Acht zu eins

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Endlich ein neuer Eintrag. Am liebsten hätte ich täglich geschrieben. Aber die letzte Woche war so intensiv, dass ich einfach nicht dazu gekommen bin. Auch nicht unter dem Druck, zu wissen, dass viele Leute gespannt auf Neuigkeiten warten.

Zuerst die schönste, beste, tollste: Maria ist zweifelsfrei in der Lage, ihre Assistenz selbständig zu organisieren. Sie ist ein helles Köpfchen und kann sich selbständig darum kümmern, dass sie die Hilfe und Assistenz bekommt, die sie benötigt. Damit ist nicht nur das Abrufen der Hilfe gemeint, sondern auch die Planung, die Finanzierung etc. Sie bekommt zwar Hilfe von uns, weil das für sie natürlich absolutes Neuland ist (wäre es für mich auch, da ich weitestgehend ohne Hilfe zurecht komme), aber wenn sie weiß, wie etwas funktioniert, bekommt sie alles selbständig hin. Mit derjenigen, die vielleicht mal ihre Hauptassistenz werden soll, versteht sie sich prima, sie passt gut zu uns – auch wenn sie mit Abstand das am weitesten eingeschränkte Gruppenmitglied ist. Und sie fühlt sich bei uns wohl, ist sehr glücklich.

Es ist gefragt worden, wobei sie Hilfe benötigt: Bei allem. Sie ist nicht mal in der Lage, sich am Arm zu kratzen oder einen Bonbon in den Mund zu stecken. Geschweige denn den Bonbon auswickeln.

Maria hat sich am ersten Morgen nach ihrem Start ins Probewohnen an eine Organisation gewendet, die Hilfe bei Problemen in der Pflege anbietet. Dort hat man sie an einen Anwalt vermittelt, der in ihrem Auftrag den Bewohnervertrag mit ihrer Einrichtung fristlos gekündigt hat. Die Begründung kann ich hier nicht im Wortlaut wiedergeben, da laut Frank zu befürchten sei, dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt, und ich möchte nicht diejenige sein, die hier als juristischer Laie irgendwelche relevanten Dinge falsch oder nicht eindeutig genug wiedergibt. Ich kann nur soviel sagen: Es geht um Angst vor weiterer Misshandlung und um Vertrauensverlust. Und darum, endlich in Sicherheit zu sein.

Bereits am Mittwoch kam eine Gutachterin, die sich Maria in ihrer Übergangsunterkunft anschauen wollte. Die Gutachterin hat sich bestimmt drei Stunden mit Maria beschäftigt. Frank war auf Marias Wunsch dabei, beide sagten hinterher, dass die Gutachterin absolut korrekt gewesen sei. Sachlich, aber nicht bürokratisch, streng beim Thema, aber nicht unmenschlich. Das Gutachten hat Maria am Freitag zu lesen bekommen von ihrem Anwalt. Es geht über fast 15 Seiten und sie sagt: Es stimme zu 100% mit den Tatsachen überein. Die Frau hat wirklich gute Arbeit geleistet.

Das hier zuständige Sozialamt hat bis zunächst 31.01. vorläufig die kompletten Kosten für Maria einschließlich Miete und der kompletten Pflege und Assistenz im Umfang bis maximal 7.500 € bewilligt. Sie sind über einen (anderen) Assistenzverein nachzuweisen und einzeln abzurechnen, anschließend holt sich das Sozialamt die Kosten von der Pflegekasse, Krankenkasse oder sonstwem wieder. Das Sozialamt verlangt, dass bis zum 31.01. zunächst ein anderer Assistenzverein die Pflege und Assistenz in „unserem“ Hause anbietet. In der Zeit soll erprobt werden, ob Maria das auch alleine könnte oder mit Hilfe „unseres“ Vereins. Das Gutachten bejaht das bereits.

In der Einrichtung, in der Maria bisher gewohnt hatte, wurde ein Pflegesatz von rund 3.500 € pro Monat abgerechnet. Hier würde es für Maria rund 5.500 € pro Monat kosten. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Sie würde ihre Assistenten selber beschäftigen als Arbeitgeberin, so wie sie sie braucht. Beziehungsweise den Verein beauftragen, die Assistenzkraft anzustellen und ihr zur Verfügung zu stellen. Zusammen mit anderen Leuten aus dem Haus. Wäre es so, dass Maria alleine wohnen würde und zu Hause eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung organisieren würde, wäre das mehr als doppelt so teuer.

