Elternabend

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Ich war kürzlich beim Elternabend. Ich hätte nicht vermutet, dass ich so schnell einmal selbst zum Elternabend gehen würde. Der letzte fiel krankheitsbedingt komplett aus, zum allerersten dieses Schuljahres war Marie dort, da waren allerdings nur fünf weitere Personen vor Ort. Dieses Mal musste Marie arbeiten, also war ich vor Ort. Helena war spürbar verunsichert an dem Nachmittag davor, ich fragte sie noch, ob wir vorher noch über irgendwas reden wollen, aber sie sagte: „Das Schwierige ist, dass ich nie so genau weiß, ob ich alles richtig gemacht habe.“

Ich erklärte ihr dann nochmal, dass sie nicht alles richtig machen muss. Sondern dass sie ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl mit dem haben sollte, was sie tut. Und falls das einmal nicht so ist, sollte sie darüber sprechen und bereit sein, für die Zukunft etwas daran zu ändern. Sie sagte: „Aber manchmal denke ich, es ist alles gut, und dann kommt ganz plötzlich irgendwas auf mich zu, was doch nicht so gut war.“ – „Dass immer alles gut ist, kann dir niemand garantieren. Aber wichtig ist, und das sage ich gerne nochmal, dass du mit dem, was du tust, ein gutes Gefühl hast. Vertraue auf deinen Bauch, höre auf dein Herz, schalte deinen Verstand ein und sei offen für Kritik.“

Der Elternabend selbst war inhaltlich überschaubar. Es steht noch eine Klassenfahrt an. Fünf Tage wollen sie nach Bayern. Ein männliches Elternteil fragte tatsächlich, ob Helena nicht zur Klassenfahrt ihren Rollstuhl zu Hause lassen könnte, weil das doch die Möglichkeiten aller sehr einschränke. Ich musste darauf aber gar nicht reagieren, vor mir platzten schon drei anderen Müttern die Krägen. „Das ist doch nicht Ihr Ernst“, „Habe ich das wirklich gerade gehört?“ und irgendwas mit „Problem erkannt“ riefen sie durcheinander. Der Vater legte noch einmal nach: „Bevor sich alle so aufregen, möchte ich noch die Information liefern, dass das Kind zeitweilig auch ohne Rollstuhl zurecht kommt und damit offensichtlich steuern kann, wann es ihn braucht und wann nicht. Es wäre also für alle anderen 22 Schüler von Vorteil, wenn das eine Kind den während der Klassenfahrt mal nicht bräuchte und im Gegenzug alle 23 Kinder auf Berge klettern, Sommerrodelbahnen herabbrausen, ins Schwimmbad gehen und Sessellift fahren können, statt langweilige Museen anzuschauen und Abende in der Oper zu verbringen.“

Eine der beiden Lehrerinnen meldete sich zu Wort: „Ich bin entsetzt, einen solchen inakzeptablen Vorschlag unterbreitet zu bekommen. Noch dazu in Gegenwart der Pflegemutter, die auch noch selbst im Rollstuhl sitzt.“ – Nun lenkte er vom Thema ab: „Soweit ich weiß, gibt es doch zwei Pflegemütter. Und wenn ich mich richtig erinnere, saß die andere doch auch im Rollstuhl.“ – Ich konnte mich nicht mehr zurück halten und sagte: „Na, das ist ja ein Ding.“ – „Finden Sie auch, oder? Aber ich sage ja gar nichts, jede Zeit bringt ihre Veränderungen, und heute dürfen eben auch zwei Frauen zusammenleben und eigene Kinder haben.“

Okay. Er ist doof und will provozieren. Also lass ich das unkommentiert. Erschreckend finde ich, was solche Haltung der Eltern bei den Kindern auslöst. Oder anders: Kein Wunder, wenn Kinder mobben, wenn die Eltern ihnen eine derartige Intoleranz vorleben. Weil ich nicht antwortete, ergriff ein anderer Vater das Wort. Er sagte: „Selbst meine Eltern hatten noch was gegen Homosexualität. Sie haben die Musik von Elton John gerne gehört, bis sie herausgefunden haben, dass er homosexuell ist. Dann mochten sie ihn nicht mehr, weil er angeblich seine Songs mit schwuler Feder geschrieben hatte. Als meine Eltern so redeten, war mir klar, dass ich eine andere Generation bin. Aber dass Sie jetzt solche Ansichten vertreten, kann ich nicht verstehen. Ich habe nichts gegen Homosexualität und ich finde es toll, dass die beiden Frauen trotz ihrer Behinderung ein Kind aufgenommen haben, das offenbar selbst eine Behinderung hat. Darf ich fragen, wie lange Sie ein Paar sind?“

Ich sagte: „Wir sind seit Jahren sehr eng befreundet. Aber wir haben keine Beziehung miteinander.“ – Darauf fängt doch der Vater, der gerne 23 Kinder beim Bergsteigen hätte, zu lachen an und sagt: „Also die Lüge ist ja inzwischen auch ein legitimes Mittel, sich zu verteidigen.“

Was soll ich darauf erwidern? Die Lehrerin fährt mit ihrem Gesprächsprogramm fort, der Vater grinst sich einen und geht zwischenzeitlich drei oder vier Mal mit dem klingelnden Handy vor die Tür … ich habe selten zuvor jemanden so unsympathisch gefunden.

