Keine Sternschnuppe

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Ich finde es traurig und ich wünsche einer Frau Mitte 40, die ich gestern bei einer Tanz-in-den-Mai-Feier locker kennen gelernt habe, dass sie noch bessere Erfahrungen macht. Sie war die Freundin einer Freundin von Jana, und eigentlich hatte ich mich auf einen ruhigen und entspannten Abend gefreut. Nach dem Fußballspiel sollte es mit Tanzen, lauter Musik und ein wenig Party in einer Kneipe in Hamburg locker in den Mai gehen, stattdessen gab so nervige Diskussionen, dass Jana und ich irgendwann die Örtlichkeit verlassen haben und spazieren gegangen gefahren sind.

„Ich brauche im Leben keine Männer“, das war ihr Leitsatz. Den sie an dem Abend mindestens 20 Mal wiederholte, nämlich immer dann, wenn sie ein männlicher Partygast angesprochen, ihr einen Drink angeboten oder einfach nur nach der Uhrzeit gefragt hat. Ich weiß es nicht und ich will es auch nicht wissen, welche Erfahrungen sie mit Männern gemacht hat oder wer um Himmels Willen ihr diese Sichtweise eingetrichtert hat, aber ich kann und will diese Meinung für mich nicht teilen. Ich mag Männer, ich habe einige sehr intensive Beziehungen zu Männern. Sie gehören zu meinem Leben, sie haben dort Platz und ich möchte nicht, dass sie eines Tages nicht mehr da sind. („Männer gehören eliminiert.“)

Ich weiß nicht, warum ich das Bedürfnis habe, das klar zu stellen. Ich vermute, es liegt daran, dass jemand ernsthaft mit mir darüber diskutieren wollte, dass eine Welt ohne Männer möglich wäre. Dass mich das wütend gemacht hat. So wütend, dass ich mir eine Analogie, die weit unter der Gürtellinie eingeschlagen wäre, regelrecht verkneifen musste. Am Ende haben wir einen schönen Sternenhimmel gesehen. Leider keine Sternschnuppe. Ich habe mir aber trotzdem etwas gewünscht.

So wie du bist

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Habe ich zu viel Traffic oder was? Ich muss tagelang offline schreiben, weil immer, wenn ich einen neuen Beitrag einstellen will, ich eine Meldung über einen Internal Server Error bekomme. Aber inzwischen scheint es ja wieder zu funktionieren. Oder etwa nicht!? *fauch*

Ja. Wir waren endlich im Kino. Und haben den Gold-Film geschaut. Maria, Marie, Cathleen, Sofie, Frank, Jana und ich sowie ein Freund von Cathleen, eine Freundin von Sofie, eine Assistenin von Maria und die Eltern von Marie. An der Kasse gab es einen kurzen Stau, aber die sieben Rollis waren am Ende nicht das Problem. Allerdings stand eine ältere Frau draußen im Schneegestöber und keifte von hinten: „Können die Behinderten da vorne vielleicht mal ein kleines Stück weiter gehen? Ich kriege einen kalten Hintern!“

Eine Frau, die nicht zu uns gehörte, drehte sich empört um. „Nicht aufregen! Wo haben Sie denn Ihre Tabletten?“ – „Was für Tabletten?“ – „Nicht dass Sie mir hier vor lauter Aufregung noch aus dem Anzug springen!“ – Maries Mutter musterte die beiden Streithähne unauffällig von der Seite und murmelte sich ein „Was geht denn hier ab?“ in ihren nicht vorhandenen Bart.

In einem Programmkino kommt man zum Glück um die sonst üblichen 37 Trailer und 84 überwiegend saudummen Werbeclips einschließlich der 11, mit denen für noch freie Werbeplätze geworben wird, herum. Auch geht nicht noch drei Mal das große Licht wieder an, weil der Eismann, drei alberne Kartoffelchips-Bunnys mit Hasenohren auf dem Kopf oder die Trink-doch-noch-ne-Cola-bei-drei-Grad-Gang in ihren einteiligen Bodysuits und umgeschnallten Bauchladen lautstark nervend in den Saal einfällt, ihren Spruch aufsagt und erst wieder abzittert, wenn sie dem ohnehin schon geschröpften Zuschauer noch durchschnittlich fünf Euro fünfzig aus dem Kreuz geleiert hat.

