Angucken

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Eigentlich war mal geplant, dass Marie und ich ein schönes Osterwochenende an das Ostsee verbringen, die Sonne anbeten und mindestens neun Dreiviertelstunden (also zusammengerechnet sechsdreiviertel Stunden) mit dem Handbike am Meer entlang fahren. Stattdessen liegt hier matschiger Schnee, am Himmel vermischen sich dreiundsiebzig verschiedene Grautöne miteinander und der eiskalte Wind weht mindestens mit Stärke 5. Von vorne. Immer.

Also gibt es heute Osterfeuer im Kamin, warme Waffeln mit heißen Himbeeren und warmem Vanille-Eis und jede Menge Entspannung. Als hätte ich nicht in der letzten Nacht schon 14 Stunden durchgeschlafen. Wie es im Moment ständig vorkommt. Mein Leben besteht derzeit nur noch aus Schlafen, Lernen und Praktischem Jahr. Und ja, mein Vitaminspiegel ist im Normbereich. Es ist halt sehr anstregend. Und um die vielfach gestellte und mehrfach beantwortete Frage auch nochmal aufzugreifen, ob meine Unfallkasse noch immer jenen Teil der Rente zahlt, der wegfällt, sobald ich meinen Lebensunterhalt durch einen eigenen Job nachhaltig sichern kann: Ja, zahlt sie. Weil ich noch keinen eigenen Job habe, mit dem ich meinen Lebensunterhalt nachhaltig sichern könnte.

Das wird sich ändern, wenn ich meinen ersten Job antrete und Geld verdiene. Ich habe bereits ein sehr gutes Angebot, allerdings verhandel ich da noch über meinen Sommerurlaub. Die wollen mich ab Juni einstellen, ich möchte aber im August vier Wochen Urlaub machen. Weil ich im ganzen letzten Praktikumsjahr so gut wie keinen Urlaub hatte. Schließlich werden Krankheitstage auf den „Urlaub“ angerechnet. Derzeit steht im Vertrag noch ein halbes Jahr Urlaubssperre drin. Das heißt: Ich müsste dann, weil es im Dezember vermutlich auch nicht klappt, weil alle Kollegen mit Kindern frei haben wollen, meinen kompletten Jahresurlaub nach 2019 mitnehmen. Nachdem ich seit Sommer 2017 keinen Urlaub mehr gehabt habe. Nein, nein, und nochmals nein. Aber sie werden schon darauf eingehen, ansonsten fange ich erst ab September oder eben ganz woanders an. Basta!

Während Marie in die Badewanne wollte, habe ich den Morgen des Ostersamstags zum Einkaufen genutzt. Am Donnerstag habe ich es zu den außerhalb von Großstädten doch oft recht verkürzten Öffnungszeiten nicht mehr geschafft. Es war voller als mir lieb war, aber dennoch leerer als ich befürchtet hatte. Kreischende Kinder, die viel lieber im Bett geblieben wären, ältere Damen, die noch eben drei Äpfel vergessen hatten und eine Frau mit vermutlich drei Promille Restalkohol. Hielt sich krampfhaft an ihrem Einkaufswagen fest, rammte erstmal einen Pappaufsteller mit Schokohasen auf die Seite und hielt dreißig Zentimeter vor mir an. „Rechts vor links!“, lallte sie mich an, von vorne kommend. Ich fragte: „Und wer von uns beiden ist jetzt rechts und wer ist links?“ – „Du bist links. Aus dem Weg.“ – Mir klaren Ansagen kann ich leben.

Vor den Wurst-SB-Kühlschränken ist immer sehr wenig Platz. Eine Frau kam mir mit einem Hackenporsche entgegen und sprach laut mit sich selbst, mich dabei anstarrend: „Oh nein, oh nein, jetzt haben wir ein Problem.“ – „Kann ich helfen?“ – „Ja, ich muss dahinten hin“, sagte sie und zeigte in meine Richtung. Und fuhr fort: „Wenn ich Sie jetzt nicht frage, ob Sie mich durchlassen, muss ich ganz außen herum fahren.“ – „Dann fahr ich eben außen herum.“ – „Ja, das ist gut. Oh nein, jetzt haben Sie meine Schinkenwürfel nicht mehr. Jetzt habe ich zwei Probleme.“

Während ich seufzend in den Kühlschrank guckte und feststellte, dass nicht nur die Schinkenwürfel ausverkauft waren, merkte ich ein leichtes Gefühl von plötzlichem Heißhunger, wie bei einer Unterzuckerung, gleichzeitig wurde mir etwas übel, als wenn ich zu viel gegessen hatte, und ich bekam eine Gänsehaut. Ah! Meine Blase möchte mir mitteilen, dass sie gleich voll ist. Aber wie konnte das sein, ich war doch vor 20 Minuten noch zu Hause auf Klo? Zum Glück hat dieser Supermarkt ein sehr sauberes Kunden-WC, in das man sogar mit dem Rollstuhl hineinkommt. Es ist kein Rolliklo, sondern ein Raum mit ausreichend breiter Tür.

