Wert des Menschen

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Vier Nachtschichten bringen eigentlich alles durcheinander. Eine geht noch, finde ich, wenn ich dann morgens schlafen kann bis mittags, komme ich relativ gut wieder in meinen Rhythmus hinein. Aber vier am Stück machen mindestens eine relativ schlaflose Folgenacht. Und wenn ich dann am Tag auf diese Folgenacht wieder mit Frühdienst beginnen soll, fällt es mir wirklich sehr schwer, morgens um 4.00 Uhr aufzustehen.

Noch größere Bauchschmerzen macht mir allerdings die momentane Personalsituation bei meinem Arbeitgeber. Ich werde fast täglich gefragt, ob ich noch eine andere Schicht zumindest zur Hälfte zusätzlich übernehmen könne. Wenn ich „nein“ sage, wird noch einmal moralischer Druck aufgebaut. Nicht nur unter vier Augen, sondern auch durch fragwürdige Darstellungen gegenüber Dritten. Ich habe nicht live mitbekommen, dass jemand über mich abgelästert hat, weil ich nicht (ausreichend oft) einspringen würde; aber ich habe live mitbekommen, wie ein Vorgesetzter sich mir gegenüber über eine Kollegin ausgelassen hat, die ein kleines Kind zu Hause hat und deshalb weitere Schichten abgelehnt hat. Wer über andere lästert, lästert auch über mich. Widerlich sowas, weil es eben immer nur die halbe Wahrheit oder zumindest nicht überprüfbar ist. Leider ist die Hoffnung, dass Menschen fundierte Informationen von dämlichem Geläster abgrenzen können und wollen, erfahrungsgemäß vergeblich. So bleibt mir nur: Ein dickes Fell und zwei Ohren.

Meine Kollegen wissen nicht, wann ich Geburtstag habe. Mit Ausnahme derjenigen, zu denen ich ein engeres Verhältnis habe. Von denen war nachts niemand da, so dass ich nur einige Kurznachrichten um Mitternacht auf mein Handy bekam. Um halb drei war es so ruhig, dass ich mich einen Moment im Bereitschaftszimmer hinlegen wollte, aber noch nicht mal lag, als ich schon wieder angepiept wurde. Stichwort Atemnot. Socke flitzte, am Ende war nichts los, wofür man mich gebraucht hätte. Ein Kind, das mit bekanntem Asthma und einer chirurgischen Sache bei uns war, hatte ein vergleichsweise harmloses asthmatisches Geschehen und brauchte sein Spray.

„Wo Sie schonmal hier sind, im Zimmer 5 der junge Privatpatient ist noch immer wach und kann nicht einschlafen. Kann der was bekommen?“ – „Ja, einen warmen Tee.“ – „Ob er davon schläft…“ – „Werden wir sehen. Ich kümmere mich mal.“ – Ich klopfte vorsichtig und schaute um die Ecke. Der junge Mann, acht Jahre alt, saß in seinem Einzelzimmer, auf das die Eltern bestanden haben, im Dunkeln auf dem Bett und guckte aus dem Fenster. Er drehte sich nicht um, als ich reinrollte. Vermutlich hatte er mein Spiegelbild im Fenster gesehen. Als ich an der dem Fenster zugewandten Bettkante stand, merkte ich, dass er weinte. Nicht aufgeregt, sondern sehr entspannt. Traurig. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte ich ihn. Er nickte und zuckte mit den Schultern. Gleichzeitig.

Also hat sich Socke nachts um kurz vor drei Uhr auf das Bett gesetzt und einen Moment lang stumm mit dem jungen Mann in die dunkle Nacht hinausgeschaut. Ein paar Bäume bewegten sich im Wind, einige Lampen leuchteten, die Wege waren menschenleer. Ich habe nichts gesagt. Nach drei Minuten fragte er mich: „Was ist eigentlich jemand wert, der Asthma hat?“ – Ach, daher wehte der Wind. Srichwörtlich. Ich wartete einen Moment ab, aber er wollte wohl eine Antwort auf seine Frage bekommen. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Was ist das denn überhaupt, der Wert eines Menschen?“

Ich merkte, wie er nachdachte. Bevor er antwortete: „Naja, wie andere einen finden und so. Ob andere einen als Freund haben wollen zum Beispiel.“ – „Würdest du denn jemanden zum Freund haben wollen, der Asthma hat?“ – „Ich ja.“ – „Und glaubst du, dass andere Menschen anders denken?“ – „Ich weiß es. Wir haben ein Mädchen mit halben Armen und ohne Finger in der Schule. Die ist auch (!) immer alleine.“ – „Dann quatsch doch mal mit ihr. Vielleicht versteht ihr euch ja gut. Ich glaube übrigens, dass der Wert eines Menschen nicht dadurch bemessen wird, wieviele Freunde er hat. Natürlich ist es wichtig und ein gutes Zeichen dafür, ob jemand gut ankommt. Aber ich finde, jeder Mensch ist gleich viel wert. Und alles andere sind Sympathiepunkte. Und die kannst du auch mit Asthma bekommen. Vielleicht sind einige deiner jetzigen Freunde nicht die richtigen. Vielleicht bist du ihnen durch dein Asthma aber auch schon einen Schritt voraus, weil du mehr über dich nachdenkst als die anderen über sich.“

