Der 60. Geburtstag meiner Mutter

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Genau 10 Jahre ist es heute her, dass ich mit dem Bloggen begonnen habe. 10 Jahre! Eine lange Zeit.

Damals war ich 16 Jahre alt, lag in einem Krankenhaus und war ziemlich übel zugerichtet. Ich wurde auf dem Schulweg von einem Auto geknutscht und bin geflogen. Zuerst über den Asphalt, dann mit einem Heli – und ein paar Wochen später zum ersten Mal aus dem Rollstuhl, weil sein Vorderrad sich im Schnee verhedderte.

Damals hatte ich Stress mit meiner Muddi. Sie konnte nicht begreifen, dass ich nicht lange aus dem Krankenhaus durfte, auch nicht, wenn sie ihren 50. Geburtstag feiert und mich gerne dabei gehabt hätte.

Inzwischen bin ich 26 Jahre alt, arbeite in einem Krankenhaus und fühle mich sehr gut. Mein Rollstuhl ist mein ständiger Begleiter, und er macht einen guten Job. Ich glaube, dass ich diese Veränderung in meinem Leben inzwischen völlig verarbeitet habe. Die deshalb begonnene Psychotherapie habe ich erfolgreich abgeschlossen. Zu meiner Mutter habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr, mein Vater ist inzwischen verstorben.

Ich hoffe, dass vor allem meine Haut und meine Blase noch lange gesund bleiben. Das sind die beiden, die in Verbindung mit einer Querschnittlähmung am häufigsten Probleme machen. Mein Herz-Kreislauf-System trainiere ich gut, da mache ich mir weniger Sorgen.

Eine Sache hat sich nicht verändert, wenn man von einer zwischenzeitlich erzwungenen Unterbrechung mal absieht: Ich blogge noch. Und inzwischen wurde mein Blog über 6,7 Millionen Mal aufgerufen.

Davon alleine über 125.000 Mal im letzten Monat. Pro Tag kommen aktuell wieder rund 5.000 Besucherinnen und Besucher auf meine Webseite. Manche Tage eintausend weniger, manche Tage auch noch mehr. Nur kommentiert wird nicht mehr so häufig wie früher. Obwohl ich nach wie vor gerne Kommentare lese.

Leider wird die Plattform, die ich 10 Jahre lang genutzt habe, nicht mehr so betreut wie ich es gebrauchen könnte. Zum Beispiel kann ich keine Layout-Anpassungen mehr vornehmen, sondern nur noch posten. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, pünktlich zum 10. Geburstag meines Blogs mit diesem umzuziehen.

Bitte sagt mir, wenn etwas so gar nicht geht oder ich einen offensichtlichen Fehler beim Umzug gemacht habe. Ich konnte mir weder die inzwischen über 1.040 Beiträge noch die über 10.000 Kommentare alle nochmal durchlesen; ich hoffe allerdings, dass alles gut transferiert wurde.

Insofern: Nehmt euch ein Glas Sekt und stoßt mit mir an! Prost!

Einen an der Waffel

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Der frühe Vogel fängt den Wurm. Das gilt an meiner momentanen Uni mehr als anderswo. Soll heißen: Wer nicht am ersten Vorlesungstag persönlich zur rechten Zeit am rechten Ort ist, ärgert sich mitunter ein halbes Jahr über langweilige oder stressige oder nervige Praktikumsplätze, bekommt seine Kurse nicht oder nicht bei seinen Lieblingsprofs oder so ähnlich. Man ist ja verwöhnt. Oder benötigt auch mal etwas barrierefreies. Entsprechend waren Marie und ich mehr als pünktlich aufgestanden und standen mehr als früh genug vor der richtigen Tür. Weil ich wusste, dass ich gleich anschließend in ein Lehrkrankenhaus müsste, um mich dort persönlich vorzustellen, fuhren wir sogar extra mit dem Auto – was ich sonst nie mache.

Ich bekam, was ich haben wollte, schnappte mir meine Unterlagen und war auf dem Weg zu dem besagten Lehrkrankenhaus, als mir mal wieder etwas in die Quere kam. Ich habe lange überlegt, ob ich das überhaupt noch schreibe, denn so langsam wird es auch mir schon langweilig. Aber ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch ist ein Tagebuch und wer sich nicht schocken lassen will, liest halt was anderes.

