Glücklich und zufrieden

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Ja, gestern fühlte ich mich so halbwegs wieder fit. Was auch einigermaßen wichtig war, denn wir bekamen Besuch vom Jugendamt, das sich turnusmäßig anschauen wollte, wie es Helena geht. Um turnusmäßig zu entscheiden, wie es mit Helena weitergeht. Weil ja alles so schön unter gefühlt einem halben Dutzend Behörden aufgeteilt ist, müssen wir uns mit zwei Jugendämtern unterhalten: Ein örtliches, das offiziell für Erziehungsfragen und die Auszahlung der Kohle zuständig ist, und eins an ihrem bisherigen Wohnort, das für die Kohle aufkommen muss, die Helena kostet.

Das Kosten tragende Jugendamt hat sie seit Monaten nicht mehr gesehen, und bisher sind auch wir immer dorthin gefahren. Heute sollte es anders sein: Eine Mitarbeiterin hatte sich angekündigt, Helena in ihrem häuslichen Umfeld zu besuchen und mit allen ein Gespräch führen zu wollen. Marie hatte Dienst getauscht, Helena hat extra ihr Nachmittagsprogramm gecancelt, sogar Susi war extra für einen Kurzbesuch von einer Stunde zwischen Vormittags- und Nachmittagssprechstunde angereist.

Ich erinnere mich noch an offizielle Anlässe während meiner Kindheit. Auch noch an solche in Helenas Alter. Auch wenn wir nie Besuch vom Jugendamt bekamen. Ich musste vorher nochmal zum Friseur, Haare waschen und zusammenbinden, am liebsten flechten, Fingernägel schneiden, die besten Klamotten anziehen, am liebsten ein Kleid und polierte Schuhe, und dann: Schön artig sein! Es wirkt im Nachhinein für mich so, als wären meine Eltern nicht in der Lage gewesen, auf eventuelle Unpässlichkeiten angemessen zu reagieren. Vielleicht war es vor fünfzehn Jahren aber auch einfach eine ganz andere Zeit. Ich wundere mich gerade über mich selbst, diesen Satz zu verwenden.

„Die nehmen mich hier aber nicht wieder raus, oder?“ – Diese Frage hatte sie mir in den letzten drei Tagen schon fünf Mal gestellt. Und eigentlich hatten wir auch darüber gesprochen. Aber sie hat das Trauma noch lange nicht überwunden. Cool bleiben. „Ich wüsste nicht warum, Helena.“ – „Das ist wirklich nur ein Routine-Besuch, oder?“ – „Ja, Helena. Warum hast du denn plötzlich solche Angst? Hast du was angestellt?“ – „Nein, nichts Großes, aber es gibt bestimmt Dinge, die ihr nicht gut findet und einige Sachen habe ich ja auch falsch gemacht.“ – „Setz dich doch nicht so unter Druck, Helena. Es geht bei dem Termin nicht darum, zu petzen oder dich anzuklagen. Sondern darüber zu sprechen, ob es dir hier gut geht.“ – „Es geht mir gut. Es ging mir nie besser.“ – „Aber das wissen die doch nicht. Und du weißt doch selbst, dass es Pflegefamilien gibt, in denen es den Kindern nicht gut geht. Das prüfen die immer mal wieder.“ – „Und warum haben die bei meiner letzten Pflegefamilie nicht gesehen, dass es mir schlecht ging?“

In dem Moment klingelte es. Pünktlich, zwei Minuten zu früh. Susi öffnete die Tür. Die Mitarbeiterin, die herein kam, kannten wir schon vom letzten Termin auf dem Amt. Ich hatte sie als sehr freundlich in Erinnerung. Sie gab uns allen die Hand, dann setzten wir uns an den Esstisch. Helena war extremst aufgeregt. Rotes Gesicht, unruhige Hände, ängstlicher Blick. „Helena, ich bin gekommen, um mir einen Eindruck von deinen aktuellen Lebensverhältnissen zu machen. Du erinnerst dich vielleicht noch an mich von unserem letzten Gespräch. Wie geht es dir heute?“ – „Gut“, sagte Helena wie aus der Pistole geschossen. Ein Wort. Bloß nicht mehr. Die Mitarbeiterin erwiderte: „Ich muss sagen, du siehst auch sehr gut aus und machst auf mich einen sehr positiven ersten Eindruck.“ – „Dann darf ich also weiter hier bleiben?“

Oh jee. Die Mitarbeiterin fing die Frage aber sehr gut auf: „Es geht heute nicht um Dürfen, Helena, sondern um Möchten. Du bestimmst ganz alleine für dich, ob du weiter hier bleiben möchtest.“ – „Ich möchte das auf jeden Fall“, sagte sie sofort. Marie sagte: „Helena hat die ganz große Befürchtung, dass es heute erneut darum gehen könnte, eine neue Familie für sie zu finden. Sie ist die ganze Zeit schon extrem angespannt. Deshalb möchte sie gerade nicht so lange um den heißen Brei herumreden, sondern kommt direkt zur Sache.“ – „Marie!“, rief Helena. Ich nahm mir ihre schweißnasse Hand. Sie schüttelte mich weg. Die Mitarbeiterin sagte: „Also nochmal: Ich bin glücklich, wenn es dir gut geht. Von mir aus muss sich nichts ändern. Es sei denn, du möchtest das und bittest mich darum. Du weißt, dass du das jederzeit tun kannst, du hast von mir mal eine Karte mit meiner Nummer bekommen. Du kannst mich immer anrufen, wenn was ist, und du bekommst auch heute einmal die Chance, mit mir unter vier Augen zu sprechen. Aber ich bin heute nicht gekommen, um was zu ändern, sondern weil ich mir regelmäßig ein Bild davon machen muss, ob alles in Ordnung ist. Okay?“ – Helena nickte.

