Tralala und Hopsasa

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Wenn man lange nichts von mir liest, und zwei Wochen sind lange, dann geht es mir entweder besonders gut oder besonders schlecht. Das schrieben mir zumindest einige besorgte Leser in den letzten Tagen. Ich kommentiere: Rischtisch!

Ursprünglich hatte ich mal vor, es mir mit ein paar Leuten besonders gut gehen zu lassen. Zum Abschluss unserer Sommersaison wollten wir mit einigen Sportkollegen ein Ferienhaus in Dänemark mieten und dort einige tolle Tage verbringen. Es war auch bereits alles gebucht, als jene Freundin, die das geplant hatte, einen Anruf bekam, das Haus sei wegen eines Wasserschadens nicht bewohnbar. Keine Ahnung, was da vor uns stattgefunden hat, aber wenn man zahlende Feriengäste wieder auslädt, muss es wohl mehr als nur eine Arschbombe in den Pool gewesen sein. Immerhin bekamen wir unbürokratisch unsere Anzahlung zurück. Jedoch: Um ein anderes barrierefreies Haus zu finden, das noch nicht belegt war, war es zu spät. Somit fiel diese Planung im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.

Und als wäre das noch nicht blöd genug, habe ich mich auf eine Garten-Grillparty einiger Fußgänger-Triathleten einladen lassen, um mit jenem Esel zusammen zu kommen, in den ich (bislang unbemerkt) verknallt bin. Ich wusste vorher, dass auch er eingeladen war, und hatte (nicht nur als Alibi) noch Marie mitgenommen. So saßen wir bei strömendem Regen verlassen unter vielen Leuten in einem riesigen Partyzelt – und mein Angebeteter hatte kurzfristig wegen einer Erkältung abgesagt. Die Party kippte schnell in Richtung Sauforgie, so dass Marie ziemlich bald ihre Mutter anrief und darum bat, dass sie uns wieder abholte. Sie hatte das vorher angeboten, damit wir beide was trinken können.

Als Maries Mutter durch den Regen gelaufen kam, waren wir gerade dabei, uns beim Gastgeberpaar zu verabschieden. In dem Moment verbesserte sich die Stimmung wieder: Jemand hatte eine Gitarre ausgepackt und gab einige lustige Lieder zum Besten. Sprang mit der Klampfe in der Hand herum und sang ausgerechnet mich mit „Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit?“ an. „Wir singen tralala und tanzen hopsasa“ – ja nee, is klar… – „Da wird die Sau geschlacht, da wird die Wurst gemacht (zum Grillfest im Garten)“ – und so weiter.

Und nachdem die üblichen drei Partykracher durch waren, ging es mit den Liedern unterhalb der Gürtellinie weiter. Maries Mutter sagte irgendwann: „Ich denke, ich soll euch abholen?“ – Das war das Signal, dass das Niveau tiefer nicht mehr fallen konnte. Man kündigte „Ficki Leandros“ an und sang ein Lied, bei dem es darum ging, dass sich der Mann mit den Lustkugeln seiner Frau vergnügte: „Günther gestehe, da steckt was im Hintern.“

Zunächst hatten wir überlegt, ob wir bei Marie noch einen DVD-Abend machen, da es mir aber nicht so gut ging (ich tippte zunächst auf das Grillfleisch), brachten die beiden mich nach Hause und ich packte mich mit Wärmflasche ins Bett. An Einschlafen war erstmal nicht zu denken, in meinem Bauch war der Teufel los. Bauchschmerzen, dazu Darmgeräusche, die auf eine erbitterte Schlacht schließen ließen – für eine Querschnittlähmung völlig untypisch. Und übel war mir wie schon lange nicht mehr.

Nach einer Stunde im Bett rollte ich dann in Richtung Klo. Spucken musste ich nicht, dafür kam ich aber zwei Stunden lang nicht mehr von der Schüssel runter. So elendig ging es mir wirklich sehr lange nicht. Mal war mir heiß, dann kalt, übel sowieso die ganze Zeit, dann hatte ich tierischen Durst, dann bekam ich wieder Bauchkrämpfe – und es war nicht daran zu denken, das Klo mal für fünf Minuten zu verlassen. Wo kam das bloß alles her? Irgendwann fühlte ich mich nur noch erschöpft und plötzlich bekam ich so derben Schüttelfrost, dass ich gar nicht so schnell mit den Zähnen klappern konnte wie von mir offenbar erwartet wurde. Dann wurde mir schwindelig, alles begann sich zu drehen, ich musste mich festhalten und dachte mir nur noch: Telefonieren. Sofort. Wer weiß, wie lange es noch dauert, bis ich hier vom Klo kippe.

