Fristen und Kopien

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Ich kann nicht aufhören, immer wieder mit dem Finger darauf zu zeigen. Auch, wenn es nicht die Regel ist. Sondern die Ausnahme. Aber diese Ausnahmen kommen so häufig vor und sind so extrem, dass viele Menschen, die nicht damit zu tun haben, sich das überhaupt nicht vorstellen können.

Es geht um eine laufende Leistung des Jugendamts für Helena. Ich möchte ganz bewusst nicht auf Einzelheiten eingehen, weil es mir nicht um die fachliche (sprich: leistungsrechtliche) Diskussion geht. Die Leistung steht ihr zu, sie wurde bewilligt. Sie wurde nur bislang von der Behörde ihres alten Wohnorts bezahlt. Da Helena seit zwei Jahren nicht mehr am alten Wohnort (und nicht mehr in dem Bundesland) wohnt, ergibt sich automatisch eine neue Zuständigkeit.

Darauf sind wir im Mai telefonisch von der bisherigen Sachbearbeiterin aufmerksam gemacht worden. Wir müssten nichts unternehmen, wir sollten nur nicht lange abwarten, falls irgendwann kein Geld mehr auf dem Konto sein sollte. Dann hätte irgendwas bei der Umstellung nicht geklappt. Dann müssten wir bitte sofort bei der neuen Behörde nachfragen. Das sei jene neue Behörde, die ohnehin schon die ganze Zeit vor Ort zuständig war, bisher aber nicht für die Leistungen aufkommen musste. Wie auch immer.

Natürlich war im Oktober kein Geld auf dem Konto. Also habe ich die örtliche Behörde angerufen. Ich hätte ja keinen Antrag gestellt, von daher werde auch nichts gezahlt. „Die Leistung ist aber nicht zum 30.09. befristet worden und einen Aufhebungsbescheid habe ich auch nicht.“

Sie wollte sich kümmern. Drei Tage später hatte ich die Leistung auf dem Konto. Für November musste ich wieder nachfragen. Das sei untergegangen, wurde nachträglich überwiesen. Für Dezember kam wieder nichts. Man kümmere sich. Mitte Dezember hielt ich dann einen auf den 27.11. datierten Aufhebungsbescheid in den Händen. Die Leistung wird aufgehoben, weil sie nicht mehr benötigt wird. Keine weitere Begründung. Einfach mal so in den Raum gestellt.

Also meinen Anwalt angerufen. Er sagt: „Widerspruch einlegen, um Akteneinsicht bitten. In der Regel werden die Akten digital geführt und dir wird ein Ausdruck zugeschickt. Ansonsten dort hinfahren, Klappe halten, alle Blätter einmal durch den Kopierer schicken und dann schickst du mir das. Das wird billiger, als wenn ich mir die Akte in die Kanzlei hole. Und sollte der Widerspruch durchgehen, bleibt ihr mitunter auf den Anwaltskosten sitzen, weil es oft heißt, dass ein Anwalt im Vorverfahren nicht erforderlich war. Dann müssten wir die Kosten erst einklagen … ist einfacher so.“

Also Widerspruch eingelegt. Per Einschreiben mit Rückschein. Am 17.12. in einer Annahmestelle der Deutschen Post gegen Quittung eingeliefert. Der Rückschein kam nicht. Ich dachte mir: Das liegt wohl an dem hohen Aufkommen zu den Feiertagen, warte mal ab. Gestern habe ich die Sendungsverfolgung im Internet aufgerufen. Letzter Eintrag: „Am 17.12. eingeliefert.“ Na super.

Also alles nochmal ausgedruckt. Ich dachte mir: Bevor ich das jetzt nochmal mit der Post schicke und darauf vertrauen muss, dass das in den nächsten drei Tagen ankommt, schickst du es wenigstens vorab per Fax. Mein Arbeitgeber hat noch ein Faxgerät, also … Dauerbesetzt. Über Stunden ist beim Faxanschluss der Behörde nur das Besetzt-Zeichen zu hören.

