunde von Maries Papa. Nun kam der Brüller: Der Mann, der unbedingt ein Fernglas haben wollte, um den Vogel zu bestimmen (!), antwortete: „Ah, Sie kennen sich aus? Ein Schwanz-Milan (!) also? Ich habe von Vögeln nicht so viel Ahnung, wissen Sie? Aber faszinieren tun sie mich immer wieder. Ich hätte gedacht, das ist vielleicht ein Habicht. Aber ein Schwanz-Milan, das könnte auch angehen!“

Vom Vögeln hat unser Hobby-Onaniethologe also keine Ahnung und versteht nur Schwanz. Ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht laut loszuprusten. Ich sah im Augenwinkel, wie Marie mich entsetzt anguckte. Bloß jetzt nicht hingucken. „Vielleicht ist es auch ein Kuckuck“, alberte Maries Vater, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen. Der Mann antwortete: „Nein, ein Kuckuck ist das nicht, die sind viel kleiner.“ – „Ich habe gehört, dass die manchmal auch die fremden Eier aus dem Nest werfen und dann die Gestalt anderer Vögel annehmen“, fuhr Maries Papa bierernst fort und starrte dabei in den Himmel. Ich bewundere ihn immer wieder dafür, dass ihm solcher Schabernack so schnell einfällt und er dabei so ernst bleiben kann. Der alte Mann guckte ihn an, starrte dann auch wieder in den Himmel und sagte: „Stimmt. Jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich. Die Schule ist bei mir schon etwas länger her, wissen Sie?“

„Macht ja nichts“, antwortete Maries Papa. Nahm seine Hände aus den Hüften und sagte: „Also, Fernglas haben wir keins, aber zwei Flaschen Bier kann ich Euch mitgeben. Eisgekühlt. Und ohne künstliches Aroma! Und dann würde ich gerne in meiner Argrarscheibe weiterwühlen, wir haben uns nämlich einen straffen Zeitplan gesetzt. Ich hoffe, Sie verstehen das“, sagte er, holte ihnen zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und schob die Leute zu ihren Fahrrädern zurück. Als sie weg waren, murmelte er trocken: „Wird Zeit, dass hier ein Zaun hinkommt.“ – Maries Mutter lachte und sagte: „Jede Wette, die bringen auf dem Rückweg das Leergut zurück.“

Maries Mutter sollte Recht behalten. Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie zurück und gaben ihre Flaschen ab. Das nenne ich mal Menschenkenntnis. Immerhin haben die beiden Schwanz-Milan-Helden auf diesem Weg noch zwei Grillwürste im Brötchen auf die Hand bekommen, die sie dankbar annahmen. Und mir ist es gelungen, das Flattervieh zu fotografieren. Okay, eine Handyaufnahme aus gefühlten drei Kilometern Entfernung. Aber für professionelle Ornithologen sollte das doch ein Klacks sein! Oder?

Haus an der Ostsee

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Als eine der besten Altersvorsorgemöglichkeiten gilt ja bekanntlich Wohneigentum. Nun denke ich aktuell gerade nicht an meine eigene Altersvorsorge, aber Maries Eltern denken an ihre. Eigentlich zweitrangig, denn inzwischen müssen sie, wenn Marie nicht mehr zu Hause wohnt, zu viele Steuern zahlen, so dass es noch einen anderen Grund gab, sich mal umfassend beraten zu lassen. Um es kurz zu machen: Sie haben im April ein Ferienhaus gekauft, das sie noch bis zur Rente abbezahlen wollen. In Schleswig-Holstein, fünf Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Dort hatte jemand in den 1970er-Jahren seine Landwirtschaft aufgegeben und seinen Bauernhof dem Erdboden gleich gemacht, anschließend (ohne vernünftige Baugenehmigung) ein Wohnhaus auf etwa 130 Quadratmeter Grundfläche plus großem Garten gebaut. Die Ackerflächen um das Haus herum hatte er verpachtet.