Zum Glück hatte ich mein Handy in der Kletttasche in meiner Rückenlehne. Ich rief Cathleen an: „Kannst du mal rüberkommen? Bin im Bad und mein Kreislauf spielt verrückt.“ – Sie brachte gleich eine Pflegeschwester von Maria mit, die, als sie anklopfte und ins Zimmer kam, noch rumwitzelte, ich solle doch nicht so heiß baden, dann aber erkannte, dass ich nicht ein paar Streicheleinheiten, sondern vielleicht mal tatkräftige Hilfe bräuchte. Sie schnappte mich unter den Armen, zog mich vom Klo, legte mich auf die Erde, die Füße auf den Klodeckel, holte eine Wolldecke, deckte mich zu und sagte: „Ich rufe einen Rettungswagen.“

Ich schnatterte vor mich hin und murmelte nur: „Keine Panik, das wird gleich wieder besser.“ – Einzige Antwort von ihr: „Dann kann er ja leer zurückfahren.“ – Ich hatte keine Lust, mit ihr zu diskutieren und ließ alles über mich ergehen. Kurz danach kamen zwei Sanitäter, fragten mich, was los sei, ich meinte, ich hätte wohl was falsches gegessen und habe Kreislaufprobleme und dann nützte alles Reden nichts mehr, während der eine Blutdruck maß, holte der andere die Trage. Dann wurde ich auf die Trage gehoben, Marias Pflegeschwester meinte, es wäre vielleicht nicht verkehrt, mir eine Pampers anzuziehen, ich wurde, zittrig wie ich war, bis zum Hals zudeckt, festgezurrt und durch das Haus gerollt. Ein Sanitäter schob mich mit dieser Trage, der andere rollte meinen leeren Rolli hinter uns her.

Ich erinnere mich an eine schier endlose Fahrt über holprige Straßen und dass ich irgendwann in einem gefliesten Raum lag und aufgefordert wurde, auf eine andere Liege rüberzukrabbeln. Ich bekam eine Infusion, wurde gefragt, welcher Tag heute ist und lauter so Zeugs, wurde mindestens fünf Mal auf meine Querschnittlähmung angesprochen. Die Leute redeten alle auffallend laut und deutlich mit mir. „Wer ist Ihr Betreuer in der Einrichtung?“ – Häh? – „Das hat keinen Sinn. Wir rufen da morgen früh mal an und klären das.“

Und dann wurde ich in ein Zimmer geschoben, wo eine Frau um die 40, Christiane hieß sie, das andere Bett belegte. Ich bräuchte viel Ruhe und solle nicht aufstehen. Ich hätte wohl einen Magen-Darm-Virus und käme aus einer Behinderten-Einrichtung. Das weiß ich noch.

Das einzige, woran ich mich erinnere, ist, dass diese andere Frau extrem viele Leberflecke in ihrem auffallend schmalen Gesicht hatte und ziemlich lange, dunkle Haare. Dass ich alles wie durch einen Tunnel sah. Und Christiane mühsam mit einem Infusionsständer in der Hand schrittweise durch das Zimmer schlurfte. Sie belegte das zweite Bett in dem Zimmer und fragte andauernd, wie es mir gehe und klingelte auch mindestens einmal nach der Schwester für mich. Ich habe voll die Erinnerungslücken, weiß nur noch, dass ich mindestens einmal eine neue Pampers bekommen habe und untenrum gewaschen wurde.

Und diese Christiane fragte mich andauernd nach meiner Mutter oder meinem Vater. Und wo ich wohne. Wie die Einrichtung heißt. Und ich habe immer nur gesagt, dass ich jetzt keinen Besuch will. Und irgendwann war die Schwester drin und fragte, ob ich einen Kamillen- oder einen Fencheltee zur Nacht möchte. Ich schüttelte mit dem Kopf, dann wurde nochmal Blutdruck gemessen, ich bekam eine neue Infusion drangehängt, Licht aus, gute Nacht. Irgendwann klingelte mein Handy und Christiane kletterte aufgeregt aus dem Bett und begann, in den Kletttaschen meines Rollis zu wühlen. Ich dachte, sie nervt das Gebimmel und sagte zu ihr: „Sorry, wenn dich das geweckt hat. Mach aus den Mist, ich rufe da morgen an.“

Sie gehorchte nicht, sondern rief einfach zurück. Ich wurde böse. Wer weiß, wer da am Telefon war? Sie sagte, ich wäre ins Krankenhaus … eingeliefert worden, ob man die Eltern anrufen könnte, es müsste sich dringend jemand um mich kümmern, sie habe ein ganz schlechtes Gefühl. Die Nachtschicht sei überfordert. Der diensthabende Arzt hätte zu viel Geduld. Und sie habe eine große Bauchwunde und solle nicht rumlaufen. Sie habe schon versucht, ihren Mann zu erreichen, aber der habe Nachtdienst und habe noch nicht zurückgerufen. „Sie kommen selbst vorbei? Jetzt gleich? Okay. Sie liegt auf der Station … im Zimmer ….“

Ich wäre fast geplatzt. Wieso hörte sie nicht auf mich? Ich habe sie dann angepflaumt, dass ich das nicht okay finde, ich könne morgen immer noch Besuch empfangen, aber sie streichelte mir nur immer wieder über das Gesicht und sagte immer wieder: „Da kommt gleich jemand, es wird gleich besser. Versuch mal, dich zu beruhigen. Es dauert nicht mehr lange.“ – Das regte mich richtig auf.

