Shoppen und so

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Helena und ich waren heute morgen in der nächstgrößeren Stadt zum Klamotten shoppen. Mich nervt es absolut, durch enge Gänge von Bekleidungsgeschäften zu rollen, an jedem zweiten Kleiderständer aufzupassen, dass man nichts herunterreißt, schmutzig macht, ständig laufen mir Leute vor den Rollstuhl, die ihre Augen nur auf das nächste Schnäppchen gerichtet haben, es ist laut, stickig – und es ist Samstag morgen. Aber Helena hat gerade einmal zwei Hosen. Davon ist eine eigentlich fertig, so dass sie in Sporthose durch die Gegend läuft, wenn ihre Jeans in der Wäsche ist. Vielleicht geht es anderen Menschen auch so, aber hier ist es unnötig.

Helenas erste Reaktion war: „Die Idee ist supertoll, aber wer soll das bezahlen?“ – „Wir schauen mal, ob wir überhaupt was finden, und dann lege ich das aus und hole es mir vom Jugendamt wieder. Wir können ja nun nicht warten, bis das durch alle Mühlen hindurch ist.“ – Helena weiß natürlich nicht, dass ich, ohne vorher einen Antrag gestellt zu haben, vermutlich niemals irgendetwas zurückbekommen werde. Aber das ist mir gerade egal, denn ich möchte, dass dieses Kind vernünftig herumläuft und sich wohlfühlt. Und mir tut das nun wirklich nicht weh.

Dasselbe gilt für den Friseur. Helena hat in der Substanz sehr gepflegte, lange Haare, aber in den letzten Monaten war da kein Friseur mehr dran. Vielleicht reicht es, wenn die Pflegemutter eine Haushaltsschere schwingt, aber für mich gehört auf einen Kopf ein Haarschnitt. Das muss nichts besonderes sein, aber wenigstens die Spitzen sollten auf einer Länge und die ganze Frisur irgendwie symmetrisch sein.

Gestern kümmerte ich mich bereits um Finger- und Fußnägel. Ob man die mit zwölf Jahren selbst schneiden können sollte, ist nirgendwo festgelegt. Manche Kinder machen das schon mit acht Jahren, zumindest an einer Hand, andere sind mit vierzehn Jahren noch völlig unbeholfen. Helena hat wohl immer mal versucht, sich die Fingernägel zu schneiden, aber dann eher schief und mit scharfen Kanten. Nun muss man wissen, dass jemand mit einer (leichten) Cerebralparese es nochmal erheblich schwerer hat. Insbesondere die Fußnägel brauchten dringend mal eine Pflege. Ihr war das extremst peinlich.

Und zum Thema Cerebralparese bin ich auch etwas angepiekst. Ich hatte auch schon mit Maries Mutter darüber gesprochen. Helena läuft insbesondere barfuß und auf Parkett- oder Fliesenboden wie ein Schwan auf dem Trockenen: Platsch, platsch, platsch. Eindeutige Fußheberschwäche mit Kompensationsbewegungen aus Knie und Hüfte. Entsprechend instabil und wenig grazil sieht das Ganze aus. Man könnte dem Kind mal Orthesen geben für das Fußgelenk, vielleicht reicht es schon, wenn nur der Knöchel stabilisiert wird, vielleicht muss bis zum Schienbein hoch Stabilität her – aber es wäre doch sehr wichtig, dass sie ihre Beine nicht falsch belastet, wenn sie geht. Ich habe beim Fußnägelschneiden, natürlich mit ihrem Einverständnis, mal zwei Reflexe überprüft. Oder eher vier, da beidseitig. Weder links noch rechts funktionieren die Eigenreflexe der Beine, was immer klärungsbedürftig ist. Maries Mutter meinte, das gibt es eigentlich nicht, dass ein Kind heutzutage durch alle Netze fällt, gerade wenn das Jugendamt dran ist. Nach Helenas Aussage wurde sie auch etwa bis zum sechsten Lebensjahr eng durch den Kinderarzt betreut, allerdings habe sich um ihr Gangbild nie jemand gekümmert.

