Spastische Attacke

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Die eine oder andere Veränderung gibt es immer in unserem Wohnprojekt. Bei insgesamt 21 Personen, die sich über drei Etagen verteilen, ist das aber auch kein Wunder. Zwei Zimmer wurden frei, nachdem die beiden Bewohnerinnen außerhalb Hamburgs eine Ausbildung beziehungsweise ein Studium beginnen und dadurch in ein Internat beziehungsweise in ein Studentenwohnheim ziehen. Zum 01.08. bekamen wir nach längerem Auswahlverfahren und Probewohnen einen neuen Bewohner und eine neue Bewohnerin dazu, er ist 23 und wegen einer vererbten Erkrankung ständig, also auch innerhalb der Wohnung, Rollstuhlfahrer, sie ist 16 und Spasti, fährt längere Strecken außerhalb des Hauses im Rollstuhl.

Die junge Frau kommt direkt aus einer psychiatrischen Klinik zu uns. Was sie auch jedem relativ rasch und offen erzählt und sich selbst als „Psychospaste, waschfest und lichtecht“ beschreibt. Ich finde sie süß, auch wenn ihr Lieblings-T-Shirt den Spruch „Ich bin nicht süß!“ trägt. Und wäre das Wort „keck“ noch nicht entdeckt oder erfunden worden, wäre dafür spätestens jetzt großer Bedarf. Ein kleiner Wirbelwind mit Sommersprossen im Gesicht, eine kleine Nase, kinnlange dunkle Haare und eine sehr schlanke Figur fallen beim ersten Hinsehen auf. Das Jugendamt wurde intensiv tätig, um uns davon zu überzeugen, sie auch in dem Alter und mit der Vorgeschichte bei uns aufzunehmen. Selbst der behandelnde Klinikpsychologe kam persönlich hier vorbei, da es ihm, wie er sagte, eine Herzensangelegenheit sei, dass sie eine vernünftige Wohnung und damit zur Ruhe finde. Ich glaube, die Worte sind eindeutig.

Unterschiedlicher können die beiden Neulinge nicht sein. Trotzdem feierten sie ihren Einstand gestern abend gemeinsam mit einem feudalen Nudelauflauf. Mit allen, die spontan Zeit hatten. Und während der junge Mann keinen externen Besuch bekam, nahmen die Eltern und die Großeltern der jungen Frau an dem Essen teil. Insbesondere die Großeltern wollten sich anschauen, wo ihre Enkelin künftig lebt, und da wir strikt gegen „Besichtigungen“ sind, schließlich wohnen wir hier nicht im Streichelzoo, haben wir das gemeinsame Essen zum Anlass genommen, sie gezielt einzuladen und uns dabei kennenzulernen.

Damit das niemand falsch versteht: Jeder darf hier Besuch empfangen, wann er will und wen er will. Aber dann in seinem Zimmer. Es gibt auch kein Problem damit, wenn der Besuch mitkommt in die Küche oder in den Gruppenraum, mit kocht oder mit fernsieht. Und wenn sich dabei jemand bekleckert, wird auch niemand meckern, wenn man kurzfristig die Jeans eines Besuchs durch die Waschmaschine schickt. Aber Führungen durch alle Etagen, gerade noch mit mehreren Peronen, mal eben alle Bewohnerinnen und Bewohner kennen lernen, an alle Zimmer anklopfen und reinschauen wollen, wie das öfter von Organisationen und interessierten Personen angefragt wird, lehnen wir kategorisch ab. Das würde jemand aus einem Mietshaus oder einer großen Mehrgenerationen-/Patchwork-WG auch nicht einfach so mit sich machen lassen wollen.

Der Nudelauflauf schmeckte mir recht gut, den Eltern unseres Neuzugangs hingegen überhaupt nicht. Die Mutter ließ nach dem ersten Bissen durchblicken, dass man „bisher immer genug Geld gehabt hat, um die einzelnen Komponenten einer Mahlzeit sauber zu trennen“, und der Vater fügte mit spitzer Zunge hinzu, dass der Kommentar seiner Gattin „möglicherweise unberücksichtigt gelassen hat, dass der Matsch zwischen den zerkochten Teigwaren auch das Produkt einer spastischen Attacke sein könnte, in der seiner Tochter alles in den Häcksler geraten sei, was in der Küche so herumlag.“ Das entschuldige zwar einiges, erkläre aber auch, wie die zwischen den Zähnen knirschenden Eierschalen in den Braten geraten seien.

Ich weiß zwar nicht, was im Vorfeld alles vorgefallen sein mag, damit man so wird. Aber vor unbeteiligten Menschen derart über seine eigene Tochter zu pesten, passt in ein Familienbild, das durch mindestens eine psychische Erkrankung und Entscheidungen der Jugendbehörde mitgezeichnet wurde. Unser Frischling fing zu heulen an und bat die Eltern, zu gehen, Sofie setzte ein eindeutiges Zeichen, rollte zur Tür, öffnete diese demonstrativ und sagte zu Marias Assistentin: „Könnten Sie den Herrschaften vielleicht ein Bündel rohe Karotten und eine Flasche Mineralwasser, sauber getrennt, mit auf ihren Weg nach draußen geben?“ – Worüber sich die Tochter plötzlich kiechernd amüsierte. Die Eltern gingen und ließen ihren dampfenden Auflauf und einen ratlosen Opa zurück, dessen zwei Hörgeräte anscheinend mehr auf einen direkten Dialog als auf eine größere Unterhaltung eingestellt waren, und der die mit zerknirschter Miene ebenfalls zurück gebliebene Oma mit gerunzelter Stirn fragte: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Woraufhin die Oma laut antwortete: „Das erzähle ich dir später, lass uns essen.“

Der Rest des Essens verlief ruhig und harmonisch. Anschließend schaute sich der Opa das Zimmer seiner Enkelin an und war wohl schwer begeistert. Er sprach auch mit Maria und bat sie, ob sie ihm auch ihr Zimmer zeigen könnte. Er erzählte, dass seine letzten Erinnerungen an Menschen, die ständig „untergebracht“ seien, ihn in die 1960er Jahre zurück führten, als ein selbstmordgefährdeter Bruder lange Zeit in einer geschlossener Einrichtung gelebt habe. Maria erklärte ihm, dass hier niemand „untergebracht“ sei, sondern alle Menschen hier freiwillig und aus persönlicher Überzeugung wohnen würden – und sich jederzeit auch eine eigene Wohnung suchen dürften und könnten. Sie seien halt nur von Pflege oder Assistenz abhängig. Beides lasse sich besser im großen Rahmen organisieren als für eine einzelne Person – wenngleich hier jeder seine Hilfen für sich selbst organisiere und Leute wie beispielsweise die Stinkesocke allenfalls hauswirtschaftliche Hilfen (Getränkekiste tragen, Glühbirne wechseln) abrufe.

