Nicht ohne Hilfe

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Natürlich sind Helena und ich nicht völlig überraschend beim Jugendamt aufgetaucht, sondern ich habe uns vorher per Mail angekündigt. Klar, am Wochenende liest niemand seine dienstlichen Mails, aber immerhin hatte die zuständige Mitarbeiterin so direkt zu Dienstbeginn eine Information. Es war etwa 7.35 Uhr, als mein Handy klingelte. Nachdem ich in der Mail nur zwei Sätze geschrieben habe, sagte sie: „Frau Socke, mit Verlaub, Sie kommen gerade von der Uni, sind noch sehr jung, sind persönlich betroffen: Darf ich bitte einmal ausschließen, dass Sie aus einer möglichen Unerfahrenheit heraus Dinge anders bewerten als wir es hier tun? Wir wissen, dass die Pflegeeltern zu den eher strengeren gehören und mitunter etwas konservativere Ansichten haben als Ihr Jahrgang. Wenn da Grenzen überschritten sind, können wir uns vielleicht in einem geordneten Rahmen treffen und gemeinsam überlegen, was wir für Helena tun können. Braucht es wirklich diesen Notfallrahmen? Brauchen wir ein Gespräch heute morgen?“

„Ich kann nicht ausschließen, dass Helena hier eine Märchenstunde veranstaltet und uns Dinge erzählt hat, die sich hinterher als falscher Alarm herausstellen. Ich habe dafür aber keine Anhaltspunkte. Für mich klingt das plausibel, schlüssig, zu detailreich, auch auf Nachfragen, und vor allem inhaltlich zu reflektiert, um ausgedacht zu sein. Nach ihren Schilderungen werde sie gewohnheitsmäßig körperlich misshandelt, durch Schläge, auch mit Gegenständen, es sei auch schon mit Messern nach ihr geworfen worden.“ – „Ach du liebe Scheiße. Das hat ja gerade noch gefehlt. Ja, da müssen Sie kommen. Ist Helena noch bei Ihnen?“ – „Ja.“ – „Dann bringen Sie sie bitte mit. Sie können ihr sagen, dass wir auf ihrer Seite sind und ihr helfen werden.“

Im Auto fragte ich Helena: „Hast du Angst?“ – „Ja.“ – „Wovor?“ – „Dass ich in ein Heim gesteckt werde. Bist du erstmal drin, kommst du nie wieder aus diesen Mühlen heraus. Und wenn du irgendwann rauskommst, bist du nicht mehr die, die du warst, als du reingegangen bist. In diesen Einrichtungen ist kein Platz für jemanden wie mich.“ – „Ich habe das nicht zu entscheiden. Aber ich werde alles versuchen, um dir das zu ersparen. Möchtest du zurück zu deinen jetzigen Pflegeeltern?“ – Natürlich war mir klar, dass das niemals in Betracht kommen würde. Sie antwortete: „Es wäre besser als ein Heim oder eine Jugendeinrichtung, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich lieber mit Menschen zusammenleben, die so cool sind wie Maries Eltern. Ich kenne sie zwar nicht, aber was ich so von Marie gehört habe, müssen sie cool sein. Marie ist auch so cool. Überhaupt seid ihr beide cool. Vielleicht schicken sie mich auch in eine andere Stadt. Wo ich niemanden kenne und alles von vorne anfangen muss. Ich habe so etwas mal im Fernsehen gesehen. Darf ich euch dann trotzdem mal besuchen kommen? Ich meine, für ein Wochenende wie dieses?“ – „Na sicher.“

Wir wurden bereits erwartet. Zwei Mitarbeiterinnen setzten sich mit Helena und mir an einen großen runden Tisch in einem großen Raum. In der Ecke stand ein großer Tischkicker, auf dem einige Broschüren abgelegt waren. Unter der Decke hing ein Fernseher. Ausgeschaltet. Ein Kalender hing an der Wand und war seit Wochen nicht mehr aktualisiert worden. An der anderen Wand hing ein großes Bild aus einem Hafen. „Möchtest du ein Wasser? Oder einen Fruchtsaft?“ – „Wasser. Bitte.“ – Man schlug vor, dass Helena zunächst einfach nur das erzählt, was sie erzählen möchte, und man anschließend mit ihr ein Protokoll anfertigt, während man parallel auch nochmal mit mir redet.

Helena begann zu weinen, bevor sie den ersten vollen Satz über die Lippen brachte. Dann stand sie auf, ging zum Fenster und schaute nach draußen. Niemand sagte was. Nur ihr Schluchzen war zu hören. Dann drehte sie sich um, lehnte sich gegen die Fensterbank und sagte: „Es ist alles Scheiße. Und ich weiß nicht mal, was ich falsch gemacht habe.“ – „Vermutlich gar nichts“, antwortete ich, rollte zurück und deutete auf meinen Schoß. Ohne zu zögern kam Helena zu mir, setzte sich auf meinen Schoß, lehnte sich an meinen Oberkörper an und begann zu erzählen. Die beiden Mitarbeiterinnen hörten zu.

