Garantie und so

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Siebenundneunzig Mal (mindestens) bin ich schon gefragt worden, warum ich so lange nicht gebloggt habe. Warum? Ganz einfach: Arbeiten! Immer arbeiten! Das letzte halbe Jahr hat vor allem wegen der Pandemie ganz schön reingehauen. Weiterbildung Pädiatrie. Und ganz vorneweg natürlich Helena. Und Sport. Und andere Prioritäten. Und so.

Hinzu kam aber auch, dass ich ja Anfang 2018 in dieses Haus an die Ostsee gezogen bin. Damit war eben auch nachträglich noch viel Arbeit verbunden. Leute, baut bloß kein Haus. Die Anzahl derer, die dich verarschen und auf deine Kosten sich die Taschen vollstopfen wollen, ist enorm hoch.

Nein, es sind nicht alle so. Ich habe das Haus ja mitten im Bau übernommen. Ein Ehepaar, Frau im Rollstuhl, hatte es bauen lassen und dann plötzlich verkaufen wollen, noch vor Bezugsfertigkeit. Ob nun das Geld ausgegangen ist, die beiden sich getrennt haben oder andere schlimme Dinge passiert sind, spielt keine Rolle. Für mich war es nicht nur finanziell ein Glücksgriff.

Es gibt viele Dinge, die wirklich super sind. Gasheizung mit Brennwerttechnik zum Beispiel. Dazu Solarmodul auf dem Dach. Ein traumhafter Verbrauch. Immer warme Hütte. Immer warmes Wasser. Kein einziges Mal ausgefallen seit drei Jahren. Die Fußbodenheizung macht ein absolut angenehmes Raumklima. Lautlos, gleichmäßig, mit Thermostat und Zeitschaltung in jedem Raum genau geregelt. Ließe sich sogar übers Internet steuern. Ich bin begeistert.

Fenster und Türen. Dreifachverglasung mit elektrischen Rolläden. Man hört nichts. Es zieht nicht. Die Kälte bleibt draußen, die Wärme im Sommer aber auch. Badeinrichtung. Sanitär. Schnitt und Aufteilung. Elektro- und Netzwerk-Installation. Bodenfliesen. Automatische Belüftung. Kamin. Dach. Alles super.

Es gibt aber auch viele Dinge, die mich und uns über Wochen den letzten Nerv gekostet haben. Der Fußboden im Wohnzimmer beispielsweise. Völlig schief. Für Rollstuhlfahrer absolut nervig. In der Raummitte war der Fußboden wesentlich höher als an den Seiten. So extrem, dass ein auf dem Boden platzierter Basketball weggerollt ist. In der Raummitte ging es noch, aber auf dem letzten Meter waren auf allen Seiten zwischen achtzehn und achtundzwanzig Millimeter Höhenunterschied. Zum Vergleich: Eine ebenerdige Dusche soll zwanzig Millimeter Gefälle haben. Im Vertrag war eine Abweichung von höchstens drei Millimetern pro Meter vereinbart. Und zur Terrassentür war eine Schwelle von höchstens zehn Millimetern vereinbart. Abgeliefert wurden aber 96 Millimeter. Mit dem Rollstuhl nicht mehr überwindbar. Also: Die komplette Terrasse mit Sockel musste wieder hochgenommen werden, das Fenster- und Türelement entfernt und neu wieder eingesetzt werden, der Fußboden im Wohnzimmer musste sowieso neu verlegt werden. Hurra. Bis die Firma dann endlich mit der Nachbesserung begann, war es 2020. Und quasi die letzte Möglichkeit, bevor wir das bei einer anderen Firma in Auftrag gegeben und vom Verursacher eingeklagt hätten.

Einbauküche. War noch nicht drin. Ich hatte mich für eine robuste Küche mit großer Arbeitsplatte und ohne Oberschränke entschlossen. Markenprodukt aus dem gehobenen Preissegment, teilweise besondere Arbeitshöhe wegen Rollstuhl. Wir vereinbarten schriftlich, mit welchen Einbaugeräten die Küche geliefert wird. Die Küche wird aufgebaut. Währenddessen kann ich als Rollstuhlfahrerin natürlich nicht ständig im Weg herumstehen. Zwei Tage sind sie mit zwei Personen beschäftigt. Als letztes kommen die Geräte dran. Als erstes fällt mir auf, dass der Herd nicht der ist, den wir vereinbart hatten. Die Einbauer wissen von nichts. Der Chef: „Das ist ein gebrauchtes Ceran-Feld, das bekommen Sie von uns kostenlos geliehen, bis Ihr bestelltes Induktionsfeld geliefert wurde.“