Am Ende sagte die Lehrerin, dass das Programm, das für die Klassenfahrt geplant sei, mit der Klasse und auch mit Helena besprochen worden sei und Helena offenbar sehr genau wisse, was sie könne und was nicht. Allerdings habe die Lehrerin Bedenken wegen des Diabetes und wünsche sich, dass eine Begleitperson, zum Beispiel Marie oder ich, mitfahren würden. Ich habe allerdings gesagt, dass ich davon ausgehe, dass sie die Woche ohne Hilfe auskommen wird und ich jederzeit bei Problemen erreichbar bin. Wir haben, seit die neue Pumpe da ist und seit sich das einigermaßen eingespielt hat, keine einzige Situation mehr gehabt, in der Marie oder ich irgendetwas unternehmen mussten. Wenn was zu unternehmen war, hat Helena das selbständig und richtig entschieden. Zwar meistens in Abstimmung mit Marie oder mir, aber es gab keine Situation, die Helena, wenn sie auf sich gestellt ist, nicht alleine bewältigt hätte. Von daher möchte ich eigentlich ganz bewusst darauf verzichten, sie zu begleiten.

Spannend fand ich dann noch, dass offenbar vor rund drei Wochen eine Gruppe aus vier oder fünf Schülern ein Video herausgebracht haben soll, in dem es um das Körpergewicht eines wohl übergewichtigen Schülers gehen soll. Es soll damit begonnen haben, dass die Mutter bei der Geburt gestorben sei, weil das Kind zu fett war. Die Eltern dieser Schüler seien mit der Schule im Gespräch, man wolle aber nunmehr alle informieren. Helena hat mir davon gar nichts erzählt. Wie sich später herausstellte, wusste sie davon gar nichts. Vielleicht müssen Marie und ich das positiv sehen, weil sie offenbar nicht mit den falschen Leuten zusammen war. Mich erschreckt aber einmal mehr, welche Übergriffigkeit unter den Jugendlichen stattfindet und scheinbar an der Tagesordnung ist.

Trampolin

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Helenas Krankenkasse ist halbwegs zur Vernunft gekommen und will ihre Insulinpumpe nun doch vollständig übernehmen. Also zumindest den verordnungsfähigen Teil des Systems. Die Zuzahlung, die anfallen sollte, weil die Insulinpumpe angeblich einen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens ersetzen soll, soll entfallen. Die Krankenkasse hat den Bescheid trotz angezeigter Vertretung nicht an den Anwalt geschickt, sondern direkt an (die minderjährige) Helena. Die Kohle werde auch nicht an uns überwiesen, die ja die Rechnung bereits bezahlt haben, sondern an die Firma, die uns die Pumpe verkauft hat. Es steht ein Satz im Bescheid: „Bitte setzen Sie sich zwecks Abrechnung Ihrer Vorleistung direkt mit dem Leistungserbringer in Verbindung.“

Auch zum beantragten Handbike (Vorspannbike) haben sie sich gemeldet. Auch bei Helena direkt. Helena möge eine Bescheinigung ihrer Schule einreichen, dass das Therapiefahrrad (!) für den Schulunterricht benötigt werde. Außerdem werde eine Stellungnahme des Haus- oder Facharztes benötigt, warum neben dem Rollstuhl auch noch ein Therapiefahrrad benötigt wird. What?! Auch gleich zum Anwalt. Sowas kann ich wirklich nicht leiden. Es ist mir einfach zu dämlich.

Susi und Otto haben Helena zum 13. Geburtstag ein Gartentrampolin geschenkt. Sie wusste davon noch nichts, hatte damals einen Gutschein für eine Überraschung im Sommer bekommen und den an ihre Pinnwand gehängt. Am Freitag hatte Otto Zeit, das Ding aufzustellen. Damit Helena nicht so hoch klettern muss, und damit es so unauffällig wie möglich bleibt, haben wir uns für eins entschieden, das man in den Boden eingräbt. Das Sicherheitsnetz, das verhindert, dass jemand nach falschem Abspringen außerhalb des Trampolins auf dem harten Rasen landet, kann beispielsweise im Winter abgebaut werden. Da Susi und Otto nicht für halbe Sachen zu haben sind, hat es rund vier Meter Durchmesser. Weil bei uns noch keine hohen Bäume wachsen, war das Eingraben zwar schweißtreibend, aber keine übermäßige Herausforderung.

Als Helena von der Schule nach Hause kam, freute sie sich, Otto zu sehen, wusste aber nicht, dass er ihretwegen bei uns war. Otto hatte die Rolläden zum Garten halb herunter gelassen. Angeblich wegen der zu grellen Sonne. Helena fragte nicht nach, sondern stürzte sich auf die Spaghetti. Als wir fertig waren mit Essen, ließ ich die Rolläden wieder nach oben. Der Blick war frei auf das Trampolin am Ende des Gartens. Es dauerte fünf Minuten, bevor Helena fragte: „Was ist das für ein komisches Netz dahinten? Ist das bei uns oder nebenan?“ – „Marie und Jule haben sich eine neue Kompost-Anlage gekauft, wo im Herbst das ganze Laub reinkommt“, blödelte Otto, ohne eine Miene zu verziehen. Helena glaubte ihm das erstmal und antwortete: „Und warum stellen wir die jetzt dorthin und nicht im Herbst?“ – Ich sagte: „Geh mal hin und guck dir das Ding mal genau an.“