Nein, zack, plötzlich waren wir mittendrin im Geschehen. Ich will den Inhalt des Films nicht vorweg nehmen, aber wenn ich nach meiner Meinung gefragt werden würde, sage ich: Es ist nicht mein Geschmack. Ich weiß, erst meckert Jule darüber, dass sie den Film nirgendwo sehen kann, nun kommt sie endlich rein, ist es wieder nicht richtig. Aber ich möchte ehrlich sein: Das einzige, was ich interessant fand, waren die Lebensumstände des blinden Läufers aus Afrika und ein paar Szenen vom Einzug der Mannschaften in das Olympiastadion. Und ein paar bekannte Bilder aus meinem Krankenhaus, in dem einige Innenaufnahmen gemacht wurden.

Aber insbesondere die deutsche Athletin, die Schwimmerin Kirsten Bruhn aus Neumünster, wirkte auf mich im Film derbe unsympathisch. Sie war über den gesamten Film so extrem emotional, dass es mich nach fünf Minuten nervte. Ich finde, sie macht einen extrem schlechten Eindruck auf Menschen mit einer frischen Behinderung, die zu der Annahme kommen müssen, nach 20 Jahren bist du -überspitzt gesagt- immernoch ständig am Flennen, wenn dich einer fragt, warum du im Rollstuhl sitzt. Gleiches gilt für den Vater des dritten Athleten, der auf mich den Eindruck vermittelte, er hat noch immer nicht verkraftet, dass sein Sohn eine angeborene Behinderung hat. In der Beziehung war mir die Mutter des akfrikanischen Läufers irgendwie noch am liebsten, die betonte, dass ihr Sohn trotz seiner Behinderung von ihr genauso geohrfeigt wird wie ihre anderen nicht behinderten Kinder. Uff.

Die für mich schönste Szene des Abends spielte sich nach dem Abspann ab. Nach der Vorstellung fragte Marie ihren Papa, ob er ihren Rolli wieder zu ihrem Sitz in Reichweite schieben könnte. Stattdessen schnappte er sich blitzartig Marie mit einem Arm um ihren Rücken, mit dem anderen unter ihren Kniekehlen, warf sie hoch, gab ihr einen Kuss und meinte: „Mir ist es sehr recht, dass du deine Möglichkeiten von vornherein meistens richtig einschätzt.“ – Marie runzelte die Stirn und er fügte hinzu: „Naja, du musst nicht mehr können als du denkst. Ich liebe dich so wie du bist.“

Gangnam Style und Tischgespräch

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Es war mal wieder so weit: Maries Muddi fragte, ob wir noch einmal einen Sauna-Sonntag im Garten verbringen wollen. Sie war mit ihrem Mann am Samstagabend dran, bei Kerzenschein und Schneetreiben. So eine Frage lasse ich mir doch nicht zwei Mal stellen, Cathleen und Jana auch nicht, so waren wir für den frühen Sonntagmorgen viel zu gut drauf und auf dem Weg zum Müsli-Orangensaft-Frühstück.

Natürlich ging direkt vor uns noch die Bahnschranke zu. Neben uns in der zweiten Spur hielt ein voll krasser Dreier-BMW als Cabrio mit offenem Verdeck. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Zwei obercoole Typen mit Schirmmützen drin, die allerdings beide schon einen Hörsturz haben mussten, da sie „Gangnam Style“ in der Version von PSY so laut gedreht hatten, dass ich für einen Moment lang überlegt hatte, ob der Zug schon kommt. Neben mir auf dem Beifahrersitz fing Cathleen an, die Unterarme gekreuzt herumzuschwingen und im Rhythmus ihre Mähne wild hin und her zu werfen. Als der Refrain kam, sang sie den Text mit: „Eh Sexy lady, eh eh eh eh!“

