Denkzettel

8 Kommentare2.226 Aufrufe

Dass eine Person mit einem Rollstuhl durch einen Baumarkt fährt, mag ja heute keine große Besonderheit mehr sein. Aber wenn nun drei Menschen im Rollstuhl hintereinander herfahren, dann bleiben selbst heute noch Leute stehen oder rennen gar gegen ein Regal. Ganz zu schweigen von den vielen lustigen Sprüchen und Fragen, wie beispielsweise der, ob wir ein Rollstuhlrennen machen. Oder ob man die Dinger im Baumarkt testen und kaufen könnte. Die Oma sei nämlich schlecht zu Fuß. Und wehe, ich lächle dann nicht. Dann gibt es beleidigte Leberwürste, und nachdem ich mal gesehen habe, was so alles in eine Leberwurst gedreht wird, mag ich keine Leberwürste mehr. Schade.

Auf den wenigen Rolliparkplätzen vor dem Baumarkt konnten wir nicht parken, weil mal wieder alle anderen darauf parkten. Bis auf eine Ausnahme hatte niemand einen Ausweis. Zu unserem Glück mussten wir nicht viel oder schwer schleppen. Zu unserem Pech ging in dem Moment, als wir über den großen Parkplatz zurück zum Auto rollen wollten, ein Wolkenbruch los, so heftig und so derbe plötzlich, dass wir es gerade noch schafften, uns in ein Zelt zu retten, das ein Würstchenverkäufer auf dem Baumarktparkplatz aufgebaut hat. Bis zum Auto und vor allem bis wir alles verladen hätten, wären wir nass bis auf die Knochen gewesen.

Wenn ich schon keine Leberwurst esse, esse ich Bratwürste eigentlich erst recht nicht. Marie auch nicht. Helena auch nicht. Ob wir trotzdem hier stehen dürften für ein paar Minuten? Beim Würstchenverkäufer fiel mir sofort sein unvollständiges Gebiss und eine eindeutige Alkoholisierung auf. Im Zelt futterte ein Mensch eine Currywurst, der, wenn er kein Rocker war, zumindest wie einer aussah. Mit ihm warteten zwei weitere Typen. Alle drei trugen die gleiche Lederkluft und Sonnenbrillen, hatten kahlrasierte Schädel und lange Bärte, waren extrem tätowiert und hatten auf ihrem Rücken die gleichen Symbole auf der Kutte aufgenäht. „Denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen“, dachte ich mir so.

„Dürfen wir ganz kurz hier warten bis es etwas weniger regnet, auch wenn wir nichts bestellen, sondern nur einen Taler in die Kaffeekasse werfen?“, fragte ich. Der Würstchenverkäufer nickte fröhlich, der Typ mit der Currywurst sagte zu seinen Kumpeln: „Zieht mal die Ärsche ein, damit die Bräute hier komplett reinpassen. Nicht, dass die Lütte noch wegschwimmt. Wie alt bist du?“, fragte er Helena. Helena antwortete etwas schüchtern: „Dreizehn.“ – Während er kaute, sagte er: „Dreizehn … als ich dreizehn war, hab ich mit der Schule schon nichts mehr am Hut gehabt. Hausaufgaben hab ich nie gemacht und Fehlstunden … 333 Stück. Oder so.“ – Die anderen beiden lachten dreckig. Er fuhr fort: „Mach das bloß nicht nach, hörst du?“ – Helena schüttelte den Kopf. Geheuer war ihr der Typ nicht, das sah ich ihren Augen an. Sie guckte mich an, entspannte sich etwas und lächelte.

In der nächsten Sekunde brüllte er mit derart lauter und tiefer Stimme, dass Helena vor Schreck fast aus ihrem Rollstuhl sprang: „Hööiiii! Kannst du lesen? Oder hast du Tomaten auf den Augen? Du willst mir doch nicht sagen, dass du ne Behinderung hast!“ – Die Brüllerei richtete sich an jemanden, der gerade auf einem der frei gewordenen Rolliplätze parkte, ausstieg und beinahe wie ein junger Gott mit einem Regenschirm in der Hand in Richtung des Baumarktes sprang. Der Mensch blieb erschrocken stehen und sagte: „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ – Unser Rockerfreund ging zum Eingang des Zeltes, stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Das geht mich verdammt was an. Meine Freunde hier müssen bei Regen über den gesamten Parkplatz eiern, weil du Idiot denen die Plätze wegnimmst. Sieh zu, dass du deine Karre umparkst, sonst erledige ich das gleich für dich.“ – „Blas dich hier nicht so auf“, sagte der Falschparker und lief weiter.

Unser Rockerfreund zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf und sagte: „Wie ich solche Krawattenträger hasse. Zu fein, mal zehn Schritte durch den Regen zu laufen. Lieber nehmen sie anderen Leuten die Parkplätze weg. Der kriegt jetzt erstmal eine Packung.“ – Die beiden anderen Kollegen lachten erneut dreckig. Was hatte er vor?