Ich befuhr mit etwa 30 km/h eine Straße in einem Wohngebiet, fuhr auf eine T-förmige Einmündung zu. Das heißt: Von rechts mündete eine Straße ein, ich wollte geradeaus weiter. Links war ein Garagenhof, der bewegte sich nicht. Von vorne kam mir ein weißer Lieferwagen, ein Sprinter, entgegen, der aus seiner Sicht nach links abbiegen wollte. Somit würde er meinen Weg kreuzen und müsste mich zuerst fahren lassen. Dachte ich mir so und bremste nicht. Er hatte eine ziemliche Geschwindigkeit drauf und dass er links abbiegen wollte, merkte ich erst, als ich bereits mitten in dieser sehr weit gefassten Einmündung war. Und dass diese Einmündung sehr weit gefasst war, ließ mir noch einen anderen Gedanken in den Kopf schießen: Abknickende Vorfahrt.

Das sah doch jetzt, mitten auf dieser Einmündung, sehr nach einer abknickenden Vorfahrtstraße aus. Die Straße ist hier sehr viel breiter als es eben noch der Fall war. Hatte ich das Verkehrszeichen übersehen, das mich zum Vorfahrt gewähren oder sogar Halten aufgefordert hatte? Es war nur ein Gedankenblitz, aber der sagte mir: Socke, du bist nicht bei der Sache. Du denkst an deinen Praktikumsplatz. Ich sah den Lieferwagen auf mich zukommen und bremste reflexartig. Keine Chance. Ein lauter Knall, keine Idee, wohin ich gerade geschoben und gedreht werde – und ob ich überhaupt wach bin oder das alles nur ein Traum ist.

Nein, es ist wohl doch kein Traum. Front-, Seiten und Sitzairbags sind ziemlich heiß, wenn sie einen begrüßen, irgendwas qualmt, im Auto fliegt Staub, als hätte irgendwer eine Tüte Mehl platzen lassen und der Motor ist aus. Ein Blick aus dem rechten Seitenfenster lässt mich erkennen, dass ich einen halben Meter neben einem geparkten Fahrzeug zum Stehen gekommen bin. Links sehe ich nichts. Eingeklemmt bin ich nicht, alle Körperteile sind noch dort wo sie hingehören, den Kopf habe ich mir anscheinend nicht gestoßen und ich sehe auch kein Blut. Schöne Scheiße.

Den beiden Leuten aus dem Sprinter war hoffentlich auch nichts passiert. Aber die saßen ja wesentlich höher und hatten auch noch mehr Knautschzone. Da fährt man nun fast sechs Jahre unfallfrei und sammelt Prozente – um die dann wegen einer kleinen Unachtsamkeit auf einen Schlag zu verlieren. „Das hast du ja super hingekriegt, Stinkesocke“, dachte ich mir so. Aber genau aus diesen Gründen gibt es eine Versicherung und absichtlich habe ich das ja nun nicht gemacht. Ich ärgerte mich, dass ich das Verkehrszeichen einfach übersehen haben musste und dachte mir leise: Wer weiß, was du vorher schon alles übersehen hast, bevor dich jemand unsanft gestoppt hat. Dabei habe ich mich immer so sicher gefühlt. Und immer anderen den Rat gegeben, sich bloß nicht ablenken zu lassen beim Fahren. Aber wenigstens hat sich damit das Problem mit den knarzenden Geräuschen im Auto erledigt…

Jemand öffnete die Beifahrertür. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte er mich. Ich dachte mir so: „Alles nicht. Die Situation ist etwas peinlich.“ – Ich antwortete: „Ja, danke, mir scheint nichts passiert zu sein. Ich komme nur nicht aus dem Fahrzeug.“ – „Mein Sohn kommt schon angelaufen, sollen wir Sie eben rausziehen? Ist das ein Rollstuhl hier auf dem Beifahrersitz?“ – „Ja, genau.“

Der Sohn arbeitet bei der Freiwilligen Feuerwehr, wie sich später herausstellte. Er ging gleich sehr beherzt an die Sache Socke, schickte Papa zur Seite, hob den Rollstuhl vom Sitz, brachte den Beifahrersitz in Liegeposition, schob meinen Sitz so weit es ging nach hinten, fasste mir unter den Armen hindurch und zog mich über die Mittelkonsole auf den Beifahrersitz, anschließend nach draußen. „Nimm du mal die Beine“, sagte er zu seinem Vater. Die beiden setzten mich auf einen Parkplatz, ich lehnte mich an ein geparktes Auto. Eine Frau brachte mir eine Jacke und eine Wolldecke. Irgendwie war ich ein wenig benommen, aber mir war weder übel noch spielte mein Kreislauf verrückt. Ich war überhaupt nicht aufgeregt, aber völlig durcheinander. Weinen musste ich nicht. Ich dachte mir nur so: „Lass die mal machen. Fünf Minuten lang musst du jetzt mal nicht alles im Griff haben.“

Ein Mann kam zu mir, kniete sich aber nicht hin, sondern redete von oben auf mich ein. In gebrochenem Deutsch fluchte er irgendwas. Ich guckte nach oben, verstand nicht, was er von mir wollte, und guckte wieder auf die Straße ins Leere. Einen Moment lang laberte er noch weiter, dann wurde er von einer Frau weggeschickt. Die Frau fragte, ob es mir gut ging. „Naja, blöde Situation. Aber ich fühle mich gut. Mir tut auch nichts weh.“ – „Ich bleib jetzt mal bei Ihnen sitzen, der Mann redet mir ein wenig zu viel auf Sie ein. Es kommt auch gleich ein Arzt für Sie, der checkt Sie mal durch.“ – Jaja. Macht mal.