Eine gewisse Zeit verging, dann wusste ich, mit wem sie da telefoniert hatte. Maries Eltern kamen beide durch die Tür. Ich sagte: „Hey, tut mir echt leid, aber meine Mitbewohnerin hat einfach so entschieden, euch anzurufen.“ – Woraufhin Christiane sagte: „Ich bin so froh, dass Sie da sind. Ich verstehe zwar nicht, was sie will, aber dass es ihr nicht gut geht, das merkt man doch. Sie hat angeblich einen Magen-Darm-Virus. Ich habe das Gefühl, die Schwester nimmt das auf die leichte Schulter. Kennen Sie sie näher oder die Eltern?“

Maries Mutter machte das große Licht an, tastete meinen Puls, strich mir über die Stirn. „Hol mal die Schwester. Schnell!“, sagte sie zu ihrem Mann. Der flitzte los. Sie guckte Christiane an: „Gut, dass Sie angerufen haben.“ – Und sagte zu mir: „Wird gleich wieder gut, Mäuschen. Bleib mal bitte ganz entspannt.“

Ich verstand nur Bahnhof. Was war hier los? Maries Mutter nahm mir die Decke weg, kniff mich an paar Stellen, guckte auf den Infusionsbeutel, machte eine ernste Miene und ich hatte das Gefühl, sie wäre böse auf mich. Immer, wenn ich versuchte, mit ihr zu reden, sagte sie nur, sie müsse sich jetzt konzentrieren und wir reden später. Sie verstellte mein Bett und als die Schwester endlich kam, schickte sie diese los, den Arzt holen. Ich habe sie ja schon mehrmals für ihre Ruhe und Besonnenheit bewundert, auch (und gerade) als sie sich um den Mann auf der Straße gekümmert hat, umso bedrohlicher wirkte ihr: „Sie flitzen bitte zackig los und holen den Arzt, ja?“

Es dauerte und dauerte, dann kam der Arzt um die Ecke gedüst, mit den Worten: „Was ist denn hier los?“ – Maries Mutter sagte: „Das ist eine gute Frage. Ich bin die Hausärztin. Meine Patientin liegt hier blitzeblau und redet Stuss.“ – Der Arzt guckte die Schwester an, die zuckte mit den Schultern. Dann fummelte er an der Infusion rum und antwortete mit Blick auf die Schwester: „Die läuft viel zu langsam.“ – Die Schwester kam mit einen Wagen um die Ecke mit einem Gerät drauf, das sie mir an den Finger klemmen wollte.

Maries Mutter sagte: „Herr Kollege, das Ding können Sie vergessen, die ist schon blau. Zweiter Arm, zweiter Zugang, einmal selbst bestimmen, einmal Labor cito … Machen Sie jetzt was oder ich? Und piepen Sie endlich Ihren Hintergrund an!“ – „Hintergrund ist im Schockraum, da haben Sie mich gerade rausgeholt. Da ist die Hölle los.“ – „Ja, hier auch! Sauerstoff dran, zweite Infusion mit Druck, haben Sie ein überwachtes Bett?“ – „Muss ich gucken.“ – „Ja, dann gucken Sie! Sind das die Werte hier von vorhin? Die war doch vor zwei Stunden schon sauer! Sag mal, das muss doch mal einer merken!“

Ich bekam eine durchsichtige Sauerstoffmaske auf mein Gesicht gesetzt. Dann endlich stöpselten sie eine zweite Infusion dran, kletteten das Blutdruckgerät drum herum und pumpten es auf. Dadurch schoss diese Infusion in meinen rechten Arm. Ich merkte nur, dass er kalt wurde. Dieses Sauerstoffteil tat gut. Oder die Infusion. Oder beides. Nur wenige Momente später hatte ich das Gefühl, als würde sich in mir irgendetwas entfalten, was in mir zusammengefallen war. Oder als würde jemand völlig vertrocknete Blumenerde gießen. Maries Vater stand an der Wand mit völlig erschrockenem Gesicht und sah aus, als wenn er gleich zu heulen anfängt. Kurz danach kam eine weitere Ärztin ins Zimmer und stellte sich vor.

Mir wurde schwindelig und das nächste, woran ich mich erinnere, waren etliche Geräte um mich herum. Ich war in einen großen Raum mit bestimmt fünf oder sechs Leuten drin. Maries Mutter war auch dabei. Anschließend musste ich in eine Röhre, in einen Kernspintomografen, bekam Ohrschützer auf und wurde erstmal durchleuchtet. Das war aber alles unauffällig, eine Blutvergiftung oder eine Infektion im Körper, die man zunächst vermutet hatte, war es nicht. Trotzdem kam ich für drei Tage auf die Intensivstation. Am Ende stellte sich heraus, dass mehrere Leute, die auf der Party waren, ebenfalls massive Probleme hatten. Also war irgendein Salat, irgendein Fleisch oder sonstwas wohl verdorben. Nur durch meine Querschnittlähmung und die damit verbundene relative Darmlähmung und den typischen Kreislaufregulationsstörungen, wäre das beinahe in die Hose gegangen. Inzwischen bin ich wieder zu Hause und es ist alles wieder okay.