Ohne Schirm stapfte er zum falsch geparkten Auto, holte ein Taschenmesser aus seiner Lederweste und begann, die Kennzeichen des Autos abzumontieren. Erst vorne, dann hinten. Beide waren in so eine Blende mit Werbeaufdruck geklemmt. Die Kennzeichen stellte er neben einen Müllcontainer neben dem Imbisszelt, dann kam er völlig durchnässt wieder rein und sagte: „Meister, gib mir mal was von deiner Papierrolle.“ – Er bekam eine Rolle Küchentücher und trocknete sich damit ausgiebig die Glatze und das Gesicht ab. Irgendwann deutete er auf meine Beine und sprach mich an: „War das ein Unfall?“ – Ich sagte: „Auf dem Schulweg, ja. Eine Autofahrerin hat mich erwischt beim Abbiegen. Fußgängerüberweg. Ich hatte grün, sie auch … zack.“ – „Bei dir auch?“, fragte er Marie. Marie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe das seit Geburt. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ – „Was gibt es bloß für einen Scheiß auf dieser Welt? Ich stelle mir das schlimm vor, in so einem Ding sitzen zu müssen. Entschuldige, wenn ich so direkt bin.“ – „Ich habe nie etwas anderes kennengelernt“, sagte Marie. Der Typ guckte sie an, dachte einen Moment nach und verkniff sich irgendwas. Wie zu erwarten war, kam die Story von einem Kumpel, der jetzt im Rollstuhl sitzt.

Dann guckte er Helena an, traute sich aber wohl nicht, sie auch zu fragen. Helena sagte: „Ich kann laufen. Wollen Sie mal sehen?“ – Bevor er antwortete, stand sie auf und wackelte in dem engen Zelt einmal um unsere drei Rollstühle herum. Der Imbissbesitzer klatschte, aber unser Rocker sagte: „Bist du bescheuert, da klatscht man nicht. Aber eins musst du dir merken: Ich will von Frauen nicht gesiezt werden. Ich heiße Torsten. Und …“

Bevor er weiter reden konnte, kam der Falschparker zu seinem Auto zurück. Er wollte gerade einsteigen, als Torsten sich wieder in den Zelteingang stellte und rief: „Die Bullen waren gerade hier und haben deine Kennzeichen mitgenommen. Sie mussten gleich weiter und hatten leider keine Zeit. Wir sollen dir aber ausrichten, wenn du ohne Kennzeichen fährst, bist du reif. Du sollst da drüben zur Wache kommen und deine Kennzeichen auslösen. Tja, dumm gelaufen, würde ich sagen.“

Einer seiner Kumpel röhrte lachend in sein Glas. Helenas Augen wurden immer größer. Marie guckte mich an. Ich dachte mir so: Damit möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Mit so einem Scheiß, so nett es auch gemeint ist, macht man sich bestimmt strafbar. Amtsanmaßung oder irgendsowas. Der Falschparker kam mit seinem Schirm zum Imbiss gelaufen. „Haben die gesagt, was es kostet?“ – „Ich würde vorher lieber nochmal zum Automaten. Die haben bestimmt keine Kartenzahlung da.“ – „Haben Sie dort angerufen?“ – Torsten grinste. Der Mann lief mit seinem Schirm in der Hand davon.

„So, Regen wird weniger. Wir machen zügig die Biege. Vorher baue ich ihm noch schnell seine Kennzeichen wieder an.“ – Er gab Marie, mir und zum Schluss Helena seine Pranke. „Hol di fuchtig“, sagte er zu ihr. Was auf Hochdeutsch so viel heißt wie: „Machs gut.“ – Das Anbauen der Kennzeichen dauerte nur Sekunden. Reinstecken, gegendrücken, fertig. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. „Wir machen uns dann auch mal vom Acker“, sagte ich. Ich hatte keine Lust, erst noch befragt zu werden. Denn er würde mit ziemlicher Sicherheit nicht alleine wiederkommen.

Ich sage nochmal, dass ich Selbstjustiz nicht gut finde. Es ist nicht meine Aufgabe, jemand anderen für sein falsches Verhalten zu sanktionieren. Das ist alleine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Ich hoffe trotzdem, dass dem Falschparker dieser Denkzettel eine Lehre war. Ich vermute allerdings, er wird spätestens bei der Rückkehr realisiert haben, dass Torsten ihm ein Märchen aufgetischt hat. Von daher dürfte der Erfolg des Denkzettels dann auch dahin sein. Und nein, wir haben nicht mitbekommen, wie das ausgegangen ist. Wollen wir auch nicht.