Leider hatte (Achtung! Eklig!) in der letzten Viertelstunde wohl jemand seine Ostereier nicht vertragen und beim Kotzen die Schüssel nur halbherzig anvisiert. Vielleicht lag es auch an dem Likörchen dazu. Falls ich anhand der Konsistenz und des Geruchs einen Tipp abgeben darf: Rhabarber-Erdbeere. Im selben Moment kam eine Mitarbeiterin um die Ecke, sah die Bescherung ebenfalls, fing fast zu weinen an und sagte: „Ich hatte das gerade geputzt.“ – Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie man so etwas so hinterlassen kann. Dass mal etwas passieren kann, steht außer Frage. Aber dann mache ich das doch entweder wieder weg oder, wenn es mir wirklich so schlecht geht, sage ich zumindest mal Bescheid und hinterlasse meinen Namen. Ich hasse diese Menschen, die irgendwas anstellen und dann hoffen, dass das niemand gesehen hat, niemand mit ihnen in Verbindung bringt oder wenigstens nicht nachweisen kann. Und dann vielleicht noch lügen – und hinterher lachend betonen, dass eine Lüge ja eine legitime juristische Möglichkeit ist, sich zu wehren. (Gegen denjenigen, dessen Eigentum man gerade zerstört oder versaut hat.)

Regelmäßig wird mir die Frage gestellt, ob alle Rollstuhlfahrer Windeln tragen. Nein, tun sie nicht. Viele nehmen Tabletten, die auf das Nervensystem so einwirken, dass die Blase sich nicht mehr selbständig entleeren kann. Und müssen dann alle vier Stunden einen Einmalkatheter durch die Harnröhre schieben, um die Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Einige lassen sich auch alle paar Monate Botox in den Blasenmuskel spritzen, so dass dieser anschwillt und man die Blase ebenfalls nur noch mittels Katheter entleert bekommt. Da ich zwei bis fünf Minuten bevor meine Blase sich entleeren möchte die beschriebenen Wahrnehmungen habe, fresse ich weder irgendwelche Chemie noch lasse ich mir irgendwelche Neurotoxine spritzen. Die Chemie hat bei mir ganz erhebliche Nebenwirkungen – und für die mitlesenden kritischen Experten: Druck und Restharn sind unspektakulär.

Problem nur: Ich muss auf meinen Körper hören und brauche dann auch zügig ein Klo. Ich kann natürlich, eben gerade bevor ich das Haus verlasse, meine Blase, auch durch das oben beschriebene kurzzeitige Kathetern, entleeren und sollte dann zwei bis fünf Stunden Ruhe haben. Sollte. Entsprechend stand ich an der Wursttheke an, um dort das zu kaufen, was im SB-Regal nicht mehr verfügbar war, und pinkelte mir erstmal gemütlich in meine Windel. Mir graut vor dem Tag, an dem ich sie vergessen habe und das erst mit der größer werdenden Pfütze unter meinem Rollstuhl merke. Während alle mich anstarren. Hurra.

Nach zehn Minuten kam ich endlich dran. Danach wollte ich zur Kasse, wurde aber erneut aufgehalten. „Entschuldigung, sind Sie nicht neuerdings hin und wieder hier in der Schwimmhalle beim Schwimmtraining?“ – „Kann schon sein, warum?“ – „Mein Sohn trainiert da auch im Verein. Lukas. Es ist gut, dass wir uns mal treffen.“

Häh? Wieso ist das jetzt gut? Und welcher Lukas überhaupt? Sie fuhr fort: „Er hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Ich glaube ja, er hat sich total in Sie verguckt, obwohl er das natürlich nicht zugibt. Oder vielleicht bin ich auch nicht die richtige Ansprechpartnerin für ihn. Jedenfalls freut es mich, dass wir uns mal kennenlernen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass er endlich mal jemanden gefunden hat, und ich gönne ihm das sehr. Allerdings würde ich Sie auch bitten, seine Unerfahrenheit nicht auszunutzen. Er weiß noch gar nicht, wie es nach dem Abi weitergehen soll, verstehen Sie?“