Nun war der Hausbesitzer 2010 verstorben, der erbende Sohn hat sich überhaupt nicht gekümmert, das Ding leerstehen lassen, irgendwann hat sich die Gemeinde eingemischt und eine Lösung verlangt. Über eine Arbeitskollegin von Maries Mutter, die in derselben Gegend, rund zwölf Kilometer entfernt, eine Ferienwohnung hat, drang die Info durch und kurzerhand einigte man sich auf einen eher symbolischen Kaufpreis, denn an dem Haus ist seit 1972 nichts mehr gemacht worden. Und mit „nichts“ meine ich tatsächlich „nichts“; es gibt Menschen, die leben hinter blinden Scheiben im Wohnzimmer. Aber es handelt sich um einen massiven Rotklinkerbau, und laut Sachverständigen ist die Bausubstanz tadellos in Ordnung. Kein Schimmel, keine Feuchtigkeit, kein Ungeziefer. Inzwischen hat die Gemeinde dem ganzen Plan einschließlich der (damaligen) Bebauung mit einem Wohnhaus zugestimmt, und weil es eine kleine Gemeinde ist, auch ohne jede Auflage. In größeren Städten wären mitunter erstmal noch neue Erschließungskosten zuzüglich Straßenunterhaltung oder -neubau verlangt worden. Oder andere lustige Dinge.

Fakt ist, dass wirklich alles neu gemacht werden musste. Neues Dach, neue Fenster, neue Heizung, neue Abwasser-, Wasser- und Stromleitungen, neue Fußböden, neue Küche, neues Bad, neues Gästeklo, zwischen Ess- und Wohnzimmer wurde eine Wand rausgenommen, neuer Kamin, ein Durchbruch vom Wohnzimmer in den Garten – während der Kaufpreis mit rund 25.000 € (komplett mit Grundstück) eher symbolisch war, mussten relativ genau 100.000 € erstmal investiert werden, um das Haus zu sanieren. Bei erheblicher Eigenleistung von Maries Vater und einigen handwerklich begabten Freunden. Damit war aber noch kein Topf, kein Schrank und kein Sofa drin. Und der Garten war eine einzige Schlammwüste.

Wenn Maries Eltern so etwas in die Hand nehmen, machen sie es entweder ganz oder gar nicht. Um nicht privat endlos haften zu müssen, falls was nicht klappt, hat man auch hier Geld in eine Gesellschaft (keine Ahnung ob GmbH oder GbR, so genau wollte ich es nicht wissen) ausgelagert, den Rest des Geldes ge- und verliehen – und vermietet das Ding nun, solange man nicht selbst darin wohnt, an Leute, die dort Urlaub machen wollen. Ausschließlich an bekannte Leute, und die Liste derer, die für verhältnismäßig wenig Geld einen Wochen(end)urlaub an der Ostsee machen wollen, scheint ob eines großen Freundeskreises schon jetzt unendlich lang. Der Kalender ist bis Silvester bereits voll.

Über die Bekannte, die den Tipp mit dem Haus gab, haben Maries Eltern auch einen „Hausmeister“ gefunden, einen älteren Herrn, der mit seiner Frau in die Gegend gezogen ist, um dort seinen Lebensabend zu genießen, und der gerne etwas zu tun hat. Er kümmert sich darum, dass alle das Haus so verlassen, wie sie es vorgefunden haben und schaut hin und wieder nach dem Rechten (oder dem Linken), wenn Maries Eltern für einige Wochen nicht dorthin kommen. „Ob wir hier in 20 Jahren wirklich leben wollen, wissen wir noch nicht, aber wenn nicht, verkaufen wir es halt wieder.“ – Tja. Bis dahin hat das alles einen sehr schönen Nebeneffekt: Das Erdgeschoss ist seit der Sanierung komplett barrierefrei. Und was gibt es Schöneres als ein paar Tage an der Ostsee? Man kann dort wunderbar mit dem Handbike fahren, auch kilometerweit auf befestigten Dünenwegen, sich am Strand sonnen, baden; es gibt obendrein auch noch etliche Badeseen und ansonsten sehr, sehr viel Natur. Nachts hört man dort die Flöhe husten. Wunderschöne Ruhe und ein herrlicher Kontrast zur lauten Großstadt.