Am Ende trank er seinen Tee und wurde müde. Ich bin dann aus seinem Zimmer, habe noch etwas schlafen können und bin bei mir zu Hause gerade noch angekommen, bevor Helena eigentlich zur Schule los musste. Marie war schon zum Frühdienst weg und wir hatten abgesprochen, dass sie ihr alles für das Frühstück hinstellt. Stattdessen hatte Helena uns beiden einen Geburtstags-Frühstückstisch gezaubert, mit einem selbstgebackenem Topfkuchen mit Kerzen drauf, Brötchen vom Bäcker geholt … so lieb! „Ich muss erst zur zweiten Stunde, erste fällt heute aus.“

Endlich mal wieder gemeinsam ausgiebig frühstücken und quatschen. Als Helena aus dem Haus war, habe ich mich einen Moment lang hingelegt. Aber so wirklich lange schlafen konnte ich nicht. Immerhin konnte ich während meiner nächtlichen Bereitschaftszeit schon einige Zeit meine Augen schließen. Am Mittag habe ich einen Kartoffelauflauf vorbereitet, gegen 14 Uhr haben wir dann zu dritt gemeinsam gegessen und sind dann bei schönem Sommerwetter alle gemeinsam fast drei Stunden lang mit unseren Handbikes an der Ostsee entlang gefahren. Haben viel gequatscht, endlich mal wieder Zeit für uns gehabt, bevor abends mein nächster Nachtdienst losging.

Am nächsten Mittag stand Christin plötzlich bei mir vor der Haustür. Wollte was abgeben. „Eigentlich wollte ich das gestern schon vorbei bringen, aber da warst du nicht da. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich, aber du musst versprechen, dass du es mir nicht übel nimmst. Du brauchst ganz viel Humor. Aber es hat mich so angelacht, dass ich dem nicht widerstehen konnte.“

Ich rechnete schon mit einer Barbie im Rollstuhl oder einem Shirt mit dem Aufdruck „Hauptsache, die Haare liegen“ oder ähnliches. Nein: Pampers. Sie schenkte mir zu meinem 27. Geburtstag ernsthaft mehrere Probierpackungen Windeln. Wobei das keine kostenlosen Testpackungen waren, sondern käuflich erworbene Einzelstücke, immer zu viert eingeschweißt. Was das sollte? Nun: „Ich dachte mir, immer nur weiß mit Zahlen und Buchstaben drauf, ist auf die Dauer ein wenig langweilig. Also ich trag ja auch nicht nur weiße Baumwollslips. Und die haben mich angelacht.“

Eine amerikanische Firma bringt ihre Produkte auch in bunt und mit aufgedruckten Comic-Motiven auf den Markt. Katzencomics, Einhörner, Schmetterlinge, Kühe, Regenbögen, alles mögliche. Aber auch: Piraten-Outfit (mit Totenköpfen) oder komplett schwarz, komplett pink. Wahnsinn. Weg von dem medizinisch-sterilen Design, hin zu ganz bunt und schräg. Für Erwachsene. Vermutlich mehr als Spielzeug für die Adult-Baby-Szene (ja, es gibt Menschen, die finden die Dinger erotisch oder zum Spiel dazugehörig), aber ich fand das auch so megalustig und eine schöne Idee. Leider kosten sie pro Stück deutlich über zwei Euro, was natürlich heftig ist. Aber für besondere Anlässe, zum Beispiel beim nächsten Besuch bei meiner Gynäkologin, hab ich wohl den Lacher auf meiner Seite.

Nochmal Openwater

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Nachdem mir der Fünf-Kilometer-Wettkampf vor vier Wochen so gut gefallen hat, war es klar, dass ich zustimmen würde, dieses Mal sogar sofort, als Christin mich in der letzten Woche fragte, ob ich sie noch einmal begleiten würde. Wieder Ausland, dieses Mal anderes Land, wieder nur wenige Autostunden von meinem derzeitigen Wohnort entfernt. Wieder in einem Binnensee, wieder über zwei Tage, wieder mit unterschiedlichen Wettkämpfen für Schüler und Erwachsene.