What?! Davon habe ich ja noch gar nichts mitbekommen. Ist der überhaupt schon volljährig? Ein Teenie hat sich in mich verknallt. Glaubt die Mutter. Aber Mütter haben meistens einen sechsten Sinn für sowas. Ich werd verrückt! Nur wie komme ich jetzt aus diesem Gespräch raus? Sie guckte mich mit großen Augen und einem erwartungsvollen Blick an. Ich sagte, und das war alles, was mir in dem Moment einfiel: „Ich verstehe. Aber bevor er nicht mit Ihnen darüber spricht, sollten wir auch nicht weiter darüber sprechen.“

Nun guckte sie mich mit großen Augen und ernstem Blick an. Dann plötzlich lächelte sie und sagte: „Das ist eine sehr aufrichtige Haltung. Dann muss er mich nicht anlügen. Das gefällt mir. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ – Wir? Eigentlich wollte ich mich mit ihr jetzt nicht solidarisieren. Aber egal. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Osterfest“, sagte ich und verabschiedete mich. Sie suchte Erdbeerjoghurt, ich nutzte die Chance, zur Kasse zu kommen.

Als ich zu Hause ankam, lag Marie noch immer in der Badewanne. Tiefenentspannt. Mit geschlossenen Augen fragte sie mich: „Na, war es schlimm?“ – „Hör bloß auf. Lauter betrunkene und verrückte Menschen, ich habe einen neuen Freund und meine Hose ist nass.“ – „Was für einen neuen Freund?“ – „Ich habe gerade die Mutter von einem jungen Mann aus dem Schwimmverein getroffen. Sie sagt, er sei wohl in mich verknallt.“ – Jetzt gingen ihre Augen auf. „Nein. Im Ernst? Und du?“ – „Ich weiß nicht mal, wer das genau ist. Ich habe so eine Ahnung, aber ich kann mich auch täuschen.“ – „Wann gehst du wieder trainieren und darf ich mit?“ – „Schaun wir mal. Ich will jetzt erstmal duschen.“ – „Hast du dich angepinkelt?“ – „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich war vorher extra nochmal auf dem Klo.“ – „Ich muss auch in einer Tour. Ich habe diesen Kräutertee von deinen komischen Nachbarn in Verdacht. Da ist bestimmt irgendwas Harntreibendes drin.“ – „Wieso komisch? Die sind nett. Aber das kann tatsächlich sein. Den packen wir erstmal zur Seite. Obwohl er gut geschmeckt hat.“ – „Wer Rollstuhlfahrern harntreibenden Tee schenkt, muss komisch sein.“

Marie in der Wanne, ich in der Dusche. Marie: „Und meinst du, der Typ könnte was für dich sein?“ – „Ein Teenie?“ – „Warum nicht?“ – „Er hatte noch nie jemanden. Ist schüchtern. Lügt seine Mutter an. Hat bestimmt ganz andere Interessen als ich. Onlinegames und aufgemotzte Autos oder so. Oder ist vielleicht noch nicht mal volljährig.“ – „Guck ihn dir doch erstmal an.“

Guck ich ihn mir an?! Frohe Ostern!

Battle of Potatoes

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Lange habe ich mich darauf gefreut, mal wieder ein paar Tage zusammen mit Marie zu verbringen. Und mit ihren Eltern. Ich bin gestern zu ihr gefahren und kam mittags an, gerade als es zu regnen aufhörte. Bevor ich überhaupt irgendwas sagen konnte, sprang mir ihre dreißig Kilogramm schwere Hündin stürmisch auf den Schoß und schleckte mir mit der Zunge diagonal durch mein Gesicht. Die gute Erziehung wird, wenn man sich so lange nicht gesehen hat, gerne mal vergessen.

Auch wenn es bereits dunkel wurde, bin ich erstmal und endlich mal wieder mit Marie zusammen Handbike gefahren. Zwölf Kilometer sind wir auf dem Deich entlang gesaust, einmal zu einem Badesee und wieder zurück. Weder Marie noch ich haben im Dunkeln im See gebadet, dafür aber diejenige, für die die Pause eigentlich gedacht war. Maries Hündin musste natürlich schwimmen gehen und schleppte alle möglichen Stöcke an. Und war eher enttäuscht, dass niemand einen ins Wasser werfen wollte. Fast demonstrativ legte sie einen völlig vermoderten Ast vor Maries Füße. Wälzte sich im nassen Sand. Wollte einen mindestens drei Meter langen Ast mit nach Hause nehmen. Ließ ihn am Ende aber doch noch zurück, als Marie ihr erklärt hatte, dass die Eigentümer der Autos, an denen sie damit vorbeischrammt, nicht begeistert sein würden.

