Schwimmen einmal anders

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Was bin ich froh, dass ich am Montagmorgen nicht zur ersten Stunde in die Schule muss. Nachdem gestern abend Sofie, Frank, Liam, Lina und ich Luisa für einen gemeinsamen Spieleabend besucht haben (Juliane, eine weitere Freundin von Luisa, war auch noch da) und es etwas später wurde, war ich froh, heute morgen etwas länger schlafen zu können. Zusammen mit einem Block Freistunden ließ sich der Vormittag ganz gut ertragen.

Heute nachmittag wollte ich noch einmal schwimmen gehen, allerdings für mich alleine. Bis zur Schwimmhalle sind es etwa 1.500 Meter, die schaffe ich locker in fünf bis zehn Minuten. Je nach Ampelphasen – und zu Fuß natürlich. Am nervigsten finde ich dabei immer die Packerei und Schlepperei. Während ich überlegte, ob ich den ganzen Kram überhaupt in der kleinen Sporttasche mitbekommen würde, oder ob ich eine große nehmen muss (und wie kriege ich die dann mit?), warf ich die komplette Planung und alle fünfhundertundzwo Empfehlungen aus der Ergotherapie und der Reha über Bord und besann mich neu: Was brauchst du wirklich, Stinkesocke?

Übrig blieben: Ein großes Handtuch, eine Schwimmbrille, Duschgel, eine Bürste und meine Chipkarte für die Kasse sowie ein Euro für den Schrank. Fertig. Diesen ganzen Zirkus wie: Wasserdichtes zweites Sitzkissen, Handtuch für das Sitzkissen, Handtuch für die Rückenlehne, Handtuch zum Abtrocknen, Handtuch für die Füße, zweite Hose, Müllbeutel, Windeln, Analtampons, Katheter, Desinfektionsmittel, Einmalhandschuhe, Einmalwaschlappen und das Schaumstoffbrett für den Boden zum Ein- und Aussteigen aus dem Wasser schenkte ich mir. „Man muss sich nicht behinderter machen als man ist“ lautet der Standardspruch meiner Leute. Das sollte nun auch mal für mich gelten. Wenn man unerfahren und neu in der „Branche“ ist, sind diese kleinen Helferlein ja ganz nützlich, aber das muss auch unkomplizierter gehen, gerade wenn man den ganzen Kram herumschleppen muss.

Also: Zu Hause auf Klo gegangen, Analtampon eingeführt, Badeanzug angezogen, Jeans drüber, Fleeceshirt drüber, großes Handtuch zusammelgerollt mit Duschgel, Bürste und Schwimmbrille drin, Chipkarte und einen Euro sowie den Haustürschlüssel und das Handy eingesteckt und los. Auf der Hinfahrt klappte alles prima, keine Schlange an der Kasse, schnell die Jeans und das Fleeceshirt in den Schrank, kurz unter die Dusche gesetzt, auf dem Rollstuhl das Sitzkissen umgedreht (von unten ist der Bezug nämlich rutschfest und wasserdicht), großes Handtuch auf das Sitzkissen und über die Rückenlehne gelegt, ab ins Wasser.

Dieses Mal waren nicht so viele Kaffeetanten unterwegs, dafür aber ein Typ, der sich mit mir die Bahn teilte und natürlich, da er mit Beinen schwamm, deutlich schneller war als ich. Er überholte mich jede dritte Bahn. Als wir zusammen am Ende ankamen, sprach er mich an: „Warte mal.“ Häh?! Was? Ich kenne den überhaupt nicht. „Du schwimmst ohne Beinschlag, dafür bist du ganz schön schnell. Darf ich dir einen Tipp geben?“ Ich zuckte mit den Schultern und nickte. „Wenn du die Hand in dem Moment, wo sie aus dem Wasser kommst, etwas aus dem Unterarm heraus drehst, kriegst du sie leichter aus dem Wasser. Das macht weniger Unruhe. Du machst so …“, führte er vor, „und sinnvoller ist es so.“ Okay?! Hat mir noch nie einer gesagt. Also versuchte ich es. Ich merkte jetzt nicht so den Unterschied, aber er fand, es würde deutlich besser aussehen. Mal Tatjana fragen, was sie davon hält.

„Ich habe dich noch nie hier gesehen. Schwimmst du öfter hier?“ fragte er beim nächsten Treffen, 10 Minuten später, weiter. Ich erklärte ihm, dass wir hier manchmal Schwimmtraining machen, das aber nur die Ausweichhalle ist. Und ich jetzt privat hier wäre. Was wollte der Typ eigentlich von mir? Der war mindestens 10 Jahre älter als ich. Aber er schien mich zumindest interessant zu finden.