Wir wollten direkt nach meinem Dienst losfahren. Ich hatte angeboten, Christin von Zuhause abzuholen. Plötzlich, ich schrieb gerade einige Berichte an meinem Arbeitsplatz, klingelte mein Telefon in der Hemdtasche. „Hier ist eine junge Frau. Sie möchte direkt zu dir.“ – „Name?“ – „Christin […]“ – „Kannst du schicken.“

Eine halbe Minute später klopfte es an meiner Tür. Als Christin vorsichtig ihren Kopf durch die Tür steckte, konnte ich mir nicht verkneifen, sie so zu begrüßen, wie sie es immer macht, wenn ich in der Schwimmhalle darauf angewiesen bin, dass mir jemand den Nebeneingang öffnet. „Tschuldigung, haben Sie sich in der Tür geirrt? Das hier ist die Kinderstation.“ – Christin antwortete schlagfertig: „Bin noch ein Baby und möchte mir einen Schnuller abholen. Außerdem habe ich gerade meine Dreimonatsblähungen, wollen Sie mal hören?“

Sie kam hinein, setzte sich auf einen freien Stuhl und meinte: „Hier arbeitest du also. Und so siehst du aus, wenn du arbeitest.“ – „Ja. So sehe ich aus.“ – „Warum hast du kein Stethoskop um den Hals? Ich habe das immer für ein Erkennungszeichen gehalten.“ – „Das brauche ich zum Briefe tippen nicht. Das liegt hier.“ – „Warum hast du keinen weißen Kittel an?“ – „Das ist kein Kittel, sondern ein Mantel.“ – „Wie, der Kittel ist ein Mantel?“ – „Genau. Ich darf aber statt des weißen Mantels auch nur weiße Jeans und weißen Kasack tragen.“ – „Was ist ein Kasack?“ – „Das ist ein hüftlanges Hemd mit überlappendem V-Ausschnitt, das man sich über den Kopf zieht.“ – „Und das jetzt?“ – „Das sind eine blaue Hose und ein blaues Schlupfhemd.“ – „Hast du einen BH drunter?“ – „Willst du nachgucken?“

„Später. Und wieso steht hier keine Liege drin?“ – „Weil das hier ein Rückzugs- und Schreibraum ist und kein Untersuchungsraum. Hier kommen keine Patienten rein.“ – „Hast du Drogen hier?“ – „Hier nicht, aber im Stationszimmer ist ein Giftschrank.“ – „Ist da Marihuana drin?“ – „Nö. Brauchst du welches?“ – „Nee, ich bin Sportlerin und will morgen starten und da bestimmt keine Dopingsperre bekommen. Aber ich würde gerne mal sehen, wie sowas aussieht. Also in echt. Hast du schonmal einen Joint geraucht?“ – „Nee. Und das möchte ich auch nicht. Drück mal bitte die Daumen, dass das hier heute ohne größere Katastrophen vorüber geht, damit wir pünktlich loskommen. Wieso bist du eigentlich hierher gekommen? Ich hätte dich doch abgeholt?“ – „Naja, wäre halt eine Stunde Umweg gewesen für dich und ein paar Busse fahren doch.“

Nachdem Christins erste Neugier gestillt war und die letzte Stunde meines Dienstes ohne größere Katastrophen vorüber ging, saßen wir pünktlich im Auto. Kamen sehr gut durch und waren nach einigen Stunden trotz Geschwindkeitsbeschränkungen und Sommerreiseverkehr sehr schnell dort, wo wir hin wollten. Zelt aufbauen, den Kompressor das Luftbett aufblasen lassen, schnell noch eine Kleinigkeit essen, in einem Waschhaus, sogar mit Klappsitz an der Wand für Menschen mit Behinderung, duschen, Zähne putzen, ab in die Falle. Wir zwei unter einen aufgefalteten Schlafsack, wegen der Wärme, vielleicht auch aus anderen Gründen, unbekleidet. Christin: „Ich hab mich schon seit Tagen darauf gefreut, mit dir zu schmusen. Du bist so sanft und so zärtlich.“

Oha. Was für Komplimente. Nein, es gab wieder einfach nur Hautkontakt. Ein wenig den Rücken streicheln, eng aneinander liegen. Kein Knutschen, keine Intimitäten. Wobei ich das schon sehr intim finde. Aber ich könnte mir natürlich noch sehr viel mehr vorstellen. Und ehrlicherweise auch mit ihr. Aber ich bin da zurückhaltend. Ich stimme zu, aber ich fordere es nicht heraus. Es ist sehr schön mit ihr und es macht sehr viel Spaß. Vor allem ihre Unbefangenheit finde ich sehr erfrischend. Manchmal benehmen wir uns wie Kinder.

Zum Beispiel wachte ich mitten in der Nacht auf. Zum Glück. Das, was ich zum Abendessen getrunken hatte, wollte raus. Das ist der Nachteil beim Zelten: Zu Hause wäre ich jetzt vom Bett schnell in meinen Stuhl rübergerutscht und zum Klo gerollt. Das kann ich auch im Dunkeln. Hier müsste ich vom Fast-Boden nach oben. Zum Waschhaus. Mir vorher was anziehen. Bis das alles so weit ist, hat meine autonome Querschnitt-Blase schon ihre Geduld verloren. Irgendein Gefäß würde ich im Dunkeln sicherlich auch nicht treffen. Also Pampers anziehen und hoffen, dass Christin mich morgen früh nicht allzu eklig findet. Wobei ich sie ja inzwischen etwas besser einschätzen kann und die Sorge wohl unbegründet ist. Während ich in meiner Tasche wühlte, flüsterte sie: „Was rödelst du denn da rum?“ – „Ich muss dringendst pissen“, flüsterte ich zurück. Sie stand schlagartig auf und wollte mich hochheben. „Ich trag dich.“ – „Nackt oder was?“ – „In die Sauna gehst du doch auch nackt. Ich dachte, es wäre dringend.“ – „Ja, aber ich gehe doch nicht nackt in das beleuchtete Waschhaus!“ – „Quatsch, nächste Hecke!“ – „Wenn das einer sieht.“ – „Wenn du die Klappe hältst, bestimmt nicht. Die pennen alle. Wehe, du furzt dabei laut.“