Jetzt ahnte sie was und flitzte los. Ging einmal drum herum, musterte alles genau, testete ganz vorsichtig mit der Hand, wie hart oder weich die Sprungfläche ist, kam wieder zurück und fragte: „Darf ich es ausprobieren?“ – „Wenn du möchtest, darfst du den Geburtstags-Gutschein einlösen. Dann gehört es dir, Helena“, antwortete Otto. Sie guckte ihn erst drei Sekunden mit ungläubigem Blick an, dann sprang sie ihm um den Hals und gab ihm einen Kuss. Dann fragte sie mich: „Darf ich?“ – Ich sagte: „Ja, na los!“ – „Ich zieh mir schnell was anderes an, okay? Jeans ist nicht so gut dafür. Und ich brauche warme Socken, weil ich ja meine Schuhe ausziehen muss.“

Fünf Minuten später saßen Marie und ich mit Otto auf unserer Terrasse in der Sonne, während Helena ihr neues Trampolin erkundete. Wir waren zwar in Sichtweite, aber ich finde es gut, wenn sie das alleine ausprobiert. Wenn sie etwas will, kann sie ja sehr geduldig und zäh sein. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis sie zum ersten Mal aufrecht auf diesem nachgebenden Boden stand und versuchte, ein wenig hochzuspringen. Vorher ist sie mindestens dreißig Mal wieder umgefallen. Immer wieder drehte sie sich auf die Seite, ging in den Vierfüßlerstand, Oberkörper hoch, hinstellen. Das Hinstellen war das Schwierigste. Aber irgendwann stand sie, wippte vorsichtig vor und zurück, sprang etwas hoch und lag wieder lang. Ottos Blick war voller Fragezeichen: „Vielleicht wäre ein Bungee-Trampolin besser gewesen?“ – Marie antwortete: „Wir stellen uns hier doch keinen zehn Meter hohen Blitzableiter in den Garten. Warte mal ab. Sie wird das schaffen wollen, und alles, was dann kommt, ist gut für ihre Koordination.“

Zehn Minuten später kletterte sie vom Trampolin herunter. Und hatte große Probleme, auf dem festen Boden zu stehen. Ohne Orthesen sowieso, nach dem wackeligen Trampolin noch mehr. Ich sah sie schon fliegen, aber es ging doch gut. „Das ist ganz schön anstrengend. Aber ich schaffe das. Ich muss nur üben. Darf ich Kiara fragen, ob sie zu mir kommt?“

Keine halbe Stunde später war Kiara da. Die beiden flitzten gemeinsam zum Trampolin. Kiara nahm Helena an beiden Händen und fing an, mit ihr gemeinsam zu üben. Jetzt, wo Helena einigermaßen Stabilität hatte, gelang es ihr auch, die Balance zu halten. Fünf, sechs Sprünge, dann war erstmal wieder Schluss. Helena und Kiara kamen zur Terrasse. Helena sagte: „Das geht so viel besser, aber erstmal gibt es noch ein neues Problem. BB. Nicht ‚Big Brother‘, sondern ‚Bouncing Bladder‘.“ – Kiara fragte: „Was ist Bouncing Bladder?“ – Helena antwortete: „Meine Spasti-Blase ist so undicht wie die von Oma nach der zehnten Geburt. Deswegen steigen Omas ja auch nie auf Trampoline.“

Trotz der eher coolen Reaktion guckte Helena mich nahezu ängstlich an. Leider ist es wegen des hohen Muskeltonus oft so, dass Menschen mit Cerebralparese auch Schwierigkeiten mit ihrer Blase haben. Der Effekt verstärkt sich natürlich, wenn man auf einem Trampolin auf und ab springt. „Ist okay, Helena. Geh aufs Klo, zieh dir ne frische Hose an und vielleicht ziehst du dir zur Sicherheit noch was drunter.“ – Helena schluckte deutlich sichtbar einen Kloß hinunter. Das neue Trampolin war aber so spannend, dass sie kurz danach wiederkam und dann weiter mit Kiara übte. Kiara war sehr geduldig mit Helena und nach einer weiteren halben Stunde klappte es bereits sehr gut. Beide hielten sich nach wie vor an den Händen, probierten aber jetzt schon, nicht gleichzeitig zu springen, sondern abwechselnd. Auch das klappte. Sie hatten ein Handy daneben gelegt, auf dem Musik lief, und waren seit einer Stunde ununterbrochen am Quatschen und Lachen. Otto wurde zunehmend entspannter und schickte erstmal ein Kurzvideo an Susi.