Einzeltraining

20 Kommentare2.941 Aufrufe

Eigentlich wollte ich ja schon viel früher darüber schreiben, aber ständig kommt ja etwas dazwischen: Helena, jenes Mädel, das vor zwei Jahren überhaupt nicht schwimmen konnte und auch irgendwie zumindest halbwegs davon überzeugt war, wegen ihrer Cerebralparese das Schwimmen auch nicht erlernen zu können, ist seit etwa sechs Wochen in einem Schwimmverein. In demselben, in dem Marie und ich auch trainieren, wobei wir beide ja keiner festen Trainingsgruppe angehören, sondern, wenn wir Zeit haben, dazu stoßen, da wir uns ja in erster Linie für Triathlon und Freiwasserschwimmen interessieren. Helena hat ja schon im Januar ihr Jugendschwimmabzeichen in Silber geschafft, aktuell trainiert sie für Gold. Dafür muss sie Kraulschwimmen und Rückenkraul können. Daran hatten wir geübt, es sieht auch schon ganz gut aus, aber sie überlegt noch zuviel und verheddert sich dann. Aber das wird schon werden.

Jedenfalls hat ihr, als sie neulich uns wieder begleitet hat und ein wenig für sich geschwommen ist, während Marie und ich trainiert haben, ein Trainer des Vereins den Floh ins Ohr gesetzt, dass er mit ihr richtig trainiert und sie dann irgendwann auch auf Wettkämpfen mitschwimmen kann. Das Problem ist: Die Gruppe, in der sie mithalten kann, ist altersmäßig um die 8 Jahre. Für die Gruppe der 13 und 14 Jahre alten Mädchen ist sie viel zu langsam. Sie solle aber mal bei den Achtjährigen Schnuppertraining machen, was sie getan hat. Inzwischen haben sie sich nun darauf geeinigt, dass sie weiterhin mit den Achtjährigen mittrainiert und anschließend noch eine Stunde Einzeltraining bekommt. Aktuell habe noch ein zweites Mädchen mit Behinderung aus einer Nachbargemeinde Interesse und komme nach den Ferien zu diesem Einzeltraining dazu. Der Trainer sagt, er möchte da etwas aufbauen. Wir zahlen derzeit nun auch den Vereinsbeitrag für Helena – und sind gespannt, wie sich das entwickelt.

Helena schwärmt natürlich von ihm. Da nimmt sich jemand eine ganze Stunde nur für sie Zeit. Und der hat natürlich Ahnung vom Schwimmen und auch davon, wie man es vermittelt. Allerdings sei sie seine erste Schwimmerin mit Cerebralparese, er habe lediglich mal einen sehbehinderten Schwimmer aus dem Iran eine Zeitlang betreut. Nur erklärt Helena ja sehr genau, wo eventuelle Probleme liegen, so dass die beiden wohl ein gutes Team sind. Ich bin in den ersten zwei Wochen mit dorthin gefahren, hab es mir angeschaut, in der Zwischenzeit einige Dinge auf meinem Laptop erledigt, dann ist Marie einmal mit dorthin gefahren, die letzten Male ist Helena alleine gewesen.

Ich hoffe, dass das alles gut wird. Der Trainer ist Mitte 30, sehr engagiert, freundlich, die beiden verstehen sich gut. Helena erzählt sehr viel, wenn sie wieder zu Hause ist. Ich habe kürzlich mit einer Kollegin darüber gesprochen, einfach ohne Anlass, weil sich das ergeben hat: Sie fand das merkwürdig. Ich bin im Moment nun überfragt, ob sie ängstlich ist oder gar eifersüchtig, oder ob sie einfach nur vorsichtiger oder erfahrener ist – oder Marie und ich uns so für Helena freuen, dass wir keinen neutralen Blick mehr haben. Sie meint, es sei unüblich, dass ein Schwimmlehrer Einzelstunden gebe und dann auch noch mit ins Wasser komme.

Also Helena schwimmt in der Gruppenstunde die ganze Zeit mit den anderen im tiefen Wasser, während der Einzelstunde auch, die erste Dreiviertelstunde, die letzte Viertelstunde mache er technische Übungen mit ihr, und immer, wenn sie etwas nicht richtig hinbekomme, steige er zu ihr in das dann brusttiefe Wasser und halte sie fest. Oder gebe ihr einen Schubs, damit sie erstmal Geschwindigkeit aufnehme. Oder korrigiere ihre Körperhaltung. Einerseits freue ich mich ja über das Engagement und möchte nicht übervorsichtig sein, andererseits … warum sagt die Kollegin sowas? Argh.

Marmelade

5 Kommentare1.532 Aufrufe

Eigentlich wollte ich heute ganz viel Positives schreiben, einige schöne Ostseefotos posten … nee. Ich warne schonmal vor: Wer ohnehin schon genervt ist, sollte sich vielleicht vorher und rechtzeitig eine Tischkante zum Reinbeißen suchen. Ich bin auch Tage danach noch schwer genervt. Marie auch. Helena sowieso. Es macht einfach nur fassungslos.