Und nun die schlechte Neuigkeit: Es gab heute einen runden Tisch mit je einer Vertreterin des Sozialamts, eines Sozialmedizinischen Dienstes, einem Typen von ihrer Krankenkasse, einer Frau von ihrer Pflegekasse, mit der Gutachterin persönlich, einer Frau von dem Assistenzverein, der jetzt übergangsweise Marias neue Assistentin beschäftigt und abrechnet, also das tut, was später unser Verein macht – und Frank, Maria und mir. Frank als Vertreter unseres Vereins, der das Wohnprojekt betreibt, und ich wurde von Maria gebeten, als Vertrauensperson dabei zu sein. Neun Leute. Ich kann nur sagen: Ich hätte fast gekotzt.

Das fing alles ganz nett an, man wolle Maria helfen, alle hätten Interesse, zu einer für alle akzeptablen Lösung zu kommen. Man ging kurz auf das bisherige Pflegeheim ein, die Gutachterin erzählte, dass die Aufstellung, die Maria und Frank zusammen gemacht hätten, inhaltlich mit dem Hilfebedarf übereinstimmte und es aus ärztlicher Sicht keinerlei Bedenken gebe, sie Maria uneingeschränkt zutraue, bei uns eigenverantwortlich zu leben und sie -wörtlich- „nur wärmstens empfehlen kann, dem Antrag zu entsprechen.“

Die Frau von dem anderen Assistenzverein schloss sich gleich an. Wenn es mit allen Klienten so laufe wie mit Maria, hätte sie nicht so viele schlaflose Nächte. Sagte sie wörtlich.

Dann kam die Frau von der Pflegekasse: Aus deren Sicht gebe es überhaupt keine Probleme, das Gutachten bestätige die selbst schon getroffenen Feststellungen hinsichtlich der Pflegestufe, das sei ohnehin die maximal mögliche Leistung und die werde auch zeitlich unbeschränkt bewilligt, da mit einer Verbesserung des Gesundheitszustandes nicht mehr zu rechnen sei.

Dann schloss sich der Typ von der Krankenkasse an: Die medizinische Behandlungspflege würde wie beantragt genehmigt werden. Die Leistung sei zwar neu beantragt worden, aber aus dem Gutachten sei der Anspruch eindeutig abzuleiten, da gebe es „überhaupt keine zwei Meinungen“.

Dann kam die Frau vom Sozialamt dran. Sie meinte, sie dürfe dem Urteil des Sozialmedizinischen Dienstes nicht vorgreifen, möchte nur vorab so viel sagen: Sollte der Sozialmedizinische Dienst zu einer Empfehlung für diese Wohnform kommen, würde das Sozialamt die noch fehlende Summe im Rahmen einer Einzelfallentscheidung für zunächst 12 Monate übernehmen, danach müsste ein neuer Antrag gestellt werden. Bei dem einen oder anderen Einzelwert, den Maria und Frank veranschlagt hatten, gebe es minimale Abweichungen nach unten, weil dort Höchstbeträge festgelegt sind, bei anderen Einzelwerten sei aber nach oben noch Spielraum – das sei alles so gut vorbereitet und begründet, dass man von der Gesamtsumme wie beantragt auch bewilligen würde.

Und dann kam der Knaller: Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst wollte bei fünf oder sechs Einzelposten haarklein von Maria, die ohnehin schon ohne Ende aufgeregt war und die sowieso schon so langsam und angestrengt spricht, alles erklärt haben, um am Ende zu sagen, dass sie die Einzelwerte nicht verstehen könne und die doch alle viel zu hoch angesetzt seien… Das ging so weit, dass die Frau vom Sozialamt sagte, dass sie gar nicht wisse, ob diese Wirtschaftlichkeitsprüfung überhaupt in ihren Zuständigkeitsbereich falle. Aus ihrer Sicht seien die Kosten von den beschriebenen geringfügigen Über- und Unterschreitungen alle in der Norm.