„Ich werde morgen so einen fiesen Muskelkater haben“, sagte Helena, als ich sie abend rein holte. „Meine Knie zittern, meine Arme tun weh, aber es war toll.“ – Die beiden entschieden spontan, dass Kiara bei Helena übernachten sollte. Uns war es recht, Kiaras Mama auch. Beide gingen duschen, Kiara bekam anschließend Short & Shirt von Helena, eine Zahnbürste von mir, ich bezog noch ein weiteres Kopfkissen und nach dem Abendessen verschwanden sie in Helenas Zimmer. Als ich um neun einmal nach Helenas Zucker schauen wollte, immerhin hatte sie heute ungewöhnlich viel Sport, leuchtete eine Nachttischlampe, eine Bluetooth-Box spielte irgendeine Playlist ab und zwei Teenys lagen völlig fertig im Bett, hatten alle Viere von sich gestreckt und schnarchten um die Wette. Ich deckte Kiara richtig zu, las Helenas Blutzucker ab, stellte das Gedudel und das Licht aus und rollte wieder nach draußen.

„Pennen beide tief und fest“, sagte ich zu Marie. Sie hatte zwischenzeitlich den Kamin zum Brennen gebracht. Otto blieb noch eine gute Stunde, dann fuhr er zurück zu seiner Susi. Kaum waren Marie und ich alleine, kam Kiara aus dem Bett. „Kann mal bitte jemand nach Helena schauen? Sie atmet so komisch und zuckt.“ – Oh nee. Ich setzte mich vom Sofa in den Rolli, flitzte in ihr Zimmer. Marie kam hinterher. Die Nachttischlampe leuchtete. Helena schwitzte, atmete relativ schnell, murmelte irgendwas. Bewegte hin und wieder den Kopf hin und her, zuckte immer mal wieder mit einer Hand. Die Augenlider waren zwar geschlossen, aber man konnte eine ausgeprägte Bewegung der Augen erkennen. „Sie träumt nur“, sagte ich. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett, legte einen Arm um ihren Oberkörper, streichelte ihr mit der anderen Hand durch das Gesicht. „Hey, Helena! Alles okay? Helena?“

Im gleichen Moment fuhr sie hoch: „Waswaswas?“ – Als sie mich erkannte, ließ sie sich wieder auf das Kissen fallen, seufzte und sagte: „Ich hab voll den Mist geträumt. [Der frühere Pflegevater] wollte mich zurück holen und wollte mich mit Süßigkeiten locken. Und ich wusste die ganze Zeit, dass ich in Gefahr bin, aber ich durfte mir nicht anmerken lassen, dass ich den Süßigkeiten-Trick durchschaut hatte. Ich wollte abhauen, aber aus irgendeinem Grund ging das immer nicht.“ – „Du bist bei uns und niemand holt dich zurück. Atme mal tief durch und drücke mal meine Hand ganz fest. Das war nur ein böser Traum. Lass uns mal bitte einmal nach deinem Zucker gucken.“ – Der war aber normal. Kiara legte sich wieder zu Helena ins Bett und sagte: „Wenn ich schlecht träume, mache ich erstmal Licht an und dann gucke ich erstmal einen Moment Fernsehen, damit mein Gehirn etwas anderes verarbeitet und den Traum vergisst. Wir könnten vielleicht noch einen Augenblick quatschen. Und nochmal über das Trampolin reden oder so.“ – Gute Idee.

Glücklich und zufrieden

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Ja, gestern fühlte ich mich so halbwegs wieder fit. Was auch einigermaßen wichtig war, denn wir bekamen Besuch vom Jugendamt, das sich turnusmäßig anschauen wollte, wie es Helena geht. Um turnusmäßig zu entscheiden, wie es mit Helena weitergeht. Weil ja alles so schön unter gefühlt einem halben Dutzend Behörden aufgeteilt ist, müssen wir uns mit zwei Jugendämtern unterhalten: Ein örtliches, das offiziell für Erziehungsfragen und die Auszahlung der Kohle zuständig ist, und eins an ihrem bisherigen Wohnort, das für die Kohle aufkommen muss, die Helena kostet.

Das Kosten tragende Jugendamt hat sie seit Monaten nicht mehr gesehen, und bisher sind auch wir immer dorthin gefahren. Heute sollte es anders sein: Eine Mitarbeiterin hatte sich angekündigt, Helena in ihrem häuslichen Umfeld zu besuchen und mit allen ein Gespräch führen zu wollen. Marie hatte Dienst getauscht, Helena hat extra ihr Nachmittagsprogramm gecancelt, sogar Susi war extra für einen Kurzbesuch von einer Stunde zwischen Vormittags- und Nachmittagssprechstunde angereist.

Ich erinnere mich noch an offizielle Anlässe während meiner Kindheit. Auch noch an solche in Helenas Alter. Auch wenn wir nie Besuch vom Jugendamt bekamen. Ich musste vorher nochmal zum Friseur, Haare waschen und zusammenbinden, am liebsten flechten, Fingernägel schneiden, die besten Klamotten anziehen, am liebsten ein Kleid und polierte Schuhe, und dann: Schön artig sein! Es wirkt im Nachhinein für mich so, als wären meine Eltern nicht in der Lage gewesen, auf eventuelle Unpässlichkeiten angemessen zu reagieren. Vielleicht war es vor fünfzehn Jahren aber auch einfach eine ganz andere Zeit. Ich wundere mich gerade über mich selbst, diesen Satz zu verwenden.