Es dürfen mich gerne tausende Leserinnen und Leser für bescheuert halten und die Szene total verstörend, aber das war ein Spaß! Christin hat mich unter meinen Kniekehlen vor sich hergetragen, wie man ein kleines Mädchen in freier Natur abhalten würde, bis zu einer Hecke. Es fehlte nur, das gleich ein Platzwart mit einer Taschenlampe irgendwo um die Ecke biegt und uns in die Augen leuchtet. Ich hatte dermaßen Herzklopfen, dass uns hier jemand sehen oder beobachten würde. Es war zwar stockdunkel, aber eben auch total still. Man hörte jeden Schritt auf dem Gras. Christin stach der Hafer, sie schwenkte mich hin und her wie eine Gießkanne, mit der jemand ein Beet bewässern wollte. „Merkst du das eigentlich, wenn ich deinen Arsch durch die Brennesseln schwenke?“, flüsterte sie mit gepresster Stimme, ihr Lachen unterdrückend. Ich flüsterte: „Merken nicht, aber die Hautreaktion wäre die gleiche. Also lass es!“

Ich war so erleichtert und glücklich, als wir wieder unter dem Schlafsack lagen. Am nächsten Morgen war zuerst unser Check-In angesagt. Wir mussten unsere Unterlagen abholen und im Internet ein Video anschauen, mit dem wir instruiert werden sollten. Hier fiel die Begrüßung weniger herzlich aus als beim vorherigen Wettkampf. Was mir nicht schlechter gefiel, denn eigentlich mag ich keine Sonderrollen. Auch wenn ich erneut die einzige Rollstuhlfahrerin war. Aber es gebe noch einen älteren Herrn mit einem im Oberschenkel amputierten Bein, sagte man uns. Der schwimme schon seit Jahren mit. Persönliches Begleitkajak sei hier übrigens nicht zugelassen. Allgemein wären Rettungsschwimmer im Kajak dabei, aber persönliche Assistenz sei nicht möglich. Das würde ich aber so überleben, davon war ich überzeugt.

Am Samstagmorgen war Christin dran. Das Teilnehmerfeld war nicht allzu groß, lediglich acht Frauen wollten die zehn Kilometer lange Strecke schwimmen. Christin kam nach zwei Stunden und knapp fünfzehn Minuten als erste an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die nächste Frau war rund zehn Sekunden hinter ihr. Wahnsinn. Ich habe fast geheult, als ich die beiden gegeneinander kämpfen sah und sich immer mehr abzeichnete, das Christin vorne sein würde. Keine Ahnung, woher sie nach zwei Stunden die Energie nahm, noch einen Sprint einzulegen. Aber am Ende hat sie sich belohnt.

Mein Start war am frühen Nachmittag. Christins weiche Knie hatten sich inzwischen einigermaßen erholt. Ich lag im Zelt auf dem Luftbett, wir zogen mir zusammen ihren Schwimmanzug an. Wenn ich das öfter machen sollte, würde ich mir selbst so ein Teil für 300 Euro und mehr kaufen. Jetzt, für den zweiten Wettkampf, wollte sie mir ihren alten Wettkampfanzug, den sie nur noch als Ersatz dabei hat, erneut leihen. Und ich hatte das Glück, das unsere Körpergröße und auch unser Körperbau relativ gleich ist. Wenn man von meinen etwas dünneren Beinen mal absieht, aber sie sind immerhin noch dick genug, dass sie die langen Beine des Anzugs ohne Falten ausfüllen. Nach zwanzig Minuten hatte ich das Ding an. Vielleicht würden wir das auch in 15 Minuten hinbekommen, aber das Ding sitzt so eng, dass man bloß nicht ins Schwitzen kommen sollte. Dann geht nämlich gar nichts mehr.

Das Briefing hatten wir ja schon per Onlinevideo bekommen, von daher konnten wir uns eine lange Warterei im aufgeheizten Großraumzelt sparen und gleich auf den Steg. Christin cremte mich zum letzten Mal fett mit Sonnenmilch ein. Und mit Vaseline an jenen Stellen, an denen der Anzug scheuern könnte und die Haut sich die ganze Zeit bewegt. Badekappe und Brille vernünftig festgeklebt, drei Trinkbeutel hinten in den Anzug gesteckt, am liebsten wäre ich mich nochmal etwas eingeschwommen, nur wäre ich nie im Leben vom Wasser aus wieder auf den Steg gekommen. Nur mit einem riesigen Umweg über Land.