Helena kam am Freitag vom Einkaufen zurück. Es war ihr irgendwie wichtig, das alleine zu machen. Also zum Wochenende noch alles das zu holen, was wir nicht vorher einkaufen konnten. Das Meiste hatten wir schon mit dem Auto geholt, aber Frisches und Vergessenes fehlte noch. Zudem hatten sich Susi und Otto kurzfristig angekündigt. Helena hatte sich einen großen Rucksack geschnappt, ihn an ihren Rolli gehängt und war losgeflitzt.

Sie heulte Rotz und Wasser. Sie war richtig außer sich. Was ich einerseits gut fand, weil sie sich früher auch schnell gleichgültig und distanziert gegeben hat; andererseits möchte ich natürlich nicht, dass es ihr so schlecht geht. „So eine verfluchte Scheiße“, schimpfte sie. Ich bat ihr meinen Schoß an. Sie kam sofort, setzte sich auf mich und drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter. Ich streichelte ihr erstmal den Rücken. Fragte nicht, was los war. Sie würde das ohnehin gleich erzählen, wenn sie sich etwas beruhigt hatte.

Ich machte mir so meine Gedanken. Geld vergessen? Dann würde sie nicht so ausrasten. Sondern zurückkommen, einmal erwähnen, dass sie verplant ist, und wieder abhauen. Es musste irgendwas vorgefallen sein. Hatte sie jemand geärgert? Bevor ich weiter überlegen konnte, platzte es aus ihr heraus: „Ich hab voll den Scheiß gemacht! Und bin bei [Supermarkt] rausgeflogen. Die waren so gemein zu mir. Ich habe was runtergeschmissen und dann war da einer vom Personal, der hat erst über mich gelacht und anschließend gesagt, ich soll den Laden verlassen, bevor noch mehr passiert. Ich bin eine Zumutung.“

„Was?! Das hat er gesagt?“ – „Ja.“ – „Das ist ja unglaublich.“ – „Das ist nicht gelogen!“ – „Ich habe es unglücklich ausgedrückt. Ich meinte nicht, dass ich dir nicht glaube, sondern dass das ein unglaublich schlimmes Verhalten ist. Und er hat wirklich darüber gelacht, dass dir was runtergefallen ist?“ – „Nein. Ich hab ihn gefragt, ob er mir ein Glas von oben aus dem Regal holen kann, weil das da so bescheuert gestapelt war. Und da meinte er, ich soll doch das von unten nehmen und ist weggegangen. Aber das war was anderes und das wollte ich nicht. Und dann hab ich mich hingestellt und mich festgehalten und dann kam ich auch da oben ran. Ich hab aber nicht gesehen, dass in der Reihe dahinter auch noch Gläser oben drauf gestapelt waren. Und die kamen dann mit runter. Wie eine Lawine. Ich hab vor Schreck die Hände hochgenommen, konnte mich nicht mehr halten, bin umgekippt, hab mich da voll auf die Fresse gelegt, der ganze Mist ist auf mich drauf gefallen. Und dann kam der Mitarbeiter wieder um die Ecke und hat mich ausgelacht. Und dann bin ich wieder aufgestanden, ein Mann hat mir seine Hand gegeben und gesagt, ich soll mir nichts draus machen, der Supermarkt ist dagegen versichert. Und dann bin ich raus. Und draußen hab ich dann gemerkt, dass ich mich dabei dem Sturz auch noch angepinkelt habe, aber wahrscheinlich hat das in der schwarzen Leggings niemand gesehen.“

„Und dann setzt du dich mit deinem nassen Po auf meinen Schoß?“ – „Ja, das ist jetzt erstmal nicht so wichtig“, weinte sie. Das hat sie also so entschieden. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Helena, hör mir mal zu: Wenn du was kaputt machst, dann können wir das entweder so bezahlen oder wir haben dafür eine Versicherung. Das kann und darf jedem passieren. Das ist überhaupt kein Problem, solange du nichts mutwillig kaputt machst.“ – „War es nicht.“ – „Ich weiß. Und den Rest: Ich fahre da jetzt hin und mach den Typen rund. So geht niemand mit dir um, schon gar keiner, der unser Geld damit verdient. Möchtest du mitkommen oder soll ich alleine fahren?“ – „Ich komme mit. Jetzt sofort?“ – „Erst was Trockenes anziehen. Und dann fahren wir mit unseren Handbikes hin?“ – „Ja. Und du reißt ihm so richtig den Ar*** auf?“ – „So richtig. Sowas geht nicht.“ – Helena holte sich ein Taschentuch, putzte sich die Nase und lächelte vorsichtig.

