Weit weg

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Mein Blog hat mir schon mehrmals sehr geholfen. Und er hilft mir aktuell wieder. Aufzuschreiben, zu sortieren. Viele Leserinnen und Leser schreiben mir, per Mail, per Kommentar zurück. Ich lese alle Mails, ich lese alle Kommentare, auch dann, wenn ich keine Antwort schreibe, auch dann, wenn ich einzelne Kommentare nicht veröffentliche, beispielsweise, weil in dem Kommentar über meinen neuen Studienort spekuliert wird.

Einige Leserinnen und Leser haben sich, selbst wenn sie es nicht an mich formuliert haben, gefragt, warum ich zwar insgesamt oberflächlich, punktuell aber dennoch sehr konkret über diejenigen Dinge schreibe, von denen ich gerade nicht möchte, dass sie bekannt werden. Wie beispielsweise über meinen neuen Studienort. Über meine neue Wohnung. Einzelheiten, dass die Wohnung in einer Sackgasse liegt, dass die Stadt an einem Fluss liegt, dass sie südlich von Hamburg ist, dass zum Personal eine Psychologin im Rollstuhl gehört, lassen doch sehr viele Rückschlüsse zu.

Richtig. Genau das tun sie. Ich versuche, zu erklären, dass ich mir sehr genau überlegt habe, warum ich was aufschreibe – und warum ich was nicht aufschreibe. Ich weiß allerdings nicht, ob mir diese Darstellung gelingt. Längst ist mein Blog nicht mehr nur ein einfaches Tagebuch, auch wenn ich meinen Blog in erster Linie für mich selbst schreibe. Längst muss ich auf mich aufpassen, nicht nur wegen meiner Mutter. Aber derzeit hauptsächlich ihretwegen.

Für meine Mutter wurde wegen ihres Hilfebedarfs, der sich aus ihrer psychischen Erkrankung ergibt, eine rechtliche Betreuung bestellt. Eine rechtliche Betreuung ist nicht mehr, wie früher, ein Vormund; jemand, der einen rechtlichen Betreuer hat, ist nicht automatisch geschäftsunfähig. Es ist vielmehr so, dass der Betreuer ein gesetzlicher Vertreter ist und diejenigen Geschäfte erledigen soll (und darf), die der Betreute nicht alleine erledigen kann. Wichtig ist aber: Diejenigen Geschäfte, die der Betreute sehr wohl alleine erledigen kann, darf (und soll) der Betreute (in der Regel) selbst erledigen. So benötigt ein Betreuter in aller Regel nicht das Einverständnis seines Betreuers, wenn er Dinge tun oder lassen möchte; auch dann nicht, wenn diese Dinge eigentlich in den Aufgabenbereich des Betreuers fallen. Natürlich sollten die beiden sich idealerweise einig sein und abstimmen. Aber rein rechtlich ist der Betreute eben nicht entmündigt. Ich weiß, es gibt in Ausnahmefällen Einwilligungs-Vorbehalte und Einschränkungen; ich versuche aber gerade, auf ein eher kompliziertes Thema hinzulenken und beschränke mich daher auf allgemeine und wichtige Grundsätze.

Zweiter Grundsatz: Ein Betreuer ist immer nur für einen ganz begrenzten Aufgabenkreis zuständig. Also beispielsweise für die Vermögenssorge. Das bedeutet, dass er beispielsweise für den Bereich der Gesundheitsfürsorge den Betreuten nicht rechtlich vertreten darf. Möchte der Betreute also sich ein Piercing stechen lassen oder eine Zahn-OP durchführen, braucht er weder über das eine noch über das andere überhaupt mit seinem Betreuer reden. Es ist sogar rechtlich unzulässig, dass der Betreuer dann den Aufklärungszettel für die Zahn-OP unterschreibt. Das kann nur der Betreute selbst. Wenn der Betreute allerdings nicht begreift, was das Schreiben mit den ganzen Zahlen, das ihm von der Abrechnungsstelle des Zahnarztes zugeschickt wurde, bedeutet, kann er das an seinen Betreuer weiterleiten und dieser kann dann vom Konto des Betreuten die Rechnung der Zahn-OP bezahlen, ohne dass der Betreute gegenüber der Bank diese Zahlung legitimieren muss. Der Betreuer darf (und soll) den Betreuten dann vertreten.

Soviel zur Theorie. Für meine Mutter wurde, nachdem es ihr zuletzt sehr schlecht ging, eine Betreuung angeordnet. Die Betreuerin, eine Rechtsanwältin, sollte sich sowohl um die Gesundheitsfürsorge als um die Aufenthaltsbestimmung kümmern. Eingeschlossen war eindeutig die Möglichkeit der Anordnung einer zwangsweisen Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik durch die Betreuerin. Das ist natürlich nur möglich, wenn entsprechende Gefahren für meine Mutter oder für andere (durch meine Mutter) bestehen; jede einzelne solcher Entscheidungen muss sofort dem Betreuungsgericht mitgeteilt werden und wird auch immer von dort überprüft. Die Möglichkeit, dass die Betreuerin die Einweisung anordnen kann, setzt die Hürde, die allgemein besteht, bevor jemand gegen seinen Willen in die Psychiatrie gesteckt wird, erheblich herab. Nicht in dem Sinne, dass andere (weichere) Maßstäbe gelten; wohl aber in dem Sinne, dass es jemanden gibt, der ständig für eine solche Entscheidung zuständig ist und diese Entscheidung im Bedarfsfall auch sofort treffen muss. Insbesondere eine Berufsbetreuerin (die eine Rechtsanwältin nun mal ist, im Gegensatz zu einer freien Betreuerin, wie sie beispielsweise eine Familienangehörige wäre) muss sich für alles, was sie tut, aber auch für alles, was sie nicht tut, regelmäßig und anlassbezogen vor dem Gericht schriftlich rechtfertigen. Es herrscht die Auffassung, dass die Betreuerin mindestens alle 7 bis 14 Tage sich einen aktuellen Eindruck verschaffen muss, im Bedarfsfall auch öfter.

Zu den Aufgaben eines Betreuers gehört auch, regelmäßig dem Betreuungsgericht mitzuteilen, ob aus seiner Sicht die Betreuungsbedürftigkeit noch besteht. Es sind ja genügend Möglichkeiten denkbar, in denen jemand im Laufe der Zeit gesund wird oder ausreichend Erfahrungen sammelt, um sich irgendwann (wieder) selbst zu vertreten. Das Gericht muss zudem von sich aus alle spätestens sieben Jahre überprüfen, ob die Betreuung noch korrekt ist; also ob sie umfangreich genug oder zu umfangreich oder vielleicht sogar überflüssig ist.

