Blog, Vogel und Mammut

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Doch, doch, keine Angst, ich blogge noch. Aber nicht mehr täglich. Auch nicht monatlich. Ich komme kaum noch dazu. Aber aufgegeben habe ich noch nicht.

Das Bloggen habe ich noch nicht aufgegeben. In den fast 14 Jahren wurde meine Seite inzwischen über 12 Millionen Mal angeklickt. Und auch das Twittern habe ich noch nicht aufgegeben. Mit über 67.000 Followern ist es kein ganz kleiner Account. Trotzdem: Beides geht mir in den letzten Monaten zunehmend auf den Keks. Hier habe ich gerade fast 500 Kommentare gelöscht, die entweder sexuelle oder hässliche Inhalte hatten. Bei Twitter blocke ich täglich durchschnittlich 25 bis 30 Personen, die gegen Randgruppen hetzen. Nein, es geht nicht um Meinungen, die durch Meinungsfreiheit gedeckt sind. Sondern um Hetze. Es hat in den letzten Monaten ganz schlimme Formen angenommen. Beängstigende Formen.

Ich habe inzwischen auch noch bei Mastodon einen Einstieg versucht. Innerhalb von 24 Stunden folgten mir auch dort gleich mal eben 800 Leute. Bisher gibt es dort eine Diskussionskultur, die sich positiv abhebt. Ich fürchte nur (und ich hoffe, dass meine Befürchtungen nicht wahr werden), dass das alles nur eine Frage der Zeit ist, bis es auch dort eskaliert.

Mir geht es gut. Ich bin inzwischen im letzten Weiterbildungsjahr. Dass die Medizin brennt, ist kein Geheimnis, auch die Pädiatrie ist davon betroffen, ich versuche, das letzte Dreivierteljahr noch ohne Burnout und ohne Corona zu überstehen, dann bin ich aus dem klinischen Alltag weg. Ich hoffe, in einer Praxis eine Anstellung zu finden und im Moment stehen die Chancen wohl ganz gut. Abwarten ist angesagt.

Marie geht es gut. Sie wird 2024 mit ihrer Weiterbildung fertig sein. Wir wohnen noch immer zusammen, es besteht noch immer guter Kontakt zu ihren Eltern. Und wir kümmern uns weiterhin gemeinsam um Helena, die in diesem Monat ihre praktische Fahrprüfung macht. Um dann mit 17 begleitet (außerhalb der Schule) und unbegleitet (zur Schule) fahren zu dürfen – wie ich damals auch. Sie geht inzwischen in die gymnasiale Oberstufe in einer großen Schule in der nächsten größeren Stadt und hat dort ein Sportprofil gewählt. Es ist das erste Mal, dass die Schule das mit einer Schülerin mit Behinderung versucht. Wir dürfen gespannt sein und Daumen drücken.

Froh und dankbar

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Sei froh und dankbar, dass du mitgenommen wirst.

Genau das nehme ich immer wieder wahr, wenn es darum geht, als Mensch mit einer Mobilitätseinschränkung mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu wollen. Auch knapp 15 Jahre nach Beginn meines Blogs hat sich nichts verändert. Ich würde sogar sagen, es ist insgesamt schwieriger geworden. Ja, ein paar Aufzüge wurden neu gemacht. Einige Stationen barrierefrei erschlossen. Aber Konsequenz kann ich – ehrlich gesagt und mit einer Träne der Enttäuschung im Auge – nicht erkennen.

„Sei froh und dankbar, dass du mitgenommen wirst.“ – Wird so ein Satz gesagt? Ja, tatsächlich. Von Menschen mit offiziellen Aufgaben. Laut und wörtlich. Manchmal auch durch die Blume, also indirekt. Aber er wird regelmäßig gesagt.

Wir sind noch lange nicht dort angekommen, wo wir 2022 sein wollten und sollten. Gerade habe ich erfahren, dass die Deutsche Bahn erneut ICE-Züge bestellt hat, die über keinen barrierefreien Einstieg verfügen. Soll heißen: Der Quatsch mit der klapprigen Hebebühne geht noch mindestens 30 Jahre so weiter. Und bevor jemand widerspricht: Die ICE-Züge, die zwei ebenerdige Eingänge haben sollen, sind eigentlich IC-Züge und fahren nur auf ausgewählten Strecken. Nein, man könnte viel weiter sein, wenn man nur wollte.