Als endlich gestartet war, dachte ich mir: Nee, oder? Worauf hast du dich da jetzt nochmal eingelassen? Zwei Stunden schwimmst du jetzt durch diesen See. Und dieses Mal zeigte sich gleich am Anfang, dass die elf Frauen, die gegen mich antreten würden, schneller sein werden als ich. Erheblich viel schneller. Aber das war mir egal. Ich hing meinen Gedanken nach und schwamm einfach. Irgendwo tuckerte ein Motorboot vor mir her. Jedes Mal, wenn ich einatmen wollte, atmete ich Abgase ein. Das war sehr lästig. Aber auch schnell wieder vorbei. Ich schwamm. Und schwamm. Und schwamm.

Ein Begleitkajakfahrer interessierte sich für mich und blieb auf meiner Höhe. Irgendwann war er wieder weg. Es passierte rein gar nichts. Außer dass ich schwamm. Nach einem Kilometer kam die erste Boje. Oder vielmehr eine etwas größere aufgeblasene Tüte, die auf dem Wasser hin und her schaukelte. Mir ging es gut. Mein Tempo hatte ich richtig gewählt, ich konnte gut atmen, die Wassertemperatur war okay. Plötzlich war die zweite Boje da. Ich hatte sie zwar angeschwommen und immer mal wieder nach ihr geschaut, aber dann war sie sehr überraschend dichter gekommen. Noch fünfhundert Meter bis zur Wasserstation. Sollte ich schonmal was trinken? Das Bedürfnis hatte ich nicht.

Als ich an dem Schwimmsteg in der Nähe des Ufers ankam, fragte mich jemand: „Warm oder kalt?“ – „Kalt!“ – „Große oder kleine Flasche?“ – „Große!“ – Ich bekam eine 750-Milliliter-Wasserflasche mit einem Sportdeckel drauf, wie man sie auch in einem berühmten Discounter bekommt, angereicht. Ich drehte mich auf den Rücken, legte meinen Kopf waagerecht hinein, ließ mich treiben und nuckelte an dieser Flasche. Ich hatte doch ziemlichen Durst. Knapp einen halben Liter soff ich aus, das restliche frische Wasser spritzte ich mir über mein Gesicht, um mal etwas anderes wahrzunehmen als immer nur Seewasser und um einmal kurz etwas sauberes Wasser ins Gesicht zu bekommen. Dann warf ich die Flasche in Richtung des Stegs und schwamm weiter.

An der nächsten Boje hatte ich zum ersten Mal das Bedürfnis, etwas zuckerhaltiges zu mir zu nehmen. Ich griff nach einem Trinkbeutel und schüttete dessen Inhalt in mich hinein. „Bitte ohne spucken dieses Mal“, dachte ich mir. Klappte. Ich bildete mir ein, die Wirkung des eingeflösten Zuckers in den Muskeln merken zu können. Kurz vor der vierten Boje schüttete ich noch einmal den Inhalt eines Trinkbeutels in mich hinein. Wieder glaubte ich, einen kleinen Energieschub wahrnehmen zu können. Es schwamm sich besser als ich erhofft hatte und ich hatte auch nach vier Kilometern keine nennenswerten Probleme. Ich musste nicht spucken, wie beim letzten Mal, meine Blase spielte nicht verrückt, wie beim letzten Mal, ich verschluckte mich nicht in einer Tour, wie beim letzten Mal, sondern ich hatte das Gefühl, dass ich auch noch einen sechsten Kilometer schaffen würde. Allerdings war keine schnellere Geschwindigkeit drin. Und ich schätze, dass ich einen sechsten Kilomter zumindest anteilig geschwommen bin, denn zuletzt kam mir der Wind entgegen.

Nach zwei Stunden und 21 Minuten schlug ich an. Deutlich langsamer als beim letzten Mal. Aber dafür war mein Kreislauf wesentlich fitter. Ich schwamm in einen flacheren Bereich. Erst jetzt merkte ich, dass eine ganze Traube von Zuschauern mir applaudierte. Und erst jetzt erfuhr ich, dass diejenige, die zuletzt vor mir ins Ziel kam, schon seit einer Dreiviertelstunde da war. Aber ankommen ist alles.

Ich schwamm vorsichtig zu einer Stelle, an der das Wasser so flach war, dass ich mit dem Po auf den Grund sitzen konnte, während mein Kopf noch über Wasser war. Christin hatte Shorts und Shirt an und kam in meine Nähe, bis sie bis zu den Knien im Wasser war. „Ich weiß nicht, wieviele spitze Steine hier im flachen Wasser sind. Oder Scherben. Ich würde dich gleich auf den Arm nehmen. Sag du mir Bescheid, wann wir loslegen können.“ – „Bescheid.“

Als ich im Stuhl saß, begannen meine Beine zu zittern. Ihnen fehlte mal wieder der Nervenimpuls. Einige der umstehenden Leute guckten etwas sparsam aus der Wäsche. Was ich etwas doof fand: Die Siegerehrung für „meinen“ Wettkampf war bereits gelaufen. Ich meine: Einerseits ist klar, dass man nicht auf mich warten möchte, zumal ich als Letzte ja nicht aufs Treppchen komme. Aber andererseits kenne ich das nicht, dass man eine Siegerehrung durchführt, während der Wettkampf noch läuft. Aber egal. Ich hängte mir ein Handtuch um, Christin schob mich zu unserem Campingplatz, ich duschte mir dort Vaseline und grünes Seewasser ab und befand: Das war nicht die letzte lange Strecke. In diesem Sommer vielleicht. Aber in diesem Leben sicher nicht.