Es dauerte eine ganze Zeit, dann kam die Polizei. Eine Frau in Uniform bekam gleich brühwarm erzählt: „Sie gehört zu dem Fahrzeug hier. Wir haben sie aus dem Auto geholt und hier erstmal hingesetzt.“ – Sie hockte sich zu mir und fragte: „Ihnen geht es aber sonst soweit gut? Oder kann ich gerade was für Sie tun? Ein Arzt ist schon unterwegs hierher, der müsste jeden Moment eintreffen.“ – „Mir geht es gut.“

Der Fahrer aus dem Sprinter laberte wieder. Die Polizistin unterbrach ihn: „Von Ihnen hätte ich jetzt gerne erstmal einen Ausweis. Pass oder ähnliches. Sie sind gefahren?“ – „Ja.“ – „Ihnen geht es aber soweit auch gut? Dann gehen wir mal ein Stück weiter und dann erzählen Sie mir mal bitte, wie das passiert ist.“

Plötzlich kam Hektik auf. Die beiden Uniformierten liefen die Straße entlang und brachten auf dem Rückweg einen weiteren Mann mit zurück. „Wer von Ihnen ist jetzt gefahren? Und warum erzählen mir die Zeugen was anderes und weisen uns auf einen Mann hin, der sich hinter parkenden Autos versteckt hat und vor uns wegläuft? Das ist doch alles sehr verdächtig, finden Sie nicht?“

Was ging denn hier schon wieder ab?! Ich bekam das alles nur halb mit. Ich war damit beschäftigt, mich nicht aufzuregen. Unterbewusst. Zwei Leute hoben mich auf eine Trage, rollten mich in einen hell erleuchteten Rettungswagen. Eine Frau stellte sich als Ärztin vor, wollte mir was für meinen Kreislauf geben. Die Polizistin klopfte an die Seitentür: „Könnt ihr bitte, bevor ihr Medikamente spritzt, einmal Blut zapfen?“

Ich wurde angestochen, wurde gefragt, ob ich Schmerzen hätte. „Spüren Sie alles? Können Sie bitte einmal mit den Füßen wackeln?“ – „Ich bin querschnittgelähmt.“ – „Nein, keine Panik.“ – „Doch“, antwortete ich. – „Wie kommen Sie darauf? Spüren Sie Ihre Beine?“ – „Ich bin querschnittgelähmt, seit ich 15 bin.“ – „Ach, jetzt habe ich das verstanden. Dann nehmen wir Sie aber auf jeden Fall mit in die Klinik und checken Sie einmal durch, okay?“

Lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Andere machen das ein Leben lang nicht, bei mir ist es schon das … zum Zählen reicht es nicht mehr. Die Ärztin schrieb während der Fahrt, nach gefühlten fünf Minuten waren wir da. Ich wurde in einen Schockraum geschoben. Ein Sanitäter schob meinen Rollstuhl hinterher. Nach einer ersten Übergabe wurde ich in eine Röhre geschoben, wurde acht Mal gefragt, ob ich mit dem Kopf irgendwo angestoßen sei, dann hieß es, ich solle noch zwei Stunden warten, bis mein Kreislauf sich wieder normalisiert hätte, dann könnte ich nach Hause.

Wo mein Handy ist, wusste ich nicht. Meine persönlichen Sachen, insbesondere Papiere, Portmonee und Schlüssel, waren weg. Ich lag in einem Aufwachraum, war an ein nerviges Pulsoximeter angeschlossen und begann, mich zu langweilen. Neben mir lag eine Frau und schnarchte laut. Plötzlich kamen die Polizistin und der Polizist rein, hatten mein Portmonee, Schlüssel und Handy dabei und fragten mich, wie es mir ginge. „Ich kann wohl in der nächsten Stunde nach Hause.“ – „Okay. Können Sie sich an den Unfall erinnern?“ – „Ich möchte zur Sache heute nicht aussagen. Ich fühle mich nicht ausreichend fit und möchte mich auch erst mit meinem Anwalt besprechen.“ – „Das ist Ihr gutes Recht. Stellen Sie denn Strafantrag?“ – „Auch das erklärt mein Anwalt für mich. Ich möchte zur Sache nicht aussagen.“ – „Ein Strafantrag ist nicht unbedingt eine Aussage zur Sache. Ich würde Ihnen auch dringend raten, einen Anwalt zu nehmen. Für uns wäre es wichtig, zu wissen, ob Sie sich an den Fahrer erinnern können. Wir haben vor Ort zwei Personen angetroffen und deren Einlassungen decken sich nicht mit den Aussagen der Zeugen. Wissen Sie noch, wie der Fahrer ausgesehen hat? Können Sie den beschreiben?“