Behinderte meckern ja sowieso nur und sind undankbar. Ich auch. Ich habe ein ganz frisches Beispiel. Zum Meckern. Es ist noch keine zwei Monate alt: Helena und ich hatten einen Termin in Berlin. Um 13.00 Uhr sollten wir dort sein, und wer jetzt sagt, ihr habt doch ein Auto: Darum geht es ja gerade nicht. Es geht nicht darum, ob jemand mit dem Auto nach Berlin fahren kann (immerhin 9 Stunden hin und zurück am selben Tag). Sondern, ob es Rollstuhlfahrern möglich ist, mit der Bahn zu einem Termin nach Berlin zu kommen. Und leider ist das nicht möglich.

Weil noch immer kein Rollstuhlfahrer alleine in einen ICE kommt (oder wieder hinaus), hat die Bahn einen Service mit einem Hubkäfig eingerichtet. Nützlicher Nebeneffekt: Eben weil kein Rollstuhlfahrer alleine in den Zug kommt, steht auch keiner im Weg rum. Wer keine Reservierung hat, wird gar nicht erst eingeladen.

Ich habe vier Wochen vor dem Termin der dafür extra eingerichteten Koordinierungsstelle (Mobilitäts-Service-Zentrale) ein Online-Formular ausgefüllt. Mit dem Ergebnis, dass der Fahrtwunsch abgelehnt wurde. Sowohl für die Hin- als auch für die Rückfahrt. Bevor ich das nun 28 Mal wiederhole, habe ich mich ans Telefon geklemmt und die Hotline angerufen, 22 Minuten Musik gehört, und dann mit einer sehr freundlichen Dame gemeinsam nach Alternativen gesucht.

Weil der Überlandbus zur nächsten größeren Stadt ohnehin keine zwei Rollstuhlfahrer gleichzeitig mitnimmt und nur alle 60 Minuten fährt, müssten wir sowieso mit dem Auto zum nächsten Bahnhof fahren. Von dort war die Mitnahme nur in einem Regionalzug mit fahrzeuggebundener Einstiegshilfe möglich, weil im Abfahrtsbahnhof das Personal fehlt, das den Hubkäfig für einen Fernverkehrszug bedient. In Hamburg Hauptbahnhof (wo wir umsteigen müssten) könnten wir zudem nicht in den ICE nach Berlin einsteigen, weil der von einem Gleis abfährt, auf dem wegen Bauarbeiten der Hubkäfig nicht eingesetzt werden könne.

Also fuhren wir um 6.30 Uhr zu Hause los, standen rechtzeitig am Regionalzug, wurden problemlos mit der fahrzeuggebundenen Rampe in das Fahrrad- und Rollstuhlabteil gelassen und durften rund 75 Minuten später in Hamburg wieder aussteigen. Nun hatten wir 45 Minuten Zeit, um mit der S-Bahn zum Fernbahnhof Dammtor zu gelangen. Dort gab es jemanden, der den Hubkäfig bedienen und uns in den Berliner Zug lassen konnte. Wir fuhren also vom Hauptbahnhof mit der S-Bahn zum Bahnhof Dammtor, um dann mit dem ICE von Dammtor wieder zum Hauptbahnhof und dann weiter nach Berlin zu fahren.

Weil offenbar jemand über Nacht ein paar Kupferleitungen auf offener Strecke gestohlen hatte, wurde der ICE über Uelzen und Stendal umgeleitet. Weil die Strecke überwiegend eingleisig ist und zudem nur mit maximal 160 km/h befahren werden darf, verlängerte sich die Reisezeit um 55 Minuten. Weil kein Personal im Zug war, war das Bordrestaurant bis Berlin geschlossen. Und weil nur jeder zweite Zug fuhr (wegen der gesperrten Direktstrecke), war der Zug mehr als voll. Und natürlich: Das einzige barrierefreie WC war unbenutzbar.