Bei meiner Mutter war es nun wohl so, dass die Rechtsanwältin, die für die Betreuung zuständig war (die Betonung liegt auf ‚war‘), alles unternommen hat, um den Bereich der Aufenthaltsbestimmung wieder aufheben zu lassen. Sie hat das Gericht mit ihrer Ansicht gefüttert, meine Mutter käme in diesem Punkt alleine zurecht. Wie sie zu dieser Ansicht gelangt ist, kann ich nicht sagen, denn ich kenne den Inhalt der Akte nicht. Ich darf diese Akte auch nicht kennen. Es ist das gute Recht der Betreuerin, zu dieser Ansicht zu gelangen und diese Ansicht auch dem Betreuungsgericht mitzuteilen. Eventuell müsste man sich Sorgen darüber machen, falls die Betreuerin zu einer Ansicht kommt, die mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Eventuelle Sorgen darüber, dass die Betreuerin die Bedürfnisse ihrer Betreuten nicht richtig wahrnehmen könnte, beispielsweise. Anhand dieser Formulierungen merkt bereits jede Leserin und jeder Leser, dass hier noch ein Jurist nachgeschliffen hat.

Nicht von der Hand zu weisen sind mehrere über einfache Stellungnahmen hinausgehende Anregungen der Betreuerin, die Betreuung für den Bereich der Aufenthaltsbestimmung bei meiner Mutter wieder aufzuheben. Konkret wurden auch Gutachten mit eingereicht, die außerhalb des Betreuungsverfahrens in Auftrag gegeben wurden und beweisen sollten, dass meine Mutter die Angelegenheiten der Aufenthaltsbestimmung alleine regeln kann. Meine Mutter hat sich kooperativ gezeigt und selbst diese Aufhebung forciert. Ich möchte nicht unterstellen, dass die Betreuerin sich damit, dass sie diesem Wunsch folgt, Arbeit vom Hals halten wollte. Aber, so die Beschwerde der Rechtsanwältin, die mich vertritt (übrigens eine, die auch vom Weißen Ring vermittelt wird und dieselbe, die mich auch bereits einmal vor zwei Jahren gegen einen Fetischisten vertreten hat, der extrem zu weit ging, nun aber Ruhe gibt), es sei nicht Aufgabe der Betreuerin gewesen, die Betreute im Betreuungsverfahren parteilich zu unterstützen. Sie hätte vielmehr die Bestellung eines Verfahrenspflegers anregen müssen. Dieser Auffassung hat das Betreuungsgericht in einer schriftlichen Stellungnahme bereits zugestimmt.

Also auf Deutsch: Die Betreuerin hat sich (auf Wunsch meiner Mutter) dafür stark gemacht, dass die Aufenthaltsbestimmung nicht mehr zu ihrem Aufgabenbereich gehört. Auch wenn meine Mutter sie darum anfleht: Vor diesen Karren hätte sie sich nicht spannen lassen dürfen, sondern lediglich neutral dem Gericht ihre Einschätzung oder die Einschätzung der Betreuten zu dem Thema mitteilen dürfen. Daraufhin hätte das Gericht unabhängig den Umfang der Betreuung überprüfen und entscheiden müssen. Gegen diese Entscheidung hätte sich meine Mutter wehren können; wenn sie dabei Hilfe braucht, hätte mit dieser Hilfe aber eine unabhängige Person betraut werden müssen. Das ist so aber nicht passiert.

Okay, was soll das? Warum reite ich auf diesen Vorschriften herum? Ganz einfach: Das Gericht hat (und das hat meine Anwältin gerügt) dieser Verkleinerung des Aufgabenbereichs der Betreuerin meiner Mutter zugestimmt. Aufgrund vorliegender Gutachten, eigenem Eindruck und ähnlichem. Solche Verfahren werden im 10-Minuten-Takt entschieden, von daher will ich dem Richter selbst in dieser Sache nicht mal einen großartigen Vorwurf machen. Rechtlich ist das höchstwahrscheinlich nicht mal zu beanstanden, denn es gibt keine gesetzliche Pflicht für den Betreuer, sich im Betreuungsverfahren neutral zu verhalten. Aber eben als Ergebnis dieser einseitigen Interessenverfolgung und vermutlich nicht ausgewogenen Entscheidung fehlt nun jemand, der den Gesundheitszustand meiner Mutter regelmäßig grob überwacht. Und das wiederum gehörte zu den Empfehlungen der Klinik, in der meine Mutter über Monate stationär behandelt wurde.

Derjenige (oder diejenige) fehlt nun insofern, als dass (und nun wird es spannend) zum Aufgabenbereich der Betreuerin zwar nach wie vor der Bereich der „Gesundheitsfürsorge“ gehört – aber damit eindeutig nicht mehr die Möglichkeit, sie zwangsweise einweisen zu lassen, denn, so sagte meine Anwältin und Frank hat die Geschichte bereits als „dickes Osterei“ bestätigt, für eine Einweisung ist ausdrücklich auch die Vertretung im Bereich der Aufenthaltsbestimmung nötig. Die die Betreuerin ja nun nicht mehr hatte. Somit kann die Betreuerin meine Mutter nicht mehr zwangsweise in die Psychiatrie schicken und somit muss sie auch, da es nicht mehr zu ihrem Aufgabengebiet gehört, diese konkrete Frage nicht mehr berücksichtigen und über die psychische Gesundheit meiner Mutter nicht mehr Rechenschaft ablegen. Es wäre sogar ein Eingriff in die Grundrechte meiner Mutter, wenn die Betreuerin hier überwachend tätig werden würde, ohne dass das Betreuungsgericht ihr diesen Aufgabenbereich zuspricht. Und damit hat es meine Mutter geschafft, aus der regelmäßigen „Kontrolle“ herauszukommen.

Klar ist: Auch wenn die Betreuung so weitergeführt worden würde, hätte die Betreuerin meine Mutter nicht deshalb einweisen können, weil sie mich stalkt. Das gibt ihr Amt nicht her. Darum geht es mir auch nicht. Aber: Die Betreuerin hätte den Gesundheitszustand regelmäßig überwachen müssen, um einer drohenden Verschlechterung, in der es zu gefährlichem Verhalten kommt, zum Beispiel, indem sie jenseits von Gut und Böse sich mit anderen Leuten körperlich anlegt oder im fünften Stock nachts auf Feuerleitern turnt, notfalls zwangsweise entgegen wirken zu können. Da sie selbst nicht in der Lage ist, die psychische Gesundheit meiner Mutter abschließend und genau zu beurteilen, hätte meine Mutter regelmäßig zur ambulanten Kontrolle zum Psychiater gemusst. Der hätte dann kurz berichtet, ob sie ihre Medikamente nimmt, ob sie am Rad dreht, … – nur da war sie wohl länger nicht. Und wäre sie da gewesen, um dann den Kreis endlich zu schließen, bräuchte ich vermutlich mir keine Sorgen darüber zu machen, wo ich künftig studiere und wie ich künftig heißen soll.