Der Opa sagte, er habe sich das ganz anders vorgestellt. Selbst ein Zimmer, in dem jemand wohne, der ständig auf Hilfe durch andere Menschen angewiesen sei, unterscheide sich nicht von einem Zimmer in einer ganz normalen Familie mit nicht behinderten Menschen. Und niemand laufe in weißen Hosen herum. Als er gehört hatte, seine Enkelin werde in einer Einrichtung untergebracht, hätte er sich eine Anschlussbehandlung an den Klinikaufenthalt, so etwas wie eine Kurklinik, vorgestellt. Etwas stationäres. Hier würde man jedoch wohnen und leben. „Das gefällt mir ganz ausgezeichnet, das ist sehr gut für unser Mädchen“, sagte er zur Oma und nahm sie in den Arm. Und fragte sie: „Ich finde, wir sollten uns erkundigen, ob wir ihr monatlich ein kleines Taschengeld zahlen können, was denkst du?“ – „Das finde ich eine sehr gute Idee von dir, Vater, das unterstütze ich sofort!“

Schneehasen in Schneehosen

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Normalerweise sollte man mindestens 18 sein, wenn man bei uns wohnen will. Falls der- oder diejenige gut zu uns passt, die Eltern zustimmen und geklärt ist, wer zuverlässig die Miete zahlt, machen wir auch schonmal eine Ausnahme mit 17 oder gar 16 Jahren. Noch jüngere Leute können wir uns nicht vorstellen. So haben wir es mal gemeinsam beschlossen.

Im September letzten Jahres haben wir uns alle (also alle Bewohner unseres Wohnprojekts) versammelt und darüber beraten, ob wir auf fast schon verzweifelte Bitten des Jugendamtes einen 14-jährigen Jungen bei uns aufnehmen sollten. Der Junge solle auf vorläufigen Beschluss eines Gerichts nicht mehr bei seinen Eltern wohnen, er selbst wolle das auch nicht, eine geeignete Pflegefamilie stünde nicht zur Verfügung, in eine Einrichtung wolle man ihn nicht stecken. Wegen einer angeborenen Querschnittlähmung (Spina bifida) sei er auf den Rollstuhl angewiesen, könne einzelne Schritte mit Festhalten gehen, besuche die Realschule … lange Rede, kurzer Sinn: Nach einem Probewohnen zog er bei uns ein. Ich habe ihn als aufgeweckten jungen Mann wahrgenommen, der genau wusste, was er wollte. Unter anderem: Bloß zu Hause raus. Wie er selbst mehrmals öffentlich erzählte, seien Gewalttätigkeiten dort an der Tagesordnung gewesen. Die Miete wurde komplett aus öffentlichen Kinder- und Jugendhilfemitteln übernommen, ob die Eltern zuzahlen mussten, weiß ich nicht. Anfangs alle zwei, später alle drei Tage kam eine Sozialarbeiterin für rund eine Stunde zu ihm, nach der Schule ging er für zwei bis drei Stunden in eine ambulante Betreuungseinrichtung, wo er Mittagessen und Hausaufgabenhilfe bekam. Insgesamt fanden wir die Sache „rund“ und anfangs fügte sich der junge Mann auch gut in unsere WG ein. Saß mit im Aufenthaltsraum, spielte Gesellschaftsspiele mit …

Doch irgendwann schien er überfordert zu sein. Wir haben etliche Gespräche mit der Sozialarbeiterin geführt, drei Mal haben Frank und Sofie einen sehr ausführlichen Brief an die zuständige Mitarbeiterin vom Jugendamt geschickt, die auch reagiert hat, sogar persönlich vorbei schaute und mit dem jungen Mann sprach – insgesamt fielen aber weder ihr noch der Sozialarbeiterin neue Ideen ein. Ich finde es insgesamt so erschreckend, weil ich glaube, dass die ganze Mission gescheitert ist, liegt einzig und allein an den Betreuungsangeboten, die seinen Bedürfnissen nicht gerecht wurden. Oder anders ausgedrückt: Mit ein wenig mehr Flexibilität hätte man ihm den Himmel auf Erden bereiten können. Nun ist er zurück in der Hölle: Die Eltern haben es mit anwaltlicher Hilfe nach einigen Monaten irgendwie hinbekommen, das Sorgerecht zurück zu bekommen und ihn wieder zu sich nach Hause geholt. Einfach unglaublich und aus meiner Sicht einfach ungeheuerlich. Ich kenne nicht die Einzelheiten, kann mir kein abschließendes Urteil erlauben und rechtlich mag die Entscheidung auch formal richtig sein – ich weiß es nicht. Mein Herz und mein Bauch sagen mir etwas anders. Sie schreien nahezu.

Der junge Mann hatte, wie alle Leute mit Querschnittsymptomatik, eine gelähmte Blase (und einen gelähmten Darm). Das bedeutet: Beides entwickelt ein Eigenleben, das es gilt, mit gewissen Tricks so zu beeinflussen und damit zu kontrollieren, dass man eine relative Kontinenz herstellt. Der Darm lässt sich im allgemeinen relativ leicht dazu zu erziehen, sich, auch wenn die Verbindung vom Gehirn zum Schließmuskel unterbrochen ist, nur zu einer bestimmten Tageszeit zu entleeren. Er macht nur dann was er will, wenn er völlig sich selbst überlassen wird. Bei der Blase wird es etwas schwieriger, da durch unterschiedliche Füllzustände und Lage im Körper jede Menge fremder Reize auf sie einwirken und sie bei unterbrochener Reizleitung zum Gehirn oft nicht „weiß“, auf welche Reize sie denn nun reagieren soll oder auf bestimmte Reize permanent reagiert. Unterschiede gibt es auch noch je nach Höhe der Schädigung.