Marie war arbeiten. Ich hätte sie gerne als moralische Unterstützung dabei gehabt. Wenn das jetzt der Schicht- oder gar Marktleiter war … aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Helena und ich kamen in den Markt und steuerten direkt auf eine Situation zu, die dem ganzen Vorfall noch eine Krone aufsetzte. Offensichtlich derjenige, der sich eben schon so unmöglich benommen hatte, ein Jugendlicher, geschätzt 16 Jahre alt, stand mit zwei gleichalten Jungs an einem Getränkeregal und spielte offenbar die Szene mit Helena nach. Die Füße und Knie nach innen gedreht und die Arme wie zur Balance auf einem Drahtseil ausgebreitet, stolperte er durch den Gang und sagte mit verstellter Stimme: „Kannst du mir mal einen runterholen? Warte, ich machs mir selbst.“ Und dann nahm er drei Dosen und begann damit zu jonglieren. Helena guckte ihn mit großen Augen an, er hatte uns noch nicht bemerkt. Ich hatte genug gesehen, fuhr so dicht an ihn heran, dass er bei nächster Bewegung gegen meinen Rollstuhl stoßen würde. Er fing die Dosen auf und ich sagte: „Ich hoffe, du findest neben deinen Privatvorstellungen noch Zeit, mir zu sagen, wo dein Chef sich gerade aufhält.“

Er sah mich, sah Helena, und konnte sich wohl den Rest zusammenreimen. „Dahinten irgendwo“, sagte er kleinlaut. Ich setzte meine ernsteste Miene auf und sagte: „Hättest du dann vielleicht die Güte, mich zu ihm zu bringen?“ – Er trottete vorweg. Der Chef saß in seinem Büro, das sich hinter einer Schiebetür mit ein paar sich anschließenden Stufen befand. Womit er beschäftigt war, konnte ich nicht sehen, aber er kam gleich hinaus. Der merkwürdige Mitarbeiter ging in die Richtung seiner Getränke zurück. „Wie kann ich helfen?“, fragte er mich. Ich antwortete: „Ich bin mit Helena zurückgekommen, um den Schaden von vorhin zu regulieren. Da sind wohl ein paar Marmeladengläser zu Bruch gegangen.“ – „Achso. Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Das macht ja niemand mit Absicht.“ – „Achso. Also hat sich die Lage wieder beruhigt?“ – „Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber hier fällt so viel runter am Tag, das sammeln wir gleich wieder auf und dann ist gut.“ – „Also kein Hausverbot?“ – „Nein, um Himmels Willen. Dann hätten wir ja bald keine Kunden mehr.“

„Ihr Mitarbeiter hat Helena des Ladens verwiesen.“ – „Wann? Heute?“ – „Ja, vor einer Stunde etwa. Der Kollege, der uns gerade zu Ihnen geführt hat. Er meinte, Helenas Anwesenheit sei eine Zumutung für dieses Geschäft.“ – „Nein. Das hat er gesagt?“ – Helena antwortete: „Ja. Und er hat sich über mich lustig gemacht. Weil ich nicht an die Gläser rangekommen bin und mir das alles auf den Kopf gefallen ist.“ – „Haben Sie sich verletzt?“ – „Nein.“ – „Wenn das für Sie zu hoch ist, können Sie auch immer jemanden fragen. Wir helfen Ihnen gerne.“ – Das war die nächste Steilvorlage: „Ihr Kollege soll das abgelehnt und Helena auf ein anderes Produkt unten im Regal verwiesen haben.“ – „Ich werde wahnsinnig“, seufzte der Marktleiter und ging in sein Büro. Der Mitarbeiter wurde ausgerufen und kam kurz danach angetrottet. Inzwischen mit hochroten Ohren.

Eins rechne ich ihm jedoch an. Er sagte: „Chef, kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen? Ich habe Mist gebaut.“ – Der Chef sagte: „Ich bin gleich wieder da“, und verschwand mit ihm im Büro. Nach fünf Minuten ging die Schiebetür auf. Der junge Mann kam tränenüberströmt raus, ging auf Helena zu und streckte ihr die Hand hin. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagte er. Helena drehte sich weg und sagte: „Nee. Das können Sie sich abschminken. Sie beleidigen mich bis auf die Knochen und jetzt haben Sie Angst um den Job? Vergessen Sie es.“ – „Dann eben nicht“, sagte er und verschwand. Ich musste mich zusammenreißen, nicht mit dem Kopf zu schütteln: Dann eben nicht – genau.

Der Marktleiter kam hinterher und sagte leise: „Herr […] ist eine Aushilfe und packt einmal pro Woche Getränke auf. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, und ich darf im Einzelnen nicht darüber reden, nur soviel: Ich beschäftige ihn, weil ich ihm eine Chance geben möchte. Wie gesagt, Einzelheiten darf ich nicht sagen. Ich habe gewusst, dass das nicht einfach sein wird, als er hier angefangen hat, aber ich vermute, dass er zu Hause … ach, ich weiß es nicht, warum er sowas tut. Es geht auf jeden Fall nicht. Ich hatte ihn zuerst nur im Lager, an zwei Nachmittagen, wenn wir Ware bekommen haben, und dort hatte er mir viel Grund zu Optimismus gegeben, so dass ich ihn zuletzt auch im Laden beschäftigt habe. Das war offensichtlich ein Fehler. Mein Fehler. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn jetzt wieder ins Lager zurückversetze oder ob ich mich ganz von ihm trenne. Ich bin wirklich sprachlos. Helena, nehmen Sie denn meine Entschuldigung an?“, sagte er und streckte ihr die Hand aus. Sie guckte mich an, dann gab sie ihm die Hand.