Hinzu kommt, und damit sind wir wieder beim Shoppen, dass sie nach einem Kilometer an ihrer Belastungsgrenze ist. Sie kann dann einfach nicht mehr. Sie will zwar noch hierhin und dorthin, aber dann setzt sie sich an der Bushaltestelle auf die Bank und meint, sie brauche mal einen Moment Pause. Quatscht mit mir, dann geht es irgendwann weiter, aber nach weiteren 500 Metern ist sie wieder am Limit. Vom Sportunterricht in der Schule sei sie einerseits befreit gewesen, weil sie immer schon k.o. war, wenn sie an der Sporthalle ankam, wegen ihrer Behinderung; andererseits habe sie nicht mal Physiotherapie dauerhaft gehabt. Für zwei Kilometer brauchen wir mit Pausen fast 45 Minuten. Am Ende ist sie bei mir auf dem Schoß mitgefahren für das letzte Stück bis zum Auto. Zum Glück sind wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, sondern hatten das Auto zentral geparkt.

Immerhin haben wir einige Klamotten gefunden und sie muss nicht mehr jeden Tag dieselbe Hose anziehen. Schuhe müssen wir nochmal an einem anderen Tag besorgen. Sie steht übrigens sehr auf sportliche und figurbetonte Sachen. Sporttights, Sporttops, irgendwann kam sie mit einem Hoodie um die Ecke, hatte die Kapuze und eine Sonnenbrille aufgesetzt, machte plötzlich auf Gangster-Rapperin – war recht amüsant. Hoodie haben wir mitgenommen, Sonnenbrille hat sie von sich aus gleich wieder weggehängt.

Im Moment schläft sie mit T-Shirt und Slip. „Wollen wir auch noch nach einem Schlafanzug gucken?“ – In ihren Größen war alles mit Einhörnern, Regenbögen, Mickey Mouse oder Meerjungfrauen bedruckt. „Oah, Jule, ehrlich, das ist nur Mist hier. Wer zieht denn sowas an? Das sind so Dinge, die einem Großeltern zu Weihnachten schenken und Freude erwarten.“ – Eine Verkäuferin, die gerade etwas weghängen wollte, lachte: „Ich denke das auch immer. Meine Tochter zieht sowas auch nicht an. Mit acht Jahren ist das noch okay, aber danach nicht mehr.“

Wir gingen weiter, plötzlich meinte sie: „Wenn ich 18 bin, schlafe ich sowieso nur noch nackt.“ – Warum formulierte sie das so? Sollte ich darauf reagieren? Oder hatte das keinen tieferen Sinn? Ich fragte: „Warum erst mit 18?“ – „Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich schonmal ganz ausgezogen im Bett. Keine Angst, nicht jetzt bei dir. Aber es war halt immer ein Spiel mit dem Feuer.“ – „Wovor sollte ich Angst haben und warum ist es ein Spiel mit dem Feuer?“ – „Hätte meine Pflegemutter das mitbekommen, hätte es richtigen Anschiss gegeben. Ich habe sie mal gefragt, als es ganz heiß draußen war, da meinte sie, sie hätte keine Lust, täglich die Bettwäsche zu waschen.“ – „Das ist doch albern.“ – „Also darf ich bei euch auch nackt schlafen?“, fragte sie keck. Ich antwortete: „Solange du nicht nackt zum Frühstück kommst und du deine Bettwäsche oft genug wechselst, sehe ich darin kein Problem.“ – „Meinst du das jetzt ernst?“ – Natürlich meinte ich das ernst. Kann mir mal bitte jemand erklären, was die mit diesem Kind gemacht haben?!

Später, im Auto, sagte sie: „Hast du eigentlich gemerkt, dass ich, seit ich bei euch bin, kein einziges Mal gelogen habe?“ – Ich musste einen Moment überlegen, wie ich hierauf am Besten antworte. Ich entschied mich für: „Ich vertraue dir, dass du mir die Wahrheit sagst und zuletzt immer nur gelogen hast, weil deine Pflegeeltern nicht fair zu dir waren. Ich habe deswegen auch noch nie überprüft, ob das, was du sagst, die Wahrheit ist. Sondern ich habe dir geglaubt.“ – „Es ist mir nicht mal schwergefallen. Weißt du, wie das ist, wenn man für jeden Blödsinn Ärger bekommt? Weißt du, wie glücklich ich gerade bin, weil ich seit einer Woche scheinbar auch mal was richtig mache?“

