Wert des Menschen

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Vier Nachtschichten bringen eigentlich alles durcheinander. Eine geht noch, finde ich, wenn ich dann morgens schlafen kann bis mittags, komme ich relativ gut wieder in meinen Rhythmus hinein. Aber vier am Stück machen mindestens eine relativ schlaflose Folgenacht. Und wenn ich dann am Tag auf diese Folgenacht wieder mit Frühdienst beginnen soll, fällt es mir wirklich sehr schwer, morgens um 4.00 Uhr aufzustehen.

Noch größere Bauchschmerzen macht mir allerdings die momentane Personalsituation bei meinem Arbeitgeber. Ich werde fast täglich gefragt, ob ich noch eine andere Schicht zumindest zur Hälfte zusätzlich übernehmen könne. Wenn ich „nein“ sage, wird noch einmal moralischer Druck aufgebaut. Nicht nur unter vier Augen, sondern auch durch fragwürdige Darstellungen gegenüber Dritten. Ich habe nicht live mitbekommen, dass jemand über mich abgelästert hat, weil ich nicht (ausreichend oft) einspringen würde; aber ich habe live mitbekommen, wie ein Vorgesetzter sich mir gegenüber über eine Kollegin ausgelassen hat, die ein kleines Kind zu Hause hat und deshalb weitere Schichten abgelehnt hat. Wer über andere lästert, lästert auch über mich. Widerlich sowas, weil es eben immer nur die halbe Wahrheit oder zumindest nicht überprüfbar ist. Leider ist die Hoffnung, dass Menschen fundierte Informationen von dämlichem Geläster abgrenzen können und wollen, erfahrungsgemäß vergeblich. So bleibt mir nur: Ein dickes Fell und zwei Ohren.

Meine Kollegen wissen nicht, wann ich Geburtstag habe. Mit Ausnahme derjenigen, zu denen ich ein engeres Verhältnis habe. Von denen war nachts niemand da, so dass ich nur einige Kurznachrichten um Mitternacht auf mein Handy bekam. Um halb drei war es so ruhig, dass ich mich einen Moment im Bereitschaftszimmer hinlegen wollte, aber noch nicht mal lag, als ich schon wieder angepiept wurde. Stichwort Atemnot. Socke flitzte, am Ende war nichts los, wofür man mich gebraucht hätte. Ein Kind, das mit bekanntem Asthma und einer chirurgischen Sache bei uns war, hatte ein vergleichsweise harmloses asthmatisches Geschehen und brauchte sein Spray.

„Wo Sie schonmal hier sind, im Zimmer 5 der junge Privatpatient ist noch immer wach und kann nicht einschlafen. Kann der was bekommen?“ – „Ja, einen warmen Tee.“ – „Ob er davon schläft…“ – „Werden wir sehen. Ich kümmere mich mal.“ – Ich klopfte vorsichtig und schaute um die Ecke. Der junge Mann, acht Jahre alt, saß in seinem Einzelzimmer, auf das die Eltern bestanden haben, im Dunkeln auf dem Bett und guckte aus dem Fenster. Er drehte sich nicht um, als ich reinrollte. Vermutlich hatte er mein Spiegelbild im Fenster gesehen. Als ich an der dem Fenster zugewandten Bettkante stand, merkte ich, dass er weinte. Nicht aufgeregt, sondern sehr entspannt. Traurig. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte ich ihn. Er nickte und zuckte mit den Schultern. Gleichzeitig.

Also hat sich Socke nachts um kurz vor drei Uhr auf das Bett gesetzt und einen Moment lang stumm mit dem jungen Mann in die dunkle Nacht hinausgeschaut. Ein paar Bäume bewegten sich im Wind, einige Lampen leuchteten, die Wege waren menschenleer. Ich habe nichts gesagt. Nach drei Minuten fragte er mich: „Was ist eigentlich jemand wert, der Asthma hat?“ – Ach, daher wehte der Wind. Srichwörtlich. Ich wartete einen Moment ab, aber er wollte wohl eine Antwort auf seine Frage bekommen. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Was ist das denn überhaupt, der Wert eines Menschen?“

Ich merkte, wie er nachdachte. Bevor er antwortete: „Naja, wie andere einen finden und so. Ob andere einen als Freund haben wollen zum Beispiel.“ – „Würdest du denn jemanden zum Freund haben wollen, der Asthma hat?“ – „Ich ja.“ – „Und glaubst du, dass andere Menschen anders denken?“ – „Ich weiß es. Wir haben ein Mädchen mit halben Armen und ohne Finger in der Schule. Die ist auch (!) immer alleine.“ – „Dann quatsch doch mal mit ihr. Vielleicht versteht ihr euch ja gut. Ich glaube übrigens, dass der Wert eines Menschen nicht dadurch bemessen wird, wieviele Freunde er hat. Natürlich ist es wichtig und ein gutes Zeichen dafür, ob jemand gut ankommt. Aber ich finde, jeder Mensch ist gleich viel wert. Und alles andere sind Sympathiepunkte. Und die kannst du auch mit Asthma bekommen. Vielleicht sind einige deiner jetzigen Freunde nicht die richtigen. Vielleicht bist du ihnen durch dein Asthma aber auch schon einen Schritt voraus, weil du mehr über dich nachdenkst als die anderen über sich.“

