Glückskäfer

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Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.

Tina

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Endlich mal wieder ein Vormittag, an dem ich nicht arbeiten muss. Marie hat ein Vorstellungsgespräch und ist unterwegs. Helena ist in der Schule. Sturmfreie Bude! Wow, was ich so alles tun könnte. Ich könnte splitterfasernackt zu viel zu lauter Musik durchs ganze Haus tanzen. Ich könnte mich im Latex-Outfit auf dem Küchentisch räkeln, das per Webcam ins weltweite Netz übertragen und dabei fünfhundert Euro verdienen. Ich könnte mir spontan Lukas nach Hause einladen, der übrigens ganz offensichtlich immer noch was von mir will, aber immer noch keinen Schritt weiter ist, und mal überprüfen, wie sportlich er ist. Irgendwann entführe ich ihn mal. Ob er der Richtige für etwas Dauerhaftes ist, weiß ich nicht. Vermutlich wird der Altersunterschied doch zu groß sein. Aber vielleicht gibt es was, was uns beiden Spaß macht.

Ich könnte nachschauen, ob jetzt eine Dauerwerbesendung läuft, dort für teures Geld anrufen, vom Hot Button ausgewählt werden und meine Tipps abgeben. Bei den gesuchten Tieren, die mit „S“ beginnen, würde ich auf Stirnlappenbasilisk, Schirmqualle, Samtstirnkleiber und die Seigauantilope tippen und mal eben 10.000 Euro gewinnen. Nicht 11.000 Euro, weil mir das Schwein nicht eingefallen ist. Ich könnte auch eine Actioncam in den Kühlschrank stellen und schauen, ob bei geschlossener Tür drinnen das Licht brennt. Oder sie für ein Live-Video eine Runde im Geschirrspüler mitfahren lassen.

Bevor ich meine Gedanken abschließen kann, klingelt mein Handy. Helenas Schule ist dran. Mein erster Gedanke: Stoffwechsel-Entgleisung. Wo bleibt eigentlich die bescheuerte Pumpe? „Könnten Sie gegen 10.00 Uhr in die Schule kommen? Wir müssen mit Helena und einer Mitschülerin ein Gespräch führen. Die Mitschülerin möchte, dass ihre Mutter dabei ist und hat sie bereits angerufen. Vielleicht wäre es gut, wenn Sie auch dabei sind.“ – „Worum geht es?“ – „Das würden wir dann vor Ort besprechen.“ – „Sagen Sie mir bitte ein Stichwort, ich möchte mich vorbereiten können.“ – „Es geht um eine Prügelei, in die Ihre Tochter verwickelt war. Und Prügeleien dulden wir hier nicht.“

What? Das sind ja mal ganz neue Lieder. Die kenne ich noch nicht. Wieso prügelt sie sich mit jemandem, wo sie selbst so viel Angst vor und so schlechte Erfahrungen mit körperlicher Gewalt hat? Wenn das überhaupt so stimmt. Einerseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sie eine Klopperei anzettelt, andererseits gibt es ja die Beobachtung, dass Kinder, bei denen zu Hause die Probleme mit Gewalt gelöst werden (wurden), statistisch öfter die eigenen Probleme auch mit Gewalt zu lösen versuchen. Das wird ein schwieriges Gespräch, wenn das wirklich so stimmt.

Sie soll in der Schule das Handy still und außerhalb ihrer Hände lassen. Trotzdem: Warum bekomme ich von ihr keine Nachricht? Um 10.00 Uhr bin ich in der Schule, rolle zum Treffpunkt. Helena steht im Gang, mit dem Po an eine Fensterbank gelehnt und schaut ins Leere. Neben ihr steht ein anderes Mädchen, das ich noch nicht kenne, und eine Frau, die die Mutter sein könnte. In mir kommen Erinnerungen an meine Schulzeit hoch, die ich schnell verdränge. Helena guckt zu mir hoch, als ich einen Meter vor ihr bin. „Was machst du denn hier?“, fragt sie mich.

„Dasselbe wie du, vermutlich“, antworte ich. Und weiter: „Ich bin angerufen worden, ich soll bei einem Gespräch dabei sein.“ – Helena antwortet: „So ein Blödsinn.“ – „Wieso ist das Blödsinn?“ – „Das sind Tina und ihre Mama“, sagt sie und zeigt auf die beiden. Die Mutter gibt mir die Hand. Helena geht ein Stück weiter und winkt mich zu sich heran, beugt ihren Kopf zu mir runter und flüstert: „Die blöde Kuh kriegt gleich eine Packung. Aber sie ahnt es noch nicht. Ich habe ein As im Ärmel.“ – Danach gibt sie mir einen Kuss auf die Wange, lehnt sich wieder zurück und tut so, als hätte sie nichts gesagt. In welchem Film bin ich hier?

Ein Mann, um die 55, eher edel mit Anzug und Krawatte gekleidet, kommt schnellen Schrittes den Gang entlang, klimpert mit einem Schlüsselbund herum, gibt mir die Hand, gibt der anderen Mutter die Hand, stellt sich vor. „Schön, dass das so schnell geklappt hat und Sie die Zeit erübrigen konnten. Kommen Sie bitte mit.“ – Er führt uns in einen Konferenzraum. Helena lässt sich auf einen Stuhl fallen und macht einen eher desinteressierten Eindruck. Tina lümmelt sich lässig auf einen anderen Sitz, wird von ihrer Mutter angetickt und setzt sich mit genervtem Blick gerade hin.