Backofen: Ebenfalls ein anderes Gerät. Bestellter Backofen angeblich auch nicht kurzfristig lieferbar. Kühlschrank: Eine Billigmarke. Ich rufe zum dritten Mal den Chef an: „Das ist tatsächlich mein Fehler. Ich schlage vor, ich schreibe Ihnen Ihren Kühlschrank wieder gut und berechne Ihnen für diesen nichts. Den bekommen Sie zur Küche kostenlos dazu, die war ja teuer genug. Probieren Sie den aus, und wenn Sie den wirklich nicht wollen, können Sie Ihren immernoch mal nachbestellen.“

Und was Otto beim ersten Besuch in der Woche danach sofort gesehen hat: Über der Kochstelle ist bauseitig eine Öffnung in der Decke, die im Rohr nach draußen führt. Für die Dunstabzugshaube. Bestellt hatte die Küchenfirma die gewünschte Abzugshaube doch tatsächlich als Umluftgerät. Schließt das Rohr nach draußen mit einem Plastikdeckel. Ohne was zu sagen. Und installiert darunter, quasi verdeckend, die Umluft-Haube. Und als wäre das nicht genug, fast hätte ich es vergessen: Beim zweiten Montagetermin sind sie mit ihrem Lkw noch gegen das elektrische Tor im Gartenzaun gefahren. Was dann auch nochmal vier Wochen defekt war.

Der Kühlschrank knackt in einer Tour und pfeift im Betrieb. Der Ofen scheppert. Das Ceranfeld braucht, um einen Liter Wasser in einem Minitopf zum Kochen zu bringen, auf höchster Stufe über fünfzehn Minuten. Ein Vierteljahr und etliche Anrufe später regelt meine Anwältin schriftlich, dass die Leihgeräte (und der Kühlschrank) abgeholt werden müssen. Inzwischen habe ich von einer anderen Firma endlich die gewünschten Geräte bekommen. Die andere Firma stellt dann auch aus Kulanz die Schubladen und Türen richtig ein, was die vorherige Firma auch nicht geschafft hatte.

Nee, ich habe extra keine billige Küche genommen. Und auch keine unbekannte Aufbaufirma. Weil ich eigentlich nicht so ein Theater wollte. Gleiches Thema: Waschmaschine. Steht im Hauswirtschaftsraum. Nagelneues Gerät einer Premium-Marke. Wird von einem Vertragshändler angeliefert. Das Bull-Auge vorne ist gesprungen, woraufhin ich die Annahme verweigere. Wer weiß, was mit dem Gerät passiert ist. Zweite Lieferung nach zwei Wochen. Das Gerät wird aufgebaut. Nach vier Wochen kommt zum ersten Mal der Kundendienst, weil das Gerät im Betrieb laut knackt und knarzt. Stellt fest, dass eine Schweißnaht mangelhaft ist. Das Gerät wird getauscht. Nach vier Wochen kommt wieder der Kundendienst, weil das Türgummi undicht ist und immer ein Schnapsglas voll Wasser unter der Tür herausläuft. Ich bekomme die dritte Maschine. Diese Maschine macht nach zwei Monaten bei jedem Anschleudern laute Geräusche, als würde jemand bei jeder Trommeldrehung einen lauten Gong betätigen. Dong Dong Dong Dong Dong, im ganzen Haus zu hören. Der Kundendienst kommt zum nächsten Mal und tauscht die komplette Aufhängung der Trommel. Zwei weitere Monate später klackert das Gerät bei jeder Trommeldrehung, und beim Schleudern dröhnt es so laut, dass das vor der Haustür zu hören ist. Der Kundendienst kommt und stellt fest, dass die hinteren unteren Stoßdämpfer defekt sind. Braucht aber zwei weitere Termine, um sie zu tauschen, weil er zwei Mal die falschen Ersatzteile dabei hat.