Doch, offenbare Fehler in der Plausibilität müssten auch ihr auffallen und überhaupt könne man monatlich pauschal schon mal 500 Euro einsparen und außerdem sei unser Wohnprojekt doch keine zugelassene Pflegeeinrichtung. Daraufhin meinte Frank: „Mit Verlaub, da haben Sie was missverstanden. Wir sind auch keine Pflegeeinrichtung. Bei uns wohnen Menschen mit Behinderungen und wir helfen Ihnen, im Alltag alleine zurecht zu kommen, gegebenenfalls mit Assitenz, die einzeln gebucht werden kann.“

Der Typ von der Krankenkasse, schätzungsweise Ende 50, antwortete: „Ich habe noch einen Anschlusstermin, wir sollten zum Ende kommen. Was wir in den Topf werfen können, habe ich gesagt, kann ich aus dem Termin ein erfreuliches Ergebnis mitnehmen? Ich finde doch, das ist eine ganz, ganz tolle Sache.“

Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst sagte: „Also ich sehe das genauso, aber es bleiben zu viele Fragen offen, die wir heute nicht geklärt bekommen.“ – „Zum Beispiel?“ fragte der Mann von der Krankenkasse. Die Frau antwortete schnippisch: „Zu viele! Mehr als eine. Mehr als zwei. Zu viele.“

Nun kam die Frau von der Pflegekasse: „Mich würde das aber auch interessieren. Können Sie das bitte mal konkretisieren?“ – Sie antwortete: „Es ist aus meiner Sicht beispielsweise nicht abschließend geklärt, ob es sich bei der Einrichtung nicht vielleicht einfach nur um eine WG handelt, die mit Sozialhilfemitteln, die über die üblichen Hilfen hinausgehen, gefördert werden soll.“ – Frank antwortete: „Also Sie meinen so eine Art Partybude? Ist es nicht.“

Die Sozialmedizinische Frau antwortete: „Das wird der Verantwortliche immer behaupten.“ – Frank erwiderte: „Nun werden Sie mal nicht frech.“ – Der Typ von der Krankenkasse verdrehte die Augen. Die Frau vom Sozialmedizinischen Dienst fragte: „Leben bei Ihnen Hunde oder Katzen und wenn ja, wieviele?“ – Frank antwortete: „Keine Hunde, keine Katzen und auch kein Einhorn.“ – Er fragte die Gutachterin: „Könnten Sie dazu bitte Stellung nehmen?“ – Die Gutachterin antwortete: „Ich verstehe das mit den Hunden jetzt nicht. Aber egal. Ich habe keine Tiere gesehen. Auch kein Einhorn.“ – Maria lachte gequält. Frank setzte nach: „Partybude?“ – Die Gutachterin fügte hinzu: „In meinem Gutachten ist meine Einschätzung erschöpfend beschrieben. Das muss reichen.“

Ende vom Lied: Es gibt bis Mittwoch ein Protokoll über die nicht erreichten Ergebnisse, eine überarbeitete Liste, in der diese geringfügig zu hohen oder zu niedrigen Beträge angepasst werden und auch die zugesicherten Summen fixiert werden sollen und einen neuen Termin in der nächsten Woche. Hurra. Ich hätte Maria etwas anderes gegönnt.

Der wilde Wilde Westen

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Neulich blieben wir beim Fernsehen in unserem WG-Gruppenraum einen Moment lang an einer Sendung hängen, in der Ausschnitte aus der legendären ZDF-Hitparade von vor 30 Jahren gezeigt wurden. Wir amüsierten uns über eine Band, inzwischen habe ich nachgeschaut, sie hieß „Truck Stop“, die sang: „Der wilde Wilde Westen fängt gleich hinter Hamburg an…“

Ich finde, diese Band hat Unrecht. Inzwischen fängt der wilde Westen direkt in Hamburg an. Am letzten Freitag fuhr ich mit meinem Viano, der inzwischen nicht mehr zugeparkt war, quer durch Hamburg zu einer verkehrsmedizinischen Untersuchung. Ich bin von der Führerscheinbehörde aufgefordert worden, jetzt, rund zwei Jahre nach meiner Fahrprüfung und nach Vollendung des 18. Lebensjahres, mich erneut körperlich auf Fahrtauglichkeit untersuchen zu lassen. Ein Spektakel, das viele Menschen mit körperlicher Behinderung immer wieder über sich ergehen lassen müssen, wenn sie ihre Fahrerlaubnis (erlangen oder) behalten wollen. Irrsinnig ist es aus meiner Sicht aber dann, wenn sich an den körperlichen Einschränkungen nichts mehr ändert. Vor allem, weil die ganze Geschichte jedes Mal ein paar Hundert Euro kostet und man das natürlich selbst bezahlen muss.