Das Problem ist ja nach wie vor nicht, dass sie an meinem Leben teilnehmen möchte. Sie kann jederzeit meinen Blog lesen, sie könnte über ihre Betreuerin mit mir in Kontakt treten, wenn das denn alles nicht nur darauf abzielen würde, mich davon zu überzeugen, dass ich falsch mit meiner Behinderung umgehe. Sie kann teilnehmen; sie will es aber nicht. Im Moment will sie durch destruktives Verhalten Aufmerksamkeit. Die bekommt sie jetzt, wunderbarerweise auch noch über das Familienfest „Ostern“ – allerdings für einen teuren Preis.

Und, auch um auf die eingangs gestellte Frage zurück zu kommen, warum ich meinen neuen Studienort nicht geheimer halte, eins möchte ich mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringen: Meine Mutter kommt nicht von selbst auf die Idee, so geschickt in ihrem Betreuungsverfahren zu manövrieren. Ich habe anderthalb Jahrzehnte mit ihr zusammengewohnt, ich habe sie danach erlebt. Bei allem Respekt: So clever ist sie nicht. Das überblickt sie nicht. Das hat ihr jemand gesteckt. Sicher nicht in der Absicht, mich zu schädigen. Aber von sich aus ist sie nicht auf diese Idee gekommen. Das ist nicht nur meine Überzeugung, sondern auch die Einschätzung mehrerer anderer Menschen aus meinem Umfeld.

Dass sie manipuliert, den Leuten was vorspielt, falsche Anrufe macht, geschickt fragt: Das traue ich ihr alles zu. Aber dass sie sich an einen PC setzt, eine Suchmaschine bemüht und einen juristischen Plan ausheckt, wie sie sich der ärztlichen Kontrolle entziehen kann, das packt sie nicht. Und auch wenn Menschen, die eine psychische Erkrankung haben, möglicherweise mit Fähigkeiten beeindrucken, die man im ersten Moment nicht erwartet hat, so hat meine Mutter trotzdem kein abgeschlossenes Jurastudium und auch keine plötzlich erhöhte Intelligenz. Bei allem Respekt, so clever, dass sie das alleine ausheckt, ist sie einfach nicht.

Und damit bin ich der festen Überzeugung: Wenn sie herausbekommen möchte, wo ich künftig studiere, dann bekommt sie das problemlos raus. Auch dann, wenn ich meinen Namen ändere, auch dann, wenn ich eine Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt habe, auch dann, wenn sämtliche Organisationen, die irgendwie mit mir zu tun haben, nur die Adresse meines Hamburger Wohnsitzes kennen. Oder die Adresse von Marie. Oder die einer Anwaltskanzlei oder eines Scan-Dienstes, wo vielleicht künftig meine Post bearbeitet wird. Und sei es, indem sie in Hamburg beim Schwimmtraining auftaucht und dort Leute bedroht oder in der Tasche meiner Trainerin wühlt, wo sie vielleicht irgendwelche Angaben über mich findet.

Ich weiß nicht, ob eine Namensänderung der richtige Schritt ist. Die Abdeckung des Namens in Melderegistern und an der Uni ist es auf jeden Fall. Nirgendwo öffentlich den Namen der Stadt und ähnliche genaue Angaben zu machen, auch. Konkret auf die Geheimhaltung meiner persönlichen Daten zu bestehen, auf das Stalking hinzuweisen – genau richtig. Meine Leute zu Wachsamkeit und zu sehr überlegtem Handeln aufzurufen, ja. Aber dass sie beispielsweise herausbekommen hat, welches meine Bank ist, wird eher ein Zufall sein, der eben auf genau diesen laschen Umgang mit persönlichen Daten zurückzuführen ist. Sie hat vermutlich einfach bei den fünf größten Kreditinstituten in Hamburg angerufen und die mit Namen, Geburtsdatum und Adresse konfrontiert. Und dann gesagt, dass ich dort ein Konto hätte. Bei einem kam eben nicht die Antwort „Ich finde Sie hier gar nicht“, sondern „Ich stell Sie mal zur Filiale durch.“ Bums.

Wie gesagt, ich werde es nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber meine Strategie wäre im Moment: Andere Wohnung, weg aus Hamburg, Adresse nicht nennen und in öffentlichen Verzeichnissen (einschließlich Meldeamt) sperren – und dann einen Einfluss nehmen auf das Betreuungsverfahren und durchsetzen, dass der Bereich „Aufenthaltsbestimmung“ bei meiner Mutter wieder von einem Betreuer unterstützt wird. Zumindest so weit, dass jemand auf meine Mutter aufpasst, damit sie ihre Medikamente nimmt und regelmäßig Hilfe bekommt. Und sei es nur, dass jemand einmal pro Woche feststellt, dass es ihr gut geht. Das wäre mir natürlich am liebsten. Mit dem Bereich „Aufenthaltsbestimmung“ wäre auch verbunden, dass das Betreuungsgericht zustimmen muss, wenn meine Mutter ihren Wohnsitz verändern will. Also beispielsweise auf die Idee käme, in meine Nähe zu ziehen. Und dass man sie eben, sobald sie sich wieder nähern sollte, nicht mal eben um den Block fährt und in 10 Minuten ist sie wieder da, sondern nach Hause bringt. Weit weg.

