Keine verbundenen Blogger

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Bisher habe ich immer gedacht: Der versteht sein Handwerk. Die Rede ist von Frank, ein Jurist, der mit uns in unserer WG wohnt. Der unser Wohnprojekt mit gegründet hat, der Maria aus ihrem Heim geboxt hat, der den rechtlichen und organisatorischen Rahmen für Ronjas Arbeit in unserem Haus geschaffen hat, der meinen Führerschein vor einer zu gierigen Behörde gerettet hat … die Aufzählung der Dinge, die er anfasst und zu einem guten Ergebnis bringt, ist lang.

Inzwischen bin ich überzeugt, dass er nicht nur sein Handwerk versteht, sondern darüber hinaus noch mindestens ein goldenes Händchen hat. Falls ich es nicht sowieso schon wusste, komme ich zu diesem Schluss spätestens nach einem ziemlich ernüchternden heutigen Nachmittag. Ich hatte mich im Mai, nicht auf meine Initiative, aber am Ende dennoch überzeugt, mit einigen wenigen Hamburger Bloggerinnen und Bloggern getroffen. Sechs waren es insgesamt, darunter unter anderem ein Schausteller, der über sein Leben auf Volksfesten gebloggt hat, eine Ärztin aus der Notaufnahme eines Kinderkrankenhauses, eine Frau mit einer chronischen Erkrankung und ein Autofreak.

Damals haben wir beschlossen, uns zu vernetzen und gemeinsam unsere Interessen zu vertreten. Nicht ausschließlich (im Sinne eines Managements), sondern ergänzend, insbesondere was politische und rechtliche Fragen angeht; auch ein regelmäßiger Austausch, gegenseitige Unterstützung oder nur schlichte Meinungsbildung waren angedacht. Im Sinne einer Nachwuchsarbeit hätten wir uns Workshops gewünscht; nicht jeder kann sofort bloggen, vielleicht aber umso besser nach einigen einführenden Tipps.

Nach langem Hin und Her haben wir heute beschlossen, das alles wieder aufzugeben. Zu komplex und zu wenig flexibel die Organisation, zu schwierig die Aufgabe. Vorerst. Aber vielleicht bestimmt ergibt sich da in Zukunft noch eine andere Möglichkeit. Eigentlich muss es doch möglich sein.

Der wilde Wilde Westen

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Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß „Truck Stop“, die sang: „Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an…“

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos … ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. „Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?“ – „Hm. Ich kann nicht laufen.“ antwortete ich. Er fragte weiter: „Seit wann ist das so?“ – „Seit zweieinhalb Jahren etwa.“ – „Geht gar nicht mehr?“ fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. „Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt.“ – Er guckte mich mit großen Augen an. „Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?“

„Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht.“ – Der Typ nickte. „Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?“ – „Wie bitte?“ – Der Typ sprach lauter: „Ihre Höööörhilfe!“ – Ich runzelte die Stirn. „Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine.“ – Er fing an, in der Akte zu blättern. „Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen.“

„Davon weiß ich ja noch gar nichts.“ – Der Typ seufzte. „So wird das nichts“, sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. „Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe.“ – Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. „Sind Sie Julia …?“ – Ich nickte.

„Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer.“ Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: „Ich werd hier wahnsinnig.“

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: „Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?“ – Ich schüttelte den Kopf. „Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben.“ – „Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?“ – Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: „Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung.“ – „Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr.“ – „Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben.“ – „Vielen Dank.“ Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Frohes Neues

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Inzwischen ist alles überstanden. Der Jahreswechsel war eindeutig anstrengender als das Weihnachtsfest. Aber er war auch mindestens doppelt so schön. Ach, übrigens, frohes neues Jahr!

Am Silvesternachmittag fuhr ich ins Krankenhaus, zu Laura, von der ich noch nicht einmal eine Handynummer hatte. Könnte sein, dass sie sich das inzwischen anders überlegt hat, könnte sein, dass ich völlig umsonst dorthin gurke. Durch das Tauwetter waren alle Straßen mit dem Auto normal befahrbar. Trotzdem gab es immernoch Leute, die mit 28 km/h über die Bundesstraßen fuhren und jede rote Ampel mitnahmen. Einerseits neugierig, andererseits genervt kam ich auf der Station an.