Helena war schon lange fertig, als die Frage kam, auf die ich schon gewartet habe: „Warum hast du bisher niemandem davon erzählt?“ – Helena antwortete: „Das ist doch eine Bombe. Sie lassen alles stehen und liegen, um mit mir noch heute zu sprechen. So eine Bombe zünde ich doch nicht alleine. Nicht, ohne dass mir jemand hilft.“ – Ich schluckte mehrmals und gab mir größte Mühe, nicht zu weinen anzufangen.

Eine weitere Frage wurde ihr gestellt: Angenommen, sie würde in eine andere Stadt ziehen, wie sehr würde sie ihre Freunde vermissen? Helena antwortete: „Welche Freunde denn? Mit mir will doch schon lange niemand mehr etwas zu tun haben. Früher wurde ich auf jeden Kindergeburtstag eingeladen. Aber irgendwann hat die Mutter meiner damals besten Freundin gesagt, dass sie mich nicht mehr einladen, weil ich ja auch niemanden zu meinem Geburtstag einlade. Und wenn erstmal ein Kind damit anfängt, ist es aus.“ – „Warum hast du denn niemanden zu deinem Geburtstag eingeladen?“, fragte ich und ahnte schon die Antwort, ohne bisher mit Helena darüber gesprochen zu haben. Ja, die Pflegeeltern wollten das nicht.

Wie wir inzwischen wissen, hat Helena mich nicht angelogen. Die Pflegemutter habe inzwischen sowohl die Messerwürfe als auch die wiederholten Schläge durch den Pflegevater bestätigt. Zu den Gründen durfte man mir nichts sagen. Allerdings sagte mir die Dame vom Jugendamt telefonisch: „Aus unserer Sicht sind sie absurd.“

Soweit ich weiß, laufen Ermittlungen gegen die bisherigen Pflegeeltern. Und Helenas Unterbringung? Eine Pflegefamilie, die sie sofort aufnehmen könnte, sei nicht zu finden. Möglicherweise entschärfe sich die Situation nach den Sommerferien etwas. Aber versprechen könne man nichts. Die Einrichtung, die jetzt einen Platz frei räumen würde, ist jene, vor der Helena besonders viel Angst hat. Wegen ihrer Erkrankung ist ein hoher Pflegeaufwand nötig, der sei nur dort realisierbar. Weil dort so viel Personal ist, sind dort aber auch die ganzen Leute, die sich in keiner Pflegefamilie zurecht fänden.

Helena wechselt mit Beginn der Klasse 7, also in den nächsten Wochen, die Schule. Aus technischen Gründen, die nicht in ihrer Person liegen. Man wird so schnell nichts Geeignetes für sie finden. Damit ist das nächste Problem (fehlender Anschluss, fehlende Kontinuität, mindestens ein Wechsel mitten im Schuljahr) vor der Tür. Ich habe im Gefühl, dass aktuell vieles bei ihr noch gut läuft (oder besser). Ich habe auch im Gefühl, dass gerade jetzt sehr viel in die falsche Richtung gelenkt werden kann. Ich habe das Gefühl, dass die Mitarbeiterin des Jugendamtes das genauso sieht, auch wenn sie das nicht gesagt hat.

Ich habe dem Jugendamt angeboten, dass Helena in den nächsten Tagen und auch in den nächsten Wochen bei uns ein Gästezimmer hätte. Bis zum nächsten Wochenende wolle man das Angebot in Anspruch nehmen, man müsse allerdings noch einiges mit dem Familiengericht und dem Vormund klären. Aber erstmal sei das die beste Lösung. Die Mitarbeiterin fragte mich unter vier Augen: „Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen? Spielen Sie mit dem Gedanken, Helena dauerhaft bei sich aufzunehmen?“

Ich antwortete: „Das ist eine sehr schwierige Frage. Zuerst weiß ich nicht, was besser ist. Wenn ich für sie eine Anlaufstation in der Not sein kann, so wie ein Kind vielleicht mal zur Oma rennt, wenn es zu Hause zu viel Theater gibt, bin ich sofort dabei. Wenn ich aber wüsste, dass ich Helena damit, dass sie bei uns wohnt, vor etwas Schlimmerem bewahren könnte, dann würde ich mir später ständig Vorwürfe machen, warum ich darüber nicht nachgedacht habe. Also denke ich demnächst darüber nach. Ich weiß noch nicht, ob wir das schaffen würden.“ – „Sie sollten auf jeden Fall darüber ernsthaft nachdenken. Und sich entscheiden. Dafür oder dagegen. Helena wird diese Frage in den nächsten Tagen stellen, und dann machen Sie vieles richtig, wenn Sie ihr eine klare Antwort geben können. Nicht, ob das klappt. Sondern ob Sie sich das grundsätzlich vorstellen können.“