Am Ende trank er seinen Tee und wurde müde. Ich bin dann aus seinem Zimmer, habe noch etwas schlafen können und bin bei mir zu Hause gerade noch angekommen, bevor Helena eigentlich zur Schule los musste. Marie war schon zum Frühdienst weg und wir hatten abgesprochen, dass sie ihr alles für das Frühstück hinstellt. Stattdessen hatte Helena uns beiden einen Geburtstags-Frühstückstisch gezaubert, mit einem selbstgebackenem Topfkuchen mit Kerzen drauf, Brötchen vom Bäcker geholt … so lieb! „Ich muss erst zur zweiten Stunde, erste fällt heute aus.“

Endlich mal wieder gemeinsam ausgiebig frühstücken und quatschen. Als Helena aus dem Haus war, habe ich mich einen Moment lang hingelegt. Aber so wirklich lange schlafen konnte ich nicht. Immerhin konnte ich während meiner nächtlichen Bereitschaftszeit schon einige Zeit meine Augen schließen. Am Mittag habe ich einen Kartoffelauflauf vorbereitet, gegen 14 Uhr haben wir dann zu dritt gemeinsam gegessen und sind dann bei schönem Sommerwetter alle gemeinsam fast drei Stunden lang mit unseren Handbikes an der Ostsee entlang gefahren. Haben viel gequatscht, endlich mal wieder Zeit für uns gehabt, bevor abends mein nächster Nachtdienst losging.

Am nächsten Mittag stand Christin plötzlich bei mir vor der Haustür. Wollte was abgeben. „Eigentlich wollte ich das gestern schon vorbei bringen, aber da warst du nicht da. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich, aber du musst versprechen, dass du es mir nicht übel nimmst. Du brauchst ganz viel Humor. Aber es hat mich so angelacht, dass ich dem nicht widerstehen konnte.“

Ich rechnete schon mit einer Barbie im Rollstuhl oder einem Shirt mit dem Aufdruck „Hauptsache, die Haare liegen“ oder ähnliches. Nein: Pampers. Sie schenkte mir zu meinem 27. Geburtstag ernsthaft mehrere Probierpackungen Windeln. Wobei das keine kostenlosen Testpackungen waren, sondern käuflich erworbene Einzelstücke, immer zu viert eingeschweißt. Was das sollte? Nun: „Ich dachte mir, immer nur weiß mit Zahlen und Buchstaben drauf, ist auf die Dauer ein wenig langweilig. Also ich trag ja auch nicht nur weiße Baumwollslips. Und die haben mich angelacht.“

Eine amerikanische Firma bringt ihre Produkte auch in bunt und mit aufgedruckten Comic-Motiven auf den Markt. Katzencomics, Einhörner, Schmetterlinge, Kühe, Regenbögen, alles mögliche. Aber auch: Piraten-Outfit (mit Totenköpfen) oder komplett schwarz, komplett pink. Wahnsinn. Weg von dem medizinisch-sterilen Design, hin zu ganz bunt und schräg. Für Erwachsene. Vermutlich mehr als Spielzeug für die Adult-Baby-Szene (ja, es gibt Menschen, die finden die Dinger erotisch oder zum Spiel dazugehörig), aber ich fand das auch so megalustig und eine schöne Idee. Leider kosten sie pro Stück deutlich über zwei Euro, was natürlich heftig ist. Aber für besondere Anlässe, zum Beispiel beim nächsten Besuch bei meiner Gynäkologin, hab ich wohl den Lacher auf meiner Seite.

Marmelade

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Eigentlich wollte ich heute ganz viel Positives schreiben, einige schöne Ostseefotos posten … nee. Ich warne schonmal vor: Wer ohnehin schon genervt ist, sollte sich vielleicht vorher und rechtzeitig eine Tischkante zum Reinbeißen suchen. Ich bin auch Tage danach noch schwer genervt. Marie auch. Helena sowieso. Es macht einfach nur fassungslos.

Helena kam am Freitag vom Einkaufen zurück. Es war ihr irgendwie wichtig, das alleine zu machen. Also zum Wochenende noch alles das zu holen, was wir nicht vorher einkaufen konnten. Das Meiste hatten wir schon mit dem Auto geholt, aber Frisches und Vergessenes fehlte noch. Zudem hatten sich Susi und Otto kurzfristig angekündigt. Helena hatte sich einen großen Rucksack geschnappt, ihn an ihren Rolli gehängt und war losgeflitzt.

Sie heulte Rotz und Wasser. Sie war richtig außer sich. Was ich einerseits gut fand, weil sie sich früher auch schnell gleichgültig und distanziert gegeben hat; andererseits möchte ich natürlich nicht, dass es ihr so schlecht geht. „So eine verfluchte Scheiße“, schimpfte sie. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam sofort, setzte sich auf mich und drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter. Ich streichelte ihr erstmal den Rücken. Fragte nicht, was los war. Sie würde das ohnehin gleich erzählen, wenn sie sich etwas beruhigt hatte.