Sie holte einen Pappdeckel aus ihrer Handtasche, in dem einige Blätter lagen, nahm sich einen Kugelschreiber in die Hand, und fragte Helena: „Kannst du mir mal eine normale Woche beschreiben? Also was du so machst?“ – Helena beschrieb. In allen Einzelheiten. Die Mitarbeiterin machte sich Notizen. Hakte nach. Ob Kiara ihre beste Freundin sei. Wieviele Freundinnen sie hätte. Ob sie erzählen möchte, mit wem sie gerade zusammen sei. So langsam entspannte sich Helena und plauderte. Schule war ein Thema. Sport war ein Thema. Ob sie beim Reiten immer eine Kappe trage, wollte die Mitarbeiterin wissen. „Na klar, ich bin doch nicht lebensmüde“, erwiderte Helena beinahe entsetzt. Die Mitarbeiterin sagte: „Ich habe neulich ein Mädchen besucht, das zeigte mir einige Fotos vom Reiten, da war sie aber überall ohne Kappe drauf. Das fand ich gar nicht gut.“

Das war das Stichwort. Helena stand auf, ging in ihr Zimmer und kam mit einem Tablet zurück. Fotos vom Reiten. Mit Kappe. Und vom Strand. Und vom Volksfest. Und von Susi und Otto aus dem Garten. Und von Maries Hund. Auf dem Bauch, auf dem Rücken, beim Laufen, springen, schlafen, Nahaufnahmen, Fernaufnahmen – kurzum: „Du magst den Hund sehr gerne, oder?“ – Von unserem Garten, von Katzenbabys am Pferdestall. Marie, Susi und ich guckten uns an, wir kamen uns irgendwie überflüssig vor. Angenehm überflüssig. „Hast du Geheimnisse, die du zu Hause nicht erzählst?“ – Ganz plötzlich, ganz überraschend. Helena guckte die Mitarbeiterin an, guckte uns an, sagte dann: „Na klar! Und wissen Sie, was cool ist? Ich werde nicht erpresst deshalb.“ – „Was meinst du mit ‚erpresst‘?“ – „Na, so lange unter Druck setzen, bis ich das sage“, sagte sie. Und fügte leise hinzu: „So wie das früher war.“

„Kennst du den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen?“, fragte sie weiter. Helena antwortete erstaunlich erwachsen: „Sie brauchen sich da gar nicht solche Mühe zu geben. Ich habe im Moment kein Geheimnis, was ich nicht schon erzählt habe oder was wirklich eins ist. Jule hat gesagt, dass es ein Unterschied ist, ob ich richtig etwas mit aller Kraft in mir einschließe, oder ob ich nur nicht ständig drüber quatsche.“ – „Was ist denn der Unterschied?“ – „Also ein großes Geheimnis darf wirklich niemand erfahren. Und das andere ist so: Ich hatte heute morgen einen fetten Pickel im Gesicht, den ich ausgedrückt habe bis der platzte und es blutete, aber das erzähle ich einfach nicht jedem, weil es eklig und peinlich ist. Aber wenn jetzt jemand fragt, mache ich da kein Geheimnis draus, sondern erzähle das. Worüber ich zum Beispiel gar nicht rede, ist das, was wir in der Therapie besprechen. Das bleibt dort im Raum und das ist mir sehr wichtig. Aber das ist kein Geheimnis, weil ich es ja nicht für mich behalte, sondern weil ich darüber im Moment nur während der Therapie reden möchte.

„Wie groß ist deine Privatsphäre?“ – „Ist das das mit dem Alleinesein? Also ich kann das Bad abschließen und an meiner Zimmertür ist so ein Rahmen, wo man Zettel reinschieben kann. Da kann ich dann drauf schreiben, dass ich nicht gestört werden will.“ – „Und das klappt?“ – „Naja, wenn Jule sich Sorgen macht, klopft sie. Dann ruf ich ‚Stop‘ und dann weiß sie, dass sie nicht reinkommen darf und dass ich aber noch lebe.“ – Ich ergänzte: „Wir haben wegen des Diabetes die Abmachung, dass die Zimmertür nicht abgeschlossen wird, dass aber das Schild an der Tür von uns allen beachtet wird und bei geschlossener Tür sowieso immer ein ‚Ja‘ abgewartet wird. Das gilt übrigens auch, wenn Helena eine Tür öffnen will.“

Helena ergänzte: „Aber meine Tür hat trotzdem einen Schlüssel. Nur den nehme ich nicht.“ – „Zu wem gehst du, wenn du nachts schlecht geträumt oder zum Beispiel Bauchschmerzen hast?“ – „Also zum Glück träume ich nicht so häufig schlecht, und wenn, dann muss ich überlegen, ob ich mich nicht lieber unter meiner Bettdecke verkrieche oder erstmal Licht anmache. Aber wenn ich nachts Angst habe oder so, dann gehe ich manchmal zu Jule und manchmal zu Marie. Meistens aber zu Jule, weil sie ein Wasserbett hat, und das ist ganz flauschig und warm.“ – „Du schläfst dann bei Jule im Bett?“ – „Dafür bin ich eigentlich zu alt, oder?“ – „Nein, das hängt nicht vom Alter ab. Wenn du Wärme und Nähe brauchst und sie bekommen kannst, dann darfst du sie dir auch nehmen. Wichtig ist nur, dass das bei Wärme und Nähe bleibt. Verstehst du, was ich meine?“ – „Also manchmal kämpfen wir auch im Bett. Aber nur aus Spaß. Und ich bin meistens stärker. Oder wir quatschen noch im Dunkeln.“ – „Das ist auch okay.“ – Ich griff in das Gespräch ein, da Helena nicht verstand, was die Mitarbeiterin sagen wollte: „Wir schlafen alle angezogen.“