Popo gerettet

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Mein Chef möchte, dass ich um sechs Uhr einsatzbereit an meinem Arbeitsplatz bin. So hat er es mir in den Dienstplan schreiben lassen. Damit ich mich vorher noch umziehen und auch noch einmal pullern kann, bin ich etwa 30 Minuten vor Dienstbeginn auf dem Parkplatz. Bei rund 45 Minuten Anfahrtszeit (nachts, ohne Ampeln) muss ich um 4.45 Uhr zu Hause los. Ich muss halt am Abend früh ins Bett, dann macht mir das frühe Aufstehen auch nichts aus.

Die Kollegin, die nachts im Bereitschaftszimmer geschlafen hatte, übergab mir zwei ruhige Stationen. Sie habe die ganze Nacht durchschlafen können. Allerdings habe sich der Oberarzt krank gemeldet. Der Chefarzt käme gegen 9 Uhr, so lange müsste ich ohne Hintergrunddienst arbeiten und ihn bei wichtigen Fragen anrufen. Okay, ich muss das nicht verantworten. Wenn der Chef das so entscheidet, ist das seine Sache. Und ein wenig wohl auch ein Vertrauensbeweis. Hoffe ich.

Eine Ambulanz für Kinder haben wir nicht, und Kindernotfälle werden über die allgemeine Notaufnahme aufgenommen, in der Regel wird dort ein Kinderarzt hinzugeholt. Was an diesem Morgen schwierig werden würde, denn ich bin ja keine Kinderärztin. Bis 7 Uhr war alles ruhig, dann kam eine Familie aus Estland direkt auf meine Station. Sie sprach nur wenige Worte Deutsch. Ich bekam heraus, die Familie sei in der letzten Woche angereist, würde Urlaub machen. Das Kind sei 12 Jahre alt und habe vor sechs Wochen, wenn ich den Zeitpunkt richtig verstanden habe, einen künstlichen Darmausgang angelegt bekommen, nachdem der Dickdarm komplett entfernt worden war. Wieso man dann nach sechs Wochen so eine Reise macht, weiß ich nicht, ich kann es aber auch falsch verstanden haben. Seit Freitag abend ging es dem Kind nun nicht gut, es käme kein Stuhl mehr aus dem Darm, stattdessen müsse sie ständig spucken, habe keinen Appetit und seit gestern auch Fieber und Bauchweh.

Es gibt Leute, die kommen wegen jedem Scheiß in die Notaufnahme. Wadenkrampf, Blähungen, eingerissener Fingernagel. Und es gibt welche, die haben ein massives Problem und kommen nicht. Weil sie angeblich nicht wussten, dass sie auch am Wochenende kommen könnten. Eine Blutuntersuchung brachte hohe Entzündungswerte und eine Übersäuerung zu Tage. Ich versuchte, den Chefarzt zu erreichen, das Handy war aber aus. Oder im Funkloch oder sonstwas. Jedenfalls kam: „Der Teilnehmer ist vorrübergehend nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es später wieder.“

Tja. Aus der Notaufnahme war auch kein Kollege abkömmlich, der mir vielleicht beim Entscheiden helfen könnte, von daher entschied ich mich, einen Rettungswagen zu bestellen und das Mädchen sofort in eine andere Kinderklinik mit entsprechenden Versorgungsmöglichkeiten, also Bauch-Chirurgie, verlegen zu lassen. Eine Entscheidung, die mir nicht zusteht. Aber wenn das ablief, was ich vermutete, nämlich ein verschlossener und bereits perforierter Dünndarm mit Nahrungsbrei in der Bauchhöhle (was den sauren Wert erklären könnte), dann sind wir schon mittendrin im Wettlauf ums Überleben. Die Sauerei bekommt man primär schnell in den Griff, aber die Entzündung und Blutvergiftung, die wird mit jeder Stunde Zuwarten schwerer beherrschbar. Und irgendwann dann auch gar nicht mehr.

Ich hätte versuchen können, erstmal noch Bilder zu bekommen. Dann hätte ich eine Sicherheit. Aber die zwanzig Minuten könnten später genau die zwanzig Minuten sein, die über Leben oder Tod entscheiden. Andererseits kann das Mädchen auch irgendwas vergleichsweise Harmloses haben. Und ich mache hier wegen etwas mehr als einem Bauchgefühl so eine Welle. Allerdings dachte ich mir: Wenn man mir solche Verantwortung mit meiner wenigen Erfahrung überträgt, darf man mir auch nicht übel nehmen, wenn ich sie so Ernst nehme, dass ich am Ende übers Ziel hinausgeschossen bin. Ich machte also die Papiere fertig und unterschrieb etwas, was ich nicht selbst unterschreiben darf. Zumindest nicht ohne Rücksprache. Telefonierte mit der Klinik, in die ich sie schicken wollte. Ja, sie könne kommen, man bereite sich vor.