„Die nehmen mich hier aber nicht wieder raus, oder?“ – Diese Frage hatte sie mir in den letzten drei Tagen schon fünf Mal gestellt. Und eigentlich hatten wir auch darüber gesprochen. Aber sie hat das Trauma noch lange nicht überwunden. Cool bleiben. „Ich wüsste nicht warum, Helena.“ – „Das ist wirklich nur ein Routine-Besuch, oder?“ – „Ja, Helena. Warum hast du denn plötzlich solche Angst? Hast du was angestellt?“ – „Nein, nichts Großes, aber es gibt bestimmt Dinge, die ihr nicht gut findet und einige Sachen habe ich ja auch falsch gemacht.“ – „Setz dich doch nicht so unter Druck, Helena. Es geht bei dem Termin nicht darum, zu petzen oder dich anzuklagen. Sondern darüber zu sprechen, ob es dir hier gut geht.“ – „Es geht mir gut. Es ging mir nie besser.“ – „Aber das wissen die doch nicht. Und du weißt doch selbst, dass es Pflegefamilien gibt, in denen es den Kindern nicht gut geht. Das prüfen die immer mal wieder.“ – „Und warum haben die bei meiner letzten Pflegefamilie nicht gesehen, dass es mir schlecht ging?“

In dem Moment klingelte es. Pünktlich, zwei Minuten zu früh. Susi öffnete die Tür. Die Mitarbeiterin, die herein kam, kannten wir schon vom letzten Termin auf dem Amt. Ich hatte sie als sehr freundlich in Erinnerung. Sie gab uns allen die Hand, dann setzten wir uns an den Esstisch. Helena war extremst aufgeregt. Rotes Gesicht, unruhige Hände, ängstlicher Blick. „Helena, ich bin gekommen, um mir einen Eindruck von deinen aktuellen Lebensverhältnissen zu machen. Du erinnerst dich vielleicht noch an mich von unserem letzten Gespräch. Wie geht es dir heute?“ – „Gut“, sagte Helena wie aus der Pistole geschossen. Ein Wort. Bloß nicht mehr. Die Mitarbeiterin erwiderte: „Ich muss sagen, du siehst auch sehr gut aus und machst auf mich einen sehr positiven ersten Eindruck.“ – „Dann darf ich also weiter hier bleiben?“

Oh jee. Die Mitarbeiterin fing die Frage aber sehr gut auf: „Es geht heute nicht um Dürfen, Helena, sondern um Möchten. Du bestimmst ganz alleine für dich, ob du weiter hier bleiben möchtest.“ – „Ich möchte das auf jeden Fall“, sagte sie sofort. Marie sagte: „Helena hat die ganz große Befürchtung, dass es heute erneut darum gehen könnte, eine neue Familie für sie zu finden. Sie ist die ganze Zeit schon extrem angespannt. Deshalb möchte sie gerade nicht so lange um den heißen Brei herumreden, sondern kommt direkt zur Sache.“ – „Marie!“, rief Helena. Ich nahm mir ihre schweißnasse Hand. Sie schüttelte mich weg. Die Mitarbeiterin sagte: „Also nochmal: Ich bin glücklich, wenn es dir gut geht. Von mir aus muss sich nichts ändern. Es sei denn, du möchtest das und bittest mich darum. Du weißt, dass du das jederzeit tun kannst, du hast von mir mal eine Karte mit meiner Nummer bekommen. Du kannst mich immer anrufen, wenn was ist, und du bekommst auch heute einmal die Chance, mit mir unter vier Augen zu sprechen. Aber ich bin heute nicht gekommen, um was zu ändern, sondern weil ich mir regelmäßig ein Bild davon machen muss, ob alles in Ordnung ist. Okay?“ – Helena nickte.

Sie holte einen Pappdeckel aus ihrer Handtasche, in dem einige Blätter lagen, nahm sich einen Kugelschreiber in die Hand, und fragte Helena: „Kannst du mir mal eine normale Woche beschreiben? Also was du so machst?“ – Helena beschrieb. In allen Einzelheiten. Die Mitarbeiterin machte sich Notizen. Hakte nach. Ob Kiara ihre beste Freundin sei. Wieviele Freundinnen sie hätte. Ob sie erzählen möchte, mit wem sie gerade zusammen sei. So langsam entspannte sich Helena und plauderte. Schule war ein Thema. Sport war ein Thema. Ob sie beim Reiten immer eine Kappe trage, wollte die Mitarbeiterin wissen. „Na klar, ich bin doch nicht lebensmüde“, erwiderte Helena beinahe entsetzt. Die Mitarbeiterin sagte: „Ich habe neulich ein Mädchen besucht, das zeigte mir einige Fotos vom Reiten, da war sie aber überall ohne Kappe drauf. Das fand ich gar nicht gut.“

Das war das Stichwort. Helena stand auf, ging in ihr Zimmer und kam mit einem Tablet zurück. Fotos vom Reiten. Mit Kappe. Und vom Strand. Und vom Volksfest. Und von Susi und Otto aus dem Garten. Und von Maries Hund. Auf dem Bauch, auf dem Rücken, beim Laufen, springen, schlafen, Nahaufnahmen, Fernaufnahmen – kurzum: „Du magst den Hund sehr gerne, oder?“ – Von unserem Garten, von Katzenbabys am Pferdestall. Marie, Susi und ich guckten uns an, wir kamen uns irgendwie überflüssig vor. Angenehm überflüssig. „Hast du Geheimnisse, die du zu Hause nicht erzählst?“ – Ganz plötzlich, ganz überraschend. Helena guckte die Mitarbeiterin an, guckte uns an, sagte dann: „Na klar! Und wissen Sie, was cool ist? Ich werde nicht erpresst deshalb.“ – „Was meinst du mit ‚erpresst‘?“ – „Na, so lange unter Druck setzen, bis ich das sage“, sagte sie. Und fügte leise hinzu: „So wie das früher war.“