Maries Mutter hat mir hinterher erzählt, dass die Laborwerte auf „einen akut lebensbedrohlichen Vorgang“ hingewiesen hätten. Sie meinte: Wäre die Christiane nicht gewesen oder hätte die Schwester nicht bald nach mir geschaut, hätte ich die Nacht mit ziemlicher Sicherheit nicht überlebt. Und warum hatte Christiane nicht auf mich gehört? Maries Mutter sagte: „Du hast nur noch Blödsinn geredet. Als wenn jemand im Schlaf vor sich hinbrabbelt: Nur wirres Zeug. Die haben vermutlich gedacht, du hast auch irgendwelche kognitiven Einschränkungen.“ – Das durfte doch nicht wahr sein. Für mich war das, was ich gesagt hatte, alles super logisch und korrekt. Da kann man mal sehen, was da los gewesen sein muss. Maries Mutter hatte mich auf dem Handy angerufen, nachdem Cathleen noch bei Marie angerufen und ihr von meinem Abtransport ins Krankenhaus erzählt hatte.

Gegen den Arzt habe ich übrigens – wen wundert es – einen Strafantrag gestellt. Ob dabei etwas rauskommt, bleibt abzuwarten, Maries Mutter meinte, dass das klinik-intern auf jeden Fall Konsequenzen hat. Und dass ich auf dem Weg an die Daten von Christiane komme, um mich bei ihr noch einmal angemessen bedanken zu können.

Jedenfalls scheint im Moment – zumindest körperlich – alles wieder gut zu sein. So ein bißchen Aufregung brauche ich von Zeit zu Zeit, meinte Cathleen. In einer Hinsicht geht es mir jedoch nicht so gut: Mein Angebeteter hat mich im Krankenhaus nicht ein einziges Mal besucht. Und mich offenbar nicht mal vermisst. Seufz.

Opfer einer Fallpauschale

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Die Fallpauschale bringt es mit sich: Während vor ein paar Jahren frische Querschnitte noch lange genug im Krankenhaus und vor allem in der anschließenden Reha verbrachten, bekommt die Behandlungseinrichtung heute von der Krankenkasse in der Regel nur noch eine pauschale Summe. Was dazu führt, dass einige Kliniken, die sich eigentlich auf Querschnittlähmungen spezialisiert hatten, den „Standard-Querschnitt“ auf Krankenkassenrechnung gar nicht mehr aufnehmen, sondern nur noch komplizierte Fälle (beispielsweise hoch gelähmte Patienten, die dauerhaft beatmet werden), behandeln. Privatpatienten haben, ebenso wie Unfallopfer, bei denen eine Unfallversicherung das Krankenhaus anhand der tatsächlichen Behandlungsdauer vergütet, ebenfalls noch eine Chance.

Der Rest wird in Krankenhäusern behandelt, die sich eben nicht auf Querschnittlähmungen spezialisiert haben – mit der Folge, dass sie nach drei bis sechs Wochen wieder zu Hause sind und im Alltag alles andere als zurecht kommen. Sie können mit ihrem Rollstuhl nicht umgehen, trauen sich nicht auf die Straße, kommen vom Fußboden weder ins Bett noch in den Rolli. So haben wir aktuell eine junge Frau Anfang 20, die vom Pferd gestürzt ist und zum Glück bei ihren Eltern lebt. Alleine wäre sie permanent von einem Pflegedienst abhängig. Als sie aus der Klinik kam, war sie nicht mal in der Lage, sich alleine vom Rollstuhl auf die Toilette umzusetzen. Und sie hat die gleiche Lähmungshöhe wie Jana, die völlig selbständig ist und überhaupt keine Hilfe durch Dritte braucht.

Davon abgesehen, dass sie körperlich absolut unfit ist, geht es ihr psychisch zur Zeit so schlecht, dass sie eigentlich in eine Klinik gehört. Das würde bei Aufnahme wohl eine neue Fallpauschale auslösen, nur glaube ich nicht, dass man mit ihr in der Psychiatrie die Mobilität mit dem Rollstuhl üben würde. Es ist zum Heulen. Zum Glück hat der Vater einen halbwegs kühlen Kopf behalten und drängt sie nun zum Sport. Schwimmen, meinte er, könnte sie auf jeden Fall lernen, und so tauchte er irgendwann mit ihr bei unserem Schwimmtraining auf, wurde von Tatjana in eine Anfängergruppe geschickt – und nachdem die dortige (laufende) Übungsleiterin zurückmeldete, dass sie dringend Kontakt zu Rollstuhlfahrern braucht, haben sich Marie, Cathleen, Jana und ich ein paar Mal mit ihr getroffen. Sie ist sehr nett, sehr schüchtern und eben völlig überfordert. Was inzwischen dazu führt, dass sie spätestens jeden zweiten Tag bei irgendeinem von uns vor der Tür steht, weinend, nach Halt suchend. Und irgendjemand fährt sie dann kurz vor Mitternacht wieder nach Hause. Anstrengend. Nicht sie, sondern ihre beschissene Situation.

Weil wir wissen, dass es für sie noch anstrengender wird, wenn wir sie auf Distanz halten würden, was wir eigentlich tun müssten, um uns selbst zu schützen, machen wir genau das Gegenteil und laden sie im Moment ständig zu uns ein. Sei mit uns zusammen, lerne mit uns zusammen, wie du mit deiner Behinderung zurecht kommst, und fühle dich wohl. Eigentlich kann es nicht irgendeines Menschen Wille sein, was hier passiert, aber dennoch passiert es. Inzwischen sind wir aus dem Tal der Tränen raus, inzwischen ist sie so weit, dass sie einen bissigen Ehrgeiz entwickelt hat, Fortschritte zu machen. So kommt sie inzwischen selbständig auf das Klo und auf den Beifahrersitz. Vorgestern haben wir mit ihr geübt, wie sie im Sitzen alleine eine Hose über ihren Po bekommt. Im Liegen konnte sie es, aber im Sitzen nicht. Ich glaube, es waren 70 Versuche. Ab dem 50. Versuch wurde sie aggressiv. Am Ende konnte sie es.

