Einen an der Waffel

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Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das gilt an meiner momentanen Uni mehr als anderswo. Soll heißen: Wer nicht am ersten Vorlesungstag persönlich zur rechten Zeit am rechten Ort ist, ärgert sich mitunter ein halbes Jahr über langweilige oder stressige oder nervige Praktikumsplätze, bekommt seine Kurse nicht oder nicht bei seinen Lieblingsprofs oder so ähnlich. Man ist ja verwöhnt. Oder benötigt auch mal etwas barrierefreies. Entsprechend waren Marie und ich mehr als pünktlich aufgestanden und standen mehr als früh genug vor der richtigen Tür. Weil ich wusste, dass ich gleich anschließend in ein Lehrkrankenhaus müsste, um mich dort persönlich vorzustellen, fuhren wir sogar extra mit dem Auto – was ich sonst nie mache.

Ich bekam, was ich haben wollte, schnappte mir meine Unterlagen und war auf dem Weg zu dem besagten Lehrkrankenhaus, als mir mal wieder etwas in die Quere kam. Ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt noch schreibe, denn so langsam wird es auch mir schon langweilig. Aber ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch und wer sich nicht schocken lassen will, liest halt was anderes.

Ich befuhr mit etwa 30 km/h eine Straße in einem Wohngebiet, fuhr auf eine T-förmige Einmündung zu. Das heißt: Von rechts mündete eine Straße ein, ich wollte geradeaus weiter. Links war ein Garagenhof, der bewegte sich nicht. Von vorne kam mir ein weißer Lieferwagen, ein Sprinter, entgegen, der aus seiner Sicht nach links abbiegen wollte. Somit würde er meinen Weg kreuzen und müsste mich zuerst fahren lassen. Dachte ich mir so und bremste nicht. Er hatte eine ziemliche Geschwindigkeit drauf und dass er links abbiegen wollte, merkte ich erst, als ich bereits mitten in dieser sehr weit gefassten Einmündung war. Und dass diese Einmündung sehr weit gefasst war, ließ mir noch einen anderen Gedanken in den Kopf schießen: Abknickende Vorfahrt.

Das sah doch jetzt, mitten auf dieser Einmündung, sehr nach einer abknickenden Vorfahrtstraße aus. Die Straße ist hier sehr viel breiter als es eben noch der Fall war. Hatte ich das Verkehrszeichen übersehen, das mich zum Vorfahrt gewähren oder sogar Halten aufgefordert hatte? Es war nur ein Gedankenblitz, aber der sagte mir: Socke, du bist nicht bei der Sache. Du denkst an deinen Praktikumsplatz. Ich sah den Lieferwagen auf mich zukommen und bremste reflexartig. Keine Chance. Ein lauter Knall, keine Idee, wohin ich gerade geschoben und gedreht werde – und ob ich überhaupt wach bin oder das alles nur ein Traum ist.

Nein, es ist wohl doch kein Traum. Front-, Seiten und Sitzairbags sind ziemlich heiß, wenn sie einen begrüßen, irgendwas qualmt, im Auto fliegt Staub, als hätte irgendwer eine Tüte Mehl platzen lassen und der Motor ist aus. Ein Blick aus dem rechten Seitenfenster lässt mich erkennen, dass ich einen halben Meter neben einem geparkten Fahrzeug zum Stehen gekommen bin. Links sehe ich nichts. Eingeklemmt bin ich nicht, alle Körperteile sind noch dort wo sie hingehören, den Kopf habe ich mir anscheinend nicht gestoßen und ich sehe auch kein Blut. Schöne Scheiße.

Den beiden Leuten aus dem Sprinter war hoffentlich auch nichts passiert. Aber die saßen ja wesentlich höher und hatten auch noch mehr Knautschzone. Da fährt man nun fast sechs Jahre unfallfrei und sammelt Prozente – um die dann wegen einer kleinen Unachtsamkeit auf einen Schlag zu verlieren. „Das hast du ja super hingekriegt, Stinkesocke“, dachte ich mir so. Aber genau aus diesen Gründen gibt es eine Versicherung und absichtlich habe ich das ja nun nicht gemacht. Ich ärgerte mich, dass ich das Verkehrszeichen einfach übersehen haben musste und dachte mir leise: Wer weiß, was du vorher schon alles übersehen hast, bevor dich jemand unsanft gestoppt hat. Dabei habe ich mich immer so sicher gefühlt. Und immer anderen den Rat gegeben, sich bloß nicht ablenken zu lassen beim Fahren. Aber wenigstens hat sich damit das Problem mit den knarzenden Geräuschen im Auto erledigt…