Der Lehrer erklärt: „Tina hat sich heute an mich gewandt, weil sie von Helena körperlich angegriffen worden sein soll. Anlass soll eine Meinungsverschiedenheit gewesen sein. Tina wollte zuerst nicht sagen, worum es geht. Inzwischen hat sie eingeräumt, Helena darum gebeten zu haben, die Deutsch-Hausaufgabe abschreiben zu dürfen. Helena habe das abgelehnt und sie als Schmarotzerin bezeichnet. Bei dem darauf folgenden Wortwechsel sei Helena ihre Mitschülerin körperlich angegangen und habe sie mit roher Gewalt zu Boden gerungen. Tina habe sich danach auf ihren Sitzplatz zurückgezogen und sich am Ende der Stunde entschieden, zu mir zu kommen. Stimmt das so, Tina?“

Tina nickt. Der Lehrer sagt: „Wer möchte dazu etwas sagen?“ – Niemand sagt etwas dazu. Helena blickt ins Leere. Der Lehrer sagt: „Dann sag ich noch was dazu: Körperliche Gewalt lehnen wir ab. Jeder Schüler verpflichtet sich, an der Schule keine Gewalt auszuüben. Es steht im Raum, dass du, Helena, dagegen verstoßen hast. Es wäre gut, wenn du dazu was sagst.“ – Helena sagt nichts, schaut weiter ins Leere. Ich hole Luft, da sagt Tina: „Damit gibt sie es ja zu.“ – Helena antwortet: „Nö. Schweigen ist neutral. Und ich darf schweigen.“ – Tina lacht. Ich muss daran denken, wie mühsam es war, Helena zu vermitteln, dass sie nicht auf alle Fragen antworten muss und sie lieber schweigen als lügen soll. Ich versuche nur gerade herauszufinden, was Helena ausdrücken möchte. Ich sage: „So lächerlich finde ich das nicht, Tina.“

Der Lehrer sagt: „Es steht jedem Menschen zu, zu schweigen. Manchmal kann es aber sinnvoller sein, etwas zu sagen. Zum Beispiel, warum man etwas getan hat. Das kann dich ja auch entlasten. So müssten wir davon ausgehen, dass du körperlich übergriffig geworden bist und würdest sanktioniert werden. Das kann sogar dazu führen, dass du verwarnt und im Wiederholungsfall von der Schule verwiesen wirst. Und ins Zeugnis könnte das auch kommen.“ – Tina streckt Helena die Zunge raus. Helena sieht das nicht, sondern blickt weiter auf ihren Schoß und murmelt: „Dann ist das eben so.“ – So kenne ich sie überhaupt nicht. Sie war in den letzten Wochen, Monaten und auch heute morgen noch ganz anders. Irgendetwas musste passiert sein, was vermutlich alte Denkmuster hochgespült hat. Oder Erinnerungen. Warum mauert sie so? Warum ist ihr scheinbar alles egal?

„Dann wäre ja alles geklärt“, sagt Tina. Jetzt platzt mir aber gleich der Kragen. Ich habe ein „Nichts ist geklärt“ auf der Zunge, aber die andere Mutter fährt ihrer Tochter in die Parade. „Du bist unmöglich, Tina. Ich kann das Verhalten von Helena zwar auch nicht gut heißen, aber …“ – „Nun nimm du sie noch in Schutz“, faucht Tina dazwischen. Die Mutter antwortet: „Ich kenne dich, Tina. Was ist das für eine Geschichte mit den Hausaufgaben? Ich habe mir doch gestern deine Deutsch-Hausaufgaben angesehen. Ihr solltet doch eure Fehler in der Klassenarbeit berichtigen.“

Welche Klassenarbeit? Helenas Augen blicken einmal kurz in meine Richtung. Davon wusste ich nichts. Warum hatte sie mir die nicht gezeigt? War es eine schlechte Note? Verheimlichte sie mir die? Später. Eins nach dem anderen. Ich wollte gerade vorschlagen, dass ich mal fünf Minuten unter vier Augen mit Helena rede, da platzt es aus ihr heraus. Sie schreit fast: „Wenn du es nicht fertig bringst, was dazu zu sagen: Ich habe mich nur verteidigt und das ist nicht verboten.“ – Der Lehrer zuckt angesichts der Lautstärke zusammen und legt seine Hand beruhigend auf Helenas Arm. Helena zieht ihren Arm weg und schiebt nach: „Sorry, bin aufgeregt.“

