Vierzehn und kein Service

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Im letzten Jahr war es noch uncool, zu Helenas Geburtstag zu kommen. In diesem Jahr kamen gleich zwölf Mitschülerinnen und drei Mitschüler, um mit ihr zu feiern. Wir haben von einem Verein einen Partyraum gemietet, diesen mit Helena zusammen schön geschmückt und es ordentlich krachen lassen. Es gab ein kaltes Buffet, das Marie, Helena und ich am Vortag gemeinsam vorbereitet hatten, altersentsprechende Mucke, Luftballons und Leuchtgirlanden. Dazu Rolläden runter und Partybeleuchtung an – einschließlich Diskokugel.

Was machen 14 Jahre alte Teenys so? In erster Linie quatschen, lachen, singen und tanzen. Nein, es gab kein festes Programm, sondern eine Playlist. Und zwei Mikrofone zum Mitsingen. Und einen Bildschirm für die beim Karaoke nicht ganz so textsicheren Gäste. Alkohol gab es keinen, geraucht wurde auch nicht, weder Tabak noch Gras, selbst der Konsum von Zuckerzeug und Chips hielt sich in engen Grenzen. Helena, die mir gerade in der Zeit, in der sie ihre letzten Jahre mit einem Psychologen mühsam aufarbeitet, oft viel zu ernst und zu erwachsen ist, standen Spaß, Freude und Ausgelassenheit ins Gesicht geschrieben. Insgesamt war es zweifellos ein ziemlich verrückter Haufen. Im positiven Sinn. Einige hatten ihr einen Gutschein für ein angesagtes Bekleidungsgeschäft geschenkt, es gab sogar zwei Taschenbücher, andere hatten ihr ein Kuscheltier, eine Stoff-Schildkröte, geschenkt, ihre beste Freundin hatte ihr einen Kuchen gebacken und ein Fotobuch gebastelt. Das alles spricht für mich dafür, dass sie inzwischen in ihrer Klasse ankommen ist und akzeptiert wird. Vielleicht nicht von allen (wer wird das schon), aber immerhin von einem gewissen Teil, der ihr zu einem festen Stand verhilft. Und ehrlich gesagt: Ich weiß gerade gar nicht, wer darüber glücklicher ist.

Am nächsten Tag räumten Marie und ich die Reste der Party auf, um den Raum wieder zu übergeben. Bevor ich mich direkt mit Christin auf den Weg zu einem Langstrecken-Schwimmwettkampf in die USA machte. Christin, die sich dabei durchaus international messen kann, hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Sie war bereits am Wochenende zuvor auf einem Wettkampf außerhalb Deutschlands gestartet, steckte diese Doppelbelastung aber offenbar gut weg. Ich selbst bräuchte wohl eine längere Regenerationsphase. Es würde mein erster Auslandsaufenthalt und auch mein erster Flug nach einigen Jahren sein, und mein erster USA-Besuch überhaupt. Meine Einreisegenehmigung hatte ich bekommen, wir hatten einen Direktflug mit einer großen und seriösen, dafür etwas teureren Airline gebucht. Da es sehr früh aus der Mitte Deutschlands losgehen sollte, reisten wir am Tag vor dem Abflug bereits mit der Bahn in die Nähe des Flughafens an und würden eine Nacht im Hotel pennen.

Ich hatte mich schon gefreut, dass mein Idiotenmagnet offenbar zu Hause geblieben war. Ich hatte eine günstige Bahnfahrkarte geschossen, bekam auf Anhieb den gewünschten Zug, das Einsteigen mit der Rampe funktionierte ohne größere Vorkommnisse, es waren keine Chaoten im selben Waggon, kurzum: Es gab bis eine Stunde vor unserem ersten Zwischenziel nichts zu Meckern. Aber als wäre es zu langweilig, kam am vorletzten Bahnhof ein Mann, etwa 50 Jahre alt, in den Großraumwagen, ging nahezu zielstrebig auf mich zu, deutete auf meinen Platz und fragte: „Kann ich da sitzen?“ – Ich antwortete: „Sind ja irgendwie noch genügend andere Plätze frei, oder?“ – „Ja, wie Sie sehen, bin ich behindert und muss mein Bein ausstrecken. Hier ist ja schön viel Platz, wenn ich mich in eine der anderen Sitzreihen setze, stolpern alle über mein Bein.“