Jemand öffnete die Beifahrertür. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte er mich. Ich dachte mir so: „Alles nicht. Die Situation ist etwas peinlich.“ – Ich antwortete: „Ja, danke, mir scheint nichts passiert zu sein. Ich komme nur nicht aus dem Fahrzeug.“ – „Mein Sohn kommt schon angelaufen, sollen wir Sie eben rausziehen? Ist das ein Rollstuhl hier auf dem Beifahrersitz?“ – „Ja, genau.“

Der Sohn arbeitet bei der Freiwilligen Feuerwehr, wie sich später herausstellte. Er ging gleich sehr beherzt an die Sache Socke, schickte Papa zur Seite, hob den Rollstuhl vom Sitz, brachte den Beifahrersitz in Liegeposition, schob meinen Sitz so weit es ging nach hinten, fasste mir unter den Armen hindurch und zog mich über die Mittelkonsole auf den Beifahrersitz, anschließend nach draußen. „Nimm du mal die Beine“, sagte er zu seinem Vater. Die beiden setzten mich auf einen Parkplatz, ich lehnte mich an ein geparktes Auto. Eine Frau brachte mir eine Jacke und eine Wolldecke. Irgendwie war ich ein wenig benommen, aber mir war weder übel noch spielte mein Kreislauf verrückt. Ich war überhaupt nicht aufgeregt, aber völlig durcheinander. Weinen musste ich nicht. Ich dachte mir nur so: „Lass die mal machen. Fünf Minuten lang musst du jetzt mal nicht alles im Griff haben.“

Ein Mann kam zu mir, kniete sich aber nicht hin, sondern redete von oben auf mich ein. In gebrochenem Deutsch fluchte er irgendwas. Ich guckte nach oben, verstand nicht, was er von mir wollte, und guckte wieder auf die Straße ins Leere. Einen Moment lang laberte er noch weiter, dann wurde er von einer Frau weggeschickt. Die Frau fragte, ob es mir gut ging. „Naja, blöde Situation. Aber ich fühle mich gut. Mir tut auch nichts weh.“ – „Ich bleib jetzt mal bei Ihnen sitzen, der Mann redet mir ein wenig zu viel auf Sie ein. Es kommt auch gleich ein Arzt für Sie, der checkt Sie mal durch.“ – Jaja. Macht mal.

Es dauerte eine ganze Zeit, dann kam die Polizei. Eine Frau in Uniform bekam gleich brühwarm erzählt: „Sie gehört zu dem Fahrzeug hier. Wir haben sie aus dem Auto geholt und hier erstmal hingesetzt.“ – Sie hockte sich zu mir und fragte: „Ihnen geht es aber sonst soweit gut? Oder kann ich gerade was für Sie tun? Ein Arzt ist schon unterwegs hierher, der müsste jeden Moment eintreffen.“ – „Mir geht es gut.“

Der Fahrer aus dem Sprinter laberte wieder. Die Polizistin unterbrach ihn: „Von Ihnen hätte ich jetzt gerne erstmal einen Ausweis. Pass oder ähnliches. Sie sind gefahren?“ – „Ja.“ – „Ihnen geht es aber soweit auch gut? Dann gehen wir mal ein Stück weiter und dann erzählen Sie mir mal bitte, wie das passiert ist.“

Plötzlich kam Hektik auf. Die beiden Uniformierten liefen die Straße entlang und brachten auf dem Rückweg einen weiteren Mann mit zurück. „Wer von Ihnen ist jetzt gefahren? Und warum erzählen mir die Zeugen was anderes und weisen uns auf einen Mann hin, der sich hinter parkenden Autos versteckt hat und vor uns wegläuft? Das ist doch alles sehr verdächtig, finden Sie nicht?“

Was ging denn hier schon wieder ab?! Ich bekam das alles nur halb mit. Ich war damit beschäftigt, mich nicht aufzuregen. Unterbewusst. Zwei Leute hoben mich auf eine Trage, rollten mich in einen hell erleuchteten Rettungswagen. Eine Frau stellte sich als Ärztin vor, wollte mir was für meinen Kreislauf geben. Die Polizistin klopfte an die Seitentür: „Könnt ihr bitte, bevor ihr Medikamente spritzt, einmal Blut zapfen?“

Ich wurde angestochen, wurde gefragt, ob ich Schmerzen hätte. „Spüren Sie alles? Können Sie bitte einmal mit den Füßen wackeln?“ – „Ich bin querschnittgelähmt.“ – „Nein, keine Panik.“ – „Doch“, antwortete ich. – „Wie kommen Sie darauf? Spüren Sie Ihre Beine?“ – „Ich bin querschnittgelähmt, seit ich 15 bin.“ – „Ach, jetzt habe ich das verstanden. Dann nehmen wir Sie aber auf jeden Fall mit in die Klinik und checken Sie einmal durch, okay?“

Lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Andere machen das ein Leben lang nicht, bei mir ist es schon das … zum Zählen reicht es nicht mehr. Die Ärztin schrieb während der Fahrt, nach gefühlten fünf Minuten waren wir da. Ich wurde in einen Schockraum geschoben. Ein Sanitäter schob meinen Rollstuhl hinterher. Nach einer ersten Übergabe wurde ich in eine Röhre geschoben, wurde acht Mal gefragt, ob ich mit dem Kopf irgendwo angestoßen sei, dann hieß es, ich solle noch zwei Stunden warten, bis mein Kreislauf sich wieder normalisiert hätte, dann könnte ich nach Hause.

Wo mein Handy ist, wusste ich nicht. Meine persönlichen Sachen, insbesondere Papiere, Portmonee und Schlüssel, waren weg. Ich lag in einem Aufwachraum, war an ein nerviges Pulsoximeter angeschlossen und begann, mich zu langweilen. Neben mir lag eine Frau und schnarchte laut. Plötzlich kamen die Polizistin und der Polizist rein, hatten mein Portmonee, Schlüssel und Handy dabei und fragten mich, wie es mir ginge. „Ich kann wohl in der nächsten Stunde nach Hause.“ – „Okay. Können Sie sich an den Unfall erinnern?“ – „Ich möchte zur Sache heute nicht aussagen. Ich fühle mich nicht ausreichend fit und möchte mich auch erst mit meinem Anwalt besprechen.“ – „Das ist Ihr gutes Recht. Stellen Sie denn Strafantrag?“ – „Auch das erklärt mein Anwalt für mich. Ich möchte zur Sache nicht aussagen.“ – „Ein Strafantrag ist nicht unbedingt eine Aussage zur Sache. Ich würde Ihnen auch dringend raten, einen Anwalt zu nehmen. Für uns wäre es wichtig, zu wissen, ob Sie sich an den Fahrer erinnern können. Wir haben vor Ort zwei Personen angetroffen und deren Einlassungen decken sich nicht mit den Aussagen der Zeugen. Wissen Sie noch, wie der Fahrer ausgesehen hat? Können Sie den beschreiben?“

„Auch das wäre doch eine Aussage zur Sache“, erwiderte ich, inzwischen deutlich genervt. Die Polizistin antwortete: „Es wäre wichtig, diese Aussage von Ihnen so schnell wie möglich zu bekommen. Vielleicht können Sie gleich einmal mit Ihrem Anwalt telefonieren. Einer der beiden Rumänen hat nämlich keine Fahrerlaubnis und möglicherweise liegt hier eine Straftat vor. Wir ermitteln also sowieso.“

Habe ich mit meiner peinlichen Aktion etwa dazu beigetragen, einen Ganoven buchstäblich aus dem Verkehr zu ziehen? Dann hätte dieser unsanfte Stopp ja wenigstens noch etwas Gutes. Aber gerade dann sollte ich nicht ohne Anwalt aussagen. „Wir haben Ihre Geldbörse durchsucht und die Daten Ihres Führerscheins und der Zulassungsbescheinigung aufgenommen. Bitte schauen Sie einmal, ob ansonsten noch alles drin ist.“ – Ansonsten heißt, dass sie den Führerschein sichergestellt haben? Oder gleich eingezogen? Ich guckte in mein Portmonee. Nein, der war noch da. Geld war auch noch drin. „Scheint alles vollzählig zu sein.“ – „Ihr Fahrzeug steht bei …, von denen haben wir eine Karte hier. Da müssten Sie sich baldmöglichst drum kümmern, das kostet sonst unnötig Standgebühren.“ – „Nicht sichergestellt?“, dachte ich mir leise und hielt die Klappe.