Auf dem Weg dorthin glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen. Vor mir fuhr ein Smart, dessen (geteilte) untere Heckklappe geöffnet war. Aus dieser Hecköffnung kamen drei Bindfäden heraus und an diesen Bindfäden hatte der Fahrer drei jeweils zwei Meter hohe Tannenbäume befestigt. Vermutlich die Reste vom Feste. Diese zog er, rund 50 km/h fahrend, wie einen Schlitten hinter sich her. Die Bäume rutschten über den Asphalt und tanzten wild hin und her, streiften und berührten parkende Autos … ich dachte mir so: Wenn der jetzt mal scharf am Zebrastreifen bremsen muss, überholen diese Bäume mit dem Stamm voraus das Auto und erschlagen den Fußgänger. Oder holen im Vorbeifahren einen Radler von seinem Drahtesel. Ganz zu schweigen von den Kratzern im Lack, wenn die Bäume an parkenden Autos vorbeischrammen. Ich sag ja: Wilder Westen.

Andere Leute machen so einen Schwachsinn und ich muss mich auf meine körperliche Fahreignung untersuchen lassen. Ich könnte schon wieder kotzen. Ich saß in einem Wartezimmer, neben mir eine ältere, sehr korpulente Frau. Knarrender Holzfußboden, hohe Decke, Halogenspots leuchteten auf Bilder an der Wand, zwischen ein paar Stühlen lagen auf Mini-Tischen ein paar alte Zeitschriften. Die alte Frau torkelte auf die Toilette. Ein älterer Mann im weißen Kittel kam rein, winkte mich ohne ein Wort mit dem Zeigefinger zu sich heran und trottete vorweg. Mein Herz klopfte bis in den Hals, schließlich könnte dieser Mann ja (irrtümlich?) feststellen, dass ich zum Autofahren körperlich nicht (mehr) geeignet bin.

Er schloss die Tür hinter mir, bat mich, vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich langsam und stöhnend auf seinen Stuhl, dann schaute er mich an. „Wieso sitzen Sie in einem Rollstuhl?“ – „Hm. Ich kann nicht laufen.“ antwortete ich. Er fragte weiter: „Seit wann ist das so?“ – „Seit zweieinhalb Jahren etwa.“ – „Geht gar nicht mehr?“ fragte er.

War das jetzt ein psychologischer Test, wie ich mit meiner Behinderung umgehe? Welche Einstellung ich dazu habe, was ich realisiert habe? Rechnen muss man bei solchen Untersuchungen ja mit allem. Oder hatte der die Akte nicht gelesen? Wieso gerate ich immer an solche Leute? Ich blieb freundlich. „Nein, geht gar nicht mehr. Querschnitt halt.“ – Er guckte mich mit großen Augen an. „Querschnitt? So so. Querschnittssymptomatik meinen Sie. Hat das mal ein Neurologe festgestellt?“

„Die behandelnde Klinik hat das festgestellt, welcher Arzt und welche Fachrichtung der jetzt hatte, weiß ich nicht.“ – Der Typ nickte. „Wo haben Sie denn Ihre Hörhilfe? Oder nehmen Sie die nur beim Fahren rein?“ – „Wie bitte?“ – Der Typ sprach lauter: „Ihre Höööörhilfe!“ – Ich runzelte die Stirn. „Ich hab keine Hörhilfe. Ich brauche auch keine.“ – Er fing an, in der Akte zu blättern. „Sie haben doch aber eine Auflage im Führerschein, dass Sie eine Hörhilfe links tragen müssen.“

„Davon weiß ich ja noch gar nichts.“ – Der Typ seufzte. „So wird das nichts“, sagte er. Ich kramte meinen Führerschein raus. „Da steht nichts von Hörhilfe. Welche Codenummer soll das sein? Das sind alles nur die Auflagen für meine Handbedienung. Servolenkung, Handbetätigung für Gas und Bremse, da ist nichts mit Hörhilfe.“ – Es klopfte an der Tür. Eine Frau in weißem Kittel kam rein. „Sind Sie Julia …?“ – Ich nickte.

„Dann kommen Sie mal mit. Herr Kollege, das ist meine Patientin. Ihre sitzt im Wartezimmer.“ Ich glaubte zu träumen. Kopfschüttelnd fuhr ich ohne ein weiteres Wort hinter der Frau hinterher. Ich kam an der korpulenten Frau im Wartezimmer vorbei. Sie trug links ein Hörgerät. Ich dachte nur leise: „Ich werd hier wahnsinnig.“

Die Frau, schätzungsweise Ende 50, nahm mich mit in ihr Zimmer, gab mir die Hand, schloss hinter mir die Tür, musterte meinen Rolli und sagte: „Sportlich, sportlich. So, was ist denn von Ihrem Querschnitt noch übrig geblieben? Hat sich da was verändert?“ – Ich schüttelte den Kopf. „Kaum. Man gewöhnt sich halt dran im Laufe der Zeit. Aber die körperlichen Funktionen und Ausfälle sind gleich geblieben.“ – „Ich möchte einmal ihren Blutdruck messen und Ihnen einmal Blut abnehmen. Haben Sie öfter Kreislaufprobleme?“ – Ich schüttelte den Kopf. Nach 10 Minuten war alles vorbei.