Das wird ja auch Gründe haben. Bevor das also gar nicht ankommt, dachte ich mir, ich bringe es persönlich vorbei. Gegen Eingangsstempel. Öffnungszeiten des Rathauses nachgeschlagen, nichts gefunden. Normale Sprechzeiten sind klar, aber während der Pandemie? Auf gut Glück hingerollt, tatsächlich: Es ist offen. Ein Sicherheitsmitarbeiter fragt, ob ich einen Termin hätte. „Nein, ich möchte nur etwas abgeben.“ – „Können Sie da in den Briefkasten werfen.“ – „Ich hätte gerne einen Eingangsstempel, damit ich später nachweisen kann, dass es auch angekommen ist.“ – „Dann bitte die Hände desinfizieren und hinter die Linie stellen, bis Sie aufgerufen werden.“

Ich kam sofort dran. „Ich würde das gerne abgeben. Gegen Eingangsbestätigung.“ – „Kopie haben Sie dabei?“ – „Nein, leider nicht.“ – „Dann kann ich Ihnen das auch nicht bestätigen.“ – „Könnten Sie bitte hier eine Kopie davon ziehen und das auf der dann bestätigen?“ – „Nein.“ – „Wie, Sie haben keinen Kopierer hier?“ – „Doch, aber wir dürfen für Eingangsstempel nichts kopieren.“ – „Na kommen Sie, ich zahle die Kopie auch.“ – „Wir haben keine Kasse hier.“ – „Ich werfe was in die Kaffeekasse.“ – „Ich darf es nicht.“ – „Ich muss jetzt wirklich allen Ernstes als Rollstuhlfahrerin durch den ganzen Ort zurück, um eine Kopie zu ziehen?“ – „Sie hätten ja gleich eine mitbringen können. Sie wussten ja schon zu Hause, dass Sie eine Bestätigung haben wollen.“

Unfassbar. Wegen einer Kopie. Bevor ich nun 20 Minuten durch den Ort gurke, dachte ich mir, ich frag mal bei der Apotheke nebenan. „Entschuldigung, könnten Sie mir vielleicht eben eine Kopie machen?“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Bitte. Ich bezahl sie auch.“ – „Wir sind kein Copy-Shop.“ – „Können Sie mir dann vielleicht sagen, wo ich eine Kopie machen könnte?“ – „Wir sind auch nicht die Auskunft.“ – Das ist derselbe Apotheker, der bei Veordnungen im dreistelligen Bereich auch noch einen einzelnen Cent kassiert und dafür einen 50-Euro-Schein wechselt. Ich weiß, das eine sind gesetzliche Vorgaben. Das andere wäre aber Kundenservice.

Also tatsächlich wieder zurück. Kopie gezogen. Wieder zum Rathaus zurück. „Bitte die Hände desinfizieren.“ – Als ich dran bin, sitzt eine andere Mitarbeiterin am Empfang. „Ich möchte das hier abgeben und brauche auf der Kopie bitte einen Eingangsstempel.“ – „Auf mitgebrachten Kopien machen wir grundsätzlich keine Eingangsstempel.“ – „Sondern?“ – „Sie können sich das abfotografieren.“ – „Das zählt aber nicht vor Gericht. Ich möchte bitte einen Eingangsstempel auf meiner Kopie.“ – „Ach, wollen Sie uns verklagen? Ich weiß ja gar nicht, ob die Kopie mit dem Original übereinstimmt. Also wenn, dann mache nur ich die Kopie. Ausnahmsweise. Normalerweise ist das nicht vorgesehen. So bitteschön.“

Noch unfassbarer. Aber immerhin hatte ich meinen Eingangsstempel. Draußen schaute ich noch einmal drauf. Nicht, dass sie mir da „Abgelehnt“ oder ähnliches draufgedrückt hatte. Ich traue Behörden ja inzwischen alles zu. Nein, war ein Eingangsstempel. Aber Moment … von morgen. Der Stempel hatte tatsächlich das Datum von morgen. Also noch ein drittes Mal wieder zurück. „Bitte Hände desinfizieren.“

„Ach, heute ist noch gar nicht der Neunundzwanzigste? Uppsi. Dann haben wir ja schon den ganzen Tag falsch gestempelt.“ – Ich habe mir jeden Kommentar verkniffen. Aber es ist natürlich super, falls es noch andere Menschen gibt, deren Fristen am 28. abgelaufen sind.

Erinnerung

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Ich könnte es auf das Jahr 2020 schieben, das ohnehin schon eine große Belastung für uns alle ist, ich könnte es aber auch sein lassen, denn sie hat sich gewiss nicht an Jahreszahlen orientiert: Maries Hündin ist heute gestorben.