Ich meine, derjenige sieht doch, dass das ein Sitzplatz für Rollstuhlfahrer ist und mein Rollstuhl mir gegenüber steht. Wie kommt jemand auf die bescheuerte Idee, einen Rollstuhlfahrer aufzufordern, seinen Sitzplatz herzugeben? Bevor ich antworten konnte, sagte er: „Verstehen Sie nicht, oder? Wie denn auch, verstehe ich ja kaum.“ – Christin guckte mich mit offenem Mund völlig ungläubig an, sammelte sich und fragte mich: „Ist er nicht ganz dicht?“ – Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Nö, ist er nicht.“

Der Mann setzte sich direkt hinter uns und begann erstmal umständlich mit dem in meiner Rückenlehne integrierten Klapptisch zu hantieren, als die Zugbegleiterin reinkam und ihn direkt nach seiner Fahrkarte fragte. Er hatte eine für die zweite Klasse, saß aber in der ersten und begann auch mit ihr die Diskussion um sein behindertes Bein. „Nachlösen oder den Wagen wechseln“, war die Ansage. Er wollte weiter diskutieren, sie blieb hartnäckig und kurz darauf verließ er mit Sack und Pack den Wagen wieder in Richtung der zweiten Klasse. Und tschüss.

Das Hotel hatte Christin gebucht. Schön billig. Sie hatte sich schon gefreut, in dem Hotel einer Billigkette ein barrierefreies Zimmer bekommen zu haben. Und nein, ich bin nicht verwöhnt. Ich penne auch im Zelt, in einer Turnhalle auf einer Matte oder am Strand. Aber das hier war selbst für günstige 24,50 Euro pro Person eine Frechheit. Wir bemerkten natürlich sofort den Temperaturunterschied vom warmen Hotelflur in das eiskalte Zimmer. Heizkörper war defekt und kalt. Es gab ein Doppelbett mit einer Decke und zwei halbe Kissen. Die Decke war eine superdünne Steppdecke, halb so dick wie eine Wolldecke. Christin nahm sie in die Hand und fragte entsetzt: „Was ist das für ein Lappen!? Igitt, riech mal!“ – Das Ding stank völlig widerlich nach zu wenig Waschpulver im Hauptwaschgang. Genauso wie die beiden Handtücher, die auf dem Bett lagen.

Der Herr an der Rezeption gab sich ahnungslos. „Heizung müsste gehen.“ – „Es ist arschkalt in der Bude. Haben sie wenigstens einen Heizlüfter?“ – Er zuckte mit den Schultern. Christin fügte hinzu: „Eine vernünftige Decke wäre auch schonmal was.“ – Ich weiß, warum das vorab bezahlt werden muss. Wir einigten uns darauf, die eine Übernachtung am Tag der Rückkehr nach Deutschland zu stornieren und von unterwegs etwas anderes zu buchen. Für diese eine Nacht mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Das Frühstück am nächsten Morgen, das uns beide nochmal je 7,50 Euro extra gekostet hat und natürlich auch vorab bezahlt werden musste, bestand aus jeweils einem einzigen Brötchen und keinem Getränk. Die Kaffeemaschine war defekt, andere Getränke gab es nicht, mehr als ein Brötchen pro Person gab es auch nicht. Kein Saft, nicht mal Wasser. Dazu für uns beide zwei Scheiben Mortadella, zwei Scheiben Käse, zwei Marmeladen, in Plastik verpackt. Auf unsere schriftliche Beschwerde bei der Verwaltung der Hotelkette würde es später heißen: „Die Kaffeemaschine war tatsächlich defekt. Deswegen wurde Ihnen ja auch ein Gutschein für ein Frühstück in der Bäckerei nebenan ausgehändigt.“ – Ich muss wohl nicht erwähnen, dass niemand der Gäste einen Gutschein bekommen hatte. Auf die Heizung wurde gar nicht eingegangen. Vermutlich haben sie es nicht nötig.