Heute nun treffen wir uns abends für einen DVD-Abend bei Marie. „Ziemlich beste Freunde“ gibt es inzwischen ja zu kaufen, vielleicht schaffen wir es auch für eins der letzten Male in diesem Jahr in den Pool, vielleicht sogar in die Sauna. Sobald der erste Nachtfrost kommt, wird das Wasser abgelassen. Und auf jeden Fall wollen Marie, Cathleen, Jana und ich mit der jungen Frau den Transfer vom Fußboden in den Rollstuhl üben. Das muss sie können. Ob sie will oder nicht.

Ein gebrauchtes Wochenende

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Was gibt es bloß für Idioten auf dieser Welt? Ich kaufe in einem Elektronik-Warenhaus einen original verschlossenen und vom Hersteller versiegelten Karton, in dem sich Toner für meinen Laserdrucker befinden soll, mache den zu Hause auf und drinnen ist nur Müll. Offenbar hatte den Karton vorher jemand von unten aufgefummelt, das Orinalteil herausgenommen, eine mit Sand gefüllte Milchtüte, abgelaufen am 31.03.11, hinein gepackt, den Karton sauber erst mit Flüssigkleber, anschließend mit durchsichtigem Klebeband wieder zugeklebt und dann den Kram zurückgebracht – vermutlich unter der Behauptung, den falschen Toner erwischt (oder gar ausgehändigt bekommen) zu haben. Und anschließend mit Bargeld, einem Warengutschein oder dem Toner für seinen Firmendrucker in der Hand das Warenhaus verlassen…

Und Stinkesocke hat 170 Euro für einen Kombisparpack mit vier bunten Kartuschen abgedrückt und damit irgendeiner Schweinebacke seinen Kram finanziert. Nur wenn ich da jetzt wieder hinfahre und die Story zum Besten gebe, glaubt mir das sowieso niemand. Am Ende unterstellt man mir noch den Betrugsversuch. Folglich habe ich ordentlich Leer- ähm… Lehrgeld bezahlt und weiß nun, dass man auch versiegelte Kartons am besten gleich vor Ort auspackt, wenn man keine schonmal gebrauchte Ware erhalten möchte.

Schonmal gebraucht war am letzten Wochenende allerdings nicht nur der Toner, sondern irgendwie alles. Das ganze Wochenende war aus der Second-Hand-Schublade. Morgens sollte Zeugnisausgabe sein. Ein Dutzend Leute haben sich gewundert, wieso unsere Schule die Zeugnisse eine Woche vor den anderen Schulen ausgibt. Fünf Mal nachgefragt: Nö, hat alles seine Richtigkeit. Am letzten Freitag dann: „Wieso heute? Häh? Könnt ihr nicht lesen?!“ – Egal. Jetzt gibt es sie doch erst am Dienstag. Hätte mich auch gewundert. Unterricht war aber auch nicht, weil keiner der Lehrer noch Bock hat.

Anschließend bin ich zum Hausarzt gefahren. Ich wollte nur die Verlängerung von zwei Dauerverordnungen rausholen und eine Überweisung zum Dermatologen: Ich habe am rechten Unterschenkel einen Leberfleck, der einmal pro Jahr angeschaut werden soll. Zwei andere wurden schonmal entfernt, allerdings mit harmlosem Befund. Meine Hausärztin hat allerdings Urlaub (was ich vorher nicht wusste) und in der Praxis wütete wartete die Vertretung. „Ja, das ist ja viel Geldschneiderei, eigentlich müssen Sie das bezahlen, wo ist denn der Leberfleck?“ – „Was muss ich bezahlen?“ – „Naja, das Anschauen der Leberflecke, und da sich rumgesprochen hat, dass es bei einem konkreten Verdacht kostenlos ist, gehen uns alle Leute auf den Keks mit irgendwelchen Geschichten von sich verändernden Leberflecken, nur damit sie eine Überweisung bekommen und die 30 Euro auf Privatrechnung nicht bezahlen müssen.“

Ich war drauf und dran, der ein paar passende Worte zu sagen. Würde der Dermatologe dann alle Leberflecke anschauen oder nur den einen? Bringt das dann was? Hat man dann was gespart? Habe ich das nötig? Also. – „Dann müssen Sie sich noch einen Augenblick hinsetzen und warten“, sagte sie. Ich sitze schon, dachte ich. Aber dann warte ich eben.