Die Ärztin sagte: „Wenn jetzt im Blut nicht noch irgendwas komisches zu sehen ist, hat sich das für Sie erledigt. Ich habe keine Zweifel an Ihrer Fahreignung.“ – „Danke. Ich hätte noch eine Bitte: Könnte man eventuell diese Intervalle der Wiedervorstellung verlängern? Bei mir ändert sich doch nichts mehr.“ – „Das entscheidet immer die Behörde, ob sie Sie nochmal begutachten lässt. Bei frischen Querschnitten und sehr jungen Leuten macht man das meistens noch einmal, aber ich werde jetzt auch schreiben, dass das nicht erforderlich ist. Dann werden Sie zu 95% auch nicht mehr angeschrieben.“ – „Vielen Dank.“ Und tschüss.

Heute nun lese ich in der Zeitung einen weiteren Artikel zum wilden Westen Hamburgs. Gestern soll eine Frau, Anfang 30, mit einem Opel Corsa in Lurup mitten auf der Kreuzung eine Vollbremsung gemacht haben, um zu provozieren, dass eine andere Frau mit ihrem Golf hinten draufsemmelt. Es kam nicht zum Unfall, aber an der nächsten roten Ampel stieg die Golffahrerin aus und fragte die Corsafahrerin vor ihr, ob sie noch ganz bei Trost sei. Einzige Antwort der Corsafahrerin: Sie nahm die Golffahrerin auf die Haube und fuhr mit ihr einige hundert Meter durch die Gegend, bis andere Fahrzeuge sich dem Corsa in den Weg stellten. Die Corsafahrerin kippte die Golffahrerin bei Mc Donalds in die Einfahrt und versuchte, den vierspurigen Rugenbarg (mit bebautem Mittelstreifen!) diagonal zu überqueren. Dabei blieb sie in der Mittelbebauung hängen und wurde dann von anderen Fahrzeugen eingekesselt. Vorher hatte sie noch eine andere Frau im Rückwärtsgang angefahren.

Dieser Vorfall ereignete sich übrigens fast genau dort, wo mich vor zweieinhalb Jahren die Crash-Oma auf die Haube genommen hat, um mir zu zeigen, wer Vorfahrt hat. Gibt es da böse Ströme unter oder über der Kreuzung? Oder handelt es sich bei der aktuellen mutmaßlichen Täterin um eine Verwandte oder Bekannte der Crash-Oma?!

Meike am Morgen

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Ich habe Ferien, ich kann ausschlafen. Also soll doch bitte keiner von mir erwarten, dass ich in den Ferien vor 10 Uhr aufstehe. Andere Leute schlafen sogar bis 12 Uhr. Ich weiß, dass das für die ältere Generation unvorstellbar ist. Genauso unvorstellbar ist es aber für mich, jeden Tag, ob Wochenende oder Werktag, ob Winter oder Sommer, um 6 Uhr aufzustehen. Ich geh morgens einmal aufs Klo, trinke vielleicht was, vielleicht lasse ich auch einmal kurz frische Luft in mein Zimmer, aber dann schlafe ich weiter. Dafür bleibe ich lieber abends ein bißchen länger wach.

Entsprechend wenig begeistert bin ich, wenn jemand voraussetzt, dass ich um 8 Uhr morgens an einem Ferientag schon geduscht, mit perfekter Frisur und mit Frühstück im Bauch vor meinem frisch bezogenen Bett stehe und den Vögeln draußen ihr Morgenlied abnehme. Es klingelte um genau drei Minuten nach acht Uhr bei uns an der Wohnungstür. Und zwar wieder und wieder. Keine Chance, das zu ignorieren. Ein bißchen mulmig war mir, weil ich nicht genau wusste, ob es möglicherweise irgendjemand aus meiner Familie war. Oder vielleicht der Typ vom Sanitätshaus, den ich per Mail um einen Termin (allerdings nicht um einen Hausbesuch!) gebeten hatte?