„Du bist ja wirklich gekommen“, begrüßte sie mich, als hätte sie bis zum Schluss Zweifel gehabt, ob sie jemand derbst verladen haben könnte. Nach einer Umarmung sagte sie: „Ich will so schnell wie möglich hier raus. Kannst du mir ein Handtuch leihen?“ – Ich nickte. – „Ätzend, ich hab noch nie seit meinem Unfall eine Jeans angezogen. An den Beinen ist sie viel zu weit und an der Hüfte viel zu eng. Ich krieg nicht mal den Knopf richtig zu.“

„Das ist nicht gut“, sagte ich. „Das ist ein sicheres Rezept für die erste Druckstelle.“ – „Hat die Schwester auch schon gesagt, aber ich kann doch nicht in Sporthose auf eine Party.“ – „Sicher kannst du das, meinst du, das interessiert jemanden, wenn die wissen, dass du noch stationär in der Klinik bist?“ – „Ich weiß nicht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Okay, dann zieh ich mich nochmal um“, sagte sie, schnappte sich ihre Sporthose und bat mich, schonmal vorzufahren.

Wie kommt man auf den hohen Beifahrersitz eines Viano? Wie muss ich mich festhalten, damit ich nicht in jeder Kurve wegen fehlender Rumpfmuskulatur halb aus dem Sitz purzel und mich im Sicherheitsgurt aufhänge? Wie bekomme ich meine Augen wieder auf eine normale Größe, wenn ich gerade sehr erstaunt über den behindertengerechten Umbau des Fahrzeuges bin? Und wie bekomme ich den Mund wieder zu, der wegen der Faszination über ein komplett mit den Händen bedienten Pkw offen steht? Laura hatte eine halbe Stunde Zeit dafür und es gerade so eben geschafft…

Wir waren noch nicht vom Klinikgelände, als sie fragte: „Kannst du damit im Notfall auch eine Vollbremsung machen?“ – „Na sicher. Man muss das Auto genauso bedienen können wie andere Menschen, die ihre Füße einsetzen. Sonst bekommt man keinen Führerschein.“ – Sie schluckte: „Ja sicher. Wie schnell fährt der?“ – „Laut Tacho etwa 225. Aber ich mag solche Geschwindigkeiten nicht.“ – „Ich auch nicht. Und von 0 auf 100?“ – „Laut Hersteller in 9 Sekunden. Und anschließend muss man tanken.“ – „Verbraucht der viel?“ – „Also in den Tank passen ungefähr 70 Liter Diesel und der Verbrauch hängt stark davon ab, ob ich viele kurze Strecken fahre, ob nur in Hamburg oder auch auf der Autobahn, ob Winter ist oder Sommer und wie oft ich die Standheizung benutze. Die kürzeste Strecke, die ich bisher gefahren bin, waren etwa 750 Kilometer und die längste war knapp 1.100 Kilometer. Mit einem Tank.“

Um 19 Uhr begannen wir mit dem Raclette-Essen. Zwei Raclette-Geräte auf dem Tisch im Gruppenraum (mit Küche), nach 30 Minuten ging der erste Rauchmelder los… Es hat sehr gut geschmeckt, wir waren insgesamt zu zwölft. Um halb elf sind wir dann in Richtung Landungsbrücken aufgebrochen, hatten mit einigen völlig abgefüllten Menschen zu tun, einer hatte sich bis auf die Unterhose ausgezogen, eine andere trug Minirock und Top, ein schmieriger Typ wollte ausgerechnet mit Laura fi**en, wie er mehrmals in der Bahn zum Besten gab. Laura fragte nur: „Was gibt es hier in Hamburg bloß für komische Typen?“

Das Feuerwerk über dem Hamburger Hafen hat ihr dann aber doch noch super gefallen, sie bekam nebenbei einen sehr lebendigen Eindruck davon, dass man mit dem Rollstuhl doch fast überall hinkommt, wenn man weiß, wie, hat sich einmal komplett in den matschigen Schnee gelegt, als sie rückwärts einen Bordstein runterrollte, den sie nicht gesehen hat (man muss dazu sagen, dass er im Dunkeln auch schlecht zu sehen war und auch nur etwa 4 bis 5 Zentimeter Höhe hatte). Es wehte ein eiskalter Wind, obgleich die Temperatur sonst im Plusbereich war und es auch leicht nieselte. Kein wirklich schönes Wetter.

