Schaumparty

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Warum ist meine Badewanne eigentlich so leer? Wofür ist es draußen so kalt und ungemütlich? Warum bin ich so verspannt? Wofür steht da eine Flasche Hefeweizen im Kühlschrank? Das sind doch alles keine Zufälle.

Nach sechsundzwanzig Kilometern mit dem Handbike auf dem Ostseedeich bei nur wenig Wind und nur wenig Schneegestöber hatten meine Eisbeine eine leicht bläulich-blasse Note und würden vermutlich zu gerne intensiv kribbeln. Fünf Teelichte bringen genügend Beleuchtung ins Bad. Das Bierglas habe ich nicht vergessen. Im Radio ist Rod Stewart so in love with me, dass ich mich entscheide, ihn leise für mich singen zu lassen.

Da liege ich also. Der Duft von Mandeln (nein, keine gebrannten) liegt in der Luft, seidiger Schaum ohne Mikrokristalle umschmiegt meinen dezent muskulösen und noch nicht ganz winterblassen Oberkörper, ich mache die Augen zu, entspanne mich und fange zu träumen an. Von dem gut aussehenden Typen, der jetzt mit mir ins Wasser steigt, mich von Kopf bis Fuß massiert, es nicht erwarten kann, mit mir … meine Hände gleiten über meine samtige Haut, die meinem Gehirn ein umfassendes Wohlbefinden in dem vermutlich viel zu heißen Wasser zurückmeldet und eine nicht ganz unerhebliche Hormonausschüttung anregt.

Es klopft an der Tür. Der gut aussehende Typ, der mich massieren und vernaschen will? Oder wenigstens Marie, die mir schnell mal meinen kleinen Delfin reinreicht? Es klopft noch einmal. Eher schüchtern. Ich bin freundlich, kann aber den genervten Unterton nicht ganz verbergen. „Ja?“, frage ich. Es ist Helena. Sie hat eine Schüssel in der Hand. Und einen Löffel in der anderen. Bringt mir eine Kugel Vanille-Eis mit warmen Himbeeren. Und eine Serviette mit Herzen drauf. „Für dich“, sagt sie, stellt mir die Schüssel mit Löffel auf den Badewannenrand und verschwindet wieder. Wie süß! „Dankeschön“, stammel ich.

Bier auf Wein? Das lass sein. Heißt es. Gibt es dazu auch was zu Bier auf Eis? Oder Bier auf Himbeeren? Der Kontrast ist ganz reizvoll. Rod Stewart hat schon lange aufgehört zu singen, aktuell meldet ein Hörer einen Wildunfall. Das Reh sei Matsch. Wie romantisch. Warum senden die sowas? Ist das live? Ich dachte, solche Anrufe zeichnen sie immer auf. Jetzt spielen sie die Fischer von San Juan. Die Fernbedienung liegt natürlich auf dem Radio. Ein Teelicht ist ausgegangen, qualmt und stinkt vor sich hin. Zwanzig Minuten sind ungefähr vergangen, an der Tür klopft es erneut.

Nochmal Helena. Sie kommt rein, setzt sich auf den Badewannenrand. Sieht irgendwie ein wenig traurig aus. Ich bin mir unsicher, ob ich meine Zeit einfordern soll oder nicht. Sie schläft in aller Regel alleine, sie ist den ganzen Tag in der Schule, ich muss in Schichten arbeiten. Einerseits möchte ich auch mit 12 Jahren erwarten können, dass sie mich mal eine Stunde in Ruhe lässt, andererseits weiß ich nicht, wie lange das, was ihr gerade unter den Nägeln brennt, schon brennt. Während ich mit dem Handbike unterwegs war, war sie bei ihrer Freundin. Marie wäre auch noch da. Nein, es ist okay. „Alles gut bei dir?“, frage ich sie. Sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ich hab in Geo einen Test verkackt. Voll verkackt.“ – „Oh. Woran hat es gelegen?“ – „Ich konnte es nicht. Obwohl ich geübt habe. Aber dann war die Aufgabe plötzlich ganz anders und ich hab gar nichts mehr gewusst und dann geraten, um vielleicht noch einen Zufallstreffer zu kriegen.“ – „Und das hat nicht wirklich geklappt.“ – „Nee. Bist du mir böse?“

Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin nach alledem, was früher war, super stolz darauf, dass sie mir das so offen und ehrlich erzählt. Ich schüttel den Kopf und frage: „Konntest du die anderen Aufgaben denn auch nicht? Eigentlich kommen im Test ja die Themen dran, die im Unterricht oder in den Hausaufgaben dran waren. Und wenn ich früher eine Aufgabe mal nicht konnte, habe ich vielleicht erstmal die anderen gemacht.“ – „Es gab nur die eine Aufgabe. Es war ein Kurztest. Und der ist bewertet worden. Und ich hab ne Fünf. Gerade noch so.“ – „Wie, nur eine Aufgabe?“ – „Ja, es gab eine Deutschlandkarte. Nur die Umrisse. Wir sollten die Nachbarländer eintragen, das hab ich hinbekommen. Und dann sollten wir die Landesgrenzen einzeichnen von den Bundesländern, diese benennen, die Lage der Hauptstädte einzeichnen und beschriften und fünf große Flüsse einzeichnen und beschriften. Das alles in 20 Minuten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Berlin zu tief, Bremen zu weit an den Niederlanden, München zwar auf der richtigen Höhe aber zu weit in der Mitte, Stuttgart zu tief und ehrlich gesagt, wo die Havel welche Kurve macht und ob der Main oben oder unten an Frankfurt vorbei fließt, hab ich nicht geübt. Ich dachte, wir kriegen eine Karte, wo die Punkte alle schon eingezeichnet sind und wir sollen sie beschriften. Wir mussten davor noch nie eine Karte malen.“ – „Was haben denn die anderen?“ – „Keine Eins, keine Zwei, zwei Dreien, …“ – „Vergiss es. Mach dir keinen Kopf.“ – „Du findest das auch fies, oder?“ – „Einseitig.“ – „Was heißt das?“

Während ich mit ihr redete, tunkte sie ihre Socke in mein Badewasser. Erst nur in den Schaum, aber dann immer tiefer. Und guckte mich dabei an. Wartete ganz offensichtlich darauf, dass ich was sage. Jule, ich brauche gerade ganz viel Aufmerksamkeit! Um jeden Preis! Gib sie mir! Irgendwann war die Socke bis zum Knöchel nass. Plötzlich rutschte sie ab, wobei das auch mehr Theater als Realität war, und war bis zum Schienbein im Wasser. „Sag mal, was machst du hier eigentlich?“, fragte ich sie. Sie grinste: „Faxen.“ – Rutschte mit dem Po rum und stellte das andere Bein dazu. Fußbad. Mit Socken und Leggings. Ich sagte: „Och Helena. Das ist mein Bad. Ganz alleine.“ – „Ich komm mit rein, okay?“ – „Nee.“ – „Ach komm. Ich spritz auch nicht herum und mache auch keine Wellen.“ – Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Und Helena merkt sowas. Ich hätte sicherlich sagen können: ‚Nein heißt nein und ich möchte, dass du das respektierst.‘ – Dann wäre sie sicherlich rausgegangen. Aber inzwischen qualmte das zweite Teelicht, mein Hefeweizen war so gut wie leer und im Radio spielten Sie ‚It never rains in Southern California.‘

Bevor ich noch irgendetwas sagen konnte, war sie in der Badewanne. „Hi“, begrüßte sie mich albern und tauchte bis zum Hals unter. Immerhin ist die Wanne groß genug für zwei. Sie begann, sich ihre nassen Klamotten auszuziehen. Plötzlich tauchte eine Socke vor mir auf. „Unglaublich. Andere Leute ziehen sich aus, bevor sie in die Wanne steigen.“ – „Bin ich andere Leute? Komm, den Spruch habe ich von dir gelernt.“ – „Du wringst jetzt bitte die nassen Sachen aus und schmeißt sie wenigstens drüben ins Waschbecken. Ich habe keine Lust, dass hier Käsesocken und getragene Unterhosen vor meinem Gesicht herumdümpeln.“ – „Ich habe keine Käsefüße.“ – „Helena, bitte. Sonst schmeiß ich dich raus.“