„Würde ich, würden Marie und ich, würden wir überhaupt eine Chance haben, Helena dauerhaft zu uns zu nehmen?“ – „Eindeutig ja. Nicht so von heute auf morgen, Regelbewerbungen können auch schon mal ein ganzes Jahr bis zu einer Entscheidung benötigen, aber grundsätzlich ist das denkbar und in so konkreter Lage mitunter auch recht schnell. Wenn sich ein organisierter Weg findet, wie Sie ein plötzliches Kind in Ihre Lebensplanung eingliedern, Sie Kurse besuchen, in denen man Ihnen die Erziehungsfähigkeit bescheinigt, Sie sich umfangreich bewerben und darin Ihre Ideen, Ziele und Möglichkeiten überprüfbar ausführen, vielleicht noch ein Backup haben, falls Sie mal die Nase voll haben, mit ergänzenden Hilfen so über die Runden kommen, dass Helena alle Betreuung bekommt, die sie braucht, Ihre eigene Behinderung nicht im Wege steht, dann sind die Chancen durchaus gut. Sie haben einen Joker in der Tasche: Sie haben nach einem Wochenende eine tiefere Bindung zu dem Mädchen aufgebaut als viele Pflegeeltern es über Jahre schaffen. Sie können es sich ja mal überlegen und mit Ihrer Familie und der Marie besprechen.“

Das werden wir tun. Erstmal habe ich mich an meinen Chef gewandt und ihn gebeten, mich für vier Wochen unbezahlt freizustellen. Für den ersten Moment guckte er mich an, als sei ich nicht zu retten, und fragte: „Da muss aber ein großer Notfall vorliegen. Ich hoffe, es ist niemand gestorben.“ – „Meine Mitbewohnerin und ich haben ein zwölfjähriges Kind vorübergehend bei uns aufgenommen, das schnellstens von seinen prügelnden Pflegeeltern weg musste und für das es keinen anderen Platz gibt. Es muss medizinisch betreut werden. Diabetes Typ 1.“ – „Kann ich dazu etwas Schriftliches bekommen?“ – „Ich kann versuchen, vom Jugendamt etwas zu organisieren.“ – „Das bräuchte ich. Vier Wochen? Schweren Herzens. Und bitte keinen Tag länger.“

Nein. Keinen Tag länger. Aber wenn ich eine Chance haben soll, dieses Chaos zu ordnen, dann geht das nicht im Schichtdienst. Und hier muss erstmal Ordnung rein. Dringend.

Uff.

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Ich habe es befürchtet. Ich hatte es im Gefühl. Und nicht nur ich, sondern auch Marie. Helena, die seit gestern abend bei uns ist, bekommt nicht nur kein Eis oder wird von den mit ihr im Haushalt lebenden leiblichen Kindern ihrer Pflegeeltern ausgegrenzt, sondern ich kann (und muss) hier davon ausgehen, dass ihre persönliche Entwicklung innerhalb dieser Pflegefamilie erheblich beeinträchtigt ist.

Daraus ergibt sich ein großer Konflikt, und das meinte ich in meinem letzten Beitrag, als ich befürchtet hatte, Helena mit meinem (unserem) Angebot, hin und wieder mal ein Wochenende „raus“ zu kommen, einen Bärendienst zu erweisen: Ich bin aus beruflichen Gründen zur Anzeige verpflichtet. Mit allen Konsequenzen: Hat sie mich, was ich nicht glaube, angelogen und mir gleich am ersten Abend großen Mist erzählt, gibt es wohl kaum noch eine Basis für ein künftiges Miteinander. Stimmt es, was sie erzählt hat, und daran habe ich keine Zweifel, wird das Jugendamt sie nicht mehr zu den Pflegeeltern zurück lassen. Behalte ich für mich, was ich weiß, gebe ich Helena in Gefahr, mich wird mein Gewissen auffressen und ich verliere unter Garantie meine Approbation.

Glücklicherweise habe ich ihr nicht versprochen, niemandem von dem zu erzählen, was sie mir erzählt hat. Sonst hätte ich jetzt nicht nur ein Glaubwürdigkeitsproblem, sondern auch noch einen ernsthaften Loyalitätskonflikt. Vielleicht wünscht Helena sich hintergründig sogar, dass sich etwas verändert, und weiß nicht, wie sie es anstellen kann. Sie saß mit mir und Marie auf dem Sofa. Sie ist extrem kuschelbedürftig. Sie hat mir von sich aus unter anderem von einem Gewaltausbruch der Mutter erzählt, die an einer Küchenschublade stand und insgesamt drei Brotmesser (also jene, mit denen man sich ein Brot bestreicht) gezielt nach ihr geworfen haben soll. Als Reaktion darauf, dass Helena ihr frech ins Gesicht gelogen haben will. Weil Helena schnell weglief und die Tür hinter sich zuwarf, sei sie nicht getroffen worden. Der Vorfall soll vier Monate her sein.

