Nochmal die Sonne sehen

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Wer eine andere Person körperlich misshandelt, wird bestraft. Wer eine Sache wegnimmt, um sie sich zuzueignen, wird bestraft. Wer in der Absicht, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, indem er einen Irrtum erregt, wird bestraft. Wer zur Täuschung eine Urkunde verfälscht, wird bestraft. Wer in die Wohnung eines anderen eindringt, wird bestraft.

Nahezu egal, welchen Paragrafen ich mir im deutschen Strafgesetzbuch ansehe, immer wird die Tat beschrieben, die „wer“ verüben muss, um bestraft zu werden. Bis auf eine einzige Ausnahme: Beim Mord. Der Mörder wird auch bestraft, klar. Aber hier wird nicht beschrieben, was ein Mord ist, sondern wer Mörder ist. Mörder ist nämlich, wer aus niedrigen Beweggründen heimtückisch einen Menschen tötet.

Die Gesetzestexte habe ich in dem obigen Beispiel verkürzt und vereinfacht, um auf den Kern der Sache zu kommen: Nachdem Wissenschaftler herausgefunden haben, dass diese Abweichung von dem üblichen Vorgehen, die Tat und nicht den Täter zu beschreiben, auf den Nationalsozialismus zurückzuführen sei, wird eine möglichst rasche Anpassung des Paragrafen 211 gefordert. Unser aktueller Bundesjustizminister hat bereits einige Experten aufgefordert, auch beim Mord die Tat und nicht den Täter zu suchen und entsprechende Vorschläge für einen neuen Gesetzestext auszuarbeiten.

Ein wohl am häufigsten diskutierter Entwurf stammt vom „Arbeitskreis deutscher, österreichischer und schweizer Strafrechtslehrer“. Er wird vom Deutschen Anwaltsverein als gründlichster und umfassendster Reformentwurf bezeichnet und sieht unter anderem vor, die lebenslange Freiheitsstrafe nur zu verhängen, wenn besonders erhöhtes Unrecht verwirklicht ist, das die Lebenssicherheit der Allgemeinheit zu bedrohen geeignet ist. Das sei zum Beispiel der Fall, wenn der Täter einen Menschen „wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens oder seiner religiösen oder seiner politischen Anschauung tötet.“

Ich bin keine Juristin. Ich habe auch keinen Juristen um Rat gefragt. Sondern mir ohne Jura ein eigenes Urteil gebildet. Und bin dabei auf eine Frage gestoßen, die mich schon mehrmals beschäftigt hat. Obwohl ich mir nie im Leben vorstellen könnte, einen Menschen mutwillig zu töten, weiß ich, dass Menschen getötet werden. Und teilweise aus banalen sowie lebens- und menschenverachtenden Gründen. Wenn jemand einen Menschen wegen seiner Hautfarbe tötet, sei nach dem zitierten Entwurf ein besonders erhöhtes Unrecht verwirklicht. – Was ist denn eigentlich, wenn jemand wegen seiner Behinderung, oder besser, wegen einer körperlichen, seelischen oder kognitiven Beeinträchtigung getötet wird?

Huch? Ja. So etwas gibt es. Und dazu gibt es beispielhaft die eine oder andere Sichtweise, die ich zwar inhaltlich begreifen, mit dem Herzen aber nicht nachvollziehen kann. Nach aktueller Rechtsprechung verhält es sich zum Beispiel so, dass Heimtücke (ein Mordmerkmal, und damit ein Baustein für ein höheres Strafmaß) voraussetzt, dass das Opfer arglos war. Arglos kann nur sein, so die gängige Rechtsauffassung, wer zumindest zeitweise argwöhnisch ist. Jemand, der schwere kognitive Einschränkungen hat und deshalb vor niemandem Angst hat oder wenigstens Misstrauen hegt (sondern wie ein Hund, der das Schnitzel in der Hosentasche riecht, mit jedem Menschen mitlaufen würde) ist nicht argwöhnisch und kann folglich auch nicht arglos sein. Wird also so ein Mensch beispielsweise im Schlaf getötet, fehlt (und nun wird es paradox!) bei einem kognitiv eingeschränkten Menschen das Mordmerkmal der Arglosigkeit. Weil ein Mensch mit kognitiven Einschränkungen tagsüber keinen Argwohn entwickelt, wird sein Mörder folglich anders bestraft als der Mörder desjenigen, der keine Behinderung hat und der tagsüber Argwohn und Misstrauen entwickeln kann.