„Wogegen verteidigt?“, fragt der Lehrer. Helena sagt: „Tina wollte mir nasse Papierfetzen von hinten unter mein Shirt stecken. Ich wusste nicht, was passiert und habe mit der flachen Hand hinter mich gefasst, ihr Gesicht zu fassen bekommen und sie von mir weggedrückt.“ – „Stimmt ja gar nicht“, sagt Tina. Helena schreit: „Stimmt doch. Und Frau [andere Lehrerin] kann es bezeugen, die stand nämlich im Flur und hat mir die nassen Fetzen wieder rausgeholt.“ – „Helena, schrei doch nicht so. Wir hören dir ja zu.“ – „Tschuldigung, das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Das kommt von meiner Behinderung.“ – Tina fängt an, hämisch zu lachen. Bevor ich was sagen kann, sagt Tinas Mutter: „Ich muss mich doch sehr wundern.“ – Tina sagt: „Du glaubst ihr ernsthaft mehr als mir?“ – „Ja, Tina. Ich weiß, wann du lügst. Hast du das mit dem Papier gemacht oder nicht? Guck mich an.“ – „Nein.“

Der Lehrer sagt: „Ich schlage vor, wir holen Frau [andere Lehrerin] dazu. Das könnte ja etwas Licht ins Dunkel bringen.“ – Helena ist in Fahrt und antwortet: „Ich schlage vor, Tina zeigt, wie mutig sie sein kann, und macht mal reinen Tisch. Und erzählt dann auch gleich, dass sie sich immer vor allen über meine Behinderung lustig macht. Und ständig meinen [Insulin-] Pen versteckt.“ – „Das mach ich nicht.“ – „Nee, und was war neulich, als du ihn in der Hand hattest, als ich reinkam?“ – „Da hatte ich einen Stift gesucht und den aus Versehen verwechselt.“ – „Ja, ist klar, du hattest ja auch keine zehn eigenen Stifte dabei und musstest, wenn ich draußen bin, in meiner Federtasche wühlen und ausgerechnet den Pen rausnehmen. Spinn weiter.“

Tina holt Luft, aber die Mutter packt sie mit der Hand am Unterarm und faucht sie an: „Sag, dass das nicht stimmt.“ – „Natürlich stimmt das nicht.“ – „Es hätte mich auch gewundert. Mir wird aber gerade einiges klar. Ich glaube dir, Helena, und es tut mir sehr leid, dass ich meiner eigenen Tochter so in den Rücken fallen muss. Tina hat mir ein paar Mal zu Hause von dir erzählt. Aber eigentlich voller Bewunderung.“ – „Mama, das erzählst du hier nicht.“ – „Doch, Tina. Da musst du jetzt durch, und ich glaube, du wirst mir später dankbar sein dafür. Tina hat zu Hause mehrmals erzählt, dass eine neue Schülerin an der Schule ist, die eine Behinderung hat und sich auch selbst Spritzen geben muss und das alles total lässig kann. Sie hat total von dir geschwärmt und ganz viel im Internet nachgelesen über Zuckerkrankheit und sowas.“

Tina sitzt da und hat einen hochroten Kopf. Helena guckt die Mutter mit großen Augen an und fragt Tina: „Aber warum bist du dann so gemein zu mir?“ – Ich bin nur sprachlos. Tina offenbar auch. Ich fühle mich zurück erinnert an meine Schulzeit. In der ich ebenfalls mal in einem Gespräch saß mit einer Mitschülerin, die mich gemobbt hat, und ihren Eltern. Es ist fast wie ein Déjà-vu. Die Mutter sagt: „Ich glaube, sie konnte dir nicht sagen, wie sehr sie dich bewundert. Und vielleicht ist sie auch eifersüchtig auf dich. Tina ist schnell sehr eifersüchtig.“ – „Mama!“, brüllt Tina. „Du machst mich hier gerade vor allen Leuten lächerlich! Ich hasse dich!“

Tina will aufstehen und rausgehen, aber die Mutter hält sie fest. Der Lehrer sagt: „Damit habe ich jetzt so allerdings nicht gerechnet.“ – Helena steht auf, geht zu Tina, streckt ihr die Hand hin. Tina reagiert nicht. Helena sagt: „Ich würde dir eine zweite Chance geben. Wenn du dich entschuldigst.“ – So eine starke Geste von ihr. Ich muss fast weinen vor Rührung. Die Mutter schubst Tina an der Schulter an, sie möge sich einen Ruck geben. Tina guckt mit hochrotem Kopf auf ihren Schoß und sagt, ohne hochzugucken: „Du hast mich immer ignoriert.“ – What? Ich muss echt schlucken.

Ende vom Lied: Die Mutter nimmt Tina im Anschluss sofort mit nach Hause und möchte das mit ihr „nacharbeiten“. Sie hat sich bei Helena und bei mir entschuldigt. Tina sagt kein Wort mehr. Helena soll zurück in den Unterricht. Der Lehrer findet, es sei zwar sehr emotional gewesen, aber man habe wohl alles klären können, von daher sei es „am Ende des Tages“ gut gewesen, darüber zu sprechen. Wenn er meint … Ich bezweifle, dass das bei Tina geklärt ist. Und ich hätte mir gewünscht, dass Helena gleich was sagt und nicht erst schweigt. Vielleicht erfahre ich eines Tages nochmal, warum das so war.

Vor der Tür spreche ich sie auf die Deutsch-Klassenarbeit an. „Warum hast du sie mir nicht gezeigt?“ – „Ich habe sie Marie gezeigt. Du hattest gestern Spätdienst und als du mir gute Nacht gewünscht hast, hab ich es vergessen. Es ist eine Zweiminus.“ – Daumen hoch.