Es wurde dann auch noch ein neues Betriebssystem aufgespielt, weil sich mit dem alten der Kurzwaschgang nur dann anwählen ließ, wenn man vorher entweder den Öko-Waschgang an- und wieder abgewählt hatte oder den Temperaturregler einmal verstellt hatte. Also beispielsweise von 30 auf 40 und wieder zurück auf 30 Grad. Wenngleich die Geräusche jetzt weg sind, der Programmfehler konnte leider trotz Update nicht behoben werden. Aber bei der Gelegenheit wurde dann auch die Dosiereinheit der Spülmaschine (gleiche Premiummarke) getauscht, die ebenfalls in der Garantiezeit kaputt gegangen war und keinen Klarspüler mehr in den letzten Spülgang abgab.

Noch was zum Wäschetrockner? Gleiche Premiummarke. Sobald ein Spannbettlaken in der Trommel ist, wickelt er alle Kleinteile im Spannbettlaken ein, trocknet dieses von außen und alle Kleinteile drinnen bleiben feucht. Kundendienst: „Jepp. Das ist ein bekanntes Problem. Das liegt an der Energie-Einstufung. Wenn der Trockner so wenig Strom verbrauchen soll, wie auf dem Label steht, dreht sich die Trommel nur noch in eine Richtung und wickelt dabei dann die kleine Wäsche in großen Laken ein. Wenn Sie häufig große Laken trocknen, stelle ich Ihnen ein, dass die Trommel sich abwechselnd links- und rechtsrum dreht. Dann wickelt sich nichts ein und alles wird trocken, aber dafür stimmt der Energieverbrauch nicht mehr.“ – Tja. Tatsächlich. Jetzt ist die Wäsche trocken.

Reicht? Ja, mir auch. Bevor jetzt alle meine Leserinnen und Leser kommentieren, dass der Text einen verbitterten Eindruck macht: Nein, das täuscht. Ich bin nicht verbittert. Ich bin fröhlich. Ich wollte nur mal loswerden und aufschreiben, was sich hier so abgespielt hat, als ich nicht bloggte. Damit ich das in zwei Jahren nochmal nachlesen und jetzt endlich verdrängen kann.

Und dann kam Corona

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Warum habe ich seit über einem Dreivierteljahr nicht mehr gebloggt? Die Frage wurde mir im letzten Dreivierteljahr oft gestellt. Blöder Beginn für einen neuen Blogbeitrag nach so langer Zeit. Blöder Stil und so. Fast so wie „es war einmal“. Und „es war einmal“ ist nicht meins. Im Moment zumindest nicht.

Ich hatte so viel vor. Ich wollte so viel von den Dingen tun, die mir gut tun. Stattdessen: Quarantäne. Nur noch arbeiten und ansonsten zu Hause bleiben. Möglichst niemanden treffen. Eine schlimme Seuche liegt über unserem Land. Und bald schon über der ganzen Welt. Eine Pandemie. Ein Ereignis, das wir in unserem Land, in dem Menschen einst in Notaufnahmen gingen, weil sie sich einen Fingernagel eingerissen haben, nicht vorkam. Ein Ereignis, vor dem die Wissenschaft zwar immer schon mal vage und hypothetisch gewarnt hat, das aber, hätte man in 2019 jemanden außerhalb des medizinischen Sektors gefragt, dieser Jemand allenfalls als überzeichnetes und fiktives Katastrophenszenario auf Kinoleinwänden vermutet hätte.

Nach Popcorn dürfte inzwischen niemandem mehr zumute sein. Und das nicht nur, weil die meisten von uns inzwischen nicht mehr wissen, wie ein Kino von innen aussieht. Nachdem kurzzeitig die strengen Hygieneauflagen mal etwas gelockert werden konnten, weil das Corona-Virus bei hohen Sommertemperaturen und frischer Luft eher müde ist, ist Deutschland inzwischen wieder im harten Lockdown angekommen. Schulen zu, Einzelhandel zu, kein Sport, keine Kultur, Treffen nur online, zu Weihnachten und zu Silvester nach Möglichkeit bitte niemanden sehen. Allenfalls online.

