Nicht der Richtige

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Er ist nicht der Richtige. Das muss ich leider so zusammenfassen und der Kennenlernphase ein Ende setzen. Wenn es jemand über zwei Monate nicht über sein Herz bringt, sich klar zu positionieren, ist das zwar ein gangbarer Weg, aber keiner, den ich mitgehen möchte. Es ist gar nicht so sehr das Verhältnis zu seiner Mutter, das ausschlaggebend war, sondern der dahinter stehende Ansatz, Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Klar, es kann mitunter sehr reizvoll sein, einen eher zurückhaltenden bis devoten Partner zu haben. Was mich aber nervt, ist, wenn die Unterwürfigkeit so weit geht, dass die eigene Meinung selbst bei den wichtigsten Entscheidungen nicht mehr erkennbar wird.

Ich kann ja verstehen, dass jemand mit seiner Mutter nicht über alles reden möchte. Auch dann, wenn man (noch) bei seiner Mutter wohnt. Aber ich erwarte von jedem Menschen, der älter als 14 ist, dass er sich einen Umgang aneignet, mit dem sowohl Mutter als auch Sohn leben können. Wenn ein Sohn seine Autonomie völlig aufgibt, um jedem Problem vor seiner Entstehung bereits aus dem Weg gegangen zu sein, ist es für die außerfamiliäre Umwelt einfach zu schwierig, einen adäquaten Zugang zu diesem Mutter-Sohn-System zu bekommen.

Seine abschließende Reaktion, es sei nicht so schlimm, er könne damit leben, wenn wir hin und wieder mal gemeinsam ein Schnitzel essen würden, mag einen großen Schmerz überspielt haben, mag aber auch von der auf mich befremdlich wirkenden Gleichgültigkeit durchsetzt sein. Ich hätte mir eben schon etwas vorstellen können, nur hat es leider – mal wieder – nicht gepasst. Schwierig das.

Zu schwach

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Ich glaube, die Chirurgie und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Mein aktueller Anleiter findet, Chirurgie sei ein Knochenjob, und Menschen, die körperlich bereits nicht voll fit sind, seien zu schwach dafür und hätten dort nichts zu suchen. Dabei will ich nur mein Praktikum durchziehen, das verpflichtend im klinischen Teil des Studiums ist (und in späteren Abschnitten werde ich noch weitere Pflichtteile in der Chirurgie haben), meine Scheine bekommen und mich dann so schnell wie möglich wieder anderen Bereichen widmen. Ich werde vermutlich auch später keine Facharztausbildung in der Chirurgie anstreben. Aber die Pflicht-Inhalte traue ich mir schon zu, und die haben vor mir auch andere Menschen, die im Rollstuhl sitzen, geschafft. Insofern ist diese Diskussion überflüssig – ich mache die Vorgaben für das Studium nicht. Vielmehr versuche ich, sie bestmöglich zu erfüllen, und dann finde ich solche Belehrungen einfach überflüssig.

Zum Glück gibt es noch andere Menschen, die das völlig anders sehen, und von mir begeistert sind. Ein „Kollege“ im Praktischen Jahr redet mir regelmäßig Mut zu und stand mir zur Seite, als mein Anleiter mich da so angeblubbert hat. Einen Anlass hat es übrigens für die Blubberei nicht gegeben. Zumindest keinen leistungsbezogenen. Vielleicht ist er mit dem falschen Bein aufgestanden. Ich weiß es nicht. Der Kommentar kam völlig aus heiterem Himmel.

Und so blöde, wie der Tag begann, ging er weiter. Jörn ist krank, wie ich beim Schwimmen erfahren habe. Ich hatte mich schon gewundert, warum er auf meine Nachrichten nicht antwortet. Ein fiebriger Infekt habe ihn darnieder gerafft. Wäre es nicht so kompliziert mit seinen Eltern, würde ich ja mal einen Hausbesuch wagen und ein wenig Medizin, sprich ein paar Süßigkeiten, Tee, ein Buch oder eine Zeitschrift, mitnehmen. Aber wer weiß, was dann passiert, welche Probleme er bekommt oder welche Probleme ich bekomme. Also warte ich ab. Und freue mich darüber, dass er mich bei seiner Massage und vor allem zuvor im Schwimmbad offensichtlich nicht angesteckt hat!