Wie dem auch sei: Meistens wird die Blasenmuskulatur mit Medikamenten künstlich gelähmt und die Blase dann mithilfe eines Katheters, der für die Dauer des Entleerungsvorgangs (also rund 30 Sekunden) durch die Harnröhre in die Blase geschoben und anschließend sofort wieder entfernt wird, entleert. Leider haben diese Medikamente eine sehr geringe therapeutische Breite, soll heißen: Zu wenig bringt nichts, zu viel macht schnell Nebenwirkungen. Insbesondere Menschen mit angeborener Querschnittlähmung haben oft schon Nebenwirkungen, bevor überhaupt die erwünschte Wirkung eintritt. Hinzu kommt, dass die von der Krankenkasse bezahlten billigen Medikamente oft eine sehr kurze Halbwertszeit haben, also wenig geschmeidig wirken und so alle paar Stunden nachgeworfen werden muss, um zuverlässig einen wirksamen Wirkstoffspiegel im Blut zu haben. Da insbesondere bei einem 14-jährigen jungen Mann nicht davon ausgegangen werden kann, dass der nie die Einnahme vertrödelt, die Tabletten zu Hause vergisst oder sonst irgendwas nicht nach Plan läuft, ist die eine oder andere nasse Hose vorprogrammiert.

Und genau damit war das Jugendamt bzw. die Sozialarbeiterin überfordert. Ja, richtig gelesen, sie waren damit überfordert. Genauso wie einst die Eltern. Genauso wie einst ich, als mir das zum ersten Mal passiert ist. Ich weiß nicht, was sie veranstaltet haben, jedenfalls kann es nicht förderlich gewesen sein und wir hatten plötzlich überall im Haus, in erster Linie im Keller, in irgendwelchen Plastiktüten im Putzschrank, in Wäschetonnen, später auch in seinem Zimmer, nasse Hosen von ihm versteckt, von denen er wohl gehofft hat, niemand würde sie jemals finden. Vermutlich. Verdrängung pur. Beim Öffnen so einer Tüte schlug einem eine Ammoniakfahne entgegen, von der man das Gefühl hatte, sie würde einem auf Schlag sämtliche Nasenschleimhäute wegätzen.

Ein paar Mal hat die Sozialarbeiterin mit ihm zusammen alles mögliche auf den Kopf gestellt, seine Sachen durchsucht, alle Räume, zu denen er Zugang hatte, und alles mögliche gefunden. Er hatte zwar behauptet, das gehörte ihm alles nicht, aber komischerweise waren das alles Klamotten in seiner Größe, an die man sich teilweise auch erinnerte. Und vor allem ist ja ein noch so großer Kleiderschrank ja irgendwann mal leer. Dass er die Waschmaschine alleine bedienen kann, hat man ihm wohl abgesprochen, vielleicht aus Angst, er könnte irgendwas zu heiß waschen. Spätestens als er die „pädagogisch wertvolle“ Auflage bekam, sich bei uns zu entschuldigen und die Sozialarbeiterin mit ihm wie mit einem Hund an der Leine durch alle Zimmer ging, ihn vor sich hinstellte und im Hintergrund beschwichtigende Bewegungen machte … Wahnsinn. Ich hatte mal einen sehr guten Draht zu ihm, als ich nach dieser Aktion abends spät zu ihm ins Zimmer gerollt bin und ihm gesagt habe: „Kannst auch zu mir kommen, wenn du mal was waschen willst. Ich stell keine dummen Fragen. Versprochen.“ Schließlich muss ich nicht um Erlaubnis fragen oder jemanden mitnehmen, wenn ich waschen will.

Ganze zwei Mal kam er wirklich. Danach bekam ich einen heftigen Einlauf, ich solle mich nicht in die Arbeit der Sozialpädagogen einmischen, ich hätte mit ihnen sprechen müssen, aber auf eigene Faust führe das dazu, dass sie ihre Stellung und damit ihren Draht zu dem Jungen verlieren. Ich war auf 180, habe aber überlegt, das ganze als dumme Idee auf meine Kappe zu nehmen, bevor sie ihn unter Druck setzen und er etwas verbotenes tut, wenn er zu mir kommt. Letztlich kam er nicht mehr, ging mir aus dem Weg. Die ganze Aktion war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ende letzten Monats holten die Eltern ihn hier wieder raus. Ausgang ungewiss.

Ich bin sehr traurig über diese Entwicklung, weil ich das Gefühl habe, der richtige Weg war greifbar nah und die Eltern tun ihm erst recht nicht gut. Er hatte ja mehrmals geäußert, dorthin nicht zurück zu wollen. Am Ende wollte er dann doch. Ich sehe ihn vor mir wie einen ehemaligen Mitschüler, der auf dem Schwebebalken turnen sollte und verkrampft darauf rumsprang und runterfiel – aber erst, als sich die Sportlehrerin daneben stellte und ihm damit Hilfe und Sicherheit angeboten hat. Ich bin mir sicher, unser junger Mann wäre seinen Weg gegangen gerollt. Ich habe ihn gemocht, ich habe ihn lieb gehabt, ich bin sehr traurig. Aber ich weiß auch nicht, wie ich ihm helfen kann. Vermutlich kann ihm keiner helfen.

Eine letzte Anekdote am Rande: Er stand auf Thermokleidung. Also Schneehosen, Skianzüge, sowas. Und das wohl am besten auf nackter Haut. Jedenfalls hat er alle jüngeren Frauen bei uns angesprochen und mehrmals Geschichten erzählt von Mitschülerinnen, die morgens in der Schule ihre Schneehose ausziehen und dann nur in der Unterhose im Klassenraum stehen und aus ihrem Rucksack die Jeans holen und anziehen. Das ginge jawohl gar nicht…

Nicht völlig ausgeschlossen, dass sich das so zugetragen hat, aber schon merkwürdig – und warum erzählt er das jedem jeder? Weil er über das Thema ins Gespräch kommen wollte. Weil er wissen wollte, ob sein Faible, wenn man es so bezeichnen darf, nämlich Schneehasen in Schneehosen, normal ist. So habe ich das vermutet, bin auf ihn eingegangen, auch wenn mich das Thema überhaupt nicht interessiert, und er hat danach noch ein paar Mal versucht, mit mir über das Thema ins Gespräch zu kommen. Ich habe das dann aber abgeblockt, weil er nicht offen und ehrlich war, sondern wieder irgendwen vorgeschoben hat und dieselbe Geschichte, die er eine Woche zuvor Cathleen erzählt hat, mir mit ähnlicher Handlung nochmal als nagelneu aufgetischt hat. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt darüber lustig gemacht, nur redet man ja miteinander und solche Geschichten sind ja eher ungewöhnlich, so dass sie dann doch mal zufällig am Rande Thema einer Unterhaltung werden.