„Also, kontaktieren Sie bitte schnellstmöglich Ihren Anwalt, damit wir zur Frage des Fahrers vielleicht heute noch eine Aussage bekommen.“ – „Ja“, versprach ich. Und fragte: „Wie geht es denn jetzt für mich weiter?“ – „Sie werden jetzt erstmal gesund, reden mit Ihrem Anwalt und dann sollten Sie sehen, dass Sie den Schaden schnellstmöglich der gegnerischen Versicherung melden. Das andere Auto ist zum Glück in Deutschland versichert, also wird es da wohl keine Schwierigkeiten geben. Die Sachlage ist aufgrund der Zeugenaussagen und der Spuren am Unfallort eindeutig. Die Frage, wer gefahren ist, ist nur für die strafrechtlichen Ermittlungen relevant, weil hier möglicherweise ein Fahren ohne Fahrerlaubnis und eine Unfallflucht in Betracht kommen. Das wird Ihr Anwalt Ihnen aber genauer erklären.“

Ich verstand nur Bahnhof. Wieso gegnerische Versicherung? Hatte der Sprinter mich so weit rumgeschoben, dass die nicht mehr wussten, von wo ich kam? War das möglich? Aber würde ich dann so fies sein und das nicht richtig stellen? Nein. Aber wenn ich zur Sache was sage, dann wirklich nur über einen Anwalt. Eisernes Gesetz, hat mir Frank eingetrichtert. Gerade, wenn man sich möglicherweise etwas zu Schulden kommen lassen hat.

Ich rief Marie an. „Und? Hast du den Platz bekommen?“, fragte sie. Achja, da war ja was. Ich antwortete: „Keine Ahnung, nein. Ich bin da nicht angekommen.“ – Sie wollte mich abholen. Wir fuhren mit dem Taxi nach Hause und als allererstes bat ich den Fahrer, an der Unfallstelle vorbei zu fahren. Als wir auf die Einmündung zukamen, sah man aus der Entfernung schon die Reste des Bindemittels auf der Fahrbahn. Ich guckte auf die Beschilderung und da traf es mich wie ein Schlag: Keine abknickende Vorfahrt. Keine abknickende Vorfahrt! Keine abknickende Vorfahrt!!!

Das bedeutet: Rechts vor links. Ich bat den Taxifahrer, anzuhalten. Ich fragte: „Sagt mal, wer hat hier Vorfahrt, wenn von vorne einer kommt, der geradeaus weiterfahren will?“ – „Das ist eine ganz beknackte Ecke hier“, sagte der Taxifahrer. „Hier war früher mal eine abknickende Vorfahrtstraße. Aber seit hier Tempo 30 ist, gilt hier Rechts vor Links. Viele heizen hier einfach durch und so wie das hier aussieht, hat das auch kürzlich hier wieder gescheppert. Da liegen noch Scherben an der Seite und hier das Bindemittel. Jahrelang standen hier auch Schilder ‚Vorfahrt geändert‘, aber die sind seit einiger Zeit weg. Offenbar haben das noch immer nicht alle begriffen.“

Marie guckte mich an. Ich schüttelte den Kopf. Dann hatte ich es also doch nicht verkackt. Zumindest nicht so ganz. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich musste augenblicklich lachen. Der Taxifahrer muss gedacht haben, ich hätte einen an der Waffel. Habe ich ja irgendwie auch. Glaube ich.

Schnee und Wind

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„Habt ihr es warm? Habt ihr genug zu essen? Sind die neuen Nachbarn nett? Habt ihr euch schon eingelebt? Ist es nachts auch nicht zu laut?“ – Maries Oma konnte gar nicht schnell genug fragen. Marie antwortete: „Die Heizung funktioniert, zu essen haben wir zum Glück auch genug. Bisher sind die neuen Nachbarn nett, eingelebt haben wir uns noch nicht wirklich, aber das kommt noch – und nachts ist es so ruhig, dass man die Flöhe husten hört.“ – „Dann bin ich beruhigt und muss mir keine Sorgen machen.“

Muss sie nicht. Aktuell sind Semesterferien, aktuell sind wir im Norden, haben, bevor wir für ein weiteres Semester wieder regelmäßig in den Süden donnern, noch ein paar Wochen Zeit, um unsere neu fertig gestellte Wohnung im Hamburger Randgebiet zu beziehen. Mit der Planung, im Sommer eventuell dauerhaft wieder zurück in den Norden zu kommen. Wie schon gesagt, Nordlicht bleibt Nordlicht. Aber endgültig steht das Ende unseres „Auslandsstudiums“ noch nicht fest, eventuell bleiben Marie und ich auch noch bis zum kommenden Winter in einer Landschaft, in der man eben nicht schon morgens sieht, wer abends zu Besuch kommt.

Kaum sind wir in Hamburg, beginnt es zu schneien. Aus mehreren Winterdiensten hatten wir ein Angebot herausgesucht, schon lange vor Bezugsfertigkeit des neuen Hauses. Es war nicht das günstigste, sondern das einer seriös erscheinenden Firma aus der Nähe. Wir hatten die Hoffnung, es würde dann nicht der Subsubsub-Unternehmer des Subunternehmers auftauchen, sondern jemand, der seinen Auftrag so erfüllt, wie wir es vereinbart haben. Gerne zahlen wir dafür drei Euro pro Stunde mehr.