Socke verlegt eine Patientin ohne Rücksprache. Stellt eine Verordnung für einen Rettungswagen aus. Die donnern mit Lalülala eine Dreiviertelstunde durch mehrere Landkreise, sind über Stunden gebunden. Obwohl hier die Rettungsmittel sowieso schon knapp sind. Die Kollegen im anderen Krankenhaus sind mit einem kompletten Kinder-OP-Team in Habachtstellung, schauen einmal drauf und wundern sich, machen dann ein Bild, stellen fest, dass es doch „nur“ ein Darmverschluss (also ohne Perforation) ist, und rufen meinen Chef an, ob wir bei uns noch alle Tassen im Schrank haben. Kostet mich das meinen Job?

Der Rettungswagen ist gerade abgefahren, da ruft der Chefarzt zurück. Er sei auf dem Weg in die Klinik. Ja, habe sich inzwischen erledigt, sage ich. Jetzt ist alles gelaufen. So ein Aufriss. Das war bestimmt die falsche Entscheidung, denke ich immer wieder. Um kurz vor neun Uhr ist endlich ein erfahrener Kollege da. Um neun Uhr kommt der Chefarzt. Um Zehn nach Neun werde ich von der Chefsekretärin angepiept: „Mal bitte in mein Büro.“ – Das gibt jetzt einen richtigen Anschiss. Und während ich im Aufzug stehe, überlege ich noch, ob ich lieber den Kopf einziehe oder lieber den Rücken gerade mache. Rücken gerade machen könnte taktisch unklug sein, ich möchte ja eigentlich, dass man mir was zutraut.

„Frau Socke, kommen Sie rein. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie heute morgen ein junges Mädchen nach [andere Stadt] verlegt haben. Die Kollegen wollten wissen, ob wir Bilder haben oder weitere Unterlagen. Haben wir doch nicht, oder?“ – Ich schüttelte den Kopf. Und erwartete ein: „Sind Sie eigentlich nicht ganz dicht, ohne Bilder solche Entscheidung zu treffen? Die Ihnen noch nicht mal zusteht?“ – Stattdessen kam eine weitere Nachfrage: „Woher kam die?“ – „Die Familie hat hier Urlaub gemacht. Die Tochter ist in ihrer Heimat Estland operiert worden.“ – Er blätterte in meinem Bericht. Und sagte dann: „Die Kollegen haben da literweise Soße aus dem Bauchraum geholt. Wir können für das Mädchen nur hoffen, dass sie die nächsten Tage überlebt.“ – „Dann war mein Handeln also so in Ordnung?“ – „In Ordnung? Sie haben uns den A*sch gerettet, Frau Socke. Dafür kann ich mich gar nicht oft genug bei Ihnen bedanken.“

Ich mag nicht daran denken, was los gewesen wäre, wenn ich das Mädchen nicht sofort verlegt hätte. Was sein Lob angeht, darf die Woche aber gerne so weitergehen.

Nachtrag:
Mehrere Leserinnen und Leser beschwerten sich, dass meine eher harmlosen Beschreibungen einer Bauchfellentzündung für diejenigen unerträglich seien, die selbst schon einmal eine solche durchgemacht hätten oder aufgrund ihrer Tätigkeit regelmäßig damit konfrontiert werden. Tatsächlich habe ich in meinem Beitrag ganz bewusst einige unappetitliche Details ausgelassen. Es ist und war natürlich niemals meine Absicht, jemanden zu nahe zu treten. Auf einzelne Anmerkungen gehe ich mit einem zusätzlichen eigenen Kommentar ein, siehe unten.

Elternschule

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Ich bin total verstört. Ich beginne jetzt zum vierten Mal diesen Beitrag. Ich habe das Bedürfnis, mir ein eigenes Bild zu machen, bevor ich mir ein Urteil bilde. Und ich wollte ein eigenes Urteil, nachdem ich -nahezu unfreiwillig- so viel Kritik über den Film „Elternschule“ gelesen habe. Der Film ist noch für rund eine Woche in der ARD-Mediathek aufrufbar.

Ich muss sagen, dass ich den Film am Ende trotzdem nicht gesehen habe. Ich habe drei, vier Mal abgebrochen und wieder begonnen, nach insgesamt zehn Minuten aber das Browserfenster geschlossen. Und mich endgültig entschieden: Das will ich nicht sehen. Nennt mich sensibel, nennt mich unerfahren – ich fühle mich überfordert. Mit dem, was da abgeht.