Ergebniskosmetik

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Ich hatte gestern morgen einen weiteren Termin in Helenas Schule. Zusammen mit Marie. Beim Direktor. Wegen des dicken Bretts. Mir war klar, dass sein Sekretariat erstmal mit ihm Rücksprache hält, bevor wir einen Termin bekommen. Wir bekamen aber sofort einen. Wurden in sein Büro geführt, wir sollten uns an einen Tisch setzen, er würde gleich kommen. Marie sagte: „Ich bin mal gespannt, was für eine eklige Erklärung wir hier gleich bekommen.“ – Ich antwortete: „Gar keine. Du ahnst nämlich noch nicht, wie eklig ich werden kann.“

In dem Moment kam der Direktor herein, gab uns die Hand. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie warten lasse, ich musste erstmal eine Vertretung organisieren, normalerweise habe ich jetzt Unterricht. Aber wenn hier etwas so dringlich ist, hat das natürlich Vorrang. Ich wünsche mir zwar, dass Sie keine neuen Horrornachrichten für mich haben. Aber wenn ich die Dringlichkeit und Ihre bedrückten Gesichter sehe, bekomme ich fast schon Angst. Schießen Sie mal los, was ist passiert?“

Ich öffnete meine Mappe, die ich vor mir auf den Glastisch gelegt hatte, holte eine Kopie von Helenas Zeugnis heraus, legte es vor dem Direktor auf den Tisch und sagte nichts. Er nahm das Zeugnis in die Hand, guckte es mit großen Augen an, guckte mich an, guckte Marie an und sagte: „Mir läuft es gerade eiskalt den Rücken runter. Ich möchte dazu gar nichts sagen. Wo ist das Original?“

„Bei uns zu Hause“, sagte ich. Der Direktor antwortete: „Tun Sie mir mal bitte einen Gefallen. Stellen Sie bitte schriftlich den offiziellen Antrag, dass die schriftlichen Leistungsnachweise von Helena im Fach Englisch auf die Einhaltung der Prüfungsbedingungen überprüft und nachträglich für ungültig erklärt werden. Erstens. Und zweitens, dass daraus folgend die Englischnote im Halbjahrszeugnis überprüft wird.“

Ich sagte: „Das will ich gerne machen. Können Sie mir denn erklären, wie Ihre Unterschrift unter das Zeugnis kommt?“ – „Frau Socke, machen Sie es nicht komplizierter als es schon ist. Ich habe Ihnen den Weg gezeigt, wie es jetzt laufen muss, damit Helena zu einem angemessenen Zeugnis kommt. Wenn Sie jetzt noch andere Feuer entzünden, kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Ich kann hierzu im Detail nichts ausführen. Sie wird ein neues Zeugnis bekommen, dann ohne Englischnote. Das ist im Moment alles, was ich für Euch tun kann. Gehen Sie diesen Weg, jeder andere wird Jahre dauern mit ungewissem Ausgang.“

Auf mich wirkt es so, als hätte der Direktor mit der Englisch-Lehrkraft gesprochen, und als hätte die Englisch-Lehrkraft sich jetzt im Zeugnis darüber hinweg gesetzt. Oder sich sogar gerächt. Unter diesen Umständen wäre ein weiterer Unterricht bei dieser Person für Helena nicht mehr zumutbar. Also gehen wir jetzt den Schritt und lassen offiziell überprüfen, ob das seine Richtigkeit hat. Dazu müsste es ja dann einen schriftlichen Bescheid geben, der wiederum eine Grundlage für weitere Schritte bietet.

Ein Schulwechsel kommt für Helena nicht in Betracht. Die nächste geeignete Schule ist 26 Kilometer weit entfernt. Und es ist nicht gesagt, dass es dort besser wird. Im Gegenteil. Von daher hoffe ich, dass der Direktor es schafft, ein wenig mehr Ordnung in seinen Laden zu bringen. Und sein Angebot nicht nur kurzfristige kosmetische Effekte hat. Auch wenn das leider zu befürchten ist.

Dicker als dick

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Ich hatte es ja schon befürchtet. Das dicke Brett ist richtig dick. Nachdem ich ja schon mit dem Direktor von Helenas Schule gesprochen hatte, war ich einigermaßen zuversichtlich, dass in naher Zukunft keine Missgeschicke mehr passieren.