Ich machte mir so meine Gedanken. Geld vergessen? Dann würde sie nicht so ausrasten. Sondern zurückkommen, einmal erwähnen, dass sie verplant ist, und wieder abhauen. Es musste irgendwas vorgefallen sein. Hatte sie jemand geärgert? Bevor ich weiter überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich hab voll den Scheiß gemacht! Und bin bei [Supermarkt] rausgeflogen. Die waren so gemein zu mir. Ich habe was runtergeschmissen und dann war da einer vom Personal, der hat erst über mich gelacht und anschließend gesagt, ich soll den Laden verlassen, bevor noch mehr passiert. Ich bin eine Zumutung.“

„Was?! Das hat er gesagt?“ – „Ja.“ – „Das ist ja unglaublich.“ – „Das ist nicht gelogen!“ – „Ich habe es unglücklich ausgedrückt. Ich meinte nicht, dass ich dir nicht glaube, sondern dass das ein unglaublich schlimmes Verhalten ist. Und er hat wirklich darüber gelacht, dass dir was runtergefallen ist?“ – „Nein. Ich hab ihn gefragt, ob er mir ein Glas von oben aus dem Regal holen kann, weil das da so bescheuert gestapelt war. Und da meinte er, ich soll doch das von unten nehmen und ist weggegangen. Aber das war was anderes und das wollte ich nicht. Und dann hab ich mich hingestellt und mich festgehalten und dann kam ich auch da oben ran. Ich hab aber nicht gesehen, dass in der Reihe dahinter auch noch Gläser oben drauf gestapelt waren. Und die kamen dann mit runter. Wie eine Lawine. Ich hab vor Schreck die Hände hochgenommen, konnte mich nicht mehr halten, bin umgekippt, hab mich da voll auf die Fresse gelegt, der ganze Mist ist auf mich drauf gefallen. Und dann kam der Mitarbeiter wieder um die Ecke und hat mich ausgelacht. Und dann bin ich wieder aufgestanden, ein Mann hat mir seine Hand gegeben und gesagt, ich soll mir nichts draus machen, der Supermarkt ist dagegen versichert. Und dann bin ich raus. Und draußen hab ich dann gemerkt, dass ich mich dabei dem Sturz auch noch angepinkelt habe, aber wahrscheinlich hat das in der schwarzen Leggings niemand gesehen.“

„Und dann setzt du dich mit deinem nassen Po auf meinen Schoß?“ – „Ja, das ist jetzt erstmal nicht so wichtig“, weinte sie. Das hat sie also so entschieden. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Helena, hör mir mal zu: Wenn du was kaputt machst, dann können wir das entweder so bezahlen oder wir haben dafür eine Versicherung. Das kann und darf jedem passieren. Das ist überhaupt kein Problem, solange du nichts mutwillig kaputt machst.“ – „War es nicht.“ – „Ich weiß. Und den Rest: Ich fahre da jetzt hin und mach den Typen rund. So geht niemand mit dir um, schon gar keiner, der unser Geld damit verdient. Möchtest du mitkommen oder soll ich alleine fahren?“ – „Ich komme mit. Jetzt sofort?“ – „Erst was Trockenes anziehen. Und dann fahren wir mit unseren Handbikes hin?“ – „Ja. Und du reißt ihm so richtig den Ar*** auf?“ – „So richtig. Sowas geht nicht.“ – Helena holte sich ein Taschentuch, putzte sich die Nase und lächelte vorsichtig.

Marie war arbeiten. Ich hätte sie gerne als moralische Unterstützung dabei gehabt. Wenn das jetzt der Schicht- oder gar Marktleiter war … aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Helena und ich kamen in den Markt und steuerten direkt auf eine Situation zu, die dem ganzen Vorfall noch eine Krone aufsetzte. Offensichtlich derjenige, der sich eben schon so unmöglich benommen hatte, ein Jugendlicher, geschätzt 16 Jahre alt, stand mit zwei gleichalten Jungs an einem Getränkeregal und spielte offenbar die Szene mit Helena nach. Die Füße und Knie nach innen gedreht und die Arme wie zur Balance auf einem Drahtseil ausgebreitet, stolperte er durch den Gang und sagte mit verstellter Stimme: „Kannst du mir mal einen runterholen? Warte, ich machs mir selbst.“ Und dann nahm er drei Dosen und begann damit zu jonglieren. Helena guckte ihn mit großen Augen an, er hatte uns noch nicht bemerkt. Ich hatte genug gesehen, fuhr so dicht an ihn heran, dass er bei nächster Bewegung gegen meinen Rollstuhl stoßen würde. Er fing die Dosen auf und ich sagte: „Ich hoffe, du findest neben deinen Privatvorstellungen noch Zeit, mir zu sagen, wo dein Chef sich gerade aufhält.“

Er sah mich, sah Helena, und konnte sich wohl den Rest zusammenreimen. „Dahinten irgendwo“, sagte er kleinlaut. Ich setzte meine ernsteste Miene auf und sagte: „Hättest du dann vielleicht die Güte, mich zu ihm zu bringen?“ – Er trottete vorweg. Der Chef saß in seinem Büro, das sich hinter einer Schiebetür mit ein paar sich anschließenden Stufen befand. Womit er beschäftigt war, konnte ich nicht sehen, aber er kam gleich hinaus. Der merkwürdige Mitarbeiter ging in die Richtung seiner Getränke zurück. „Wie kann ich helfen?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Ich bin mit Helena zurückgekommen, um den Schaden von vorhin zu regulieren. Da sind wohl ein paar Marmeladengläser zu Bruch gegangen.“ – „Achso. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Das macht ja niemand mit Absicht.“ – „Achso. Also hat sich die Lage wieder beruhigt?“ – „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber hier fällt so viel runter am Tag, das sammeln wir gleich wieder auf und dann ist gut.“ – „Also kein Hausverbot?“ – „Nein, um Himmels Willen. Dann hätten wir ja bald keine Kunden mehr.“