Jana fragte von hinten: „Soll ich das Fenster runtermachen und fragen, ob sie hinten noch einen Platz für dich haben?“ – Cathleens einzige Antwort: „Oppan Gangnam Style!“

„Gucken sie rüber?“, fragte ich Jana, die hinter mir hinter einer abgedunkelten Scheibe saß und somit die beiden beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Sie sagte: „Jepp! Der eine starrt in deine Richtung und leckt sich andauernd mit der Zunge über die Oberlippe.“ – „Nicht wirklich.“ – „Doch, guck doch hin!“

Cathleen rockte immernoch zu der in unserem Auto bei geschlossenen Fenstern und Türen und laufender Heizung deutlich wahrnehmbaren Geräuschkulisse ab und sprach im Takt mit: „Gangnam Style!“

Ich guckte rüber. Der Beifahrer zwinkerte mir zu und machte einen Kussmund. Ich tat so, als würde ich träumen und ihn gar nicht wahrnehmen. Jetzt hupte der andere noch. Cathleen sagte: „Die sind auf LSD. Jede Wette. Gangnam Style!“

Ich sagte: „Ich überlege, ob ich meinen blauen Parkausweis in die Scheibe halten sollte. Und dann mal gucken, ob er immernoch zwinkert.“ – Jana krümmmte sich vor Lachen bei der Vorstellung. Die Schranke öffnete sich. Der Motor des BMW heulte mehrmals auf. Wollte er damit jetzt ein Wettrennen gegen einen Touran beginnen? Bei dem Wetter? Und unabhängig davon wäre ich mir nicht mal sicher, ob meine Karre nicht sogar schneller auf 100 wäre als Gangnam Style.

Nein, wir fahren vernünftig. Als wir in Maries Straße einbogen, hielt sich ein Mann, schätzungsweise Anfang 20, an einer Birke fest und reiherte. Zweihundert Meter weiter krabbelte eine Frau mit halb zerrissener Strumpfhose auf allen Vieren durch den Schnee. Barfuß. Sah uns, wollte aufstehen, fiel aber gleich wieder um. Die Party schien etwas länger gedauert zu haben. Schnapsbuddel Nummer Drei sahen wir, als wir vor Maries Haus hielten und darüber diskutierten, ob wir wirklich in die Kälte aussteigen wollten. Man konnte den Mann sehen, wenn man schräg durch die Büsche hindurch guckte, er stand etwa fünf Häuser weiter und versuchte, die Haustür aufzuschließen, was sich schwieriger gestaltete als ihm in dem Moment lieb war. Er hibbelte von einem Bein auf das andere und presste mehrmals eine Hand in den Schritt. Dann lehnte er sich mit dem angewinkelten Arm gegen die Tür, die Stirn gegen den Arm und schaute an sich herunter. Und hibbelte nicht mehr. Cathleen grinste mich an: „Das ist aber auch fies. Nun hat er sich stundenlang gequält, und dann ist der Weg am Ende doch drei Meter zu lang.“

Ich weiß, wir sind unmöglich. Aber es kommt noch schlimmer. Als wir am Frühstückstisch saßen, fragte Jana Marie: „Sag mal, warst du schon mal so breit, dass du auf allen Vieren nach Hause gekrabbelt bist?“ – „Ich krabbel immer auf allen Vieren, egal ob ich breit bin oder nicht“, antwortete sie schlagfertig. Wusste aber gleich, worauf Jana anspielte: „Habt ihr die Leute vom Haus Nummer .. getroffen? Die sind jeden Sonntagmorgen breit.“

Cathleen sagte: „Der eine kotzte gegen die Birke, die zweite krabbelte auf allen Vieren in Strumpfhosen durch den Schnee und der dritte bewässerte seine Fußmatte.“ – Maries Mutter sagte: „Das ist unglaublich, die sind jeden Samstag auf irgendeiner Party und kommen Sonntagmorgen sternhagelvoll nach Hause. Ein paar Mal haben Nachbarn mich schon aus dem Bett geklingelt, aber inzwischen rufen sie gleich den Rettungsdienst. Was anderes kann ich ja auch nicht machen.“