Anfang Januar bekamen wir erstmal einen Verwarnungsgeld-Bescheid des Landkreises ins Haus: 35 Euro werden fällig, weil wir trotz des abgelehnten Freistellungsantrags Helena einen Tag eher in die Weihnachtsferien nahmen. Wir haben mit ihr ja einen Schwänz-Deal, bei dem sie ohne Rückfrage von mir eine Entschuldigung bekommt, damit sie keine unentschuldigten Fehlzeiten hat. Marie und ich halten das im Rahmen ihrer schwierigen Vorgeschichte für angezeigt – im Ergebnis schwänzt sie nicht mehr. Bis jetzt.

Merkwürdig war ja die Formulierung „trotz des abgelehnten Freistellungsantrags“, da weder Marie noch ich einen solchen gestellt hatten und auch keine Ablehnung bekommen haben.

Also habe ich mir Helena vorgeknöpft und sie gefragt, ob sie am letzten Schultag vor den Ferien in der Schule war. Sie nickte und verstand sofort, dass ich nicht ohne Grund fragen würde. Ich bohrte nach: „Du möchtest also keine von deinen Entschuldigungen haben? Der Deal gilt: Ich frage nicht weiter.“ – Sie antwortete: „Nein! Ich war da. Ich habe doch sogar noch diese alberne Weihnachtsmütze beim Wichteln bekommen. Das weiß ich genau.“

Ich sagte: „Gut, ich vertraue dir da, und ich weiß, dass du mich nicht anlügst. Also schreibe ich der Behörde, die uns eine Strafe aufbrummt, weil du am letzten Tag nicht da gewesen sein sollst, dass sie sich irren und ich die 35 Euro nicht zahle. Oder meinst du, ich sollte sie einfach zahlen und dann wäre Ruhe?“ – Das sollte eine Brücke sein. Stattdessen fing Helena zu weinen an. Setzte sich zu mir auf den Schoß, lehnte sich an meine Schulter. „Ich hab nichts gemacht, okay? Ich bin in der Schule gewesen. Wirklich.“ – „Ja, Helena, dann haben die sich vertan. Ich schicke denen ne Mail, damit das nochmal überprüft wird.“

Seitdem haben wir nichts mehr von denen gehört oder gelesen. Ich bin gespannt. Und Helena fragt. Fast jeden Tag.

Gestern gab es Zeugnisse. Zeugnisse sind für Helena sowieso schon eine sehr große Sache, da das Stück Papier in Helenas früherer Pflegefamilie regelmäßig und systematisch dafür genutzt wurde, Helena als wertlos, dumm und behindert darzustellen und sie auszugrenzen. Dieses Verhalten hatten sich dann irgendwann wohl auch die in der Familie wohnenden leiblichen Kinder angewöhnt. Also ganz schlimm.

Am Abend vor dem Zeugnistag verschwand sie schon früh in ihrem Zimmer, wünschte uns auch schon früh eine gute Nacht. Nervös. Die meisten Noten sind besprochen, so dass es eigentlich keine Überraschungen mehr geben dürfte. Außer in Englisch, wo es große Probleme mit der Lehrkraft und ihrem Verständnis von Chancengleichheit bei körperlichen Einschränkungen gibt. Und genau das machte Helena Angst. Inzwischen brauche ich nur noch wenige Minuten bis sie sagt, was ihr auf der Seele liegt. „Helena, wir brauchen das gar nicht zu vertiefen. Du bist super gut in der Schule, besser als ich es in deinem Alter war. Und sollte es ernsthafte Probleme mit irgendeiner Note geben, weil sie ungerecht ist, dann können Eltern, auch Pflegeeltern, ein Zeugnis auch anfechten. Also nicht einverstanden sein und mit dem Direktor sprechen. Und alle Noten, die gerecht sind, sind in Ordnung. Auch wenn es eine 5 oder eine 6 ist. Das ist eine Moment-Aufnahme, wie ein Lehrer deine Leistungen einschätzt. Und Marie und ich haben dich mit einem Zeugnis voller Fünfer genauso lieb wie mit einem Zeugnis voller Dreier. Und Susi und Otto auch.“