Während Helena aufräumte, kam Marie rein. „Was ist denn hier los?“, fragte sie. Helena antwortete: „Schaumparty.“ – „Ich gehe gleich noch mal die Terrortatze entmisten. Und eigentlich wollte ich dich mitnehmen, Helena. Damit Jule endlich mal eine halbe Stunde ungestört rapunzeln kann.“ – Ihre Miene versteinerte. Sie guckte mich mit großen Augen an. „Hab ich dich jetzt wirklich beim Rapunzeln gestört?“ – Ich schüttelte den Kopf. Mir war klar, dass sie nicht lange auf sich warten lassen würde: Maries Hündin kam um die Ecke getrottet und guckte mit gerunzelter Stirn auf das Treiben im Bad. Helena lockte sie zur Wanne und machte ihr einen Schaumklecks auf den Kopf. Ich sagte: „Wenn sie jetzt auch noch hier rein springt, raste ich aus.“

Rundumschlag

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Sehr lange haben wir gewartet, noch viel länger musste Helena darauf warten, dass sie nun endlich mal die Therapie bekommt, die hinsichtlich ihrer Einschränkungen dem hiesigen Standard entspricht. Dafür geht es jetzt aber hoffentlich umso schneller. Wir wollen Fortschritte.

Wir haben lange abgewogen, ob es sinnvoll ist, Helena bei Maries Mutter in die hausärztliche Behandlung zu geben. Es sprechen einige Dinge dagegen, insbesondere ist Maries Mutter keine Pädiaterin (also keine Kinderärztin), sie ist persönlich betroffen, und damit besteht immer die Gefahr, dass man ihr fehlende Objektivität unterstellt; andererseits verstehen die beiden sich prächtig und Maries Mutter labert nicht lange um den heißen Brei, sondern fasst auch unangenehme und aufwändige Themen beherzt an. Insofern haben wir uns zusammen mit dem Jugendamt und dem Betreuer darauf verständigt, dass Maries Mutter das am Anfang alles anschieben und koordinieren soll, mittelfristig die verschiedenen Fachbereiche aber selbstverständlich durch Fachärzte in der näheren Umgebung betreut werden. Aber mit Blick darauf, dass es einen ersten Termin meistens erst in drei bis sechs Monaten gibt, war es Gold wert, dass Marie bereits am Freitag mit ihr zu ihrer Mama fahren konnte.

Die drei hatten den letzten Termin und haben dazu über zwei Stunden in der Praxis gesessen. Überweisung zum Kinderneurologen und Termin in der zweiten Januarwoche: Check. Überweisung zum Orthopäden und Termin in der ersten Märzwoche: Check. Überweisung zum Urologen und Termin in der übernächsten Woche: Check. Ärztliche Stellungnahme zur Psychotherapie und Termin für eine Probesitzung bei einer Kinderpsychologin in einer Nachbargemeinde in der nächsten Woche: Check. Verordnung für Knöchel-Orthesen zum Laufen, einen Rollstuhl für lange Strecken (ja, wirklich) und ein Vorspannbike als Alternative zum Fahrrad zum Inhaber „meines“ Sanitätshauses gefaxt, der auf telefonische Bitte noch am selben Tag drei Kostenvoranschläge online an die Krankenkasse geschickt hat: Check. Ärztliche Verordnung über eine Insulinpumpe mit ausführlicher medizinischer Begründung an die Krankenkasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Pflegebedürftigkeit zusammen mit Vollmacht und medizinischer Stellungnahme an die Pflegekasse geschickt: Check. Antrag auf Feststellung von Schwerbehinderung im Eilverfahren zusammen mit Vollmacht und ärztlicher Stellungnahme an die zuständige Behörde geschickt: Check. Den ganzen Senf in einem PDF-Dokument zusammengefasst und (ohne Befunde) an den Vormund und an das Jugendamt zur Kenntnis geschickt: Check. Am Ende mit rauchendem Kopf aus der Praxis gerollt: Check. Am Abend vom Vormund drei Daumen-hoch-Smileys per Mail zurück bekommen: Check.

Ende Januar haben wir nun auch einen Termin beim Kinderarzt bekommen. Leider müssen wir dafür fast 20 Kilometer fahren. Die Praxis hier im Ort ist nicht ohne Stufen zu erreichen (und alleine lassen wir Helena mit der komplexen Vorgeschichte never ever zum Erstgespräch), die Praxis hat die Note 4,6 aus 20 Bewertungen, das würde mir nicht mal für einen Tierarzt im Notdienst reichen. Vergiss es. Der Kollege, den wir uns jetzt gemeinsam ausgesucht haben, hat aus 35 Bewertungen eine 1,0. Und eine Weiterbildung als Endokrinologe – da kann also nichts verkehrt laufen.