Darauf sagte Helena natürlich: „Nee, manchmal schlafe ich aber auch ganz nackt. Und seit ich hier mein eigenes Zimmer habe, darf ich das auch offiziell. Oder Marie?“ – „Aber nicht bei mir im Bett“, ergänzte ich. – „Nee, das stimmt. Achso, jetzt verstehe ich! Igitt, nee, ich fang doch nicht mit Jule oder Marie was an! Die wären mir doch viel zu alt dafür. Das ist eklig.“

Dann hätten wir das ja auch geklärt. Anschließend kam noch eine Suggestivfrage, wie Helena mit meinem Freund zurecht käme. Dabei habe ich gar keinen Freund. Und die Frage, ob Marie oder ich schonmal Helenas Handy durchsucht haben, fand ich, nachdem wir an der Zimmertür anklopfen, auch überflüssig. Ohne Anlass gibt es auch keine Handy-Durchsuchung. Zumal sie ganz häufig mir auch ihr entsperrtes Handy hinhält mit aufgeklapptem Fotoalbum, und dann sind da 50 Bilder drauf, Pferde in allen Lebenslagen, die ich mir anschauen soll, weil die ja so süß sind. Und ich als (ehemalige) Pferdenarrin kann sie natürlich gut verstehen.

Ansonsten hoffen wir ein Stück weit darauf, dass „das“ gut geht. Sie hat noch keinen Datentarif außerhalb, kann also nur im WLAN ins Internet. Was in der Schule vorhanden ist, mit Jugendfilter. Zu Hause hat sie ebenfalls ihr eigenes WLAN-Netz, mit Jugendfilter und wochentags ist abends um 21 Uhr Feierabend, am Freitag und am Samstag ist ihr WLAN um 23 Uhr aus. Beschützen können wir sie nicht vor den bösen Seiten der Medien, und sie erzählte mir neulich bereits: „Jule, die Jungs in meiner Klasse schicken sich die ganze Zeit eklige Sachen hin und her. Nackte Frauen, die ihren nackten Po in die Kamera halten und dann damit wackeln, und …“ – Ich führe das hier nicht weiter aus, sondern nenne nur das Stichwort, aus Gründen: Bu**ake. Aber es ist ja demnächst Elternabend. Wo es zur Sprache kommen wird, nur vermutlich nichts ändert.

Das thematisierte Helena zum Glück nicht. Genauso wie die unentschuldigten Fehlstunden. Nicht, dass ich das nicht besprochen hätte, aber so war es natürlich einfacher. Die Mitarbeiterin redete mit Marie und mir kurz, und war erstaunt, dass wir auch nach drei Nachfragen noch darauf beharrten, dass Helena noch nie richtig genervt hat. Sie redete auch kurz mit Helena alleine, aber das war auch nach drei Minuten wieder vorbei.

Am Ende war die Mitarbeiterin glücklich und zufrieden. Sie habe ein sehr positives Gesamtbild aufgenommen. Als sie draußen war, fiel Helena erst Marie, dann mir um den Hals und knutschte uns ab. Es war deutlich zu spüren, dass ihr ein großer Stein vom Herzen gefallen war.

Ab morgen bin ich wieder gesund genug für die Frühschicht. Also nix mit Tanzen in den Mai. Schlafen in den Mai. Und dann um Fünf aus den Federn. Hurra.

Spastische Attacke

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Die eine oder andere Veränderung gibt es immer in unserem Wohnprojekt. Bei insgesamt 21 Personen, die sich über drei Etagen verteilen, ist das aber auch kein Wunder. Zwei Zimmer wurden frei, nachdem die beiden Bewohnerinnen außerhalb Hamburgs eine Ausbildung beziehungsweise ein Studium beginnen und dadurch in ein Internat beziehungsweise in ein Studentenwohnheim ziehen. Zum 01.08. bekamen wir nach längerem Auswahlverfahren und Probewohnen einen neuen Bewohner und eine neue Bewohnerin dazu, er ist 23 und wegen einer vererbten Erkrankung ständig, also auch innerhalb der Wohnung, Rollstuhlfahrer, sie ist 16 und Spasti, fährt längere Strecken außerhalb des Hauses im Rollstuhl.

Die junge Frau kommt direkt aus einer psychiatrischen Klinik zu uns. Was sie auch jedem relativ rasch und offen erzählt und sich selbst als „Psychospaste, waschfest und lichtecht“ beschreibt. Ich finde sie süß, auch wenn ihr Lieblings-T-Shirt den Spruch „Ich bin nicht süß!“ trägt. Und wäre das Wort „keck“ noch nicht entdeckt oder erfunden worden, wäre dafür spätestens jetzt großer Bedarf. Ein kleiner Wirbelwind mit Sommersprossen im Gesicht, eine kleine Nase, kinnlange dunkle Haare und eine sehr schlanke Figur fallen beim ersten Hinsehen auf. Das Jugendamt wurde intensiv tätig, um uns davon zu überzeugen, sie auch in dem Alter und mit der Vorgeschichte bei uns aufzunehmen. Selbst der behandelnde Klinikpsychologe kam persönlich hier vorbei, da es ihm, wie er sagte, eine Herzensangelegenheit sei, dass sie eine vernünftige Wohnung und damit zur Ruhe finde. Ich glaube, die Worte sind eindeutig.