Tanken und anderer Wahnsinn

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Da steht man an der Tankstelle, hat knapp 60 Liter Diesel frisch gezapft, möchte bezahlen, gibt dem Verkäufer durch den Nachtschalter die Karte – und wird nach drinnen gebeten. „Das ist ein wenig blöde mit dem Rollstuhl, kommen Sie doch bitte rein.“

Das war ja noch nie da. Bevor ich diskutiere, rolle ich zur Tür. Er kommt von innen zur Tür, öffnet sie, lässt mich rein. Die Tür schließt sich hinter mir, ein deutliches vernehmbares „Klack“ lässt mich realisieren, dass ich ohne seine Hilfe hier nicht wieder raus komme. Der Verkaufsraum ist recht groß, bis auf den Nachtschalter spärlich beleuchtet. Irgendwie wird mir gerade etwas mulmig. „Ich würde Sie bitten, mit mir hier kurz auf die Polizei zu warten.“ – „Was?!“ – „Ja, erkläre ich Ihnen gleich.“

„Nee, das erklären Sie mir jetzt. Sie halten mich nicht ohne Grund fest.“ – „Bleiben Sie mal ganz ruhig. Ich rufe jetzt die Polizei und dann sehen wir weiter.“ – „Warum wollen Sie die Polizei rufen? Was habe ich falsch gemacht?“ – „Die Karte, die Sie mir eben gegeben haben, ist gestohlen und zum Einzug vorgesehen. Ich habe keine Wahl und muss die Polizei rufen.“ – „Das ist meine Karte. Hier ist mein Personalausweis, vergleichen Sie das.“

Immerhin lässt er mit sich verhandeln. Er nimmt meinen Ausweis. – „Haben Sie die Karte als gestohlen gemeldet?“ – „Nein.“ – „Das ist mir alles nicht geheuer, woher soll ich wissen, dass Sie nicht die Karte als gestohlen gemeldet haben, um später behaupten zu können, Sie hätten damit nicht bezahlt?“ – „Weil ich das nicht nötig habe?! Ich tanke hier regelmäßig, meine Bilder sind auf der Videoüberwachung, ich fahre im Rollstuhl, bin also auffällig und leicht wiedererkennbar. Da drehe ich doch nicht so ein Ding.“ – „Haben Sie genug Geld dabei, um das bar zu bezahlen?“ – „Ich muss schauen, vielleicht. Ja, habe ich.“ – „Noch verdächtiger. Warum zahlen Sie dann mit Karte?“ – „Das ist doch meine freie Entscheidung.“ – „Es ist merkwürdig.“ – „Wie Sie meinen.“ – „Ich rufe jetzt die Polizei. Dann sehen wir weiter. Wenn Sie nichts angestellt haben, haben Sie ja auch nichts zu befürchten.“

Super. Irgendwann werde ich Mitglied in dem Verein. Keine drei Minuten später fährt ein Streifenwagen auf das Tankstellengelände. Zum Glück ohne Lalülala. Ich bin erstaunlich ruhig und denke: ‚Hier steht die Verbrecherin, kommen Sie ruhig näher. Am besten nehmen Sie mich heute Nacht mit in die Zelle, weil die Bank erst morgen früh erklären kann, warum sie meine Karte sperrt.‘

Sozialfälle sind bei der Polizei Frauensache. „Mach du das mal“, sagt der männliche Polizist zu seiner Kollegin vor der Glastür. Deutlich hörbar. Der Verkäufer öffnet die Tür, die beiden treten ein. Der Mann bleibt an der Tür stehen, die Frau fragt, was denn los sei. Der Mitarbeiter holt meine Karte und den Bon. Auf dem steht: „Karte gestohlen, sofort einziehen.“ – Er sei verpflichtet, dann die Polizei zu rufen, das stehe in seinen Dienstanweisungen. Die Polizistin fragt mich: „Darf ich dann erstmal Ihren Ausweis sehen?“

„Den hat er schon“, antworte ich und deute auf den Verkäufer. Sie guckt sich das alles an und sagt: „So, der Name stimmt ja überein, warum zahlen Sie mit einer als gestohlen gemeldeten Kreditkarte? Bevor Sie was sagen: Da steht ja nun möglicherweise eine Straftat im Raum, denn wenn Sie die Karte als gestohlen gemeldet haben und hinterher damit bezahlen, könnten Sie in der Absicht gehandelt haben, die Kreditkartengesellschaft zu betrügen. Sie müssen sich vor der Polizei also zu der Sache nicht äußern, wenn Sie das nicht möchten.“ – „Ich habe die Karte nicht als gestohlen gemeldet.“ – „Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

Ich zucke mit den Schultern und nicke. Die Polizistin sagt: „Das überzeugt mich nicht. Wissen Sie, wie viele Leute sowas machen und sich dabei sehr schlau vorkommen?“ – „Nein, das weiß ich nicht. Ich habe sowas nicht gemacht, komme auch nicht auf solche Ideen und komme mir auch gerade ziemlich blöd vor. Ich denke, dass sich das bei einem Gespräch mit der Bank aufklären wird.“ – „Mein Kollege prüft gerade mal ab, ob Sie schon öfter mit solcher Sache aufgefallen sind.“ – „Dann hätte ich bestimmt noch eine auf meinen Namen ausgestellte Kreditkarte.“ – „Sie geben es also zu?“ – „Was gebe ich zu?“ – „Dass Sie es heute zum ersten Mal gemacht haben?“ – „Verdrehen Sie mir bitte nicht das Wort im Mund.“ – „Werden Sie bitte nicht frech. Was machen Sie beruflich?“ – „Ich bin Studentin.“ – „Studentin? Also knapp bei Kasse, oder? Und dann für 80 Euro tanken, das ist schon viel Geld.“ – „Sie fragen mir etwas zu einseitig. Sie belasten mich. Dass die Bank eventuell einen Fehler gemacht haben könnte, ziehen Sie gar nicht in Betracht.“ – „Es gibt sowas wie eine kriminalistische Erfahrung. Die Wahrscheinlichkeit sagt mir, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Bank sich irrt. Und Sie verhalten sich einfach verdächtig. Ist das Ihre Geldbörse da auf dem Schoß? Darf ich mal bitte?“

Bevor ich was sagen kann, greift die Polizistin zu und durchsucht mein Portmonee. In Ordnung finde ich das nicht, aber finden wird sie auch nichts. „Ah, noch mehr Kreditkarten. Wollen wir mal ausprobieren, ob die auch gesperrt sind?“ – „Nö“, antworte ich. Ich glaube auch nicht, dass ich das muss. Ich weiß auch nicht, was daran nun verdächtig oder unverdächtig sein soll, das ist ein Kartendoppel meiner Hausbank und zu einem Kartendoppel gehören, wie der Name schon sagt, immer zwei Karten. Nachdem die Abfrage über Funk nichts gebracht hat und in meinem Portmonee weder Rauschgift noch andere verbotene Dinge sind, fragt die Polizistin, ob ich damit einverstanden bin, dass sie die anderen Karten sicherstellt. Ich sage, dass ich nicht damit einverstanden bin. „Sie wissen aber, was passiert, wenn Sie heute Nacht noch woanders mit einer weiteren als gestohlen gemeldeten Karte zahlen, ja?“ – Den blöden Spruch, dass ja nun der Tank voll ist, spare ich mir natürlich. Ich darf nach einer umfangreichen Belehrung nach Hause.