Nach knapp 90 Minuten kam ich als letzte dran. Sie schaute sich mein Bein an, ich wollte eigentlich nur noch wieder los, als sie in einem vorwurfsvollen Ton sagte: „Was haben Sie da denn?!?“ – „Wieso, was hab ich da denn?“ – „Ziehen Sie mal die Hose aus. Und die Schuhe. Und die Socken. Und dann legen Sie sich mal hier hin.“ Dann fing sie an, an meiner Fußsohle zu kitzeln. „Merken Sie das?“ – „Äh, was? Ich habe eine Querschnittlähmung, ich merke da nichts.“ – „Fassen Sie mal an, das rechte Bein ist viel heißer als das linke!“ – „Ja, das habe ich manchmal.“ – „Wenn ich hier drauf rumdrücke, merken Sie nichts, oder?“ – „Neihein!“ – „Und hier auch nicht, oder?“ – „Nein, und überhaupt an den Beinen sowieso nichts. Was machen Sie da jetzt und was soll das werden?“ – „Der rechte Unterschenkel ist völlig überwärmt und der Fußknöchel auch. Und wenn ich hier reindrücke, drücke ich Wasser weg. Nehmen Sie Entwässerungsmittel? Und wieso tragen Sie keine Thrombosestrümpfe?“

„Das hat noch nie jemand für wichtig erachtet.“ – „Sie müssen sofort ins Krankenhaus.“ – „Was?“ – „Ja. Das ist absolut gefährlich. Da kann es ernsthafte Komplikationen geben!“ – Ich bekam Angst. Was für Komplikationen? Was hatte ich da? Wieso hatte das noch nie jemand gemerkt? Sollte ich froh sein, dass die da so ein geschultes Auge hat und das sofort erkennt? – „Sie fahren jetzt mit dem RTW ins nächste Krankenhaus, das muss sofort untersucht werden.“

Na super. Lange keine Komplikation gehabt, lange keine Notaufnahme gesehen, lange nicht mit dem Rettungswagen gefahren. Ich wurde gegen meinen Wunsch in das nächst gelegene Krankenhaus gegurkt, und wie sich später herausstellte, lag der Beutel, in den ich alle meine persönlichen Sachen packen sollte, und mein Rucksack noch in der Arztpraxis. Einschließlich Papiere, Schlüssel, Handy. Obwohl die Sanitäter gesagt haben, sie nehmen das mit. Nach vier Stunden (!) kam dann ein Arzt, der sagte, dass er sich nicht auskennt und mich wegen meiner Querschnittlähmung in ein anderes Krankenhaus verlegen möchte. Noch eine Fahrt mit dem Krankenwagen, als ich da endlich im Untersuchungsraum angekommen war, wurde erst noch ein Arzt aus dem Bereitschaftsdienst von zu Hause geholt und dann, so gegen 21.30 Uhr, stand fest, dass eine Kontrastmitteluntersuchung gemacht werden muss, die aber in dem Krankenhaus auch nicht gemacht werden konnte, weil es kein Notfall ist und zwischen meinem Kostenträger und dem Krankenhaus kein Vertrag besteht. Hätten die mich gleich in „mein“ Krankenhaus gebracht, wo ich von Anfang an hin wollte, wäre alles kein Problem gewesen.

Als ich in „meiner“ Klinik ankam, hatte ein Arzt Dienst, den ich schon aus meiner stationären Zeit kannte und der immer sehr cool und nett war. „Was soll da sein? Das ist Unsinn. Da machen wir jetzt ein vernünftiges Ultraschall, ich hole noch eine Kollegin dazu, die schaut sich das mit an und dann sehen wir weiter.“ – Ende vom Lied: Nichts los. Absolut nichts. Nichts als heiße Luft. Keine Wassereinlagerungen, keine Thrombose, Blut unauffällig, lediglich zurückgebildete Muskeln an den Beinen. Um halb zwei nachts bestellte man mir ein Taxi, stellte mir einen Beförderungsschein aus und ich durfte nach Hause.

Als ich heute in der Praxis anrief, um zu klären, wann ich meine Sachen abholen könnte, wurde mir dann noch erzählt, dass die noch am selben Abend per Kurier ins Krankenhaus geschickt wurden. Stundenlang habe ich bis eben damit verbracht, meine Sachen zusammen zu suchen. Das könnte ich jetzt noch über drei Seiten beschreiben, aber ich kürze es ab: Am Ende waren sie im ersten Krankenhaus bei den Fundsachen. Nun habe ich endlich mein Handy wieder, mein Auto, mein Geld – Wahnsinn!!

Eigentlich wollte ich dieses Wochenende in ein Trainingslager. War vorher noch mit einer Freundin verabredet, die vergeblich durch die halbe Stadt geeiert ist und auf mich gewartet hat. Ich habe gerade mein I-am-fed-up-T-Shirt aus der Waschmaschine geholt. Ich glaube, das ziehe ich gleich nass an…

Ein kleiner Schock

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So eine Scheiße! Im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn ein Blogeintrag schon so beginnt, sollten sich sanfte Gemüter gewarnt fühlen.

Wie immer, mit schönen Grüßen von Herrn Murphy, ging es am Freitag abends los: Ich bekam Bauchschmerzen, die ich sonst höchstens Mal im Zusammenhang mit meiner Regel bekomme, und zwar so heftig, dass ich mich am liebsten hingelegt hätte. Da meine Regel noch nicht wieder dran war und ich vor allem auch seit Einnahme der Pille keine Regelschmerzen mehr hatte (vorher auch nur selten, aber seitdem noch gar nicht wieder), wurde mir ziemlich schnell klar, dass das etwas anderes sein musste. Ich saß gerade mit einigen „wichtigen“ Leuten aus dem Sportverein beim Essen in einem Restaurant, hatte vor einer Stunde einen Fleischspieß, grüne Bohnen und Kartoffeln gegessen und muss wohl irgendetwas nicht vertragen haben. Vermute ich.