Als ich mit zerzausten Haaren, Schlafklamotten und alles andere als wach an der Haustür ankam, klingelte es erneut und jemand klopfte gegen die Tür. Schön wäre jetzt ein Türspion in meiner Höhe, aber das wird sich in Kürze ändern, wie wir gestern, nach dem Terrorangriff meines Vaters, beschlossen haben. Ich stellte mich hinter die Tür, bremste den Rollstuhl fest und machte die Tür einen Spalt auf. Sollte jemand dagegen drücken, müsste er mich hinter der Tür seitwärts über das Laminat schieben. Während er dazu Anlauf nimmt, würde ich die Tür ins Schloss werfen.

Nein, es war eine Frau. Ziemlich groß, schätzungsweise Anfang 40, Jeans, langer Mantel, strenge Frisur, kalter Blick, Aktentasche, Dienstausweis in der Hand. „Guten Morgen, mein Name ist …, ich bin vom Jugendamt und möchte zu Julia …“ Ich schaute mir den Dienstausweis an, schien echt zu sein. „Das bin ich“, sagte ich.

„Lassen Sie mich bitte rein?“ fragte sie. Ich antwortete: „Sie holen mich gerade aus dem tiefsten Schlaf.“ – „Ja, das habe ich gemerkt. Darauf kann ich aber leider keine Rücksicht nehmen. Ich muss dringend mit Ihnen sprechen. Bitte lassen Sie mich rein.“ Puls 200. Was wollte die von mir? Gute Frage! „Was wollen Sie von mir?“ – „Das möchte ich drinnen gerne mit Ihnen besprechen, nicht hier im Flur.“ – „Ich lasse aber nicht einfach fremde, unangemeldete Leute in meine Wohnung. Bin ich verpflichtet, Sie reinzulassen?“

Sie war sichtlich genervt. Kann ich aber auch nicht ändern. Da kann mir doch jeder irgendeine Pappe unter die Nase halten! Natürlich gibt es einen aktuellen Bezug, aber trotzdem… ständig wird einem empfohlen, keinen unangemeldeten Leute einfach so in die Wohnung zu lassen und jetzt soll ich innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden, was richtig ist? Damit bin ich einfach überfordert!

Sie antwortete: „Im Prinzip nicht. Nur dann entscheide ich über Sie, ohne dass Sie vorher darauf Einfluss nehmen konnten. Und das ist dann vielleicht nicht in Ihrem Sinne.“ – „Würden Sie bitte zwei Minuten warten? Nicht weggehen, ich komme sofort wieder.“ Sie seufzte. Ich schloss die Tür.

Ich klopfte bei Frank und Sofie. Und fühlte mich absolut beschissen, sie zu wecken. Wenn sie durch das Gebimmel nicht ohnehin schon wach waren. Sofie fragte, wer da ist. „Jule.“ – „Komm rein.“ Die beiden lagen im Bett. „Tut mir leid. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Vor der Tür steht eine Frau und sagt, sie kommt vom Jugendamt und möchte sofort in die Wohnung, sonst trifft sie Entscheidungen, die vielleicht nicht in meinem Sinne sind. Kann mir jemand helfen?“

Keine fünf Sekunden später war Frank in seinem Rollstuhl. Wir fuhren zur Tür, mein Herz klopfte wie wild. Frank machte die Tür auf. „Guten Morgen. Was ist hier los?“ – „Ich möchte zu Frau … und bin vom Jugendamt.“ – „Darf ich mal Ihren Dienstausweis sehen? Und in welcher Sache kommen Sie und was möchten Sie genau?“ – „Das möchte ich gerne drinnen mit Frau … besprechen.“ – „Nein, erstmal möchte ich wissen, was Sie überhaupt wollen, und dann entscheiden wir, ob wir Sie reinlassen. Sie werden Ihr Anliegen sicher in wenigen Stichworten zusammenfassen können.“ – „Wer sind Sie denn überhaupt?“

„Rechtsbeistand.“ – „Dann möchte ich gerne eine schriftliche Vollmacht sehen.“ – „Jetzt reicht es aber, meine Mandantin steht neben mir.“ – „Dann möchte ich gerne mal Ihre Ausweise sehen.“ – „In welcher Sache?“ – „Sie sind nicht gerade kooperativ! Als Anwalt sollten Sie wissen, dass fehlende Mitwirkung in einem Verfahren sich oft zum Nachteil der Betroffenen auswirkt.“ – „Als Mitarbeiterin einer Behörde sollten Sie wissen, dass man nicht einfach unangemeldet bei minderjährigen Bürgern vor der Tür steht und sie einschüchtert. Sie haben doch ein Telefon, dann rufen Sie vorher an und machen kurzfristig einen Termin. Und geben meiner Mandantin so eine Chance, sich vorher über ihre Rechte beraten zu lassen und sich auf das Gespräch vorzubereiten. Sie sprechen von Mitwirkung. Was genau wollen Sie denn jetzt von meiner Mandantin? Wobei soll sie mitwirken?“