Nach zwei Stunden, er trainierte immernoch, kletterte ich aus dem Wasser. Jetzt fror ich und vor allem der Weg zur Dusche war kalt. Was ich nicht bemerkt hatte, war, dass der Typ auf der anderen Seite des Beckens ebenfalls rausgeklettert war und mir plötzlich und „zufällig“ über den Weg lief. „Na, schon fertig?“ fragte er mich. Ich überlegte, ob es nervte oder ob ich ihn nett finden sollte. „Ja, du auch?“

„Ja, brauchst du Hilfe?“ Ich schüttelte den Kopf. ‚Wollte er mir beim Duschen helfen?‘ dachte ich und grinste in mich hinein. „Darf ich fragen, wie das passiert ist?“ fragte er.

„Verkehrsunfall“, beantwortete ich seine Frage. „Ich war Fußgängerin auf dem Weg zur Schule und eine Rentnerin hat mich plattgefahren.“ Er zeigte sich entsetzt. Und wollte wissen: „Hast du noch Schmerzen? Entschuldige, wenn ich zu aufdringlich bin, aber ich kann mich da überhaupt nicht hineinversetzen.“ – „Nein, Schmerzen habe ich nicht. Mir geht es ganz gut. Rollstuhlfahren ist halt etwas umständlicher als Laufen, manchmal etwas nervig, wenn Aufzüge nicht gehen oder so, aber man kommt zurecht. Und man hat immer seinen Sitzplatz dabei“, scherzte ich. Er lächelte unbeholfen.

Dann erzählte er mir, dass sein Vater einige Jahre vor seinem Tod im Rollstuhl gesessen hat, nachdem man ihm wegen Knochenkrebs ein Bein im Oberschenkel amputieren musste und er keine Kraft mehr hatte, um mit Hilfsmitteln zu laufen. Er habe sich jedoch völlig aufgegeben. „Krebs ist ja nochmal eine ganz andere Situation“, versuchte ich, etwas schlaues beizutragen. Er nickte. Irgendwann setzte er sich auf einen vor meinem Umkleideraum im Gang herumstehenden Duschrollstuhl und erzählte mir die halbe Leidensgeschichte von seinem verstorbenen Vater. Merkwürdigerweise werden einem, wenn man im Rollstuhl sitzt, sehr häufig solche Geschichten erzählt. Meine Freundinnen berichten davon auch in einer Tour. Allerdings hatte dieser Typ eine angenehme Art, zu erzählen, und er fragte auch viel und war sehr interessiert. Was mich ja sehr nervt, sind diese Leute, die alles verstehen können, aber dabei 1000 Mal erklären, wie Scheiße das Leben ist und das sowieso alles egal ist und sie auch schonmal 6 Wochen im Rollstuhl saßen. Aber er war anders.

Inzwischen war ich getrocknet und mir war nicht mehr kalt. Komischer Ort, um sich zu unterhalten. Noch dazu in Badesachen und in einem öden Gang. Ich hatte aber auch keine Lust, ihn noch auf einen Kaffee einzuladen, weil ich nicht abschätzen konnte, was er sich davon versprechen würde und was er noch so für Krisen durchlebt hat. Schließlich bin ich ja auch nicht sein Psychiater. Als ich mich von ihm verabschiedet hatte und endlich zum Duschen rollte, bereute ich das allerdings. Vielleicht hätte ich ihn doch einladen sollen. Dann fiel mir jedoch ein, dass ich ja nur das nötigste zum Schwimmen mitgenommen hatte, also nicht nur kein Geld für den Kaffee dabei hatte, sondern außerdem auch nur ein Fleeceshirt und vor allem keine Pampers. Also hatte das wohl alles so seinen Sinn, dachte ich mir. Vielleicht treffe ich den Typen ja nochmal wieder irgendwann. Als ich aus meiner Umkleide rauskam, war er jedenfalls schon über alle Berge.

Eine Nacht am Strand

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Noch sind Sommerferien. Das muss man ausnutzen. Vor allem, wenn so geniales Sommerwetter ist und dann auch noch die beste Freundin Geburtstag hat. Es war nicht so einfach, eine Strandparty zu organisieren, ohne dass die Hauptperson davon etwas mitkriegt, denn immerhin musste ja auch die Mutter eingeweiht werden.