Als wir wieder zu Hause waren, war ich so müde, dass ich am liebsten sofort ins Bett gefallen wäre. Die letzten Wochen meines Praktischen Jahres haben eindeutig Spuren hinterlassen. Während es auf der chirurgischen Notaufnahme zwar anspruchsvoll, aber zeitlich relativ geregelt zuging, war die chirurgische Station eine ziemliche Quälerei. Ich habe gefühlt mehr Zeit damit verbracht, mich dagegen zu wehren, ausgenutzt zu werden, als mit meinen eigentlichen Aufgaben. Aber nun ist das ja vorbei, mein letztes Drittel wird hoffentlich so entspannt bleiben wie es gerade anfängt.

Ich hatte eiskalte Beine. Das kommt vor, wenn man einige Zeit bei den Temperaturen draußen ist und seine Beine nicht bewegt. Da kann irgendwann auch die am dicksten gefütterte Hose nicht mehr helfen. „Sauna oder Badewanne?“, fragte Marie. So müde, wie ich war: Badewanne. Vor allem, weil ich so lange schon nicht mehr in einer Badewanne war. Während das Wasser einlief, prüfte Marie die einzelnen Badezusätze, die auf dem Wannenrand standen. „Welchen Geruch hätte ich gerne heute nacht neben mir? Lieber Mandel-Öl oder lieber Hibiskus? Ich finde Mandel-Öl gut.“

Lange schon hat mich meine Querschnittlähmung ja nicht mehr bis auf die Knochen blamiert. Es war wohl mal wieder an der Zeit. Ich lag in der Badewanne, Marie stand neben mir und zeigte mir lauter Fotos auf ihrem Tablet und erzählte, erzählte, erzählte. Und ich? Pupste erstmal. Beim ersten, zweiten und dritten Mal habe ich nichts gesagt, beim vierten Mal sagte ich: „Meine Güte, sind das die Bratkartoffeln von heute mittag?“ – „Eher die Zwiebeln dazwischen. Guck mal, das hier war zum Nikolaus, da hat [die Hündin] endlos nach ihrem Knochen gesucht und ist etliche Male an dem Stiefel vorbei gewetzt. Mein Vater war aber auch so fies, dass er mit dem Knochen vorher zehn Mal draußen auf den Steinen herumgerieben hat, um es ihr etwas schwerer zu machen. Am Ende hätte sie fast den Schuh zerlegt, um dran zu kommen. Willst du mich gerade pranken oder spielst du heimlich Silent Hunter 8?“

„Silent Hunter 8? Was ist das denn?“ – „Silent Hunter 8, The Battle of the Bathtub.“ – „Sagt mir nichts.“ – „Das ist ein Videospiel mit U-Booten. Sagt mein Vater immer, wenn ich aus Versehen beim Baden in die Wanne gekackt habe.“ – Jetzt war ich schlagartig wieder wach und strich mit meiner Hand den Badeschaum zur Seite. Igitt. Wurde ich gefragt? Will ich das? Querschnittlähmung kann so eklig sein. Und erniedrigend. Gerade dann, wenn man emotional sowie schon auf dem Zahnfleisch geht, muss sich mein Darm natürlich vom warmen Wasser anregen lassen. Ich stützte mich hoch, setzte mich aufrecht hin.

„Bleib sitzen, ich hole ein Sieb.“ – Marie kam mit einem Küchensieb mit Stil wieder. „Damit schöpfen wir sonst immer die Nudeln ab“, sagte sie ohne eine Miene zu verziehen. Natürlich stimmte das nicht, da sie das Ding nicht aus der Küche, sondern aus einem Putzschrank geholt hatte. Ich weinte inzwischen. Es war einfach zu viel. Für heute. Für den Moment. Marie zog sich Einmalhandschuhe an. Gab mir einen Kuss auf den Mund. Sagte nichts mehr, sondern kümmerte sich um mich. „Wieso kümmerst du dich um die Sauerei?“, fragte ich. Und die Betonung lag auf „du“. – „Weil du jetzt badest. Wenn er sich wieder beruhigt hat, lassen wir einmal das Wasser raus, du duscht dich einmal ab und dann gibt es neues Wasser. Und danach schläfst du dich erstmal aus. Du bist völlig fertig, Jule.“

Als das Wasser getauscht war und Marie kurz draußen war, kam die Hündin rein. Schnüffelte, guckte mich fragend an, leckte mir über die Wange und legte den Kopf auf den Badewannenrand. Als Marie wieder rein kam, drehte sie sich um. „Na du siehst vielleicht bescheuert aus mit dem Schaum auf dem Kopf. Komm mal her“, sagte sie und wischte ihr das Fell trocken. „Und jetzt raus hier, du hast im Bad nichts zu suchen.“ – Jetzt musste ich doch lachen. Marie brachte mir eine Pampers mit. Fehlte nur noch der Schnuller. Aber sie hatte ja recht. Falls das nachts noch weiter gehen sollte.

