Ein neuer Versuch

17 Kommentare1.920 Aufrufe

Über ein Dreivierteljahr ist es jetzt her, dass ich mit Jan zusammen war. Nach unserer plötzlichen Trennung im Januar habe ich nie wieder was von ihm gehört oder gelesen. Wir waren auch nur kurz zusammen und mehr als geknutscht und gefummelt haben wir auch nicht wirklich. Inzwischen bin ich darüber hinweg.

Lars ist im Oktober 25 geworden. Argh, sieben Jahre. Er ist solo. Er ist Fußgänger. Er hat im Sommer regelmäßig in und um denselben See trainiert wie wir. Ja, Freiwasserschwimmen. Radfahren. Hat schon an einigen Triathlons mitgemacht, auch wenn die meisten Fußgänger ja erst wesentlich später (30 aufwärts) damit anfangen. Ich habe mich einige Male mit ihm unterhalten. Er war regelmäßig bei uns und hat sehr interessiert zugeschaut, wenn wir trainiert haben. Blieb oft noch lange Zeit nach seinem Training. Hat mit uns am See gegrillt. Viel erzählt, viel geredet. Über sich. Seine Einstellungen. Über uns. Über seine Faszination vom Sport. Hat sich für mich interessiert. Hat mir (nur mir!) irgendwann seine Nummer gegeben, falls wir mal Interesse hätten, in kleinerer Gruppe Fußgänger und Rollifahrer zusammen zu trainieren (Biken oder Schwimmen), soll ich ihn mal anrufen. Oder einfach nur so, wenn ich mal Langeweile hätte…

Ich kann immernoch nicht einschätzen, ob ich für ihn nur „interessant“ bin, weil er Sportler im Rolli so faszinierend findet, ob er auf junges Gemüse steht, ob ich mir alles nur einbilde, ob er vielleicht irgendwas anfangen und schauen, wie es sich entwickeln würde – oder ob er vielleicht zu jenen Leuten gehört, die auf gelähmte Mädels stehen und so einen Behindi-Fetisch haben.

Ich habe ihn endlich angerufen. Jetzt, wo es arschkalt und bald Winter ist, könnten wir ja gar nicht mehr draußen trainieren. Ich würde unser gemeinsames Training und vor allem die Abende am Lagerfeuer oder beim gemeinsamen Grillen vermissen. Ja, er freue sich doch sehr, dass ich ihn anrufe, er habe lange gehofft und nun aber inzwischen schon fast die Hoffnung aufgegeben. Ich fragte ihn, ob wir nicht mal zusammen trainieren wollen, zum Beispiel in einer Schwimmhalle. Er sagte: „Na klar, sofort!“ Ähm … ja.

Schisssocke mal wieder. Falscher Weg. Was wollen wir zusammen in einer überfüllten Schwimmhalle, in der zehn Vereine sich acht Bahnen teilen? Zweiter Anlauf. Eindeutiger. „Oder wollen wir vielleicht auch mal so schwimmen gehen in einer kleineren Gruppe?“ – „Ja, da bin ich gerne dabei.“ – „Also wir wollten jetzt am Wochenende in eine Therme, da ist ein Sportbecken und so ganz viel Relax-Kram und auch ein Saunabereich. Also so richtig zum Entspannen. Bisher eine Freundin und ich, aber wir wollten noch mehr Leute fragen und … ich würde mich freuen, wenn du da auch mitkommst.“

Herzklopfen. Spannung. Siedet. Erreicht den Höhepunkt. „Ja. Gerne. Wann treffen wir uns wo?“

Morgen. Jana kommt mit. Ganz alleine traue ich mich nicht. Fremder Mann und so… Sie fährt mit ihrem Auto. Wir treffen uns bereits alle in Hamburg auf einem Supermarktparkplatz an der Autobahn, paar Minuten von hier, die Therme liegt außerhalb. Zuletzt gesehen habe ich Lars vor drei Wochen bei unserem letzten Outdoor-Schwimmtraining. Habe ein Foto von ihm auf meinem Desktop, seine Telefonnummer immer in meinem Portemonnaie, hatte seine Nummer schon paar Mal ins Handy getippt, dann aber in letzter Sekunde doch eher auf die rote als auf die grüne Taste gedrückt, weil ich mich nicht getraut habe. Argh!

Wenn ich mir nicht alles falsch eingebildet habe, macht mir dieser Typ schon seit Ewigkeiten schöne Augen. Er ist etwa 1,80 groß, hat eine sportliche Figur, braune kurze Haare, braun-grau-grüne Augen … ich will ihn. Und ich werde ihn morgen so derbe anbaggern, dass er inzwischen vergeben oder dumm sein muss, wenn er nicht mitkriegt, was ich von ihm will. Jana ist bereits eingeweiht.