Aber damit nicht genug. Anderes Beispiel: Eine Mutter, die ihr behindertes Kind jahrelang selbst pflegt, aufopferungsvoll und voller Liebe, merkt irgendwann, dass ihr Kind sie vermutlich überleben wird. Wie auch nicht behinderte Kinder ihre Eltern regelmäßig überleben. Regelmäßig kommt es vor, dass Mütter ihre schwer beeinträchtigten Kinder „aus Liebe“ töten, oft zusammen mit einem eigenen Suizid (-versuch). Aktuell gibt es in Hamburg gerade wieder so einen Fall. Das Urteil wird in wenigen Stunden erwartet, der Staatsanwalt fordert maximal 2 Jahre Haft auf Bewährung wegen Totschlag in einem minder schweren Fall. Sie habe befürchtet, dass die Tochter in ein Pflegeheim müsse, wo sie „womöglich nicht ihren besonderen Bedürfnissen entsprechend behandelt“ würde. Sie musste die Tochter zunächst betäuben, damit sie sich beim Erwürgen nicht wehrt.

Ohne jeden Zweifel, die Mutter hatte es schwer. Zu der Zeit, als sie entschieden hat, ihre Tochter zu pflegen, waren Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit eine Attraktion. Sie wurden übedies entmündigt, sie kamen in Heime, wurden dort oft nicht menschlich behandelt. Ich selbst habe Horrorgeschichten aus erster Hand erzählt bekommen von Menschen, die mir regelmäßig über den Weg rollen. Ich selbst habe schreckliche Erlebnisse mit Maria live erlebt. Und ich kann verstehen, wenn nach langen Jahren der Blick der Mutter nicht mehr neutral ist. Wenn sie es nicht mehr schafft, sich Hilfe zu holen.

Aber trotzdem bin ich der Meinung, liebe Gesellschaft, wir machen etwas falsch, wenn wir das Leben eines Menschen mit einer Behinderung deswegen nicht als gleichwertig ansehen, weil der Getötete zu Lebzeiten eine Last war. Ich glaube kaum, dass das Strafmaß ähnlich niedrig ausfallen würde, wäre die Tochter ohne eine kognitive Einschränkung. Ich halte es für absolut falsch, die Behinderung, das Wechselspiel zwischen einer persönlichen Beeinträchtigung und den Barrieren der Umwelt, nur dem getöteten Menschen zuzuschreiben und das tätliche, vorsätzliche Beenden eines gleichwertigen Menschenlebens mit einer Bewährungsstrafe zu ahnden.

Und einen Mord wegen einer Behinderung bei der nächsten Strafrechtsreform nicht mit erhöhtem Unrecht zu verbinden. Es wäre ein deutliches Zeichen der Politik an die Gerichte, dass auch das bei den Nationalsozialisten lebensunwerte Leben heute gleichberechtigt schützenswert ist. Ein Zeichen, das die betroffenen (oder hoffentlich) beschützten Menschen mit kognitiven Einschränkungen vielleicht gar nicht begreifen können. Das aber klarstellt, dass ihre Tötung nicht nur mit einem Warnschuss auf Bewährung gesühnt wird. Und damit vielleicht am Ende gar nicht so schlimm ist. Das klarstellt, dass Menschen, die nicht selbst für sich sorgen können, in großer Gefahr sind, wenn sie alleine von einem Menschen, von der Mutter, abhängig sind. Dass diese Menschen, dass diese Mütter ein gutes Hilfspaket brauchen, das Leben wertvoll macht.

Ich stelle mir vor, ich müsste hoffen, niemals selbst an einen aufopferungsvollen Pfleger zu kommen, der es am Ende gut mit mir meint – und mein Leben dann beendet, wenn ich eigentlich noch jede Menge vor habe. Und sei es, dass ich morgen die Sonne nochmal sehen möchte.

Zwei Mal Justitia

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Ziemlich genau vor einem Jahr verunglückte nahe unserer Trainingsstrecke ein Rennradfahrer bei seinem Straßentraining tödlich, als er mit einem entgegen kommenden Lkw kollidierte. Drei weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der Lkw-Fahrer war in eine Kolonne aus 30 Rennradfahrern gecrasht. Uns erreichte diese Nachricht damals im Trainingslager. Den getöteten Radfahrer haben wir nicht gekannt, die Strecke nutzen wir nicht, unsere (während unseres nächtlichen Trainings für den Autoverkehr gesperrte) Handbike-Trainingsstrecke ist aber nicht weit von dem Unfallort entfernt.