Angeblich habe Helena irgendeine Hausaufgabe für die Schule falsch oder gar nicht erledigt und in der Folge vom Lehrer eine weitere Aufgabe bekommen, die sie am nächsten Tag zu Hause erledigen sollte. Also sinngemäß: „Aufgabe 1 und 2 solltest du zu heute anfertigen, das hast du von deiner Banknachbarin abgeschrieben, also machst du zu morgen die Aufgaben 3 und 4 zusätzlich.“ – Über die Mutter einer Mitschülerin (die im Gegensatz zu Helena offenbar alles zu Hause erzählt) habe Helenas Pflegemutter beim Einkaufen davon Wind bekommen, Helena zu Hause mit dem Sachverhalt konfrontiert, und als Helena abgestritten habe, eine „Strafarbeit“ aufgebrummt bekommen zu haben, habe die Pflegemutter sich derart über die wiederholte Lügerei von Helena echauffiert, dass sie zusätzlich zu ihrem Gebrüll auch noch Brotmesser in ihre Richtung geworfen habe. Über Strafarbeiten kann man sicherlich schon unterschiedlich denken, aber wieso bekommen solche Menschen ein Kind zur Erziehung anvertraut?!

„Hast du jemals jemandem davon erzählt?“, wollte ich wissen. Helena antwortete: „Wenn ich das Frau [vom Jugendamt] erzählt hätte, hätte sie mich gleich in eine Wohneinrichtung gesteckt. Dann wäre ich vom Regen in die Traufe gekommen, denn da geht richtig die Post ab. Da will ich auf keinen Fall hin.“ – „Und in der Schule, niemandem davon erzählt? Einer Vertrauenslehrerin?“ – Sie schüttelte den Kopf. Ich fragte weiter: „Kannst du beweisen, dass deine Pflegemutter mit Messern geworfen hat?“ – „Ja. Ich hab Fotos gemacht, als ich alleine war, von den Kerben in der Wand neben der Tür. Die sind auch noch nicht repariert.“ – „Was hat denn dein Pflegevater dazu gesagt, hat er das mitbekommen?“ – „Natürlich, das war ja ein Höllenlärm. Er hat mich gefragt, ob es mir gut geht und gesagt, dass seine Frau manchmal einen kleinen Knall hat, ich soll mir nicht zu viele Gedanken machen, das renkt sich schon wieder ein. Dann haben sie sich gestritten und er hat eine Kaffeekanne gegen die Wand geworfen.“ – „Wo waren deren Kinder, als dieses Theater war?“ – „Im Wohnzimmer. [Die ältere] hat zu mir gesagt: ‚Was hast du nun schon wieder angestellt? Du machst unsere ganze Familie kaputt. Wir hassen dich.'“

„Ist er auch gewalttätig?“ – „Er hat mir mal mit einem Kleiderbügel auf den Po gehauen.“ – „Mit einem Kleiderbügel?“ – „Ja, so einen aus Plastik, der ist dabei zerbrochen und dann hat er mit der Hand weitergemacht. Er hat sich aber hinterher bei mir entschuldigt und mir 100 Euro Schmerzensgeld gegeben. Die habe ich aber nie ausgegeben, die liegen noch immer [in einem Versteck]. Die gebe ich auch nicht aus.“ – „Hat er das nochmal gemacht?“ – „Nein, aber ich bekomme von meiner Pflegemutter manchmal eine Ohrfeige. Aber das ist nicht so schlimm wie das mit dem Kleiderbügel. Das tat schon sehr weh.“

Ich kenne Helenas Vergangenheit nicht. Ich weiß nicht, was sie schon so alles „auf dem Kerbholz“ hat. Konnte ich ausschließen, dass das, was sie mir hier erzählte, nur eine weitere Lügengeschichte einer Zwölfjährigen ist? Es gibt tatsächlich Kinder, die sich haarsträubende Geschichten ausdenken (und dabei nicht überblicken, dass das Konstrukt schon bei nächster Gelegenheit einstürzt). Teilweise sind nicht einmal Motivationen dafür erkennbar. Auf logischer Ebene nicht. Auf emotionaler schon. Chronisches Lügen ist behandlungsbedürftig. Ich fragte sie direkt: „Warum lügst du?“ – Ihre Antwort passte zunächst zur chronischen Lügerei: „Ich lüge nicht! Das ist die Wahrheit!“

Marie sagte: „Jule hat nicht gemeint, dass du jetzt lügst. Sondern sie wollte wissen, warum du deine Pflegemutter anlügst. Zum Beispiel als das mit den Messern war.“ – „Achso. Okay, pass auf, ich erkläre es dir, Jule. Darf ich dir vorher eine Gegenfrage stellen? Oder zwei?“ – „Klar.“ – „Hast du schonmal gelogen?“ – „Ja.“ – „Okay. Und hast du früher in der Schule mal heimlich die Hausaufgaben von jemandem abgeschrieben?“ – „Sicher. Mehr als einmal.“ – „Ist das schlimm?“ – „‚Schlimm‘ würde ich es nicht nennen, es ist blöd, weil man davon nicht so viel lernt als wenn man es selbst im Kopf herleitet und überlegt.“ – „Was würdest du mit deiner Tochter machen, wenn sie 12 ist und dir erzählt, dass sie Hausaufgaben abgeschrieben hat?“ – „Machen? Gar nichts. Ich wünsche mir, dass wir darüber plaudern könnten. Ich würde ihr erzählen, wie das bei mir früher war. Und ich würde versuchen, eine Lösung zu finden, dass sie künftig ihre Hausaufgaben macht. Warum hast du sie denn nicht gemacht?“ – „In dem Fall hatte ich das einfach vergessen. Und erst am Morgen gedacht: Scheiße, wo krieg ich das jetzt noch schnell her? Aber manchmal hab ich auch einfach keinen Bock. Bei dir kann ich das auch zugeben. Oder bei Marie. Bei meiner Pflegemutter kann ich das nicht. Sie würde gleich ausrasten. Da lüge ich dann, weil ich keinen Bock auf Ausraster habe. Und auf Strafen.“ – „Aber wenn das dann später rauskommt, ist das dann nicht viel schlimmer, weil du zusätzlich gelogen hast?“ – „Nein. Jede Chance, dass was nicht rauskommt, ist es wert, zu lügen.“