So kamen wir statt um 11.22 Uhr um 12.17 Uhr in Berlin an und mussten uns beeilen. Schnell zur U-Bahn … achso: Aufzug defekt. Nicht nur versteckt, sondern auch defekt. Also mit der S-Bahn weiter. Wer sie kennt, die Aufzüge zur S-Bahn im Berliner Hauptbahnhof, weiß, dass das locker 15 Minuten dauern kann. So groß, wie sie sind, so langsam sind sie auch. An jedem Stockwerk drücken Fahrgäste für „nach unten“ und „nach oben“, was bedeutet, dass der Aufzug überall hält und in jedem der fünf Stockwerke einmal auf dem Weg nach unten und einmal auf dem Weg nach oben die Türen öffnet und schließt. Und bis er das macht, dauert auch das an jedem Haltepunkt ewig. Ja, die Kabine steht bündig und es dauert rund 10 Sekunden, bis die Tür überhaupt erstmal öffnet. Entsprechend lang sind die Schlangen von Rollstuhlfahrern, Kinderwagen, Putzkolonnen, Fahrrädern – wir mussten drei Abfahrten abwarten. Kurzum: Um 12.50 Uhr waren wir auf dem Bahnsteig des S-Bahn-Gleises.

Der nächste Umstieg sollte am Ostkreuz sein. Die dortigen Aufzüge funktionierten, auch der Anschluss passte. Bekommen haben wir den Anschluss aber nur, weil wir ganz lieb gebettelt haben, in der auf den Aufzug wartenden Schlange vorgelassen zu werden. Ich finde das peinlich, aber wenigstens kannte uns niemand. Um 13.30 Uhr erreichten wir – nach 7 Stunden Fahrt – mit 30 Minuten Verspätung unser Ziel. Und zum Glück hat derjenige, mit dem wir verabredet waren, auf uns gewartet. Vorher noch was essen oder wenigstens mal zum Klo war nicht drin. Aber besser als gleich wieder nach Hause zu müssen: Ich hatte schon damit gerechnet, dass wir vor verschlossenen Türen stehen. Und nein, man konnte dort nicht anrufen. Das war nicht vorgesehen. Und ja, es war ein offizieller Termin.

Um 15.00 Uhr traten wir die Rückfahrt an. Kamen rechtzeitig am Hauptbahnhof an und hatten noch 45 Minuten Zeit, bevor unser Zug nach Hamburg abfahren würde. Wir meldeten uns ordnungsgemäß beim Hubkäfig-Bedienpersonal an, wo wir erstmal erfuhren, dass in dem Zug wegen einer technischen Panne alle Sitzplatzreservierungen gelöscht seien und man uns ohne Reservierung nicht in den Zug einladen dürfe. Aber man würde uns anbieten, mit dem Zugbegleiter zu sprechen. Wenn der nichts dagegen hätte, würde man uns auch kurzfristig und gegen alle Regeln doch noch einladen.

Ich konnte mir ein „der wird nichts dagegen haben, denn die Plätze sind ja frei. Wenn die nicht für uns reserviert sind, hat sie auch niemand anderes reserviert“ und dachten uns: Wenigstens noch einmal aufs Klo. Auf dem Weg dorthin: „Ding Dong! Achtung, eine wichtige Durchsage: Frau Jule Stinkesocke! Frau Jule Stinkesocke! Bitte kommen Sie umgehend zum Service-Point. Für Sie liegt eine wichtige Nachricht vor.“

Wollten die Mitarbeiter der Deutschen Bahn jetzt allen Ernstes noch einmal über unsere gelöschte Reservierung diskutieren? Will ich mir das antun oder überhöre ich das? Nee, dachte ich mir, vielleicht liegt noch ein anderes Problem vor. Zug hat 300 Minuten Verspätung oder so. Also fuhren wir zurück und erfuhren, dass meine auf dem Auftrag vermerkte Handynummer falsch sei. Eigentlich war sie richtig, aber man hatte sich beim Anrufen wohl vertippt. Der Aufzug zum Gleis in Berlin gehe nicht. Es gebe einen Notfallplan, aber dafür müssten wir jetzt sofort losgehen. Also fuhren wir mit einer Bahnmitarbeiterin auf den Bahnsteig eines anderen Gleises, um dann am Ende des Bahnsteigs durch eine Brandschutztür in ein verlassenes Treppenhaus geführt zu werden, dort mit einem Evakuierungsaufzug in ein Zwischengeschoss gebracht und mit einem anderen Evakuierungsaufzug auf den Bahnsteig unseres endgültigen Gleises gebracht zu werden. Unseren Zug erreichten wir gerade so eben, unsere Tür nur durch einen Sprint, denn niemand wusste, dass der Zug falsch herum (also rückwärts) gereiht einfuhr.