Unterschiedlicher können die beiden Neulinge nicht sein. Trotzdem feierten sie ihren Einstand gestern abend gemeinsam mit einem feudalen Nudelauflauf. Mit allen, die spontan Zeit hatten. Und während der junge Mann keinen externen Besuch bekam, nahmen die Eltern und die Großeltern der jungen Frau an dem Essen teil. Insbesondere die Großeltern wollten sich anschauen, wo ihre Enkelin künftig lebt, und da wir strikt gegen „Besichtigungen“ sind, schließlich wohnen wir hier nicht im Streichelzoo, haben wir das gemeinsame Essen zum Anlass genommen, sie gezielt einzuladen und uns dabei kennenzulernen.

Damit das niemand falsch versteht: Jeder darf hier Besuch empfangen, wann er will und wen er will. Aber dann in seinem Zimmer. Es gibt auch kein Problem damit, wenn der Besuch mitkommt in die Küche oder in den Gruppenraum, mit kocht oder mit fernsieht. Und wenn sich dabei jemand bekleckert, wird auch niemand meckern, wenn man kurzfristig die Jeans eines Besuchs durch die Waschmaschine schickt. Aber Führungen durch alle Etagen, gerade noch mit mehreren Peronen, mal eben alle Bewohnerinnen und Bewohner kennen lernen, an alle Zimmer anklopfen und reinschauen wollen, wie das öfter von Organisationen und interessierten Personen angefragt wird, lehnen wir kategorisch ab. Das würde jemand aus einem Mietshaus oder einer großen Mehrgenerationen-/Patchwork-WG auch nicht einfach so mit sich machen lassen wollen.

Der Nudelauflauf schmeckte mir recht gut, den Eltern unseres Neuzugangs hingegen überhaupt nicht. Die Mutter ließ nach dem ersten Bissen durchblicken, dass man „bisher immer genug Geld gehabt hat, um die einzelnen Komponenten einer Mahlzeit sauber zu trennen“, und der Vater fügte mit spitzer Zunge hinzu, dass der Kommentar seiner Gattin „möglicherweise unberücksichtigt gelassen hat, dass der Matsch zwischen den zerkochten Teigwaren auch das Produkt einer spastischen Attacke sein könnte, in der seiner Tochter alles in den Häcksler geraten sei, was in der Küche so herumlag.“ Das entschuldige zwar einiges, erkläre aber auch, wie die zwischen den Zähnen knirschenden Eierschalen in den Braten geraten seien.

Ich weiß zwar nicht, was im Vorfeld alles vorgefallen sein mag, damit man so wird. Aber vor unbeteiligten Menschen derart über seine eigene Tochter zu pesten, passt in ein Familienbild, das durch mindestens eine psychische Erkrankung und Entscheidungen der Jugendbehörde mitgezeichnet wurde. Unser Frischling fing zu heulen an und bat die Eltern, zu gehen, Sofie setzte ein eindeutiges Zeichen, rollte zur Tür, öffnete diese demonstrativ und sagte zu Marias Assistentin: „Könnten Sie den Herrschaften vielleicht ein Bündel rohe Karotten und eine Flasche Mineralwasser, sauber getrennt, mit auf ihren Weg nach draußen geben?“ – Worüber sich die Tochter plötzlich kiechernd amüsierte. Die Eltern gingen und ließen ihren dampfenden Auflauf und einen ratlosen Opa zurück, dessen zwei Hörgeräte anscheinend mehr auf einen direkten Dialog als auf eine größere Unterhaltung eingestellt waren, und der die mit zerknirschter Miene ebenfalls zurück gebliebene Oma mit gerunzelter Stirn fragte: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Woraufhin die Oma laut antwortete: „Das erzähle ich dir später, lass uns essen.“

Der Rest des Essens verlief ruhig und harmonisch. Anschließend schaute sich der Opa das Zimmer seiner Enkelin an und war wohl schwer begeistert. Er sprach auch mit Maria und bat sie, ob sie ihm auch ihr Zimmer zeigen könnte. Er erzählte, dass seine letzten Erinnerungen an Menschen, die ständig „untergebracht“ seien, ihn in die 1960er Jahre zurück führten, als ein selbstmordgefährdeter Bruder lange Zeit in einer geschlossener Einrichtung gelebt habe. Maria erklärte ihm, dass hier niemand „untergebracht“ sei, sondern alle Menschen hier freiwillig und aus persönlicher Überzeugung wohnen würden – und sich jederzeit auch eine eigene Wohnung suchen dürften und könnten. Sie seien halt nur von Pflege oder Assistenz abhängig. Beides lasse sich besser im großen Rahmen organisieren als für eine einzelne Person – wenngleich hier jeder seine Hilfen für sich selbst organisiere und Leute wie beispielsweise die Stinkesocke allenfalls hauswirtschaftliche Hilfen (Getränkekiste tragen, Glühbirne wechseln) abrufe.