„Ihr Mitarbeiter hat Helena des Ladens verwiesen.“ – „Wann? Heute?“ – „Ja, vor einer Stunde etwa. Der Kollege, der uns gerade zu Ihnen geführt hat. Er meinte, Helenas Anwesenheit sei eine Zumutung für dieses Geschäft.“ – „Nein. Das hat er gesagt?“ – Helena antwortete: „Ja. Und er hat sich über mich lustig gemacht. Weil ich nicht an die Gläser rangekommen bin und mir das alles auf den Kopf gefallen ist.“ – „Haben Sie sich verletzt?“ – „Nein.“ – „Wenn das für Sie zu hoch ist, können Sie auch immer jemanden fragen. Wir helfen Ihnen gerne.“ – Das war die nächste Steilvorlage: „Ihr Kollege soll das abgelehnt und Helena auf ein anderes Produkt unten im Regal verwiesen haben.“ – „Ich werde wahnsinnig“, seufzte der Marktleiter und ging in sein Büro. Der Mitarbeiter wurde ausgerufen und kam kurz danach angetrottet. Inzwischen mit hochroten Ohren.

Eins rechne ich ihm jedoch an. Er sagte: „Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen? Ich habe Mist gebaut.“ – Der Chef sagte: „Ich bin gleich wieder da“, und verschwand mit ihm im Büro. Nach fünf Minuten ging die Schiebetür auf. Der junge Mann kam tränenüberströmt raus, ging auf Helena zu und streckte ihr die Hand hin. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er. Helena drehte sich weg und sagte: „Nee. Das können Sie sich abschminken. Sie beleidigen mich bis auf die Knochen und jetzt haben Sie Angst um den Job? Vergessen Sie es.“ – „Dann eben nicht“, sagte er und verschwand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht mit dem Kopf zu schütteln: Dann eben nicht – genau.

Der Marktleiter kam hinterher und sagte leise: „Herr […] ist eine Aushilfe und packt einmal pro Woche Getränke auf. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, und ich darf im Einzelnen nicht darüber reden, nur soviel: Ich beschäftige ihn, weil ich ihm eine Chance geben möchte. Wie gesagt, Einzelheiten darf ich nicht sagen. Ich habe gewusst, dass das nicht einfach sein wird, als er hier angefangen hat, aber ich vermute, dass er zu Hause … ach, ich weiß es nicht, warum er sowas tut. Es geht auf jeden Fall nicht. Ich hatte ihn zuerst nur im Lager, an zwei Nachmittagen, wenn wir Ware bekommen haben, und dort hatte er mir viel Grund zu Optimismus gegeben, so dass ich ihn zuletzt auch im Laden beschäftigt habe. Das war offensichtlich ein Fehler. Mein Fehler. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn jetzt wieder ins Lager zurückversetze oder ob ich mich ganz von ihm trenne. Ich bin wirklich sprachlos. Helena, nehmen Sie denn meine Entschuldigung an?“, sagte er und streckte ihr die Hand aus. Sie guckte mich an, dann gab sie ihm die Hand.

Irgendwas im Rahmen einer Bewährung? Irgendwelche Sozialstunden? Wobei Supermarkt ja nun weniger mit Sozialer Arbeit zu tun hat. Oder schon woanders rausgeflogen. Egal. Ja, ich bin unbedingt dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Aber ich bin auch der Meinung, dass so ein Verhalten sanktioniert werden muss. Helena hat das mit ihren 13 Jahren schon sehr richtig gesehen, dass er wohl eher deshalb plötzlich so kleinlaut war, weil er Angst um seinen Job hatte, als dass er Reue zeigte. So habe ich das jedenfalls auch wahrgenommen.

Wir waren gerade mal zwei Stunden wieder zu Hause, da klingelte ein Nachbar aus der Parallelstraße an unserer Tür. Ich öffnete. „Ich habe hier was für Helena angenommen. Da kam eben ein Taxi, die Fahrerin stieg aus und fragte, ob ich wüsste, wo hier in der Straße eine Helena im Rollstuhl wohnt. Ich habe es an mich genommen und gesagt, ich liefere es ab. Ich wollte die genaue Adresse nicht rausgeben. Man weiß ja nie.“ – Es war ein in Folie eingewickelter Korb mit jeder Menge Süßigkeiten, Kerzen, Shampoo und in der Mitte einem kleinen Plüsch-Affen. An dem Plüsch-Affen war ein Briefumschlag befestigt, darin eine Postkarte und ein Einkaufsgutschein über 30 Euro. Auf der Postkarte stand: „Liebe Helena, ich wünsche mir, dass Sie trotz allem meine Kundin bleiben, und bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung für das, was Sie heute in meinem Geschäft erleben mussten. Ich verspreche Ihnen, dass das niemals wieder vorkommt.“

Vom Marktleiter unterschrieben. Ich weiß zwar noch nicht, woher der unsere (ungefähre) Adresse hat, allerdings kennt in einem Dorf immer irgendjemand irgendwen. Wie furchtbar. Ich hoffe nur, dass der doofe Mitarbeiter jetzt nicht auch weiß, wo Helena wohnt. Das macht mir etwas Angst. Immerhin wusste keiner, dass Helena Diabetikerin ist und deshalb die ganzen Süßigkeiten wohl noch drei Jahre vorhalten werden.

