Neugierige Katze

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Ich habe ja immer mal individuelle Fragen beantwortet, meistens bei Fragerunden. Manchmal auch in Fragespielen mit anderen Bloggern. Damit niemand mehr darauf warten muss und auch niemand mehr seine individuellen Fragen unter den letzten Post als Kommentar schreiben muss (das passt nämlich meistens nicht zum Post), findet man mich jetzt auch bei der neugierigen Katze. Allerdings möchte ich gleich erwähnen, dass ich Fragen, die ich nicht beantworten möchte, auch konsequent aussortieren werde. Öffentliche Fragen nach meiner Adresse, meinem Arbeitsplatz oder meiner Handynummer gehören beispielsweise dazu. Medizinische Fachberatung gibt es auch nicht. Aus Gründen.

Noch Fragen? Dann los: Neugierige Katze.

100 mal gesucht

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Ich brauchte Ablenkung und habe mal wieder meine Statistiken angeschaut. Und bin dabei über 100 Dinge gestolpert, die Menschen auf meine Seite gespült haben. Nämlich:

1. behinderte begaffen hobby
Aber kein schönes Hobby, oder?
2. behindertenwitze
Ja! Bitte alle zu mir!
3. bezahlte dissertation
Keine gute Idee, Karl-Theodor! Früher oder später fällt das auf.
4. bist du nackt
Gerade nicht. Aber wenn ich keine Klamotten trage, dann ja.
5. bist du untervögelt
Aktuell ja.
6. bußgeldstelle bochum
Mit der hatte ich noch nichts zu tun.
7. darf ich mit 14 masturbieren
Ja.
8. darf man heimlich in die windel machen
Wer sollte was dagegen sagen?
9. delfin dildo
Gefällt mir.
10. der bus fährt plötzlich rückwärts
Falschen Knopf gedrückt?
11. doppelt oberschenkelamputiert
Soll vorkommen. Bist du betroffen oder interessiert?
12. dreier mit 16 jahren
Hm. Langsam anfangen?
13. drogen blog
Da bist du hier falsch.
14. durchfall im aufzug
Legger!
15. dürfen behinderte frauen ficken
Ja.
16. einbeinige frauen haben ein herz aus gold
Du scheinst gute Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben.
17. erdbaumaschinenführerschein
Das Wort steht da wirklich so drauf?
18. euphyllin ampullen kaufen
Nur auf dem Schwarzmarkt. Oder mit Privatrezept in der Apotheke.
19. ficken im rollstuhl
Ist ein kippelige Angelegenheit. Ich empfehle ein Bett oder ein Sofa.
20. fiese witze über behinderte
Immer her damit!
21. flotter dreier vater mutter kind
Nö. Echt nicht.
22. frau nackt im garten
Wenn die Sonne scheint und es ihr Garten ist, kommt sowas vor.
23. freunde aussortieren
Das macht tatsächlich und unter Umständen Sinn. Wobei dann die Frage ist, ob das wirklich (noch) Freunde sind.
24. freundin im rollstuhl abschießen
Schluss machen? Oder töten? Ich bekomme Angst.
25. freundin kaputt gemacht
Kaputt gespielt?
26. geld verleihen schriftlich festhalten
Besser is das.
27. geliehener bikini waschen pipi
Mit Pipi waschen?!
28. hammerexamen was ankreuzen
Am besten die richtigen Antworten, oder?
29. harnleiterschiene wie lange bleibt sie drin
Nicht zu lange. Wenige Wochen.
30. hast du eine zahnspange
Nein.
31. hat man mit spina bifida sexualleben
Kann man, wenn man möchte.
32. ich bin schwarzgefahren gibt es ärger
Die Chancen steigen, wenn du erwischt wurdest.
33. ich fühl mich wohl im badeanzug
Fein. Mir ist es dazu noch zu kalt draußen.
34. ich hasse meine nachbarin
Umzug?
35. ich hasse meinen freund
Schluss machen?
36. ich muss nachts immer niesen
Staub saugen?
37. ich pipi gerne im gartenpool
Ferkel
38. ich pupse gerne alleine im bett
Solange du in deinem Bett bleibst, ist alles fein.
39. ich weine jeden abend im bett
Ohje, warum das denn? Brauchst du Hilfe?
40. ich will dich aufblasen
Und dann steigen oder platzen lassen?
41. ich will um mitternacht einen kuss von dir
Komm her! Aber nur auf die Wange.
42. ich wünsche mir tapetenkleister
Okay.
43. intimbereich waschen stinkt
Dann wird es höchste Zeit.
44. jule auf den po kommen freund
Wenn es hilft.
45. jule badet in pipi
Man kann ja nicht jeden Tag in Champagner baden.
46. jule furzen beim orgasmus