Der Opa sagte, er habe sich das ganz anders vorgestellt. Selbst ein Zimmer, in dem jemand wohne, der ständig auf Hilfe durch andere Menschen angewiesen sei, unterscheide sich nicht von einem Zimmer in einer ganz normalen Familie mit nicht behinderten Menschen. Und niemand laufe in weißen Hosen herum. Als er gehört hatte, seine Enkelin werde in einer Einrichtung untergebracht, hätte er sich eine Anschlussbehandlung an den Klinikaufenthalt, so etwas wie eine Kurklinik, vorgestellt. Etwas stationäres. Hier würde man jedoch wohnen und leben. „Das gefällt mir ganz ausgezeichnet, das ist sehr gut für unser Mädchen“, sagte er zur Oma und nahm sie in den Arm. Und fragte sie: „Ich finde, wir sollten uns erkundigen, ob wir ihr monatlich ein kleines Taschengeld zahlen können, was denkst du?“ – „Das finde ich eine sehr gute Idee von dir, Vater, das unterstütze ich sofort!“

Schneehasen in Schneehosen

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Normalerweise sollte man mindestens 18 sein, wenn man bei uns wohnen will. Falls der- oder diejenige gut zu uns passt, die Eltern zustimmen und geklärt ist, wer zuverlässig die Miete zahlt, machen wir auch schonmal eine Ausnahme mit 17 oder gar 16 Jahren. Noch jüngere Leute können wir uns nicht vorstellen. So haben wir es mal gemeinsam beschlossen.

Im September letzten Jahres haben wir uns alle (also alle Bewohner unseres Wohnprojekts) versammelt und darüber beraten, ob wir auf fast schon verzweifelte Bitten des Jugendamtes einen 14-jährigen Jungen bei uns aufnehmen sollten. Der Junge solle auf vorläufigen Beschluss eines Gerichts nicht mehr bei seinen Eltern wohnen, er selbst wolle das auch nicht, eine geeignete Pflegefamilie stünde nicht zur Verfügung, in eine Einrichtung wolle man ihn nicht stecken. Wegen einer angeborenen Querschnittlähmung (Spina bifida) sei er auf den Rollstuhl angewiesen, könne einzelne Schritte mit Festhalten gehen, besuche die Realschule … lange Rede, kurzer Sinn: Nach einem Probewohnen zog er bei uns ein. Ich habe ihn als aufgeweckten jungen Mann wahrgenommen, der genau wusste, was er wollte. Unter anderem: Bloß zu Hause raus. Wie er selbst mehrmals öffentlich erzählte, seien Gewalttätigkeiten dort an der Tagesordnung gewesen. Die Miete wurde komplett aus öffentlichen Kinder- und Jugendhilfemitteln übernommen, ob die Eltern zuzahlen mussten, weiß ich nicht. Anfangs alle zwei, später alle drei Tage kam eine Sozialarbeiterin für rund eine Stunde zu ihm, nach der Schule ging er für zwei bis drei Stunden in eine ambulante Betreuungseinrichtung, wo er Mittagessen und Hausaufgabenhilfe bekam. Insgesamt fanden wir die Sache „rund“ und anfangs fügte sich der junge Mann auch gut in unsere WG ein. Saß mit im Aufenthaltsraum, spielte Gesellschaftsspiele mit …

Doch irgendwann schien er überfordert zu sein. Wir haben etliche Gespräche mit der Sozialarbeiterin geführt, drei Mal haben Frank und Sofie einen sehr ausführlichen Brief an die zuständige Mitarbeiterin vom Jugendamt geschickt, die auch reagiert hat, sogar persönlich vorbei schaute und mit dem jungen Mann sprach – insgesamt fielen aber weder ihr noch der Sozialarbeiterin neue Ideen ein. Ich finde es insgesamt so erschreckend, weil ich glaube, dass die ganze Mission gescheitert ist, liegt einzig und allein an den Betreuungsangeboten, die seinen Bedürfnissen nicht gerecht wurden. Oder anders ausgedrückt: Mit ein wenig mehr Flexibilität hätte man ihm den Himmel auf Erden bereiten können. Nun ist er zurück in der Hölle: Die Eltern haben es mit anwaltlicher Hilfe nach einigen Monaten irgendwie hinbekommen, das Sorgerecht zurück zu bekommen und ihn wieder zu sich nach Hause geholt. Einfach unglaublich und aus meiner Sicht einfach ungeheuerlich. Ich kenne nicht die Einzelheiten, kann mir kein abschließendes Urteil erlauben und rechtlich mag die Entscheidung auch formal richtig sein – ich weiß es nicht. Mein Herz und mein Bauch sagen mir etwas anders. Sie schreien nahezu.

Der junge Mann hatte, wie alle Leute mit Querschnittsymptomatik, eine gelähmte Blase (und einen gelähmten Darm). Das bedeutet: Beides entwickelt ein Eigenleben, das es gilt, mit gewissen Tricks so zu beeinflussen und damit zu kontrollieren, dass man eine relative Kontinenz herstellt. Der Darm lässt sich im allgemeinen relativ leicht dazu zu erziehen, sich, auch wenn die Verbindung vom Gehirn zum Schließmuskel unterbrochen ist, nur zu einer bestimmten Tageszeit zu entleeren. Er macht nur dann was er will, wenn er völlig sich selbst überlassen wird. Bei der Blase wird es etwas schwieriger, da durch unterschiedliche Füllzustände und Lage im Körper jede Menge fremder Reize auf sie einwirken und sie bei unterbrochener Reizleitung zum Gehirn oft nicht „weiß“, auf welche Reize sie denn nun reagieren soll oder auf bestimmte Reize permanent reagiert. Unterschiede gibt es auch noch je nach Höhe der Schädigung.