Antibiotika nix gut

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Die ersten Festtage haben wir alle gut überstanden. Ich musste am 1. Weihnachtstag arbeiten und hatte entgegen meiner Erwartungen eine eher ruhige Schicht. Ich musste mich zusammen mit einer rund 60 Jahre alten Kinderärztin, die nur aushilfsweise eingesetzt war und normalerweise in einer Behörde arbeitet, um vier periphere Kinder- und Jugendstationen kümmern sowie um alle ambulanten Patienten unter 18 Jahren, die keiner sofortigen Notfallbehandlung bedürfen.

Als einziges kleines Drama kam gleich am frühesten Morgen ein 2 Jahre altes Kind auf dem Arm des Vaters zur Station. Der Vater verstand nur einzelne Worte, die Mutter auch nicht viel mehr. Zum Glück sind sie nicht erst durch das ganze Gebäude gelaufen, sondern haben sich sofort am Empfangstisch gemeldet und die examinierte Pflegekraft hat sie gleich umgeleitet: „Kannst du dir das Kleinkind mal bitte ansehen? Das könnte ansteckend sein, daher hab ich die Familie gleich isoliert.“

„Mach ich“, sagte ich. Meine Aushilfskollegin sagte: „Ich will mal gucken, wie das im Rollstuhl so klappt. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wenn es dich nicht stört.“ – „Nö, kein Problem.“

Als ich die Tür öffnete und das glühende und eher teilnahmslose Kind auf dem Arm des Vaters sah, fiel mir sofort das sogenannte Milchbärtchen auf. So nennt man ein typisches Symptom, bei dem der Bereich um den Mund von einem (ebenfalls typischen) Hautausschlag ausgespart bleibt. Auch die Kollegin erkannte das von weitem und sagte gleich: „Oha, du hast Kinder zu Hause, oder? Soll ich das übernehmen?“ – „Nein, ist okay.“ – „Zieh dir einen Mundschutz an.“ – „Ja.“ – So fürsorglich ist es ja selten an meinem Arbeitsplatz.

Die Symptome waren so eindeutig, dass man sich fast schon die weiter eingehende Diagnostik sparen könnte, um den sich unmittelbar aufdrängenden Verdacht auf Scharlach zu bestätigen. Die Mutter gab an, bereits vor fünf Tagen bei einer Krankenschwester gewesen zu sein, die Kamillentee gegen die Entzündung im Hals und Wadenwickel gegen das Fieber empfohlen hätte. Wenn ich das richtig verstanden habe. Der Hals war ein einziger Eiterherd, das Kind musste unheimliche Schmerzen haben. Der Puls lag bei 150 Schlägen pro Minute. Abstrich ließ es problemlos mit sich machen. „Ich würde auch einmal Blut abnehmen“, sagte ich. Beim Schnelltest bestätigte sich dann das, was ich eigentlich ausschließen wollte: Eine akute Sepsis. Vermutlich ist der Eiterherd im Hals bereits in der Blutbahn angekommen.

Die Mutter sagte: „Antibiotika? Oder nix Antibiotika?“ – Ich sagte: „Antibiotikum auf jeden Fall, ja.“ – „Antibiotika nix gut, Gift für Kind.“ – Die Kollegin konnte nicht mehr an sich halten: „Antibiotika sofort.“ – „Kind nix Antibiotika.“ – „Kind ist morgen mausetot ohne Antibiotika.“ – Die Mutter guckte mich mit großen Augen an. Ich holte unsere Übersetzungsfolien aus der Schublade. Ihre Sprache war mit drauf, nur leider konnte sie nicht lesen. Aber der Vater ein wenig, als er seine Brille aus der Tasche geholt hatte. Ich nahm mir einen Fasermaler und kreiste Blutvergiftung, Scharlach, Intensivstation und Antibiotikum ein. Er redete mit seiner Frau. Sie kam in Fahrt: „Kind doll krank?“ – Ich antwortete: „Kind ganz doll krank! Kind braucht Hilfe. Okay?“ – „Kind muss sterben?“ – „Nein. Doktor hilft Kind. Kind bleibt hier. Okay?“ – „Doktor bitte Hilfe. Kind nix Antibiotika.“ – Die Kollegin holte schon tief Luft, als die Mutter einen Allergiepass aus ihrer Jackentasche fischte. Allergie gegen Penicillin. Das wollte sie also mitteilen. Sie war also nicht grundsätzlich gegen Antibiose, sondern wollte verhindert wissen, dass ihr Kind Penicillin bekommt. Ich sagte: „Penicillin. No. Nix Penicillin.“ – Die Mutter nickte aufgeregt. „Nix Penicillin gut. Bitte Doktor Hilfe.“ – Jetzt fing sie auch noch zu weinen an.

Ja, ich bin auch dafür, Antibiotika sehr sparsam, gut überlegt und korrekt einzusetzen. Aber sorry, wenn ich die radikalen Positionen einiger Eltern, die Antibiotika, Impfstoff und Bluttransfusionen generell und konsequent ablehnen, nicht nachvollziehen und nicht teilen kann. Zum Glück hat sich dieses „Missverständnis“ sehr schnell aufgeklärt. Es wäre ansonsten ein Fall gewesen, bei dem wir über das Jugendamt eine gerichtliche Anordnung zur Behandlung eingeholt hätten. Denn das war schon lebensgefährlich.