Ich vermute sehr stark, dass dieser junge Mitarbeiter sehr viel Dominanz zu Hause erlebt hat. Und sich derzeit nur cool fühlen kann, wenn er andere Menschen dominiert. Ich halte das für sehr gefährlich und würde wohlwollend empfehlen, dem Jungen nicht nur mit einem Arbeitsplatz im Lager helfen zu wollen, sondern ihm mal professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Und Helena? Sah den Korb und fragte zuerst: „Woher haben die unsere Adresse?“ – Ich zuckte mit den Schultern. Und dann: „Ist das alles für mich? Okay, das scheint dem Chef dann aber richtig peinlich gewesen zu sein. Aber richtig so. Ist dir aufgefallen, dass er mich gesiezt hat? Das war richtig komisch. Aber damit ist das jetzt dann auch erledigt. Echt, Jule, als du angefangen hast, wir wollen den Schaden bezahlen, wäre ich fast geplatzt. Aber dann hab auch ich Dussel den Trick verstanden. Jedenfalls danke, Jule.“

Ich bekam einen Kuss auf die Wange. Das war das allererste Mal, dass sie sich bei mir für etwas direkt bedankt hat. Ich sag ja: Unsere Große wird erwachsen.

Alleine sein

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Aktuell ist ja sehr lange hell. Im Norden sogar noch etwas länger als im Süden. Helena verschwindet regelmäßig, wenn die Psychotherapie zu aufwühlend war, mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike für etwa zwei Stunden. Sie fährt ans Meer, setzt sich auf eine Düne, schaut auf das endlose Meer, ordnet ihre Gedanken, rekapituliert noch einmal die Stunde, weint, verarbeitet und gibt sich irgendwann den Ruck, diesen Happen abzuschließen und herunterzuschlucken. Anfangs, gerade beim ersten Mal, hatten Marie und ich sehr viel Angst, dass sie sich selbst etwas antut. Aber sie braucht offenbar nur eins: Einen Moment Einsamkeit.

Vor zwei Wochen verschwand Helena mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike, inzwischen hat sie übrigens ihr endgültiges, das ihr auch sehr viel besser gefällt, in Richtung Strand. Es war etwa 22.00 Uhr, als sie losfuhr. Und es war noch nicht richtig dunkel. Gegen 23.15 Uhr klingelte es zwei Mal an der Tür. Ich guckte auf mein Handy: Zwei uniformierte Personen standen davor. Ich dachte mir nur so: Nee, oder? Was hat das jetzt zu bedeuten? Ich lege ja viel Wert darauf, trotz Herzklopfen cool zu bleiben, aber ich wurde zittrig. Ich hatte wirklich Angst.

Marie hatte das auch gesehen. Vor meinem Zimmer wären wir mit unseren Rollstühlen beinahe zusammengekracht. Sie sagte: „Mach du mal auf, ich bleibe drinnen. Und bleib cool. Vielleicht ging nur das Licht am Handbike nicht.“ – „Und dann bringen die sie gleich rum?“ – „Bei Behinderten ist man immer sehr vorsichtig.“

Ich öffnete die Tür. „Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Wohnt hier Helena […]?“ – „Ja, wieso?“ – „Sind Sie die Mutter?“ – „Sie lebt hier als Pflegekind.“ – „Wissen Sie, wo sie ist?“ – „Mit ihrem Bike unterwegs zur Ostsee. Warum?“ – „Können wir mal reinkommen?“ – „Wo ist Helena?“ – „Können wir mal reinkommen?“

Eine Dame, geschätzt Mitte 20, ein Herr, geschätzt Anfang 50, kamen herein. Ich bat ihnen einen Sitzplatz an, aber beide wollten lieber stehen. Ich fragte: „Wo ist Helena? Was ist mit ihr?“ – „Sie sitzt bei meinen Kollegen im Auto. Und wir alle haben den Eindruck, es geht ihr nicht so gut. Können Sie uns dazu vielleicht etwas sagen?“ – „Was heißt das?“ – „Frau […], das Kind ist völlig aufgelöst. Es saß mutterseelenallein um kurz vor Mitternacht im Dunkeln im Sand, weinte, schluchzte und schimpfte bitterlich. Ein Landwirt hat uns informiert, nachdem er das Kind einige Zeit lang beobachtet hat.“ – „Ein Landwirt?“ – „Ja, es hatte jemand nach seinen Tieren geschaut.“ – „Das ist sehr nett von dem Menschen, aber aus meiner Sicht wäre das nicht nötig gewesen. Sie wäre von alleine in der nächsten Stunde zurückgekommen.“ – „Frau […], was ist hier vorgefallen, dass das Kind von Zuhause abhaut?“ – „Hier gar nichts. Die Gründe liegen woanders.“

Bevor ich mehr sagen konnte, wurde der ältere Kollege fast schon zornig: „Würden Sie uns bitte sagen, was hier vorgefallen ist?“ – „Ich fände es besser, wenn Helena dabei ist. Es ist sehr persönlich.“ – „Nee. Ich höre.“ – „Wie Sie wollen. Das Kind ist schwer traumatisiert durch die Pflegeeltern, bei denen es bisher gelebt hat. Gegen beide Eltern ermittelt seit etwa einem Jahr die Staatsanwaltschaft. Helena macht eine Psychotherapie in […], mit der sie ihre sehr belastende Vorgeschichte aufarbeitet. Heute hatte sie eine Stunde, und sie fährt regelmäßig für eine Stunde danach ans Meer, um ihre Gedanken zu ordnen.“ – Die beiden sahen sich an. Die jüngere sagte: „Oh Gott.“ – Er fragte: „Warum sitzt sie in einem Rollstuhl?“ – „Sie hat in früher Kindheit einen Sauerstoffmangel und in der Folge eine Hirnschädigung überlebt. Dadurch ist ihr Muskeltonus zu hoch und die Bewegungen sind unkoordiniert, so dass sie nicht gut und weit laufen oder Fahrrad fahren könnte.“