Bis vor Weihnachten war sie noch verhältnismäßig lebhaft. Sie ist zwar lange schon keinen Bällen mehr hinterher geflitzt, aber ist durchaus gelaufen, hatte Spaß mit anderen Hunden auf ihren täglichen Gassirunden, hat mit denen auch immernoch gespielt. Sie ist auch ohne Leine hin und her getrabt, hat neugierig über jede Deichkrone schauen müssen und an jeder Ecke geschnüffelt. Sie hat bis zuletzt normal gefressen, hat sich für Leckerlis und Knochen interessiert, für ihr Spielzeug, hat sich kraulen lassen, hat unser Haus bewacht. An den Weihnachtstagen wirkte sie, rückblickend betrachtet, etwas müde. Aber wir waren alle etwas müde.

Heute morgen und heute Mittag war sie noch ganz normal draußen, nach dem Mittag hat sie sich auf ihrer Decke schlafen gelegt. Gegen 19 Uhr wollte Marie mit ihr noch einmal vor die Tür, kam in die Küche und sagte: „Was meinst du, ob ich alleine raus gehe?“ – Normalerweise versteht sie „raus gehen“ und kommt sofort angelaufen. Nö. Und dann: „Du, schau mal bitte. Wieso liegt sie hier so komisch?“

Sie war bereits kalt. Ich habe Marie erstmal in den Arm genommen. Marie wollte den Tierarzt haben. „Ich glaube, es ist mir wichtig, dass er nochmal drauf schaut.“ – Na sicher. Der Tierarzt kam auch sofort. Nach seiner Überzeugung ist sie sanft eingeschlafen. Eine Vergiftung schließt er aus. „Wie alt war sie?“ – „15 Jahre.“ – „Dann hat sie es sehr gut bei euch gehabt. Normalerweise werden die so 10 bis 12 Jahre.“

Seit ich Marie kenne, war die Hündin immer da. Es war uns allen klar, dass das eines Tages so sein würde. Helena ist sofort in Tränen ausgebrochen: „Sie war meine erste große Tierliebe.“ – Marie, die seit ihrem 13. Lebensjahr mit ihr zusammen ist, hat ihr gesagt: „Wenn sie uns jetzt so sehen würde, wüsste sie gar nicht, wem sie zuerst ihren Kopf auf den Schoß legen sollte. Das hat sie immer getan, wenn jemand traurig ist.“ – Helena: „Ich möchte, dass sie zurück kommt.“ – „Das wird nicht gehen. Ab heute lebt sie in deiner Erinnerung. Es wird eine Zeit brauchen, bis unsere Herzen das verstanden haben. Solange wird es weh tun, wenn wir an sie denken. Und so lange werden wir um sie trauern und um sie weinen.“

Flatterviecher

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Es wäre unverantwortlich und kein gutes Vorbild, zu Weihnachten zu Susi und Otto zu fahren, auch wenn wir das eigentlich so verabredet hatten. Auch wenn niemand von uns auf einer Corona-Station arbeitet, ist das Risiko, mit Infizierten Kontakt gehabt zu haben, gerade in der Medizin sehr hoch. Und wer von uns kann schon sicher sagen, wen wir dann noch anstecken und wie schwer unsere Verläufe sind? Nein, nein und nochmals nein. Außerdem wird davon abgeraten. Und selbst wenn es erlaubt wäre, man muss nicht alles ausreizen. Bleiben wir also zu Hause.

Unser direkter Nachbar, der sich immer mal wieder aus der Ferne erkundigt, wie es uns geht, und der auch in der Pandemie regelmäßig von uns ein selbstgebackenes Brot bekommt, bimmelte vor vier Tagen an unserer Haustür: „Ich hab einen Weihnachtsbaum für euch. Jetzt, wo ihr doch hier bleibt. Der lachte mich so an, da habe ich ihn spontan mitgenommen. Hauptsächlich für die Lütte [Helena]. Dann kann sie den schmücken und so … macht ihr bestimmt Freude. Jetzt habe ich also zwei auf dem Anhänger, einen für euch, einen für uns. Wenn ihr wollt. Ist aber nur geliehen, und er muss im Eimer bleiben. Der geht am 6. Januar zu meinem Kumpel. Der musste vier Bäume fällen und hat da jetzt eine riesige Lücke, in die er neue Bäume einpflanzen will.“

So haben wir also jetzt einen Weihnachtsbaum auf der Terrasse. Ganz kurzfristig und ungeplant. Aber schön.