Während Cathleen am Morgen bei ihrer Oma im Seniorenheim war, um sie zu besuchen, fuhren Sofie und ich zu ihr nach Hause, luden einige Sachen ein, die die Mutter zusammengepackt hatte. Dann düste Sofie mit meinem Auto *bibber* wieder weg und ich unterhielt mich ein bißchen mit der Mutter und den zwei Schwestern bei zwei Gläsern Apfelschorle.

Als Cathleen wiederkam und mich sah, begrüßten wir uns, ich erwähnte aber nichts vom Geburtstag, sondern meinte nur: „Ich bin gerade zufällig in der Gegend und wollte dich mal spontan besuchen kommen.“ Ich merkte, dass die Frage einen Moment in ihrem Kopf hin und her kreiste, bevor sie sie aussprach: „Sag nicht, du hast meinen Geburtstag vergessen.“ Ich stieg voll drauf ein. „Hattest du etwa gestern?“ LOL

Was sich liebt, das neckt sich. Nach einem kurzen Ringkampf hatte sie mir verziehen. Dass es noch dicker kommen sollte, ahnte sie noch nicht. Ich sagte ihr, ich würde sie auf ein Eis einladen. Am Bahnhof kenne ich einen guten Eisladen. Die Mutter sagte: „Ich fahr euch hin.“ Cathleen schaute ungläubig aus der Wäsche. „Hier ist doch ein Eisladen um die Ecke?“ – „Aber der am Bahnhof ist viel leckerer.“

Also die Rollstühle ins Auto verfrachtet, zum S-Bahnhof gefahren, ausgeladen. „Und wo ist nun der Eisladen?“ – „Ja nicht hier, in Hamburg am Hauptbahnhof!“ – „Wie, wir wollen jetzt nach Hamburg? Du weißt schon, dass ich heute um 16 Uhr einige Leute eingeladen habe? Meinst du nicht, dass das etwas knapp wird?“

Nee. Wir saßen in der S-Bahn und erreichten 45 Minuten später Hamburg Hauptbahnhof. Da Cathleen -wie immer- ziemlich viel zu erzählen hatte, verging die Fahrt schnell. Wir stiegen aus, aber anstatt zu einem Eisladen zu gehen, fuhr ich auf ein anderes Gleis und wollte in den dort stehenden Zug einsteigen, bat den Zugführer, die Rampe auszufahren. „Wo um alles in der Welt willst du hin? Wir sind doch nie im Leben um 16 Uhr wieder zurück! Was heckst du hier mit mir aus?“

„Ich habe alles im Griff. Ich habe mich kurzfristig umentschieden. Ich kenne noch einen viel besseren Eisladen.“ – „Ach, verarsch mich nicht, wo fahren wir hin?“ – „Lass dich überraschen!“ – „Aber was ist mit den Leuten?“ – „Ich habe alles im Griff. Entspann dich mal.“ – „Aber meine Mutter? Sag nicht, die ist eingeweiht und hat mitgemacht.“ Ich grinste.

Der Zugbegleiter durchkreuzte meinen Plan ein wenig. Er fragte bei der Kontrolle der Wertmarken, wo wir aussteigen. Ich sagte: „Sie hat heute Geburtstag. Das ist noch eine Überraschung.“ – „Auf solche Spielchen habe ich keinen Bock. Schließlich brauchen Sie Hilfe beim Aussteigen und das möchte ich rechtzeitig wissen.“ – „Endstation“, erwiderte ich, in der Hoffnung, dass es ihm reichte. Nein, er musste es nochmal verdeutlichen: „Also Lübeck-Travemünde Strand?“ Ich war übelst angepisst. „Jaha.“

Cathleen fragte sofort: „Fahren wir etwa an den Strand?“ – „Wir fahren Eis essen“, erwiderte ich. Cathleen konnte ihre Neugier kaum beherrschen: „Och menno, sag doch mal!“ In Travemünde stiegen wir in einen Bus nach Neustadt. „Ich sehe die Ostsee!“ quiekte Cathleen. „Gehen wir schwimmen?“

„Du hast doch gar keine Badesachen dabei“, erwiderte ich. Cathleen, völlig happy: „Das ist mir doch scheiß egal. Gehen wir schwimmen? Ich will unbedingt schwimmen!“ Nach einiger Zeit kamen wir in Haffkrug an. An der Bushaltestelle warteten bereits: Simone, Sofie, Luisa (mit Freundin), Lina, Liam, Frank, Juliane, Schatzi Kevin, Isabel (gennant Isi, kannte ich noch nicht), Steffi und Sarah (kannte ich ebenfalls noch nicht) sowie Steven, der Freund von Sarah.