Die anfängliche Hysterie, in der uns in der Klinik reihenweise die Desinfektionsflaschen aus den Spendern gestohlen wurden, haben viele schon wieder vergessen. Klopapier hat inzwischen auch jeder zu Hause, viele haben sich anfangs gleich eine ganze Palette bestellt, als sei das größte Problem der Arsch, den man sich notfalls nicht mit Wasser säubern könnte. Wasser wurde hingegen nicht in großen Mengen eingekauft, das kommt ja schließlich immer mit großem Druck aus der Leitung…

Zwischenzeitlich wurde mein Arbeitgeber hysterisch und wollte mich als Arbeitnehmerin mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und schlechten Chancen, bei überlasteten Intensivstationen mit eigenem Erfolg durch die Triage zu kommen, lieber zu Hause sehen. Kurz danach brauchte er mich dann aber doch so dringend, dass ich nicht mehr zu Hause bleiben dürfe, und setzte mich auf der peripheren Inneren ein, trotz Weiterbildungsvertrag für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Flexibität sei gefragt, um Personal für die Intensivstationen herauslösen zu können.

Die Sache mit dem Abstand haben trotz aufgeklebter Abstandsbuttons und begegnungsfreien Einbahnstraßenregelungen bis heute noch nicht alle Menschen verstanden. Geschweige denn das Thema „Mund-Nasen-Bedeckung“, die Coronaleugner auch gerne am Kinn oder provozierend an der Stirn tragen. „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“ wird zu meinem Standardspruch, um die unerwünschten Kuschelsüchtigen auf Distanz zu halten. Und ein ums andere Mal erkläre ich lieb meinen Mitmenschen, warum ich „als Behinderte“ meinen Maske auch dann trage, wenn ich mich vielleicht davon befreien lassen könnte. Solidarität ist das Gebot des Jahres.

Und so habe ich auch Christin seit einem Dreivierteljahr nicht mehr live gesehen und nicht mehr berühren können. Auch im Sommer nicht, schließlich arbeite ich im Gesundheitswesen und sie kann sich eine Corona-Erkrankung als Leistungssportlerin absolut nicht erlauben. Immerhin weiß noch niemand, wie sehr selbst ein fast symptomloser Verlauf die Lunge einschränken würde. Und damit die Möglichkeiten, absolute Spitzenleistungen zu erbringen. Von der Gefahr, auch als junger Mensch schwer zu erkranken, will ich gar nicht schreiben. Aber wir telefonieren mehrmals in der Woche, meistens mit Video.

Inzwischen habe ich mich entschieden, mich nicht in Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern in Pädiatrie weiterzubilden. Das eine Jahr wird angerechnet, aber nun musste ich mich festlegen und arbeite seit einigen Monaten in einer Kinderarzt-Praxis hier im Ort. Nein, das wollte ich eigentlich nicht, weil mich inzwischen hier jede Mutter und jeder Vater und jedes Kind kennt. Aber es war die einzige Praxis im Umkreis von 50 Kilometern, die einerseits barrierefrei erreichbar war (einschließlich der Mitarbeiter-Toilette), andererseits einen Platz vergeben konnte – und drittens keine offensichtlichen oder versteckten Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung hatte.

Von einzelnen Startproblemchen mal abgesehen, läuft es inzwischen sehr gut. Und ja, ich kann damit leben, dass im Supermarkt plötzlich Kinder angelaufen kommen und mir erzählen, dass ihre Warze oder ihr Durchfall verschwunden sind. Und tatsächlich ist ein Drittel meiner Zeit in dieser Praxis schon wieder vorbei. Noch bin ich gerne dort.

Und zu Hause? Da hat sich nicht viel verändert. Marie geht es gut. Auch sie zieht ihre Weiterbildung tapfer durch. Helena geht inzwischen schon in die 9. Klasse und beißt sich durch die behinderungsbedingten Unzulänglichkeiten des Alltags, kommt aber insgesamt gut zurecht. Maries Eltern, Maries Hündin geht es gut. Uns auch – so gut es uns unter Corona halt gehen kann.

Herz und Spucke

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Seit Montag habe ich eine neue Stelle. Ja, mein zweites Jahr in Weiterbildung beginnt. Nach einem Jahr Pädiatrie will ich nun ein Jahr lang in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Danach, also in einem Jahr, muss ich mich entscheiden, ob ich Kinderärztin oder Kinderpsychiaterin werden möchte. Vereinfacht ausgedrückt.

Die ganze Klinik ist sehr wohnlich eingerichtet. Ich bin in einem vollstationären Bereich, das heißt, dass die Menschen, die dort behandelt werden, auch dort schlafen. Akute Suchtproblematiken und akute Psychosen sind ein Ausschluss-Kriterium für die Station, auf der ich zunächst eingesetzt werden soll. Der Kreis der Kolleginnen und Kollegen ist deutlich kleiner als in dem Haus davor, allerdings ist die Chefärztin sehr bekannt und sehr gefragt. Sie hat sich auch bereits sehr loyal mir gegenüber verhalten.