Ging es aber nicht. Allerdings habe ich vierzehn Stunden durchgeschlafen. Mehr als doppelt so lange als ich zuletzt nachts regelmäßig geschlafen habe. Um zehn Uhr kam Marie, die schon vor einer Stunde aufgestanden war und Frühstück für die ganze Familie vorbereitet hatte, an mein Bett. „Wollen wir frühstücken?“

Roter Teppich

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Es ist 22.00 Uhr, endlich Feierabend. Ich will nur noch nach Hause. Ich muss ein Stück mit dem Bus, dann mit der S-Bahn, dann wieder mit dem Bus fahren. Wenn alles klappt, bin ich in 40 Minuten zu Hause. Ich mag nach einem anstrengenden Dienst nicht mehr mit dem Auto fahren. Aus Angst, während der Fahrt einzupennen. Das wäre im Bus oder in der S-Bahn nicht so schlimm.

Vor der Fahrt nochmal zum Klo, dann müsste meine neurogene Blase eigentlich die 40 Minuten locker überstehen. Auch zwei Stunden sollte sie eigentlich schaffen. Mein Problem: Wenn es dann doch mal dringend werden sollte, gibt es nur ein ekliges Bahnhofsklo, das ich auch unter Einsatz meiner stets im Rucksack mitgeführten Hygienetücher und Einmalhandschuhe nicht immer anfassen möchte. Und ohne anfassen geht halt nicht, wenn man nicht stehen kann. Es ist immer so eine Gratwanderung. Meistens bin ich vorsichtig und präpariere mich dennoch mit einer Einmalpampers. Um zu einhundert Prozent auf der sicheren Seite zu sein.

Der erste Bus fährt mir direkt vor der Nase weg. Bis zur S-Bahn sind es rollend etwa 20 Minuten, der nächste Bus kommt in einer halben Stunde – also rollen. Es ist kalt. Zum Glück regnet es nicht mehr. Auf die letzte Minute erreiche ich die S-Bahn. Mit mir im Waggon ist eine Partygruppe, jeder einzelne ist völlig besoffen. Man hat eine Bluetooth-XXL-Bassbox dabei und hört Dubstep in voller Laustärke. Da es in der S-Bahn nur an bestimmten Stellen Rollstuhlstellplätze gibt, kann ich nicht weg. Wüsste man nicht, dass es Musik sein soll, könnte man denken, irgendwo stünde jemand in der Ecke und testet Baumaschinen auf Herz und Nieren.

Zum Glück steigt der Haufen nicht mit mir aus. Ich muss mit dem Aufzug nach oben, dann über eine Brücke, und drüben mit dem Aufzug wieder nach unten. Beide Aufzüge funktionieren, allerdings hat es eine Gruppe Fahrradfahrer so eilig, dass ich fünf Mal warten muss. Dann drängelt sich noch grinsend eine Frau vor, die ich frage, ob sie sich hinten anstellen kann, die aber nix verstehen. Nochmal warten. Als ich endlich an der Bushaltestelle ankomme, regnet es. Der Bus fährt mir vor direkt vor der Nase weg.

Der nächste Bus kommt in 30 Minuten. Fünf Kilometer rolle ich nicht über Stock, Stein, bergauf, bergab, durch Straßen, die teilweise keinen Gehweg haben. Bei Regen im Dunkeln. Also warten. Der zweite Bus, es ist inzwischen 23.15 Uhr, hält so weit weg vom Gehweg, dass ich nicht hinein komme, ohne dass jemand die Rampe ausklappt. Dafür kommen aber vier Frauen mit ihren Kinderwagen hinein. Alle vier sind nach mir mit der S-Bahn angekommen. Ich rolle nach vorne zum Fahrer. „Nein, ich kann Sie nicht mitnehmen, da stehen bereits vier Kinderwagen. Das sehen Sie aber auch selbst.“ – Bevor ich was erwidern kann, ist die Tür zu und der Bus fährt los.

Wieso sind die Kinder um diese Zeit noch nicht im Bett? Ich bin genervt. Es regnet, es ist windig. Ich bin müde, muss aufs Klo, friere. Der nächste Bus kommt. Ein Elektrorollstuhl mit einer jüngeren Dame steht drin. Platz genug für einen zweiten Rollstuhl wäre vorhanden. Aber die Tür hinten geht nicht auf. Ich rolle nach vorne. „Tut mir leid, aber ich kann nur einen Rollstuhl mitnehmen. Der Platz ist schon belegt.“ – Ich will Luft holen, aber der Fahrer drückt bereits auf den Knopf – zack, Türen zu.