Nach diesem bürokratischen Rundumschlag haben Marie und ich mit Helena noch Klamotten und Bettwäsche gekauft. Auch wenn ich an einem Advents-Samstag normalerweise niemals shoppen würde, gab es noch einen Großeinkauf. Ja, es ist bald Weihnachten, aber Helena soll nicht den Eindruck bekommen, dass das, was sie täglich benötigt und jahrelang versäumt wurde, nun als Weihnachtsgeschenk abgegolten wird. Dafür fallen uns noch jede Menge andere Dinge ein, die dann auch wirklich mal ein Bonbon und keine Notwendigkeit sind. Bis zu einer klaren Entscheidung haben wir uns ja auf das Nötigste beschränkt.

Heute war ich zum ersten Mal seit ganz langer Zeit mal wieder mit meinem Rennbike los. Im Orkan bin ich zwar nicht weggeflogen, aber teilweise blieb mir richtig die Luft weg, als der Wind mir direkt ins Gesicht wehte. Ich musste hin und wieder drei, vier Gänge runterschalten, um einigermaßen im Tempo zu bleiben. Zum Glück hatte ich den Gegenwind auf dem Hinweg und den Rückenwind auf dem Rückweg. Ich bin so glücklich, mich endlich mal wieder auspowern zu können. Ich hatte gehofft, zwischen zwei Schauern hindurch zu kommen, bin aber so richtig triefnass geworden. Also hinterher gleich in die heiße Badewanne. Und jetzt gleich ins warme Bettchen, denn morgen früh beginnt der Tag mit Frühdienst!

Lukas

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Ich komme derzeit nicht so oft zum Schwimmtraining wie ich es gerne möchte. Ich hoffe sehr, dass ich das demnächst ein wenig ändert. Mindestens einmal pro Woche versuche ich aber derzeit dennoch, mindestens neunzig Minuten durch das Wasser zu pflügen. Zwei Kilometer möchte ich schon schaffen.

Beim letzten Mal hielt ich nebenbei noch nach Lukas Ausschau. Ich versuchte herauszufinden, wer der junge Mann sein könnte, der seiner Mutter so viel über mich erzählt hat, obwohl er mich eigentlich nur vom Sehen kennen kann. Vom Sehen – und vielleicht haben wir mal „Hallo“ gesagt. Aber so sehr ich mich auch umschaute, mir fiel niemand auf, der sich irgendwie anders benahm oder mich vielleicht sogar beobachtete. Irgendwann ergab sich die Möglichkeit, eine andere Sportlerin zu fragen: Lukas sei heute nicht da, antwortete sie.

Am Tag danach hatten wir endlich mal Sonnenschein, und da ja nicht immer nur Lernen auf der Tagesordnung stehen kann, holte ich mein Rennbike aus der Garage und schaffte insgesamt 32 Kilometer. Vier Kilometer fahre ich zunächst über Feldwege, die zwar gepflastert, aber oft sehr ruckelig sind, dann allerdings geht es zwölf Kilometer über eine für Radfahrer offene Promenade, direkt an der Ostsee. Diese Promenade ist durchgehend geteert, sechs Meter breit und für Autos gesperrt. Und ohne großartige Steigungen oder Gefälle. Ideale Bedingungen, um auch mal ein wenig Geschwindigkeit aufzunehmen. Im Sommer geht das tagsüber eher nicht, da dann zu viele Kinder kreuz und quer laufen, die an den Strand wollen. Aber dann halt abends. Nach 12 Kilometern wende ich und fahre denselben Weg zurück.

Mit der Wende hatte Lukas offenbar nicht gerechnet. Bis dahin hatte ich auch gar nicht mitbekommen, dass er mich verfolgt. Auch wusste ich im ersten Moment nicht, dass er mich überhaupt verfolgt hatte. Und auch nicht, dass es Lukas war. Ich bemerkte nur einen jungen Mann, der scheinbar zufällig denselben Weg wie ich hatte, und der jetzt, wo ich stehen blieb, ebenfalls mit seinem Fahrrad stehen blieb, abstieg und sich betont unauffällig an seinen Schuhen zu schaffen machte, ohne dass ein Schnürsenkel offen war oder ähnliches. Er guckte mich an, beobachtete mich, und immer wenn ich ihn fokussierte, schaute er weg. Im ersten Moment dachte ich noch, es wäre vielleicht jemand, der noch nie so ein Liege-Bike gesehen hat und einfach nur mal gaffen möchte. Aber dann wurde es mir fast schon irgendwie unheimlich.