15 aufgedrehte Leute, davon 13 im Rollstuhl – die Urlauber, die an uns vorbei gingen, glotzten, als wären gerade Außerirdische gelandet. „Muddi guck mal“, sagte ein älterer Herr deutlich vernehmbar. Liam, neben Luisas Freundin der einzige Läufer, erwiderte wie aus der Pistole geschossen: „Im Namen der Anstalt heiße ich euch alle herzlich willkommen auf unserem heutigen Gruppenausflug.“ Isabel kippte fast aus dem Rollstuhl vor Lachen. „Bitte tragt eure grüne Ausgangskarte an einem Bändsel für jedermann sichtbar um den Hals und lauft nicht ohne zu gucken auf die Straße.“

Dann konnte die Party ja beginnen. „Luisas Freundin hat dir schon einen Kuchen gebacken, hier auf dem Parkstreifen, da ist aber leider vorhin ein Auto drübergefahren“, sagte Liam und deutete auf einen kleinen Sandhaufen, durch den sich eine Reifenspur zog. Cathleen kam aus dem Gackern gar nicht mehr heraus. Nur langsam bewegten wir uns Richtung Strand. Die Pächterin, die die Strandkörbe vermietete, hatte bereits alles im Griff: „Ihr bekommt vier Körbe hier direkt an den Holzbohlen. Dann kommt ihr mit den Rollstühlen bis ans Wasser. Zwei sind Dauergäste, die kommen heute nicht, zwei andere sind kurzfristig umgezogen in freie Strandkörbe ein Stück weiter. Das war kein Problem.“ Ich mag sowas nicht, aber es war nicht mehr zu ändern. „Und wer ist das Geburtstagskind?“ Cathleen streckte grinsend ihren Finger Richtung Himmel.

Dann bezogen wir unsere Strandkörbe. Cathleen sagte: „Hättest du mal irgendwas angedeutet, hätte ich ja wenigstens … was ist das für ein Rucksack? So einen habe ich doch … ist das meiner? Nee oder?“ Ich grinste. „Cathleen möchte schwimmen gehen, aber mit Klamotten“, rief ich Liam und Luisas Freundin zu. „Nein!!!“ kreischte Cathleen. Da war nichts mehr zu machen. Liam und Luisas Freundin hatten sie bereits an Armen und Beinen gepackt, zerrten sie aus dem Rollstuhl, Simone nahm ihr im Vorbeischleifen noch die Brille, das Handy, ihre Papiere und die Schuhe ab. Die Leute um uns herum starrten mit offenen Mündern. Liam und Luisas Freundin gingen knietief in die relativ ruhige Ostsee, zählten bis drei, ließen sie fallen und liefen davon.

Es dauerte drei Sekunden, dann tauchte sie auf. Kreischend. „Scheiße ist das kalt!“ Also ging es ihr gut. Simone war die nächste. Sie versuchte sich zu wehren so gut es ging, aber es war zwecklos. Die anderen und ich präparierten sich bereits und legten alles aus den Taschen, was nicht wasserfest ist. Luisa, Isabel und mich erwischte es noch, die anderen zogen sich bereits um und kamen freiwillig hinterher. Ich war noch nie mit Klamotten im Meer. Es fühlte sich ungewohnt an. Aber nicht unangenehm. Bis auf … „Igitt ich hab ja noch ne Pampers an“, sagte ich irgendwann zu Cathleen. Die gackerte nur: „Das wird lustig, wenn du sie nachher ausziehst, die wiegt bestimmt zehn Kilo.“ – „Bäh!“ – „Hauptsache sie platzt nicht“, amüsierte sie sich weiter. „Bloß nicht im Wasser ausziehen“, meinte sie.

Wir planschten bestimmt eine Stunde lang im warmen Wasser. Einzig Kevin, Steven und Sarah wollten nicht ins Wasser. Und sich auch nicht ausziehen. Naja, jeder wie er mag. Nach einer Stunde wurde es kalt und wir krabbelten nach und nach raus. Als allererstes wollte ich meine Windel loswerden, denn die war derart aufgequollen, dass ich Angst hatte, mir könnte gleich die Hose platzen. Luisas Freundin hatte einen Rollstuhl mit einem wasserdichten Kissen und einem Handtuch bestückt, hob einen nach dem anderen dort hinein und fuhr ihn zu der rollstuhlgerechten Dusche, etwa 300 Meter weiter. Dort war auch gleich eine Toilette mit einem ordentlichen Mülleimer, das war mir sehr recht.