„Ich fand es bisher noch gar nicht so kompliziert mit dir. Ich glaube einfach, dass du viele Dinge, gerade wenn du in Situationen kommst, in denen du bisher gelogen hast, neu lernen musst. Sowas kann man üben.“ – „Wie zum Beispiel?“ – „Wenn jemand dir zum Beispiel eine Frage stellt, auf die du nicht antworten möchtest und bei der du dir überlegst, zu lügen, könntest du auch einfach im ersten Schritt gar nichts sagen. Statt etwas Unwahres zu sagen. Und dann in Ruhe überlegen, ob du nicht deinen Konflikt benennst. Also dann zum Beispiel sagst: ‚Die Frage finde ich gerade sehr intim. Ich möchte darauf nicht antworten.'“ – „Und dann?“ – „Dann ist das entweder so okay oder man spricht mit dir darüber, warum deine Antwort schon wichtig wäre.“ – „Sind das in deinen Augen keine Widerworte?“ – „Ich finde eine Haltung, ein Kind dürfe keine Widerworte geben, inakzeptabel. Ein Kind darf mir gerne sagen, wenn es sich unwohl fühlt.“

Ganz plötzlich wechselte sie das Thema. Und fragte mich, ob ich ihr das Schwimmen beibringen kann. Na sicher, junge Frau. Nur nicht mehr heute.

Plötzlich Glibber

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Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Und welche, die will wirklich niemand wissen. Und trotzdem: Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass Niemand sein Wissen erweitert.

Als Bloggerin schreibe ich fast über alles. Nicht ständig über Dinge, die Niemand nicht wissen will, aber manchmal eben auch. Manchmal muss es auch sein. Nach so viel Gesülze wissen nun alle, was jetzt kommt: Too much information.

Dass auch Menschen Sex haben, ist allgemein bekannt. Dass Menschen, die keine Partnerin und keinen Partner haben, mitunter Sex ohne Partnerin oder Partner haben, auch. Ich rede schreibe von Onanie, oder -wenn man die Bibel mal außen vor lässt- von Masturbation, oder -wenn man schwierige Wörter auch außen vor lässt- von Selbstbefriedigung, oder -wenn man es einfach ausdrückt- vom Streicheln. Sich selbst.

Nachdem man inzwischen weiß, dass behinderte Menschen auch Menschen sind, man entschuldige nach diesem Zeitungsartikel (hat nichts mit Sexualität zu tun, bitte später ablenken lassen) bitte meinen Zynismus, gilt für behinderte Menschen: Auch sie haben Sex. Und masturbieren. Genauso häufig oder genauso selten wie Menschen ohne sichtbare Behinderung. Manch einer wird nun denken: „Wie langweilig.“ – Aber es gibt eben auch diejenigen, die denken: „Ach echt?“

„Ach echt“ ist für mich ja okay. Nicht jeder Mensch kann alles wissen, nicht jeder Mensch muss alles wissen, jeder Mensch hat das Recht, dazuzulernen. Nicht okay sind für mich Menschen, die mit „igitt“ oder „bitte nicht“ reagieren, und erst recht nicht okay sind für mich Menschen, die deshalb so reagieren, weil es um Menschen mit Behinderung geht, die da Sex haben oder masturbieren. Oder beides.

Damit bin ich wieder bei meinem ersten Satz: Es gibt Dinge, die will niemand wissen. Ob, wann und wie oft jemand Sex hat oder masturbiert, gehört in aller Regel dazu. Und in aller Regel soll jeder Mensch selbst entscheiden können, ob und wieviele er von diesen Informationen aufnehmen möchte. Meine Leserinnen und leser sind also nach der Einleitung gewarnt, dass hier noch was über-informatives kommt, aber was ist eigentlich mit … Pflegekräften?

Es gibt bei uns im Wohnprojekt einen Runden Tisch, bei dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter austauschen, so etwas wie eine Teambesprechung. Damit keine unnötige Distanz geschaffen wird und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in die Situation kommen, in der sie über die Bewohnerinnen und Bewohner bestimmen, nimmt an diesen Besprechungen immer eine Bewohnerin oder ein Bewohner teil. Weil diese Person dabei natürlich auch sehr viel über ihre oder seine Nachbarinnen und Nachbarn erfährt, muss die teilnehmende Person mit einer Mehrheit und ohne Gegenstimmen für dieses „Amt“ gewählt sein. Es gibt aktuell nur vier Leute aus unseren drei Etagen, die dieses Amt ausüben, eine davon ist die Stinkesocke.