„Auch das wäre doch eine Aussage zur Sache“, erwiderte ich, inzwischen deutlich genervt. Die Polizistin antwortete: „Es wäre wichtig, diese Aussage von Ihnen so schnell wie möglich zu bekommen. Vielleicht können Sie gleich einmal mit Ihrem Anwalt telefonieren. Einer der beiden Rumänen hat nämlich keine Fahrerlaubnis und möglicherweise liegt hier eine Straftat vor. Wir ermitteln also sowieso.“

Habe ich mit meiner peinlichen Aktion etwa dazu beigetragen, einen Ganoven buchstäblich aus dem Verkehr zu ziehen? Dann hätte dieser unsanfte Stopp ja wenigstens noch etwas Gutes. Aber gerade dann sollte ich nicht ohne Anwalt aussagen. „Wir haben Ihre Geldbörse durchsucht und die Daten Ihres Führerscheins und der Zulassungsbescheinigung aufgenommen. Bitte schauen Sie einmal, ob ansonsten noch alles drin ist.“ – Ansonsten heißt, dass sie den Führerschein sichergestellt haben? Oder gleich eingezogen? Ich guckte in mein Portmonee. Nein, der war noch da. Geld war auch noch drin. „Scheint alles vollzählig zu sein.“ – „Ihr Fahrzeug steht bei …, von denen haben wir eine Karte hier. Da müssten Sie sich baldmöglichst drum kümmern, das kostet sonst unnötig Standgebühren.“ – „Nicht sichergestellt?“, dachte ich mir leise und hielt die Klappe.

„Also, kontaktieren Sie bitte schnellstmöglich Ihren Anwalt, damit wir zur Frage des Fahrers vielleicht heute noch eine Aussage bekommen.“ – „Ja“, versprach ich. Und fragte: „Wie geht es denn jetzt für mich weiter?“ – „Sie werden jetzt erstmal gesund, reden mit Ihrem Anwalt und dann sollten Sie sehen, dass Sie den Schaden schnellstmöglich der gegnerischen Versicherung melden. Das andere Auto ist zum Glück in Deutschland versichert, also wird es da wohl keine Schwierigkeiten geben. Die Sachlage ist aufgrund der Zeugenaussagen und der Spuren am Unfallort eindeutig. Die Frage, wer gefahren ist, ist nur für die strafrechtlichen Ermittlungen relevant, weil hier möglicherweise ein Fahren ohne Fahrerlaubnis und eine Unfallflucht in Betracht kommen. Das wird Ihr Anwalt Ihnen aber genauer erklären.“

Ich verstand nur Bahnhof. Wieso gegnerische Versicherung? Hatte der Sprinter mich so weit rumgeschoben, dass die nicht mehr wussten, von wo ich kam? War das möglich? Aber würde ich dann so fies sein und das nicht richtig stellen? Nein. Aber wenn ich zur Sache was sage, dann wirklich nur über einen Anwalt. Eisernes Gesetz, hat mir Frank eingetrichtert. Gerade, wenn man sich möglicherweise etwas zu Schulden kommen lassen hat.

Ich rief Marie an. „Und? Hast du den Platz bekommen?“, fragte sie. Achja, da war ja was. Ich antwortete: „Keine Ahnung, nein. Ich bin da nicht angekommen.“ – Sie wollte mich abholen. Wir fuhren mit dem Taxi nach Hause und als allererstes bat ich den Fahrer, an der Unfallstelle vorbei zu fahren. Als wir auf die Einmündung zukamen, sah man aus der Entfernung schon die Reste des Bindemittels auf der Fahrbahn. Ich guckte auf die Beschilderung und da traf es mich wie ein Schlag: Keine abknickende Vorfahrt. Keine abknickende Vorfahrt! Keine abknickende Vorfahrt!!!