Helena, die sich schon darauf gefreut hatte, über die Festtage mindestens einmal bei Susi und Otto im Garten in die Sauna zu dürfen, hat sich in den letzten Monaten ja aus unserer aller Sicht weiterhin recht gut entwickelt. Sehr unglücklich war eine Mobbing-Attacke mehrerer Mitschüler aus der Parallelklasse. Zuerst hatte jemand ihr den Rucksack entwendet, und, nachdem er ihn durchwühlt hatte und offenbar nichts brauchbares finden konnte, außerhalb des Schulgebäudes in den Müllcontainer geworfen. Hinterher kam heraus, dass mehrere Mitschüler Geld-Wetten darauf abgeschlossen hatten, dass der Diebstahl gelingen würde.

Sehr positiv war, dass mehrere Mitschüler aus Helenas Klasse sofort auf ihrer Seite standen, zwei sogar in den Müllcontainer geklettert sind, um den Rucksack wieder rauszuholen. Wir haben Helena einige Tage aus der Schule genommen, bis sie von sich aus wieder am Unterricht teilnehmen wollte. Ausschlaggebend war ein Brief ihrer Klasse, mit dem ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sich ausdrücklich zu ihr bekannt haben, und das Angebot zweier Schüler, sich mit Helena auf dem Schulweg zu treffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen und im Wiederholungsfall eingreifen zu können.

Sehr negativ war, dass eine weitere Person aus eben dieser Parallelklasse auch noch eine Webseite über Helena ins Internet gestellt hat, ebenfalls, um sie zu mobben. Darauf waren Bilder und Texte gespeichert. Auf einer Fotomontage sitzt ein Affe auf Helenas Schulter und laust ihre Haare. In einem Text heißt es beispielsweise, Helena habe sich während des Geburtsvorgangs so spastisch und krampfhaft an ihrer Mutter festgehalten, dass diese dabei verstorben sei. Und ähnliches. Die Seite ist inzwischen aus dem Netz verschwunden; angeblich wollte der Ersteller nur sein technisches Können unter Beweis stellen und habe an die Folgen für Helena nicht gedacht. Dass das eine Schutzbehauptung ist, ist spätestens klar, seitdem noch über eine weitere Person eine ähnliche Seite im Netz belassen wurde. Ein Anwalt kümmert sich. Von der Schule gab es bisher gefühlt wenig Unterstützung.

Auch wenn wir viel mit Helena darüber gesprochen haben und sie damit oberflächlich recht cool umgeht, hat das was mit ihr gemacht. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich gemobbt werde. Als Mensch mit Behinderung bin ich es gewohnt, Zielscheibe dummer Witze zu sein.“ Aber die Beharrlichkeit, mit der mehrere Täter vorgingen, hatte eine neue Qualität, wie ich ihre anders formulierten Gedanken in Worte fasse. Es ist noch lange nicht alles in Ordnung bei ihr und Marie und ich sind sehr glücklich, dass wir so gut miteinander zurecht kommen. Das war ja keineswegs selbstverständlich; und wir wissen auch, dass sich das jederzeit ändern könnte. Auch wenn wir es nicht hoffen.

Ihre ambulante Psychotherapie ist nicht mehr verlängert worden, obwohl sie dort sehr gut gearbeitet hatte. Widerspruch läuft, Susi hat eine sehr fundierte Begründung geschrieben, aber die Mühlen mahlen halt langsam. Vor drei Tagen kam Helena plötzlich weinend aus ihrem Zimmer, nachdem sie mit einer Mitschülerin gechattet hatte. Wir wussten erst gar nicht, was passiert sein könnte, es dauerte auch einen Moment lang, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte, dann meinte sie plötzlich: „Stell dir mal vor, bei […] hat sich die Mutter beschwert, dass sie ihr Weihnachtsgeschenk zu billig und zu oberflächlich findet. Vor Weihnachten. Es ist gar keine Überraschung mehr, weil sie das irgendwo gesehen hat. Das ist so schlimm und das tut mir so leid für […], weil sie sich solche Gedanken gemacht hat und es ehrlich gesagt gar nicht so billig war. Und das wühlt sie total auf.“