Inzwischen war die Strecke, auf der jemand Kupferleitungen gestohlen hatte, wieder befahrbar. Und so brauchten wir nur die üblichen 106 Minuten von Berlin nach Hamburg. Aber: Auch dieser Zug sollte in Hamburg Hauptbahnhof auf einem Gleis angekommen, an dessen Bahnsteig der Aufzug defekt sei. Also müssten wir wieder bis Dammtor weiterfahren, dort herausgehoben werden, mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof zurück – um dort zu erfahren, dass der Aufzug, wegen dessen angeblichen Defekts wir bis Dammtor weitergeschickt wurden, einwandfrei funktionierte. Argh! Resilienz, wo bist du?

Von Hamburg fuhren wir dann ohne weitere Zwischenfälle mit einem Nahverkehrszug weiter zu jenem Bahnhof, an dem das Auto stand. Um 19.50 Uhr saßen wir wieder im Auto. Nach rund 14 Stunden waren wir wieder zu Hause.

Aber wir waren froh und dankbar, dass wir mitgenommen wurden. Oder so ähnlich.

Das Pizza-Gate

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… oder: Warum es so wichtig ist, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen und mit ihnen erwachsen zu kommunizieren.

Helena, Marie und ich sitzen zusammen am Tisch und essen. Es gibt selbst gebackenes Brot, Aufstriche, Wurst und Käse, Tomaten und Gurken. Mittendrin spricht Helena mich an: „Sag mal, Jule, ich hab doch schon lange nichts richtig Heftiges mehr ausgefressen, oder?“

Während Marie sich ein Grinsen verkneift, frage ich: „Die Einleitung gefällt mir. Und, was hast Du angestellt?“

Helena guckt mich mit großen Augen an: „Nee, nichts.“

Ich frage weiter: „Brauchst du mehr Taschengeld?“ Und bemerke im selben Moment, dass die Frage nicht so schlau war. Allerdings orientieren wir uns ohnehin an einer Tabelle, die das Jugendamt herausgibt, und dessen Spielraum ist ausgeschöpft. Bevor sie mit ihrer Überlegung fertig ist, füge ich grinsend an: „Oder hast du irgendeinen Scheiß vor?“

Helena antwortet: „Nee, ich muss das zwischendurch einfach mal festhalten. Just for the records. In den USA kann man sich bei leichten Verstößen auf sein sauberes Führungszeugnis berufen und hat sozusagen einen Schuss frei.“ – „Also doch irgendwas in Planung“, grinste Marie. Helena schüttelte den Kopf: „Nein! Ihr versteht mich nicht.“

Am nächsten Tag bekomme ich morgens eine Kurznachricht: „Es gibt in der Schule schon wieder diese ekligen Spaghetti. Darf ich mir zusammen mit [4 anderen Schülerinnen] was bestellen?“

Klar. Früher hätte ich noch hinzugefügt, dass sie bitte auf ihren Diabetes aufpasst, aber dafür würde ich heute eine Predigt bekommen. „Ich bin nicht ganz doof“, ist in dem Zusammenhang ihr Standardspruch. Also spare ich mir alle guten Ratschläge. Und ich weiß: Sie bekommt es alleine hin.

Als ich nach der Arbeit nach Hause komme, ist Helena noch bei den Pferden im Stall. Als sie reinkommt und direkt zur Dusche läuft, ahne ich schon, dass irgendwas vorgefallen ist. Nach dem Duschen setzt sie sich, mit noch nassen Haaren, auf meinen Schoß seufzt tief und sagt: „Können wir mal reden?“

Mit Blick darauf, dass sie ihre früheren Pflegeeltern in solchen Situationen regelmäßig belogen hat, muss ich sehr genau aufpassen und sehr feinfühlig reagieren, damit es weiterhin so gut klappt. „Ich hab ja heute Essen bestellt. Wir haben uns Pizzen kommen lassen und der Dulli ist tatsächlich in die Schule rein, hat bei uns an der Tür geklopft und mitten im Unterricht die dampfenden Pizzen abgeliefert.“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte ich. Helena antwortete: „Ja, was kann ich denn dafür, wenn er in die Schule läuft. Wir haben in die App geschrieben, dass er warten soll und wir rauskommen. Und dann hieß es natürlich: Wer hat die bestellt, dann musste die Kohle eingesammelt werden, dann wurden diese Pizzen verteilt, alle waren laut und haben Sprüche gemacht und … das war voll peinlich. Damit war Mathe zehn Minuten eher beendet, ich soll das zu Hause erklären und du sollst anrufen. Ich sag nur: Stinksauer. Es gab gleich eine Predigt. Ich wollte erklären, dass wir eigentlich draußen verabredet waren, aber das wurde gleich abgebügelt.“