Die uniformierte Frau kämpfte plötzlich sichtbar mit den Tränen, schluckte mehrfach, drückte eine Hand gegen ihren Mund, stammelte „Tschuldigung“ und ging raus. Keine Ahnung, warum sie das plötzlich so mitnahm. Der Mann blieb alleine zurück und fragte in wesentlich ruhigerem Tonfall: „Haben Sie keine Angst, das Kind mit diesen großen Sorgen alleine an den Strand zu lassen?“ – „Das Kind ist nicht alleine und die Sorgen hat es schon mitgebracht. Das Kind bekommt hier alle Liebe, Wärme und Unterstützung, die es braucht, um diese Sorgen verarbeiten zu können. Wenn Menschen ein Kind seelisch traumatisiert haben, reicht es nicht, eine Woche lang einen Hustensaft zu nehmen und alles ist wieder gut. Da findet sich kein Patentrezept und da muss man manchmal auch Ideale, Gewohnheiten und Regeln über Bord werfen. Die Alternative wäre, dass ich Helena einsperre, wenn sie zwei Stunden draußen alleine sein möchte. Dann hätten Sie aber einen Grund, einzuschreiten.“ – „Hat sie das schonmal gemacht?“ – „Jede Woche. Und sie kommt nach zwei Stunden wieder.“ – „Haben Sie einmal die Namen der bisherigen Pflegeeltern für mich? Und dürfte ich einmal ihr Zimmer sehen?“

„Ich schlage vor, Sie lassen sie rein und sie zeigt Ihnen dann einmal selbst ihr Zimmer.“ – Ich blieb in der Tür stehen. Zwei silberblaue Kleinbusse standen vor der Tür. Es wurde geredet, dann fuhr ein Wagen ab. Kurz danach wurde Helena rausgelassen. Sie kam auf mich zu, verdrehte die Augen und sagte: „Ich hab nichts gemacht. Irgendeiner fand, dass ich zu laut geheult habe. Die wollten schon einen Rettungswagen rufen. Mach mir bloß keinen Vorwurf, ich bin so schon übelst angeätzt.“

Sie verschwand in ihrem Zimmer. Die beiden Uniformierten kamen mit dem Handbike zur Tür. Ich fragte: „Was hat sie Ihnen denn erzählt?“ – „Wir haben sie nach den Personalien gefragt und was vorgefallen ist, aber sie hat darauf nur mit ’nichts‘ geantwortet. Und, dass sie keine Hilfe braucht und alles in Ordnung ist. Aber damit können wir uns nicht zufrieden geben bei einem Kind, das um diese Zeit in dem Zustand irgendwo alleine sitzt. Das müssen Sie bitte auch verstehen. Wir erleben auch ganz andere Situationen, in denen wir keinen Fehler machen dürfen.“

Ja. Verstehe ich. Ich dachte mir: Es ist nur so bescheuert, weil das total unnötig und kontraproduktiv ist. Früher, als Helena wirklich in Not war, hätten wir uns alle gewünscht, dass mal jemand hinterfragt, ob es ihr gut geht. Der Beamte sagte: „Es kann sein, dass sich morgen das Jugendamt bei Ihnen meldet. Ich gebe Ihnen dazu meine Karte mit. Falls es Fragen gibt, sollen die bitte auf der Wache anrufen. Ich mache dazu einen Vermerk.“ – „Ihr Zimmer ist dorthinten.“ – „Das hat sich für uns erledigt. Wir werden den Einsatz nachbesprechen und schauen, ob wir künftig etwas anders machen. Jedenfalls wissen wir aber jetzt Bescheid, was es damit auf sich hat, wenn Helena nächste Woche wieder dort sitzt. Bitte richten Sie ihr morgen unsere Entschuldigung aus.“

Marie und ich sind zu Helena ins Zimmer. Sie guckte uns mit großen Augen an. Ich sagte: „Da hat sich offenbar jemand viel zu große Sorgen um dich gemacht.“ – „Und wer?“ – „Irgendein Landwirt angeblich.“ – „Unnötig“, sagte Helena. – Ich antwortete: „Aber das konnten die beiden nicht wissen. Sie wollten dich beschützen.“ – „Das ist schon krass, oder? Früher war allen alles egal.“ – „Das stimmt so nicht, Helena. Früher hast du nicht gezeigt, wie es dir geht. Du hast nicht gesagt, dass es dir schlecht geht, weil du Angst hattest, in eine Einrichtung zu kommen.“ – „Das stimmt. Das habe ich schon vergessen. Das ist so pervers. Die haben gedacht, dass ihr der Grund seid, warum ich so matschig in der Birne war.“ – „Sie möchten dich um Entschuldigung bitten.“ – „Die haben sich entschuldigt? Krass. Wisst ihr, was passiert wäre, wenn ich früher mit den Bu**en nach Hause gebracht worden wäre? [Der frühere Pflegevater] hat mir dafür Prügel angedroht. Er meinte aber wohl hauptsächlich, falls ich klauen würde oder sowas.“

„Hast du mal geklaut?“ – „Nee. Gelogen habe ich oft. Aber geklaut habe ich nie. Ich kann nicht garantieren, dass das immer so geblieben wäre, aber heute kriege ich Taschengeld und von daher … nee. Habt ihr gedacht, ich habe geklaut, als ihr das Auto gesehen habt?“ – „Nee, wir haben gedacht, du hättest dir irgendwas angetan.“ – „Ich hab doch gesagt, ich mach das nicht. Ich dachte, ihr glaubt mir.“ – „Das tun wir. Aber Angst habe ich trotzdem um dich.“ – „Jetzt hör mal auf damit. Ich will da einfach nur alleine sein. Zum Nachdenken. Ungestört. Okay?“

Ja, Große. Okay. Völlig okay.