Gestern nun wurde in dem Prozess das Urteil gesprochen. Der Lkw-Fahrer hätte nach Überzeugung des Gerichts an dieser Stelle, an der die Straße nicht mal sechs Meter breit ist, nicht überholen dürfen. Die Kollision mit den -vorschriftsmäßig- in Zweierreihen (etwa 1,30 Meter) fahrenden Rennradfahrern war demnach vorprogrammiert. Das Gericht ging von einer tragischen Fehleinschätzung des Lkw-Fahrers aus. Ein grob rücksichtsloses, verkehrsgefährdendes Verhalten sei aber nicht feststellbar gewesen, auch dadurch nicht, dass der Lkw-Fahrer kurz zuvor noch ein anderes Fahrzeug in einer engen, unübersichtlichen Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit überholt und sich vierzehn Tage vorher bereits aus ähnlichem Anlass eine Prügelei mit zwei anderen Rennradfahrern geliefert hatte. Auch die drei Einträge im Verkehrszentralregister, alle wegen zu schnellen Fahrens, hätten mich sehr nachdenklich gestimmt, hätte ich in dieser Sache etwas zu entscheiden. Habe ich aber nicht, ich bin noch nicht einmal fach- und sachkundig.

Das Urteil: 10 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Und noch eine Sache ist aus juristischer Sicht abgeschlossen. Die ehemalige Mitarbeiterin, die am 13. November 2012 unserer Maria zwei Ohrfeigen verpasst und das später auch zugegeben hatte, kommt halbwegs ungeschoren davon. Das Verfahren wurde gegen Zahlung einer freiwilligen Spende in Höhe von 250 € zu Gunsten einer Beratungsstelle für Gewaltprävention eingestellt. Insbesondere die Tatsache, dass sie seit ihrer letzten Entlassung keinen neuen Job gefunden hat, soll die Höhe der Zahlung plausibel machen. Um einem zivilrechtlichen Verfahren über Schmerzensgeld vorzubeugen, hat die ehemalige Mitarbeiterin Maria über ihren Anwalt ebenfalls 250 € angeboten. Wer sich auskennt, weiß, dass das möglicherweise bis zu 250 € mehr sind, als man je vor einem Zivilgericht für zwei Ohrfeigen erstreiten könnte. Ich finde, da kann Maria nur froh sein, dass sie ihr nach den Ohrfeigen keinen Stinkefinger gezeigt hat. Das wäre vermutlich teurer geworden. Für Maria. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Kein Parkplatz

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Ich bin von insgesamt vier meiner Leser auf ein Urteil aus Sachsen-Anhalt hingewiesen worden, mit dem ein oberschenkelamputierter Mann keinen blauen Parkausweis für Behindertenparkplätze bekommen hat. Unter anderem der Spiegel hatte in einem Artikel Beinamputierter darf Behindertenparkplätze nicht nutzen darüber berichtet, dass das Gericht zwar festgestellt hatte, dass der 71jährige Mann zum Aussteigen mit seinen Unterarmgehstützen viel Platz braucht und sich nur sehr eingeschränkt (rund 100 Meter) fortbewegen kann, ihm trotzdem aber eine Ausnahmegenehmigung für das Parken auf Behindertenplätzen versagt hatte. Als Begründung wurde zitiert, breite Behindertenparkplätze dienen lediglich dazu, die Berechtigten näher an sein Ziel zu bringen.

Normalerweise möchte ich solche Urteile gar nicht kommentieren, auch nicht, wenn ich, wie hier, mehrmals nach meiner Meinung dazu gefragt wurde. Denn Urteile werden oft falsch zitiert und den Einzelfall, der hier verhandelt wurde, kenne ich gar nicht. In diesem Fall möchte ich aber eine Ausnahme machen, und meine Gedanken dazu aufschreiben, weil ich über Frank direkten Zugang zum Urteil bekommen habe und nach dem Durchlesen das durchaus für korrekt halte. Was nämlich in dem Artikel (und in anderen) verschwiegen wird, ist, dass der Mann eine Prothese trägt und mit dieser Prothese laufen kann. Drei Gutachter, darunter namhafte Professoren, haben den Mann im Auftrag der Gerichte unabhängig begutachtet und sind zu dem Ergebnis gekommen, die Gehbehinderung sei nicht so stark, dass der Mann auf Schwerbehindertenplätzen parken müsse. Inzwischen hat auch das Bundessozialgericht sich mit dem Thema beschäftigt und die Klage abgewiesen.