Und das alles wäre nicht erwähnenswert, wäre da nicht am Ende die Sozialpädagogin gewesen, die direkt nach seinem Auszug noch einmal in unsere WG kam und wissen wollte, ob er uns sexuell belästigt hätte. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie einige Zettel auf den Tisch legte, auf dem sich jemand Notizen gemacht hatte. Unter anderem stand dort:

„(18.01.12) Jule hatte als Kind einen Schneeanzug von C&A. Hat heute eine dunkelblaue Thermohose der Marke KJUS. Trägt immer Leggings etc. drunter. Hat angeblich immer eiskalte Beine im Winter.“

Unmöglich. Absolut unmöglich. Dass sie diese Zettel bei sich trägt. Die wird er sicherlich nicht freiwillig rausgegeben haben. Und vermutlich nie zurück kriegen. Ich kann nur nochmal sagen: Mir tut der junge Mann Leid. Kann ihm mal irgendjemand etwas Intimsphäre belassen?

Eine Sache haben wir gelernt: Noch einmal wird es so eine Zusammenarbeit mit einem externen Träger nicht geben. Noch einmal werden wir so eine Jugendamtssache nicht machen. Es sei denn, wir werden vollständig in das „pädagogische Konzept“ eingebunden. Bisher haben wir mit solchen Versuchen nur schlechte Erfahrungen gemacht. Der letzte 14-jährige, der uns Unterwäsche geklaut und Zeitungen im Flur angesteckt hat, wurde auch von einer externen Sozialarbeiterin betreut, bevor wir ihn rausgeworfen haben.

Ich gehe mit meiner Laterne

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… und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bumm.

So habe ich es im Kindergarten gelernt. Man könnte jetzt über den tieferen Sinn und über Parallelen im Leben, in meinem Leben, nachdenken und würde bestimmt irgendetwas finden. Ganz bestimmt.

In diesem Moment finde ich es allerdings lediglich schade, dass es am Ende nicht „la bummel“ heißt. Denn „Bummel“ heißt mein neuer vorläufiger weiblicher Vormund. Kein Scherz. Und der Name ist auch keineswegs Programm, dazu aber später mehr.

Erstmal muss ich erwähnen, dass es sich um eine etwa 1,80 Meter große Frau Mitte 30 handelt, die einen blonden Igelhaarschnitt trägt und eine Stimme hat, dass ich sie nicht brüllen hören möchte. Bezogen auf den Körperbau könnte man annehmen, sie sei Zehnkämpferin. Sie sagte, sie führe ehrenamtlich mehrere Betreuungen, jedoch noch keine Vormundschaft. Sie wohne mit ihrem Onkel zusammen in einem Haus im Hamburger Stadtteil Harburg, mit ihr vier Pflegekinder. Ein Pflegekind sei 14 Jahre alt und habe Spina bifida, eine angeborene Querschnittlähmung.

Das Gericht, eine Richterin, vermutlich um die 60 Jahre alt, stellte kaum Fragen, sondern wollte von meinem Vater wissen, wie er sich seine Zukunft mit mir vorstelle. Er antwortete, dass er keinen Bock darauf habe, sich für alles ständig rechtfertigen zu müssen. Die Richterin las ein Gutachten vor und fand, dass meine Mutter zur Zeit nicht für mich sorgen könne. Da ich erst 17 sei und es augenscheinlich niemanden gäbe, der für mich sorgen würde, auch nicht ein bißchen, so dass man es ergänzen könnte, müsste ich vorläufig einen Vormund bekommen. Ob ich jemanden vorschlagen wollte.

Da es innerhalb meiner Familie niemanden gab, der dafür in Frage käme, hätte ich am liebsten den Rechtsanwalt vorgeschlagen, der auch mein Geld aus dem Unfall betreut. Der hatte aber abgelehnt, er sei zu beschäftigt. Entsprechend wurde das Jugendamt beauftragt, jemanden zu benennen und die zauberten auch gleich die Frau Bummel aus dem Hut. Ja, sie heißt wirklich so! Mein Anwalt hatte schon vorher schriftlich beantragt, einige inhaltliche Dinge festzuschreiben. Dass ich weiter in der WG wohnen darf, dass ich weiter die Schule besuchen darf und dass ich weiterhin meinen Sport und meine Therapien machen soll. Die Richterin legte diese Dinge so fest. Ebenso, dass die Vermögensdinge bei diesem Rechtsanwalt bleiben.

Frank sagte, dass er die Frage, ob ich weiterhin Auto fahren darf, lieber nicht stellen möchte. Solange niemand darüber stolpert, sollte man keine schlafenden Hunde wecken.

Diese Entscheidung gilt vorläufig für zunächst drei Monate. Während dieser Zeit wurde meinem Vater auch verboten, Kontakt zu mir aufzunehmen. Das heißt, lediglich ich dürfte ihn anrufen, aber nicht umgekehrt. Kontakt zu mir soll nur über das Jugendamt laufen. In drei Monaten, also Anfang April, will man das eventuell noch einmal verlängern. Danach darf man nicht mehr verlängern, sondern es müsste ein länger gültiger Beschluss gefasst werden mit Gutachten und großem Aufwand, das will man aber wohl umgehen, da das dann nur noch für wenige Wochen gelten würde, bevor ich 18 bin.

Zurück zu Frau Bummel: Sie wollte als erstes zu mir mit in die WG. Jeder andere hätte gesagt: „Ich möchte mir mal ein Bild von Ihrer Wohnsituation machen.“ Frau Bummel sagte: „Ich möchte Ihre Unterkunft mal in Augenschein nehmen.“ Ja nee, is klar.

Spricht ja auch nichts dagegen, sie ist ja nun offiziell für mich zuständig. Sie verlangte nun, einen Schlüssel für die Wohnungstür und für mein Zimmer (das ist derselbe) zu bekommen. Außerdem möchte sie, dass ich mein Handy für eine Ortung freischalte, so dass sie jederzeit sehen kann, wo ich bin. „Die Kosten hierfür sind aus dem Mündelvermögen zu begleichen.“ So redet sie.

Es geht noch weiter: Über eben dieses Mündelvermögen müsste sie ein Verzeichnis anlegen. Ich sollte ihr eine detaillierte Aufstellung über alles geben, was mir gehöre. Jede CD, jeder Kugelschreiber, jede Unterhose. Ich habe geantwortet: „Für solchen Mist habe ich keine Zeit. Ich muss für die Schule lernen.“ Daraufhin sagte sie: „Dann machen wir das zusammen. Das Gericht schreibt es vor.“

Irgendwas skurriles wollte sie noch. Das habe ich vergessen. Und dann: Es könnte sein, dass sie ihren Onkel vorbeischickt, wenn sie mal keine Zeit hätte und dringend etwas mit mir geklärt werden müsste.