„Hast du dich wenigstens entschuldigt?“, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf: „Das war doch nicht meine Schuld!“ – Ich fragte noch einmal: „Hast du dich entschuldigt?“ – „Nein.“ – „Ich würde sagen: Noch nicht. Denn selbst wenn keine Absicht dahinter steckte, hast du deinen Anteil daran, dass das in die Hose gegangen ist.“ – „Ja. Ist vielleicht besser.“ – „Wenn du sagst, dass ihr draußen verabredet wart: Woher wusste er eigentlich, in welchem Klassenraum er dich findet?“ – „Keine Ahnung.“ – „Das ist aber eine interessante Frage.“

Eine interessante Frage, die unbeantwortet bleibt. Am nächsten Morgen musste ich mir anhören: „Ich gebe zu, ich war wirklich sauer gestern. Ich war echt perplex, weil ich so ein Verhalten von Helena nicht erwartet hätte. Sowas passt einfach nicht zu ihr.“ – „Naja, es ist halt dumm gelaufen. Es war vereinbart, dass der Bote draußen wartet.“ – „Ach, Frau Socke, das glauben Sie doch nicht wirklich. Die Mitteilung der Raumnummer ist doch eine Einladung, den Unterricht zu sprengen. So wie beim Online-Meeting die Zugangsdaten gepostet wurden, damit Fremde da reinstürmen und Krach machen. Es wäre Helenas Pflicht gewesen, den Pizzaboten darauf hinzuweisen, dass er die Schule nicht zu betreten hat. Die Schülerinnen und Schüler wissen, dass fremde Menschen hier nichts zu suchen haben.“ – „Ich glaube nicht, dass es Absicht war. Ich denke, es wäre am Besten, wenn Sie mit ihr über die Einhaltung der Regeln in der Schule nochmal sprechen und ihr, wenn das ein dummer Streich war, entsprechend was vor die Hörner geben. Ich habe es allerdings so wahrgenommen, dass es ein Versehen war und sie sich dafür auch bei Ihnen entschuldigen möchte. Am Besten wird sein, Sie klären das direkt.“

Heute kommt sie nach Hause: „Sag mal, hast du im Telefonat gesagt, dass du dafür bist, dass ich einen Anschiss kriege?“ – „Nein, das habe ich so nicht gesagt. Ich habe darum gebeten, dass das Thema direkt zwischen euch geklärt wird.“ – „Was gibt es da noch zu klären? Der Dulli vom Bringdienst hat sich nicht an die Vereinbarung gehalten und ich werde dafür jetzt von allen Seiten angemacht.“ – „Helena, ich sag dir, wo das Problem ist: Die Tatsache, dass der Bote in der Klasse aufgetaucht ist, lässt vermuten, dass das genauso vereinbart war. Wenn das so vereinbart war, hast du gegen die Regeln verstoßen, weil einerseits fremde Leute in der Schule nichts zu suchen haben und diese Auslieferung natürlich den Unterricht massiv stört. Beides weißt du. Wenn es nicht so vereinbart war, bleibt die Frage offen, woher er wusste, wo er dich antreffen kann. Außer am Zaun.“

„Ich habe geschrieben, dass es die Bestellung von Helena aus der 9[x] ist, weil es in der Schule mindestens fünf Helenas gibt und wir schonmal das Theater hatten, dass zwei Annas was für ihre Klassen bestellt hatten und die dann draußen erstmal alles öffnen und reingucken mussten, weil die nur die Vornamen auf die Kartons geschrieben haben. Deswegen hab ich die Klasse mit angegeben.“ – Sie blättert in ihrem Handy. „Guck, hier ist die Bestätigungsmail: Liefern um 12.50 Uhr. Und unter Bemerkungen: Wir sind Schüler der 9[x] und haben ab 12.45 Uhr Mittagspause. Wir kommen zur Straße. Bitte seien Sie pünktlich, wir haben Hunger.“

„Hast du die Mail auch in der Schule gezeigt?“ – „Nein, ich bin ja gar nicht zu Wort gekommen. Ich bin sofort schuldig gewesen und wurde wie ein Kleinkind behandelt. Ich soll jetzt aufschreiben, warum es wichtig ist, dass keine fremden Menschen in die Schule kommen. Das ist total ungerecht.“

„Leite mir mal bitte die Bestätigungsmail weiter.“ – „Mit dir kann man ja wenigstens reden, du hörst ja zu und nimmst mich ernst. Schreibst du nochmal eine Mail?“

Ja. Ich schreibe eine Mail.