Es gab zwar diverse Komplikationen mit der Prothesenversorgung, aber insgesamt seien dazu noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft und eine Prothese ist nunmal kein angewachsenes Bein. Und Behindertenparkplätze sind zwar (aus gutem Grund) breit, aber alleine die Tatsache, dass er einen breiten Parkplatz braucht, reiche nicht aus, um auf Behindertenparkplätzen parken zu dürfen. Es gäbe auch die Möglichkeit, am Auto eine Schiebetür einzubauen, die Kosten dafür würde ein vorhandener Haftpflichtiger zahlen müssen.

Wenn man nun allen Menschen, die mit einer Prothese laufen, einen blauen Parkausweis gibt, müsste man auch allen anderen, die ähnlich eingeschränkt sind, das Parken auf den Schwerbehindertenplätzen gestatten. Dann bräuchte man aber wiederum viel mehr dieser Plätze, was schwierig wird. Also hat man die Messlatte besonders hoch gehängt. Parken dürfen auf diesen Plätzen ausschließlich Menschen, die querschnittgelähmt sind, Menschen die beidseitig oberschenkelamputiert sind, und Menschen, die ähnlich schwer eingeschränkt sind, so dass sie eigentlich nur mit einem Rollstuhl mobil sind. Da gehört dieser Mann nunmal einfach nicht rein. Dass diese Gesamtsituation nicht befriedigend ist, wenn die Messlatte so hoch liegt, weil es genügend Leute gibt, die trotzdem nicht weit laufen können, unterschreibe ich sofort. Aber darum ging es hier nicht, das haben nicht die Richter zu verantworten, die bestehende Gesetze anwenden müssen.

Und auch aus der Tatsache, dass viele Menschen herumlaufen (im wahrsten Sinne des Wortes), die so einen Ausweis bekommen haben, obwohl sie noch einen halben Kilometer durch die Gegend rennen können, kann man lediglich ableiten, wie hoch hier der „Missbrauch“ ist und wie wenig das kontrolliert wird, denn so vorgesehen ist das eben nicht. Und ich kenne auch genügend Leute aus meinem Sportverein, die mit zwei Dreipunktstützen oder einem Rollator ein paar Schritte wackelig gehen können und genau aus diesem Grund den blauen Parkausweis eben nicht bekommen. Wollte man das ändern, müsste man an anderer Stelle gemeinsam kämpfen und nicht einzeln vor Gericht.

Der Mann hat allerdings einen orangenen Parkausweis, mit dem er alle Rechte, die er mit dem blauen Parkausweis bekommen hätte, nutzen kann – bis auf das Parken auf den Behindertenparkplätzen. Er kann damit also beispielsweise auf allen Anwohnerparkplätzen, im eingeschränkten Halteverbot, in Ladezonen, an Parkscheinautomaten ohne Gebühr etc. parken.

Von daher habe ich zwar durchaus starkes Mitgefühl für diesen Mann und würde ihm auch wünschen, dass er, wenn schon die Amputation sein musste, wenigstens gut und ohne Schmerzen mit seiner Prothese zurecht kommt, aber einen Aufreger sehe ich hier nicht. Er persönlich hat sich mit Sicherheit einige Hoffnungen gemacht, aber wenn er ehrlich ist, wird er sein Gehvermögen nicht mit dem eines querschnittgelähmten oder beidseitig oberschenkelamputierten Menschen vergleichen wollen. Und so sind die Gesetze nunmal. Ich hätte in den sieben Jahren, in denen er durch die Instanzen geritten ist, andere, schönere Schwerpunkte in meinem Leben gesetzt und versucht, die beste Prothese und die beste Gehschulung zu bekommen – statt so einen blöden Parkausweis.

Viel Post und ein Schleimbeutel

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In der heutigen Zeit ändern sich Dinge schneller als sie es früher taten. Die Welt sei sehr viel schnelllebiger geworden, sagen vor allem die älteren Menschen. Manche Dinge ändern sich hingegen nie. Manchmal ist das gut, manchmal auch nicht. Und wieder andere Dinge, von denen man möchte, dass sie sich möglichst schnell ändern, lassen unglaublich, unheimlich und unverschämt lange auf sich warten.