Mein Job war es, bei einer jungen Patientin, die regelmäßig extreme Wutausbrüche bekommt und dabei dann auch sich selbst verletzt, zum Beispiel, indem sie ihren Kopf gegen die Wand schleudert, eine körperliche Untersuchung zur Aufnahme durchzuführen. Der Vater, selbst Arzt, war nicht dabei. Ich hatte echt Schiss, dass das Mädchen ausrastet, während ich mit ihr alleine bin, aber komischerweise war die Patientin total lieb und kooperativ. Ganz ruhig, ließ alles mit sich machen, fragte mich sogar, warum ich im Rollstuhl sitze und ob ich noch lerne oder schon ausgelernt hätte. Als ich ihr Herz abhörte, bat ich sie, einen Moment lang ruhig zu sein und sogar auch, einen Moment lang mal die Luft anzuhalten. Es gab überhaupt keine Probleme. Anders als der Vater das vorher berichtet oder zumindest befürchtet hatte.

Ich weiß nicht, warum, aber es ist Fakt, dass ich offenbar ein sehr feines Gehör habe. Und oft Dinge höre, die Kolleginnen und Kollegen nicht hören. Jene Kolleginnen und Kollegen, die dafür zum Autofahren keine Brille brauchen. So war es auch bei diesem Mädchen: Immer, wenn ihr Herz sich anspannt und beginnt, das Blut in die Aorta zu pumpen, also in diesem Sekundenbruchteil, hörte ich an der Pulmonalklappe ein ganz kurzes, schrilles Fiepen. Die Pulmonalklappe ist diejenige Herzklappe, die verhindert, dass Blut aus der Lungenarterie zurück in die rechte Herzkammer fließt. Die Pulmonalklappe besteht aus drei halbmondförmigen Taschen, und wenn die nicht richtig schließen, führt das leicht zu einer dauerhaften Überlastung des Herzmuskels.

Ganz zu Anfang war ich mir nicht sicher, was ich da höre. Es war so, dass ich dachte, irgendwo außerhalb des Raums fiept ein Hundewelpe. Immer einmal kurz. Gerade so eben zu hören. Und auch nicht bei jedem Herzschlag. Und auch nicht von der Atmung abhängig. Ich nahm einen Ohrbügel meines Stethoskops aus meinem Ohr, um genau zu wissen, woher das Geräusch kam. Nein, kein Zweifel, das war kein fiepender Welpe, das war ein Herzgeräusch. Ich hörte auch noch auf die Lunge, dann fragte ich das Mädchen, ob alles in Ordnung war. Sie nickte. Ich sagte: „Ich bin ja noch ganz neu hier, hast du was dagegen, wenn meine Kollegin auch einmal dazukommt und guckt, ob ich alles richtig gemacht habe?“ – Nö, alles war entspannt. Die Stationsärztin hörte nichts. Auch ein Ultraschall, leider nur ein ganz einfaches, war unauffällig. Das EKG zeigte auch keine Besonderheiten.

Zusammen mit meiner Kollegin suchten wir nach der Untersuchung den Vater auf. Er meinte gleich, dass mir die Erfahrung fehlen würde und seine Tochter gesund sei. Er wolle sie selbst auch nochmal abhören. Und während ich vorher meine Kollegin dazu holte, weil ich unerfahren war, schnaubte er gleich los: „Was soll hier sein?“ – Und kaum drehte er so auf, flippte die Tochter wieder aus. Eine Stunde lang war sie ruhig. Spricht Bände, finde ich. Die Chefärztin kam auch dazu und der Vater sagte schon im Reinkommen: „Die noch unerfahrene Kollegin in Fortbildung will bei meiner Tochter ein Diastolikum auskultiert haben.“

Sehr freundlich. Als würde ich es mir ausdenken, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „In Fortbildung“ ist von einem Kollegen fast schon eine Beleidigung, da es eigentlich „in Weiterbildung“ heißt. Aber egal. Wie gesagt, meine Chefin ist sehr loyal mir gegenüber und faltete erstmal den blubbernden Kollegen zurecht: „Erstmal heißt es ‚Guten Tag'“, sagte sie. Er zog erstmal den Kopf ein. Das hat richtig gesessen und dafür hab ich sie echt gefeiert in dem Moment. Sie hat zwar auch nichts gehört, aber ein Kinderkardiologe hat später festgestellt, dass ich recht hatte. Allerdings kann es gut sein, dass das nur ein vorübergehendes, wachstumsbedingtes Phänomen ist. In drei Monaten soll das Mädchen sich noch einmal vorstellen.