Nee. So schlimm ist es nun noch nicht.
47. jule in latexschürze
Ich bin eine Domina!
48. jule meckerdrache
Nein. Ich bin lieb.
49. jule naturbrüste
Ja. Nichts aufgespritzt. Nichts tätowiert oder gepierct. Und sie gefallen mir. Beide.
50. jule oberschenkel zuckt
Normalerweise zuckt da nix.
51. jule ohne unterwäsche im pool
Meistens. Entweder nackt oder in Badesachen.
52. jule schuldet mir geld
Das wüsste ich!
53. jule schwanger
Das wüsste ich auch!
54. jule sexy in leggings
Danke.
55. jule stinkesocke
Hier!
56. jule stinkesocke tot
Mach keinen Scheiß.
57. jule versendet ihre schlüpfer
Nee. Das nun wirklich nicht.
58. jules blog
Was ist mit dem?
59. kann man auf duschkissen pinkeln
Kann man machen.
60. kann man im notfall auf eine unterlage machen
Probier es aus, dann weißt du es.
61. kann man mit jeans schwimmen
Ja.
62. kann man mit leggings schwimmen
Auch.
63. kann mein freund nutella kaufen
Wenn er genug Geld mitnimmt, sollte das klappen.
64. kinderarzt wirft mit spritzen
Oha. Alle Mann in Deckung!
65. kleine menschen wachsen noch
Meistens ist das so.
66. können querschnittsgelähmte auf klo gehen
Nein, meistens nur sitzen.
67. lustige toilettenschilder zum ausdrucken
Wenn man sonst keine Hobbys hat…
68. mädchen wird in der sauna geil
Soll vorkommen.
69. marie masturbiert im bett
Das stimmt! Oder, Marie?!
70. mit absicht groß in die leggings machen
Igitt. Das ist ja mal eine ziemliche Sauerei.
71. mondsüchtig bei nacht oder tag
Ich würde denken: Nachts, wenn der Mond scheint.
72. nachbarin pflückt nackt obst
Ist das dieselbe, die oben schon nackt durch den Garten lief?
73. neoprenanzug pinkeln warm oder kalt
Warm! Zentralheizung!
74. notdienstapotheke flunetrazepam
Vergiss es.
75. ohne unterwäsche leben
Klingt nach einer spannenden Vision.
76. owie lacht
Gottes Sohn „Owi“ lacht?
77. passt die katze drunter muss die karre runter
Gilt das auch für Rollstühle?
78. perso durchgebrochen
Wie hast du das denn angestellt?
79. physikum note 4
Oh oh! Anstrengen!
80. physikum was ist das
Das ist das 1. Staatsexamen nach vier Semestern Medizinstudium.
81. raclette durchfall
Da war wohl was nicht richtig heiß, oder?
82. rollstuhlfahrerin schwanger
Soll vorkommen.
83. ruinierter orgasmus geschichte
Also, pass auf: Ich wollte gerade kommen, da sah ich eine Spinne an der Decke und kreischte laut. Fertig.
84. sauerstoffgerät gebraucht
Lass mal lieber.
85. sauna einschlafen wann gar
Dafür sind doch diese Eieruhren an der Wand, oder?
86. selbstbefriedigung bei erkältung
Ich nicht, aber wer es mag, bitte!
87. sex trotz inkontinenz eklig
Man kann vorher auf Klo gehen, dann passiert da auch nichts. Und das ist auch nicht eklig.
88. sie haben gesagt ich stinke
Und? Stinkst du wirklich?
89. spritze in den po im krankenhaus
Täter Nuss?
90. stromverbrauch ententeich
Ist der nachts beleuchtet oder was verbraucht da Strom?
91. theophyllin droge
Es gibt nichts, was es nicht gibt.
92. toner durchs büro pusten
Sehr schlechte Idee.
93. tragen alle rollstuhlfahrer windeln
Nein.
94. unterhose oben offen
Irgendwie muss man ja reinsteigen, oder?
95. vati hat zwillinge entbunden
Ein Wunder ist geschehen!
96. was ist ein schallschatten
Bei der Sonografie kommt es vor, dass der Ultraschall vollständig aufgenommen oder vollständig zurückgeworfen wird. Dann kann man alles, was dahinter liegt, nicht darstellen. Auf dem Bild zeigt sich das als Schatten. Die Kunst ist es, zu erkennen, wie und wo Schallschatten entstehen, um diese von Gewebeveränderungen abgrenzen zu können.
97. was kann ich tun wenn ich jemand geld schulde
Zurückzahlen oder um Stundung bitten!
98. wie ist das wetter draußen
Ähm warte … es regnet mal wieder.
99. wieviel bier verträgst du
Das möchte ich nicht ausprobieren.
100. wo gibt es acetabuluplastik
Das Acetabulum ist die Hüftgelenkspfanne, eine Acetabulo-Plastik ist im Prinzip ein korrigiertes Hüftpfannendach. Das macht man bei Kindern mit Hüftdysplasie, also einer nicht korrekt entwickelten Hüfte.