Dumm ist, dass ich selbst gar nicht weiß, was ich will. Eigentlich will ich alles. Wenn er gut oder sogar der richtige ist, will ich ihn unbedingt enger kennenlernen und ich kann mir auch vorstellen, wieder eine Beziehung anfangen. Wenn er „privat“ ganz doof ist, war es einen Versuch wert. Wenn er nichts ernstes von mir will aber … ich habe mir heute Kondome gekauft. Ich glaube nicht, dass ich sie brauchen werde, zu 98% nicht. Aber die 2% sollen nicht an fehlenden Gummis scheitern.

Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass ich, sollte ich morgen diese Packung öffnen, eher doch keine Beziehung mit ihm anfangen will. Ach, ich weiß eigentlich gar nichts. Ich möchte nur, dass es ein schöner Nachmittag wird. Ohne irgendwelche komischen Störungen. Okay? Beine, Spastik, Haut, Blase, Darm, … okay!?! Benehmt euch.

Ein Satz mit X

7 Kommentare1.722 Aufrufe

Ein Satz mit X: Das war wohl nix. Nachdem ich am letzten Wochenende bei Jan schlafen wollte, das aber letztlich daran scheiterte, dass die Wohnung arschkalt war und er keine vernünftige Decke zum Zudecken hatte (siehe hier), hatte er sich nicht mehr bei mir gemeldet. An sein Handy ging er nicht dran, SMS beantwortete er nicht – und solche Spielchen, dass ich Freunde anrufen lasse oder selbst mit unterdrückter Rufnummer anrufe, mache ich nicht. Wenn er nicht mit mir reden will, werde ich das nicht erzwingen. Ich hätte nur gerne verstanden, warum er nicht mit mir reden möchte. Ob er sauer ist, ob ihm das alles unangenehm und peinlich ist, ob er mich hasst, ob er mich noch liebt – mich eine Woche lang im Unklaren zu lassen, finde ich alles andere als prickelnd.

Ich könnte jetzt auch sagen, dass ich unsere Beziehung nach einer Woche Unklarheit beendet habe. Das trifft es aber nicht, auch wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe. Nein, ich habe gestern erfahren, dass er zum 1. Februar nach Süddeutschland zieht. Eine Freundin vom Sport erzählte mir heute, dass er sich bei einem Team in der Oberpfalz erkundigt hat, ob er dort künftig trainieren kann. Als ich dann noch fünf Mal nachfragte, meinte sie, dass er dort wohl eine Steffi kennen gelernt hätte, schon vor einiger Zeit. Bei einem Trainingslager.

Ich kommentiere das nicht weiter. Außer: So oberflächlich, dass er es mir nicht erzählen muss, kann es ja nicht gewesen sein, wenn er nun gleich dorthin zieht. Er hat mich inzwischen bei Facebook aus seinen Freunden gelöscht. Dafür steht sie als „neue Beziehung“ drin und jede Menge Kommentare, er liebe sie über alles.

Im Moment ist meine Erleichterung darüber, dass wir nicht miteinander geschlafen haben, eindeutig größer als der Schmerz über meine erste Trennung. Ich bin ein bißchen geschockt, ich verstehe das alles nicht wirklich, ich fühle mich betrogen. Ich finde es schade. Aber so richtig schmerzhaft finde ich es im Moment nicht. Vielleicht ist es auch am besten, wenn ich gar nicht weiter nachfrage.

Eisiger Wind, sexy Po

2 Kommentare1.754 Aufrufe

Heute wurde es etwas wärmer. Wir haben nur noch so zwei bis vier Grad unter Null. Dafür aber einen eisigen Wind, der ekligen Schneegriesel durch die Straßen peitscht. Inzwischen reicht es mir und vielen anderen Rollifahrern echt. Nirgendwo kommt man mehr vernünftig hin, man ist ständig vom Schnee durchnässt, kalt und vor allem: Sämtliche Lager, Steckachsen etc. am Rollstuhl geben ihren Geist auf. Sobald der Schnee weg ist, ist die nächste Grund-Instandsetzung nötig.