Mit der weißen Pest ist es bei Rollstuhlfahrern so eine Sache. Ich kenne kaum jemanden aus der Szene, der gerne mit dem Rolli im Schnee unterwegs ist. Der Stuhl ist dafür nicht gemacht, die kleinen Räder bleiben stecken, die Hände werden kalt, die Greifreifen rutschig … klar, man kann alles mögliche ausprobieren. Handschuhe, dicke Räder, Greifreifen-Überzüge – nur will man das? In Handschuhen hat man entweder kaum Grip oder wird nach kurzer Zeit doch kalt, die breiteren Räder passen nicht ohne weiteren Umbau an den Stuhl. Kurzum: Asche. Weiße Pest eben.

Die Räumfirma bekam somit den Auftrag, den Zuweg von der Straße zum Eingang auf einer Breite von mindestens zwei Metern von Schnee und Eis zu befreien und anschließend, soweit überhaupt nötig, etwas rutschhemmenden Sand zu streuen. Der Gehweg an der Straße sollte über die Grundstücksgrenze hinaus bis zur Bushaltestelle ebenfalls auf zwei Meter Breite geräumt werden. Über die Grundstücksgrenze hinaus, weil das Nachbargrundstück nicht bebaut ist, und bevor wir alle nicht zum Bus kommen, regeln wir das lieber selbst. Kostenpunkt: 1.250 Euro brutto pauschal pro Winter.

Wenn man bedenkt, dass in Hamburg durchschnittlich nur an 20 Tagen pro Jahr die Tages-Höchsttemperatur unterhalb des Gefrierpunkts bleibt (an weiteren 58 Tagen sinkt zwar die nächtliche Tiefsttemperatur unter den Gefrierpunkt, am Tag sind allerdings Plus-Grade) und durchschnittlich nur jeden zweiten (1,8) Tag überhaupt Niederschlag fällt, braucht man eigentlich nicht mehr die Anzahl der Schneetage nachblättern. Es sind in Hamburg durchschnittlich 15.

Gehen wir mal davon aus, dass die Räumfirma an diesen Tagen zwei Mal kommen muss, sind das pro Einsatz rund 40 Euro. Eine Person (wir haben es ausprobiert) wäre mit dem Auftrag gut eine Stunde beschäftigt – aus meiner Sicht ein mehr als fairer Preis, auch wenn die mit ihren Räumgeräten und gleich zu viert anreisen.

Was passiert aber? Die Firma schiebt halbherzig einen Haufen Schnee vom Privatweg auf den öffentlichen Gehweg, so dass alle Fußgänger und Rollstuhlfahrer nun über die Fahrbahn ausweichen müssen. Alleine dafür schon müsste man alle vier gleich einseifen. Man räumt auch nicht komplett, sondern lässt eine Schicht Schnee liegen und verteilt auf dieser Schicht einen ganzen schwarzen Eimer Streusplitt. Die Räumbreite ist mit 60 Zentimetern nicht mal annähernd das, was vereinbart war. Der öffentliche Weg, der auf einer Breite von mindestens einem Meter zu räumen gewesen wäre, wird nur abgestreut (also es wird Splitt auf den Schnee geworfen).

Die nun folgende Diskussion mit der Chefin war einfach atemberaubend. „Das ist gesetzlich so zulässig. Wenn doch mal jemand stürzt, sind wir versichert, das fällt nicht auf Sie zurück.“ – „Mich interessiert nicht, was gesetzlich zulässig ist, sondern was wir vereinbart haben. Und es geht auch nicht darum, ob ich haften müsste, denn dagegen sind wir ohnehin versichert, sondern ob ich mit dem Rollstuhl zum Bus komme. Oder die anderen Mieter.“ – „Ja, da können wir leider nichts machen, die Mitarbeiter haben ja noch andere Aufträge zu erfüllen und gerade morgens, wenn überall frischer Schnee liegt, kämen wir ja gar nicht hinterher.“

Zum Glück hatten wir einen schriftlichen Vertrag, in dem alles genau beschrieben war, einschließlich Zeichnung. Unser Anwalt hat dann gleich eine Abmahnung gefaxt. Als sich am nächsten Tag nichts änderte, kam die Frage, ob sie 500 € plus Anwaltskosten freiwillig übernehmen und wir sie dafür aus dem Vertrag entlassen oder ob wir uns (anstelle einer außergerichtlichen Einigung) lieber über eine fristlose Kündigung mit Schadenersatz streiten wollen. Am Ende waren es 600 € einschließlich Anwaltskosten – und tschüss. Die spinnen wohl. Sie müssen den Auftrag doch nicht annehmen.