„Kennst du den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen?“, fragte sie weiter. Helena antwortete erstaunlich erwachsen: „Sie brauchen sich da gar nicht solche Mühe zu geben. Ich habe im Moment kein Geheimnis, was ich nicht schon erzählt habe oder was wirklich eins ist. Jule hat gesagt, dass es ein Unterschied ist, ob ich richtig etwas mit aller Kraft in mir einschließe, oder ob ich nur nicht ständig drüber quatsche.“ – „Was ist denn der Unterschied?“ – „Also ein großes Geheimnis darf wirklich niemand erfahren. Und das andere ist so: Ich hatte heute morgen einen fetten Pickel im Gesicht, den ich ausgedrückt habe bis der platzte und es blutete, aber das erzähle ich einfach nicht jedem, weil es eklig und peinlich ist. Aber wenn jetzt jemand fragt, mache ich da kein Geheimnis draus, sondern erzähle das. Worüber ich zum Beispiel gar nicht rede, ist das, was wir in der Therapie besprechen. Das bleibt dort im Raum und das ist mir sehr wichtig. Aber das ist kein Geheimnis, weil ich es ja nicht für mich behalte, sondern weil ich darüber im Moment nur während der Therapie reden möchte.

„Wie groß ist deine Privatsphäre?“ – „Ist das das mit dem Alleinesein? Also ich kann das Bad abschließen und an meiner Zimmertür ist so ein Rahmen, wo man Zettel reinschieben kann. Da kann ich dann drauf schreiben, dass ich nicht gestört werden will.“ – „Und das klappt?“ – „Naja, wenn Jule sich Sorgen macht, klopft sie. Dann ruf ich ‚Stop‘ und dann weiß sie, dass sie nicht reinkommen darf und dass ich aber noch lebe.“ – Ich ergänzte: „Wir haben wegen des Diabetes die Abmachung, dass die Zimmertür nicht abgeschlossen wird, dass aber das Schild an der Tür von uns allen beachtet wird und bei geschlossener Tür sowieso immer ein ‚Ja‘ abgewartet wird. Das gilt übrigens auch, wenn Helena eine Tür öffnen will.“

Helena ergänzte: „Aber meine Tür hat trotzdem einen Schlüssel. Nur den nehme ich nicht.“ – „Zu wem gehst du, wenn du nachts schlecht geträumt oder zum Beispiel Bauchschmerzen hast?“ – „Also zum Glück träume ich nicht so häufig schlecht, und wenn, dann muss ich überlegen, ob ich mich nicht lieber unter meiner Bettdecke verkrieche oder erstmal Licht anmache. Aber wenn ich nachts Angst habe oder so, dann gehe ich manchmal zu Jule und manchmal zu Marie. Meistens aber zu Jule, weil sie ein Wasserbett hat, und das ist ganz flauschig und warm.“ – „Du schläfst dann bei Jule im Bett?“ – „Dafür bin ich eigentlich zu alt, oder?“ – „Nein, das hängt nicht vom Alter ab. Wenn du Wärme und Nähe brauchst und sie bekommen kannst, dann darfst du sie dir auch nehmen. Wichtig ist nur, dass das bei Wärme und Nähe bleibt. Verstehst du, was ich meine?“ – „Also manchmal kämpfen wir auch im Bett. Aber nur aus Spaß. Und ich bin meistens stärker. Oder wir quatschen noch im Dunkeln.“ – „Das ist auch okay.“ – Ich griff in das Gespräch ein, da Helena nicht verstand, was die Mitarbeiterin sagen wollte: „Wir schlafen alle angezogen.“

Darauf sagte Helena natürlich: „Nee, manchmal schlafe ich aber auch ganz nackt. Und seit ich hier mein eigenes Zimmer habe, darf ich das auch offiziell. Oder Marie?“ – „Aber nicht bei mir im Bett“, ergänzte ich. – „Nee, das stimmt. Achso, jetzt verstehe ich! Igitt, nee, ich fang doch nicht mit Jule oder Marie was an! Die wären mir doch viel zu alt dafür. Das ist eklig.“

Dann hätten wir das ja auch geklärt. Anschließend kam noch eine Suggestivfrage, wie Helena mit meinem Freund zurecht käme. Dabei habe ich gar keinen Freund. Und die Frage, ob Marie oder ich schonmal Helenas Handy durchsucht haben, fand ich, nachdem wir an der Zimmertür anklopfen, auch überflüssig. Ohne Anlass gibt es auch keine Handy-Durchsuchung. Zumal sie ganz häufig mir auch ihr entsperrtes Handy hinhält mit aufgeklapptem Fotoalbum, und dann sind da 50 Bilder drauf, Pferde in allen Lebenslagen, die ich mir anschauen soll, weil die ja so süß sind. Und ich als (ehemalige) Pferdenarrin kann sie natürlich gut verstehen.