Im letzten Monat bin ich, ist vor allem mein Blog, durch eine Nominierung bei den BOBs einigermaßen aus der Bahn geworfen worden. Einige Konsequenzen daraus habe ich noch nicht abschließend für mich bewerten können. So gibt es demnächst wohl den 750.000 Besucher – obwohl ich den 500.000 vom 3. März noch nicht einmal richtig realisiert hatte. Zusammen mit den vielen neuen Leserinnen und Lesern meines Blogs spülte mir meine neue Berühmtheit, von der ich immer noch nicht weiß, ob ich sie wirklich will, auch jede Menge Herausforderungen in mein Postfach. Doch. Eigentlich will ich sie.

Ja, viele Besucher bringen nicht nur viele hübsche virtuelle Blumensträuße, Glückwunschkarten und ähnliches, sondern viele Besucher erwarten auch von mir, dass ich mit hochgesteckten Haaren, tiefem Dekolleté, im kleinen Schwarzen, stets einen frischen Imbiss im Kühlschrank, jedem Gratulanten einzeln die Hand schüttel. Dass ich zu jedem ein passendes Wort finde, dass ich 48 Stunden Zeit pro Tag habe, nett gemeinte Mails zu beantworten und schlaue Kommentare zu tagesaktuellen behinderten Behindertenthemen abzugeben. Sorry Jungs und Mädels, ich bedanke mich hiermit, gerne auch mehrfach, für all die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird, aber ich bin einfach nur überfordert. Ich muss euch leider entsprechend vor den Kopf stoßen.

Ich habe in der letzten Woche fast 700 Mails oder Kommentare bekommen. Ich bin wirklich gerührt, aber ich kann die unmöglich alle beantworten. Selbst mit dem Lesen komme ich kaum noch hinterher, denn einzelne schreiben mir ganze Lebensgeschichten auf – eine besondere habe ich ausgedruckt, wollte sie in der Bahn lesen, es waren 7 Seiten. Völlig unbekannte Menschen bieten mir an, mich durch Hamburg zu fahren, bis ich wieder ein eigenes Auto habe, andere wollen mir Pullover stricken, eine Mutter fragt, in welchem Stadtteil ich wohne, ihr Sohn sei vor einiger Zeit ausgezogen, sie würde meine Wäsche waschen. Starker Mann bietet sich kostenlos für ein paar Getränkekisten – es wäre ihm eine Ehre. Das ist ja alles sooo lieb gemeint und ich bin sehr gerührt! „Kannst du meiner Tochter das Schwimmen beibringen?“ fragt eine andere Leserin. „Willst du nicht mal einen Kursus veranstalten, wo du anderen Rollstuhlfahrern den Umgang mit dem Gerät zeigst“ – gutes Können verpflichte. Und die Presse will natürlich auch was hören – von dem Gefühl, das zur Zeit in mir wohnt und wie ich darüber denke, wie mit behinderten Menschen in Deutschland umgegangen wird.

Und dann sind da noch die, die mir meine Wäsche abkaufen wollen, die mich treffen wollen, die ein Date mit mir wollen. Nein, ich träume nicht.

Ich habe im Moment ganz andere Sorgen. Im Moment geht es mir nicht gut. Körperlich. Ich habe mir eine Schleimbeutel-Entzündung eingefangen. Ein Schleimbeutel ist keine Plastiktüte zum Reinrotzen, sondern es handelt sich um flüssigkeitsgefüllte Puffer, die jeder an mechanisch stark beanspruchten Stellen des Körpers hat, zum Beispiel am Ellenbogen, am Knie, an den Sprunggelenken, an der Hüfte … und eben auch an den Schultern. Bei mir ist der unter dem linken Schulterdach betroffen (subakromialis), vermutlich vom Rollstuhlfahren in Verbindung mit ständigen Transfers. Ich würde ja eigentlich nicht rumjammern, sowas kann jeder mal bekommen, nur hühner ich jetzt damit bereits seit einer Woche herum und es wird nicht besser, eher immer schmerzhafter. Ich habe bereits drei Spritzen in die Schulter bekommen und profitiere von Ronja, unserer inzwischen hauseigenen Physiotherapeutin mehr denn je, aber wenn das nicht bald besser wird, sind wohl radikalere Methoden gefragt. Im Moment soll ich mich schonen, möglichst nicht viel Rolli fahren, möglichst keinen Transfer alleine … und nachts weiß ich nicht, wie ich liegen soll.