Inzwischen haben wir Ersatz. Bora, benannt nach dem Wind in Kroatien, räumt wie ein Weltmeister. Oder vielleicht sogar wie der Wind. Eine Mieterin kennt ihn und hatte ihn empfohlen. Er war bis vor kurzer Zeit Schulhausmeister in Niedersachsen, sein Vertrag lief aber aus und im Moment arbeitet er bei seinem Bruder im Imbiss. Seine Frau könnte auch die Treppenhausreinigung übernehmen. Wir haben uns jetzt erstmal auf 200 € pro Monat auf Minijob-Basis bis einschließlich April geeinigt, danach schauen wir mal, ob er sich vielleicht um den Rasen und die Sträucher kümmern möchte. Lieber stellen wir da einen zuverlässigen Hausmeister ein als in den Fängen von Abzockern festzuhängen und uns nur zu ärgern.

Apropos ärgern: Habe ich schon erwähnt, dass nicht weit vom Haus entfernt ein kleiner Fluss fließt, auf dem man Kajak fahren kann? Ich glaube, es wird ein schöner Sommer…

Gene und so

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Warum es so lange nichts neues zu lesen gab von mir? Kann ich ganz einfach beantworten. Ich habe eine Zeitlang offline geschrieben (daher ist es nicht ganz richtig, dass es nichts neues gibt, es war nur noch nicht zu sehen), weil mir „online“ auf den Wecker ging. Nicht wegen der vielen freundlichen Leserinnen und Leser, die gerne an meinem Leben teilnehmen. Sondern wegen eines einzelnen Spinners, der zu jedem meiner Postings Dutzende Kommentare verfasst hatte, die alle in eine Richtung gingen, die ich hier nicht lesen wollte. Leider von unterschiedlichen Rechnern. Und leider in eine ähnliche Richtung, die auch kürzlich gegenüber einem Lehrer mit Down-Syndrom eingeschlagen worden war.

Nach einem Bericht der FAZ und des Spiegels soll Thomas Hartung, Politiker der AfD, über einen Lehrer mit Down-Syndrom gesagt haben: „Wo soll das hinführen, wenn er als ’normal‘ gezeigt wird?“ – Diese schriftliche Äußerung kostete ihm letztlich nicht nur seine Kandidatur bei der Landtagswahl in Sachsen, sondern auch seinen Lehrauftrag an der Uni Dresden, die sich öffentlich auf ihrer Internetseite von diesen Gedanken distanzierte. Richtig so, wie ich finde. Bravo.

Und bei mir? Naja, ein anderer Mensch, nicht Thomas Hartung, interessierte offensichtlich nicht wirklich meine Seite, sondern hatte Langeweile und spammte rum. Provozierte, nervte. Aber eben auf üble Art und Weise. Von defekten Genen, für die ich nichts könne, und anderem Unsinn war die Rede. Inzwischen steht ein maßgeblicher Urheber fest, der nicht damit gerechnet hatte, dass sein Provider nicht nur seinen Namen rausgibt, sondern inzwischen dem Kunden wohl auch fristlos gekündigt hat. Wegen offensichtlichen Missbrauchs des bereitgestellten Internetzugangs zu Straftaten. Und Frank rechnet zudem noch mit einem Strafbefehl über 20 bis 30 Tagessätze. Also bis zu ein Bruttomonatsgehalt für die Staatskasse. Nochmal bravo. Ich bin gespannt.

Wie im Flug

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Eine ereignisreiche Woche liegt hinter mir. Ereignisreich und voller neuer Eindrücke. Und voller neuer Entscheidungen. Nicht alles hat so geklappt, wie ich es mir gewünscht habe. Aber insgesamt fühle ich mich auf einem sehr guten Weg. Ich kann im Moment nur bruchstückweise berichten.

Das wichtigste erstmal vorweg: Ich habe die neue Wohnung tatsächlich bekommen! Am Dienstagmorgen überlegte sich die Eigentümerin noch für einen kurzen Moment, dass sie einer Zweier-WG, wie sie angedacht ist, eventuell vielleicht doch eher nicht zustimmen möchte. Dann aber vielleicht doch, und am Ende setzte sie ihre Unterschrift auf den Vertrag – und nur das zählt. Kurzum: Ich habe zum 01.05.14 ein neues Zuhause. Ich habe auch bereits die Schlüssel bekommen. Wer nun namentlich als Mieter im Vertrag steht und wer nicht, wo ich gemeldet bin, ob es neben meinem ersten noch einen zweiten oder sogar dritten Wohnsitz gibt, lass ich einfach mal völlig offen, denn es ist nur wichtig, wenn man dummes Zeug plant. Und mit dummem Zeug ist mein Kanal inzwischen wirklich voll. Ich sag nur: Pizza-Monster!!!