Ansonsten hoffen wir ein Stück weit darauf, dass „das“ gut geht. Sie hat noch keinen Datentarif außerhalb, kann also nur im WLAN ins Internet. Was in der Schule vorhanden ist, mit Jugendfilter. Zu Hause hat sie ebenfalls ihr eigenes WLAN-Netz, mit Jugendfilter und wochentags ist abends um 21 Uhr Feierabend, am Freitag und am Samstag ist ihr WLAN um 23 Uhr aus. Beschützen können wir sie nicht vor den bösen Seiten der Medien, und sie erzählte mir neulich bereits: „Jule, die Jungs in meiner Klasse schicken sich die ganze Zeit eklige Sachen hin und her. Nackte Frauen, die ihren nackten Po in die Kamera halten und dann damit wackeln, und …“ – Ich führe das hier nicht weiter aus, sondern nenne nur das Stichwort, aus Gründen: Bu**ake. Aber es ist ja demnächst Elternabend. Wo es zur Sprache kommen wird, nur vermutlich nichts ändert.

Das thematisierte Helena zum Glück nicht. Genauso wie die unentschuldigten Fehlstunden. Nicht, dass ich das nicht besprochen hätte, aber so war es natürlich einfacher. Die Mitarbeiterin redete mit Marie und mir kurz, und war erstaunt, dass wir auch nach drei Nachfragen noch darauf beharrten, dass Helena noch nie richtig genervt hat. Sie redete auch kurz mit Helena alleine, aber das war auch nach drei Minuten wieder vorbei.

Am Ende war die Mitarbeiterin glücklich und zufrieden. Sie habe ein sehr positives Gesamtbild aufgenommen. Als sie draußen war, fiel Helena erst Marie, dann mir um den Hals und knutschte uns ab. Es war deutlich zu spüren, dass ihr ein großer Stein vom Herzen gefallen war.

Ab morgen bin ich wieder gesund genug für die Frühschicht. Also nix mit Tanzen in den Mai. Schlafen in den Mai. Und dann um Fünf aus den Federn. Hurra.

Krank ist krank

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Sagenhaft, was ich so alles erlebe, wenn ich eine Woche im Bett liege! Zum Beispiel habe ich mich von meiner linken Seite auf die rechte Seite gedreht. Und von der rechten manchmal auch wieder auf die linke. Und zwischendurch noch auf den Rücken. Manchmal auch auf den Bauch. Und wieder zurück.

Gemessen an der Anzahl meiner Stunden in der Pädiatrie war ich lange nicht krank. Wirklich lange. Gefühlt ist es schon über ein halbes Jahr her. Aber irgendwann erwischt es jeden. Trotz größtmöglicher Vorsicht und Hygiene. Es fühlte sich schon in der letzten Woche so an, als wenn ich irgendwas ausbrüte. Ich hatte dann vorsichtshalber schonmal die üblichen Verdächtigen aus ihren Tiefs substituiert und meinen edlen Körper maximal geschont, in der Hoffnung, der Kelch würde an mir vielleicht noch vorübergehen. Aber nein: Volle Breitseite.

Wobei sich das Halsweh durch acht bis zehn Kräuterbonbons ganz gut im Rahmen halten ließ. Allerdings vertrage ich weder diese Mengen an Fruchtzucker, noch diese Mengen an Zucker-Ersatzstoffen, die in den meisten Hustenbonschen enthalten ist. Ich weiß, too much information, aber ich habe stundenlang immer wieder gefurzt und fühlte mich dabei wie ein Pferd, das irgendwer mit frischem Brot und Würfelzucker gefüttert hat.

Das Kribbeln in der Nase und der ganze Rotz, der danach kommt, war auch innerhalb von zwölf Stunden vorbei. Husten hatte ich gar nicht erst. Fieber auch nicht. Im Grunde waren die klassischen Erkältungssymptome innerhalb von 24 Stunden durch. Aber die Gliederschmerzen: Nicht auszuhalten. Von Sonntag bis Donnerstag habe ich nicht gewusst, wie ich liegen sollte. Auch Sitzen ging nicht. In Ruhe war es schon nicht wirklich schön, aber wenn ich dann auch noch irgendeinen Muskel anspannen sollte, um mich beispielsweise umzudrehen oder in den Rollstuhl zu kommen, hätte ich am liebsten geschrien vor Schmerz. So eine fiese Geschichte!

Ich musste Schmerzmittel nehmen, weil das ohne nicht auszuhalten war. An Schlaf war überhaupt gar nicht zu denken. Von den üblichen freiverkäuflichen Tabletten ließen sich die Schmerzen überhaupt nicht beeindrucken. Abgesehen von Paracetamol, das halbierte nach etwa 20 Minuten die Schmerzen auf ein irgendwie erträgliches Maß, nach zwei Stunden war aber alles wieder beim Alten. Das Zeug wie Smarties zu fressen, würde sehr kurzfristig dazu führen, dass die Leber Pfötchen gibt. Absolut nicht empfehlenswert. In telefonischer Abstimmung mit Susi, Maries Mutter, fuhr ich also am Sonntag zur nächsten notdienstbereiten Apotheke, rund 35 Kilometer entfernt, um irgendwas Wirksameres zu bekommen.