Das Wetter war genial. Wir lagen den ganzen Tag in unseren Strandkörben (oder davor), gingen einige Male ins Wasser, spielten Spiele, organisierten Eis und Pommes. Nach und nach packten die anderen Leute ihre Sachen zusammen, die Sonne ging langsam unter. „Wann müssen wir eigentlich los?“ fragte Cathleen irgendwann. Ich antwortete: „Wir haben mit deiner Mutter ausgemacht, dass wir so gegen 6 wieder zu Hause sind.“ Cathleen wühlte erschrocken ihr Handy raus. „Das ist schon halb 9“, sagte sie. „Scheiße“, erwiderte Liam toternst. „Dann müssen wir wohl hier zelten. Hoffentlich ist der Grillplatz frei“, meinte er. „Ich kriege langsam Hunger.“

Cathleen schaute mich ungläubig an. „Nee echt? Zelten wir hier?“ Ich nickte. Sie wollte es nicht glauben. „Nicht alle. Leider. Einige werden um 9 von ihren Eltern abgeholt. Steffi, Simone, Isi und Kevin bleiben nicht hier. Sofie und Frank müssen auch zurück, sie müssen morgen arbeiten. Aber der Rest zeltet, wenn du willst.“ Natürlich wollte sie, war aber etwas enttäuscht, dass Kevin nach Hause musste. Seine Eltern hatten es verboten und ihm den Tag am Strand nur erlaubt, wenn er bei der Rückfahrt kein Theater macht. „Der ist 17. Egal. Ich halte mich da raus“, schüttelte Frank den Kopf. „Und meine Mutter hat das wirklich erlaubt?“ fragte Cathleen. Naja, es waren schon einige Überredungskünste nötig.

Offiziell ist das Zelten am Strand verboten. Aber der jeweilige Pächter darf Ausnahmen zulassen. Wir hatten allerdings die Order, die Zelte nicht vor 23 Uhr aufzubauen, damit nicht noch andere Leute auf ähnliche Ideen kommen oder sich massenweise beschweren. Liam und Lina wollten nicht zelten, sondern in ihrem Auto schlafen. So ein Kombi hat natürlich Vorteile. Ich habe ja auch einen, nur fand ich das Zelten spannender. Und ich fühlte mich natürlich geehrt, dass Cathleen mich fragte, ob wir uns zusammen ein Zelt teilen. Bis es 23 Uhr wurde, warfen wir einen großen Grill auf einem öffentlichen Grillplatz an. Dort war eine Feuerstelle und ein Rost, das an einer großen Kette hing. Allerdings sollte man Aluschalen verwenden. An die hatte Liam gedacht.

Als wir dann völlig genudelt waren, düsten wir mit unseren Klamotten zur Rolli-Dusche, machten uns nachtfertig, einmal Zähne putzen … Cathleen hatte einen Schlafanzug an, den ihre Mutter ihr eingepackt hatte, und fuhr damit über die Strandpromenade. Einige wenige Leute, die noch unterwegs waren, guckten etwas dämlich aus der Wäsche. Ich hatte eine Sporthose und ein Sweatshirt an, aber darüber hatte die Mutter wohl nicht nachgedacht. Zurück am Strand, bauten wir im Halbdunkel unsere Zelte auf. Als wir endlich unsere Zwei-Mann-Luftmatratze aufgeblasen hatten und im Zelt verschwunden waren, fielen mir schon fast die Augen zu. Es wehte kein Wind, die See war spiegelglatt, über uns war sternenklarer Himmel. Allerdings wurde es richtig kalt. Ich zog mir noch ein zweites Sweatshirt drüber und Socken an, bevor ich mich im Schlafsack einrollte.

Cathleen fragte mich, ob ich das organisiert hatte. „Nicht alleine, aber hauptsächlich und die Idee war von mir.“ Plötzlich hatte ich Cathleen halb auf mir liegen, einen Arm um meinen Hals, wurde fest gedrückt und bekam einen fetten Kuss auf die Wange. „Das ist dir super gelungen. Das war ein richtig toller Tag“, sagte sie. Das war wieder einer der Momente, wo mir auffiel, dass meine „neuen“ Freunde ganz anders drauf sind. Die meisten meiner alten „Freunde“ haben sich nie so ehrlich gefreut und haben ihre Dankbarkeit auch nie auf so einfache, aber deutliche Weise gezeigt.