Auf dem Rückweg nach Hause stand eine relativ neue A-Klasse mitten auf der Straße. Mit Warnblinklicht. Ein Rad stand auf der Gegenfahrbahn, wie nach einem Ausweich-Manöver. Der Fahrer hatte eine Warnweste angezogen und kam mir mit dem Warndreieck entgegen. Na super. Jemanden angefahren? Mein neuer Notfall-Rucksack liegt noch zu Hause. Ich hielt an. „Brauchen Sie Hilfe?“ – „Nein, die Polizei ist schon unterwegs. Die Ricke ist tot.“ – „Sie sind nicht verletzt?“ – „Nein, mir geht es gut. Naja, ‚gut‘ ist übertrieben, aber es ist alles in Ordnung. Vielen Dank.“ – Vor dem Auto lag ein totes Reh, relativ jung. Am Auto hing das Kennzeichen senkrecht herunter. Blechschaden war nicht sichtbar. Airbags waren auch zu. Mehr war im Vorbeifahren nicht zu erkennen. Ich entschied mich, weiterzufahren.

Am 2. Weihnachtstag waren wir bei Maries Eltern. Es gab kein Flattervieh zu essen, sondern einen Kartoffel-Auflauf mit ganz vielen unterschiedlichen Gemüsesorten. Super lecker. Am Nachmittag waren Marie und ich mit Helena in der Sauna und im Pool, während Maries Eltern bei Freunden zum Weihnachtsbesuch waren. Helena entwickelt sich definitiv zum Wassertier.

Bis jetzt haben wir die Anschaffung eines Smartphones für Helena noch nicht bereut. Sie legt es tatsächlich von sich aus nach einiger Zeit weg. Zwei Nächte lag es in der Küche, so dass ich davon ausgehe, dass sie es nachts nach unserem Einschlaf-Ritual nicht noch einmal in die Hand nimmt. Aber das Ding ist schon eine gewisse Größe im Alltag. Wir beobachten es im Moment noch ohne Sorge.

Als ich heute von der Arbeit nach Hause kam, war Marie kurz zum Silvestereinkauf los. Helena und ihre beste Freundin waren alleine zu Haus. Als ich aus dem Auto stieg, hörte ich schon laute Musik. Und als ich die Tür aufmachte, tanzten im Wohnzimmer zwei Mädels gackernd zur aufgerissenen Anlage. Gerade war Morandi mit seiner Kalinka fertig, nun sang Willy William ihnen was vor, sofern man das „singen“ nennen kann. In diesem Sinne: „La lalalala la la la!!!“

Weihnachten 2018

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Ist es schlimm, wenn ich nicht geputzt habe? Ich finde, es ist immer sauber bei uns. Einmal pro Woche kommt zu uns eine junge Frau, die feucht durchwischt. Einmal im Quartal werden die Fenster geputzt. Ansonsten gurkt, wenn sonst niemand zu Hause ist, ein Saugroboter durch die Räume. Naja, groben Dreck mache ich dann schonmal sofort weg, nasse Hündinnen werden vor der Tür abgetrocknet und ein feuchter Lappen mit etwas Scheuermilch durchquert hin und wieder auch mal das Waschbecken. Aber wenn ich sehe, dass unsere Nachbarn seit Tagen mit nichts anderem mehr beschäftigt sind als mit Hausputz, finde ich Maries Bemerkung sehr passend: „Sag mal, kommt da das Christkind oder das Gesundheitsamt?“

Und dann diese ganzen Last-Minute-Einkäufer. Marie kam von ihrer Runde mit dem Hund zurück und erzählte, dass der Supermarktparkplatz bis auf den letzten Platz belegt und kein Einkaufswagen mehr zu bekommen sei. Wir haben schon am letzten Dienstag alles eingekauft. Was bin ich froh, dass ich mir das heute nicht mehr antun musste!

Um die Mittagszeit kamen Maries Eltern angereist. Die Türklingel holte Maries Hündin aus dem Tiefschlaf, sie überschlug sich fast auf dem Weg zur Tür. Als sie merkte, wer davor stand, gab es gar kein Halten mehr. Der Schwanz drehte sich im Kreis, es wurde gequiekt und gefiept als wenn man sich Jahrzehnte nicht gesehen hat. Helena fiel den beiden gleich auch erstmal um den Hals, zum Glück ohne Quieken und Fiepen.

Wir hatten gemeinsam verabredet, einen Familien-Gottesdienst zu besuchen. Um 15 Uhr sollte das losgehen. Wenn wir schon feiern, dann muss zumindest nochmal jemand genau erzählen, was wir da feiern. Und Helena musste davon überzeugt werden, dass wir nicht mit dem Auto dorthin fahren. „Die Kirche liegt in Sichtweite deiner Schule. Für das kurze Stück mach ich das Auto nicht an.“ – „Bis zur Schule ist schon hammerhart. Ich schaff das nicht.“ – „Du hast doch jetzt neue Orthesen, damit geht es bestimmt besser. Versuche es bitte wenigstens.“ – „Jule, die Orthesen geben mir mehr Stabilität, aber nicht mehr Ausdauer.“ – „Maries Mama kann dich einhaken, wir gehen langsam und notfalls nehme ich dich die letzten 100 Meter auf den Schoß, okay? Aber da ist kein Parkplatz, und wenn wir vom Auto einen Kilometer laufen müssen, haben wir nichts gewonnen.“ – „Schon gut. Aber wehe, ich pack mich mit meinem Brezel-Outfit in den Dreck.“