Wie dem auch sei: Meistens wird die Blasenmuskulatur mit Medikamenten künstlich gelähmt und die Blase dann mithilfe eines Katheters, der für die Dauer des Entleerungsvorgangs (also rund 30 Sekunden) durch die Harnröhre in die Blase geschoben und anschließend sofort wieder entfernt wird, entleert. Leider haben diese Medikamente eine sehr geringe therapeutische Breite, soll heißen: Zu wenig bringt nichts, zu viel macht schnell Nebenwirkungen. Insbesondere Menschen mit angeborener Querschnittlähmung haben oft schon Nebenwirkungen, bevor überhaupt die erwünschte Wirkung eintritt. Hinzu kommt, dass die von der Krankenkasse bezahlten billigen Medikamente oft eine sehr kurze Halbwertszeit haben, also wenig geschmeidig wirken und so alle paar Stunden nachgeworfen werden muss, um zuverlässig einen wirksamen Wirkstoffspiegel im Blut zu haben. Da insbesondere bei einem 14-jährigen jungen Mann nicht davon ausgegangen werden kann, dass der nie die Einnahme vertrödelt, die Tabletten zu Hause vergisst oder sonst irgendwas nicht nach Plan läuft, ist die eine oder andere nasse Hose vorprogrammiert.

Und genau damit war das Jugendamt bzw. die Sozialarbeiterin überfordert. Ja, richtig gelesen, sie waren damit überfordert. Genauso wie einst die Eltern. Genauso wie einst ich, als mir das zum ersten Mal passiert ist. Ich weiß nicht, was sie veranstaltet haben, jedenfalls kann es nicht förderlich gewesen sein und wir hatten plötzlich überall im Haus, in erster Linie im Keller, in irgendwelchen Plastiktüten im Putzschrank, in Wäschetonnen, später auch in seinem Zimmer, nasse Hosen von ihm versteckt, von denen er wohl gehofft hat, niemand würde sie jemals finden. Vermutlich. Verdrängung pur. Beim Öffnen so einer Tüte schlug einem eine Ammoniakfahne entgegen, von der man das Gefühl hatte, sie würde einem auf Schlag sämtliche Nasenschleimhäute wegätzen.

Ein paar Mal hat die Sozialarbeiterin mit ihm zusammen alles mögliche auf den Kopf gestellt, seine Sachen durchsucht, alle Räume, zu denen er Zugang hatte, und alles mögliche gefunden. Er hatte zwar behauptet, das gehörte ihm alles nicht, aber komischerweise waren das alles Klamotten in seiner Größe, an die man sich teilweise auch erinnerte. Und vor allem ist ja ein noch so großer Kleiderschrank ja irgendwann mal leer. Dass er die Waschmaschine alleine bedienen kann, hat man ihm wohl abgesprochen, vielleicht aus Angst, er könnte irgendwas zu heiß waschen. Spätestens als er die „pädagogisch wertvolle“ Auflage bekam, sich bei uns zu entschuldigen und die Sozialarbeiterin mit ihm wie mit einem Hund an der Leine durch alle Zimmer ging, ihn vor sich hinstellte und im Hintergrund beschwichtigende Bewegungen machte … Wahnsinn. Ich hatte mal einen sehr guten Draht zu ihm, als ich nach dieser Aktion abends spät zu ihm ins Zimmer gerollt bin und ihm gesagt habe: „Kannst auch zu mir kommen, wenn du mal was waschen willst. Ich stell keine dummen Fragen. Versprochen.“ Schließlich muss ich nicht um Erlaubnis fragen oder jemanden mitnehmen, wenn ich waschen will.

Ganze zwei Mal kam er wirklich. Danach bekam ich einen heftigen Einlauf, ich solle mich nicht in die Arbeit der Sozialpädagogen einmischen, ich hätte mit ihnen sprechen müssen, aber auf eigene Faust führe das dazu, dass sie ihre Stellung und damit ihren Draht zu dem Jungen verlieren. Ich war auf 180, habe aber überlegt, das ganze als dumme Idee auf meine Kappe zu nehmen, bevor sie ihn unter Druck setzen und er etwas verbotenes tut, wenn er zu mir kommt. Letztlich kam er nicht mehr, ging mir aus dem Weg. Die ganze Aktion war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ende letzten Monats holten die Eltern ihn hier wieder raus. Ausgang ungewiss.

Ich bin sehr traurig über diese Entwicklung, weil ich das Gefühl habe, der richtige Weg war greifbar nah und die Eltern tun ihm erst recht nicht gut. Er hatte ja mehrmals geäußert, dorthin nicht zurück zu wollen. Am Ende wollte er dann doch. Ich sehe ihn vor mir wie einen ehemaligen Mitschüler, der auf dem Schwebebalken turnen sollte und verkrampft darauf rumsprang und runterfiel – aber erst, als sich die Sportlehrerin daneben stellte und ihm damit Hilfe und Sicherheit angeboten hat. Ich bin mir sicher, unser junger Mann wäre seinen Weg gegangen gerollt. Ich habe ihn gemocht, ich habe ihn lieb gehabt, ich bin sehr traurig. Aber ich weiß auch nicht, wie ich ihm helfen kann. Vermutlich kann ihm keiner helfen.