Schon am Mittag des Zeugnistags bekamen Marie und ich eine Nachricht von ihr: „Mein Zeugnis ist super schlimm. Sowas hatte ich noch nie! Ich fühle mich wie ein Stück Dreck.“ – Marie und ich hatten uns die Arbeitszeiten schon extra so eingeteilt, dass den ganzen Tag jemand zu Hause ist. Falls sie früher kommt, falls sie abhaut … hat sie zwar alles noch nicht gemacht, aber wir machen uns ja unsere Sorgen. Ist einfach so. Als sie durch die Tür kam und mich in der Küche sah, breitete ich die Arme aus. Sie blieb wie angewurzelt stehen und hatte einen eisigen Blick im Gesicht. Guckte mich aus dem Augenwinkel an, sagte nichts. Fast schon beängstigend. Ich sagte: „Hey, du hast den Schultag hinter dir. Du bist wieder zu Hause. Lass dich in den Arm nehmen.“

Helena setzte sich auf meinen Schoß. Eiskalt war sie am ganzen Körper. Sie roch säuerlich, und einige Sekunden später erzählte sie mir, warum: „Jule, ich habe gespuckt. Auf dem Weg nach Hause. Das kam ganz plötzlich, ich habe mich gerade noch zur Seite gelehnt und dann habe ich auf die Straße gekotzt. Neben einen Gully. Eine Frau ist mit ihrem Auto stehen geblieben und hat mir Taschentücher gegeben und eine Flasche Wasser, damit ich mir den Mund ausspülen kann. Mir war schon den ganzen Morgen schlecht.“ – „Wollen wir uns kurz dein Zeugnis angucken, damit du diese Last von der Seele hast?“ – Sie nickte und holte das Giftblatt aus ihrem Rucksack.

Religion 2, Deutsch 3, Geschichte 1, Erdkunde 3, Spanisch 1, Biologie 1, Physik 1, Mathe 3, Kunst 3, Musik 2 und Sport 2. Hammer. Ich hatte, glaube ich, niemals vier Einser im Zeugnis. Schon gar nicht in Klasse 8. Noch dazu in solchen anspruchsvollen Fächern. Noch dazu auf gymnasialem Anforderungsniveau. Tja, der Aufreger war dann die Fünf in Englisch. Genau. In dem Fach, in dem die Lehrkraft konsequent ihren Anspruch auf Nachteilsausgleich ignoriert. Da sie in den schriftlichen Arbeiten eine 3 und eine 4 hatte (beides ohne Nachteilsausgleich, also Zeitverlängerung geschrieben) und ihr allgemein eine rege Beteiligung, viel Fleiß und eine strukturierte Arbeitsweise bescheinigt wird, möchte ich jetzt schriftlich begründet haben, wie diese Note zustande gekommen ist. Wir werden also notfalls einen Anwalt einschalten und das Zeugnis rechtlich anfechten, wenn nicht im ersten Anlauf eine verständliche Erklärung präsentiert oder eine sofortige Änderung vorgenommen wird.

Bisher habe ich Menschen belächelt, die sowas tun, weil ich immer der Meinung war (und auch immernoch bin), dass jeder Mensch die Beurteilung seiner Leistung akzeptieren muss. Und das neben allen objektiven Kriterien auch immer eine subjektive Komponente vorhanden ist. Aber, und ich entschuldige mich schon vorab für meine Wortwahl, es kotzt mich an, wenn ein offensichtlich benachteiligtes Kind einen Nachteilsausgleich zugesprochen bekommt (darüber gibt es einen schriftlichen Bescheid), eine Lehrkraft aus ignoranter Bequemlichkeit die Vorgaben missachtet und offenbar keine Skrupel hat, das verzerrte Ergebnis dann auch noch durch die Zeugniskonferenz zu prügeln. Ich bin sehr auf die Erklärung des Direktors gespannt, der sich der Sache ja bereits vorher annehmen wollte und – so sieht es für mich im Moment aus – diese (mutmaßliche Fehl-) Beurteilung nicht gestoppt hat.