Sie fragte Marie: „Hast du deine Eltern früher angelogen?“ – „Eigentlich nicht. Mit meiner Mama konnte ich über alles reden und mit meinem Papa eigentlich auch.“ – „Das muss so schön sein. Einfach mal was falsch gemacht haben und dann eine zweite Chance bekommen ohne Strafe oder dass dich jemand lächerlich macht.“ – „Machst du oft etwas falsch?“ – „Ich versuche, immer alles richtig zu machen. Aber das ist sehr anstrengend und manchmal gelingt es mir einfach nicht. Manchmal möchte ich auch einfach nur etwas ausprobieren.“ – „Was zum Beispiel?“ – „Tanzen. Nicht gleich Tanzsport. Sondern ich habe mir im Internet ein paar Moves zu einem Song angeschaut. Und habe die bei mir im Zimmer nachgemacht. Mein Pflegevater kam rein und sagte, ich bewege mich wie ein Epileptiker beim Krampfanfall.“ – „Sollte das witzig sein?“ – „Nein, er hat mir später sogar verboten, damit weiterzumachen. Ich sollte die Musik abstellen, die nervt, und mir ein vernünftiges Hobby suchen. Ich gebe zu, die Musik war etwas lauter.“

Eigentlich müsste ich sie morgen abend zurück zu ihren Pflegeeltern bringen. Und Montag morgen arbeiten. Ich bekomme Montag morgen frei, das habe ich eben klären können. Bleibt nur zu hoffen, dass die Pflegeeltern keinen Aufstand proben, wenn ich sie nachher anrufe und mit wenigen Worten sage, dass wir Helena erst am Montagmorgen zurückbringen. Denn Montagmorgen werde ich zunächst dem Jugendamt anbieten, dass sie bis auf Weiteres hier bleibt. Ich weiß noch nicht, wie ich das leisten kann, schließlich kann ich mir nicht gleich in der ersten vollen Arbeitswoche frei nehmen, aber mir fällt schon etwas ein. Natürlich sage ich den Pflegeeltern noch nichts davon. Und ich hoffe, Helena wird nun nicht von einer Jugendeinrichtung in die nächste verschoben.

Wir werden heute zum Badesee fahren und zu dritt einen tollen Tag verbringen. Wir werden heute abend zu Hause grillen und vorher gemeinsam Salate schnibbeln … ich freue mich. Jetzt erstmal gemeinsam frühstücken. Mir raucht der Kopf.

Nein.

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Nein. No. Nothing. Na. Nada. Nao. Ne. Nee. Nei. Nema. Net. Nic. Niente. Niets. Nihil. Nincs. Non. Nu. Ei. Hayir. Ingen, ingenting, intet. Kee. Rien ne va plus.

Verarschen kann ich mich alleine. Es hätte mir gleich komisch vorkommen müssen, wenn eine Klinik mich so umwirbt. Im Aufhebungsvertrag, den mein Anwalt mit meinem ersten und inzwischen ehemaligen Arbeitgeber ausgehandelt hat, legt die Klinik sehr viel Wert darauf, dass über die Gründe Stillschweigen bewahrt wird. Daher hat er mir empfohlen, nicht öffentlich zu schreiben, was genau mich bewegt hat, dort sofort alles hinzuschmeißen und mir einen neuen Job zu suchen.

Soviel kann ich aber sagen: Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Ich bin ja einiges gewohnt und auch (inzwischen) bestimmt nicht (mehr) auf die Klappe gefallen, aber am Arbeitsplatz möchte ich mich auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren und nicht die meiste Zeit damit verbringen müssen, innerbetriebliche Führungsprobleme auszubügeln.

Eigentlich wollte ich einen Monat frei machen, nun hatte ich nur wenige Tage frei und bin seit heute in einer anderen Klinik. So nah an meinem Wohnort, dass ich pendeln kann. Pädiatrie, also Kinderheilkunde. Stationsalltag, Schichtdienst, auch nachts. 200 Euro monatlich mehr, aber das war gewiss nicht der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe. Hier ist wesentlich mehr Stress, dafür aber freundliche Kolleginnen und Kollegen. Zumindest dem ersten Eindruck nach. Das Haus ist wesentlich moderner ausgestattet, dafür sind aber auch viele Abläufe übermäßig strukturiert und es herrscht eine viel größere Anonymität.