Weil sie Straßenglätte vorausgesagt haben, bin ich lieber wieder mit Bus und Bahn zur Physio gefahren. Als Ronja mit meiner Massage fertig war und ich zur Einzeltherapie rücklinks auf der Liege lag, kam schon wieder eine Bemerkung über meine Bekleidung. „Seit du die engeren Hosen trägst, kann ich deine Beine viel besser sehen. Das ist wichtig.“ Ich nickte etwas genervt. „Du hast aber auch die richtigen ausgewählt. Es gibt eine Sorte, die sind aus solchem Synthetik-Zeugs, da brauchen die Finger nur ein kleines bißchen rauh zu sein und schon bleibt man am Stoff hängen mit der Haut. Aber bei dir fühlt sich das richtig glatt und angenehm an.“

„Hier ist aber auch irgendwelches Synthetik-Zeugs drin“, erwiderte ich. Sie meinte: „Ja, aber es gibt so moderne Sachen, da ist das so. Die kosten auch gleich viel mehr.“ – „Ja, 119 Euro, die habe ich auch gesehen, als ich diese gekauft habe. Die waren mir zu teuer.“ – „Ja, das ist voll der Irrsinn.“ Da sie mich nervte, nervte ich zurück: „Aber du hast ja gesagt, diese sind sexy.“

„Ja, das stimmt wirklich. Ich finde, das sieht richtig knackig aus. Auch so am Po und so.“ Hallo?! Jetzt wird es aber charmant. Jedem Typen hätte ich für die plumpe Anmache die kalte Schulter gezeigt und mir einen neuen Physiotherapeuten gesucht, bei ihr … naja … sie hat eben geistige oder -wie es korrekt heißt- kognitive Einschränkungen. Da wirkt es eher unbeholfen bis lustig. „Meinst du meinen Windelpo?“ Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Das wäre fies.

„Nein, so insgesamt meinte ich. Die Windel ist mir egal, die haben ja einige Patienten.“ – „Ja genau. Darf ich mal was direktes fragen? Stehst du auf Frauen?“ Die Reaktion kam prompt: „Äh nein?! Ich habe einen Freund! Wieso?“ – „Ich dachte, weil du mich knackig und sexy findest.“ – „Oh nein, ich steh nicht auf Frauen. Ich hoffe, du hast dir keine Hoffnungen gemacht und bist jetzt enttäuscht! Das tut mir leid!“

Jetzt musste ich wirklich lachen. Sie guckte nur irritiert. „Nein nein, alles okay.“ Die Frau ist echt genial. Während sie eng anliegende Hosen knackig und sexy fand, kam ich mir eher so vor:


Beim anschließenden Schwimmtraining vom Verein ist Jan nicht aufgetaucht. Seit Sonntagmorgen habe ich von ihm nichts mehr gehört oder gelesen. Ich habe heute eine SMS geschrieben, ob er noch lebt und noch mit mir redet, aber auch darauf habe ich bis jetzt keine Antwort bekommen.

Irritiert und unterkühlt

4 Kommentare1.894 Aufrufe

Zwischen Jan und mir herrscht wohl erstmal Funkstille. Wie die Überschrift schon verrät, bin ich irritiert und nicht nur im übertragenen Sinne unterkühlt. Eigentlich sollte es ein nettes Wochenende werden und ich wollte bei ihm schlafen. Wir waren gestern mit ein paar Leuten im Kino, haben uns „Friendship!“ angeschaut, gelacht, gemeinsam noch etwas gegessen und sind dann zu zweit zu Jan nach Hause gefahren.

Zum ersten Mal habe ich dabei auch seine Wohnung kennen gelernt. Das sah so alles sehr nett aus, nur wohnt er, genau wie ich, noch nicht so lange alleine. Insofern fehlen ihm auch viele Dinge. Was ja nicht schlimm ist. Ich bin nicht verwöhnt, finde einheitliches Geschirr eher spießig und habe auch nichts gegen eine auf dem Boden liegenden Matratze als Bett. Auch als Rollstuhlfahrerin nicht.

Als wir zu ihm nach Hause kamen, war es etwa 0.30 Uhr nachts und ein Fenster im Schlafzimmer war gekippt. Draußen waren 12 Grad unter Null und wir waren schon entsprechend durchgefroren. Die Wohnung ist nicht unterkellert und das Schlafzimmer hat zwei Außenwände und zum Teil noch einfache Verglasung. Ist halt sehr günstig. Richtige rollstuhlgerechte Wohnungen findet man in Hamburg nicht unter 600 Euro, diese kostet 250 Euro warm und ist eigentlich nicht rollstuhlgerecht, aber ebenerdig. Für ihn reicht es, sagt er.