Ein rolligerechtes Klo gab es dort nicht, ich wollte nur noch möglichst schnell nach Hause. Also verabschiedete ich mich mit den Worten, dass es mir nicht so gut ginge. Eine ältere Frau, die zu der Runde gehörte, Fußgängerin, wollte mich noch mit dem Auto nach Hause fahren, nachdem sie hörte, dass ich mit dem Handbike gekommen war, aber das wollte ich partout nicht. Die 7 Kilometer sind mit dem Handbike (nein, nicht das Rennbike, mit dem wir trainieren, sondern ein Vorspannbike für den Alltagsrolli) eigentlich ein Klacks. Aber mit Bauchschmerzen …

War das eine Tortur! Ich hab echt gelitten. Nein, es hat mich nicht umgebracht und es gibt wirklich schlimmeres, aber es war echt eine Quälerei. Ein paar Mal bin ich stehen geblieben und habe die Hände auf den Bauch gehalten, da es so irre weh tat. Ich drücke mich seit vier Absätzen darum, zu schreiben, dass ich zuerst noch überlegt habe, mich eine Stunde lang auf irgendein öffentliches Klo zu setzen, wobei ich heute froh bin, es nicht getan zu haben. Von dessen Sauberkeit mal abgesehen, hätte es nichts gebracht. Entsprechend froh war ich, an der frischen Luft zu radeln und nicht in einem Auto oder Bus zu sitzen. Nein, wirklich nicht appetitlich. Aber mein Blog ist ja bekannt für unverblümte Darstellungen.

Der Weg ging zu Hause direkt unter die Dusche. Zum Glück ist nichts ausgelaufen, sondern wirklich alles in der Windel geblieben. Meine schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Zwei Mülltüten, eine Rolle Papiertücher, Einmalhandschuhe, warmes Wasser – so eine Querschnittlähmung kann echt eklig sein.

Von der Dusche bin ich direkt aufs Klo und von dort die nächste Stunde nicht mehr runter gekommen. Ich war alleine zu Hause, die anderen waren alle unterwegs. Als ich endlich dachte, es sei vorbei, lag ich kaum im Bett, als es wieder los ging. Um es kurz zu machen: Als Querschnitt sollte man möglichst keine Medikamente nehmen, die die Darmtätigkeit verlangsamen (Loperamid etc.). So etwas kann schnell zu heftigen Vestopfungen führen. Aber ohne hatte das hier absolut keinen Sinn mehr.

Morgens um fünf saß ich immer noch auf dem Klo (woher kam das alles?!), hatte die Höchstdosis Loperamid erreicht und war so erschöpft, dass ich mich über den Haltegriff lehnte und auf der Stelle hätte einschlafen können. Am liebsten hätte ich mir eine Pampers angezogen und mich zwei Stunden schlafen gelegt, aber das hätte mir meine Haut mit Sicherheit richtig übel genommen. Also döste ich auf dem Klo vor mich hin.

Um halb sieben startete ich noch einen Versuch, war aber nach einer Viertelstunde wieder unter der Dusche und anschließend wieder auf dem Klo. Um halb acht rief ich meine Hausärztin auf dem Handy an. Sie sagte, ich könne dort jederzeit anrufen; wenn sie schläft oder nicht erreichbar ist, ist es lautlos gestellt. Sie ging ran. Das war so eine Erleichterung, dass ich ihr so richtig schön peinlich etwas vorgeheult habe. Ich war so erschöpft und fertig nach der Nacht … naja.

Um fünf Minuten vor Acht klingelte sie an der Tür. Hausbesuch am Samstagmorgen. Wie unangenehm. Ich sollte mich auf mein Bett auf eine Zelltoffunterlage legen und als erstes tastete und hörte sie nicht etwa meinen Bauch ab, sondern maß meinen Blutdruck. Noch während ich da lag, ging das wieder los. An Peinlichkeit kaum zu überbieten, aber was soll man machen, wenn man das nicht kontrollieren kann. Obwohl ich zwischendurch literweise Wasser und Tee getrunken habe, um nicht völlig zu dehydrieren, meinte sie, ich hätte einen extremen Flüssigkeitsmangel. Ob ich merken würde, dass mein Plus rast. Ich war halt aufgeregt!?

Sie legte mir eine Infusion, und nicht nur, dass sie die Tropfgeschwindigkeit auf volle Pulle stellte, sondern sie klettete zusätzlich noch die Blutdruckmanschette um den Beutel und pumpte sie auf, um mehr Druck auf die Infusion zu erzeugen. Ich bekam auch irgendwelche Medikamente über die Kanüle gespritzt. Dann sagte sie, sie würde mich gerne in ein Krankenhaus einweisen, für ein bis zwei Nächte. Das sei ihr zu heikel. Sie ließ überhaupt nicht zu, dass ich widersprach, sondern rief gleich über ihr Handy einen Krankenwagen. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Sie sagte, mein Kreislauf mache ihr mehr Sorgen als der Zirkus in meinem Bauch. Das sei „eklig, aber harmlos“.