Wir hatten eine Dreiviertelstunde für den Weg eingeplant. Und die brauchten wir am Ende auch. Die letzten 200 Meter habe ich sie auf den Schoß genommen. Ich schätze, das wird auch durch intensives Training nicht besser. Allerdings geht sie mit Orthesen wesentlich stabiler als ohne. Bleibt zu hoffen, dass der bewilligte Rollstuhl bald kommt, damit sie längere Strecken auch vernünftig zurücklegen kann. In der Kirche waren drei Plätze für Rollstühle vorgesehen, auf denen standen aber schon sechs Großmütter und ein junger Mann. „Können Sie eventuell einen späteren Gottesdienst besuchen? Wir haben beim besten Willen keine zwei Rollstuhlplätze mehr frei.“ – „Dürfen wir uns auf eine normale Bank umsetzen und jemand bringt die leeren Rollstühle in den Vorraum?“ – „Wenn Sie das können, selbstverständlich.“

Marie und ich nahmen unsere Sitzkissen aus dem Stuhl mit. Eine Stunde oder länger auf einer harten Holzbank zu sitzen, könnte böse Druckstellen geben. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Jugendchor sang, der Pastor machte es sehr gut und kinderfreundlich. Wobei ich noch immer nicht verstehen kann, warum eine Mutter, deren Kind zuerst laut weint und dann aber aus voller Kehle kreischt und sich nicht mehr beruhigen lässt, nicht mal einen Augenblick vor die Tür gehen kann. Sicherlich, der Pastor selbst wird niemanden ausschließen, aber es war eine ziemliche Zumutung. Man hat teilweise über eine Viertelstunde lang nichts mehr verstanden, bevor der Unmut der daneben sitzenden Leute so groß wurde, dass die Mutter dann doch mit ihrem Kind rausging. Und übrigens nicht wieder reinkam.

Wie gesagt, es war sehr kinderfreundlich. Nur einzelne Bibel-Zitate, vieles gut erklärt, und dann kam das Vaterunser. „Dazu erhebt sich die Gemeinde bitte von ihren Plätzen.“ – Warum? Aus Respekt vor Gott. Immer, wenn man Gott anspricht, stellt man sich hin. So habe ich es im Konfirmanden-Unterricht gelernt und mein damaliger Pastor sagte: „Oft sehen wir ganz alte, gebrechliche Menschen, die sich ganz mühsam hinstellen. Bei denen man Angst haben muss, dass sie noch umfallen. Wenn man nicht stehen kann, kann man Respekt auch ausdrücken, indem man Kopf und Blick senkt.“ – Daran erinnere ich mich jedes Mal, wenn um mich herum hunderte Menschen aufstehen und ich sitzen bleiben muss. Bevor ich Luft holen konnte, boxte mir jemand mit den gefalteten Händen in den Nacken. Auch Marie bekam was von hinten an den Hals. Ich drehte mich um. Eine Frau, geschätzt 70 Jahre alt, feuerrote Haare, schwarz geschminkte Augen, mit langem, grauen Wollmantel bekleidet, kniff ihre Augen zusammen, machte eine zum Aufstehen auffordernde Handbewegung und fauchte mich an: „Das gilt auch für dich hier.“

Jetzt geht es jawohl los. Ohne etwas zu sagen, drehte ich mich wieder zurück. Als endlich alle wieder saßen, blökte sie hinten laut herum: „Benehmen ist bei Jugendlichen heutzutage echt Glückssache!“ – ‚Jugendlich‘ darf ich wohl als Kompliment auffassen. Aber noch so ein Spruch und ich hätte mich umgedreht und was gesagt. Im letzten Moment hörte ich jemanden leise flüstern: „Mama, das ist nicht dein Problem. Heute ist Weihnachten und wir wollen alle keinen Streit, ja?“ – „Ja, aber …“ – „Nichts ‚aber‘, du bist jetzt leise.“ – Da schien es irgendein psychisches Problem zu geben. Klar, dass dieser Mensch mal wieder nicht irgendwo, sondern in meiner unmittelbaren Nähe sitzt.

Helena saß zwischen Marie und mir und wurde zunehmend unruhig. Normalerweise fällt es ihr nicht schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, selbst wenn es keine Werbepausen gibt. War das die Aufregung? Oder wühlte sie die Geschichte um Weihnachten zu sehr auf? Dachte sie vielleicht an ihre letzte Pflegefamilie? Oder wünscht sie sich zu Weihnachten angesichts der vielen Familien um uns herum etwas anderes als wir ihr bieten können? Oder überwältigen sie gerade andere Gefühle, vielleicht weil sie ja schon mehrmals erzählt hat, dass sie sich letztes Jahr zu Weihnachten gewünscht hat, sie möge uns im Sommer wiedersehen? Oder ist es einfach nur die emotionale Stimmung mit dem Gesang, den vielen Menschen, den vielen Kerzen, die ihr nun auch noch einzelne Tränen über die Wangen kullern lässt?