Frank meinte zu Hause gleich: „Das darf doch nicht wahr sein. Dich kann man nirgendwo alleine hin lassen.“ – „Na vielen Dank.“ – „War die Karte abgelaufen am 31.03.?“ – „Nein, die war noch über drei Jahre gültig.“ – „Und wer hat die jetzt?“ – „Die Polizei.“

Am nächsten Morgen rief ich nicht an, sondern fuhr gleich persönlich zu meiner Bank. Auf die Ausrede war ich nun wirklich gespannt. Wenn die Nummer vielleicht abgefischt worden war und man die Karte sperrt – aber dann gleich als gestohlen „zur Fahndung“ ausschreiben? Man bräuchte mich ja einfach nur anrufen. Die Filiale wurde geöffnet, ich rollte rein. Am Empfang bat ich darum, mit meiner Beraterin sprechen zu dürfen. Die sei heute nicht im Hause. Ich erzählte kurz, in Hörweite stand eine Frau mit einem Becher Tee in der Hand, es war die Chefin der Filiale, sie bat mich in ihr Büro.

Sie sagte, sie habe gestern einen Anruf bekommen, dass mir meine Handtasche mit allen Karten, Handy, Schlüssel geraubt worden sein soll. „Eine aufgeregte Frau war am Telefon. Sie war von der Zentrale durchgestellt worden. Sie konnte mir Geburtstag, Geburtsort und die aktuelle Anschrift nennen. Ich habe nach dem Gespräch auf dem Handy zurückgerufen unter der bei uns gespeicherten Nummer, dort ging niemand dran. Ja, es kam mir komisch vor, weil ich auch nach dem ungefähren Kontostand gefragt habe, einfach zur Plausibilitätskontrolle, und diejenige so aufgeregt war, dass sie gar keine Antwort wusste. Sie wusste auch keine Karten- oder Kontonummer. Sie könne sich Zahlen schlecht merken. Aber es war eine aufgeregte Frau, sie wollte keine Auskünfte, sie wollte nur verhindert wissen, dass die Leute, die die Handtasche gestohlen hätten, jetzt mit den Karten zahlen könnten. Da habe ich abgewogen und mich entschieden, die Karten sicherheitshalber zu sperren. Wäre der Anruf echt gewesen und ich hätte nicht gehandelt, wäre es auch verkehrt gewesen. Ich musste mich entscheiden und habe mich nun offenbar falsch entschieden – will Sie jemand ärgern? Wer macht sowas? Haben Sie eine Idee?“

Ja, die hatte ich. Die Idee. Dass das jemand war, der mich über meinen Blog kennt, hielt ich für eher unwahrscheinlich. Aber über meine Mutter musste ich mir mal wieder Gedanken machen. Ich war kaum aus der Bank raus, da rief mich eine Mitarbeiterin meines Sportvereins an. Man habe gestern einen Anruf bekommen, bei dem eine Frau sich als Mitarbeiterin eines Sportverbandes ausgab und meinen Namen im Zusammenhang mit einer falschen Adresse nannte. „Wir konnten Frau … unter dieser Anschrift nicht erreichen, die Post ist wieder zurück gekommen.“ – Selbstverständlich habe man keine „aktuelle“ Anschrift rausgegeben, sondern um eine Anfrage per Mail gebeten. Nicht zuletzt, weil ein entsprechender Hinweis im System hinterlegt sei.

Keine Frage, bei irgendeinem solcher Anrufe muss sie meine Anschrift herausbekommen haben, denn die Bankberaterin sagte ja, dass sie die korrekte Anschrift in dem Gespräch genannt hat. Und es wundert damit auch niemanden mehr, dass sie ab 14 Uhr bei mir vor der Tür stand. Nicht reingelassen wurde, draußen Terror machte. Sofie rollte nach unten, versuchte, mit ihr zu reden. Nichts zu machen. Es gibt noch immer einen Gerichtsbeschluss, der ihr die Kontaktaufnahme verbietet. Frank rief die Polizei, die Polizei brachte sie nach Hause, zwei Stunden später stand sie wieder unten und machte Terror. Fünf fettige Pizzen hatte ich auch an der Haustür. Vermutlich kommen als nächtes ein paar Katalogartikel. Marie hat mir bereits angeboten, ein paar Tage bei ihr zu schlafen. Bisher war das noch nicht nötig. Aber man weiß ja nicht, was hier noch so alles passiert. Nein, es wird nie langweilig. Und es passiert noch was, das ist so sicher wie der Gestank meiner Socke.

Nochmal Wüste

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Es gibt zur Zeit bei mir nur zwei Themen, und trotzdem wird es nicht langweilig. Mir zumindest nicht.

Gerade kam ich völlig dehydriert zurück aus der deutschen Servicewüste, da muss ich schon wieder hinein. Oder vielleicht war ich auch nie wirklich draußen?

Erwarte ich eigentlich zu viel, wenn ich erwarte, dass ein Autohaus mich bezüglich meiner Bestellung eines Neuwagens auf dem Stand der Dinge hält? Ende Januar sollte das Auto fertig umgebaut bei denen auf dem Hof stehen, inzwischen haben wir April und das Ding ist noch nicht mal in der werkseigenen so genannten „After-Sales-Werkstatt“, in der der behindertengerechte Umbau des Fahrzeuges vorgenommen wird. Beziehungsweise ich wusste erstmal nicht, ob es da vielleicht schon steht, denn mein Autohaus redet im Moment nicht mehr mit mir. Ja, krasse Worte. So empfinde ich es aber.