Acht Ärzte teilen sich einen PC, im Ruheraum stehen zwei Betten, der Kühlschrank für Personal-Getränke wurde aus dem Aufenthaltsraum verbannt, weil er irgendwelche betrieblichen Normen nicht erfüllt und in meinem schnurlosen Telefon ist permanent der Akku leer. Dafür bekomme ich meine Klamotten wieder gestellt, ich muss erfreulicherweise keinen Kittel tragen, sondern nur Hemd und Hose. Leider keine weißen Jeans, sondern dunkelblaue Einheits-Baumwoll-Hosen, die entweder unten zu kurz oder oben zu weit sind.

Richtig spektakulär war am ersten Tag nichts. Meine Chefin wollte mir zuschauen, wie ich einem Kleinkind einen Venenzugang lege. Lief anschließend rund zwei Stunden, immer wieder telefonierend, hinter mir her. Sie war begeistert, als ich beim routinemäßigen Abhören einer Fünfjährigen einen Herzfehler im Stethoskop gehört habe und erwähnte das auch gleich, als der Chefarzt sich nach mir erkundigte. Er tauchte plötzlich auf, winkte meine Chefin nach draußen, ich konnte es aber trotzdem hören: „Wie macht sie sich?“ – „Gut bislang. Sehr gut sogar, würde ich sagen. Hat Ohren wie ein Luchs und hört eine klickende Herzklappe drei Meilen gegen den Wind.“

Er kam herein, steuerte direkt auf mich zu, nahm meine rechte Hand in seine beiden Hände und sagte betont freundlich und fröhlich: „Aaaaach, die neue Kollegin, schon mit ersten Erfolgen, hab ich gehört. Ich bin …, wir hatten noch nicht das Vergnügen. Weiter so, ja?! Und falls Sie irgendwelche Fragen haben oder auch Probleme, ich stehe Ihnen selbstverständlich immer zur Verfügung.“

Ich bedankte mich artig. Knicks ging nicht. Er nickte und verschwand genauso schnell wie er gekommen war.

Als ich Marie, die jetzt im letzten Drittel ihres Praktischen Jahres ist, von meinem ersten Tag erzählte, meinte sie: „Klingt doch erstmal ganz gut. Vielleicht finde ich dort ab Januar 2019 ja auch eine Stelle.“ Ich glaube, die Chancen sind wohl gut.

Super klasse

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Es war mal wieder so ein Erlebnis, das nur einer Stinkesocke passieren kann. Es ist inzwischen schon so, dass meine Leute mich regelmäßig fragen: „Wieso passieren dir ständig Dinge, die anderen Menschen einmal im Leben passieren?“ – Ich weiß, ein Faktor ist mein beim Unfall erworbener Idiotenmagnet. Aber da muss mindestens noch ein zweiter Faktor sein. Ich bin noch nicht ganz dahinter gekommen.

Zu meinem Job gehören auch Nachtdienste. Im Studium konnte ich mich einigermaßen davor drücken, das ist nun vorbei. Nun ist es zum Glück so, dass nachts nur ein einziger Bereitschafts-Arzt für die Klinik vorgesehen ist. Das heißt: Nur, wenn es mal einen Notfall gibt, muss man ran, ansonsten kann man schlafen. Man darf sogar nach Hause, wenn man die Klinik innerhalb von zehn Minuten erreicht. Sofern es sich um einen psychiatrischen Notfall handelt und man kein Psychiater ist, muss man die diensthabende Oberärztin oder den Oberarzt zu Hause aus dem Bett klingeln.

Ich wurde umfangreich ins Bild gesetzt vor meinem ersten Nachtdienst. Ein wenig Bammel hatte ich ja schon, zum allerersten Mal ganz alleine für etwas verantwortlich zu sein, ohne jemanden fragen zu können. Aber was sollte schon großartig passieren bei 60 schlafenden Kindern und Jugendlichen? Die beiden pflegerischen Nachtwachen sagten: „Gehen Sie schlafen. Wenn was ist, rufen wir Sie an. Meistens ist es die Frage, ob wir was gegen Durchfall oder Erbrechen geben dürfen. Das kommt alle paar Wochen mal vor. Richtige Notfälle gibt es hier eigentlich nicht.“

Also machte ich mich auf den Weg nach Hause, legte das Notdienst-Handy neben mein Bett und schlief schon bald ein. Allerdings habe ich mich nicht umgezogen, sondern meine Arbeitsklamotten angelassen und mir nur eine Wolldecke übergeworfen. Falls es doch mal schnell gehen muss. Meine Wohnung ist mit dem Auto genau 2,8 km von der Klinik entfernt, tagsüber würde man es mit dem Auto in 6 bis 7 Minuten schaffen, nachts natürlich etwas schneller. Mit Ein- und Ausladen des Rollstuhls also unter zehn Minuten. Check.