„Anrufen war leider nicht möglich, woher sollte ich die Telefonnummer haben?“ – „Woher haben Sie denn überhaupt ihre Adresse?“ – „Na von der Polizei.“ – „Aha. Und die hat keine Telefonnummer aufgenommen?“ – „Zumindest hat sie die nicht weitergegeben.“ – „Und was möchten Sie jetzt von meiner Mandantin?“ – „Mit ihr reden, und zwar nicht hier im Flur.“ – „Sie sollen angedeutet haben, dass Sie eine Entscheidung zu treffen haben, die ohne die Mitwirkung meiner Mandantin möglicherweise nicht in ihrem Sinne ausfallen würde. Ist das so richtig?“ – „So in etwa.“ – „Ja, sowas nennt man, glaube ich, Nötigung. Und worum geht es nun?“ – „Passen Sie mal auf. Ich habe Ihnen jetzt mehrmals erklärt, dass ich das nicht im Flur besprechen möchte. Das wird ein längeres Gespräch und längere Gespräche führe ich grundsätzlich nicht im Stehen in Hausfluren. Meine Geduld ist jetzt auch am Ende. Sie können mich also jetzt reinlassen oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte.“

„Ah, sie kommen wegen einer Anhörung. Eine Anhörung findet immer dann statt, wenn in die Rechte eines Betroffenen eingegriffen werden soll. Auf eine Anhörung möchte sich meine Mandantin in jedem Fall vorbereiten und rechtlich beraten lassen. Die findet jetzt nicht statt. Wir hätten gerne einen neuen Termin. Sagen wir heute um 13 Uhr in Ihrem Büro?“ Sie lachte kurz. „Nein, wir machen das jetzt oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte.“

„Nicht äußern wollte? Dann werde ich als Zeuge aussagen, dass gar keine Anhörung stattgefunden hat. Bei einer Anhörung wird dem Betroffenen die Möglichkeit gegeben, sich zu der Sache zu äußern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt weiß, was Sache ist. Sollte also irgendein Bescheid ergehen, der nicht im Sinne meiner Mandantin ist, werde ich sofort Rechtsmittel einlegen und beantragen, dass die Wirksamkeit solange aufgeschoben wird, bis über den Einspruch entschieden worden ist, da kein Anhörungsverfahren stattgefunden hat. Dazu bekommen Sie dann auch eine schriftliche Vollmacht. Das heißt aber im Klartext: Wir vergeuden Zeit und Arbeitskraft auf Kosten der Steuerzahler. Sie müssen doch ein Interesse haben, den Fall vom Tisch zu kriegen. Was spricht gegen 13 Uhr in Ihrem Büro?“

„Ich muss kurz telefonieren.“ Sie ging nach draußen.

„Was will die?“ fragte ich Frank.

„Sorgerecht? Dein Vater hat einen Platzverweis bekommen, deine Mutter liegt im Krankenhaus und du bist nicht volljährig. Jede Wette. Aber in Sorgerechtssachen äußert man sich nicht unvorbereitet und schon gar nicht zwischen Tür und Angel.“

Die Frau kam wieder. „14 Uhr 30 bei meiner Chefin. Können Sie da?“ – „Selbstverständlich, ich habe Urlaub. Äh, dürfte ich mir eben noch schnell die Akte kopieren?“ – „Wie bitte?“ – „Naja, ich möchte mich schon vorbereiten. Sie dürften eben reinkommen, kriegen auch einen Kaffee, können sich auch kurz ein Bild von Jules unaufgeräumten Zimmer machen, dürfen mir auch über die Schulter schauen, dass keine Blätter verschwinden, und dann kriegen sie das Ding gleich wieder mit.“ – „Ich weiß doch noch nicht mal, ob Sie überhaupt Anwalt sind. Sie wollten mir ja keinen Ausweis zeigen!“ – „Das würde doch keine Rolle spielen. Die Betroffene hätte doch ebenso ein Recht auf Akteneinsicht, wenn sie ohne Anwalt kommt. Sie hätte sogar einen Anspruch auf Kopien.“ – „Ich muss nochmal telefonieren.“

„Mach doch schonmal einen Kaffee fertig“, sagte Frank. Ich werde wahnsinnig. Irgendwie wird mir das alles zu viel. Wiese können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Hätte ich Frank nicht, wie wäre das ausgegangen?