Irgendwas im Rahmen einer Bewährung? Irgendwelche Sozialstunden? Wobei Supermarkt ja nun weniger mit Sozialer Arbeit zu tun hat. Oder schon woanders rausgeflogen. Egal. Ja, ich bin unbedingt dafür, Menschen eine zweite Chance zu geben. Aber ich bin auch der Meinung, dass so ein Verhalten sanktioniert werden muss. Helena hat das mit ihren 13 Jahren schon sehr richtig gesehen, dass er wohl eher deshalb plötzlich so kleinlaut war, weil er Angst um seinen Job hatte, als dass er Reue zeigte. So habe ich das jedenfalls auch wahrgenommen.

Wir waren gerade mal zwei Stunden wieder zu Hause, da klingelte ein Nachbar aus der Parallelstraße an unserer Tür. Ich öffnete. „Ich habe hier was für Helena angenommen. Da kam eben ein Taxi, die Fahrerin stieg aus und fragte, ob ich wüsste, wo hier in der Straße eine Helena im Rollstuhl wohnt. Ich habe es an mich genommen und gesagt, ich liefere es ab. Ich wollte die genaue Adresse nicht rausgeben. Man weiß ja nie.“ – Es war ein in Folie eingewickelter Korb mit jeder Menge Süßigkeiten, Kerzen, Shampoo und in der Mitte einem kleinen Plüsch-Affen. An dem Plüsch-Affen war ein Briefumschlag befestigt, darin eine Postkarte und ein Einkaufsgutschein über 30 Euro. Auf der Postkarte stand: „Liebe Helena, ich wünsche mir, dass Sie trotz allem meine Kundin bleiben, und bitte Sie noch einmal aufrichtig um Entschuldigung für das, was Sie heute in meinem Geschäft erleben mussten. Ich verspreche Ihnen, dass das niemals wieder vorkommt.“

Vom Marktleiter unterschrieben. Ich weiß zwar noch nicht, woher der unsere (ungefähre) Adresse hat, allerdings kennt in einem Dorf immer irgendjemand irgendwen. Wie furchtbar. Ich hoffe nur, dass der doofe Mitarbeiter jetzt nicht auch weiß, wo Helena wohnt. Das macht mir etwas Angst. Immerhin wusste keiner, dass Helena Diabetikerin ist und deshalb die ganzen Süßigkeiten wohl noch drei Jahre vorhalten werden.

Ich vermute sehr stark, dass dieser junge Mitarbeiter sehr viel Dominanz zu Hause erlebt hat. Und sich derzeit nur cool fühlen kann, wenn er andere Menschen dominiert. Ich halte das für sehr gefährlich und würde wohlwollend empfehlen, dem Jungen nicht nur mit einem Arbeitsplatz im Lager helfen zu wollen, sondern ihm mal professionelle Hilfe zukommen zu lassen.

Und Helena? Sah den Korb und fragte zuerst: „Woher haben die unsere Adresse?“ – Ich zuckte mit den Schultern. Und dann: „Ist das alles für mich? Okay, das scheint dem Chef dann aber richtig peinlich gewesen zu sein. Aber richtig so. Ist dir aufgefallen, dass er mich gesiezt hat? Das war richtig komisch. Aber damit ist das jetzt dann auch erledigt. Echt, Jule, als du angefangen hast, wir wollen den Schaden bezahlen, wäre ich fast geplatzt. Aber dann hab auch ich Dussel den Trick verstanden. Jedenfalls danke, Jule.“

Ich bekam einen Kuss auf die Wange. Das war das allererste Mal, dass sie sich bei mir für etwas direkt bedankt hat. Ich sag ja: Unsere Große wird erwachsen.

Alleine sein

15 Kommentare2.676 Aufrufe

Aktuell ist ja sehr lange hell. Im Norden sogar noch etwas länger als im Süden. Helena verschwindet regelmäßig, wenn die Psychotherapie zu aufwühlend war, mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike für etwa zwei Stunden. Sie fährt ans Meer, setzt sich auf eine Düne, schaut auf das endlose Meer, ordnet ihre Gedanken, rekapituliert noch einmal die Stunde, weint, verarbeitet und gibt sich irgendwann den Ruck, diesen Happen abzuschließen und herunterzuschlucken. Anfangs, gerade beim ersten Mal, hatten Marie und ich sehr viel Angst, dass sie sich selbst etwas antut. Aber sie braucht offenbar nur eins: Einen Moment Einsamkeit.