Das bedeutet: Rechts vor links. Ich bat den Taxifahrer, anzuhalten. Ich fragte: „Sagt mal, wer hat hier Vorfahrt, wenn von vorne einer kommt, der geradeaus weiterfahren will?“ – „Das ist eine ganz beknackte Ecke hier“, sagte der Taxifahrer. „Hier war früher mal eine abknickende Vorfahrtstraße. Aber seit hier Tempo 30 ist, gilt hier Rechts vor Links. Viele heizen hier einfach durch und so wie das hier aussieht, hat das auch kürzlich hier wieder gescheppert. Da liegen noch Scherben an der Seite und hier das Bindemittel. Jahrelang standen hier auch Schilder ‚Vorfahrt geändert‘, aber die sind seit einiger Zeit weg. Offenbar haben das noch immer nicht alle begriffen.“

Marie guckte mich an. Ich schüttelte den Kopf. Dann hatte ich es also doch nicht verkackt. Zumindest nicht so ganz. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich musste augenblicklich lachen. Der Taxifahrer muss gedacht haben, ich hätte einen an der Waffel. Habe ich ja irgendwie auch. Glaube ich.

Schokolade zu mir

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Hallo? Hallo Welt? Ach, du bist noch da. Wie schön. Bin ich auch im Hier und Jetzt? Ja, doch, so langsam erscheint die Welt wieder real. Und mir geht es zum ersten Mal seit etwa zehn Tagen wieder richtig gut. Wenngleich auf einem eher bescheidenen Niveau, aber beim Befinden zählt ja bekanntermaßen vorrangig das Gefühl.

Seit Freitag bin ich wieder zu Hause. Entlassen. Nicht aus dem Knast. Sondern aus einer anderen Einrichtung, die mit demselben Buchstaben beginnt. Ja, Klinik. Oder Krankenhaus. Eigentlich war fast nichts los. Aber es war trotzdem mal wieder unnötig dramatisch.

Hatte ich nicht mehrfach laut herumgetönt, dass ich vier Wochen Famulatur in einer Kinderarztpraxis überstanden habe, ohne mich mit einem grippalen Infekt anzustecken? Noch dazu während der Erkältungs-Hochsaison. Entweder habe ich dabei nicht laut genug an meinen Holzkopf geklopft oder vielleicht den Arm dabei zu hoch gehoben.

Alles begann mit einem Halskratzen am ersten freien Montag. Ich dachte noch so: „Oh nein, nun hat es dich doch erwischt.“ – Auch wenn grippale Infekte lästig, mitunter auch äußerst nervig sind, sie stärken auch das Abwehrsystem und ein paar Tage sich im Bett verwöhnen zu lassen, ist auch mal schön. Um das ganz klar zu sagen: Ich muss es nicht haben. Aber wenn, dann arrangiere ich mich halt damit. Es gibt schlimmere Dinge. Wie zum Beispiel eine Querschnittlähmung, nä?

Die nächsten zwei Tage hatte ich Halsweh. Es wurde immer schlimmer. Ich konnte kaum noch schlucken. Halsweh sind ätzend, ja, aber das hier war richtig fies. Komischerweise war die Nase völlig frei, überhaupt kein Sekret. Und ich war derart müde, das war unbeschreiblich. Zwölf Stunden durchgeschlafen, zwei Stunden wach, nur gegähnt, wieder stundenlang geschlafen. Ich machte mir so meine Gedanken, Marie ging schon auf größtmöglichen Abstand und am Donnerstag ging es dann mit Schüttelfrost los. Wobei man sagen muss, dass ich mich über Schüttelfrost eher amüsiere als dass ich ihn schlimm finde. Aber dass ich unter der Bettdecke nur am Zittern und Klappern bin, hatte ich auch noch nicht.

Ich bat Marie, in ein, zwei Stunden mal nach mir zu schauen. Als sie mich weckte, mit Mundschutz und Handschuhen, grinste ich noch. Sie übetrieb es mal wieder. Das Fieberthermometer zeigte 39,8 Grad oral an. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich sie wie durch einen weißen Schleier sah und sie mich aufforderte, Wasser zu trinken. Ich schlief anschließend weiter. Eine Stunde später weckte sie mich noch einmal, da war das Fieber bei 40,6 Grad. Marie meinte: „Das ist langsam nicht mehr witzig. Ich rufe meine Mutter an.“

Ich erinnere mich auch noch, dass ich sie bat, das Licht auszumachen, weil ich das extrem unangenehm fand. Ich muss dann wieder eingeschlafen sein und so ganz bei Sinnen kann ich nicht gewesen sein, denn das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass Maries Mutter an meinem Bett saß, ebenfalls mit Mundschutz und Handschuhen, und mich mit großen Augen ansah. Sie fragte, ob ich wach sei und ich dachte nur: „Was soll die dumme Frage?“ – Erst später hat sie mir erzählt, dass sie mich nur schwer wach bekommen hat.