Am letzten Freitag, also vor einer Woche, wollte man sich wieder bei mir melden und mir einen aktuellen Stand durchgeben. Das habe ich meinem Verkäufer abgerungen. Also dass er mich anruft und nicht ich es bin, die den ganzen Tag vergeblich versucht, ihn mal ans Telefon zu bekommen. Irgendwie war klar, dass dabei nichts rauskommt, und nach einer Woche des Wartens war ich es denn mal wieder, die zum Hörer gegriffen hat. „Ja, der Kollege ist krank und leider kann niemand anderes in die Unterlagen schauen.“

Leute, für wie blöd haltet ihr mich eigentlich? Was macht ihr denn, wenn einer Eurer Verkäufer vom Blitz getroffen wird? Ich komme mir vor wie in der Eiszeit, wo alle Ehen geschieden sind, sobald das Standesamt schmilzt! Klar, ich bin eine Kundin mit Sonderwünschen. Die auch noch so viel Rabatt vom Hersteller versprochen bekommt, dass das Autohaus an mir kaum noch was verdient. Aber was kann ich denn dafür? Und sonst gebt mir wenigstens meine Bestellnummer, damit ich selbst dort anrufen und nachfragen kann. „Das sind interne Daten, die nicht ohne Grund geheim gehalten werden. Schließlich wünschen wir keine Sonderabsprachen des Kunden mit dem Werk, für die wir am Ende haften müssen.“

Als ich Frank das erzählte, tippte er sich an die Stirn. Frank ist ohnehin schon genervt, denn er ärgert sich derzeit mit demselben Autohaus herum. Wegen Sofies Touran, den ich hin und wieder mitnutzen kann. Zum Glück. Besagter Touran war wegen eines Garantiemangels in der Werkstatt. Der Beifahrersitz ließ sich nicht mehr umklappen, das Verladen des Rollstuhls war damit erheblich erschwert. Das Problem war ein ausgehakter Seilzug, der aber schon zum vierten Mal ausgehakt war. Mit entsprechender Welle hatte man sich schlussendlich bereit erklärt, das komplette Sitzgestell auszutauschen. Frank hatte darum gebeten, dass das dann vor Ort ist, damit das Auto nicht endlos in der Werkstatt steht.

Ende vom Lied: Das Auto stand vier Tage in der Werkstatt, weil man nach Ausbau des Beifahrersitzes festgestellt hatte, dass das Ersatzteil ja doch noch gar nicht da ist. Und das war dann zwar am nächsten Mittag in Hamburg, jedoch brauchte es noch drei weitere Tage, bis alles wieder zusammengebaut war. Und dabei hat man dann auch noch zwei tiefe Schrammen ins Armaturenbrett gemacht. Sofies Glück war es, dass sie die sofort gesehen hatte, bevor sie das erste Mal wieder ins Auto stieg. Ihr kam es komisch vor, dass der Kundendienst-Mitarbeiter ihr nur am Tisch den Schlüssel aushändigte. Nach dem Motto: „Und tschüss.“ – Eigentlich begleitet man den Kunden ja einmal zum Auto und zeigt, was man getan hat und dass alles wieder funktioniert.

„Das kommt von Ihrem Rollstuhl, den Sie dorthin immer verladen.“ – „Ich war ja gar nicht wieder im Auto. Außerdem verlade ich den Stuhl von links nach rechts. Die Schrammen sind aber in einem Bereich, an den der Rollstuhl nur dann kommen könnte, wenn man ihn durch die offene Beifahrertür einlädt. Und dann wäre da auch nichts derart Scharfkantiges. Zudem hängen da noch frische Späne dran.“ – Und während Sofie auf Frank wartete, wollte man ihr noch erklären, dass das alles nicht am defekten Sitzgestell lag, sondern daran, dass jemand das Sitzgestell gefettet hatte. Was nicht vorgesehen sei. Somit wäre das eigentlich keine Gewährleistung, aber man sei ja kulant. Als wenn irgendwer von uns auch nur ansatzweise wüsste, wo er was fetten könnte, ohne dass das sich an den Polstern abreibt oder ähnliches. Das wird die Werkstatt selbst bei einer der vorherigen Werkstattbesuche gemacht haben.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe Frank zwei Mal belächelt, als er mir ein Schreiben aufgesetzt hat, mit dem ich dem Autohaus schriftlich eine Nachfrist für die Bestellung gesetzt habe. Jurist halt. Inzwischen könnte ich ihn knutschen. Er nahm die Stinkesocke an die Hand und rollte mit ihr zu einem anderen Autohaus, das uns Maries Vater empfohlen hatte. Ein kleiner Familienbetrieb. Nicht 30, sondern nur vier Neuwagen im Verkaufsraum. Wir hatten einen Termin beim Junior-Chef. Und der hatte Zeit! In Wirklichkeit bestimmt nicht, aber er hat sich die Zeit genommen, die wir brauchten. Und er hatte ein ernsthaftes Interesse. „Ich hatte zwar erst einen Kunden, der einen Umbau ab Werk hatte, der ältere Herr hatte rechts eine Prothese und hat mit links Gas gegeben, also wurde das Gaspedal im Fußraum verlegt. Aber die Telefonnummern habe ich genauso wie der Mitbewerber, und ich rufe da jetzt mal den Leiter dieser Werkstatt an.“

Sprach es aus und hatte innerhalb von fünf Minuten auch ohne die Auftragsnummer alle nötigen Infos. Das Auto wird in der kommenden Woche gebaut und ist danach etwa zwei Wochen in dieser After-Sales-Werkstatt. Das ist bereits disponiert, der Termin steht. Anschließend dauert es noch etwa eine Woche, bis das Auto nach Hamburg überführt ist. Und, was ich nie für möglich gehalten hätte, er griff gleich noch einmal zum Telefonhörer, rief den Chef des Autohauses an, mit dem ich die beiden Lieferverträge habe. „Die sitzen hier bei mir. Eure Kundin und ihr Anwalt. Sie stornieren die Bestellung, Fax geht heute abend raus, zwei Nachfristen sind verstrichen. Ich will mich da nicht einmischen, aber ich biete Euch an, dass ich die Kundin übernehme. Ihr seid sie los und mit ihr den ganzen Ärger, der sonst jetzt losgeht. Was wollt ihr mit einem umgebauten Vorführfahrzeug? Ich werde ihr klar machen, dass ich sie nur übernehme, wenn sie auf alle rechtlichen Schritte gegen Euch verzichtet.“

Zehn Minuten später rief er zurück. Sie gehen darauf ein. Die Bestellung wird storniert und anschließend beim Werk so umgestellt, dass ein anderes Autohaus diese Bestellung bekommt. Darum will sich der Junior-Chef am Montag kümmern. Und die Bestellung von dem Bus kommen auch mit in die neuen Hände. Jetzt kann ich nur hoffen, dass der neue Weg besser ist und endlich mal alles klappt.

Noch eine andere Idee

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Ich hatte es ja bereits angedeutet: Wenn ich verhindern möchte, dass bei der aktuellen Zins- und Inflationslage meine Entschädigung, die ich wegen meines unverschuldeten Unfalls einst bekommen habe, immer mehr an Kaufkraft verliert, muss ich sie anders anlegen. Darauf bin ich nun schon mehrmals hingewiesen worden, und zwar nicht nur von meinem Bankberater, der vielleicht noch selbst ein Interesse an neuen oder anderen Abschlüssen haben könnte. Das weiß eigentlich auch jeder inzwischen – die Frage ist nur, wo man sein Geld vernünftig anlegt. Irgendwelche spekulativen Geschäfte, bei denen man sehr schnell sehr viel Geld verlieren kann, kommen für mich überhaupt nicht in Frage.