Marie fragte entsetzt: „Hat der wirklich gegen seine Haustür gepinkelt?“ – Jana antwortete: „Naja, in die Hose. Und stand dabei halt auf seiner Fußmatte.“

Woraufhin Marie meinte: „Sowas bescheuertes, dann würde ich mich doch schnell irgendwo hinhocken oder meinetwegen ins Gras setzen, bevor das alles in die Schuhe und über die Fußmatte läuft, das kriegst du doch nie wieder sauber!“ – Maries Mutter kommentierte: „Sie hörten einen Tipp aus dem Alltag einer Blasenlähmung. Er kann die Fußmatte ja künftig unter sein Auto legen, vielleicht hilft ihm das gegen Marderbisse.“ – Marie antwortete: „Apropos, kennt ihr den? Stehen zwei Männer vor ihren Pissoiren, einer guckt zum anderen rüber und sieht, dass der vierstrahlig pinkelt.“

Maries Mutter verdrehte die Augen. Cahtleen meinte: „Ich kenne den nicht! Erzähl!“ – Marie erzählte weiter: „Wie ist denn das passiert? Der Mann antwortet: Beim Urologen, bei mir wurde eine Zystoskopie gemacht und der Assistenzarzt hatte ein paar Mal in der Vorlesung gefehlt und wusste nicht, was ‚unter Sicht‘ bedeutet.“

„Häh, was?“, fragte Cathleen nach. Maries Mutter klärte auf: „Blasenspiegelung. Beim Mann wird das Endoskop immer unter Sicht vorgeschoben. Unter Sicht bedeutet, dass du gucken musst, wohin du manövrierst, damit du die Harnröhre nicht durchstichst. Und der Mann vor dem Pissoir war an der Stelle wohl etwas perforiert und hatte mehr als einen Strahl.“

„Oh Scheiße, gibt es sowas wirklich?“, fragte Cathleen. Maries Mutter schüttelte den Kopf. Cathleen fragte: „Was macht man denn, wenn man da durchsticht?“ – „Durchstechen ist ganz schlecht, dann muss der Chirurg ran und das alles bei einer OP freilegen. Wenn du es nur verletzt, kann es reichen, über einige Tage einen Katheter reinzulegen und zu hoffen, dass das möglichst ohne Narben abheilt.“

Marie fuhr fort: „Okay. Nach ein paar Tagen steht er also wieder vor einem Pissoir, neben ihm pinkelt einer sechzehnstrahlig. Er fragt wieder: Wie ist denn das passiert? Antwort: Der Urologe hat bei der Vorlesung nicht aufgepasst und wusste nicht, was ‚unter Sicht‘ bedeutet. Drei Wochen später kommt er wieder zu einem Pissoir, steht ein Mann davor, pinkelt 64strahlig. Ist das auch bei einer Operation passiert? Antwort: Nee, mein Reißverschluss klemmt.“

Tolle Gespräche am Frühstückstisch. Anschließend waren wir locker sieben oder acht Stunden mit Sauna, draußen bei Schneegestöber und eiskaltem Wind bis zum Hals eingemummelt schlafen, schwimmen, Obstsalat essen, trinken, quatschen und Seele baumeln lassen beschäftigt. Was mal wieder absolut toll war. Heute abend geht es mir schon wieder sehr viel besser. Gangnam Style!

Sauna, Sauna und ein zweiter Magnet

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Weil der Pool bei Maries Eltern im Garten im Winter, gerade bei Frost, meistens leer ist und die daneben stehende Sauna aus Kostengründen innen genauso kalt wie außen ist und das Ding damit seinen Zweck verfehlt, Mädchen aber immer frieren, haben Marie, Jana (mit Schwester) und ich uns entschieden, bei einer kommerziellen Saunalandschaft im Hamburger Umland ein paar Euro zuzüglich Hochsaisonzuschlag in ein paar Liter Schweiß und einige Gigawatt Körperwärme zu verwandeln.