Der Puls war bei über 130, der Blutdruck sehr schwach – Infusion dran, ab ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch, dass Maries Mutter die beiden Jungs in rot aufgefordert hat, meinen Oberkörper nicht anzuheben. Ich wurde verkabelt. Nach dem Umlagern auf die kalte Trage und nachdem man mich mit der kalten Bettdecke zudeckte, war ich schlagartig wieder hellwach. Ich wurde in den Rettungswagen gerollt, im Hausflur begegneten wir dem älteren Nachbarn, der mich mit geschocktem Blick ansah und mir alles Gute wünschte. Lange nicht im Blaulichttaxi gefahren.

Maries Mutter sagte, sie würde mit dem Auto hinterher fahren. Ich alberte noch mit dem jungen Mann in Rot herum, der sich neben mich auf einen Stuhl gesetzt hatte und auf einem Klemmbrett irgendein Protokoll ausfüllte. Da es schon spät war und die Straßen offenbar frei waren, merkte ich es erst nach einiger Zeit: Wir fuhren tatsächlich mit Lalülala. Was für eine Aufregung! „Wieso fahrt ihr mit Musik?“, fragte ich den Mann neben mir. Er meinte: „Keine Angst, wir fahren Sie jetzt direkt ins Krankenhaus.“

Ich fing wieder an zu zittern. Als nächstes erinnere ich mich an eine Fahrt über einen Flur mit zahlreichen Leuchtstoffröhren an der Decke. Dann sagte einer der beiden, die mich schoben: „Einmal Schockraum bitte!“ – Leute? Mir geht es gut. Ich habe nur hohes Fieber. Oder so. Macht bitte nicht so ein Drama, nur weil ich eine Querschnittlähmung habe. Ich wurde unter eine helle Lampe geschoben, die dann bald jemand wegdrehte, ich hörte nur, wie jemand sagte: „Absolut instabiler Kreislauf, dämmert ständig weg, fast 41 Fieber.“ – Ich wollte sagen, dass ich eine Halsentzündung habe, aber das ging überhaupt nicht. Ich wollte die Hand des Arztes greifen, der mich abtastete, aber ich war viel zu langsam. Was war hier los?

„Wir brauchen einen Urinstatus“, hörte ich. Nee, Leute, das ist kein Harnwegsinfekt, das ist was im Hals! „Haben Sie Unverträglichkeiten?“, brüllte mich der Arzt an. Ich versuchte, mir an den Hals zu fassen. Er schüttelte meine Schulter: „Hallo, bleiben Sie mal wach!“ – Ich bin wach, Junge. Nur irgendwie gerade sehr schwach. Maries Mutter kam rein, das hörte ich. Sie wurde gefragt, ob sie Angehörige sei. Dann erinnere mich daran, dass mir jemand im Mund herumfummelte. Dann habe ich geschlafen und wachte zwischendurch immer mal wieder auf, sah ein Fenster und jede Menge Geräte.

Ich träumte. Von Booten, die mit mir versinken, von bösen Menschen, die sich in meinem Büro verstecken (obwohl ich gar kein Büro habe), von Autounfällen bei Schnee, von irgendwelchen Krabbeltierchen in meinem Frühstücksmüsli, von allem möglichen Mist. Hin und wieder war ich wach, aber tierisch müde. Einmal musste ich so dringend pinkeln, fand aber nirgendwo eine Klingel. Ich hatte überhaupt keine Energie, mich darum zu kümmern. Ob ich gleich in einer riesigen Pfütze liegen würde, war mir völlig schnuppe. Erst später merkte ich, dass man mich mit einem Dauerkatheter versorgt hatte.

Am Dienstag, immerhin nach fünf Tagen, wurde ich von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt, drei Tage später entlassen. Was war es? Eine Kokken-Infektion (Streptococcus pyogenes). Also irgendwelche herum geniesten Bakterien. Mein Problem war mal wieder die mit der Querschnittlähmung einhergehende Kreislauf-Regulationsstörung. Die zusammen mit den Toxinen, die von den Kokken in den Blutkreislauf abgegeben werden, haben mich wohl etwas überfordert. Ich bekam Penicillin, jede Menge Flüssigkeit und irgendwann kühle Wickel, da man keine fiebersenkenden Medikamente geben wollte.

Inzwischen fühle ich mich, wie gesagt, wieder super. Was mich ein wenig ärgert, ist, dass mich dieser unnötige Mist rund 14 Tage zurückgeworfen hat. Ich muss noch so viel für die Uni tun, das ist alles liegen geblieben. Und angesichts des guten Wetters wollte ich auch mal wieder trainieren, das muss ich nun auch noch für ein paar Tage sein lassen. Aber Philipp hat mich regelmäßig besucht. Und darüber freue ich mich natürlich sehr.