Massage

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Der Wechsel meiner Praktikumsstelle bringt ungeahnte Vorteile: Ich kann endlich wieder meine heiß begehrte Schwimmtrainingszeit nutzen, die in den letzten Wochen immer mit anderen (Uni-) Terminen kollidiert ist. Und hatte ich erwähnt, dass ich einen meiner Trainings-Badeanzüge bei 60 Grad mitgewaschen habe? Ja, das kommt dabei heraus, wenn man ihn in ein Handtuch einwickelt und dieses Handtuch noch eben schnell mit in die Maschine wirft. Alle Befürchtungen, er würde jetzt allenfalls noch Nachbartochters Modepuppe passen, waren unnötig: Er ist noch genauso groß wie vorher. Wer hätte das gedacht?

Das mit dem Mitwaschen kann ja mal passieren, kritisch finde ich es allerdings, wenn ich statt Unterwäsche (für später) einen zweiten Badeanzug einpacke und die Handtücher ganz vergesse. Irgendwie bin ich gerade ein wenig durch den Wind. Neulich lag mein Autoschlüssel im Kühlschrank, dafür lag eine Tomate neben der Garderobe im Flur. Und die Geschichte von der Multivitamintablette ist nur deshalb erwähnenswert, weil ich sie statt in Wasser in Fruchtsaft aufgelöst und mich beim Trinken gewundert habe, warum das so eklig schmeckt. Dass ich eine höhere Dosierung meiner Blasen-Medikamente nicht vertrage, war mir schon lange bekannt. Auch ein neuer Versuch mit einem moderneren Präparat darf als fehlgeschlagen bezeichnet werden, nachdem ich nur noch verplant durch die Gegend gerollt bin. Nein, die bisherige Dosierung und das altbewährte Medikament bleiben nach wie vor der beste Kompromiss. Das neue Präparat ist abgesetzt. Jetzt kann ich auch wieder in ganzen Sätzen schreiben, was bei Bloggerinnen eindeutige Vorteile mit sich bringt.

Zurück zum Schwimmen: Jörn war nicht zu sehen, Marie und ich waren gleichermaßen enttäuscht, hatten wir ihm doch vorher noch geschrieben, dass wir uns freuen, ihn endlich wieder zu treffen. Wir zogen unser Trainingsprogramm durch, und als ich fertig war und gerade aus dem Wasser klettern wollte, greift mir doch jemand von hinten unter meinen Schultern hindurch, presst sich an meinen Rücken und verschränkt seine Arme vor meiner Brust. Ich habe mich gehörig erschrocken und wusste für einen Moment lang nicht, ob das Jörn sein könnte oder irgendein Spinner, vielleicht sogar einer, der mir beim Verlassen des Beckens helfen wollte. Ich gehöre eher nicht zu denjenigen Mädchen, die kreischen, aber in dem Augenblick musste ich es mir wirklich arg verkneifen. Nun biss mir auch noch jemand mittig knapp oberhalb der Schulterblätter in den Nacken. Zwar eher grob als zärtlich, dennoch eher zärtlich als brutal. Wäre ich irgendwie darauf vorbereitet, hätte ich es genießen können, so wollte ich zunächst wissen, wer da dieses Spiel mit mir spielte.