Entsprechend hielten wir uns auch nur knapp eine Stunde am Hafen auf und fuhren sofort danach wieder zurück. Inzwischen funktionierten mal wieder etliche Aufzüge und Rolltreppen nicht mehr.

Als wir endlich wieder zu Hause waren, zog mich Laura zur Seite: „Ich brauch deinen Rat.“ Sie machte einen überforderten Eindruck. Ich fragte: „Was ist passiert?“ – Sie seufzte nur einmal tief. – „Du hast deine Schlafsachen in der Klinik vergessen?“ – Sie schüttelte den Kopf. – „Deine Katheter?“ – Sie schüttelte nochmal den Kopf. – „Dein Tabletten?“ – Nochmal Kopfschütteln. – „Du hast eingepinkelt.“ – Sie guckte mich mit großen Augen an, als hätte sie gerade Gefallen an dem Ratespielchen gefunden und gehofft, ich würde die Lösung erst in einigen Stunden herausbekommen, um die Konfrontation mit der ernüchternden Wahrheit so lange wie möglich hinauszögern zu können. – „Was mach ich denn jetzt?“

„Na duschen gehen, würde ich sagen“, antwortete ich. „Hast du eine trockene Hose mit oder willst du eine von mir haben?“ – „Was denken denn die anderen, wenn ich da plötzlich mit einer Hose von dir auftauche?“ – „Die denken, du hast eingepinkelt und keine Wechselhose dabei gehabt.“ – „Ich will das nicht.“

Cathleen kam um die Ecke und hatte offenbar die letzten Worte mitgehört. „Wer hat eingepinkelt und keine Wechselsachen dabei gehabt?“ fragte sie, so direkt, wie es eben ihre Art ist. Ich schaute zu Laura hinüber, die war kurz davor, loszuheulen. Sagte gar nichts mehr und starrte ins Leere. „Willst du eine Hose von mir haben?“ fragte Cathleen. Laura sagte immernoch nichts. Cathleen rollte zu ihr und nahm sie in den Arm. „Komm, geh duschen, ich such dir was von mir raus.“ – „Ich glaub, ich geh nach dem Duschen gleich ins Bett. Damit mich keiner mehr sieht.“

„So ein Blödsinn, Laura“, sagte ich. „Das ist nun echt Quatsch. Da musst du durch, auch wenn es am Anfang noch so schwer fällt. Als mir das zum ersten Mal passiert ist, wäre ich auch am liebsten im Erdboden versunken. Heute lächel ich einmal drüber. Da ist es nur noch lästig, aber nicht mehr schlimm. Echt, Laura, probier es aus. Geh offensiv damit um. Da werden vielleicht welche schadenfroh lachen, zwei machen einen Spruch, dann gibst du einfach drauf raus und tust so, als hättest du das mit Absicht gemacht, und in fünf Minuten ist alles vergessen. Vertrau mir. Bitte.“

Wir fuhren zurück in den Gruppenraum, Laura mit einer Wechselhose von Cathleen auf dem Schoß. Frank fragte: „So was ist, wollen wir jetzt endlich mal was spielen?“ – Laura antwortete: „Später, ich will erstmal duschen.“ – Frank fragte: „Oh, frierst du? Dann würde ich eine Badewanne empfehlen.“ – Laura sagte: „Nee, ich hab mich angepinkelt.“ – Simone kommentierte mit einem Grinsen und einem langgezogenen: „Pfui.“

Laura antwortete: „Ja, ich weiß. Ich hab gefroren und wollte mir den Po wärmen.“ – Simone sagte: „Du spürst die Wärme doch gar nicht bei deinem Querschnitt.“ – Laura konterte: „Ja, das habe ich dann auch irgendwann gemerkt.“ – Alles lachte. Einschließlich Laura. Frank sagte: „Wenn das so ist, empfehle ich dann doch eher die Dusche als die Badewanne.“ – Situation gerettet, Laura hatte wieder beste Laune.

Um fünf gingen wir ins Bett. Vier Leute fuhren zu sich nach Hause, die hatten es nicht weit, der Rest schlief auf Isomatten, Feldbetten und aufblasbaren Gästebetten. Um halb drei nachmittags gab es Frühstück. Anschließend brachte ich Laura zurück in die Klinik. Ein bißchen traurig war sie schon beim Abschied. Aber sie sagte selbst, dass sie noch einiges erarbeiten müsste, um so mobil zu werden wie wir es alle sind. Wenn diese auswärtige Übernachtung ihr dafür den nötigen Schub gegeben hat, würde es mich sehr freuen.