Okay. Der letzte Bus käme in 42 Minuten. Nehme ich mir ein Taxi? Ja. Ich habe die Faxen dicke. Ich fahre zum Taxistand. Kein Taxi vor Ort. Ich rufe die Hotline an und bitte um einen Kombi. Was kommt? Eine E-Klasse-Limousine. Keine Ahnung, warum er den Auftrag annimmt, wenn er kein Kombi ist. Aber er erklärt es mir: „Von einem Kombi wurde nichts gesagt über Funk. Ich kann Sie nicht mitnehmen, Ihr Rollstuhl passt nicht in meinen Kofferraum. Rufen Sie noch einmal die Zentrale an und verlangen Sie nach einem Behindertentransport. Ich weiß aber nicht mehr, ob die jetzt noch fahren. Ich würde Ihnen jetzt einmal die Anfahrt berechnen.“

„Ich habe Sie nicht bestellt. Ich habe ausdrücklich nach einem Kombi verlangt. Klären Sie das mit Ihrer Zentrale.“ – „Ich rufe die Polizei.“ – Meint er, dass die mit einem Kombi kommt? „Machen Sie das. Schönen Abend noch.“

Ich rolle in eine noch geöffnete Systemgastronomiefiliale und bestelle mir einen heißen Kakao. Die einzige Chance weit und breit, noch irgendein warmes Getränk zu bekommen. Das am Ende nur lauwarm ist und nur nach Spülwasser schmeckt. Vermutlich kann man mir heute abend nichts mehr recht machen. Kaum habe ich drei Milliliter in mich hinein gekippt, spüre ich meine Blase. Gebe ich dem Klo am Busbahnhof eine Chance? Ja. Ich habe ja noch ein wenig Zeit. Ein Blick um die Ecke reicht mir: Irgendjemand hat halb ins, halb neben das Waschbecken gekotzt, das reicht mir. Zurück zum Bus, der soll in etwas über 10 Minuten kommen. Es ist gleich halb eins in der Nacht.

Vor dem Bus steht eine junge Frau im kurzen Minirock. Aber mit Mütze auf. Unten Gummistiefel. Und behaarte Beine. Ganz helle Haare. Aber ziemlich lang. Dazu lilafarbene Gummistiefel, die aussehen, als wäre sie damit im Schlamm gewesen. Sie trägt eine DIN-A2-Mappe bei sich. Ich kenne sie nicht, trotzdem grüßt sie mich: „Na?!“ – Ich lächel sie an. Ich spüre, wie sich gerade meine Blase entleert. Jetzt weiß ich, warum ich mir zur Vorsicht doch noch eine Pampers angezogen hatte. Die Frau will unbedingt reden. Ich spüre auch das. Sie sagt: „Ich bin so glücklich. Ich habe ein halbes Jahr darauf hingearbeitet und heute habe ich die Auswahl gewonnen. Ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Ich gratulierte ihr. Sie erzählt mir von irgendeinem Bau-Projekt. Ich kann mich kaum noch konzentrieren. Ich bin seit über 12 Stunden pausenlos unterwegs, davon 8 Stunden durchgehend in der Notaufnahme. Irgendwann kommt der Bus. Hält mit der hinteren Tür auf meiner Höhe, macht diese aber nicht auf. Der Fahrer ist doch an mir vorbeigefahren, er hat mich doch gesehen. Warum öffnet er nicht die Tür? Ich überlege, ob ich eine Schusswaffe im Rucksack habe. Habe ich nicht. Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf. Ich rolle nach vorne. Das Ziel ist nah wie nie. Stelle mich an die letzte Stelle derer, die alle nacheinander einsteigen und ihre Fahrkarte vorzeigen müssen.