Ich holte tief Luft, tauchte unter, stieß mich unten mit den Armen kräftig vom Beckenrand weg und rutschte so aus der Umklammerung. Ich tauchte hinter Jörn wieder auf, der sich inzwischen umgedreht hatte und mich angrinste. „Kannst du mich mal vorwarnen? Ich hätte dir fast eine reingehauen! Für einen Moment lang dachte ich, das wäre irgendein Spinner, der mir aus dem Wasser helfen will!“

„Ich dachte, du freust dich“, erwiderte Jörn. Ich sagte: „Ich freue mich, aber ich habe mich sehr erschrocken. Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe ständig nach dir gesucht!“ – „Ich bin eben erst reingekommen. Ich hatte vorher noch was zu erledigen und habe es nicht eher geschafft.“ – „Ich wollte eigentlich gerade aus dem Wasser.“ – „Eigentlich? Also schwimmst du noch eine Runde mit mir?“ – „Eine Runde ja, aber viel mehr nicht. Ich habe heute schon vier Kilometer abgerissen.“ – „Zwei Runden, ja? Und anschließend komme ich mit zu dir nach Hause und massiere deine ganzen Verspannungen weg, die du von den zwei Runden bekommen hast. Okay?“

Im Anschluss an das Schwimmtraining haben wir also zusammen gekocht, ich habe mir nach dem Essen von Jörn den Rücken massieren lassen … leider nur im Sitzen, dafür aber wenigstens oben ohne und mit Lotion. Fast 20 Minuten lang. Ich finde, er macht es gut. Er meinte, ich würde gut aussehen. Da oben. Auch. Ich fühle mich geschmeichelt. Sehr.

Anschließend musste er relativ bald wieder nach Hause. Marie, die, während Jörn und ich unsere Massagestunde hatten, sich in ihr Zimmer verkrümelt und für die Uni gelernt hatte, meinte, er solle sein Handy doch mal zu Hause vergessen. Dann könne seine Mutter nicht ständig hinter ihm her telefonieren. So langsam nervt es selbst mich, dass sie permanent wissen will, was gerade passiert. Hat sie kein eigenes Leben?

Affen und Stachelbären

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Dass er mittwochs seit einiger Zeit gerne abends bei uns an der Tür klingelt, ist kein Geheimnis mehr, auch wenn einige wenige Leserinnen und Leser das Thema gerne ausgespart hätten. Für die einen sind es zu viele Informationen, für die anderen zu wenig. So ist das Leben. Nur ist es so, dass ich in erster Linie für mich selbst schreibe. Was keineswegs heißt, dass ich mich nicht über meine (vielen) Leserinnen und Leser und ihre vielen ernst gemeinten Kommentare freue, ganz im Gegenteil: Ich freue mich! Was aber heißt, dass ich es in Bezug auf „Beitrags- und Gestaltungswünsche“ in meinem Blog handhabe wie ein Supermarkt: Bei Laktose-Intoleranz einfach mal die Milch links liegen lassen!

Jörn hielt mir demonstrativ einen Laborbefund entgegen, als ich die Tür öffnete. Drei Sekunden dachte ich, er wollte von mir eine Übersetzung irgendwelcher Zahlen, dann guckte ich in sein Gesicht und sah ein verschmitztes Grinsen. Jetzt begriff ich: Das Suchtest-Ergebnis auf HIV-Antikörper. Ich verzog keine Miene. Die Tür in einer Hand drehte ich mich halb um und rief: „Marie, kommst du mal bitte?“ – Marie kam angerollt. Noch bevor sie ihn sehen konnte, sagte ich: „Hier ist ein Mann vor der Tür, der möchte uns Blut verkaufen.“ – „Blut?“, fragte Marie mit großen Augen, guckte vorsichtig um die Ecke. Als sie Jörn sah, wie er mit seinem Zettel vor der Tür stand, sagte sie: „Aha?! Wir kaufen nichts an der Tür.“

Als ich die Tür wieder schließen wollte, stellte er einen Fuß in die Tür und sagte: „Ich bin ein hartnäckiger Vertreter.“ – Im gleichen Moment ging beim Nachbarn gegenüber die Tür auf. Bevor der jetzt denkt, das Theater sei echt, zog ich Jörn in die Wohnung und schloss die Tür, nahm ihm den Zettel aus der Hand und studierte das Ding aufmerksam. „Was? Wieso hast du Würmer?“ – Marie guckte mich schon wieder mit großen Augen an. Das wäre wohl der erste Befundbericht, bei dem das Labor nach HIV-Antikörpern gesucht und Würmer gefunden hat. Ich hielt ihr den Zettel hin und tippte mit meinem Zeigefinger auf eine beliebige Stelle des Papiers. Marie sagte entsetzt: „Igitt. Maden?“ – Ich schüttelte den Kopf: „Spulwürmer würde ich denken.“ – Jörn fragte völlig panisch: „Scheiße, woher hab ich die denn? Und was kann man da machen? Antibiotikum?“