Frank rollte durch die offene Tür in mein Zimmer. „Na, alles klar?“ – „Sag mal, kennst du dich mit diesem Vermögensverzeichnis aus? Frau Bammel sagt, es müsste jeder Kugelschreiber benannt werden.“ – „Wieso, für dein Vermögen ist doch der Rechtsanwalt weiter zuständig?! Und alles, was hier an Kleinteilen rumliegt, ist kein Vermögen, sondern das sind Haushaltsgegenstände im üblichen Rahmen.“

Frau Bammel antwortete nicht. Ich fragte weiter: „Und was ist mit einem Schlüssel für die WG und mein Zimmer?“ – „Wofür brauchen Sie den denn?“ fragte Frank. Sie blickte ihn genervt an und antwortete: „Es könnte ja mal was sein, ein Notfall. Und sie ist alleine zu Hause.“

Irgendwie hat Frank auf alles eine Antwort parat: „Dann rufen Sie einen Schlüsseldienst und lassen Ihr Mündel das bezahlen. Ganz einfach. Und wenn kein Notfall ist, können Sie klingeln. Oder finden Sie nicht? Hier wohnen ja schließlich auch noch andere Leute, die sich ängstigen, wenn plötzlich wildfremde Leute vor ihnen in der Wohnung stehen.“

„Dann wäre da auch noch die Handyortung“, fuhr ich fort. Wenn schon, denn schon. – „Die elektronische Fußfessel darf im Strafvollzug nur mit Zustimmung des Betroffenen angewendet werden. Wie sieht es aus, Julia, stimmst du zu?“

Ich wollte sie nicht unnötig reizen, sondern ernsthaft antworten: „Ich denke, dass Sie mich anrufen können, wenn Sie etwas von mir wollen. Meine Handynummer haben Sie ja. Ich mache keinen Blödsinn, ich mache nichts Verbotenes. Aber rund um die Uhr abfragen wo ich bin? Das geht mir zu weit.“ – „Ich muss jederzeit wissen, wo Sie sind.“ – „Ja, dann rufen Sie mich an, wenn Sie es wissen müssen, dann sage ich es Ihnen.“

Am Ende hat sie es geschluckt. Und ist abgedampft. Ohne Vermögensverzeichnis, ohne Schlüssel und ohne Freischaltung zur Handyortung.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bummel.

Wahnsinn.

Jetzt gehts richtig los

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Inzwischen überschlagen sich die Ereignisse. Ich versuche, ein wenig Ordnung reinzubringen. Ich hoffe, ich schreibe das alles richtig und gebe das richtig wieder. Mir raucht immernoch der Kopf.

Am Morgen war die Mitarbeiterin vom Jugendamt bei mir vor der Tür, siehe Beitrag von gestern. Wie wir später erfahren haben, hat die Polizei, die vorgestern bei dieser Aktion hier war, nicht bemerkt oder nicht für besonders wichtig gehalten, dass ich noch minderjährig bin. Das hat mich auch nicht gestört.

Als die Beamten aber meinen Vater besucht haben, um ihm zu erzählen, dass er für die nächsten 14 Tage hier nicht aufzutauchen hat, hat er wohl erwähnt, dass er sich als Vater den Umgang mit seinem Kind nicht verbieten lässt. Woraufhin wohl die Polizei gesagt hat, dass er in Haft genommen wird, wenn er noch einmal bei mir aufkreuzt in den nächsten 14 Tagen. Daraufhin soll er dann gefragt haben, wie er denn für mich sorgen soll, immerhin habe er das Sorgerecht.

Ey, so ein Witzbold. Er kümmert sich wochenlang nicht um mich, und wenn, macht er Blödsinn oder rastet aus, und jetzt ist ihm sein Sorgerecht wichtig. Nun, das führte dazu, dass die Beamten meinen Vater nach meiner Mutter gefragt haben, er denen erzählt hat, dass die im Krankenhaus ist mitsamt der Diagnose und die Polizei daraufhin das Jugendamt hier vorbeigeschickt hat.

Das wäre ja erstmal nicht weiter schlimm. Gleichzeitig scheint diese Situation meinen Vater aber noch auf ganz andere Ideen gebracht haben, die nun langsam echt nicht mehr witzig sind. Um meinen Führerschein frühzeitig zu bekommen, müssen meine Eltern ihre Erlaubnis erteilen. Um ein Auto auf meinen Namen anzumelden ebenso. Um das Auto zu versichern, um hier alleine zu wohnen…

Es war kurz vor zwölf, als schon wieder die Polizei bei mir auf der Matte stand. Ich dachte noch: „Die sind ja fürsorglich. Wollen schon wieder fragen, ob mein Vater aufgetaucht ist…“ – Ätsch. Sie legten mir ein Fax von der Führscheinstelle auf den Tisch. Mein Vater hat seine Zustimmung für den Führerschein widerrufen. Das bedeutet: Der Führerschein ist mit sofortiger Wirkung ungültig und wird eingezogen.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Es begann sich alles zu drehen. Ich habe Frank dazugerufen. Der las sich das durch und meinte: „Das Problem ist die Anordnung der sofortigen Vollstreckung. Selbst wenn man widersprechen würde, hätte das erstmal keine aufschiebende Wirkung. Wer weiß, was der denen erzählt hat.“ Der Polizist schüttelte den Kopf: „Ist bei solchen Sachen immer so. Wenn die Eltern die Zustimmung zurücknehmen, wird das Ding sofort eingezogen. Das ist schließlich kein Mofa, sondern ein Auto.“

Aber Frank lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen: „Moment mal. Die Mutter ist im Moment völlig außen vor. Das heißt, der Vater vertritt die Tochter alleine. Wäre der Vater jetzt verstorben, würde für das Kind ein Vormund bestellt werden. Bis der Vormund bestellt ist, bleiben alle Rechtsgeschäfte, denen die Eltern zu Lebzeiten zugestimmt haben, bestehen, auch solche mit Dauerwirkung. Bis der neue Vormund dem aktiv widerspricht. Falls er das für nötig hält. Oder zwischendrin das Jugendamt bzw. das Gericht das tut. Richtig?“

Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin kein Jurist. Aber das könnte sein. Nur was soll das? Der Vater ist ja nicht verstorben.“ – „Das nicht, aber ihm wurde das Sorgerecht entzogen. Damit ist er nicht mehr gesetzlicher Vertreter und damit kann er die Zustimmung nicht zurücknehmen. Die Rücknahme der Zustimmung ist ein Rechtsgeschäft, bei dem er sein Kind vertritt. Das kann er nicht, solange er kein Sorgerecht hat.“

Der Polizist blies seine Wangen auf, atmete die Luft durch die gespitzten Lippen aus und sagte: „Bamm badamm bamm, bamm bamm bamm.“ Er grübelte, grinste, kratzte sich am Kopf und sagte dann: „Ich würde Ihnen ja gerne helfen. Aber wir müssen mal beim Vorgang bleiben. Die Führerscheinstelle hat uns um Amtshilfe gebeten. Wir fahren hierhin, sacken das Ding ein und gut. Ob das jetzt so richtig ist, müssten Sie dann direkt mit der Führerscheinstelle klären. Also am besten gleich im neuen Jahr dorthin fahren mit den Dokumenten vom Gericht, aus denen das hervor geht, dass der Vater zu dem Zeitpunkt nicht mehr gesetzlicher Vertreter war. Und dann am besten auch gleich mit einem neuen Einverständnis des neuen gesetzlichen Vertreters.“

„Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag.“ – „Nee, jetzt mal im Ernst. Wir können darüber nicht verhandeln. Wir können hier nicht ohne den Führerschein rausgehen.“

Frank gab nicht auf: „Okay, das werden wir im Moment nicht verhindern können, aber trotzdem möchte ich noch einen Vorschlag machen. Der ist so gut, den müssen Sie sich bitte noch anhören. Sie haben gesagt, Sie wollen uns gerne helfen.“ – „Na dann mal los“, sagte er, sichtlich genervt von der Laberei.

„Also. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung sofort widerrufen wird, wenn die Behörde erfährt, dass der Vater nicht mehr vertretungsberechtigt ist. Das kann schon morgen der Fall sein. In der Zeit gondelt aber der Führerschein durch die Behördenpost, wir haben Jahreswechsel, nächste Woche muss sie mit dem Auto schon wieder zur Schule. Ich schlage vor, Sie stellen das Ding jetzt sicher, stellen ein Sicherstellungsprotokoll aus, verwahren den bei sich auf der Dienststelle und ich besorge Ihnen bis Freitag ein Dokument von der Führerscheinstelle, dass Sie den Führerschein wieder ausgeben dürfen.“

Der Polizist schüttelte den Kopf. „Sicherstellungsprotokoll können Sie bekommen. Aber ich kann das nicht bis Ende der Woche zurückhalten. Ich habe morgen Spätdienst. Wenn mir bis morgen abend die Führerscheinstelle schriftlich mitteilt, dass ich den Führerschein wieder ausgeben darf, können wir das so machen. Wenn nicht, geht das Ding Mittwoch in die Post.“

Okay. Ich gab ihm meinen Führerschein. Mit Tränen in den Augen und einem dicken Kloß im Hals. Ich habe keine Ahnung, wie Frank das anstellen will, denn zu dem Zeitpunkt war nicht mal sicher, ob meinem Vater wirklich das Sorgerecht entzogen wurde. Denn darüber stand nichts in der Akte, die Frank sich zum Teil kopiert hatte. Der Polizist schrieb ein Protokoll, ich sollte unterschreiben. Frank sagte: „Mache bitte vorsorglich bei ‚Der Sicherstellung wird ausdrücklich widersprochen‘ ein fettes Kreuz!“

Ich bekam einen Durchschlag und die beiden schwirrten ab. Die waren gerade aus der Tür, da sah ich, dass das Faxgerät, das bei uns auf dem Flur steht, blinkte. Kein Papier mehr. Als ich neues einlegte, kam noch eine Seite von den Kopien der Akte, da stand aber nichts entscheidendes mehr. Aber dann kamen mehrere Seiten von meinem Vater, die er in der Zwischenzeit gefaxt hatte: Kündigung meiner Wohnung, Kündigung der Autoversicherung, Widerruf der Zustimmung für den Führerschein, Widerruf der Zustimmung für die Zulassung meines Autos, …

Ich habe echt keinen Bock mehr. Gibt es Leute, die das alles so wegstecken? Ich weiß, dass man das alles nicht ernst nehmen muss und dass das am Ende doch wieder anders kommt. Aber es kostet so viel Kraft und ist so unnütz. Ich bin in mein Zimmer verschwunden mit dem ganzen Papierkram, habe die Tür hinter mir zugemacht, habe mich auf mein Bett gelegt und geheult.

Zu um zwei bin ich mit Frank zum Jugendamt gefahren. Wir wollten uns vorher noch eine halbe Stunde lang mit dem anderen Anwalt besprechen, bevor wir den Termin hatten. Bester Ort: Bei Frank im Auto in einer Parkgarage. Wie bei der Mafia. Der andere Anwalt war Fußgänger, sah eher einfach aus. Hatte eine braune Stoffhose an und einen beige-braunen Strickpullover mit großen Karos. Er hatte die Seiten schon von Frank gefaxt bekommen, ich legte die ganzen Briefe von meinem Vater noch nach, Frank erzählte noch von der Aktion mit dem Führerschein. Der andere Anwalt seufzte nur, schien aber nicht besonders beunruhigt zu sein. „Damit schießt er sich aber eher ein Eigentor“, sagte er.