Es gab daher in der letzten Woche die Überlegung, in Wohneigentum zu investieren, und es gab auch bereits eine etwas konkretere Idee, die sich aber inzwischen wieder zerschlagen hat. Die Übernahme eines Grundstücks mit einem begonnenen Bau aus einer Versteigerung nach Tod des Eigentümers kommt nicht in Frage, da der Rohbau Schrott ist und abgerissen werden müsste. Die Bauarbeiten wurden im Oktober eingestellt und das Ding hat erhebliche Frostschäden erlitten, sagte zumindest ein Freund von Maries Vater, der sich das vor Ort angeguckt hat und das beurteilen kann. Im Gegensatz zu mir.

Aber, und das ist absolut lustig, ich ziehe ja immer alle möglichen Leute an. Viele Idioten, aber anscheinend auch Nicht-Idioten. Während also Marie und Maries Papa und dieser besagte befreundete Fachmann und ich dort standen und die beiden Männer über den Zustand des halben Rohbaus fachsimpelten, kam in Hausschuhen ein alter Mann mit weißen Haaren in brauner Cordhose mit Hosenträgern und Holzfällerhemd aus dem Gebäude auf der gegenüber liegenden Straßenseite angeschlurft und stellte sich dazu. Grüßte mit „Moin moin“, fragte, ob die beiden das Grundstück kaufen wollen. Maries Vater gab ihm die Hand und sagte: „Eher nicht, das sieht nicht so toll aus, was die hier gemacht haben.“ – „Nö, das muss wieder abgerissen werden, das haben sie ja alles vergammeln lassen. Ein Schandfleck hier vor meiner Haustür, bald 50 Jahre wohnen wir hier, ich habe schon überlegt, ob ich das aufkaufe, den Schrott wegmache und dann wieder verkaufe. Teuer kann es ja nicht sein, gerade wenn man der Bank erklärt, dass das alles Schrott ist. Aber die Nerven habe ich nicht mehr. So gucke ich dann auf der anderen Seite aus dem Fenster und hoffe, dass sich hier schnell jemand findet, der das Grundstück kauft.“

„Wie ärgerlich“, antwortete Maries Vater. „Wir suchen eigentlich was für die beiden jungen Damen, die wollen bauen, da wäre das Grundstück eigentlich gut geeignet.“ – Marie und ich guckten uns an. Wir wollen bauen? Davon wussten wir ja noch gar nichts. Aber es ist spannend, wer sich so alles Gedanken um die sinnvolle Anlage meines Geldes macht und Maries Vater wird schon wissen, warum er das dem alten Mann so erzählt. Und tatsächlich: „Nee, das ist kein Schnäppchen hier, da handeln Sie sich nur Ärger mit ein. Da lassen Sie mal die Finger von! Obwohl ich die beiden Hübschen ja gerne als Nachbarn haben würde, so ist das ja nicht!“ – Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Spaß muss sein, ja? Meine Frau und ich haben schon goldene Hochzeit gefeiert, also bitte nicht falsch verstehen.“ – „Ich fühl mich geschmeichelt“, antwortete ich.

„Fragen Sie doch mal dahinten bei … nach. Der will schon seit Jahren verkaufen und kommt nie in Schwung. Vielleicht lässt er sich ja von ihrem Wimpernaufschlag hinreißen. Da hätten Sie wirklich ein tolles Grundstück. Große, ebene Fläche, sehr reizvoll.“ – Maries Vater fragte nach: „Darf man da denn überhaupt bauen?“ – „Das ist als Bauland verkauft worden, damals. Er hat sogar richtig Ärger gekriegt, weil er es nicht bebaut hat. Musste Strafe zahlen, und nicht zu knapp. Irgendwann haben sie ihn dann aber in Ruhe gelassen. Er hat das damals nur gekauft, weil er eine große Fläche für seine Schafe und Ziegen haben wollte. Die hat er aber schon lange nicht mehr. Soll ich den mal anrufen? Ich kenn den noch von früher. Ich ruf den gleich mal an. Kommen Sie doch kurz mit rein. Ach nee, Sie kommen die Stufen ja nicht hoch. Dann kommen Sie doch alle mit auf die Rückseite zur Terrasse.“

Er schlurfte vorweg, die Karawane hinterher. Ein Schäferhund stand an der Grundstücksgrenze und beobachtete alles genau. Herrchen streichelte ihm im Vorbeigehen über den Kopf und sagte: „Ist gut, Dicker, Opa bringt Besuch mit.“ – Das war das este Mal, dass ich jemanden über 70 das Wort „Dicker“ in den Mund nehmen hörte. Sonst ist „Digger“, „Alder“ und so weiter ja eher Jugendslang – furchtbar, wie ich finde. Seine Frau, ebenfalls weiße Haare, mit bunter Kittelschürze, guckte erstaunt. „Wen schleppst du denn da an?“ – „Muddi such doch mal das Telefon raus, ich will Erwin eben anrufen.“ – „Was willst du denn von Erwin?“ – „Hier die suchen ein Baugrundstück. Erwin hat doch immernoch seinen Acker da. Wo die ganzen toten Bäume draufstehen. Vielleicht verkauft er den ja endlich. Die beiden Männer suchen was für ihre Töchter hier. Ich wollt den mal eben anrufen.“ – „Wenn der sich mal nicht gerade hingelegt hat.“ – „Denn steht er eben wieder auf, sowas hat man ja nicht alle Tage.“

Maries Vater sagte: „Wir wollen keine Umstände machen, wir können auch später nochmal vorbei kommen.“ – „Nö nööö, nu lassen Sie mal, Erwin und ich kennen uns nun auch schon 50 Jahre, ich hab ihm damals geholfen, als er sein Haus gebaut hat. Das kriegen wir schon hin. Möchten Sie was trinken?“ – Ein schnurloses Telefon wurde weitergereicht und tutete schon. Der alte Mann ging ran: „Moin Erwin, hier ist …, du hör mal: Ich hab hier gerade zwei Männer in der Bude stehen, die wollten sich das Grundstück von dem alten … angucken, das ist aber nichts für die. Die suchen Bauland für ihre beiden Töchter und die Töchter sitzen beide im Rollstuhl. Ich hab gedacht, wir können uns doch mal deinen Acker angucken eben, oder? Steht der noch zum Verkauf? Im Prinzip ja, siehste. Dann kommen wir mal eben rum oder machst du gerade ein Nickerchen? Mutter kommt auch mit, die hat noch frische Eier für dich. Ja bis gleich. Ende.“

Und so machten wir uns auf den Weg. Der Hund blieb zu Hause und bewachte den Hof, alle anderen trotteten oder rollten rund 500 Meter weiter zu Erwin, der schon aufgeregt am Straßenrand stand. Ich könnte jetzt noch stundenlang erzählen, aber ich kürze es mal ab: Zwischenzeitlich hatte das Grundstück schonmal jemand gekauft, der dort ein Verwaltungsgebäude für eine Spedition bauen wollte, das hatte das Bezirksamt aber untersagt, weil Gewerbe im Wohngebiet nicht erlaubt ist, und entsprechend sei der Kaufvertrag anulliert worden.