Ich schaute auf das Thermometer, das im Schlafzimmer hing. Acht Grad plus. Dann schaute ich auf meine Decke: Eine dünne Sommer-Steppdecke, so dünn, dass ich im ersten Moment dachte, es sei nur ein Bezug. Dünner als eine Wolldecke auf jeden Fall. Ich dachte: „Das ist jetzt nicht sein Ernst.“ Er schloss das Fenster und meinte, dass er mir noch eine Wolldecke zusätzlich geben könnte. Ich antwortete: „Mach doch erstmal die Heizung an!“

„Zwischen 22 und 7 Uhr geht die Heizung nicht. Wasser wird auch nur lauwarm. Der Vermieter spart.“ – „Ich hoffe, du hast einen Heizlüfter.“

Jan schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht, ob er mich verarscht. Aber er meinte das augenscheinlich ernst. „Einen Schlafsack? Jan, ich leg mich nicht bei dieser Kälte unter eine dünne Wolldecke.“ – „Komm doch mit unter meine Decke, dann wärmen wir uns gegenseitig. Ich habe ein dickes Federbett. Ich schlafe hier jede Nacht!“

Okay, ich wollte kein Spielverderber sein. Meine Hose war nass vom Schnee, sonst wäre sie vielleicht wärmer gewesen als mein Schlafanzug. Ich packte mich zu ihm unter die Decke, kuschelte mich fest an ihn. Er schlief ein, ich wurde und wurde nicht warm. Nach etwa einer Stunde weckte ich ihn. Als er sich drehte und die Decke halb von mir runterrutschte, fing ich so an zu zittern, dass meine Zähne richtig heftig aufeinander klapperten. „Jan, das geht so nicht. Ich hol mir hier den Tod.“ Ich zog die Decke wieder über mich.

„Du übertreibst“, antwortete er. Wie nett! Ich fühlte mich so richtig ernst genommen. Er nahm meinen Arm und sagte: „Du hast nicht mal eine Gänsehaut. Schlaf jetzt!“ Ich dachte, ich spinne. Ich tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter.

„Was soll das denn jetzt? Es ist zwei Uhr nachts!“ – „Mir ist arschkalt und ich werde nicht warm. Ich schlage vor, ich zieh mich an und fahre zu mir nach Hause. Wenn du mitwillst, kannst Du gerne mitkommen, aber ich bleibe nicht hier.“ – „Du hast ja ganz blaue Lippen! Hast du dich nicht richtig zugedeckt?“ – „Jan, ich habe eine Querschnittlähmung! Ich habe Eisbeine seit wir draußen waren und die werden von alleine nicht wieder warm und kühlen mich immer weiter aus. Wenn dazu noch diese arschkalte Wohnung kommt, unterkühle ich irgendwann.“ Er krabbelte zu einem Schrank und deckte mich wieder halb auf. Herrje!!! Er holte ein Fieberthermometer raus. „Miss mal bitte. Du siehst nicht gut aus.“

Ich steckte mir das Thermometer in den Mund. Ich hätte beim Zähneklappern beinahe drauf gebissen. Bei 34.3 Grad piepte es. Das müsste nun eindeutig genug sein. „Hast du richtig gemessen?“ – „Unter der Zunge. Tu mir bitte den Gefallen und gib mir meine Klamotten, damit ich mich im Liegen anziehen kann.“ Er wollte nicht mit. Ich rief mir ein Taxi. Als ich mich, immernoch zähneklappernd, ins Taxi umsetzte und der Fahrer meinen Rollstuhl in den Kofferraum verladen hatte, sagte der: „Du bist kalt! Mercedes gute Heizung. Vorher Passat, nix gute Heizung. Immer frieren. Für junge Lady ich mache heiß wie Wüstensturm?“ – „Wüstensturm ist okay“, antwortete ich. Der Afrikaner drehte alle Regler bis zum Anschlag. Dann erzählte er mir erstmal seine halbe Lebensgeschichte. Ich wäre fast eingeschlafen. Aber er wusste den Weg.

Als wir bei mir zu Hause ankamen, zeigte die Uhr knapp 46 Euro. Immerhin waren wir auch gut eine halbe Stunde unterwegs gewesen. Inzwischen klapperten meine Zähne nicht mehr, aber ich fror nach wie vor. Mir war scheißegal, was die anderen Leute im Haus darüber denken würden, wenn ich mir um kurz vor 4 Uhr nachts die Badewanne einlasse. Während es plätscherte, machte ich mir eine große Tasse Milch mit Honig in der Mikrowelle heiß und nahm sie mit. Das Badewasser erstmal nicht zu warm, reinsetzen und dann nach und nach heißes Wasser mit der Handbrause zulaufen lassen. Wie schön, dass bei uns in der WG sowohl die Heizung als auch das Heißwasser nachts geht.

Um kurz vor 5 Uhr fühlte ich mich wieder so gut, dass ich direkt in mein Bett verschwunden bin. Jan hat sich den ganzen Sonntag lang nicht ein einziges Mal gemeldet. Ich will echt nicht glauben, dass ihm das so scheißegal ist. Ich finde eigentlich, dass ich nicht unbedingt empfindlich bin. Ich bin schon bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee schwimmen gewesen. Aber das hier war doch eindeutig ein bißchen zu heftig.