Die Wahl der Qual

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Mal wieder ein Trainingslager in Hannover! Anmelden konnte sich, wer die Teilnahmegebühr von 200 € selbst bezahlen konnte oder einen Sponsor dafür an der Hand hatte. Von meinen Leuten hatten sich alle, nämlich Nadine, Kristina, Merle, Simone, Yvonne und Cathleen angemeldet. Jana hatte auch Interesse und sehr kurzfristig geklärt, ob sie Vorerfahrungen bräuchte. Equipment könnte sie in meinem Verein ausleihen, aber wenn sie Einsteiger nicht dabei haben wollten, würde sie sich dort ja eher langweilen.

Nein, Anfänger seien auch willkommen. Wir erfuhren aus der Meldeliste, so quasi 48 Stunden vor Abfahrt, dass sich auch Lisa angemeldet hatte, zusammen mit Julia (nein, nicht ich), einem 12 Jahre alten Mädchen aus Niedersachsen, die wir noch nicht kannten. Und Natascha. Bitte was? Achso, nein, es war ja vereinbart, keine dummen Kommentare zu machen. Trotzdem fragte mich Cathleen sofort, wie ich darüber denke, dass sie sich dort anmeldet. Mein einziger Kommentar: „Solange sie mich in Frieden lässt und da keine Show abzieht, ist mir das egal.“ Und Lotte. Auf Lotte habe ich mich richtig doll gefreut.

Da wir es geschafft hatten, einen Materialtransport zu organisieren (Tatjana fuhr mit dem Vereinsbus und nahm als Trainerin teil), brauchten wir am Freitagabend (bzw. nachts) nur noch unsere Alltagsstühle und die Klamotten unterbringen. Jana schlief auf meinem Beifahrersitz, Cathleen, Simone, Merle und Kristina spielten hinten Bohnanza und die Stinkesocke lenkte, wie könnte es bei meinen sonderbaren Vorlieben und Anziehungskräften auch anders sein, mein Auto direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Fahrstreifen war durch eine Hütchenreihe gesperrt, die Geschwindigkeit auf 30 beschränkt, die fünf Autos vor uns durften durchfahren, uns winkten sie natürlich raus.

Eine junge Frau: „Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte einmal den Motor ausmachen und die Innenbeleuchtung an. Fahrzeugschein und Führerschein hätte ich gerne. Vor Fahrtantritt heute irgendwelche alkoholischen Getränke oder Betäubungsmittel zu sich genommen?“ – „Nein.“ – „Mit einem freiwilligen Alkotest einverstanden?“ – „Ja.“ – „Bleiben Sie bitte im Fahrzeug. Einen kleinen Moment bitte.“

Sie ging hinter mein Auto, leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf meine Papiere und laberte mit einem Kollegen. Dann kam ein zweiter und ein dritter hinzu. Das schien höchst aufregend zu sein! Während die dahinten diskutierten, meinte Jana, die in der Zwischenzeit aufgewacht war: „Kristina, hast du Insulinspritzen im Gepäck? Gib mal welche nach vorne, wenn wir die in die Scheibe legen, ist sicher auch noch ein Drogentest für uns alle fällig.“ – Kristina, Diabetikerin, antwortete: „Ich habe nur meine Pens dabei.“ Aus Janas Sicht schade, ich war jetzt schon bedient. Ein Typ leuchtete die ganze Zeit auf der Beifahrerseite in die Fenster.

Die Frau kam zurück: „Was haben Sie denn da für 20 Millionen Auflagen, da muss man sich ja erstmal durchwühlen. Ihre Pedalabdeckung hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Darf ich die Tür öffnen?“ – „Ja bitte.“ Ich zeigte ihr die Pedalabdeckung, mit der die serienmäßigen Fußpedale abgedeckt werden, damit man nicht aus Versehen dort drauftritt (durch eine Spastik oder ähnliches), während man das Auto mit der Hand bedient. „Rein interessehalber: Wie geben Sie eigentlich Gas? Und wie bremsen Sie?“ Ich führte ihr das vor. Zu einem Kollegen drehte sie sich um: „Komm mal, guck dir das mal an. Sorry, aber sowas sieht man nicht jeden Tag. Für mich ist es das erste Mal.“ – „Schon okay“, sagte ich.