„Das ist das gute Stück“, sagte Erwin, der mit Gummistiefeln am Straßenrand stand und gerade eine handvoll herum wedelnde Zeitungsseiten eingesammelt hatte. Anhand der Aussage war schon deutlich, dass man mit ihm durchaus ins Geschäft kommen könnte. Nach einigem Hin und Her fragte Maries Vater: „Und was wollen Sie für das Prachtstück haben?“ – Und da mischte sich der alte Mann mit der Cordhose ein: „Nu überleg dir das gut, die Chance kommt so schnell nicht wieder. Für die beiden Hübschen hier musst du eigentlich noch was dazu geben, wenn sie sich zu dir in die Nähe trauen.“ – „Na du bereitest mir ja gleich den richtigen Einstieg. Also so 50 bis 70 Braune wollte ich da schon noch für haben.“ – „Bist du verrückt, 70 Braune, das sind junge Frauen, woher sollen die das denn nehmen?“ – „Der letzte wollte mir 100 geben.“ – „Der war ja aber auch nicht ganz beieinander, der hatte hier schon ein großes Schild stehen, bevor er überhaupt gefragt hatte, ob er hier graben darf. Das war ein Vollidiot! Die hättest du auch nie bekommen, der hätte nämlich nach einem halben Jahr Konkurs angemeldet, so einer war das nämlich.“ – „Ach ihr kanntet euch? Du bist vielleicht ein Schnacker. Ja pass auf, wir machen 50 Braune. Die Hälfte wenn ihr anfangt und die andere Hälfte sagen wir in 10 Jahren. Wenn ich dann schon unter der Erde bin, habt ihr Glück gehabt. Sonst krieg ich nochmal was für mein Auskommen.“

Maries Vater antwortete: „Nee wenn, dann schaffen wir gleich entspannte Verhältnisse. Also fünfzigtausend Euro wollen Sie haben?“ – „Euro doch nicht – Mark! Euro ist zu viel. Die Hälfte in Euro. Also 25.“ – Der alte Mann mit der Cordhose mischte sich wieder ein: „Das ist ein fairer Preis, Erwin. Das reicht auch, um mich mal zum Bierchen einzuladen, schließlich hab ich den Leuten überhaupt erst von deinem Acker erzählt.“ – „Ja du bist der Beste.“

Ich verrate Erwin natürlich nicht, dass die Bank für das andere Grundstück 192 T€ hätte haben wollen. Allerdings mit dem angefangenen Bau, der Preis ist aber nicht zu halten. Und dabei ist Erwins Acker eigentlich viel schöner. Für 25 T€ ist das ein Schnäppchen, selbst für 50 oder 60 T€ wäre es noch okay gewesen. Aktuell haben sich Frank und Maries Papa nun folgendes angedacht und mit dem Architekten besprochen, der auch bereits unsere WG realisiert hatte: Es soll ein Wohnhaus gebaut werden, in dem unten zwei große Wohnungen und oben vier kleinere Wohnungen Platz finden. Komplett barrierefrei, mit Tiefgarage und Aufzug. Das Grundstück hat rund 500 m², die Grundfläche des Hauses wurde mit rund 300 m² angesetzt. In die Wohnungen unten könnten Marie und ich einziehen, wenn wir das denn wollten, die vier Wohnungen oben an jeweils einen Single-Haushalt mit Rollstuhl vermieten. Die vier Wohnungen oben werden öffentlich gefördert, die unten nicht. Die unten könnten natürlich auch an andere Interessenten vermietet werden. Ich habe von solchen Planungen natürlich keine Ahnung. Also ich kann das schon nachvollziehen, aber ich würde niemals auf solche Ideen kommen. Aber insbesondere Frank vertraue ich da und Maries Papa natürlich mindestens genauso.

Das zuständige Bezirksamt würde, vorausgesetzt, eine andere Stelle stimmt dem ganzen „Projekt“ noch zu und alles andere passt auch, grundsätzlich eine Baugenehmigung erteilen. Das wurde Frank bereits so in Aussicht gestellt. Der Architekt rechnet die Baukosten auf rund 1,35 Mio Euro. Es würde öffentliche Fördergelder geben für den Bau, nämlich rund 170 T€, dazu einen zinsgünstigen Kredit bis maximal rund 780 T€. Der Eigenanteil, der selbst finanziert werden muss, liegt bei rund 250 T€. Über die nächsten 30 Jahre würden die vier Wohnungen, die vermietet werden, mit jeweils 91 T€ subventioniert werden. Gleichzeitig müssten rund 100 T€ für den Kredit gezahlt werden (Zinsen und Bearbeitungsgebühr).

Am Ende sieht es im optimalen Fall so aus, dass nach 30jähriger Laufzeit die gleiche Summe herauskommt, als hätte man den Eigenanteil von 250 T€ mit 4,3% verzinst. Plus ein komplett bezahltes Wohnhaus mit 6 Parteien. Im ungünstigsten Fall ist das Geld weg und das Haus eingestürzt. Alles dazwischen ist möglich. Damit es im schlimmsten Fall bei diesem Eigenanteil bleibt (und nicht noch jemand auf den Rest meines Privatvermögens zugreifen kann), ist es auch wichtig, dass nicht ich direkt der „Veranstalter“ bin, sondern dass eine Firma gegründet wird, die mit ihren Einlagen haftet und ich die Einlagen bereit stelle, zumindest zu einem großen Teil. Ich bin gespannt, wie es weitergeht – als nächstes müssen sich die Investitionsbank und das Bezirksamt positionieren, ob sie für das Ding grünes Licht geben würden. Falls ja – ich glaube, ich würde zuschlagen. Zumindest klingt es sehr verlockend.