„Nehmen Sie mich bitte mit?“, frage ich. – „Ich komme gleich nach hinten.“ – „Das ist nicht nötig, es reicht, wenn Sie die Tür aufmachen und den Bus absenken.“ – „Ich komme schon und klappe die Rampe aus.“ – „Sie können sitzenbleiben, wenn Sie den Bus absenken.“ – „Nein, ich komme mit nach hinten.“

Ist es so schwierig? Ich brauche keinen roten Teppich. Er öffnet hinten die Tür. Senkt den Bus aber nicht ab. Inzwischen klappt ein anderer Fahrgast die Rampe aus und wird vom Fahrer angepöbelt: „Das dürfen Sie nicht. Stellen Sie sich vor, Sie klemmen sich die Finger!“ – Darf ich jetzt (bitte, bitte) ohne großes Theater nach Hause? Ich rolle die Rampe hoch, stelle mich rückwärts gegen die sogenannte Anprallfläche. Der Busfahrer klappt die Rampe ein, kommt zu mir, fasst meinen Rollstuhlrahmen neben meinem linken Knie an und rüttelt daran. „Ist der fest?“, fragt er und kommt dabei so nah an mich heran, dass ich seinen Atem ins Gesicht bekomme. Ich drehe meinen Kopf zur Seite.

„Nicht anfassen“, erwidere ich. Er sagt: „Ich muss das kontrollieren. Vorschrift ist Vorschrift.“ – Mir platzt der Kragen. Irgendwann ist meine Toleranz erschöpft. „Halten Sie mal ein bißchen Abstand hier. Ich mag das nicht, wenn mir jemand so dicht auf die Pelle rückt, ja?!“ – „Sie können auch gleich wieder aussteigen“, ranzt er zurück. Ich sage: „Jetzt haben Sie es ja kontrolliert. Können wir jetzt losfahren?“ – „Wann wir losfahren, bestimme immer noch ich. Und nur ich. Haben Sie das verstanden?“

Um kurz nach ein Uhr bin ich endlich zu Hause. Will (muss) duschen. Es kommt nur kaltes Wasser. Ich suche nach einem Beißholz. Vergeblich. Es ist keins da.

Wellen, Wellen, Wellen

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An der Ostsee. Wo sollten wir sonst gerade sein? Das Wetter ist toll und wir haben es tatsächlich hinbekommen, uns mit Cathleen und Lisa mal wieder zu treffen, um gemeinsam ein Stündchen das „Open Water“ zu kraulen. Trotz warmer Luft und relativ warmen Wasser im Schwimm-Neo, und das war auch gut so. Der Wind war kalt, kälter als das Wasser, er wehte anfangs mit Stärke 4, frischte während unserer Stunde auf 5, in Böen 6 bis 7, auf. Wir waren nicht die einzigen Schwimmer, aber es waren nur Schwimmer und keine Planschenden im Wasser. Gerade dort, wo das Wasser flach war, konnte man sich kaum halten. Es herrschte zudem eine wahnsinnige Unterströmung, so dass man nur an bestimmten Stellen wieder zurück an Land kam. Insbesondere bei senkrecht auf die Küste wehendem Wind darf man das Phänomen nicht unterschätzen und muss damit rechnen, dass man einige Meter weiter links oder weiter rechts weitere Versuche unternehmen muss, an Land zu gelangen. Das muss man natürlich vorher wissen, seine Kräfte gut einteilen. Vor allem darf man eins nicht tun: In Panik geraten, wenn es mehrmals nicht klappt, weil die Strömung zu stark ist.

Aber wir waren zu viert und hatten eine Freundin an Land gelassen, die uns beobachten sollte. Lisa, die nicht so viel Erfahrung hat, war anfangs etwas ängstlich und wich mir nicht von der Seite, aber mit der Zeit wurde sie sicherer und schwamm ihren Weg. Wir schwammen eine Strecke parallel zur Küste doppelt (also hin und zurück), und es waren etwa vier Kilometer. Das Erlebnis in den Wellen ist unbeschreiblich, wenngleich ich gefühlt mindestens zwei Liter Salzwasser geschluckt habe und am Ende, als ich endlich wieder Boden unter dem Po hatte, der Eindruck entstand, die Erde würde schaukeln. Insgesamt war das Schwimmen in den Wellen nicht wesentlich schwieriger als im ruhigen Wasser. Nur brechende Wellen sind schwierig, die anderen schaukeln einen ja nur ein wenig rauf und runter.

Meine Kondition war schonmal besser. Ich habe mich in den letzten Wochen zu wenig sportlich betätigt. Ich war jetzt nicht außer Atem oder am Ende völlig geschafft, aber ich merkte schon, dass ich schonmal besser in Form war. Einen Triathlon „aus dem Stand“ würde ich mir im Moment nicht zutrauen. Oder? Na gut, vielleicht.