Marie und Maries Eltern waren am Dienstag auch beide mit dabei. Und während ich die anstehende Veränderung noch gar nicht richtig realisiert hatte, haben sich Maries Eltern schon richtig darüber gefreut. Bisher hatte ich ein Zimmer, künftig müssen wir eine komplette Wohnung einrichten, von daher kam als erstes die Frage: „Was willst du alles aus dem schwedischen Einrichtungshaus haben? Zusammenbauen kannst du das alles zur Not auch mal alleine, aber ranschleppen?“ – Autovermietung, Kleintransporter ausgeliehen, losgefahren. Maries Eltern sind da sehr entscheidungsfreudig. Das Auto war absolut nicht der Hit: Ein Pritschenwagen mit Plane und mit ohne funktionierender Kupplung, hatte bereits 300.000 km auf der Uhr, dafür kostete er aber auch nur 20 Euro. Plus Kraftstoff. „Ich komme mir gerade vor wie beim Rodeo“, meinte Maries Vater, als er mit dem Ding losfuhr und die Fahrerkabine schaukelte wie eine Hamburger Hafenfähre bei Windstärke 10. Drückte mitten in der Ampelschlange auf die Hupe und entlockte dem Bock ein müdes Krächzen, kommentiert mit: „Eine akustische Signaleinrichtung ist zwar vorhanden, bei Bedarf sollte man aber lieber laut pfeifen.“ – Maries Mutter: „Nun mach nicht solchen Blödsinn, es muss ja nicht gleich die halbe Stadt mitkriegen, dass hier jemand ein paar Fischköppe freigelassen hat.“ – Entsprechend kann sich jeder in die vor Ort herrschende Stimmung hinein versetzen.

Eine Geschirrspülmaschine gehört zur Einrichtung, eine Waschmaschine nicht. „Kauf gleich eine vernünftige, damit du auch noch was davon hast, nachdem die Garantie abgelaufen ist“, sagte Maries Papa und handelte beim Verkäufer gleich noch 10% Rabatt raus, weil die Maschine ja nicht für ihn sondern für die Rollstuhlfahrerin ist. Erste eigene Wohnung und so. Plus Wäschetrockner. „Nicht anliefern, die nehmen wir gleich mit.“ – Während Maries Mutter das Pritschenwagen-Ungetüm rückwärts an die Ladekante rangierte, stand Maries Papa hinten auf der Ladefläche und passte auf, dass nichts zu Bruch ging. Das war nötig, denn der Blick nach hinten war vom Fahrersitz nur über zwei bierdeckelgroße Rückspiegel möglich, von denen einer auch noch so lose war, dass er sich unter der Vibration des Motors ständig verstellte. Als Maries Papa hinter der Plane hervorkam und runtersprang, starrte ihn eine ältere Frau an: „Sind Sie etwa dahinten drauf mitgefahren?“, fragte sie entsetzt. Maries Vater machte ein treudoofes Gesicht, legte einen Finger über die Lippen und sagte: „Pssst! Sind wir denn schon über die Grenze?“

Weil wir möglichst wenig Platz im Bad verschenken wollen, haben wir uns für eine Wasch-Trocken-Säule entschieden, also der Trockner steht, mit einem Zwischenbausatz befestigt, oben auf der Waschmaschine. Nicht erwähnenswert, wäre da nicht wieder Maries Vater gewesen, der den Kram zusammenschraubte, während Maries Mutter im Wohnzimmer auf der Erde herumrobbte und ein Regal zusammenbaute. Plötzlich steht Maries Vater allen Ernstes mit einem rund 60 Kilogramm schweren Elektrogerät auf dem Arm im Bad und fragt: „Wohin sollte der jetzt noch gleich?“ – Während ich mir einen entsetzten Blick nicht verkneifen konnte, kannte Marie das Theater schon: „Warte kurz, ich google das mal eben.“ – Maries Papa: „Lass dir Zeit, die Kiste ist nur geringfügig schwerer als du.“ – „Jaja, noch ein paar solche Sprüche und die Waschmaschine kommt nach oben.“