Auch wenn ich es natürlich nicht mag, wenn Helena so aufgewühlt ist, so rührt mich der Gedanke irgendwie, dass sich ihre Mitschülerin ausgerechnet Helena ausgesucht hat, um ihr Herz auszuschütten. Wir hatten ein gutes Gespräch über Aufmerksamkeiten. Über Freude machen, über Schleimerei, über Verselbständigung des Themas, über Konsumverhalten – allerdings ohne großartigen Widerspruch durch Helena. Wir haben schon immer die weihnachtliche Geschenke-Kurve mutwillig abgeflacht und alle nötigen Anschaffungen auf Zeiten abseits des Weihnachtsfestes gelegt. Wenn Helena neue Schuhe oder eine neue Hose braucht, gibt es die bewusst nicht zu Weihnachten. Nun ist es bei uns mit dem Geld auch nicht so knapp, dass wir neue Schuhe nur vom Weihnachtsgeld der Oma kaufen könnten; aber selbst wenn, fände ich es erst recht nicht gut, diesen kommerziellen Radau dadurch zu unterstützen. Sondern dann hätte ich vermutlich mit der Oma einen Deal, dem Kind die Schuhe anlasslos zu schenken. Und zu Weihnachten eine Kleinigkeit. Zu sehr nervt mich dieses „weiter, schneller, besser“ unter dem Weihnachtsbaum.

Susi und Otto schenken „ihrer Helena“ sehr gerne etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag und Helenas „materielles Sachvermögen“ profitiert sehr davon. Wobei man dazu sagen muss, dass Helena so gut wie nie materielle Wünsche hat und eigentlich sehr bescheiden ist. Umso mehr schätzt sie diese Geschenke. Susi und Otto sprechen es vorher mit uns (und beiläufig meistens auch mit Helena) ab, geben dann lieber mehr Geld für die Qualität aus, würden aber niemals irgendeinen Quatsch schenken. Beispiel Trampolin: Helena nutzt es auch nach einem Jahr fast täglich. Und unsere Nachbarn und wir profitieren davon, dass es eine gute Qualität hat, weil es quasi lautlos ist. Da klackert, scheppert, klimpert, quietscht und knarzt absolut nichts.

Heute fiel mir Helena um den Hals, als ich nach Hause kam. Ich dachte erst, es sei eine ungewöhnlich herzliche Begrüßung, aber dann merkte ich, dass sie schon wieder weinte. Inzwischen erzählt sie sehr schnell, was sie bedrückt. Was völlig neu ist, und deswegen erwähnte ich die derzeit beendete pausierte Psychotherapie, dass sie mit uns über ihre früheren Pflegeeltern spricht. „Jule, dieses Weihnachtsgedöns triggert mich wahnsinnig. Jetzt auch noch dieser Baum auf der Terrasse. Er ist schön, und es sind viele schöne Gefühle. Aber ich muss auch immer an viele doofe Sachen denken. Was essen wir eigentlich am 1. Weihnachtstag?“ – „Das hast du soeben resettet, wenn es irgendein Essen gibt, was dich aufwühlt.“ – „Ich möchte kein Flatterviech.“ – „Das hatten wir doch aber sowieso nicht vor.“ – „Ich weiß. Aber weißt du, warum? Bei meinen früheren Pflegeeltern gab es am 1. Weihnachtstag immer Gans. Und am 2. Weihnachtstag eine Suppe mit den Resten. Ich bekam am 1. Weihnachtstag immer als Letzte irgendwas Fettes, Ekliges auf den Teller, was die anderen nicht wollten, und was ich nie gegessen habe. Immer mit dem hämischen Kommentar, dass die guten Stücke leider schon alle weg sind. Einmal habe ich mir das so zu Herzen genommen, dass mir richtig übel wurde und mir das danach alles wieder hochgekommen ist. Später habe ich gehört, wie mein Pflegevater zu meiner Pflegemutter vor ihren beiden Kindern in der Küche gesagt hat: Sie weiß solche Kostbarkeiten doch gar nicht zu schätzen. Gans ist eindeutig zu gut für Helena.“