Ich nehme mir ihre linke Hand, mit der sie sich auf der Bank aufstützt, und halte sie zwischen meinen beiden Händen fest. Sie ist ganz warm, aber auch etwas schwitzig. „Es dauert nicht mehr lange“, flüstere ich ihr ins Ohr. Links neben mir sitzt Maries Mama, die mich stirnrunzelnd anguckt. Ich zucke mit den Schultern. Nach zehn Minuten ist der Gottesdienst vorbei. Während Maries Papa die beiden Rollstühle holt, flüstert sie mir ins Ohr: „Bitte nicht schimpfen. Ich bin ein bißchen ausgelaufen.“ – „Oh nee, Tage oder Blase?“ – „Blase.“ – „Dann läufst du hier jetzt bitte nicht mehr durch die Gegend, sondern setzt dich gleich auf meinen Schoß und Maries Mama schiebt uns auf dem direkten Weg nach Hause.“ – „Ich setz mich doch nicht mit nassem Po auf deinen Schoß.“ – „Doch.“ – „Nein, vergiss es. So räudig bin ich nicht zu dir.“ – „Helena, ich spüre das in den Beinen nicht. Ich ziehe mir zu Hause gleich eine andere Hose an. Aber so kommen wir schnell nach Hause, ohne dass alle das sehen.“

Maries Mama ging mit uns schnurstraks zum Ausgang und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmassen. Dass sie weiß, worauf es beim Rollstuhl schieben ankommt, war von ebenso großem Vorteil wie die Tatsache, dass sie nicht erst lange nachfragte, als ich sie bat, uns ganz schnell nach Hause zu schieben. „Ist was mit dem Zucker?“, fragte sie dann aber unterwegs. – „Toilette“, antwortete ich. Helena weinte schon wieder und drehte sich dann aber zu mir um: „Warum sind diese ganzen Sachen, die Jahre lang ein großes Problem waren, bei euch so entspannt?“ – „Weil Marie und ich uns in unserem Leben schon fünfhundert Mal angepinkelt haben und die Waschmaschine auch am Heiligabend funktioniert.“ – „Ist dir das nicht peinlich?“ – „Das kommt wirklich auf die Leute an. Wenn das Menschen sind, die selbst betroffen sind oder deren Angehörige, dann nicht. Es gibt aber Menschen, die können damit überhaupt nicht umgehen und dramatisieren das. Es hängt aber auch sehr davon ab, welche Größe du der Sache gibst.“ – „Was meinst du mit ‚Größe‘?“ – „Wenn du später Marie das als normalste Sache der Welt erzählst, wird es nicht peinlich. Wenn du aber versuchst, es zu verheimlichen und weißt, dass sie es vermutlich doch irgendwie mitbekommen hat oder sich das zusammenreimen kann, steht was zwischen euch. Probiere es einfach mal aus.“

Frisch geduscht gingen Helena und ich zu Marie in die Küche, wo sie Getränke aus dem Kühlschrank holte. „Marie, ich muss dir was erzählen“, sagte Helena prompt. Ich musste grinsen. Marie drehte sich zu ihr: „Weiß ich schon.“ – „Was?!“ – „Der Weihnachtsmann ist mit deinen Geschenken durchgebrannt.“ – „Du bist doof. Nein, was anderes.“ – „Was?“ – „Ich musste so schnell nach Hause, weil ich mich angepinkelt hab.“ – „Gib mir Fünf.“ – Helena guckte verdattert und schlug in Maries ausgestreckte Hand ein. „Du auch?“, fragte sie. Marie antwortete: „Heute nicht, aber zum Club gehöre ich trotzdem noch dazu. Ich hab, bis ich in die Pubertät kam, nichts unter Kontrolle gehabt. Also drei Minuten vielleicht mal. Und ich hatte ein Hochbett. Als Querschnitt. Muss ich noch mehr sagen?“

Am Ende erzählte sie es noch Maries Papa und der reagierte auch total cool. Und während wir beim Abendessen saßen und in der Ecke der geschmückte Weihnachtsbaum stand und elektrisch vor sich hin leuchtete, huschte plötzlich ein Schatten über die Terrasse. Maries Hündin flitzte zur Terrassentür und machte dort Terror. Sowas geht jawohl gar nicht. Maries Papa sagte: „Was ist denn da los? Da schleppt irgendein alter Kerl in rotem Mantel einen Sack weg. Sind da eure Gartenmöbel drin?“ – Helena bekam den Mund nicht mehr zu. Der Hund spielte verrückt. Und ob Helena keine Bescherung erwartete, sich nicht zu fragen traute oder vielleicht einfach nur geduldig abwartete, konnte ich aus ihrem bis eben noch ganz entspannten Gesicht nicht herauslesen. Maries Vater stand auf und ging zur Tür. „Du gehst da jetzt nicht raus, wer weiß, was der will. Nicht den Helden spielen hier, ja? Müssen wir die Polizei rufen?“, fragte Maries Mutter überzeugend ernst. Helena saß noch immer mit offenem Mund da. Es klingelte an der Tür. Die Hündin flitzte von der Terrassentür zur Haustür und kläffte jetzt dort.