Am Dienstagabend hatte Marie mit ihrer Familie noch einen Termin in Hamburg und ich wollte abends noch eine Freundin in Hamburg treffen, die zu Besuch in der Stadt war. Entsprechend machten wir uns irgendwann auf den Weg nach Hamburg. Wundert es, dass ausgerechnet mein Zug wegen einer Triebwerksstörung ausfiel und durch einen kurzfristig eingesetzten Ersatzzug ausgeglichen werden sollte, in dem es aber nur einen statt der drei Rollstuhlplätze gab? Und der eine war natürlich besetzt. Innerhalb der drei Minuten, die der Zug am Bahnsteig wartete, war es nicht mehr möglich, jemanden davon zu überzeugen, dass ich auch woanders sitzen könnte. Der Zug fuhr ohne mich ab. Der nächste Zug war auch bereits überfüllt und so brauchte ich für eine Teilstrecke, die man sonst in 90 Minuten zurücklegt, schonmal mehr als drei Stunden. Nach vier Mal umsteigen kam ich in Hamburg an, als meine Freundin bereits in ihrem Zug nach Hause saß. Tolles Ding.

Am Mittwoch hatte ich in Hamburg einen Termin mit dem Richter, der für die Betreuung meiner Mutter zuständig ist. Beziehungsweise: Eigentlich war es ein Termin mit der Rechtspflegerin. Frank begleitete mich und als die Rechtspflegerin wegen einer Nachfrage zum dritten Mal den Richter in seinem Zimmer anrief, meinte der irgendwann, dass er zu uns kommen würde. Nach fünf Minuten war er da, nahm sich erstaunlich viel Zeit und verlangte am Ende von mir, dass ich das, was ich ihm erzählt habe, eidesstattlich versichern würde. Die Rechtspflegerin schrieb also ein rund vierseitiges Protokoll und ich musste auf einer davor gehefteten Seite unterschreiben, dass ich „auf die Bedeutung und die strafrechtlichen Folgen einer vorsätzlich oder fahrlässig abgegebenen unrichtigen oder unvollständigen eidesstattlichen Versicherung hingewiesen wurde und hiermit die Vollständigkeit der anliegenden Erklärung bestätige und an Eides Statt versichere, dass ich nach bestem Wissen die reine Wahrheit gesagt und nichts verschwiegen habe.“ – Ich kam mir in etwa so vor wie in einem amerikanischen Krimi. Frank meinte aber hinterher, dass das ein gutes Zeichen sei, denn der Richter brauchte offenbar einen handfesten Beweis, und wenn er den so aktiv einfordert, wird er ihn auch verwenden.

Zweites Thema an diesem Tag: Namensänderung. Zusammengefasst: Aus den vorliegenden Gründen nicht möglich. Würde ich Schulz heißen und gäbe es in meiner Straße oder an meinem Arbeitsplatz noch eine weitere Frau Schulz, könnte ich meinen Namen ändern lassen. Aber wegen Stalking durch die eigene Mutter? Um untertauchen zu können? Das ist nicht vorgesehen und nicht zweckmäßig. Da gebe es andere Möglichkeiten. Welche, das konnte man mir nicht sagen, denn man dürfe in dieser Hinsicht nicht beraten. Man könne aber als Frau Schulz genauso untertauchen oder Bannmeilen erwirken wie als Frau Neumann. Oder so. Oder so ähnlich.

Was ich aber am Donnerstag erreichen konnte, war eine Abdeckung der Meldedaten an meinem neuen Wohnort und an der Universität. Und: Ich kann zwar nicht unter einem anderen Namen studieren, aber ich werde an einer anderen Universität verwaltet und nicht in öffentliche Verzeichnisse eingetragen. Das habe man sich in Rücksprache mit der Landesverwaltung überlegt. Ich bin sehr gespannt, ob das funktioniert. Nicht nur, was die Auskunft an Dritte (und meine Mutter) angeht, sondern auch, was die Leistungsnachweise angeht, die ich ja an einem völlig anderen Ort erbringe. Aber ich bin auch zuversichtlich, denn ich habe bisher nur verständnisvolle, bemühte und freundliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen gelernt.

In der nächsten (kurzen) Woche werde ich zum ersten Mal einen Hörsaal von innen sehen, ab dem 12. Mai ist auch hier mein erstes Praktikum angesagt. Das ist übrigens auch die Woche, in der mein Auto endlich ausgeliefert werden soll. Mit fast einem halben Jahr Verspätung. Es wird vermutlich die erste Woche sein, in der mal wieder etwas mehr Ruhe in mein Leben einkehrt. Was dringend nötig ist, denn ich komme mir im Moment vor wie im Flug.