Nachdem ich von einem Bekannten, der meinen Blog kennt, einen großen Magneten geschenkt bekommen habe, mit den Worten: „Das ist kein Idiotenmagnet, stand zumindest nichts davon auf der Verpackung. Er soll dir helfen, auch noch andere Leute anzuziehen oder wenigstens das andere Magnetfeld so zu beeinflussen, dass die Idioten künftig an dir vorbei laufen.“

Wie niedlich. Also hatte ich einen bestimmt 500 Gramm schweres Metallstück, rot lackiert, in meiner Sporttasche. Nicht, weil ich jetzt abergläubisch geworden bin, sondern eher, um meine Leute zu verwirren. Während wir am Eingang in der Schlange standen, nahm ich ihn in die Hand. Maries Kommentar, als sie ihn sah: „Was schleppst du denn da alles mit dir rum?“ – „Das ist ein Magnet, sozusagen als Gegenpol zu dem fest in mir installierten Idiotenmagneten. Soll das Radar der Idioten stören, so dass sie mich nicht finden.“ – „Ah ja. Ich würde mal sagen: Pass lieber auf, dass das Ding nicht auf einen Schlag alle deine Karten entwertet oder so umpolt, dass mit jeder Zahlung automatisch dieselbe Summe nochmal irgendwohin gespendet wird.“

Während sie ihn in der Hand drei mal herum drehte und dann ausprobierte, ob ihr Rollstuhl magnetisch ist (nein, Alu ist nicht magnetisch), meinte sie: „Du nimmst ihn aber jetzt nicht mit ins Wasser, oder?“ – „Ich hab mir extra so ein kleines Täschchen in meinen Badeanzug eingenäht“, blödelte ich. Marie tippte sich an die Stirn und gab das Metallstück an Jana weiter. Jana sagte: „Meine Oma hat eine ganze Matratze voll mit solchen Magneten. Hat sie auf irgendeiner Busfahrt geschossen und behauptet jetzt ständig, ihre Rückenschmerzen kommen davon oder gehen davon weg. Mit anderen Worten: Vorher war das Wetter Schuld, jetzt sind es die Magneten in ihrem Bett.“

„Die 500 Euro hätte ich sonst auch genommen“, blödelte Marie. Jana antwortete: „Ich möchte nicht wissen, was das Ding gekostet hat, aber ich vermute fast, das waren eher 1.500 Euro. Wir sind dran.“ – An der Kasse saß eine junge Auszubildende, völlig aufgeregt, eine ältere Dame saß neben ihr. Sie erklärte: „So, jetzt haben wir mal was besonderes. Wenn das schon so offensichtlich ist, dass die behindert sind, fragen Sie aktiv nach dem Behindertenausweis.“ – „Ob sie einen haben?“ – „Ob Sie den mal sehen dürfen.“

„Hallo, darf ich Ihre Behindertenausweise mal sehen?“ – Wir hatten sie schon auf dem Schoß liegen. Die junge Frau an der Kasse nahm einen in die Hand. Und wurde noch aufgeregter: „Was muss ich denn damit tun?“ – „Gucken, ob der gültig ist, und ob eine Begleitperson eingetragen ist. Wenn ja, bekommt die bei uns freien Eintritt.“ – „Wo steht denn, ob der gültig ist?“ – „Nein, es steht, wie lange der gültig ist. Immer hier oben. ‚Unbefristet gültig‘ heißt, dass der nie abläuft. Bei anderen steht dann meinetwegen ’01/2013′, der wäre dann heute nicht mehr gültig.“ – „Heißt ‚unbefristet gültig‘, dass die nie wieder laufen können?“ – „Sowas dürfen Sie nicht fragen, das geht Sie nichts an. Sie prüfen nur, welche Voraussetzungen erfüllt sind.“ – „Aber das schockiert mich gerade voll! Die sind kaum älter als ich und wieso müssen die so einen Ausweis haben, wo sowas drauf steht, warum kann man nicht einfach so hilfsbereit und nett zu denen sein?“