Ich sagte: „Wesentlich einfacher. Du kommst jetzt jeden Mittwoch einmal zu uns und bringst einen Apfel und eine Banane mit.“ – „Und dann?“ – „Essen. Drei Wochen lang. Erst den Apfel, dann die Banane. Die Reihenfolge ist wichtig. Und in der vierten Woche bringst du einen Apfel und einen Hammer mit.“ – „Häh?“ – „Ja, da isst du den Apfel und dann warten wir einen Moment. Dann kommt der Wurm aus dem Mund und fragt nach der Banane und dann – zack! Einmal mit dem Hammer drüber.“ – „Oarr, ihr seid so doof.“

Stolze 25 Euro habe ihn der Test gekostet. Bei einer sozialen Einrichtung. Sein Hausarzt habe ihm den Tipp gegeben, das nicht bei ihm machen zu lassen, da er es sonst in die Krankenakte eintragen müsse und auch die Krankenkasse davon erfahre, dass ein Aidstest in Auftrag gegeben wurde. Das könne sich negativ auswirken, wenn beispielsweise eine Lebensversicherung abgeschlossen werden solle und die Versicherungsgesellschaft anfrage, ob chronische Krankheiten bestünden oder kürzlich ein HIV-Test in Auftrag gegeben wurde. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Wenn es stimmt, fände ich das sehr bedenklich.

Jörn sagte: „Woher bekommt man Spulwürmer?“ – Marie sagte: „Wenn du einen Affen knutschst. Affen haben hin und wieder Spulwürmer. Und Bären glaube ich auch.“ – „Gummibären auch?“, fragte Jörn. Ich erwiderte: „Und Waldbären. Und Brombären. Und Stachelbären.“

Marie blödelte weiter: „Apropos Gummibären: Jörn, kannst du dir Jule in einem hautengen Latex-Catsuit vorstellen?“ – Nachdem Marie genau weiß, wie genervt ich nach zahlreichen Anfragen einschlägiger Fetischisten bin, verwunderte nur Jörn meine Reaktion: „Wir prügeln uns gleich!“ – Jörn fragte: „Magst du sowas nicht?“ – „Nein!“, giftete ich zurück und Jörn zog den Kopf ein. Die Frage, worauf ich denn „stehe“, blieb mir glücklicherweise erspart.

Nachdem nun alle drei voneinander wissen, dass wir uns bei einem potentiellen Flüssigkeitsaustausch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit unerwünschten Viren gegenseitig infizieren würden, gingen wir direkt ins Bett in die Küche, um zusammen noch ein Brot zu essen. Also jeder eins. Auf meine Frage, ob Jörn zu Hause noch immer erzähle, dass er Regale aufbaue, bekam ich keine schlüssige Antwort. Ich sehe es schon kommen, dass eines Tages die Mutter vor unserer Tür steht und uns sowie die ganzen Regale kennenlernen möchte.

Es ist irgendwie lustig: Nachdem die ganzen „technischen“ Voraussetzungen geklärt sind, läuft nichts. Nach dem Abendessen haben wir uns in der Küche ein paar Fotos auf dem Laptop angeschaut, dann ist er wieder nach Hause gefahren, nachdem seine Mutter ihm mindestens fünf SMS geschrieben und gefragt hat, wie lange er noch unterwegs sei. Einerseits will ich ja durchaus mal ein wenig mehr von ihm, andererseits will ich auch nichts überstürzen. Und es muss vor allem passen. Richtiger Moment und so. Es bleibt spannend.