Und ich habe neun Kilogramm abgenommen. Allerdings weiß ich nicht genau, wieviel davon in den zwei Wochen und wieviel davon in den vier Wochen Praktikum. Fakt ist aber, dass das so gar nicht geht, weil ich vorher schon Idealgewicht hatte und mein BMI aktuell bei 15,8 liegt. Was trotz reduzierter Muskelmasse in den Beinen eindeutig zu niedrig ist. Ich bin aber überzeugt, dass das nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Schokolade zu mir!

Stinkende Behinderte

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Auch ich brauche mal Haar-Shampoo. Und was läge da näher, als in einem Supermarkt welches zu kaufen?

Ich rollte den Gang entlang, rechts von mir waren tausende Deo-Flaschen, rechts von mir waren Badezusätze, in der Mitte standen zwei Halbstarke, geschätzt auf 14 bis 15 Jahre, die jedes zweite Deo öffnen und durch die Gegend sprühen mussten. Sie fanden sich witzig. Genug Platz war vorhanden, so dass ich in größtmöglichem Bogen um die beiden herum fuhr, um möglichst schnell durch die Nebelwolke hindurch zu kommen.

Einer der beiden lief hinter mir her und sprühte mir mit den Worten „Hey, die Behinderte stinkt“ irgendein Deo ins Gesicht. Ich war darauf nicht vorbereitet, bekam die Augen nicht schnell genug zu und konnte erstmal nichts mehr sehen. Ich stoppte. Es brannte wie Hölle. Ich nahm die Hände vor das Gesicht und beugte instinktiv meinen Oberkörper nach vorne. Bis dahin konnte man vielleicht noch davon ausgehen, dass das ein blöder Streich war, bei dem man übermütig etwas über das Ziel hinausgeschossen ist. Jetzt kam nur der zweite noch hinterher und sprühte mir auch noch irgendwas über den Kopf. Nicht für eine Sekunde oder zwei, sondern vermutlich die halbe Flasche. Ich bekam kaum noch Luft. Die beiden fanden das irre komisch und lachten sich kaputt.

Ich hatte noch immer die Hände vor den Augen. Das Öffnen der Augen war nicht möglich, es brannte nach wie vor wie Hölle. Jetzt begannen die beiden, mich im Stuhl durch die Gegend zu schieben. Nicht langsam, sondern mit ziemlich hoher Geschwindigkeit. Einer lachte, der andere schob mich brummend vor sich her, während er bereits im Laufschritt war. Ich musste, um nicht rauszukippen, meine Hände vom Gesicht nehmen und mich am Rahmen des Stuhls festhalten. Ich schrie wie am Spieß, er soll die Scheiße sein lassen, das sei nicht witzig. Er fand: „Doch, das ist sehr witzig, darum machen wir das ja.“ – Irgendwann gab er mir aus dem Laufen einen Stoß. Ich rollte frei durch irgendeinen Gang. Ich versuchte, meine Greifreifen zwischen die Finger zu bekommen und zu bremsen. In dem Moment, als ich die Hände vom Rahmen nahm, krachte ich auf irgendwas drauf. Es war aus Metall, es gab aber nach. Irgendein rollender Wagen. Sehen konnte ich nichts. Der Aufprall war relativ glimpflich, irgendwelches Verpackungsmaterial fiel über mich. Der Wagen rollte scheppernd irgendwo gegen, ich konnte mich soweit fangen, dass ich meinen Stuhl zum Stehen bekam. Nach wie vor brannten meine Augen, ich sah überhaupt nichts. Das Gelächter kam wieder dichter. Ich schrie in Panik um Hilfe. Ich überlegte, mich aus dem Stuhl fallen zu lassen, konnte aber nicht einschätzen, wohin ich fallen würde und ob man mich vielleicht tritt.

Ich hörte die Stimme einer alten Frau, die irgendwas mit „Rotzlöffeln“ schrie. Noch jemand kam angelaufen, ein Mann, er rief mit starkem Akzent: „Halt den mal fest, der gehört dazu, die haben hier irgendwas mit der Rollstuhlfahrerin angestellt.“ – „Lass mich los, ich stech dich ab“, hörte ich. Ich wusste überhaupt nicht, was da los war. Ich hörte aber, dass immer mehr Leute angelaufen kamen. Ich versuchte, blinzelnd was zu erkennen, sah aber nur einen weißen Schleier und es brannte weiterhin wie verrückt. Überhaupt nicht peinlich… Ein Mann legte eine Hand auf meine Schulter: „Sind Sie verletzt? Können Sie sagen, was passiert ist?“ – „Ja, zwei Jungs haben mir Deo ins Gesicht gesprüht und mich mit vollem Schwung hier irgendwo gegen geschoben. Ich kann nichts sehen und das brennt wie Hölle. Aber es ist wohl nicht so schlimm, geht bestimmt gleich vorbei.“ – Der Mann brüllte durch den Laden: „Bring den Spinner mal her, der hat hier die Frau verletzt. Und ruf mal einen Krankenwagen.“