Lange gab es keine super-ekligen Dinge mehr bei mir. Ich bin darüber natürlich recht froh. Andererseits: Dass sie jemals ganz aufhören würden, davon träume ich realistischerweise nicht mehr. Meine Leserinnen und Leser mögen gewarnt sein: Es waren vermutlich tatsächlich um die zwei Liter Salzwasser, die ich in den Wellen getrunken habe. Na klar, ich versuche, das meiste Wasser, das beim Kraulen und Atmen in den Mund schwappt, sofort wieder auszuspucken. Meistens gelingt mir das auch, gerade bei so hohen Wellen ist es aber eine Herausforderung. Und manchmal kommt der Wasserschwall so plötzlich, dass man keine andere Wahl mehr hat, als das quasi reflexartig zu schlucken. Nicht, weil man das schlucken möchte, sondern weil die Alternative ist, das Zeug einzuatmen, also zu verschlucken – mit entsprechendem Hustenreiz. Und das wäre bei dem Wellengang eben auch kein Vergnügen.

Salzwasser gibt man ja auch vor Darmspiegelungen. Damit man dort überhaupt reingucken kann. Ich will es nicht spannender machen: Ich hatte zwischenzeitlich kurz Bauchweh, allerdings ging das schnell vorbei. Später wusste ich dann auch, warum. Im bewegten Wasser habe ich nichts davon gemerkt, aber als ich wieder zurück an Land war, wunderte ich mich schon, was für eine seltsam gefärbte Brühe aus meinen Hosenbeinen lief. Boa, igitt! Ich stecke anderen Leuten inzwischen zwar Endoskope in den Po, aber bei denen ist allenfalls Wasser und ein wenig Schleim im Darm. Sich im Neoprenanzug wie ein mariniertes Schnitzel zu fühlen, hat was ganz besonderes. Wie ich meine Querschnittlähmung liebe! Zum Glück haben es die anderen nicht sofort mitbekommen.

Während die anderen auf dem Po sitzend durch den Sand krabbelten, winkte ich unsere Fußgängerin zu mir heran. „Kannst du mir einen Gefallen tun und ohne großes Aufsehen mit mir nochmal ins Wasser gehen? Es gibt gute Gründe, warum ich meinen Neo im tiefen Wasser ausziehen sollte, und ich würde dich auf ewig lieben, wenn du mir dabei hilfst.“ – „Ach du Scheiße.“ – „Du hast es erfasst.“ – „Na klar. Rutsch doch schonmal in die Richtung, ich ziehe mir eben Schwimmsachen an.“

Nein, ich habe nicht geheult. Herzklopfen hatte ich zuerst. Aber unsere Fußgängerin war lieb. Und unkompliziert. Zog mich ins brusttiefe Wasser und zog mir meinen Neo aus. Ich versuchte ihr zu erklären, dass da normalerweise nichts passiert, dafür sitzt das alles viel zu eng. „Aber wenn das von dem vielen Salzwasser von fest zu flüssig wird, kann das passieren.“ – „Ist ja nicht schlimm, das wäscht sich ja gut aus bei der Wasserbewegung.“ – „Ich finde mich gerade so widerlich.“ – „Das würde mir wohl genauso gehen an deiner Stelle, aber ich finde das, ehrlich gesagt, weniger eklig als Quallensuppe. Du machst dich jetzt komplett nackig, schaust mal, das alles draußen ist, machst dich da unten richtig sauber, wir drehen den Neo auf links und spülen den aus und dann merkt man davon nichts mehr. Vielleicht solltest du zu Hause deinen Neo mal mit ein wenig Waschpulver ein Stündchen in die Badewanne legen. Um ganz sicherzugehen.“ – Gesagt, getan. Es war ein schwieriges Manöver, weil ich eigentlich mehr Hände bräuchte als ich hatte. Und nicht stehen konnte, während die Wellen mich hin und herschubsten. Aber meine Begleitung hat mich die ganze Zeit festgehalten, teilweise so fest und eng, dass es mir richtig unangenehm war. Umso dankbarer war ich ihr, dass sie mir geholfen hat.

Und die anderen? Als wir wieder am Strand waren und bei den anderen ankamen, die sich am Auto bereits ausgezogen und abgetrocknet hatten, meinte Marie mit rausgestreckter Zunge: „Na, Stinki?“ – Noch lustiger war Lisa drauf. Mit toternster Miene fragte sie mich: „Warum hast du das gemacht? Konntest du das nicht kontrollieren oder hast du falsch kalkuliert? Ich meine, das weiß man doch eigentlich, dass … du weißt schon.“ – „Das war keine Absicht. Ich kann das ja nicht richtig kontrollieren und irgendwie hat sich mein Bauch wohl über das viele Salzwasser aufgeregt.“ – „Das ist ganz schön peinlich, oder? Also mir wäre das zumindest peinlich, wenn mir das passiert. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich lach dich nicht aus.“ – Gut zu wissen. Ich könnte sie immernoch regelmäßig knuddeln.