Im Moment ist ohnehin der Wurm drin. Vor knapp drei Wochen hatte ich mal wieder eine Spuck-Attacke. Ich fahre nicht mehr oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber manchmal bietet es sich einfach an, auch bei uns im ländlichen Ostseeraum. Der Bus fährt stündlich, entsprechend voll war er. Kurz vor dem Aussteigen will eine junge Frau unbedingt an mir vorbei, versucht, mir dafür über den Schoß zu klettern und stützt sich dabei auf meine Schulter auf. Davon abgesehen, dass ich weder ihren Hintern vorm Gesicht haben noch angefasst werden möchte, besteht die ernsthafte Gefahr, dass wir alle mitsamt dem Rollstuhl umkippen. Entsprechend bitte ich sie, kurz zu warten, und als sie es besser weiß, auch energischer, die Finger wegzunehmen. Als sie zum vierten Mal ansetzt, schubse ich sie zurück. Kurz danach geht die Tür auf, sie spuckt mir ins Gesicht und rennt davon. Einige Leute stehen mit offenem Mund daneben. Weg ist sie. Ich zittere vor Wut.

Nein, nicht alle Menschen sind so. Im Gegenteil. Menschen wie sie sind die Ausnahme. Und ausnahmsweise auch mal sehr doof. Zwei Wochen später stand ich nämlich am letzten Freitag mit Otto an der Bushaltestelle, an der wir letztes Mal ausgestiegen sind. Im Auto warteten wir auf den Bus. Kurz bevor er ankam, setzte ich mich in den Rollstuhl. Otto stellte sich so hin, als wollte er an der hinteren Tür einsteigen. Ich stellte mich seitlich neben den Unterstand, so dass sie mich erst sehen würde, wenn sie ausstieg. Und was soll ich sagen? Sie stieg aus. Von einer Sekunde auf die nächste bekam ich Puls.

Bevor sie mich sah, rief ich Otto zu: „Lila Mütze!“ – Otto trat neben sie: „So, einen Moment mal bitte! Sie kennen die Rollstuhlfahrerin, die dort steht?“ – Die Frau wollte weglaufen, Otto hielt sie allerdings am Arm fest. „Sie sind vorläufig festgenommen. Und wenn Sie hier groß rumtanzen, liegen Sie gleich im nassen Laub und haben eine Acht auf dem Rücken. Klar?“ – Ob es am Überraschungseffekt lag oder ob Otto einen festen Handgriff hatte, weiß ich nicht. Sie blieb jedenfalls stehen. „Ich möchte, dass Sie sich ausweisen, dann können Sie sofort weiter. Wenn Sie sich nicht ausweisen, warten wir hier gemeinsam auf die Polizei. Können Sie sich überlegen.“

Sie überlegte einen Moment. Dann wollte sie an ihre Handtasche. Otto griff an ihr Handgelenk. „Ist der Ausweis in der Tasche? Darf ich reinschauen? Nicht, dass Sie hier noch ein Messer auspacken.“ – „Da ist kein Messer drin.“ – „Ja, das sagen immer Alle.“ – Sie zuckte mit den Schultern und gab Otto die Tasche. Otto fand die Geldbörse, fand den Ausweis, ich notierte mir die Daten. Als er ihr den Ausweis zurückgab, sagte er: „Sie bekommen dann demnächst offizielle Post. Schönen Tag noch.“

Jo. Der Junge hat seinen Job gelernt. Ich bin ihm so dankbar. Meine Anwältin meinte, ein Bruttomonatsgehalt sei wohl fällig. Und um die 500 Euro Schmerzensgeld an mich wohl auch. Bleibt zu hoffen, dass das verfolgt und nicht etwa als Bagatelle eingestellt wird.