„Was?! Das ist so schlimm, was du durchgemacht hast. Die waren so scheußlich zu dir. Aber hör mal: Es gibt keine Gans zu Weihnachten. Auch kein anderes Tier. Wir wollten doch diese Mini-Burger zusammen machen. So richtig mit Brötchen selbst backen und Salate und so … oder wollen wir lieber gar nichts kochen und uns, wenn wir Hunger haben, ne Pizza auftauen? Ich weiß, dass das immer wieder Flashbacks gibt, gerade wenn es vergleichbare Umstände sind, wie jetzt zur Weihnachtszeit. Aber du kannst Weihnachten nicht abschaffen, sondern du kannst es nur anders machen und deiner Psyche so zeigen, was gut ist und was scheußlich war. Und ich glaube, zu dritt können wir das schaffen. Gerade dieses Jahr.“

„Mein Kopf weiß das ja auch. Aber weißt du, was es für ein verstörendes Gefühl war, als ich zum ersten Mal hier gegessen habe und du zu mir gesagt hast: Fang an, füll dir was auf!? Ich weiß inzwischen, dass das nicht normal war, wie meine früheren Pflegeeltern das gemacht haben. Herr [Therapeut] hat gesagt, das macht man mit Hunden so, wenn es Probleme mit der Rangordnung gibt. Dann fressen die zum Schluss. Die Message dahinter ist klar: Du bist die Unwichtigste hier. Jule, ich weiß das, und ich bin jeden Tag aufs Neue glücklich, dass ich hier bin und dass ich eine neue Chance bekommen habe. Aber meine Psyche glaubt es bis heute noch nicht und klickt ganz plötzlich random irgendwelche alten Videos rein.“ – „Und das Video-Fenster kriegst du dann so schnell nicht zu, oder?“ – „Es ist wie im Netz: Du bist mittendrin und plötzlich zählt irgendwo ein Countdown runter, noch 6 Sekunden, 5, 4, 3, 2, 1 und dann poppt irgendeine Scheiße auf, volle Lautstärke. Die Maus ist gerade nicht in der Nähe und klemmt immer in solchen Situationen, und bevor du wenigstens den Ton abgestellt hast, weiß das ganze Haus, was du gerade machst. Aber klar, die Idee mit den selbstgemachten Mini-Burgern ist gut und ich war ja auch spontan dafür.“

Kurz danach hat eine Freundin sie angerufen und wollte mit ihr über irgendwas mit Pferden sprechen. Zehn Minuten später war Helenas Lachen schon wieder durch das ganze Haus zu hören. Es ist mir bis heute unbegreiflich, wie diese Eltern an Helena oder überhaupt an ein Pflegekind gekommen sind. Vermutlich können sie gut etwas vorspielen. Aber es wird mir unbegreiflich bleiben, warum jemand, wenn die Chemie nicht stimmt, sein Pflegekind nicht abgibt, sondern es psychisch quält. Es bleibt mir wirklich ein Rätsel. Und ich möchte das vermutlich auch gar nicht verstehen.

Und dann kam Corona

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Warum habe ich seit über einem Dreivierteljahr nicht mehr gebloggt? Die Frage wurde mir im letzten Dreivierteljahr oft gestellt. Blöder Beginn für einen neuen Blogbeitrag nach so langer Zeit. Blöder Stil und so. Fast so wie „es war einmal“. Und „es war einmal“ ist nicht meins. Im Moment zumindest nicht.

Ich hatte so viel vor. Ich wollte so viel von den Dingen tun, die mir gut tun. Stattdessen: Quarantäne. Nur noch arbeiten und ansonsten zu Hause bleiben. Möglichst niemanden treffen. Eine schlimme Seuche liegt über unserem Land. Und bald schon über der ganzen Welt. Eine Pandemie. Ein Ereignis, das wir in unserem Land, in dem Menschen einst in Notaufnahmen gingen, weil sie sich einen Fingernagel eingerissen haben, nicht vorkam. Ein Ereignis, vor dem die Wissenschaft zwar immer schon mal vage und hypothetisch gewarnt hat, das aber, hätte man in 2019 jemanden außerhalb des medizinischen Sektors gefragt, dieser Jemand allenfalls als überzeichnetes und fiktives Katastrophenszenario auf Kinoleinwänden vermutet hätte.

Nach Popcorn dürfte inzwischen niemandem mehr zumute sein. Und das nicht nur, weil die meisten von uns inzwischen nicht mehr wissen, wie ein Kino von innen aussieht. Nachdem kurzzeitig die strengen Hygieneauflagen mal etwas gelockert werden konnten, weil das Corona-Virus bei hohen Sommertemperaturen und frischer Luft eher müde ist, ist Deutschland inzwischen wieder im harten Lockdown angekommen. Schulen zu, Einzelhandel zu, kein Sport, keine Kultur, Treffen nur online, zu Weihnachten und zu Silvester nach Möglichkeit bitte niemanden sehen. Allenfalls online.