Wenigstens war die Situation wieder überschaubar. „Du setzt dich da vorne hin und machst keinen Mucks, sonst brech ich dir alle Knochen. Hast du das verstanden?“ – „Ja“, murmelte eine bekannte Stimme kleinlaut. „Hol du mal paar Wasserflaschen her für die Frau, sie soll mal ihre Augen spülen. Und ein Handtuch oder sowas. Und gleich eine große Rolle Küchenkrepp. Aber ohne Kohlensäure!“ – Irgendjemand wetzte davon. Ein älterer Mann sagte: „Dir sollte man mal ein paar vor die Fresse kloppen.“ – „Ja, gehen Sie weiter, das nützt doch jetzt nichts.“

Jemand kam angewetzt. „Hier, Wasser.“ – „Nehmen Sie mal Ihren Kopf hier zur Seite, so, und dann versuchen Sie mal, die Augen offen zu halten. Ich kippe Ihnen Wasser drüber, damit die Augen gespült werden.“ – Die ganze Soße lief zur Hälfte in meinen Kragen und zur anderen Hälfte auf den Fußboden. Eine noch völlig unbekannte Frau kam dazu: „Was macht ihr denn hier für eine Sauerei?“ – „Bring lieber mal das Küchenkrepp, die beiden Verrückten da haben der Frau Deo in die Augen gesprüht.“ – „Die haben hier auch Hausverbot.“

Ein paar Minuten später konnte ich schon wieder sehen. Zwar immernoch wie durch einen Schleier, aber ich konnte erkennen, was los war. Einige Leute standen herum und glotzten. Zwei Sanitäter kamen herein und gaben mir eine Augenspülflasche. Kurz danach kam die Polizei. Ein Typ vom Sicherheitsdienst begrüßte die beiden Beamten mit Handschlag und erzählte: „Der hier und der da haben beide bei uns Hausverbot, waren trotzdem im Laden, haben der Rollerfahrerin hier Deo in die Augen gesprüht, so dass sie nichts mehr sehen konnte, sie dann rumgeschubst und sie am Ende in den Müllwagen gelenkt. Mein Chef und ich haben die beiden anschließend gleich festgesetzt, er hier hat gedroht, mich abzustechen.“ – „So, dann ihr beide mal hier ans Regal, ich werde euch nacheinander nach Waffen durchsuchen, hat jemand von euch Waffen oder gefährliche Gegenstände in der Tasche?“ – Das angekündigte Messer war nicht vor Ort. Anschließend: „Und dann hätte ich gerne von allen Beteiligten mal die Ausweise. Und dann bestell uns schonmal einen zweiten Wagen, die beiden kommen mit auf die Wache. Geht die Geschädigte mit ins Krankenhaus?“

Ich wollte eigentlich nicht, aber die Sanitäter machten mich auf einen bierdeckelgroßen Blutfleck zwischen Knie und Schienbein in meiner Jeans aufmerksam. Vermutlich von der Kollision mit dem Rollcontainer. Das machte mir jetzt erstmal größere Sorgen, denn die im gelähmten Bereich vorliegenden Wundheilungsstörungen machen es wahrscheinlich, dass ich mich damit noch über Monate beschäftigen würde. Ich ließ mich also in den Krankenwagen bringen, dort zerschnitt man erstmal mein Hosenbein, legte ein steriles Tuch auf die Wunde und fuhr mich in die Klinik. Dort wurde die „Platzwunde nach stumpfem Anpralltrauma“ gesäubert, ein gequetschter Wundrand versorgt und der ganze Kram immerhin genäht. Eine Augenärztin guckte sich meine Augen an, gab mir Tropfen mit, die ich in den nächsten 48 Stunden regelmäßig reinträufeln sollte. Sie meinte aber, da würde nichts nachbleiben.

Und nun? Jetzt darf ich vermutlich in einem halben Jahr zu irgendeinem Gerichtstermin, bei dem die beiden Rotzlöffel mit aller Härte verwarnt werden. Und die Staatskasse zahlt dann meine Anreise vom Studienort und die Gerichtskosten, weil die Jungs mittellos sind. Oder so ähnlich. Hurra, ich könnte mal wieder kotzen. Da gehste einmal Shampoo kaufen…