„Mir ist kalt“, sagte ich. Cathleen antwortete: „Das ist auch arschkalt. Richtig warm ist mir auch nicht. Ich hoffe, das wird noch wärmer im Schlafsack. Ich habe mal gehört, dass man seinen warmen Atem in den Schlafsack pusten soll.“

„Wollen wir nicht versuchen, ob man die Schlafsäcke zusammenmachen kann und uns dann gegenseitig wärmen?“ fragte ich. Im Zelt nebenan war noch Gekiecher. Ich hörte die Stimmen von Sarah und Steven. „Wenn du von mir angepupst werden möchtest“, frotzelte Cathleen. „Wenn ich zurückpupsen darf“, konterte ich. „Lass mich nachdenken … na gut!“ Cathleen suchte die Taschenlampe. Dann kam der spannende Moment: Die Reißverschlüsse passten. Cathleen war wie ein kleiner Ofen. Ihr Po lag an meinem Bauch, ihre Haare in meinem Mund und einen Arm hatte ich auch zuviel, aber ich fror nicht mehr. Nach einiger Zeit war mein Arm eingeschlafen und ich musste mich umdrehen. Das war in dem engen Schlafsack auf der Luftmatratze nicht so einfach, aber Cathleen drehte sich mit. Ich kam mir vor wie ein altes Ehepaar. Irgendwann schliefen wir ein.

Als ich aufwachte, lag Cathleen wieder vor meinem Bauch, mir den Rücken zugewandt. Wir mussten uns im Halbschlaf noch mindestens einmal gedreht haben. Ein Knie von mir lag unter ihren Beinen. Hoffentlich hatte ich mir keine Druckstellen geholt und ihr keine zugefügt. Regen prasselte lautstark auf das Zelt. Cathleen war auch wach, tastete nach ihrem Handy und schaute auf die Uhr. „Wie spät?“ fragte ich flüsternd. „Kurz nach vier. Ich dachte, es wäre schon später.“

„Hauptsache, wir werden nicht ins Meer gespült“, flüsterte ich zurück. Kurz danach schliefen wir wieder ein. Am Morgen hatte es auf jeden Fall aufgehört zu regnen. Es war kein Geprassel mehr zu hören, dafür schrien Möwen wie am Spieß und irgendein Trecker tuckerte an unserem Zelt vorbei. Ich drehte meinen Kopf in Richtung Cathleen, die verdrehte gerade die Augen über den Lärm. Es war 10 vor 7. Aber bis um halb 9 sollen sowieso alle Zelte abgebaut sein, so dass in 40 Minuten der Wecker gebimmelt hätte.

Wir schälten uns vorsichtig aus dem Schlafsack und aus den Klamotten, zogen unsere Badesachen an, rutschten durch den Sand ins Meer. Es war irre kalt. Aber super erfrischend. Schlagartig wurde ich wach, trotz der frühen Zeit. Auch die anderen wurden wach und einige kamen auch gleich ins Wasser. Als wir wieder draußen waren, kamen Lina und Liam mit Brötchen vom Bäcker. Nutella-Frühstück! Lecker.

Als wir alle Zelte abgebaut, geduscht und saubere Klamotten angezogen hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Gegen Mittag waren wir wieder zu Hause. Das erste, was wir machten, war: Ab ins Bett und schlafen. Um 17 Uhr wachten wir wieder auf. Zusammen mit Sofie brachte ich Cathleen nach Hause. So anstrengend der Tag (die Nacht) am Strand auch war: Es war genial. Fand ich.

Zu viel Glück ist auch nicht gut

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Da heute das Wetter schön werden sollte, hatten sich Simone, Cathleen, Sofie, Luisa, Frank, ich sowie Juliane, die Freundin von Luisa, für früh morgens verabredet, um noch einmal gemeinsam einen Tag an die Ostsee zu fahren. Dass noch Schul- und Semesterferien sind bzw. Sofie und Frank spontan frei nehmen konnten, mussten wir ausnutzen und brachen in aller Frühe auf.

Die Autobahn war noch leer und so erreichten wir um 9.15 Uhr unseren Lieblingsort Haffkrug. Am Strand war kaum etwas los, spiegelglatte See, genügend freie Parkplätze, keine pralle Sonne, da sie von einigen Wolken verdeckt wurde, aber dennoch war es warm genug, um sich auszuziehen zu können.