Ich habe mich nach der letzten Montagmorgen-Runde entschieden, zunächst mit dem betroffenen Bewohner und anschließend mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern in einer großen Runde zu sprechen und nun auch darüber zu schreiben. Ich habe dafür ausdrücklich die Erlaubnis bekommen. Denn, und nun komme ich endlich zum Punkt, dieses Thema hat eine solche Brisanz, dass es einer Mitarbeiterin den Job gekostet hat. Das habe ich nicht entschieden, aber das liegt begründet in diesem Teamgespräch. Die Mitarbeiterin nimmt ihren Jahresurlaub und hat bereits einen Auflösungsvertrag unterschrieben. Es handelt sich um eine feste Mitarbeiterin, die nun vermutlich vorzeitig in Rente geht. Die Bitte nach dem Auflösungsvertrag kam an Ende von ihr, da sie, so sagte sie, das Gefühl habe, sie sei für die junge Welt zu alt. Die junge Welt, in der behinderte Menschen sexuell aktiv sind.

Nein, es lag niemand masturbierend im Hausflur oder hatte Sex in der Gemeinschaftsküche. Es geht um einen jungen Mann, der eine Muskelerkrankung hat und über nur sehr wenige Bewegungen noch aktiv bestimmen kann. Er kann einen elektrischen Rollstuhl noch mit einem angepassten Joystick steuern, Fingerfunktionen sind noch vorhanden. Rutscht die Hand aber vom Joystick und fällt der Arm dabei von der Lehne, so dass er seitlich hinab hängt, reicht seine eigene Kraft nicht, den Arm wieder nach oben zu bewegen. Es muss also jemand seine Hand wieder an den Joystick legen. Der junge Mann studiert zur Zeit in einem Bachelor-Studiengang einer Fachhochschule und hatte die besagte Pflegekraft gebeten, ihn abends in Rückenlage ins Bett zu legen und seine Hände unter der Bettdecke auf seinem Bauch zu positionieren.

Die besagte Pflegekraft vertritt kompromisslos die Ansicht, dass genau das nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehöre und aus ethischen Gründen abgelehnt werden könne. Sowohl das Positionieren der Hände vor dem Zudecken auf dem Bauch als auch das nächtliche Drehen oder das morgendliche Waschen eines Menschen, der vor dem Einschlafen ejakuliert habe. Sie möchte damit nicht konfrontiert werden. Sie gestehe ihm zu, dass er sexuelle Bedürfnisse habe, aber dafür solle er sich doch eine Freundin oder notfalls eine Sexualassistentin anschaffen. Auch, und das führte sie gleich mit aus, das unter der Dusche zu machen, komme für sie nicht in Frage, ungeachtet dessen, dass sie gar nicht dabei sei. Weil sie ihn da ja wieder rausholen müsse und dann ja zu befürchten habe, „plötzlich in Glibber zu treten“ – und das wolle sie nicht.

Eine 52jährige Pflegerin antwortete gleich sehr deutlich: „Mit Verlaub, dann hast du aber den falschen Job. Sexualität ist menschlich und als Pflegerin sollte dir nichts menschliches fremd sein. Ob nun jemand Labskaus erbricht, Schnodder aus der Nase laufen hat, eitrig niest, blutig hustet, verkeimten Urin verliert oder einen Kubikmeter vergorenen Durchfall in die Hose setzt. Es gibt Schutzkleidung, es gibt Handschuhe, es gibt Wasser, Desinfektionsmittel und eine gewisse Distanz. Wenn der junge Mann sich nicht selbst berührt, entleeren sich die Überschüsse auch irgendwann von alleine, willst du dann auch sagen, dass du den nicht mehr anfasst? Kann ich nicht verstehen.“

Eine 28jährige: „Du bist doch persönlich davon gar nicht betroffen. Schaff dir eine Distanz dazu. Er befummelt sich doch nicht deinetwegen oder wenn du dabei bist. Wo ist das Problem? Ich hab sowieso Handschuhe an und muss ihn morgens im Intimbereich waschen. Und selbst wenn er sich in die Hose gespritzt hat, kommt das in die in die Wäsche und fertig.“