Ich hatte inzwischen gewendet, rollte direkt auf ihn zu und sprach ihn an: „Na, alles gut bei dir?“ – „Ja, ich bin ganz zufällig hier. Schön, dass wir uns auch mal außerhalb der Schwimmhalle treffen. Trainierst du für einen Wettkampf?“ – Jetzt dämmerte es mir. Als ich ihn ganz locker-flockig fragte, was er gerade macht, wurde er dunkelrot im Gesicht, am Hals und an den Ohren und stammelte, er wollte sich bei einer nahe gelegenen Fahrradvermietung nach den Preisen erkundigen. „Soll ich hier kurz auf dich warten und wir fahren dann zusammen zurück?“ – Er nickte. Was mir ganz gelegen kam, denn ich musste mal für kleine eingestaubte Triathletinnen.

Als er nach fünf Minuten wieder da war, fragte ich nicht, ob er erfolgreich war. Denn wenn er sich wirklich für die Preise interessiert hätte, hätte er ja auch von zu Hause das Internet befragen können. „Hat deine Mutter dir erzählt, dass sie mich neulich im Supermarkt getroffen hat? Falls ich jetzt gerade nichts durcheinander bekomme.“ – „Ja, hat sie. Was hat sie denn zu dir gesagt?“ – „Sie kam gleich auf mich zu und fragte mich, ob ich neuerdings im Schwimmverein trainiere. Ich hatte mich zuerst ein wenig gewundert.“ – „Ich hatte ihr das erzählt, dass jetzt neuerdings eine Frau im Rollstuhl bei uns trainiert. Und sie erzählte dann, dass sie dich beim Einkaufen getroffen hatte. Hat sie sonst noch was gesagt?“ – „Ich musste ganz schnell weiter, weil ich Besuch zu Hause hatte.“ – „Dein Freund? Entschuldigung, geht mich nichts an.“ – „Ich habe keinen Freund im Moment.“ – Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich fragte ihn: „Hast du denn eine Freundin?“ – Er schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: „Und hattest du schonmal eine?“ – Wieder schüttelte er den Kopf. Er ist 17, wie ich nebenbei herausfand.

Ob er nun wirklich in mich verknallt ist, weiß ich nicht. Ich glaube schon, aber ich kann nicht ausschließen, dass es auch nur eine Schwärmerei ist. Oder er mich einfach gerne mag. Ich warte einfach mal ab, was so passiert. Und fühle mich geschmeichelt. Auch wenn er niemand ist, der altersmäßig in mein „Beuteschema“ passt. Und während es mit zunehmendem Alter ja immer weniger auf das Alter des Partners ankommt, wundert es mich schon, dass er mit 17 ausgerechnet mich anschaut. Aber ich will es gar nicht bewerten.

Angucken

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Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den „Urlaub“ angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. „Rechts vor links!“, lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: „Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?“ – „Du bist links. Aus dem Weg.“ – Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: „Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem.“ – „Kann ich helfen?“ – „Ja, ich muss dahinten hin“, sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: „Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren.“ – „Dann fahr ich eben außen herum.“ – „Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme.“

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: „Ich hatte das gerade geputzt.“ – Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen – und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen – und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. „Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?“ – „Kann schon sein, warum?“ – „Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen.“

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: „Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?“

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: „Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen.“

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: „Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ – Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest“, sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: „Na, war es schlimm?“ – „Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass.“ – „Was für einen neuen Freund?“ – „Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt.“ – Jetzt gingen ihre Augen auf. „Nein. Im Ernst? Und du?“ – „Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen.“ – „Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?“ – „Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen.“ – „Hast du dich angepinkelt?“ – „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo.“ – „Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin.“ – „Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat.“ – „Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein.“

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: „Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?“ – „Ein Teenie?“ – „Warum nicht?“ – „Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig.“ – „Guck ihn dir doch erstmal an.“

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!