Allerdings hatten wir mit einer Glücksplage zu kämpfen: Eine Marienkäfer-Invasion! Ich dachte, ich spinne, als ich das sah. Teilweise stapelten sich mehrere Lagen dieser Viecher auf den Wegen oder auf Bänken, auch im Sand. In Nullkommanichts hatte man etliche der Krabbeltiere auf den Klamotten. Die Dinger sind ja ganz niedlich, aber zu viel Glück ist auch nicht gut.

Wir wollten wieder einen Strandkorb, es waren aber bereits alle an Dauermieter vergeben. Mit dazu auch die Plätze drum herum, um uns niederlassen zu können, mussten wir etliche Meter durch den tiefen Sand. Mit den Rollstühlen nicht gerade eine entspannte Sache, vor allem, weil wir nicht einen Fußgänger dabei hatten, der uns rückwärts hätte ziehen können oder uns wenigstens einige Klamotten abnehmen können. Aber man kann ja krabbeln und den Rollstuhl hinter sich her ziehen.

Wir suchten uns wieder einen Platz am oberen Rand des Strandes, in der Nähe der Dünen, da dort hohe Bäume, die am Straßenrand standen, am Nachmittag ihre Schatten auf den Strand werfen würden, so dass es nicht zu heiß wird. Wir breiteten unsere Strandmatten und Decken aus, Frank begann, die beiden Luftmatratzen aufzublasen, Cathleen klaute Simone ihr Oberteil vom Tankini, gerade im richtigen Moment, so dass sie erstmal ihr T-Shirt wieder anziehen musste, falls sie nicht oben ohne mit Cathleen kämpfen wollte. Dann bewarfen sie sich gegenseitig mit Sand und lieferten sich einen Ringkampf. Es war ein geniales Schauspiel: Zwei Rollstuhlfahrerinnen kämpfen im Sand liegend um ihre Bekleidung.

Ich zog mich um und wollte erstmal ins Meer. Seetang und Quallen waren kaum zu sehen, die Wassertemperatur war zwar anfangs frisch, aber schnell angenehm. Insgesamt war ich bestimmt 2 Stunden im Wasser, wenn man alles zusammenrechnet. Zwischendurch spielten wir eine lange Zeit „Phase 10“, ein Kartenspiel, bevor wir am frühen Nachmittag unsere Sachen packten, in einer rollstuhlgerechten Dusche den Sand abspülten und uns auf den Heimweg machten, da dunkle Wolken heraufzogen. Auf dem Weg zur Autobahn fielen bereits die ersten Tropfen.

Wir entschieden uns, in Hamburg spontan noch eine Runde über den Hamburger Dom, das größte Volksfest des Nordens, zu drehen. Zwei neue Fahrgeschäfte waren dabei, es war jedoch so voll, dass wir nur geschaut und ein Eis gegessen haben.

Gleich wollen wir nochmal auf dem Balkon grillen. Ich hoffe, unser Nachbar bleibt ruhig. Ist der überhaupt schon wieder da?

Wieso sitzt du denn in so einem Ding?

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Heute haben wir uns zum Schwimmen verabredet. Wir hatten zwar gestern abend erst unser reguläres Schwimmtraining (ja, Stinkesocke goes immernoch Ironwoman), aber Training und zusammen ein Spaßbad unsicher machen – das sind bekanntlich zwei völlig verschiedene Dinge, auch wenn etliche Leute vom Triathlontraining dabei waren.

Simone, Cathleen, Sofie, Luisa, Frank und Juliane (die ich bisher noch nicht kannte, eine Freundin von Luisa, die durch eine angeborene Erkrankung im Rollstuhl sitzt) wollten zusammen mit mir das „Festland“ in der Holstenstraße einnehmen. Wir trafen uns im Foyer und ein kleines Mädchen kam angelaufen, versuchte mit beiden kleinen Händchen an meinem Greifreifen zu drehen und fragte mich: „Willst du auch schwimmen?“ Ich nickte. Man merkte, wie sich in ihrem kleinen Köpfchen ein Bauklotz mit dem nächsten zusammenfügte. „Warum sitzt du denn in so einem Ding?“ – „Weil ich nicht laufen kann“, antwortete ich. Wieder sah man die Gedanken sich einen mühsamen Weg durch die Gehirnwindungen bahnen. „Warum denn nicht?“

„Weil mich ein Auto angefahren hat und dabei ist in meinem Rücken was kaputt gegangen. Dann kann man nicht mehr laufen und muss in einem Rollstuhl fahren.“ Das Mädchen schaute mich mit großen Augen an. „Bist du einfach so auf die Straße gelaufen?“ – „Nein, eine Autofahrerin hat nicht aufgepasst.“ – „Und dann?“ – „Dann hat sie mich umgefahren.“ Sie überlegte wieder einen Augenblick, nun fielen ihr aber keine Fragen mehr ein, so dass sie wieder an meinem Greifreifen herumspielte. „Und du? Willst du auch schwimmen gehen?“ Ups! Da waren ja noch Mami und Papi. Sie drehte sich um und lief davon.