Salz in der Luft

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Seit rund einem Dreivierteljahr lebt Helena nun schon bei uns. Ich muss sagen, dass ich mir einige Dinge sehr viel schwieriger vorgestellt habe. Wobei ich den Tag nicht vor dem Abend loben möchte, denn wer weiß schon, was alles noch kommt. Aber für den Moment kann ich sagen: Helena ist im Alltag absolut pflegeleicht und eine wunderbare Bereicherung. Nein, es läuft nicht alles wie am Schnürchen und ja, es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen. Ein Diabetes ist nicht einfach, eine Cerebralparese, und sei sie noch so diskret ausgeprägt, ist eine körperliche Einschränkung.

Andere Dinge habe ich mir, und das muss ich gestehen, auch sehr viel einfacher vorgestellt. Einfacher nicht als Gegenteil von schwierig, sondern als Gegenteil von Individualität. Insbesondere Helenas Erlebnisse mit den bisherigen Pflegeeltern und ihre Psychotherapie sind eine krasse Belastung. Sie erfordern sehr viel Einfühlungsvermögen, und das, während sie mit uns ganz bewusst nicht über die Inhalte der Therapie und nur sehr selten über Einzelheiten aus ihrem bisherigen Pflegeelternverhältnis redet. Der Therapeut redet selbstverständlich auch nicht mit uns über Inhalte, aber dennoch wissen Marie und ich und natürlich auch Maries Eltern, dass Helena sich damit enorm quält. Aber: Auch wenn die Therapie und das Verarbeiten noch so anstrengend ist, wir merken (und sie bestätigt das auch), dass es ihr mittelfristig gut tut.

Die Begleitung dabei ist auch für uns eine enorme emotionale Herausforderung. Auf der einen Seite haben wir ein zerbrechliches Wesen, dessen Seele enorm und immer wieder verletzt wurde, auf der anderen Seite ist sie so zäh und so orientiert und klar, dass es ganz viel Vertrauen dafür braucht, zu akzeptieren, dass sie reif genug ist, damit richtig umzugehen. Die größte und stärkste Vertrauensgrundlage ist wohl, dass Helena uns gegenüber nicht lügt. Das ist eine ungeheure Herausforderung für jemanden, der über Jahre gelernt hat, dass er mit Lügen weiterkommt und dieses Prinzip auch bis zum Einzug bei uns täglich angewendet hat. Marie und ich waren beide darauf gefasst und haben uns vorher schon Pläne gemacht, wie wir damit umgehen, wenn sie uns anlügt. Diese Pläne mussten wir nie in die Hand nehmen. Selbst Dinge, die auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen, haben sich hinterher immer als wahr bestätigt. Anfangs fiel ihr das sichtbar schwer, inzwischen ist sie sehr viel selbstsicherer geworden und kennt vor allem die Antworten: „Kein Kommentar“, „Darauf möchte ich nicht antworten“ oder sogar „Ich finde, das geht dich nichts an.“

Marie oder ich holen sie nach ihrer Psychotherapie regelmäßig mit dem Auto ab. Wir möchten, dass sie direkt nach Hause kann, dass sie jemanden neben sich hat, dass sie niemandem mehr über den Weg laufen muss. Anfangs war es sehr schwierig für mich, beim Einsteigen nicht mal begrüßt zu werden. Sie setzt sich hin, schnallt sich an, starrt ins Leere. Weint, schluchzt, guckt aus dem Fenster. Steigt zu Hause aus, geht ohne ein Wort in ihr Zimmer, hängt „bitte nicht stören“ an die Tür, legt sich aufs Bett und guckt an die Decke oder guckt aus dem Fenster. Es ist so schwer, geduldig abzuwarten. Es ist so schwer, zu verstehen, dass sie den Weg zu uns kommen muss und dass jede Annäherung von uns zu aufdringlich wäre. Sie hat hier einen sicheren Hafen und sie braucht eine Rückzugsmöglichkeit, in der niemand Fragen stellt.

Helena hat seit etwa zehn Wochen für ihren Rollstuhl ein Vorspannbike. Zum Austesten als Vorführmodell vom Hersteller ausgeliehen, bis die Krankenkasse sich rührt. Leider rührt sie sich nicht wirklich, und leider ist das Vorführmodell auch nicht der Hit. Wir werden wohl ein anderes nehmen und das demnächst auch kaufen, damit wir im Sommer gemeinsam „radeln“ können. Helena nutzt das Ding dennoch sehr intensiv, um beispielsweise zu ihrer Freundin zu kommen.