Wert des Menschen

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Vier Nachtschichten bringen eigentlich alles durcheinander. Eine geht noch, finde ich, wenn ich dann morgens schlafen kann bis mittags, komme ich relativ gut wieder in meinen Rhythmus hinein. Aber vier am Stück machen mindestens eine relativ schlaflose Folgenacht. Und wenn ich dann am Tag auf diese Folgenacht wieder mit Frühdienst beginnen soll, fällt es mir wirklich sehr schwer, morgens um 4.00 Uhr aufzustehen.

Noch größere Bauchschmerzen macht mir allerdings die momentane Personalsituation bei meinem Arbeitgeber. Ich werde fast täglich gefragt, ob ich noch eine andere Schicht zumindest zur Hälfte zusätzlich übernehmen könne. Wenn ich „nein“ sage, wird noch einmal moralischer Druck aufgebaut. Nicht nur unter vier Augen, sondern auch durch fragwürdige Darstellungen gegenüber Dritten. Ich habe nicht live mitbekommen, dass jemand über mich abgelästert hat, weil ich nicht (ausreichend oft) einspringen würde; aber ich habe live mitbekommen, wie ein Vorgesetzter sich mir gegenüber über eine Kollegin ausgelassen hat, die ein kleines Kind zu Hause hat und deshalb weitere Schichten abgelehnt hat. Wer über andere lästert, lästert auch über mich. Widerlich sowas, weil es eben immer nur die halbe Wahrheit oder zumindest nicht überprüfbar ist. Leider ist die Hoffnung, dass Menschen fundierte Informationen von dämlichem Geläster abgrenzen können und wollen, erfahrungsgemäß vergeblich. So bleibt mir nur: Ein dickes Fell und zwei Ohren.

Meine Kollegen wissen nicht, wann ich Geburtstag habe. Mit Ausnahme derjenigen, zu denen ich ein engeres Verhältnis habe. Von denen war nachts niemand da, so dass ich nur einige Kurznachrichten um Mitternacht auf mein Handy bekam. Um halb drei war es so ruhig, dass ich mich einen Moment im Bereitschaftszimmer hinlegen wollte, aber noch nicht mal lag, als ich schon wieder angepiept wurde. Stichwort Atemnot. Socke flitzte, am Ende war nichts los, wofür man mich gebraucht hätte. Ein Kind, das mit bekanntem Asthma und einer chirurgischen Sache bei uns war, hatte ein vergleichsweise harmloses asthmatisches Geschehen und brauchte sein Spray.

„Wo Sie schonmal hier sind, im Zimmer 5 der junge Privatpatient ist noch immer wach und kann nicht einschlafen. Kann der was bekommen?“ – „Ja, einen warmen Tee.“ – „Ob er davon schläft…“ – „Werden wir sehen. Ich kümmere mich mal.“ – Ich klopfte vorsichtig und schaute um die Ecke. Der junge Mann, acht Jahre alt, saß in seinem Einzelzimmer, auf das die Eltern bestanden haben, im Dunkeln auf dem Bett und guckte aus dem Fenster. Er drehte sich nicht um, als ich reinrollte. Vermutlich hatte er mein Spiegelbild im Fenster gesehen. Als ich an der dem Fenster zugewandten Bettkante stand, merkte ich, dass er weinte. Nicht aufgeregt, sondern sehr entspannt. Traurig. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte ich ihn. Er nickte und zuckte mit den Schultern. Gleichzeitig.

Also hat sich Socke nachts um kurz vor drei Uhr auf das Bett gesetzt und einen Moment lang stumm mit dem jungen Mann in die dunkle Nacht hinausgeschaut. Ein paar Bäume bewegten sich im Wind, einige Lampen leuchteten, die Wege waren menschenleer. Ich habe nichts gesagt. Nach drei Minuten fragte er mich: „Was ist eigentlich jemand wert, der Asthma hat?“ – Ach, daher wehte der Wind. Srichwörtlich. Ich wartete einen Moment ab, aber er wollte wohl eine Antwort auf seine Frage bekommen. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Was ist das denn überhaupt, der Wert eines Menschen?“