Och wie rührig. Die ältere Frau sagte: „Ich übernehme das mal eben. Wollen Sie mit Sauna oder ohne?“ – „Mit, bitte.“ – „Sie kennen sich bei uns aus?“ – „Ja, vielen Dank!“

Die Umkleide war für drei Leute etwas eng, aber das kann ja auch ganz lustig sein. Immer, wenn jemand seinen Rollstuhl bewegen wollte, mussten die anderen auch ihre Position wechseln. „Wie bei Tetris“, meinte Marie. Dann gab es einen Raum mit Dusche und Klo und Automatiktür, über der jedoch das rote Licht brannte: „Besetzt.“ – Also standen wir zu viert in Badesachen vor dieser Tür und froren. Nach 10 Minuten versuchte Janas Schwester, durch die Milchglasscheibe etwas zu erkennen. „Ist da überhaupt einer drinnen? Nicht, dass der vom Klo gefallen ist und Hilfe braucht. Immerhin brannte das rote Licht schon, als wir mit dem Umziehen begonnen haben.“

Jana deutete auf das Schlüsselloch, in dem der Zylinder fehlte. Janas Schwester hockte sich davor und guckte durch. Und fiel fast rückwärts um, drehte sich weg mit unterdrücktem Lachen. Jana, Marie und ich guckten sie fragend an. „Da sitzt einer unter der Dusche und holt sich einen runter.“ – „Nein!“, riefen Jana und ich entsetzt wie aus einem Mund. Marie grinste verschmitzt und rollte in Richtung Tür, guckte auch kurz durchs Schlüsselloch. „Doch, stimmt wirklich“, meinte sie. „Typ mit einer blauen Badehose. Guck selbst!“ – „Ich will es nicht sehen“, meinte Jana. Janas Schwester wummerte gegen die Tür und rief: „So, abziehen, Hände waschen, rauskommen. Hier warten schon vier Leute.“ – „Bin gleich fertig!“, rief jemand aus dem Raum zurück. – „Nee, jetzt, Sie hatten Zeit genug“, antwortete Janas Schwester.

„Jetzt hast du ihm seinen Orgasmus ruiniert“, meinte Marie. Janas Schwester sagte: „Wenn das in einer halben Stunde nicht geklappt hat, wird das jetzt auch nichts mehr.“ – „Er war so kurz davor.“ – „Oah, könnt ihr mal das Thema wechseln? Ihr seid so widerlich.“

Im selben Moment ging die Tür auf. Ein Typ, geschätzt Mitte 50, natürlich ohne jede sichtbare Behinderung, kam aus der Behindertendusche. Und grinste ausgerechnet mich an. Ich guckte schnell woanders hin. Nach dem Duschen gingen wir in das Trainingsbecken, wir wollten vor dem ersten Saunagang unbedingt noch eine halbe Stunde schwimmen. Leider war es nur so voll und so unkoordiniert, dass es wenig Spaß machte. Zwei Schwerzkekse mussten diagonal durch das Becken schwimmen und kamen ständig allen in die Quere, wurden zuerst zwei Mal von der Schwimmeisterin ermahnt, dann bat sie zwei Leute, je eine Leine mit auf die andere Seite zu nehmen. Aber selbst die abgetrennten Bahnen brachten keine Entspannung. Die Leute schwammen einfach irgendwie, kreuz und quer durch die Bahn, linksherum gegen den Strom oder legten sich auf die Trennleine und machten mit ihren Beinen Fontänen.