Lena

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Ich habe auch das letzte Wochenende wieder mit Marie und ihrer Familie verbracht. Es war, wie immer, sehr schön. Die Sonne hatte sich angekündigt, entsprechend waren wir alle Vier über die freien Tage an der Ostsee. Maries Eltern leisten sich dort nach wie vor ein Wochenendhaus. Wir haben gegrillt, wir waren im Meer schwimmen, haben sogar eine Zeitlang am Strand gelegen – besser hätte ich mich nicht entspannen können.

Wir haben unter anderem noch einmal sehr ausführlich über meinen Blog und das Drama, das sich vor etwa zwei Jahren daraus entwickelt hat, gesprochen. Ob es nicht einfacher wäre, das Ding einfach zu löschen und nicht mehr, allenfalls privat, zu schreiben. Sicherlich wäre es das – zumindest oberflächlich und auf den ersten Blick. Insbesondere weil sich abzeichnet, dass die Verrückten, die auch schon vor zwei Jahren so viel Energie investiert haben, um mich am Bloggen zu hindern, sofort wieder und weiterhin Spaß daran finden, mich zu mobben. Aktuell wurden in meinem Namen obszöne Nachrichten verschickt.

Aber ich möchte mir meine Entscheidungen und vor allem meine Freiheiten nicht diktieren lassen, schon gar nicht von ein paar durchgeknallten Neurotikern. Auch wenn ihre Aktionen in der Vergangenheit geeignet waren, mich für eine Zeitlang völlig orientierungslos zu machen. Soll heißen, dass ich selbst die Freundschaft zu Marie und ihren Eltern, die mich aufgenommen haben wie eine Schwester beziehungsweise eine Tochter, nicht mehr klar einordnen konnte. Zu viele Menschen aus meinem direkten Umfeld, von denen ich das nie erwartet hätte, haben sich indirekt am Mobbing beteiligt. Zum Beispiel, indem sie einfach blind sensible Informationen durchgesteckt haben oder einzelne Aktionen geduldet haben, statt sich deutlich zu positionieren. Inzwischen weiß ich aber wieder, wem ich vertrauen kann – und wer mich verarscht hat. Manche Erfahrungen sind bitter, aber wohl nötig.