„Sie sind 18, oder?“ – Ich nickte. – „Hatten Sie mal eine Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter?“ – Ich nickte. Sie nickte auch.

„Kommen wir zum Alkotest“, meinte sie. „Kommen Sie bitte einmal mit an das Dienstfahrzeug?“ – „Dann müsste meine Begleitung erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen.“ – „Achso, nein, um Gottes Willen, dann hole ich ein mobiles Gerät her. Einen Moment.“ Einen Moment später kam sie mit so einem Ding in der Hand zurück. „Schonmal gemacht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Das Mundstück auspacken und aufsetzen, das Gerät in beide Hände nehmen, tief einatmen und feste in das Gerät ausatmen, solange bis das Piepen aufhört. Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, noch ein bißchen, weiter, weiter, danke reicht.“ Hechel… Einen Moment dauerte es, dann zeigte sie mir das Ergebnis: 0.00. Nichts anderes hatte ich erwartet. „Nullnull, sehr gut. Bitte einmal das Mundstück abziehen. Das können Sie sich zur Erinnerung aufheben oder wegwerfen. Darf ich fragen, woher Sie jetzt kommen?“

„Von zu Hause“, antwortete ich. Sie fragte weiter: „Und wohin geht es?“ – „Nach Hannover ins Trainingslager.“ – „Gut. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Hier sind Ihre Papiere, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.“ Und tschüss. Kurz nach Mitternacht kamen wir ohne weitere Zwischenfälle bei acht Grad unter Null in Hannover an. Und bekamen kein Zimmer mehr in dem Trainingszentrum. Nö, die Hälfte der Leute sei in der nahe gelegenen Jugendherberge untergebracht. Was grundsätzlich kein Problem ist, nur hätten wir, wenn wir das gewusst hätten, gleich einen Kilometer entfernt vor der Jugendherberge geparkt. So mussten wir nach zwei Stunden im mollig warmen Auto durch die eisige Kälte über einen unbeleuchteten Sandweg mit allem Gepäck auf dem Schoß durch die dunkle Nacht. Und dann dauerte es auch noch bis ein Uhr, bis wir unsere Zimmer zugeteilt bekamen.

Nadine, Kristina, Merle, Simone, Cathleen und Yvonne kamen in ein Sechserzimmer, nicht rolligerecht, ich durfte mit Jana, Natascha und einem fremden Mädel aus Niedersachsen in ein Viererzimmer, ebenfalls nicht rolligerecht. Super. Immerhin gelang es uns kurzfristig, das fremde Mädel gegen Lotte einzutauschen, die da unten auch noch herumirrte und endlich ins Bett wollte. Ins Bad kam man nicht, dafür gab es aber auf dem Flur ein Rolli-Klo. Ich schnappte mir einen Schlafanzug und eine Pampers, meine Zahnbürste, Zahnpasta und düste los.

Nur auf das Klo im Flur wollten jetzt 30 Leute zur gleichen Zeit. Immerhin kam nach 3 Minuten jemand auf die geniale Idee, sich mit dem Aufzug auf sechs Etagen aufzuteilen, da in jedem Flur eine Rolli-Toilette war. Da etliche Leute sich kathetern müssen, dauerte es. Jana beispielsweise braucht pro Klogang rund 15 Minuten…

Zu allem Überfluss waren in den Zimmern Etagenbetten, so dass mindestens zwei Personen Turnübungen machen mussten. Dass Jana unten schläft mit einem hohen und kompletten Brustquerschnitt, versteht sich von selbst, dass Natascha oben schläft, ebenso. Also mussten sich nur Lotte und ich einig werden. Am Ende habe mich freiwillig angeboten. Aus dem Klimmzug in den Stütz, die Beine warf mir Lotte hinterher – irre. Lotte wusste nichts von Nataschas Behinderung, ich war gespannt auf ihre Reaktion. Oder vielmehr erstmal darauf, was Natascha ihr erzählen würde. Ich erfuhr es leider nicht.