Eine letzte Anekdote am Rande: Er stand auf Thermokleidung. Also Schneehosen, Skianzüge, sowas. Und das wohl am besten auf nackter Haut. Jedenfalls hat er alle jüngeren Frauen bei uns angesprochen und mehrmals Geschichten erzählt von Mitschülerinnen, die morgens in der Schule ihre Schneehose ausziehen und dann nur in der Unterhose im Klassenraum stehen und aus ihrem Rucksack die Jeans holen und anziehen. Das ginge jawohl gar nicht…

Nicht völlig ausgeschlossen, dass sich das so zugetragen hat, aber schon merkwürdig – und warum erzählt er das jedem jeder? Weil er über das Thema ins Gespräch kommen wollte. Weil er wissen wollte, ob sein Faible, wenn man es so bezeichnen darf, nämlich Schneehasen in Schneehosen, normal ist. So habe ich das vermutet, bin auf ihn eingegangen, auch wenn mich das Thema überhaupt nicht interessiert, und er hat danach noch ein paar Mal versucht, mit mir über das Thema ins Gespräch zu kommen. Ich habe das dann aber abgeblockt, weil er nicht offen und ehrlich war, sondern wieder irgendwen vorgeschoben hat und dieselbe Geschichte, die er eine Woche zuvor Cathleen erzählt hat, mir mit ähnlicher Handlung nochmal als nagelneu aufgetischt hat. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt darüber lustig gemacht, nur redet man ja miteinander und solche Geschichten sind ja eher ungewöhnlich, so dass sie dann doch mal zufällig am Rande Thema einer Unterhaltung werden.

Und das alles wäre nicht erwähnenswert, wäre da nicht am Ende die Sozialpädagogin gewesen, die direkt nach seinem Auszug noch einmal in unsere WG kam und wissen wollte, ob er uns sexuell belästigt hätte. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie einige Zettel auf den Tisch legte, auf dem sich jemand Notizen gemacht hatte. Unter anderem stand dort:

„(18.01.12) Jule hatte als Kind einen Schneeanzug von C&A. Hat heute eine dunkelblaue Thermohose der Marke KJUS. Trägt immer Leggings etc. drunter. Hat angeblich immer eiskalte Beine im Winter.“

Unmöglich. Absolut unmöglich. Dass sie diese Zettel bei sich trägt. Die wird er sicherlich nicht freiwillig rausgegeben haben. Und vermutlich nie zurück kriegen. Ich kann nur nochmal sagen: Mir tut der junge Mann Leid. Kann ihm mal irgendjemand etwas Intimsphäre belassen?

Eine Sache haben wir gelernt: Noch einmal wird es so eine Zusammenarbeit mit einem externen Träger nicht geben. Noch einmal werden wir so eine Jugendamtssache nicht machen. Es sei denn, wir werden vollständig in das „pädagogische Konzept“ eingebunden. Bisher haben wir mit solchen Versuchen nur schlechte Erfahrungen gemacht. Der letzte 14-jährige, der uns Unterwäsche geklaut und Zeitungen im Flur angesteckt hat, wurde auch von einer externen Sozialarbeiterin betreut, bevor wir ihn rausgeworfen haben.

Ich gehe mit meiner Laterne

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… und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bumm.

So habe ich es im Kindergarten gelernt. Man könnte jetzt über den tieferen Sinn und über Parallelen im Leben, in meinem Leben, nachdenken und würde bestimmt irgendetwas finden. Ganz bestimmt.

In diesem Moment finde ich es allerdings lediglich schade, dass es am Ende nicht „la bummel“ heißt. Denn „Bummel“ heißt mein neuer vorläufiger weiblicher Vormund. Kein Scherz. Und der Name ist auch keineswegs Programm, dazu aber später mehr.

Erstmal muss ich erwähnen, dass es sich um eine etwa 1,80 Meter große Frau Mitte 30 handelt, die einen blonden Igelhaarschnitt trägt und eine Stimme hat, dass ich sie nicht brüllen hören möchte. Bezogen auf den Körperbau könnte man annehmen, sie sei Zehnkämpferin. Sie sagte, sie führe ehrenamtlich mehrere Betreuungen, jedoch noch keine Vormundschaft. Sie wohne mit ihrem Onkel zusammen in einem Haus im Hamburger Stadtteil Harburg, mit ihr vier Pflegekinder. Ein Pflegekind sei 14 Jahre alt und habe Spina bifida, eine angeborene Querschnittlähmung.

Das Gericht, eine Richterin, vermutlich um die 60 Jahre alt, stellte kaum Fragen, sondern wollte von meinem Vater wissen, wie er sich seine Zukunft mit mir vorstelle. Er antwortete, dass er keinen Bock darauf habe, sich für alles ständig rechtfertigen zu müssen. Die Richterin las ein Gutachten vor und fand, dass meine Mutter zur Zeit nicht für mich sorgen könne. Da ich erst 17 sei und es augenscheinlich niemanden gäbe, der für mich sorgen würde, auch nicht ein bißchen, so dass man es ergänzen könnte, müsste ich vorläufig einen Vormund bekommen. Ob ich jemanden vorschlagen wollte.