„Die Frage ist ja, ob er überhaupt noch das Sorgerecht hat und diese ganzen Aktionen starten kann“, sagte Frank. Der andere Anwalt sagte: „Also das der Mutter ruht. So nennt man das. Wenn die wegen einer Borderline-Störung in der Klinik ist, könnte man das begründen.“ – „Zumal sie ja vorher schon die Situation der Tochter nicht richtig erfasst hat und immer dachte, sie träumt und wenn sie aufwacht, ist alles wieder normal“, fügte Frank hinzu. „Aber was ist jetzt mit dem Vater? Der spielt ja völlig verrückt. Erst dieser Übergriff mit der Randale bei uns in der Wohnung und dann jetzt diese Sachen.“

„Also die Wohnung kann er nicht einfach kündigen, das kriegen wir auf jeden Fall vom Tisch gewischt“, sagte der Anwalt. Das war doch schon eine gute Ansage. „Aber bei den anderen Dingen, mit dem Auto, … das sehe ich noch nicht. Nur die Tatsache, dass er die Wohnung nicht betreten darf, heißt ja nicht, dass er die Tochter nicht vertreten könnte. Er kann es ja, das hat er ja bewiesen. Dass die Entscheidungen nicht im Sinne der Tochter sind, steht erstmal außen vor. Er ist aber durch den Platzverweis nicht automatisch unfähig, seine Tochter zu vertreten.“

„Die Frage ist ja“, sagte Frank, „ob er das Kindeswohl gefährdet, oder?“ – „Das wäre eine Frage, aber dieser Kündigungskram … das reicht nicht aus. Das mit der Wohnung wird er zurücknehmen, die anderen Sachen mit dem Auto sind keine Kindeswohlgefährdung. Das kann er ja frei entscheiden, ob er seiner minderjährigen Tochter erlaubt, Auto zu fahren.“ – „Stichwort ‚Behinderung‘ und ‚Schulbesuch‘? Sie fährt ja mit dem Auto zur Schule.“ – „Stichwort ‚Bus‘ oder ‚Taxi‘. Das kriegst du nicht begründet.“

„Und was ist mit den Schlägen und der Randale im Zimmer des Kindes?“ – „Das hängt jetzt davon ab, wie die Polizei und das Jugendamt das werten. Das ist Ansichtssache. Letztlich kann er sich dagegen wehren, dann hängt es vom Richter ab. Ich kenne keinen Richter, der wegen einer Ohrfeige einem Vater das Sorgerecht entzogen hat. Das müsste ja auch erstmal vorläufig angeordnet werden und dafür reicht es nie und nimmer. Die beste Lösung wäre, wenn das Jugendamt zu der Einschätzung gekommen wäre, dass das Kindeswohl im Moment gefährdet ist durch den Vater und das Jugendamt das Kind vorübergehend in Obhut nimmt. Dann würden die anordnen, dass erstmal alles so bleibt. Widerspricht der Vater, womit man rechnen muss, käme die Sache noch diese Woche vor Gericht. Wenn Julia dann aussagt, dass sie Angst hat vor dem Vater, blabla, vernünftig begründet, könnte es passieren, dass ihm vorläufig das Sorgerecht oder Teile davon entzogen werden und auf das Jugendamt oder irgendeine dritte Person übertragen werden. Dabei kann aber auch großer Blödsinn rauskommen, manche Richter sind ziemlich realitätsfremd. Auf alle Fälle glaube ich nicht, dass das Jugendamt oder irgendein anderer, der das Sorgerecht vorläufig übernimmt, die Zustimmung für die Autofahrerei erteilt. Sowas wäre mir zum Beispiel viel zu riskant. Stell dir vor, Julia fährt sich tot. Dann muss ich erklären, warum ich das erlaubt habe. Das Risiko nimmt keiner in so einer Sache auf sich.“

„Wenn ihm aber das Sorgerecht entzogen wurde, vorläufig“, sagte Frank, „kann er doch keine Erklärungen mehr für das Kind abgeben. Also auch keine Erklärung, mit der er eine erteilte Zustimmung widerruft.“ – „Das wird schwierig. Formal könnte man das so vielleicht durchkriegen. Aber wenn es heißt, dass es die Fahrerlaubnis nur mit Zustimmung des gesetzlichen Vertreters gibt, wird die Behörde verlangen, dass der neue gesetzliche Vertreter, also jetzt das Jugendamt oder später ein Pfleger oder Vormund oder sonstwas, diese Zustimmung auch erteilt. Vor allem jetzt, wo der Lappen schonmal weg ist. Aber lasst uns erstmal sehen, was das Jugendamt will.“

Wir wurden empfangen an einem runden Tisch, die Meike saß dort, eine alte Frau mit 08/15-Haarschnitt, spießigem grauen Wollkleid und langer Halskette und angeketteter Brille, sah so richtig typisch nach Behörde aus, saß daneben. Sie fing gleich an. Erzählte mir noch einmal, was ich am Wochenende erlebt hatte. Fragte mich, ob mein Vater so etwas schon öfter gemacht hätte. Dann erzählte sie, dass es bereits eine dicke Akte über mich gibt. Wegen des Verfahrenspflegers mit meiner Entschädigung durch die Versicherung. „Die heißen jetzt Verfahrensbeistand. Seit 1. September. Schon gewusst?“ fragte sie meinen Anwalt.

„Öfter mal was neues“, antwortete er. – „Ja, da sagen Sie was.“ Super. Interessiert das hier jemanden? Dann fragte mich die Mitarbeiterin: „Was ist mit Ihrer Mutter?“ – Wollen die jetzt rausfinden, was ich weiß? „Die ist im Krankenhaus in … Wegen einer Borderline-Störung.“ – „Sie wissen, was das ist, ja?“ – „Ja. Ich durfte es live erleben.“ – „Ja. Ja. Ja.“ *nick*

„Die Frage ist jetzt, ob wir tätig werden müssen. Wenn Sie jetzt frei entscheiden dürften, Julia, was würden Sie sich wünschen, wer für Sie sorgen soll? Sie werden in einem halben Jahr, na gut, etwas mehr noch, da werden Sie volljährig. Solange haben Ihre Eltern beide das Sorgerecht. Solange Ihre Mutter noch im Krankenhaus ist, wird sie sich da sicher ein bißchen zurückhalten, also liegt es eher bei Ihrem Vater im Moment. Mit dem werden wir reden. Er soll Sie ja geohrfeigt haben. Das geht natürlich nicht und das darf auch nicht wieder vorkommen. Aber wären Sie damit einverstanden, dass er trotzdem weiter für Sie sorgen darf, wenn er verspricht, dass das nicht wieder vorkommt?“

„Es ist ja so“, sagte der Anwalt, aber die Mitarbeiterin unterbrach ihn sofort. „Nee nee, lassen Sie Julia mal selbst reden.“

„Ich möchte das nicht. Seit ich meinen Unfall hatte, ist er mit mir völlig überfordert. Also nicht, weil ich so unausstehlich bin, sondern weil er einfach nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Er macht keine Therapie mit mir zusammen, er möchte am liebsten, dass ich meine Schule abbreche und mich zu Hause pflegen lasse, dass ich keinen Sport mache, weil da nur traurige Gestalten rumfahren, er findet, dass alle meine Freundinnen und Freunde im Rollstuhl mir nur das Leben schwer machen und er legt mir permanent Steine in den Weg.“

„Dass Sie sich pflegen lassen?“ fragte sie erstaunt. Ich sagte: „Ja, genau. Er meint, ich gehe nur zur Schule, weil ich mir was beweisen will und dabei nur verdrängen will, wie behindert ich eigentlich bin.“ Sie hob die Augenbrauen. „Darf ich das mal so mitschreiben?“ fragte sie. Ich schaute meinen Anwalt an, der zuckte mit den Schultern und nickte.