Apropos Ronja: Seit zwei Wochen arbeitet sie nun fest bei uns im Haus und eigentlich wäre das, was ich über sie zu erzählen habe, einen eigenen Beitrag wert, aber ich muss mich etwas kürzer fassen … sie hat morgens um 10 Uhr ihren ersten Patienten (sie fängt später an, da die meisten Leute abends mehr Zeit haben als morgens) und erzählt, sie hat in den letzten vier Wochen kaum geschlafen, so aufgeregt war sie und so aufgeregt ist sie immer noch. Jeden Morgen guckt sie ab 8 Uhr alle 5 Minuten auf die Uhr, wann sie los muss. Man merkt es ihr auch an. Nicht im negativen Sinne. Man merkt einfach, dass sie immer noch sehr unter Strom steht, weil sich vieles einfach noch nicht eingependelt hat. Und ich fühle, auch wenn ich im Moment eigentlich bis auf meine eigene Therapie kaum etwas mit ihr zu tun habe, diese berühmte Schere mal wieder hautnah mit. Jene, die einerseits die ganz lieben Mitmenschen, andererseits die Vollidioten darstellt. In der Mitte ist wieder mal nix. Oder wenig.

Es gibt bisher ganz wenige externe Patienten, trotzdem erstmal mehr als genug. Ein älterer Mann mit Gehwagen meinte im Flur kürzlich zu ihr, dass er seit dem Krieg regelmäßig „Anwendungen“ bekäme und er habe bisher nur zwei Therapeuten gehabt, die richtig gut massieren konnten und einer davon sei sie. Wow. Ich habs ja immer gesagt. Eine ältere Frau hingegen ist gar nicht erst mit ihr ins Behandlungszimmer gegangen, meinte, bevor die Therapie begann, sie habe andere Vorstellungen von Krankengymnastik, Ronja wirke wie ein wackeliges Küken, um nicht zu sagen wie eine Blei-Ente (hat sie wirklich gesagt!), und am Ende müsse die Oma die Physio stützen und undeutlich spreche sie auch. Sie bereue, gerade ihre Zeit zu verschwenden. Aber Ronja ist sehr viel selbstsicherer geworden: „Zum Glück fällt mir ja nicht auf jede Gemeinheit eine passende Antwort ein. Soll ich Sie noch zur Tür bringen oder finden Sie alleine wieder raus?“ – Zum Glück ist die Mehrzahl der Leute aber lieb.

Noch eine Neuigkeit: Wir haben für Maria einen „Praktikumsplatz“ gefunden. Also so halb. Sie probiert seit letztem Wochenende aus, in der Praxis unter uns zu arbeiten. Ronja arbeitet dort als Vollzeitkraft, Christine und Karoline beide erstmal auf einer halben Stelle, die Ergotherapeutin Maja fängt frühestens im nächsten Monat an, alles auf einmal wäre einfach zu viel. Aber Maria drängelte nahezu, ob es dort nicht irgendeine sinnvolle Aufgabe für sie gäbe. Am PC könne sie doch etwas tun – und so testen wir im Moment, ob sie nicht als Hilfe für Ronja arbeiten kann. Ronja fällt Lesen und vor allem Schreiben unheimlich schwer, sie liest jedes Wort einzeln und baut anschließend daraus einen Satz, während sie beim Schreiben mit der Hand jeden einzelnen Buchstaben „malt“ – und im Kalender oder Tabellen findet sie sich nur sehr mühsam zurecht. Hingegen kann Maria einen PC relativ normal bedienen und hat auch keine Probleme mit irgendwelchen Anwendungen. Die beiden könnten sich eigentlich prima ergänzen bei Abrechnungen oder ähnlichen Dingen, die nichts mit Publikum zu tun haben. Mal schauen, wie das läuft und ob das dauerhaft was für Maria ist. Das wäre natürlich eine schöne Sache.

Und apropos Maria: Nein, es gibt noch immer keinen endgültigen Bescheid, welche Leistungen für sie für das Wohnen mit Assistenz gewährt werden. Auf Drängen des Sozialgerichts hat man inzwischen einen schriftlichen Bescheid erlassen, dass die Leistung dem Grunde nach bewilligt wird, zur genauen Höhe etc. ergehe aber noch ein weiterer Bescheid. Theoretisch ist es natürlich denkbar, dass die nur die halben Kosten zahlen … der vorläufige Bescheid ist also genau genommen nicht mehr wert als eine mündliche Zusage. Und was ihren elektrischen Rollstuhl angeht, der wird leider nun erst in der 29. Kalenderwoche gebaut. Drei Wochen später als bisher geplant. Sie übt sich weiter in Geduld.