Und, wie sollte es anders sein, es ist 3 Uhr und 9 Minuten in der Nacht, als das Telefon bimmelt. Die Pflegekraft meldet mir ein zwölfjähriges Mädchen mit akutem Asthma-Anfall, der trotz des bereits zwei Mal innerhalb von drei Minuten inhalierten Spray nicht weg geht. Patientin ist ansprechbar, aber ängstlich und zittrig. Gesicht ist blass, aber nicht blau. Pfeifendes Atemgeräusch. Asthma ist bereits bekannt.

Atemlos in der Nacht. Das hat gerade noch gefehlt. Also Socke raus aus dem Bett, rein in den Rollstuhl, raus aus der Wohnung, scheiße ist das kalt. Auto ist zum Glück nicht zugeparkt oder geklaut, die Scheiben sind außen nass von der Luftfeuchtigkeit. Die Zentralverriegelung blinkt, Licht geht an. Niemand ist unterwegs, die Straßenlaternen leuchten. Wann bin ich zuletzt um diese Zeit durch die Gegend gefahren? Rein ins Auto, Rollstuhl verladen, Tür zu, Auto an, Scheiben wischen, Sitzheizung an (bibber), Abfahrt. Ich muss durch meine Wohnstraße und anschließend darf man nur links abbiegen und muss durch das ganze Wohngebiet, um auf die Hauptstraße zu kommen. Diese Regelung hat man geschaffen, damit die Wohnstraße bei überfüllter Hauptstraße nicht als Schleichweg genommen wird. Aber nachts um kurz nach drei Uhr? Leck mich.

Rechts abbiegen, die gesperrten fünf Meter vorsichtig vortasten, natürlich sind dort keine Vorfahrt-Schilder, weil man da ja eigentlich nicht so herum durchfahren darf, also lass ich die zwei Autos durch, die um diese Zeit hier herumfahren. Ein Lieferwagen, ein Taxi. Das nächste Auto ist weit genug entfernt. Also los. Ich bin auf der Hauptstraße, habe mindestens zwei Minuten gespart. Nun an der zum Glück abgeschalteten Ampel rechts in eine Seitenstraße abbiegen. Einen langgezogenen Berg hoch. Schneller als 50 kann man hier nicht fahren, dafür ist die Straße zu eng. Oben müsste ich links und gleich wieder rechts, dann weiter geradeaus. Und nach einer weiteren Kreuzung wäre da schon die Klinik. Aber bis zum „links und gleich wieder rechts“ komme ich nicht. Hinter mir kommt jemand, der es scheinbar noch eiliger hat. Es ist das Auto, was eben noch in weiter Entfernung war. Und bevor ich ein zweites Mal in den Rückspiegel schaue, blinkt mich dessen Fahrer drei, vier Mal per Lichthupe an. Hatte er es noch eiliger als ich? Ich gucke in den Rückspiegel, und wie könnte es anders sein? Dort spiegelt sich in roten Lettern: „STOP Polizei.“

War klar. Einmal bin ich in so einer Situation. Einmal biege ich falsch herum ab. Ein einziges Mal. Und zack, haben sie mich am Haken. Wie oft sehe ich Leute, die bei Rot über Ampeln donnern oder mich mit 100 überholen, obwohl nur 50 erlaubt sind? Da passiert gefühlt nie was. Aber bei mir wieder. Ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, ob es schlau ist, was zu sagen. Aber ich denke mir: Es gibt keine bessere Ausrede.

Die beiden Herren kommen mit Taschenlampen links und rechts an mein Auto. Ich öffne das Fenster. „Guten Morgen, eine Verkehrskontrolle. Bitte stellen Sie den Motor ab und schalten Sie die Innenbeleuchtung an.“ – Ich denke mir so: Mach erstmal das, was er sagt. Bevor das eskaliert. „Ich hätte gerne von Ihnen Fahrzeugschein, Führerschein und Pesonalausweis, bitte.“ – „Nee, das ist jetzt wirklich schlecht, ich bin unterwegs zu einem medizinischen Notfall. Kann ich später zu Ihnen auf die Wache kommen?“ – „Wer hat einen medizinischen Notfall? Sie?“ – „Ich habe Rufbereitschaft in der …-Klinik und dort liegt ein Kind mit akuter Atemnot.“ – „Jetzt aktuell?“ – „Ja.“ – „Und in welcher Funktion sind Sie dort?“ – Ich nenne ihm meine Funktion. Er fragt: „Ist das lebensbedrohlich?“ – „Das kann schon lebensbedrohlich werden, ja.“ – „Dann begleiten wir Sie und machen alles weitere dort. Sie fahren vorweg. Sollten Sie versuchen zu flitzen, bekommen Sie ein ernsthaftes Problem.“

Ich fahre weiter. Verfahre mich in der Aufregung fast noch. Direkt vor die Klinik. Chefarztparkplatz ist frei und die Chefärztin kommt sowieso jetzt nicht. Zack, Auto aus, Tür auf, Rollstuhl ausladen, umsetzen, Auto zu, abschließen, Rollstuhlrampe hoch. Tür ist zu. Passt mein Schlüssel auch an der Eingangstür? Das hatte ich noch nie ausprobiert. Er passt. Die beiden Polizisten fragen, ob sie kurz mit rein kommen dürfen. Ich lasse sie mit rein. In einem Behandlungszimmer am Ende des Ganges brennt Licht und die Tür steht offen. Das fällt sofort auf, weil sonst nur die Nachtbeleuchtung im Flur brennt. Die beiden Polizisten kommen hinter mir her. „Sie sind ganz schön flott unterwegs“, meint der eine. Klar, ist ja auch ein Notfall, denke ich mir grinsend.