Fristen und Kopien

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Ich kann nicht aufhören, immer wieder mit dem Finger darauf zu zeigen. Auch, wenn es nicht die Regel ist. Sondern die Ausnahme. Aber diese Ausnahmen kommen so häufig vor und sind so extrem, dass viele Menschen, die nicht damit zu tun haben, sich das überhaupt nicht vorstellen können.

Es geht um eine laufende Leistung des Jugendamts für Helena. Ich möchte ganz bewusst nicht auf Einzelheiten eingehen, weil es mir nicht um die fachliche (sprich: leistungsrechtliche) Diskussion geht. Die Leistung steht ihr zu, sie wurde bewilligt. Sie wurde nur bislang von der Behörde ihres alten Wohnorts bezahlt. Da Helena seit zwei Jahren nicht mehr am alten Wohnort (und nicht mehr in dem Bundesland) wohnt, ergibt sich automatisch eine neue Zuständigkeit.

Darauf sind wir im Mai telefonisch von der bisherigen Sachbearbeiterin aufmerksam gemacht worden. Wir müssten nichts unternehmen, wir sollten nur nicht lange abwarten, falls irgendwann kein Geld mehr auf dem Konto sein sollte. Dann hätte irgendwas bei der Umstellung nicht geklappt. Dann müssten wir bitte sofort bei der neuen Behörde nachfragen. Das sei jene neue Behörde, die ohnehin schon die ganze Zeit vor Ort zuständig war, bisher aber nicht für die Leistungen aufkommen musste. Wie auch immer.

Natürlich war im Oktober kein Geld auf dem Konto. Also habe ich die örtliche Behörde angerufen. Ich hätte ja keinen Antrag gestellt, von daher werde auch nichts gezahlt. „Die Leistung ist aber nicht zum 30.09. befristet worden und einen Aufhebungsbescheid habe ich auch nicht.“

Sie wollte sich kümmern. Drei Tage später hatte ich die Leistung auf dem Konto. Für November musste ich wieder nachfragen. Das sei untergegangen, wurde nachträglich überwiesen. Für Dezember kam wieder nichts. Man kümmere sich. Mitte Dezember hielt ich dann einen auf den 27.11. datierten Aufhebungsbescheid in den Händen. Die Leistung wird aufgehoben, weil sie nicht mehr benötigt wird. Keine weitere Begründung. Einfach mal so in den Raum gestellt.

Also meinen Anwalt angerufen. Er sagt: „Widerspruch einlegen, um Akteneinsicht bitten. In der Regel werden die Akten digital geführt und dir wird ein Ausdruck zugeschickt. Ansonsten dort hinfahren, Klappe halten, alle Blätter einmal durch den Kopierer schicken und dann schickst du mir das. Das wird billiger, als wenn ich mir die Akte in die Kanzlei hole. Und sollte der Widerspruch durchgehen, bleibt ihr mitunter auf den Anwaltskosten sitzen, weil es oft heißt, dass ein Anwalt im Vorverfahren nicht erforderlich war. Dann müssten wir die Kosten erst einklagen … ist einfacher so.“

Also Widerspruch eingelegt. Per Einschreiben mit Rückschein. Am 17.12. in einer Annahmestelle der Deutschen Post gegen Quittung eingeliefert. Der Rückschein kam nicht. Ich dachte mir: Das liegt wohl an dem hohen Aufkommen zu den Feiertagen, warte mal ab. Gestern habe ich die Sendungsverfolgung im Internet aufgerufen. Letzter Eintrag: „Am 17.12. eingeliefert.“ Na super.

Also alles nochmal ausgedruckt. Ich dachte mir: Bevor ich das jetzt nochmal mit der Post schicke und darauf vertrauen muss, dass das in den nächsten drei Tagen ankommt, schickst du es wenigstens vorab per Fax. Mein Arbeitgeber hat noch ein Faxgerät, also … Dauerbesetzt. Über Stunden ist beim Faxanschluss der Behörde nur das Besetzt-Zeichen zu hören.