Eine 35jährige: „Ich verstehe das Problem ehrlich gesagt auch nicht so ganz. Die Menschen wohnen hier und haben dort, wo sie wohnen, auch ihre Intimität und ihren höchstpersönlichen Lebensbereich. Das wird professionell beantwortet: Wenn er sich nähert, was ich übrigens bei ihm nie erlebe, bekommt er klare Antworten, und ansonsten bekommen wir Geld dafür, dass wir die Dinge tun, die die Bewohner selbst nicht tun können. Wie zum Beispiel irgendwelche Sekrete wegputzen. Das soll nicht böse klingen, aber eigentlich kannst du froh sein, dass er das im Bett macht und nicht vor dem PC beim Pornos gucken. Aber selbst dann müsste man sich auf ein Procedere verständigen. Was machst du denn, wenn Maria sagt, sie möchte nackt schlafen und ihr Spielzeug in die Hand gelegt bekommen?“

Die Antwort: „Sie schläft bei mir nicht nackt und Spielzeug gibt es auch nicht. Dafür sind andere Leute da.“

Tenor ist eigentlich, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter sexuelle Handlungen an Bewohnerinnen und Bewohnern vornehmen darf. Die Grenze ist aber aus unserer gemeinsamen Sicht dort, wo es um aktive, direkte Handlungen geht. Jemandem einen Vibrator einzuschalten und in die Hand zu legen, dann aus dem Zimmer zu gehen, wäre danach keine sexuelle Handlung. Das wäre der Fall, wenn das Personal den Vibrator aktiv benutzt. Das heißt: Bei der eigentlichen Handlung soll die Bewohnerin oder der Bewohner alleine sein. Davor und danach kann man helfen. Bisher sind wir mit dieser Regelung sehr gut gefahren. Ich persönlich brauche dafür keine Hilfe, aber einige andere Menschen, die hier wohnen, schon.

Die Frage, ob Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter solche Hilfen ablehnen dürfen, hat die besagte Pflegekraft für sich beantwortet. Indem sie um Entlassung gebeten hat. Das werte ich als ein „eigentlich kann ich es nicht ablehnen und konsequenter Weise gehe ich, weil ich es nicht tun möchte“. Die Frage, die aber trotzdem im Raum steht, ist eben genau diese. Und sie geht eben schon sehr ins Eingemachte. Ähm. Einge … du weißt schon.

Zu verschenken

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Ich mache noch etwas völlig ungewöhnliches: Ich verschenke was.

Ja, richtig gelesen. Ein Mitbewohner ist zum 30.09. ausgezogen und hat uns mehrere Kartons Klebewindeln hinterlassen. In einer Größe (L), die niemandem von uns passt, der sie gebrauchen könnte. Es handelt sich um ein Markenprodukt und nein, es ist kein Krankenkassen-Eigentum. Der Kollege war privat über die Eltern versichert und hatte diese Kartons im Rahmen seiner Selbstbeteiligung komplett selbst bezahlt. Er möchte sie nicht mehr haben, das Nachsenden wäre teurer als der Sachwert, meint er. Wir sollten sie vernichten. Ich glaube, ich spinne!

Wer sie haben möchte, darf sie abholen. Geschenkt, originalverpacktes Markenprodukt in höchster Saugstärke. Standort: In einem Ladengeschäft im Osten Hamburgs. Für die genaue Adresse bitte einen Kommentar mit Antwort-Mailadresse hinterlassen. Wer zuerst kommt, bekommt den Kram. Wollen gleich mehrere, bekommt jede(r) einen oder zwei Kartons. Achso, der Rechtsweg ist ausgeschlossen und nein, ich bin nicht da nicht vor Ort…

Jetzt bin ich aber mal gespannt!

Nicht so verwerflich

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Dass es nicht leicht ist, das Auto einer Rollstuhlfahrerin anzuhalten, weiß ich ja inzwischen. Solange die Rollstuhlfahrerin trotzdem ihre gerechte Strafe bekommt (und die Verwarnung, bei der es bleiben sollte, wurde ja ausgesprochen, bevor man wusste, dass ich Rollstuhlfahrerin bin), ist das ja okay. Das Gefühl. Menschlich.

Wenn ich jetzt Geld bräuchte und, auf der Suche danach, die Hausbriefkästen in meiner Umgebung durchkämme, ist das schon einigermaßen dreist. Wenn mir dabei zufällig eine frische EC-Karte in die Hände fällt, ich danach auf die PIN warte, die einige Tage später bekanntlich kommt, sie ebenfalls aus dem Briefkasten friemel, mit Karte und PIN zu verschiedenen Banken gurke, innerhalb von fünf Tagen in 65 Einzelaktionen über 20.000 € vom Konto abhebe, davon die Hälfte in der Spielhalle verzocke … dann lande ich dafür, so dachte ich bisher, im Knast.