Ich komme um die Ecke. Das Mädchen sitzt angelehnt auf einer Untersuchungsbank, ist mit einer Wolldecke halb zugedeckt, hat bereits ein Pulsoxymeter am Finger, Sauerstoff unter der Nase und einen Venenzugang gelegt bekommen. Ihre Lippen sind leicht bläulich, Sauerstoffsättigung 82%, Puls 135. Das pfeifende Atemgeräusch beim Ausatmen höre ich schon an der Zimmertür. Kalter Schweiß auf der Stirn. Ich frage das Mädchen, wann das los gegangen ist. Um sechs Wörter zu sprechen, muss sie drei Mal atmen. Sie fängt zu husten an. Ich kann ein Atemgeräusch in der Lunge hören. Das Asthmaspray war unter Aufsicht der Pflegekraft zwei Mal korrekt inhaliert worden.

Bekomme ich die Richtlinien im Kopf abgerufen? Milligramm wie Körpergewicht. Oder? Doch, nicht nervös werden. Ich entscheide mich für 40 mg Prednisolon als einmalige Dosis. Salbutamol hat keine Wirkung gezeigt, also keine weiteren Experimente, sondern Theophyllin intravenös als Bolus über 20 Minuten. Die Infusion hängt dran. Ich möchte das Kind gerne in eine Akutklinik verlegen lassen und klingel meine Oberärztin aus dem Bett. „Nee, wenn das besser wird, bleibt sie bei uns am Pulsoxymeter. Sie ist psychisch nicht stabil genug, um sie in ein fremdes Krankenhaus zu verlegen. Und die Eltern sind da keine Hilfe.“

Okay. Nicht meine Entscheidung, nicht meine Verantwortung. Ich dokumentiere das, beruhige das Mädchen, spreche mit ihr, dass es gleich besser wird. Fünf Minuten später kommt ihre Gesichtsfarbe wieder, der Sauerstoffwert steigt und steigt und steigt und erreicht innerhalb von zehn Minuten die magische 90%-Marke. Nach fünfzehn Minuten wackelt der Wert zwischen 95 und 96 Prozent hin und her. Schluss mit Theophyllin. Das EKG malt wunderhübsche Kurven. Das Atemgeräusch ist deutlich besser, das Mädchen hustet jede Menge Schleim ab. Tränen kullern über ihr Gesicht.

Wo sind eigentlich die Polizisten? Weg! Haben sich leise aus dem Staub gemacht. Wollten wohl nur gucken, ob das eine doofe Ausrede war. Ich schreibe und dokumentiere. Das Mädchen weint. Hat in die Hose gepinkelt. Sieht insgesamt erleichtert aus. „Darf ich Sie mal in den Arm nehmen?“, fragt sie mich. Ich streiche ihr über die Wange, sie drückt meine Hand mit ihren beiden Händen an sich.

Nach einer Stunde darf sie wieder in ihr Bett. Sie soll das Pulsoxymeter dran lassen. Meine Nacht ist vorbei. Als ich 20 Minuten später nach ihr schaue, schläft sie. Sauerstoffsättigung 97%. Als wäre nichts gewesen. Der Rest der Nacht verläuft ohne weitere Probleme. Heute morgen kommt die Oberärztin zu mir ins Stationszimmer und sagt: „Sehen Sie, ging auch ohne Verlegung. Und fahren Sie Ihr Auto vom Chefarztparkplatz, bevor es Ärger gibt.“

Und das Mädchen? Wurde heute im Rahmen einer Konsiluntersuchung einem Lungenfacharzt in der Kinderklinik vorgestellt. Kam zurück: Therapie weiter wie bisher. Kein Wort über die letzte Nacht, außer eine Kenntnisnahme. Okay?! Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass ich kein Feedback bekomme. Und dass das heißt: Alles richtig gemacht. Ansonsten würde wohl jemand meckern.

Kurz vor Feierabend spricht mich eine Dreizehnjährige auf dem Flur an: „Haben Sie … heute nacht behandelt?“ – „Erzählt sie das?“ – „Ja. Sie hat mir erzählt, dass sie ganz schwer Atemnot hatte, und froh war, als endlich ein Arzt gerufen wurde. Und dann kamen Sie um die Ecke, und sie dachte, Sie können das bestimmt noch nicht richtig, weil Sie noch ganz neu und sehr jung sind. Aber dann konnten Sie ihr sehr gut helfen und jetzt findet Sie sie super klasse.“