Manche Erfahrungen nützen aber auch. Ich weiß, dass einige Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeit öfter Opfer von Mobbing werden. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass es in der Klinik, in der ich im letzten Jahr den letzten Teil meiner Famulatur abgeleistet habe, zu einem weiteren Vorfall gekommen ist. Eine Kommilitonin, die noch nicht so lange studierte, sah ich während einer ihrer praktischen Arbeiten einmal pro Woche auf „meiner“ Station. Sie hat mich regelmäßig um Hilfe beim Lernen gebeten und ich habe mich auch ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie wurde dann aber anstrengend, insbesondere hatte ich den Eindruck, sie hätte kaum andere Kontakte. Sie wurde mehr und mehr distanzlos – in jeder Hinsicht. Irgendwann erzählte sie mir von ihren psychischen Problemen, die nach dem Verlust ihrer Mutter aufgetreten seien. Ich habe mehrmals ganz deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie zu sehr an mir klammert. Sie brachte mich irgendwann in die Situation, für jede Entscheidung, weniger bis kaum noch Zeit noch mit ihr zu verbringen, eine Rechtfertigung zu verlangen. Keine Erklärung, die hatte sie ehrlich bekommen. Sondern sie konnte das nicht akzeptieren. Gleichzeitig war sie eifersüchtig auf eine andere Famulantin, die überhaupt nicht an mir klammerte, die es daher aber auch nicht nötig machte, sie auf Distanz zu halten.

Eines Tages zog mich diese andere Famulantin plötzlich zur Seite, sprach mich an, Lena habe sie um Rat gefragt. Müsse sie etwas tun, wenn sie den Verdacht habe, ich würde von der Station Medikamente mitgehen lassen? Alleine diese Fragestellung hatte die andere Famulantin schon dazu veranlasst, sofort Zweifel zu hegen und mich direkt darauf anzusprechen, dass Lena gegenüber ihr und mindestens zwei weiteren Mitarbeiterinnen behauptet hätte, sie hätte gesehen, dass ich mir Zugang zu einem Medikamentensafe verschafft und Diazepam (eine angstlösende Psychopille) und Tilidin (ein starkes Schmerzmittel, das euphorisiert) entwendet hätte.

Beide Substanzen lassen sich in der Partyszene vermutlich gut verticken. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr davor war ich zwar perplex, aber fit genug, um sofort zu handeln. Ich habe am nächsten Morgen den Chefarzt um ein Gespräch gebeten und mich selbst bei ihm „angezeigt“. Flucht nach vorn. Ihm gesagt, dass mir die andere Famulantin erzählt hätte, Lena hätte mich dabei gesehen. Ich bestreite das natürlich, aber das machen wohl fast alle Leute, selbst wenn sie was angestellt haben. Er schickte mich bis zum Ende der Woche nach Hause, ich solle in Ruhe aufschreiben, was ich dazu sagen möchte. Und am besten mit niemandem, der beteiligt ist, sprechen.

Zwei Tage später durfte ich schon wieder zurück auf die Station, noch bevor ich mich dazu offiziell geäußert hatte. Der Chefarzt rief mich persönlich an, war kurz angebunden und meinte nur: Die Vorwürfe gegen Sie halten einer Überprüfung nicht stand. Sie dürfen morgen wiederkommen, wir freuen uns auf Sie.

Zwei Monate danach gab es dazu sogar noch einen schriftlichen Bericht. Tilidin war zwar im betroffenen Safe, aber nur als Betäubungsmittel, und das liegt ausschließlich in einem nochmal extra gesicherten Teil des Safes, für den nur die Stationsleiterin (Pflege) den Schlüssel am Körper hat. Das heißt, ich wäre gar nicht dran gekommen. Und Tilidin-Verbindungen, die nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und daher nicht besonders zu sichern sind, waren gar nicht im Safe. Außerdem stimmte das Verzeichnis mit der tatsächlichen Menge überein und die letzte Eintragung über Tilidin war Wochen her. Der Vorwurf war damit ausgeräumt.

Beim Diazepam war das nicht ganz so eindeutig. Daran hätte ich theoretisch sogar kommen können. Aber da glaubte man mir einfach. Vermutlich insbesondere, weil sich der andere Teil des Vorwurfs schon als haltlos herausgestellt hatte. Lena meldete sich über Wochen krank, als sie dann wieder erschien, sagte sie gegenüber dem Chefarzt offenbar, dass sie sich von mir zurückgestoßen gefühlt hatte und mir eins auswischen wollte. Sie hat inzwischen eine zweite Chance auf einer anderen Station bekommen. Ich bin zwei Mal auf sie zugegangen und habe ihr eine Aussprache angeboten. Sie hat das aufgrund ihrer psychischen Verfassung abgelehnt. Ich möchte das als persönlich Betroffene kaum kommentieren. Nur soviel: Ich glaube nicht, dass sie einen Abschluss schaffen wird.

Darum

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Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.