Und nun kommt es: Zum ersten Mal Anfang April, am Abend nach einer Therapiestunde, draußen ist es bereits dunkel, dackelt Helena mit einem Fleecehoodie in der Hand in die Küche, nimmt sich eine Flasche Malzbier aus dem Kühlschrank, packt sie in einen Rucksack, und will mit Rolli und Handbike los. Seit der Therapie hatte sie noch kein Wort gesagt. Ich frage also: „Hast du mal auf die Uhr geguckt? Wohin willst du?“ – „Raus. Ich brauche nochmal frische Luft. Ich bin in zwei Stunden wieder zurück.“ – „Nee, Helena, Moment mal. Du bist 13 und draußen ist es dunkel. Was hast du vor?“

Mir wurde wirklich angst und bange. Sie sagte: „Mach dir keine Sorgen. Ich brauche nur einen Moment frische Luft.“ – „Dann setz dich auf die Terrasse, da ist auch frische Luft.“ – „Vertraue mir einfach. Ich bin in zwei Stunden wieder da.“ – Ich musste binnen Sekunden eine Entscheidung treffen: Entweder sie mit körperlicher Gewalt zurückhalten, also sie am Arm festhalten, die Tür abschließen oder ähnliches, oder eine 13jährige am späten Abend bei völliger Dunkelheit alleine losziehen lassen. Wissend um die ganzen Gangster, die auch in unserem idyllischen Örtchen frei herumlaufen, wissend um den Straßenverkehr, den es auch hier gibt, wissend um einen Diabetes, der bei körperlicher Angespanntheit gerne mal herumspinnt.

Ich weiß, dass viele in diesem Moment „Nein“ gesagt hätten. Ich am liebsten auch. Mein Kopf hat es mir auch eindringlich befohlen. Mein Herz hat gesagt: „Vertraue ihr.“ – Ich sagte: „Du nimmst ein Handy mit und lässt es eingeschaltet. Richtig?“ – „Meinetwegen.“ – „Und du tust dir nichts an. Schau mich an.“ – „Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“ – „Schau mich an!“ – „Nein! Mach ich nicht.“ – „Was hast du mit der Flache vor?“ – „Jule, du nervst! Was will ich wohl mit einer Flasche Malzbier? Unterwegs austrinken.“ – „Ohne Flachenöffner?“ – „Die krieg ich am Rolli auf. So tschüss jetzt. Bis später.“ – Die Tür fiel ins Schloss und ich hörte, wie sie draußen sagte: „Das ist vielleicht alles ein Drama hier heute…“

Sie war dann knapp zwei Stunden später wieder da. Ich war schon im Bett und hatte noch einen Text für meine Fortbildung gelesen. Helena ging als erstes duschen, dann kam sie mit Flausch-Schlafanzug zu mir. „Darf ich bei dir schlafen?“ – Bevor ich irgendwas hörte, bevor ich eine Frage stellen konnte, war sie eingeschlafen. Der Zucker war in Ordnung. Ich musste mich also noch länger gedulden. Oder akzeptieren, dass es mich nichts anging, was sie gemacht hatte. Immerhin war sie pünktlich wieder da.

Am nächsten Abend erzählte sie mir dann, dass sie zum Strand gefahren war. Sie habe sich auf eine Düne gesetzt und das Wasser beobachtet, in dem sich der Mond spiegelte. Meistens ist es, gerade an sonnigen Abenden, ja nachts windstill und die Wasseroberfläche der Ostsee ist glatt wie ein Spiegel. Wenn sich dann der Mond dort spiegelt, kann das sehr mystisch aussehen, aber mitunter auch sehr gespenstisch. Auf dem Weg zum Deich und auf den Wegen hinter den Deichen steht nicht eine einzige Laterne. Und hinzu kommt, dass der Weg, den sie genommen hat, zwar vorbildlich war, weil sie dann die Bundesstraße nicht überqueren musste, auf der nachts auch gerne mal Leute 140 statt der erlaubten 70 bis 100 fahren, aber insgesamt sind das locker 15 Kilometer. Also rund 45 Minuten reine Fahrtzeit.

„Warst du alleine da?“, fragte ich. Sie antwortete: „Nee, da standen ein paar Schafis rum, die erstmal voll den Lärm gemacht haben, als ich kam. Auch wenn die Dunkelheit irgendwie ein wenig unheimlich ist, diese Einsamkeit dort ist gut, um sich mal auszuheulen. Ich finde, das geht besonders gut, wenn man den Mond auf dem endlosen Meer sieht und hin und wieder mal eine Möwe oder sogar ein kleines Schiff. Und wenn sich das Salz der Tränen und das Salz in der Luft vermischen, dann fühlt sich das so an, als würde mich jemand verstehen. Aber irgendwann ist es dann auch genug. Zu viel Flennen macht die Nase dicht, Kopfschmerzen, und irgendwann muss der Stein, den man da gerade aus der Seele geklopft hat, ja auch mal aufgelöst sein. Außerdem wird es irgendwann kalt, wenn man sich da zu lange hinsetzt.“

„Und dann?“, fragte ich, erstaunt und beängstigt zugleich über eine 13jährige, die über Salz von Tränen und Meeresluft philosophiert. Sie antwortete: „Dann hab ich einmal kräftig in den Sand gepinkelt und vom Malzbier drei bis acht Mal laut gerülpst, so genau habe ich das nicht gezählt, und dann bin ich völlig entspannt zurück gefahren.“

Seitdem hat sie das noch vier weitere Male gemacht. Nachmittags Therapie, abends mit dem Handbike und einer Flasche Malzbier an den Strand; sobald es nicht zu kalt war und nicht geregnet hat, hat sie sich dort offenbar ausgeheult. Sie braucht das scheinbar, sie findet sich zurecht, sie kommt zuverlässig wieder zurück. Ich werde es ihr wohl nicht verbieten können. Ich kann nur hoffen, dass dort nicht mal irgendeine zweifelhafte Gestalt auf sie wartet.