Vor zwei Wochen verschwand Helena mit einer Flasche Malzbier und ihrem Handbike, inzwischen hat sie übrigens ihr endgültiges, das ihr auch sehr viel besser gefällt, in Richtung Strand. Es war etwa 22.00 Uhr, als sie losfuhr. Und es war noch nicht richtig dunkel. Gegen 23.15 Uhr klingelte es zwei Mal an der Tür. Ich guckte auf mein Handy: Zwei uniformierte Personen standen davor. Ich dachte mir nur so: Nee, oder? Was hat das jetzt zu bedeuten? Ich lege ja viel Wert darauf, trotz Herzklopfen cool zu bleiben, aber ich wurde zittrig. Ich hatte wirklich Angst.

Marie hatte das auch gesehen. Vor meinem Zimmer wären wir mit unseren Rollstühlen beinahe zusammengekracht. Sie sagte: „Mach du mal auf, ich bleibe drinnen. Und bleib cool. Vielleicht ging nur das Licht am Handbike nicht.“ – „Und dann bringen die sie gleich rum?“ – „Bei Behinderten ist man immer sehr vorsichtig.“

Ich öffnete die Tür. „Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Wohnt hier Helena […]?“ – „Ja, wieso?“ – „Sind Sie die Mutter?“ – „Sie lebt hier als Pflegekind.“ – „Wissen Sie, wo sie ist?“ – „Mit ihrem Bike unterwegs zur Ostsee. Warum?“ – „Können wir mal reinkommen?“ – „Wo ist Helena?“ – „Können wir mal reinkommen?“

Eine Dame, geschätzt Mitte 20, ein Herr, geschätzt Anfang 50, kamen herein. Ich bat ihnen einen Sitzplatz an, aber beide wollten lieber stehen. Ich fragte: „Wo ist Helena? Was ist mit ihr?“ – „Sie sitzt bei meinen Kollegen im Auto. Und wir alle haben den Eindruck, es geht ihr nicht so gut. Können Sie uns dazu vielleicht etwas sagen?“ – „Was heißt das?“ – „Frau […], das Kind ist völlig aufgelöst. Es saß mutterseelenallein um kurz vor Mitternacht im Dunkeln im Sand, weinte, schluchzte und schimpfte bitterlich. Ein Landwirt hat uns informiert, nachdem er das Kind einige Zeit lang beobachtet hat.“ – „Ein Landwirt?“ – „Ja, es hatte jemand nach seinen Tieren geschaut.“ – „Das ist sehr nett von dem Menschen, aber aus meiner Sicht wäre das nicht nötig gewesen. Sie wäre von alleine in der nächsten Stunde zurückgekommen.“ – „Frau […], was ist hier vorgefallen, dass das Kind von Zuhause abhaut?“ – „Hier gar nichts. Die Gründe liegen woanders.“

Bevor ich mehr sagen konnte, wurde der ältere Kollege fast schon zornig: „Würden Sie uns bitte sagen, was hier vorgefallen ist?“ – „Ich fände es besser, wenn Helena dabei ist. Es ist sehr persönlich.“ – „Nee. Ich höre.“ – „Wie Sie wollen. Das Kind ist schwer traumatisiert durch die Pflegeeltern, bei denen es bisher gelebt hat. Gegen beide Eltern ermittelt seit etwa einem Jahr die Staatsanwaltschaft. Helena macht eine Psychotherapie in […], mit der sie ihre sehr belastende Vorgeschichte aufarbeitet. Heute hatte sie eine Stunde, und sie fährt regelmäßig für eine Stunde danach ans Meer, um ihre Gedanken zu ordnen.“ – Die beiden sahen sich an. Die jüngere sagte: „Oh Gott.“ – Er fragte: „Warum sitzt sie in einem Rollstuhl?“ – „Sie hat in früher Kindheit einen Sauerstoffmangel und in der Folge eine Hirnschädigung überlebt. Dadurch ist ihr Muskeltonus zu hoch und die Bewegungen sind unkoordiniert, so dass sie nicht gut und weit laufen oder Fahrrad fahren könnte.“

Die uniformierte Frau kämpfte plötzlich sichtbar mit den Tränen, schluckte mehrfach, drückte eine Hand gegen ihren Mund, stammelte „Tschuldigung“ und ging raus. Keine Ahnung, warum sie das plötzlich so mitnahm. Der Mann blieb alleine zurück und fragte in wesentlich ruhigerem Tonfall: „Haben Sie keine Angst, das Kind mit diesen großen Sorgen alleine an den Strand zu lassen?“ – „Das Kind ist nicht alleine und die Sorgen hat es schon mitgebracht. Das Kind bekommt hier alle Liebe, Wärme und Unterstützung, die es braucht, um diese Sorgen verarbeiten zu können. Wenn Menschen ein Kind seelisch traumatisiert haben, reicht es nicht, eine Woche lang einen Hustensaft zu nehmen und alles ist wieder gut. Da findet sich kein Patentrezept und da muss man manchmal auch Ideale, Gewohnheiten und Regeln über Bord werfen. Die Alternative wäre, dass ich Helena einsperre, wenn sie zwei Stunden draußen alleine sein möchte. Dann hätten Sie aber einen Grund, einzuschreiten.“ – „Hat sie das schonmal gemacht?“ – „Jede Woche. Und sie kommt nach zwei Stunden wieder.“ – „Haben Sie einmal die Namen der bisherigen Pflegeeltern für mich? Und dürfte ich einmal ihr Zimmer sehen?“