Laktat und Glucagon

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Ab morgen wird uns der Alltag wiederhaben. Marie und ich müssen wieder arbeiten, Helena muss in dieser Woche wieder zur Schule und es wird nicht mehr lange dauern, bis der letzte Weihnachtsschmuck aus den Vorgärten verschwunden ist. Wir haben den Heiligabend mit Susi und Otto bei uns zu Hause an der Ostsee verbracht. Wir waren gemeinsam in der Kirche, wo eine Schulfreundin von Helena ein Solo gesungen hat. Was sie echt toll hinbekommen hat.

Helena hat zu Weihnachten ihr erstes vernünftiges Smartphone bekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit einem sehr einfachen Jugend-Smartphone sehr gut zurechtgekommen ist und sich überraschend gut an unsere Vereinbarung gehalten hat. Vereinbarung darüber, wie häufig das Ding genutzt wird. Sie spielt überhaupt nicht, nutzt es ausschließlich für Soziale Medien und zur Kommunikation. Wenn ich mitbekomme, was da in ihrer Klasse bei Gleichaltrigen passiert, können wir uns wirklich nicht beklagen.

Seit einem Jahr hat Helena ein eigenes Taschengeld-Girokonto. Auch das funktioniert erstaunlich gut. Sie bekommt derzeit noch 20 Euro im Monat (mit 13 Jahren), in Kürze hat sie Geburtstag, ab dann werden wir es auf 30 Euro im Monat erhöhen. Sie hat ein zweites Konto, auf das die Reste ihrer Unterhaltsleistung vom Jugendamt gehen, also Geld für Schulsachen, Klamotten und ähnliche einmalige Anschaffungen. Die Karte war anfangs bei Marie oder bei mir und die bekam sie einst nur, wenn wir gemeinsam etwas für sie einkaufen. Im Sommer habe ich Helena mit der Karte zum Schulsachen einkaufen geschickt, auch das hat geklappt. Sie kam mit Bon und Karte zu mir und alles war gut. Seit Dezember hat sie die Karte ständig in ihrer Geldbörse. Sie genießt sehr großes Vertrauen – wenngleich das Tageslimit stark begrenzt ist und Marie und ich eine Mail bekommen, wenn jemand mit der Karte verfügt.

Ein Geschenk, über das sie sich ebenfalls sehr gefreut hat, ist ein langer Neoprenanzug zum Schwimmen, den sie von Otto und Susi bekommen hat. Ja genau, jenes Kind, das vor zwei Jahren nicht ins Wasser wollte, weil alle ihr eingeredet haben, sie könne wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen. Und es darf geraten werden, wer am zweiten Weihnachtstag nicht mehr aus dem eiskalten Gartenpool herauszulösen war. Wir waren am 1. Weihnachtag mit Susi und Otto nach Hamburg gefahren.

Und während wir den Jahreswechsel ohne großes Theater bei einer Runde Monopoly zu Hause verbracht haben (zu Mitternacht sind wir drei mit unseren Handbikes an die Ostsee geradelt, bei eiskaltem Wind aber guter Sicht haben wir einen Moment dem Feuerwerk zugeschaut, sind anschließend ins Bett), ging es pünktlich am Neujahrsmorgen für uns drei in ein (kommerzielles) Trainings-Camp nach Niedersachsen.

Wir haben uns schon zwei Mal von diesem Anbieter schinden lassen. Fünf Tage für 250 Euro pro Person sind zwar viel Geld, sind aber angemessen. Vollpension wohlgemerkt. Die Unterkunft mit Zwei- oder Vierbettzimmern war für mich okay, da ich mit Marie in ein Zimmer kam. Helena schlief mit drei gleichaltrigen Sportlerinnen in einem Zimmer. Mit Marie und mir hatten sich insgesamt 16 Leute zum Schwimmtraining angemeldet, es gab eine Jugendgruppe für Leichtathletik und eine noch wesentlich größere Gruppe, die Kampfsport trainierte. Gegessen und übernachtet wurde im selben Haus, die Trainingseinheiten waren halt getrennt.

Wir waren die einzigen Menschen mit Behinderung, aber der Veranstalter betonte, dass das kein Problem sei. Ebenso war es kein Problem, dass Helena mit schwamm, statt Leichtathletik zu trainieren – rennen und springen sind nun wirklich nicht ihre Disziplinen. Natürlich konnte sie nicht mit den Schwimmerinnen und Schwimmern mithalten, die das täglich machen, aber sie hatte zusammen mit einer angemeldeten Seniorin ihre eigene Bahn und bekam vom Trainer regelmäßig Aufgaben und Tipps – sie war Feuer und Flamme.