Es gibt zwei Mittel, ein Opioid und ein Nicht-Opioid, die etwa 30 Mal stärker sind als ASS, und die beide noch ohne Betäubungsmittelrezept zu bekommen sind. Beide Mittel werden von Menschen, die von Opiaten abhängig sind und eine Ersatztherapie machen, häufig nebenbei konsumiert, weshalb diese Medikamente in Apotheken nur sehr schwierig zu bekommen sind. Es gibt noch einen Geheimtipp, ein Mittel, das ebenfalls ohne Betäubungsmittelrezept zu bekommen ist, und etwa 200 Mal stärker als ASS wirkt, und das in der Drogenszene uninteressant ist, weil es nicht berauscht, sondern die Wirkung von Opiaten sogar teilweise noch neutralisiert und somit für Beikonsum absolut ungeeignet ist. Da es hauptsächlich in der Anästhesie eingesetzt wird, hat die Dorf-Apotheke sowas in der Regel aber auch nicht vorrätig. Susi meinte, und ich ging unter Abwägung von Nutzen und Risiko d’accord, dass das Mittel der Wahl das einzige Opioid sein sollte, das in allen Darreichungsformen mit normalem Repept verordnungsfähig ist.

Ich rollte also in die Apotheke, deren Türen trotz sonntäglichen Notdienstes offen waren, und sagte der anwesenden Apothekerin meinen Wunsch und fummelte dabei die Plastikkarte meiner „Handwerkskammer“ aus dem Portmonee. Bevor ich sie auf den Tisch legen konnte, begann sie zu lachen und sagte: „Das bekommst du hier nicht. Kannst gleich wieder abschwirren, sonst ruf ich die Polizei.“ – Ich erwiderte: „Na, na, was sind das denn für Töne?“ – „Ich diskutiere nicht!“

Sehe ich wirklich so mies aus? Ringe unter den Augen, glasiger Blick, Haare nicht gewaschen, nur mit Sporthose und Hoodie bekleidet. Aber selbst wenn, könnte man das dann nicht vernünftig sagen? Wer gibt ihr das Recht, mich zu duzen, selbst wenn ich von Betäubungsmitteln abhängig sein sollte? Ich legte meinen Ausweis auf den Tisch. Sie nahm ihn, guckte sich den an: „Sind Sie das?“ – „Jetzt ist aber gut.“ – „Wofür brauchen Sie das?“ – „Für mich selbst. Ich habe starke Schmerzen, die auf die …“ – „Haben Sie es denn schon mal mit Ibuprofen versucht? Verstehen Sie es nicht falsch, aber Sie sind doch noch sehr jung.“ – „Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“ – Sie ging kopfschüttelnd durch ihre Apotheke und kam mit einer Flasche zurück. „Mit größten Bedenken“, sagte sie. „Das ist die größte Größe, die ich vorrätig hab. Macht [knapp 20 Euro].“

50 Milliliter dürften mehr als reichen. Und ob sie Bedenken hat, war mir jetzt auch ziemlich egal. Hauptsache ich hatte keine. Als ich wieder zu Hause war, packte ich mich sofort wieder ins Bett. Einzeldosis sollten maximal 40 Tropfen sein. Ich dache mir, ich würde mal mit 5 Tropfen beginnen. Das klingt zwar homöopathisch, aber das Mittel setzt ja ganz woanders an. Und? Zehn Minuten später: Was für eine Wohltat. Die Schmerzen waren weg. Komplett weg. Ich fühlte mich wie neu geboren. Ich las noch eine halbe Stunde lang etwas, um sicher zu sein, dass nicht irgendwelche unerwünschten Wirkungen eintreten würden, dann drehte ich mich um und pennte.

Sechs Stunden hielt die Wirkung an, dann ging es wieder los. Am jeweiligen Morgen lag die letzte Einnahme immer etwa 10 Stunden zurück – das war nicht auszuhalten. Ansonsten keine Erkältungssymptome mehr, nur unerträgliche Gliederschmerzen. Am Freitagmorgen habe ich zuletzt die 5 Tropfen eingenommen, seitdem nicht mehr. Seit heute fühle ich mich wieder einigermaßen passabel. Ich werde aber noch bis einschließlich Dienstag zu Hause bleiben.

Marie und Helena waren sehr lieb zu mir. Helena kam immer mit Mundschutz rein, fragte immer wieder, ob sie mir etwas bringen sollte. „Ich würde für dich auch zu [Supermarkt, der Lebensmittel liebt] flitzen und dir ein Schokoeis holen.“ – „Das ist ganz süß von dir, aber ich habe gar keinen Appetit. Möchtest du dir eins holen?“ – „Nee. Was anderes auch nicht? Ein leckeres Stück Kuchen? Saure Gummitiere? Obstsalat? Einen Gurkensalat aus dem Kühlschrank? Eine fettige Pizza? Gar nix zu machen?“

Nee. Wenn ich krank bin, bin ich krank. Wasser ist okay, Maries Suppe zwischendrin war auch sehr lecker, aber alles, was ich hätte kauen müssen, hätte meinen Appetit überfordert. Heute habe ich schon wieder zwei Stunden in der Sonne gesessen und Weintrauben genascht. Mittwoch wird mich der Frühdienst wiederhaben.