„Ich schlage vor, Sie lassen sie rein und sie zeigt Ihnen dann einmal selbst ihr Zimmer.“ – Ich blieb in der Tür stehen. Zwei silberblaue Kleinbusse standen vor der Tür. Es wurde geredet, dann fuhr ein Wagen ab. Kurz danach wurde Helena rausgelassen. Sie kam auf mich zu, verdrehte die Augen und sagte: „Ich hab nichts gemacht. Irgendeiner fand, dass ich zu laut geheult habe. Die wollten schon einen Rettungswagen rufen. Mach mir bloß keinen Vorwurf, ich bin so schon übelst angeätzt.“

Sie verschwand in ihrem Zimmer. Die beiden Uniformierten kamen mit dem Handbike zur Tür. Ich fragte: „Was hat sie Ihnen denn erzählt?“ – „Wir haben sie nach den Personalien gefragt und was vorgefallen ist, aber sie hat darauf nur mit ’nichts‘ geantwortet. Und, dass sie keine Hilfe braucht und alles in Ordnung ist. Aber damit können wir uns nicht zufrieden geben bei einem Kind, das um diese Zeit in dem Zustand irgendwo alleine sitzt. Das müssen Sie bitte auch verstehen. Wir erleben auch ganz andere Situationen, in denen wir keinen Fehler machen dürfen.“

Ja. Verstehe ich. Ich dachte mir: Es ist nur so bescheuert, weil das total unnötig und kontraproduktiv ist. Früher, als Helena wirklich in Not war, hätten wir uns alle gewünscht, dass mal jemand hinterfragt, ob es ihr gut geht. Der Beamte sagte: „Es kann sein, dass sich morgen das Jugendamt bei Ihnen meldet. Ich gebe Ihnen dazu meine Karte mit. Falls es Fragen gibt, sollen die bitte auf der Wache anrufen. Ich mache dazu einen Vermerk.“ – „Ihr Zimmer ist dorthinten.“ – „Das hat sich für uns erledigt. Wir werden den Einsatz nachbesprechen und schauen, ob wir künftig etwas anders machen. Jedenfalls wissen wir aber jetzt Bescheid, was es damit auf sich hat, wenn Helena nächste Woche wieder dort sitzt. Bitte richten Sie ihr morgen unsere Entschuldigung aus.“

Marie und ich sind zu Helena ins Zimmer. Sie guckte uns mit großen Augen an. Ich sagte: „Da hat sich offenbar jemand viel zu große Sorgen um dich gemacht.“ – „Und wer?“ – „Irgendein Landwirt angeblich.“ – „Unnötig“, sagte Helena. – Ich antwortete: „Aber das konnten die beiden nicht wissen. Sie wollten dich beschützen.“ – „Das ist schon krass, oder? Früher war allen alles egal.“ – „Das stimmt so nicht, Helena. Früher hast du nicht gezeigt, wie es dir geht. Du hast nicht gesagt, dass es dir schlecht geht, weil du Angst hattest, in eine Einrichtung zu kommen.“ – „Das stimmt. Das habe ich schon vergessen. Das ist so pervers. Die haben gedacht, dass ihr der Grund seid, warum ich so matschig in der Birne war.“ – „Sie möchten dich um Entschuldigung bitten.“ – „Die haben sich entschuldigt? Krass. Wisst ihr, was passiert wäre, wenn ich früher mit den Bu**en nach Hause gebracht worden wäre? [Der frühere Pflegevater] hat mir dafür Prügel angedroht. Er meinte aber wohl hauptsächlich, falls ich klauen würde oder sowas.“

„Hast du mal geklaut?“ – „Nee. Gelogen habe ich oft. Aber geklaut habe ich nie. Ich kann nicht garantieren, dass das immer so geblieben wäre, aber heute kriege ich Taschengeld und von daher … nee. Habt ihr gedacht, ich habe geklaut, als ihr das Auto gesehen habt?“ – „Nee, wir haben gedacht, du hättest dir irgendwas angetan.“ – „Ich hab doch gesagt, ich mach das nicht. Ich dachte, ihr glaubt mir.“ – „Das tun wir. Aber Angst habe ich trotzdem um dich.“ – „Jetzt hör mal auf damit. Ich will da einfach nur alleine sein. Zum Nachdenken. Ungestört. Okay?“

Ja, Große. Okay. Völlig okay.