Da es innerhalb meiner Familie niemanden gab, der dafür in Frage käme, hätte ich am liebsten den Rechtsanwalt vorgeschlagen, der auch mein Geld aus dem Unfall betreut. Der hatte aber abgelehnt, er sei zu beschäftigt. Entsprechend wurde das Jugendamt beauftragt, jemanden zu benennen und die zauberten auch gleich die Frau Bummel aus dem Hut. Ja, sie heißt wirklich so! Mein Anwalt hatte schon vorher schriftlich beantragt, einige inhaltliche Dinge festzuschreiben. Dass ich weiter in der WG wohnen darf, dass ich weiter die Schule besuchen darf und dass ich weiterhin meinen Sport und meine Therapien machen soll. Die Richterin legte diese Dinge so fest. Ebenso, dass die Vermögensdinge bei diesem Rechtsanwalt bleiben.

Frank sagte, dass er die Frage, ob ich weiterhin Auto fahren darf, lieber nicht stellen möchte. Solange niemand darüber stolpert, sollte man keine schlafenden Hunde wecken.

Diese Entscheidung gilt vorläufig für zunächst drei Monate. Während dieser Zeit wurde meinem Vater auch verboten, Kontakt zu mir aufzunehmen. Das heißt, lediglich ich dürfte ihn anrufen, aber nicht umgekehrt. Kontakt zu mir soll nur über das Jugendamt laufen. In drei Monaten, also Anfang April, will man das eventuell noch einmal verlängern. Danach darf man nicht mehr verlängern, sondern es müsste ein länger gültiger Beschluss gefasst werden mit Gutachten und großem Aufwand, das will man aber wohl umgehen, da das dann nur noch für wenige Wochen gelten würde, bevor ich 18 bin.

Zurück zu Frau Bummel: Sie wollte als erstes zu mir mit in die WG. Jeder andere hätte gesagt: „Ich möchte mir mal ein Bild von Ihrer Wohnsituation machen.“ Frau Bummel sagte: „Ich möchte Ihre Unterkunft mal in Augenschein nehmen.“ Ja nee, is klar.

Spricht ja auch nichts dagegen, sie ist ja nun offiziell für mich zuständig. Sie verlangte nun, einen Schlüssel für die Wohnungstür und für mein Zimmer (das ist derselbe) zu bekommen. Außerdem möchte sie, dass ich mein Handy für eine Ortung freischalte, so dass sie jederzeit sehen kann, wo ich bin. „Die Kosten hierfür sind aus dem Mündelvermögen zu begleichen.“ So redet sie.

Es geht noch weiter: Über eben dieses Mündelvermögen müsste sie ein Verzeichnis anlegen. Ich sollte ihr eine detaillierte Aufstellung über alles geben, was mir gehöre. Jede CD, jeder Kugelschreiber, jede Unterhose. Ich habe geantwortet: „Für solchen Mist habe ich keine Zeit. Ich muss für die Schule lernen.“ Daraufhin sagte sie: „Dann machen wir das zusammen. Das Gericht schreibt es vor.“

Irgendwas skurriles wollte sie noch. Das habe ich vergessen. Und dann: Es könnte sein, dass sie ihren Onkel vorbeischickt, wenn sie mal keine Zeit hätte und dringend etwas mit mir geklärt werden müsste.

Frank rollte durch die offene Tür in mein Zimmer. „Na, alles klar?“ – „Sag mal, kennst du dich mit diesem Vermögensverzeichnis aus? Frau Bammel sagt, es müsste jeder Kugelschreiber benannt werden.“ – „Wieso, für dein Vermögen ist doch der Rechtsanwalt weiter zuständig?! Und alles, was hier an Kleinteilen rumliegt, ist kein Vermögen, sondern das sind Haushaltsgegenstände im üblichen Rahmen.“

Frau Bammel antwortete nicht. Ich fragte weiter: „Und was ist mit einem Schlüssel für die WG und mein Zimmer?“ – „Wofür brauchen Sie den denn?“ fragte Frank. Sie blickte ihn genervt an und antwortete: „Es könnte ja mal was sein, ein Notfall. Und sie ist alleine zu Hause.“

Irgendwie hat Frank auf alles eine Antwort parat: „Dann rufen Sie einen Schlüsseldienst und lassen Ihr Mündel das bezahlen. Ganz einfach. Und wenn kein Notfall ist, können Sie klingeln. Oder finden Sie nicht? Hier wohnen ja schließlich auch noch andere Leute, die sich ängstigen, wenn plötzlich wildfremde Leute vor ihnen in der Wohnung stehen.“

„Dann wäre da auch noch die Handyortung“, fuhr ich fort. Wenn schon, denn schon. – „Die elektronische Fußfessel darf im Strafvollzug nur mit Zustimmung des Betroffenen angewendet werden. Wie sieht es aus, Julia, stimmst du zu?“

Ich wollte sie nicht unnötig reizen, sondern ernsthaft antworten: „Ich denke, dass Sie mich anrufen können, wenn Sie etwas von mir wollen. Meine Handynummer haben Sie ja. Ich mache keinen Blödsinn, ich mache nichts Verbotenes. Aber rund um die Uhr abfragen wo ich bin? Das geht mir zu weit.“ – „Ich muss jederzeit wissen, wo Sie sind.“ – „Ja, dann rufen Sie mich an, wenn Sie es wissen müssen, dann sage ich es Ihnen.“

Am Ende hat sie es geschluckt. Und ist abgedampft. Ohne Vermögensverzeichnis, ohne Schlüssel und ohne Freischaltung zur Handyortung.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne und unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht‘ mich nicht, la bimmel, la bammel, la bummel.

Wahnsinn.