Insgesamt waren viele spannende und sehr freundliche Leute dabei, mit denen jede Unterhaltung Spaß machte. Aber drei Leute schossen natürlich wieder den Vogel ab. Die erste kam mit Fieber und fettem Atemwegsinfekt und wurde quasi noch auf der Türschwelle wieder nach Hause geschickt. Was ich sehr gut fand, denn ich bin dorthin gefahren, um meinem Körper etwas Gutes zu tun und nicht, um krank zu werden. Die zweite wusste genau, wie man „mit Behinderten umgeht“, weil ihr Vater auch mal im Rollstuhl saß. Und so wurde sie regelmäßig übergriffig. Räumte ungefragt unseren Teller weg (obwohl wir nochmal Nachschlag wollten), brachte uns Getränke mit zum Essen (zum Beispiel Kirschsaft aus Pulver angerührt, ohne vorher zu fragen). Sowohl Marie als auch ich haben beide unabhängig freundlich mit ihr geredet, dass das nicht erwünscht ist und wir alleine für uns sorgen können – und bei Bedarf fragen.

Puls bekam Marie, als die Dame ihr im Vorbeigehen in der Schwimmhalle, beim Aufwärmtraining an Land, plötzlich unvermittelt den Kragen vom Poloshirt richtete. Sie grabbelte Marie einfach so an und faltete da am Hemdkragen rum. Marie sagte: „Lass es, ich möchte nicht andauernd angefasst werden.“ – Sie meinte es natürlich nur gut. Wie immer. Als die Dame mir unter Wasser an den Po fasste, um diesen Waschzettel, also dieses eingenähte Etikett, wo draufsteht, wie man etwas waschen kann, wieder in meinen Badeanzug zu stecken, habe ich ihr Schläge angedroht. Wirklich, sowas mache ich normalerweise nicht. Aber wenn es inzwischen drei ganz deutliche Ansagen gegeben hat, muss das wohl sein, um noch klarer zum Ausdruck zu bringen, dass ich es nicht möchte, dass mir jemand ungefragt an den Po greift.

Und der Hammer war auch eine andere Dame, in den Vierzigern, wie ich schätze. Bei einigen Sportlern, die wirklich sehr gut waren und sich auch entsprechend für ein teures Einzeltraining angemeldet hatten, wurde der Laktatspiegel im Blut gemessen. Damit kann man salopp gesagt die Fitness und die Belastbarkeit eines Sportlers messen (und später den Trainingserfolg). Laktat steigt im Blutkreislauf an, wenn die von den Muskeln verwertete Energie nicht vollständig verbrannt wird, also salopp gesagt nach einer Überlastung. Ziel eines solchen Trainings unter Bestimmung des Laktatgehalts im Blut ist es, diese Schwelle, ab der der Körper beginnt, wegen Überlastung die Energie nur noch unvollständig zu verheizen, zu verschieben.

Die Dame behauptete nun ernsthaft, Laktat sei ein Glückshormon, das bei intensivem Training ausgeschüttet würde und für das Glücksgefühl nach einem Ausdauertraining verantwortlich sei. Sie vertiefte das immer weiter und immer abenteuerlicher. Ich habe sie reden lassen. Sie brauchte vermutlich Aufmerksamkeit. Als sie Helena ansprach, dass der frühere Handelsname des synthetisch hergestellten, therapeutisch verwendeten Insulins „Glucagon“ sei, antwortete Helena, sie habe in der Diabetes-Schulung gelernt, dass Glucagon ein Gegenspieler zum Insulin sei – es sei doch fatal, wenn zwei so unterschiedliche Dinge denselben Namen trügen. Ich habe dann gesagt, dass ich vermute, dass die Dame etwas verwechselt. Da war ja was los. Es gibt eben Menschen, die keine Kritik vertragen – und ich hatte das schon befürchtet.

Alles in allem war das aber eine sehr tolle, wenn auch anstrengende Urlaubswoche.