Es sei denn, ich bin Rollstuhlfahrer. Und bin auf einem Auge blind. Und kann die Richterin überzeugen, dass die 20.000 € nur die erste Rate waren für eine Augen-OP, die mir die Sehkraft wiedergeben soll (zumindest steht das so immer in den Illustrierten).

Wie gut, dass ich keine Richterin bin. Ich hätte es nicht glaubwürdig gefunden, dass ein 32jähriger mit Muskelschwund auf der Suche nach 80.000 € die Post aus Briefkästen klaut. Sondern ich hätte angenommen, dass da jemand seine Behinderung zur Ausrede macht, nachdem er eine EC-Karte gefunden hat, auf der so viel Geld drauf war. Und dass jemand 11.000 € verspielt, in der Hoffnung, da werden 80.000 € draus? Naja, das soll ja auch bei nicht behinderten Menschen passieren. Der Mensch ist mittellos, das Geld ist weg. Immerhin hat die Versicherung der Bank dem Opfer den Schaden ersetzt. Das Urteil: Ein Jahr auf Bewährung. Weil sein Motiv „nicht so verwerflich wie bei anderen Taten“ sei.

Das passierte gerade in Hamburg. Und in Berlin? Da stand auch ein Rollstuhlfahrer vor Gericht. Ich schreibe bewusst „stand“, denn er saß nicht. Zumindest am Ende des einjährigen Verhandlungsmarathons nicht. Nicht mehr. Mehrmals bekam ich von meinen Leserinnen und Lesern einen Link auf entsprechende Zeitungsmeldungen geschickt. So häufig, dass ich nun doch einmal darauf eingehen möchte, obwohl eigentlich klar sein sollte, was ich davon halte.

Was ich davon halte, wenn jemand vorspielt, er habe MS. Seine Beine nur noch zucken lässt, eine Hand nur noch schlaff herabhängen lässt, rumsabbert und einen wirklich bemitleidenswerten Eindruck macht. Nein, es geht nicht um all jene Leute, die finden, ihr Körper sei zu Unrecht gesund. Ähnlich wie die Frauen, die darunter leiden, kein Mann zu sein. Oder umgekehrt. Es geht um Leute, die sich in den Rollstuhl setzen, um Geld zu bekommen. Ich würde es nicht so krass formulieren, wenn es kein Geständnis gegeben hätte, das am Ende die Haftstrafe auf vier Jahre und sechs Monate gedrückt hat.

Über mehrere Jahre hat ein heute 45 Jahre alter Mann in Berlin auf behindert gemacht. Und monatlich neben seiner Grundsicherung auch Pflegegeld und ergänzend Sozialhilfe erhalten, um die angeblich 10 Stunden am Tag benötigte Assistenz bezahlen zu können. Monatlich kamen so 5.000 € zusammen, über die Jahre sind summa summarum eine Viertelmillion Euro aufgewendet worden.

Zwischenzeitlich soll er einige Geliebte gehabt haben, eine davon habe ihn angezeigt. Bei der Festnahme stellte die Polizei neben sieben teuren Uhren und elf Apple-PCs auch das Auto sicher, mit dem er vorwerfbar 56 Mal ohne Führerschein unterwegs gewesen sein soll. Ein Schaltwagen ohne behindertengerechten Umbau. Was mich wundert, denn das müsste doch mal jemandem auffallen. Richtig kränk finde ich aber den Elektrorollstuhl für 16.000 € … daran merkt man spätestens, wie behindert der Typ ist. Wenn Maria schon Probleme hat, einen Elektrorollstuhl im unteren vierstelligen Bereich genehmigt zu bekommen, warum braucht dieser Mann dann unbedingt einen so teuren? Hätte es nicht, wenn das schon sein muss, um die Legende des Schwerkranken zu untermauern, auch ein einfacher für 2.800 € getan?

Und was mich am meisten ankotzt, ist die Tatsache, dass es oft so unglaublich schwer ist, benötigte Leistungen und Hilfen zu bekommen. Ich erinnere mich da nur an Cathleens Pampers oder an Marias Assistenz. Vielleicht brauchen Cathleen und Maria einfach nur etwas mehr schauspielerisches Talent…