Das wird ja auch Gründe haben. Bevor das also gar nicht ankommt, dachte ich mir, ich bringe es persönlich vorbei. Gegen Eingangsstempel. Öffnungszeiten des Rathauses nachgeschlagen, nichts gefunden. Normale Sprechzeiten sind klar, aber während der Pandemie? Auf gut Glück hingerollt, tatsächlich: Es ist offen. Ein Sicherheitsmitarbeiter fragt, ob ich einen Termin hätte. „Nein, ich möchte nur etwas abgeben.“ – „Können Sie da in den Briefkasten werfen.“ – „Ich hätte gerne einen Eingangsstempel, damit ich später nachweisen kann, dass es auch angekommen ist.“ – „Dann bitte die Hände desinfizieren und hinter die Linie stellen, bis Sie aufgerufen werden.“

Ich kam sofort dran. „Ich würde das gerne abgeben. Gegen Eingangsbestätigung.“ – „Kopie haben Sie dabei?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Dann kann ich Ihnen das auch nicht bestätigen.“ – „Könnten Sie bitte hier eine Kopie davon ziehen und das auf der dann bestätigen?“ – „Nein.“ – „Wie, Sie haben keinen Kopierer hier?“ – „Doch, aber wir dürfen für Eingangsstempel nichts kopieren.“ – „Na kommen Sie, ich zahle die Kopie auch.“ – „Wir haben keine Kasse hier.“ – „Ich werfe was in die Kaffeekasse.“ – „Ich darf es nicht.“ – „Ich muss jetzt wirklich allen Ernstes als Rollstuhlfahrerin durch den ganzen Ort zurück, um eine Kopie zu ziehen?“ – „Sie hätten ja gleich eine mitbringen können. Sie wussten ja schon zu Hause, dass Sie eine Bestätigung haben wollen.“

Unfassbar. Wegen einer Kopie. Bevor ich nun 20 Minuten durch den Ort gurke, dachte ich mir, ich frag mal bei der Apotheke nebenan. „Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht eben eine Kopie machen?“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Bitte. Ich bezahl sie auch.“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Können Sie mir dann vielleicht sagen, wo ich eine Kopie machen könnte?“ – „Wir sind auch nicht die Auskunft.“ – Das ist derselbe Apotheker, der bei Veordnungen im dreistelligen Bereich auch noch einen einzelnen Cent kassiert und dafür einen 50-Euro-Schein wechselt. Ich weiß, das eine sind gesetzliche Vorgaben. Das andere wäre aber Kundenservice.

Also tatsächlich wieder zurück. Kopie gezogen. Wieder zum Rathaus zurück. „Bitte die Hände desinfizieren.“ – Als ich dran bin, sitzt eine andere Mitarbeiterin am Empfang. „Ich möchte das hier abgeben und brauche auf der Kopie bitte einen Eingangsstempel.“ – „Auf mitgebrachten Kopien machen wir grundsätzlich keine Eingangsstempel.“ – „Sondern?“ – „Sie können sich das abfotografieren.“ – „Das zählt aber nicht vor Gericht. Ich möchte bitte einen Eingangsstempel auf meiner Kopie.“ – „Ach, wollen Sie uns verklagen? Ich weiß ja gar nicht, ob die Kopie mit dem Original übereinstimmt. Also wenn, dann mache nur ich die Kopie. Ausnahmsweise. Normalerweise ist das nicht vorgesehen. So bitteschön.“

Noch unfassbarer. Aber immerhin hatte ich meinen Eingangsstempel. Draußen schaute ich noch einmal drauf. Nicht, dass sie mir da „Abgelehnt“ oder ähnliches draufgedrückt hatte. Ich traue Behörden ja inzwischen alles zu. Nein, war ein Eingangsstempel. Aber Moment … von morgen. Der Stempel hatte tatsächlich das Datum von morgen. Also noch ein drittes Mal wieder zurück. „Bitte Hände desinfizieren.“

„Ach, heute ist noch gar nicht der Neunundzwanzigste? Uppsi. Dann haben wir ja schon den ganzen Tag falsch gestempelt.“ – Ich habe mir jeden Kommentar verkniffen. Aber es ist natürlich super, falls es noch andere Menschen gibt, deren Fristen am 28. abgelaufen sind.