Mein Abschied aus dem bürgerlichen Leben

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Ich habe gestern abend im ersten Anlauf meine praktische Fahrprüfung bestanden. Eine Sache ist zwar nicht ganz optimal gelaufen, der Prüfer meinte, die war grenzwertig, aber ich hab das Ding und das ist alles was zählt. Ich bin richtig stolz auf mich, dass ich das geschafft habe. (Auch wenn das bißchen eingebildet klingt.)

Meine Wangen glühten ungefähr auf 60 Grad und ich hätte alle umarmen können und wollte das heute morgen natürlich gleich auch meiner Familie erzählen. Also hab ich mich ans Telefon geklemmt. Bei meinen Großeltern habe ich niemanden erreicht. Bei meinen Eltern ging mein Vater ans Telefon. Der meinte gleich: „Was willst du?“

Ich habe dann höflich geantwortet: „Ich wollte dir erzählen, dass ich gestern meine Führerscheinprüfung bestanden habe.“ Dann sagt er: „Aha. Das nehme ich dann mal so zur Kenntnis.“

Ich dachte nur: Oh nein!!! Und habe dann gefragt: „Kannst du dich denn gar nicht freuen?“ Darauf sagt er: „Soll ich das gut finden, wenn du dich immer mehr aus dem bürgerlichen Leben verabschiedest? Ich gratuliere dir zu diesem wichtigen Schritt im Leben, aber einverstanden bin ich damit nicht. Aber ich denke, das weißt du auch.“

Ich habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und geantwortet: „Aber du und Mama, ihr habt doch beide unterschrieben, dass ihr einverstanden seid.“ Da sagt er: „Ja, weil wir keine Lust hatten, dass du uns noch einmal einen Richter auf den Hals hetzt.“ Da habe ich aufgelegt.

Heute nachmittag kam die Schwester meiner Oma zu Besuch. Sie sagte, dass sie sich Sorgen um meine Eltern macht, weil sie sich heute wegen mir heftig gestritten haben und meine Mutter sich bei meiner Oma ausgeheult hat, und die erträgt das nicht mehr in ihrem Alter. Die hat dann ihre Schwester (also die, die zu besuch kam) angerufen. Und das geht so alles nicht und ob ich mich nicht mal ein bißchen zurückhalten kann mit meinen -und nun kommts- Lügengeschichten.

Ich so: „Was denn für Lügengeschichten?!?“ Ich wusste echt nicht, wovon die redet. „Ja“, meinte sie, ich würde nur rumlügen. Ich habe dann gefragt: „Wo soll ich gelogen haben?“ Da sagte sie: „Nun stell dich nicht döfer als du bist, das weißt du ganz genau.“ Ey hallo? Ich hab wirklich nicht gelogen! Auf jeden Fall nicht absichtlich, ich schwöre! Ich weiß gar nicht, was die von mir wollte. Ich hab sie dann gefragt, ob sie mich jetzt in Ruhe lassen kann. Da sagte sie: „Du kannst nicht immer aus jeder Situation nur fliehen.“

Und da ist mir so richtig der Kragen geplatzt. Aber so richtig heftig. Ich habe sie angebrüllt, ob sie glaubt, dass sie der liebe Gott ist, und ob sie überhaupt merkt, was sie da für einen Müll redet. Ich habe ihr erzählt, dass ich wohl kaum aus der Situation fliehe, in der ich mich befinde, und dass das der größte Scheiß ist, den ich je in meinem Leben gehört habe. Ich habe einen richtigen Wutausbruch gekriegt und sie angebrüllt so laut ich konnte. Ich hatte hinterher richtig Kopfschmerzen. Sie hat gar nichts mehr gesagt, nicht ein Wort mehr. Meine Zimmernachbarin ist gleich raus und hat die Tür hinter sich zugemacht. Das ging bestimmt 3 Minuten, dann ist sie raus und murmelte irgendwas mit: „Du schreist mich hier nicht an. Du nicht.“ Als die Tür zu war, hab ich ihr noch ein Glas hinterher geworfen. So kenn ich mich nicht. Das hab ich noch nie gemacht. Bißchen peinlich, normalerweise raste ich nicht so aus.

Das einzige, was die Schwester sagte, als sie irgendwann reinkam und fragte, ob ich wieder abgekühlt bin, ich soll nicht auf Türen werfen, wenn in dem Moment einer (vielleicht sogar noch der falsche) reinkommt, kann das übel ausgehen. „Ja tut mir Leid, ich feg das weg…“

Heute abend war ich beim Training. Die eine, mit der ich mal mitgefahren bin, Yvonne heißt sie, kam direkt von der Arbeit und fragte gleich: „Was macht denn dein Führerschein?“ – Ich so: „Bestanden.“ – „Wie was?! Ich will sehen!!“ Dann machte das erstmal die Runde und alle haben gratuliert, und ich hatte echt das Gefühl, die haben sich alle wirklich gefreut. Vor allem ist nach uns noch eine andere Gruppe dran, und die wussten das auch alle sofort, ohne dass ich was gesagt hab, und da haben auch noch einige gratuliert. Also die haben sich wirklich mit gefreut und das hat so ein bißchen darüber hinweg getröstet über den anderen Scheiß.

Ich hab dann noch beim Duschen mit einer kurz geredet, die in meinem Alter ist, und hab das mit meinem Vater erzählt. Die meinte nur: „Bescheuert. Manchmal wird man da echt nicht draus schlau.“

Im Moment überlege ich echt, ob ich mich einfach erst mal nicht mehr dort melde und nur hoffe, dass die mich aus ihrem Streit rauslassen. Klingt vielleicht egoistisch, aber ist wenigstens ehrlich.