Und damit meine ich nicht die kleinen Kröten, die da ihre Grenzen austesten. Und ja, den Ansatz, Grenzen zu setzen, teile ich. Nicht nur gegenüber Kindern, sondern gegenüber allen Menschen muss ich Grenzen setzen. Das ist alltäglich. Ich möchte gar nicht weiter auf die dort geschilderten Probleme eingehen. Das kann ich nicht. Mir fehlt die fachliche Kompetenz einerseits, andererseits habe ich den Film ja auch überwiegend nicht gesehen. Sondern nur einzelne Ausschnitte.

Was ich aber gesehen habe, hat mir gereicht. Und ich möchte nur eine Sache aufgreifen: Körperliche Untersuchung schreiender Kinder. Ich glaube, Tausend waren es noch nicht. Aber über 500 Kinder hatten schon mit mir zu tun in den letzten Jahren. Ja, es waren viele dazwischen, die geweint haben, geschrien, gekreischt, gebrüllt. Die Schmerzen hatten, überfordert waren, die ausgelaugt waren, hohes Fieber hatten.

Ich stehe, im Gegensatz zu der im Film gezeigten Aufnahme-Untersuchung, unter großem Zeitdruck. Immer. Nicht, weil mein Arbeitgeber mit der Stoppuhr hinter mir steht, sondern weil an vielen anderen Stellen ebenfalls Patienten auf mich warten und es viel zu wenig ärztliches Personal gibt. Ich kann mich mit einem Patienten, der nicht vital bedroht ist, keine Viertelstunde aufhalten. Die Situation ist zudem bescheuert, weil mein Gegenüber oft einfach Angst hat. Neben der akuten Symptomatik. Und oft verzahnen und potenzieren sich Zeitdruck, Angst und akutes Problem auch noch.

Es gibt Situationen, da ist das körperliche Unwohlsein so groß, dass ich ein schreiendes Kind untersuchen und behandeln muss. Es ist noch keine Woche her, da war ein drei Jahre altes Kleinkind mit einem Wespenstich etwa zwei Zentimeter unterhalb des Auges bei mir in der Aufnahme. Das Kind reagierte zudem allergisch auf das Wespengift-Protein. Nicht dramatisch, aber schon am ganzen Körper sichtbar. Das ist ein Notfall, da kann ich dann auch nicht erst lange irgendwelche Spielchen veranstalten, sondern muss handeln. Auch wenn es noch so laut brüllt und nicht versteht, warum gerade alles so ätzend ist.

Aber: Wenn ich beim Kind eine orientierende Aufnahme-Untersuchung machen muss, dann habe ich noch nie, wirklich noch nie, ein schreiendes Kind untersucht. Das fängt schon damit an, wie ich in den Raum hinein komme. Wenn ich draußen schon höre, dass das Kind überfordert ist, poltere ich da nicht unberechenbar rein, unterschreite sofort körperliche Distanzen, rede laut und reiße dabei noch ein paar dominante und markige Sprüche, sondern dann bleibe ich erstmal vor der Tür stehen. Schiebe sie dreißig Zentimeter auf und schaue erstmal vorsichtig hinein. Nehme Blickkontakt auf. Lächle. Winke. Nehme den großen Ernst aus der Situation. Oft reicht es schon, die Aufmerksamkeit auf irgendwas anderes zu lenken. Die meisten Kinder sind neugierig. Und wenn wir uns erstmal beschnuppern, bevor ich dem Kind mit der Lampe ins Ohr leuchte, gewinne ich Vertrauen und anschließend halten mir über 90% der Kinder ihr Ohr freiwillig hin. Die Minute, die ich dafür investiere, hole ich hinterher drei Mal wieder raus.

Kürzlich war ein fünfjähriges Mädchen mit mehreren fiesen Splittern im Fuß da. Ich sag nur: Auf eine nasse Holzpalette am Strand gesprungen. Es blutete und es tat wirklich doll weh. Ich rollte nach dem Hinweis, das Mädchen lasse sich am Fuß nicht anfassen, nicht mal von der Mutter, in das Zimmer. Es brüllte und kreischte bei Mama auf dem Arm. Ich will hier keine tollen Geschichten erzählen, aber nach zwanzig Minuten waren alle sechs Splitter draußen. Und das Kind saß -zwar extrem skeptisch, aber dennoch aus eigener Entscheidung- auf der Untersuchungsbank und hat mir den Fuß unter meine Nase gehalten. Der alles entscheidende Deal nach einer vorsichtigen ersten Inspektion (Deal: Meine Hände bleiben beim Anschauen auf meinem Schoß, ich gucke nur mit den Augen und fass dich nicht an) war: „Wenn du möchtest, dass ich aufhöre, rufst du Stopp. Dann höre ich sofort auf. Versprochen. Du bist die Chefin.“ – Sowas ist kein Hexenwerk. Das läuft über Vertrauen.

Wenn ich in dem Film, den ich nur für wenige Minuten gesehen habe, die Aufnahmeuntersuchung miterlebe, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ein Kind so distanziert zu behandeln, käme mir nie in den Sinn. So etwas will ich nicht sehen. Das widert mich an.