Und dann war plötzlich der Typ aus dem Behindertenklo direkt neben mir in der Bahn und grinste mich schon wieder an. Wir vier entschieden uns kurzerhand, das Schwimmen zu beenden und mit dem ersten Saunagang zu beginnen. Dort war es dann wesentlich entspannter: Es gab eine große 95-Grad-Sauna, in die man ebenerdig hinein gelangte und wo auch locker die Rollstühle an der Seite stehen bleiben konnten. Das war sehr schön, vor allem bei der draußen herrschenden Kälte samt Schneetreiben. Was ich ein wenig schräg fand, war, dass drei Leute mit Badeklamotten in der Sauna waren, zwei Frauen im Bikini und ein Mädchen im Badeanzug. Das Mädchen im Badeanzug sprang dann auch noch hinterher, wie von innen durch die Fenster sichtbar, ohne zu duschen in den kalten Pool. Ein Typ, geschätzte 50 Jahre alt und mindestens 150 Kilogramm schwer, kam mit einem Wikingerhut in die Sauna und blieb mit den beiden Hörnern erstmal am Türrahmen hängen. Jetzt nur niemand anderen angucken, sonst hätte ich losgeprustet.

Anschließend legten wir uns in den Ruheraum. Ich wäre fast eingepennt, als Marie mich antickte und durch ein diskretes Nicken in Richtung Glastür deutete. „Dein Stalker“, meinte sie. Tatsächlich stand der Typ aus dem Klo schon wieder grinsend da und beobachtete uns. Wir einigten uns auf den nächsten Saunagang und verließen geschlossen den Ruheraum. Im Rausfahren sagte Marie zu dem Typen: „Hast du irgendein Problem?“ – Seine Antwort: „Problem nicht, nur einen großen Zauberstab!“

Da uns der Typ auf dem Weg zur Shitau-Meditationssauna nicht folgte, warteten wir noch einmal ab. Bei der nächsten Gelegenheit würden wir das Schwimmbadpersonal ansprechen. Aber, um es vorweg zu nehmen, die Gelegenheit kam nicht mehr. So entspannten wir uns bei Klimperklängen in der 75-Grad-Shitau-Sauna, ein riesiger Raum, der auf einem Hügel lag und von dem aus man über etliche verschneite Felder gucken konnte.

Beim dritten Saunagang nahmen wir noch eine Erlebnisaufguss-Serie mit Ananas-Minze-Aroma mit, in deren Pause, die man draußen verbringen musste, noch ein kostenloser Obstsalat serviert wurde. Der war sogar sehr lecker. Allerdings waren wir geschätzte 50 bis 60 Leute in dem dafür dann doch zu kleinen Raum. Alle konnten nur sitzen. Als wir die Schlange vor der Tür sahen, hatten wir uns unsere Teilnahme schon abgeschminkt, aber eine junge Frau mit blauen Haaren und jeder Menge Tatoos, die das Manöver leitete, hatte das voll im Griff. Eine Viertelstunde vor dem Aufguss wird die Sauna geräumt, alle müssen draußen vor der Tür warten. Damit wird verhindert, dass die Laute reihenweise kollabieren, weil sie sich aus Kapazitätsgründen schon eine halbe Stunde vorher in die Sauna setzen. Und dann meinte sie: „So. Als erstes lassen wir jetzt die drei Rollis in die Sauna. Und alle anderen warten bitte, bis die drei sich auf die Bank gesetzt haben und die Stühle sicher an der Seite verstaut sind.“ – So kamen wir doch noch in den Genuss des Aufgusses und konnten uns ohne dass zwei Dutzend Leute helfen wollen, im Weg stehen, über einen drüber klettern, während man sich umsetzt oder ähnliches, auf unsere Plätze setzen.

Ganz zum Schluss haben wir dann noch das 36 Grad warme Solebad ausprobiert, das so viel Salz enthielt, dass man sich ohne jede Bewegung auf das Wasser legen und entspannen konnte, bevor wir nach Hause gurkten und ins Bett fielen. Es war ein schöner Wintertag zum Entspannen, aber dennoch sehne ich mich nach dem ersten Strandausflug 2013. Und der metallische Gegenpol in meiner Sporttasche – hat er so viel gebracht? Ich muss es weiter beobachten.