Ich merkte, wie er nachdachte. Bevor er antwortete: „Naja, wie andere einen finden und so. Ob andere einen als Freund haben wollen zum Beispiel.“ – „Würdest du denn jemanden zum Freund haben wollen, der Asthma hat?“ – „Ich ja.“ – „Und glaubst du, dass andere Menschen anders denken?“ – „Ich weiß es. Wir haben ein Mädchen mit halben Armen und ohne Finger in der Schule. Die ist auch (!) immer alleine.“ – „Dann quatsch doch mal mit ihr. Vielleicht versteht ihr euch ja gut. Ich glaube übrigens, dass der Wert eines Menschen nicht dadurch bemessen wird, wieviele Freunde er hat. Natürlich ist es wichtig und ein gutes Zeichen dafür, ob jemand gut ankommt. Aber ich finde, jeder Mensch ist gleich viel wert. Und alles andere sind Sympathiepunkte. Und die kannst du auch mit Asthma bekommen. Vielleicht sind einige deiner jetzigen Freunde nicht die richtigen. Vielleicht bist du ihnen durch dein Asthma aber auch schon einen Schritt voraus, weil du mehr über dich nachdenkst als die anderen über sich.“

Am Ende trank er seinen Tee und wurde müde. Ich bin dann aus seinem Zimmer, habe noch etwas schlafen können und bin bei mir zu Hause gerade noch angekommen, bevor Helena eigentlich zur Schule los musste. Marie war schon zum Frühdienst weg und wir hatten abgesprochen, dass sie ihr alles für das Frühstück hinstellt. Stattdessen hatte Helena uns beiden einen Geburtstags-Frühstückstisch gezaubert, mit einem selbstgebackenem Topfkuchen mit Kerzen drauf, Brötchen vom Bäcker geholt … so lieb! „Ich muss erst zur zweiten Stunde, erste fällt heute aus.“

Endlich mal wieder gemeinsam ausgiebig frühstücken und quatschen. Als Helena aus dem Haus war, habe ich mich einen Moment lang hingelegt. Aber so wirklich lange schlafen konnte ich nicht. Immerhin konnte ich während meiner nächtlichen Bereitschaftszeit schon einige Zeit meine Augen schließen. Am Mittag habe ich einen Kartoffelauflauf vorbereitet, gegen 14 Uhr haben wir dann zu dritt gemeinsam gegessen und sind dann bei schönem Sommerwetter alle gemeinsam fast drei Stunden lang mit unseren Handbikes an der Ostsee entlang gefahren. Haben viel gequatscht, endlich mal wieder Zeit für uns gehabt, bevor abends mein nächster Nachtdienst losging.

Am nächsten Mittag stand Christin plötzlich bei mir vor der Haustür. Wollte was abgeben. „Eigentlich wollte ich das gestern schon vorbei bringen, aber da warst du nicht da. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich, aber du musst versprechen, dass du es mir nicht übel nimmst. Du brauchst ganz viel Humor. Aber es hat mich so angelacht, dass ich dem nicht widerstehen konnte.“

Ich rechnete schon mit einer Barbie im Rollstuhl oder einem Shirt mit dem Aufdruck „Hauptsache, die Haare liegen“ oder ähnliches. Nein: Pampers. Sie schenkte mir zu meinem 27. Geburtstag ernsthaft mehrere Probierpackungen Windeln. Wobei das keine kostenlosen Testpackungen waren, sondern käuflich erworbene Einzelstücke, immer zu viert eingeschweißt. Was das sollte? Nun: „Ich dachte mir, immer nur weiß mit Zahlen und Buchstaben drauf, ist auf die Dauer ein wenig langweilig. Also ich trag ja auch nicht nur weiße Baumwollslips. Und die haben mich angelacht.“

Eine amerikanische Firma bringt ihre Produkte auch in bunt und mit aufgedruckten Comic-Motiven auf den Markt. Katzencomics, Einhörner, Schmetterlinge, Kühe, Regenbögen, alles mögliche. Aber auch: Piraten-Outfit (mit Totenköpfen) oder komplett schwarz, komplett pink. Wahnsinn. Weg von dem medizinisch-sterilen Design, hin zu ganz bunt und schräg. Für Erwachsene. Vermutlich mehr als Spielzeug für die Adult-Baby-Szene (ja, es gibt Menschen, die finden die Dinger erotisch oder zum Spiel dazugehörig), aber ich fand das auch so megalustig und eine schöne Idee. Leider kosten sie pro Stück deutlich über zwei Euro, was natürlich heftig ist. Aber für besondere Anlässe, zum Beispiel beim nächsten Besuch bei meiner Gynäkologin, hab ich wohl den Lacher auf meiner Seite.