Sie kam wieder. „Ist in Ordnung, wenn ich dabei sein darf.“ – „Ja, kommen Sie rein. Das Ding hat sogar einen Vorlageneinzug, das geht schnell. Wollen Sie einen Kaffee?“ – „Nein danke, lassen Sie mal.“

Die Akte war relativ dick. Frank blätterte und blätterte und meinte dann: „Das eine Gutachten hier und so ungefähr die letzten 10 Seiten reichen mir.“ Fummelte den Schnellhefter auseinander, legte die Blätter in das Faxgerät und ließ sich Kopien machen. „Und die Wohnung ist komplett behindertengerecht?“ fragte sie. „Das ist ja schön. Ich finde es gut, dass eine gewisse Anzahl neuer Wohnungen heute so gebaut werden muss. Aber diese hier ist echt schön. Sehr geräumig. Wieviele Leute wohnen hier?“ – „Sechs“, antwortete Frank.

„Alles Rollstuhlfahrer?“ fragte sie weiter. „Nein. Nur zum Teil.“ Sie nickte. „Nein, echt schön.“

Sie bekam ihre Akte wieder. „So, dann sehen wir uns heute um halb drei bei Ihnen im Büro. Wo genau ist das?“ Wir bekamen eine Visitenkarte von ihr. Meike. Diplom-Sozialpädagogin. So war sie nachher sehr nett und vermutlich will sie auch nur, dass es mir gut geht. Aber trotzdem fand ich es gut, dass das erstmal so gelaufen ist. Man hört und liest so viel Blödsinn, gerade wenn meine Eltern so schräg drauf sind. Hinterher sagte Frank, dass es ja auch sein könnte, dass einer von beiden Elternteilen beantragt hat, das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Oder dass meine neue Sozialarbeiterin von diesem ambulanten sozialtherapeutischen Dienst, die einmal pro Woche kommt, irgendwas angeregt hat ohne mit mir darüber zu reden.

Nun habe ich um halb drei einen Termin beim Jugendamt. Frank hat einen Kollegen von ihm angerufen, der uns dorthin fährt, weil Frank sich mit Jugendrecht nicht so gut auskennt. Stinkesocke in Begleitung von zwei Anwälten auf dem Weg zur Chefin oder Abteilungsleiterin oder sonstwas von einem Jugendamt. Wichtiger geht es mal wieder nicht. Dabei will ich eigentlich nur chillen und Donnerstag schön Silvester feiern. Aber es geht ja nicht immer nur nach dem eigenen Willen, ne?!

Ein neues Gutachten

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Seit heute gibt es eine Neuigkeit, und zwar: Das neue Gutachten liegt vor beim Anwalt.

Hätte sie gebremst statt zu hupen, hätte sie mich gar nicht erwischt.

Hätte sie um mich herum gelenkt (die Spur daneben war frei!), hätte sie mich auch nicht erwischt.

Hätte sie gebremst, als sie gemerkt hat, dass ich nicht wegspringe, und dabei auf mich drauf gehalten, wäre die Aufprallgeschwindigkeit etwa 15 bis 18 km/h gewesen. Ich wäre bestimmt verletzt gewesen, aber bestimmt nicht so schwer.

Da sie aber nicht gebremst hat oder erst ganz knapp vor dem Knall, sagt der Gutachter, die Aufprallgeschwindigkeit lag zwischen 39 und 42 km/h. Bei dieser Geschwindigkeit sind die Hälfte aller Fußgänger tot.

In dem Gutachten steht genau, wo sie war, als ich von der Mittelinsel auf die Straße bin, und wo sie mich angefahren hat und und und. Und dass ich über 20 Meter weit vom Auto weg lag, als es am Ende stand.

Der Gutachter sagt auch, dass die Art der Verletzungen so aussehen, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass mich gleich jemand anfährt. Man macht automatisch aus Reflex Abwehrbewegungen und versucht, sich abzufangen. Man schaut das Auto an usw., das ist bei mir alles nicht. Das heißt: Entweder, ich habe geträumt oder ich hab sie wirklich nicht gehört.

Mein Anwalt hat geschrieben, dass der Gutachter sehr fleißig war. Er findet es „brilliant“. Er schreibt, dass er „davon ausgeht, dass alsbald terminiert wird“. Ich glaub, das heißt, es geht endlich bald los.

Übrigends: Die Trulla hat immer noch ihren Führerschein… Mein Anwalt hat da jetzt wohl mal nachgefragt, wer das verantwortet oder so…