Marie rollte dorthin und hielt den Hund fest. Maries Papa öffnete vorsichtig die Tür. Ein Typ sagte mit tiefer Stimme: „Ist das hier richtig bei Helena, Jule, Marie, [Maries Mama], [Maries Papa] und [Maries Hündin]?“ – Die Hündin hatte ihren Namen gehört, das rote Wesen mit dem weißen Bart an Geruch und Stimme erkannt und war plötzlich lammfromm. Helena flitzte zur Tür. „Ich habe hier einen ganzen Sack voller Geschenke abzugeben.“ – Maries Vater witzelte: „Zum Glück ist gerade jemand zu Hause. Helena, stell dir mal vor, er wäre zwei Stunden eher gekommen und hätte einfach nur eine Benachrichtigungskarte eingeworfen. Dann müssten wir das ganze Zeug am 27. aus einer Packstation abholen.“ – Mit tiefer Stimme kam die Antwort: „Deine Sachen nehme ich gleich wieder mit, du Banause. Und im Übrigen ist es nicht sehr schlau, den Kamin anzumachen, wenn ihr auf mich wartet. Beinahe hätte ich die ersten Päckchen ins Feuer geworfen.“

Helena sagte noch immer keinen Ton. Maries Papa ging auf den an der Erde abgestellten Sack zu. „Muss ich irgendwo unterschreiben?“, fragte er. Der Mann in dem roten Outfit konnte sein Lachen gerade so hinter dem weißen Bart verstecken. Maries Papa nahm den großen braunen Sack und trug ihn nach drinnen. „Sagt mal, hat sich jemand Telefonbücher gewünscht? Das kriege ich ja kaum von der Stelle.“ – Der rote Mann verabschiedete sich noch draußen und ging weg. Helena schluckte und fasste sich wieder. Sie lachte und sagte: „Ihr seid echt der Hammer. So ein Spektakel! Das ist schon jetzt eins der schönsten Weihnachtsfeste“, und kletterte bei Marie auf den Schoß.

Marie und ich haben zu Weihnachten jeweils einen Notfallrucksack fürs Auto bekommen. Nachdem ich kürzlich noch überlegt habe, ob ich mir so etwas ins Auto packe, ist mir die Entscheidung jetzt abgenommen worden. Die technische Ausstattung ist ganz gut, einige Notfallmedikamente sind sogar auch schon drin. Ob ich das nochmal aufstocke, muss ich sehen. Auf jeden Fall ist das mal eine sehr coole und nützliche Idee. Marie und ich haben uns traditionell jeweils einen Badeanzug geschenkt, in der Hoffnung, dass wir bald mal wieder häufiger zum Schwimmen kommen. Maries Eltern haben wir Theaterkarten zu einer Premiere geschenkt, wann und wo, werde ich mal berichten, wenn es soweit war, da ich natürlich keine Lust habe, dort auch noch Autogramme geben zu müssen. Marie und ich haben von Helena jeweils ein Fotobuch bekommen, das sie zusammen mit Maries Papa gemacht hat. Nicht nur mit Bildern aus der jüngsten Vergangenheit, sondern auch aus ihrem Leben, bevor wir uns kennengelernt haben. Sehr klasse. Außerdem habe ich noch ein Hörbuch bekommen und ein Hemd sowie, und das eskaliert jedes Jahr, jede Menge Schokolade und anderen Süßkram.

Und Helena? Das aufregendste Geschenk ist wohl ein eigenes Smartphone. Sie hatte vorher einen Erreichbarkeits-Knochen, damit war sie wohl die letzte in der Klasse, die noch kein Smartphone hatte. Wir haben uns für eine aktuelle Jugendversion mit Android-Betriebssystem entschieden, das wir neu für 160 € bekommen haben. Dazu noch eine Speicherkarte – ich glaube, das ist ganz gut so. Mal schauen, wie gut Helena und das Gerät zusammenpassen. Ein weiterer großer Hit waren Pferde-Bettwäsche, ein Pferdebuch (nein, keine Geschichten, sondern ein Sachbuch mit ganz vielen Bildern von den ganzen Rassen etc.), eine Reithose (eine Kappe gab es aus Sicherheitsgründen schon ziemlich schnell, aber bisher musste sie mit Jeans reiten), einen Schul-Rucksack, eine Halskette und natürlich auch einen gut gefüllten „bunten Teller“.

Es war übrigens auch ein großer Knochen mit im Sack, der zum Glück noch eingeschweißt war. Wir vermuten, dass der wohl für Maries Hündin bestimmt ist. Als der nämlich zum Vorschein kam, war das Felltier in Sekundenbruchteilen neben Marie, setzte sich unaufgefordert direkt neben ihr auf den Popo und fing zu sabbern an.

Maries Eltern schlafen heute nacht in Maries Zimmer, Marie pennt bei mir, und ich darf morgen ganz früh raus, weil mein Dienst um 7 Uhr beginnt. Ich hoffe nur, dass es nicht noch glatt wird. Mittags fahren Maries Eltern wieder nach Hamburg, und am 2. Weihnachtstag fahren wir drei plus Wauwau für einen Tag hinterher. Jetzt muss ich nach diesem aufregenden Tag aber erstmal schlafen, damit ich den Dienst morgen überstehe. Ich wünsche allseits ein frohes Weihnachtsfest!