„Aktuell ist er gerade wieder genervt und hat mal kurzerhand die Wohnung seiner Tochter gekündigt.“ sagte Frank und schob das Schreiben rüber. Die Mitarbeiterin schob es zu „Meike“ weiter. Die las das durch und sagte: „Na das ist ja ein Ei.“

„Julia hat ja auf Empfehlung der Ärzte und Therapeuten das Zimmer in der WG bekommen und wird ja auch sozialtherapeutisch betreut. Sie macht ihre Schule, hat ihre Freunde, ist im Sportverein, kommt mit ihrem Leben zurecht, verhält sich tadellos. Trinkt nicht, raucht nicht, macht sogar ihre Hausaufgaben.“ – „Das ist doch schön“, grinste die Mitarbeiterin.

„Es wäre doch schade, wenn sie dort ausziehen müsste.“ sagte der Anwalt. – „Das vergessen Sie mal ganz schnell. Da hätte sicher das Vormundschaftsgericht mitzureden. Wenn sie alleine wohnen kann und es fachliche Gutachten gibt, irgendeins haben wir hier ja auch in der Akte, habe ich gesehen, dann kann er nicht einfach so die Wohnung kündigen. Das ist jetzt auch irgendeine Trotzreaktion, denke ich. Aber mal wieder zur Sache zurück: Die Mutter kann im Moment nicht für Sie sorgen. Der Vater soll es nicht machen, sagen Sie. Wer dann?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe Angst vor ihm“, sagte ich. – „Sie haben Angst vor ihm.“ wiederholte sie nickend. – „Nach diesem Wochenende ja. Ich kann mich doch nicht wehren. Ich hätte immer Angst, dass er wieder ausrasten würde. Er hat an meinem Rollstuhl ein Rad zerstört. Stahlfelge und Titangreifreifen. Mit den Dingern fährt man sonst Bordsteine und Treppen runter. Er hat es zerstört, so hat er dagegen getreten. Ich habe einfach Angst. Eigentlich kann ich mit Hilfe meiner Sozialtherapeutin auch sehr gut alleine für mich sorgen.“, sagte ich.

„‚Alleine sorgen‘ kennen die deutschen Gesetze nicht. Bis sie 18 sind, brauchen Sie jemanden. Der muss zumindest benannt werden. Ob und wieviel er letztlich dann tut, ist eine andere Sache. Aber es muss jemanden geben.“

„Die Frage ist ja auch, ob der Vater dem so einfach zustimmt. Ich denke eher nicht.“ sagte der Anwalt. – „Das müsste ein Familienrichter entscheiden. Wir würden eine Empfehlung schreiben und dann geht das seinen Weg. Wenn sie Angst hat, und die lässt sich ja auch begründen, wird das wohl nicht alleine der Vater sein. Aber was dabei rauskommt, weiß niemand vorher. Gut wäre, wenn Sie jemanden benennen könnten, Julia. Die Oma, den Onkel, eine Patentante. Und denjenigen auch vorher fragen.“

„Wer hat denn jetzt im Moment das Sorgerecht?“ fragte der Anwalt. „Das der Mutter ruht ja.“ Die Mitarbeiterin nickte. „Ja, es gibt ein Attest der Klinik, aus dem man schließen kann, dass das Sorgerecht ruht. Die Polizei hat, nachdem sie erfahren hat, dass Julia noch minderjährig ist, das sieht man ihr ja nicht sofort an und es ist ja auch nicht so häufig, dass Minderjährige schon alleine wohnen, das Kind in unsere Obhut gegeben. Wir müssen jetzt bis morgen abend entweder das Familiengericht einschalten oder das Kind an den Vater zurückgeben. Oder sein schriftliches Einverständnis haben, dass das Sorgerecht vorläufig auf jemanden übertragen wird.“

„Also hat er im Moment nicht das Sorgerecht?“ bohrte der Anwalt nach. – „Nein, im Moment liegt es beim Jugendamt. Wir werden morgen früh mit dem Vater reden und ihm ein Schreiben vorlegen, dass er das Sorgerecht auf das Jugendamt überträgt. Unterschreibt er nicht, werden wir sofort danach das Familiengericht einschalten. Die werden dann noch morgen das Sorgerecht erstmal weiter auf das Jugendamt übertragen und vermutlich für nächste Woche einen Termin festsetzen, wo erstmal für die nächsten Wochen vorläufig entschieden wird.“

„Dazu müsste es ja noch einen Beschluss geben. Der war noch nicht in der Akte heute morgen. Dass das Sorgerecht im Moment beim Jugendamt liegt.“ – „Da hat Julia morgen eine Ausfertigung in der Post. Die ist schon raus. Ich kann Ihnen das aber auch nochmal kopieren.“ – „Und siegeln?“ fragte Frank. „Was haben Sie denn damit vor?“ fragte die Mitarbeiterin.

„Na, erstmal die Kündigung der Wohnung zurücknehmen. Ich kenne den Vermieter. Dem wird es reichen, wenn er erfährt, dass derjenige zu dem Zeitpunkt kein Sorgerecht hatte. Der will ja sein Geld und Julia will ja da wohnen bleiben.“ – „Achso, achso. Ja wenn Sie sich darum kümmern wollen, das wäre toll. Ja, wir siegeln das nochmal. Als Zweitschrift. Und der Vermieter soll bitte was schriftliches schicken, und wenn Sie uns das bitte zur Akte reichen…“

Vom Führerschein hat Frank nichts mehr gesagt. Das Schlitzohr. Natürlich wollte er den gesiegelten Brief dafür haben. Auch. Oder in erster Linie. Er will morgen früh mit mir dorthin. Er sagt, dass er vielleicht den Sachbearbeiter so überrumpelt bekommt, dass er den Bescheid zurücknimmt und keine neue Erklärung haben will. Ich glaube, ich mache heute nacht kein Auge zu vor Aufregung. Ich will meinen Führerschein wieder haben!

Genug geschrieben. Sonst hängt sich noch mein Blog auf.