Am Samstag mussten wir erst um 9 Uhr beim Frühstück sein. Immerhin brauchten wir nicht alle zu duschen, da anschließend Schwimmen auf dem Programm stand. Schließlich gab es in den Flur-WCs auch keine Duschen und in die Waschräume am Zimmer kamen wir ja nicht. Als ich endlich im Wasser war, sah ich zum ersten Mal meine 12jährige Namensvetterin und Lisa. Lisa kam sofort auf mich zugeschwommen und umarmte mich, Julia tat dasselbe, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte. „Lisa hat mir schon ganz viel von dir erzählt“, strahlte sie mich an. Aha?!

Das Training machte ein Harald. Glatze, Mitte 50, humpelnd. Laut. Militärischer Ton. Wir waren mit 10 Personen in einer 25-Meter-Bahn. Programm: Zuerst 16 Bahnen einschwimmen mit genauem Blick auf die Technik. Dann sofort ein Trainingsprogramm, das es in sich hatte:

200 Meter (8 Bahnen) schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause Rand. Dann wieder 200 Meter schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause am Rand. Nach insgesamt 19 Durchgängen (also 3.800 Metern oder 152 Bahnen) nochmal 15 Sekunden Pause am Rand, dann nochmal 100 Meter locker ausschwimmen.

Super. Ist der nicht ganz dicht? Je nach Behinderung gibt es verschiedene Startklassen. Es wäre ja völlig ungerecht, Leute gegeneinander starten zu lassen, wenn einem lediglich der Fuß fehlt, während der andere ab dem Hals abwärts gelähmt ist. Ich bin aktuell in der Startklasse 6 eingruppiert, wobei die 1 die Klasse mit der stärksten Behinderung ist und die 10 diejenige mit der schwächsten. Der derzeitige Deutsche Rekord für 200 Meter Freistil (50-Meter-Bahn) in meiner Startklasse liegt bei 2:58 Minuten. Bei Merle, die in der Startklasse 5 eingruppiert ist, lag der Deutsche Rekord irgendwo bei 4:30 Minuten.

Daraus ergaben sich zwei Probleme: Keiner würde die vorgegebene Zeit schaffen können und wir müssten uns nicht nur ständig in der Bahn begegnen (was normal ist), sondern uns auch noch ständig überholen. Am Ende wurden wir dann doch in zwei Gruppen aufgeteilt. Die langsamen (S5) mussten am Anfang die Bahnen zählen und immer nach 8 Bahnen den S6ern (und aufwärts) die Trinkflasche reichen, anschließend waren die S5er mit Schwimmen dran und die S6er saßen auf dem Beckenrand und zählten und reichten die Getränke. Die S6er (und aufwärts) bekamen als Vorgabe 3:30 Minuten und die S5er nun doch 5:00 Minuten.

Damit dauerte das Programm der S6er rund 70 Minuten, das Programm der S5er jedoch fast 100 Minuten. Um 10 Uhr war Treffen in der Schwimmhalle, um 14 Uhr durften wir endlich zum Duschen. Ich war nach meinen vier Kilometern schon völlig fertig, aber Merle und Konsorten mussten wir aus dem Wasser ziehen. Die waren am Ende nicht mehr in der Lage, alleine aus dem Becken in den Rollstuhl zu kommen. Harald hatte dazu nur einen Kommentar: „Weich-Eier.“ Wie niedlich!

Als wir um kurz vor drei endlich in der Kantine waren, gab es selbstverständlich kein Mittagessen mehr, so dass die komplette Hamburger Triathlon-Szene sich vom Nachmittagsprogramm abmeldete und erstmal etwas brauchbares zu essen organisierte. Der Nachwuchs konnte wirklich froh sein, bei Tatjana zu sein.

Am Abend fielen wir kurz vor acht Uhr völlig fertig ins Bett. Heute morgen sollte noch Straßentraining auf dem Programm stehen, da aber die Straße wegen einer anderen Veranstaltung nicht gesperrt werden konnte (und das wusste niemand), sollten wir stattdessen auf der Rolle trainieren. Im Rennrolli, vierzig Kilometer bei bis zu 5% Steigung in höchstens zwei Stunden. Ich bin froh, noch in keinem offiziellen Kader zu sein. Ich habe Harald einen Vogel gezeigt, meine Sachen gepackt und mir zwei Stunden bis zum Mittagessen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wie ich später erfuhr, hat niemand der Hamburger daran teilgenommen. Lediglich ein paar männliche Athleten aus Niedersachsen und Hessen meinten, ihrem Körper das antun zu müssen.