Wir lösten unsere Eintrittskarten und bekamen von der Dame an der Kasse erklärt, wo sich der Umkleidebereich für Rollstuhlfahrer befindet. „Kennen wir schon“, sagte Frank, der als erster die Kasse passiert hatte. Wir kamen bis zu einer abgeschlossenen Flurtür. Frank fuhr noch einmal zur Kasse zurück. „Da kommt gleich jemand und schließt auf.“ Nach 10 Minuten fuhr Sofie nachfragen. Dann kam endlich eine Dame mit Schlüssel, schloss uns wortlos auf. Wir kamen 10 Meter weiter, dann kam eine weitere Tür zum Behindertenbereich. Diese war zwar nicht abgeschlossen, aber direkt dahinter stand eine Putzmaschine, so dass niemand durchkam.

Nun kurvte ich zur Kasse zurück. „Immernoch niemand dort gewesen zum Aufschließen?“ empfing mich die Dame halbwegs genervt. „Doch, nur jetzt steht noch eine Putzmaschine im Weg“, antwortete ich. Die Dame an der Kasse verdrehte die Augen und versprach, dass gleich nochmal jemand kommen würde. Also düste ich wieder zurück. 10 Minuten vergingen. Inzwischen waren seit Check-In bezahlte knapp 30 Minuten vergangen. Frank sagte: „Naja, um die verlängern wir unsere Badezeit natürlich.“

Dann kam endlich jemand, und zwar dieselbe Frau, die schon die Tür aufgeschlossen hatte. Keine Entschuldigung, nichts. Sie fuhr die Putzmaschine zur Seite. Sie war zum Strom tanken mit einer Steckdose unter dem Waschbecken in der Behindertendusche verbunden, stank tierisch nach Essig und wurde von der Mitarbeiterin zur Seite gefahren.

Es gibt im Festland einen Gruppenumkleideraum für Rollstuhlfahrer und einen Raum mit Dusche und WC. Beide Räume haben jeweils Platz für zwei Rollstühle. Die restlichen Leute müssen sich im Flur neben der Putzmaschine umziehen. Immerhin ist dieser Bereich durch eine Tür von jenem Flur, über den die „laufenden“ Badegäste von ihrer Umkleidekabine zur Dusche watscheln, abgetrennt. Die Räume lassen sich nicht abschließen und das WC ist natürlich ein Geheimtipp, da es näher an den Umkleidekabinen für Fußgänger liegt als die herkömmlichen WCs. Alleine während wir uns dort umzogen, ging fünf Mal die Tür auf: „Oh, besetzt…“

Aber selbst wenn es nicht besetzt gewesen wäre: Frank deutete auf ein Schild, das auf dem WC-Becken befestigt war. „Toilette defekt. Bitte nicht benutzen!“ Frank platzte der Kragen: „Das einzige rollstuhlgerechte WC ist defekt, wir bekommen an der Kasse keinen Hinweis, sondern noch den vollen Eintrittspreis abgenommen?“ regte er sich auf. „Das ist schon dreist.“

„Und jetzt?“ fragte Simone. „Jetzt pinkeln wir alle ins Becken“, scherzte Sofie. Luisa verschluckte sich fast vor Lachen. „Funktioniert denn wenigstens die Dusche?“ fragte Frank. „Willst du in die Dusche pinkeln?“ Simone guckte ungläubig aus der Wäsche. „Hast du eine bessere Idee?“ fragte Frank. „Vergiss nicht zu spülen“, gackerte Cathleen.

Bei dem schönen Wetter wollten natürlich alle ins Außenbecken. Entsprechend voll war es dort. Entsprechend leer war es jedoch auch im warmen Innenpool. Mit so einer lustigen Truppe machte das Schwimmen am Ende doch noch Spaß. Und beim Raufahren kontrollierte niemand unsere Eintrittskarten, sondern öffnete uns einfach die Tür nach draußen und sammelte die Chipkarten ein. Vermutlich stehen wir jetzt auf der Fahndungsliste, da wir die „überzogene“ halbe Stunde weder nachbezahlt haben, noch erklärt haben, warum wir das für gerechtfertigt halten.