Die anfängliche Hysterie, in der uns in der Klinik reihenweise die Desinfektionsflaschen aus den Spendern gestohlen wurden, haben viele schon wieder vergessen. Klopapier hat inzwischen auch jeder zu Hause, viele haben sich anfangs gleich eine ganze Palette bestellt, als sei das größte Problem der Arsch, den man sich notfalls nicht mit Wasser säubern könnte. Wasser wurde hingegen nicht in großen Mengen eingekauft, das kommt ja schließlich immer mit großem Druck aus der Leitung…

Zwischenzeitlich wurde mein Arbeitgeber hysterisch und wollte mich als Arbeitnehmerin mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und schlechten Chancen, bei überlasteten Intensivstationen mit eigenem Erfolg durch die Triage zu kommen, lieber zu Hause sehen. Kurz danach brauchte er mich dann aber doch so dringend, dass ich nicht mehr zu Hause bleiben dürfe, und setzte mich auf der peripheren Inneren ein, trotz Weiterbildungsvertrag für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Flexibität sei gefragt, um Personal für die Intensivstationen herauslösen zu können.

Die Sache mit dem Abstand haben trotz aufgeklebter Abstandsbuttons und begegnungsfreien Einbahnstraßenregelungen bis heute noch nicht alle Menschen verstanden. Geschweige denn das Thema „Mund-Nasen-Bedeckung“, die Coronaleugner auch gerne am Kinn oder provozierend an der Stirn tragen. „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“ wird zu meinem Standardspruch, um die unerwünschten Kuschelsüchtigen auf Distanz zu halten. Und ein ums andere Mal erkläre ich lieb meinen Mitmenschen, warum ich „als Behinderte“ meinen Maske auch dann trage, wenn ich mich vielleicht davon befreien lassen könnte. Solidarität ist das Gebot des Jahres.

Und so habe ich auch Christin seit einem Dreivierteljahr nicht mehr live gesehen und nicht mehr berühren können. Auch im Sommer nicht, schließlich arbeite ich im Gesundheitswesen und sie kann sich eine Corona-Erkrankung als Leistungssportlerin absolut nicht erlauben. Immerhin weiß noch niemand, wie sehr selbst ein fast symptomloser Verlauf die Lunge einschränken würde. Und damit die Möglichkeiten, absolute Spitzenleistungen zu erbringen. Von der Gefahr, auch als junger Mensch schwer zu erkranken, will ich gar nicht schreiben. Aber wir telefonieren mehrmals in der Woche, meistens mit Video.

Inzwischen habe ich mich entschieden, mich nicht in Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern in Pädiatrie weiterzubilden. Das eine Jahr wird angerechnet, aber nun musste ich mich festlegen und arbeite seit einigen Monaten in einer Kinderarzt-Praxis hier im Ort. Nein, das wollte ich eigentlich nicht, weil mich inzwischen hier jede Mutter und jeder Vater und jedes Kind kennt. Aber es war die einzige Praxis im Umkreis von 50 Kilometern, die einerseits barrierefrei erreichbar war (einschließlich der Mitarbeiter-Toilette), andererseits einen Platz vergeben konnte – und drittens keine offensichtlichen oder versteckten Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung hatte.

Von einzelnen Startproblemchen mal abgesehen, läuft es inzwischen sehr gut. Und ja, ich kann damit leben, dass im Supermarkt plötzlich Kinder angelaufen kommen und mir erzählen, dass ihre Warze oder ihr Durchfall verschwunden sind. Und tatsächlich ist ein Drittel meiner Zeit in dieser Praxis schon wieder vorbei. Noch bin ich gerne dort.

Und zu Hause? Da hat sich nicht viel verändert. Marie geht es gut. Auch sie zieht ihre Weiterbildung tapfer durch. Helena geht inzwischen schon in die 9. Klasse und beißt sich durch die behinderungsbedingten Unzulänglichkeiten des Alltags, kommt aber insgesamt gut zurecht. Maries Eltern, Maries Hündin geht es gut. Uns auch – so gut es uns unter Corona halt gehen kann.