Keine zehn Minuten später standen zwei Leute mit allen möglichen Geräten in der Hand und Rucksäcken auf dem Rücken in der Tür. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf: Herr Wichtig und Herr Oberwichtig mussten sich mit meiner Hausärztin duellieren. Als sie sich kurz vorstellte, meinte der eine von ihnen: „Ah, engagiert am Samstagmorgen.“ In ohrenbetäubender Lautstärke (bin ich eine alte, schwerhörige Oma?) sagte er: „Dann messen wir mal Ihren Blutdruck, nä?!“ Dann schaute er auf die Infusion, die zweite lief gerade durch, auch mit Blutdruckmanschette, aber wohl nicht mehr so schnell wie die erste, und sagte: „Was ist das denn hier für eine abenteuerliche Konstruktion? Das muss ich mal eben abmachen, sonst kann ich keinen Blutdruck messen.“

Woraufhin meine Ärztin sagte: „Lassen Sie das bitte dran, die Patientin braucht dringend Flüssigkeit. Blutdruck ist 70 zu 50, Puls über 150. Ich schlage vor, Sie holen die Trage und dann fahren wir gemeinsam ins Krankenhaus.“ – Antwort des jüngeren Sanitäters, ich schätze, Anfang 20: „Nee, junge Frau, die Organisation des Rettungsdienstes liegt bei uns. Sie sind keine ausgebildete Notärztin, wenn mich nicht alles täuscht. Oder?“ – Ich fand es völlig daneben und es ist echt nicht das erste Mal, dass ich solche Erfahrungen mit dem Rettungsdienst mache. Meine Hausärztin murmelte nur: „Ich glaube, Sie haben nicht alle Tassen im Schrank.“ – Ich musste grinsen. Dann wandte sie sich an den anderen der beiden Männer und sagte: „Ich schlage vor, das EKG anzuschließen. Und die Patientin sollte zeitnah Sauerstoff bekommen.“ – Der antwortete: „Ja, machen wir gleich im Wagen. Erstmal Blutdruck messen.“

Woraufhin meine Hausärztin zum Handy griff und erneut anrief: „Doch, die sind soeben eingetroffen. Die sind allerdings absolut unkooperativ und wollten gerade meine Infusion ziehen. Die Patientin hat einen ausgeprägten Volumenmangel. Schicken Sie bitte den Notarzt nach.“ – Der Sanitäter fuhr sie an: „Was soll das denn jetzt?“ – „Sie haben es nicht im Griff. Ich will hier keine Diskussionen vor der Patientin. Der Puls ist über 150 und der Blutdruck 70 zu 50.“ Sie deutete auf meinen Hals. Keine Ahnung, was man da sah. „Sehen Sie das? Das müsste reichen. Und jetzt geben Sie mal Gas, damit da das EKG rankommt und fahren Sie sich wieder runter. Sie sind professioneller Rettungsdienst.“

Ich wurde auf die Trage verlegt, mitsamt meiner Zellstoffunterlage, zugedeckt, zum Auto geschoben. Es war arschkalt draußen. Hinten durch die Tür eingeladen, die letzten Zentimeter gingen sogar elektrisch, die Infusion mit der Blutdruckmanschette lag auf meinem Bauch und die Manschette hatten die natürlich abgefummelt. Irgendwie war mir ganz recht, dass da noch ein Arzt hinzu kam, ich war sehr verunsichert. Mir ging es relativ gut, aber ich war mir auch nicht sicher, wie stabil mein Kreislauf war. Ich hatte ständig das Bedürfnis, mich zu räkeln und zu strecken, und immer wenn ich das tat, sah ich Sterne. Im Liegen. Irgendwas war da wirklich nicht in Ordnung. Gerade als der Sanitäter eine Klappe in der Decke geöffnet hatte, um dort meine Infusion wieder anzuhängen, ging die Seitentür auf, ein Typ kam rein, stellte sich vor, er käme vom AK Altona, was mir fehlen würde.

Ich erzählte ihm von meinem Querschnitt, von meiner Nacht auf dem Klo und dass ich heute morgen meine Hausärztin angerufen hätte. Die stand draußen. Er drehte sich zu ihr um: „Wie kommen Sie auf einen Schock?“ – Ich war irritiert. Schock?! Sie warf mit einigen Fachwörtern um sich, die ich nicht verstand. Dann schaute er die Sanitäter an: „Und wieso dann noch kein EKG dran? Junge, Junge.“ Innerhalb von 30 Sekunden war ich komplett verkabelt. Bekam einen Sauerstoffschlauch unter die Nase. Meine Hausärztin lehnte in der Tür und schaute sich das kopfschüttelnd an. Der Arzt fragte mich: „Geht es Ihnen schon besser? Bekommen Sie jetzt besser Luft?“ – Ich hatte nie Probleme, Luft zu bekommen, aber egal. Ich nickte einfach. Und pupste schön die Liege voll.

Die Fahrt ging mit Lalülala direkt in die Notaufnahme des AK Altona. Ich wurde schön durchgeschaukelt. Meine Hausärztin kam nicht mit. Der Arzt saß mir gegenüber und schrieb. Als wir endlich ankamen, wurde ich in einen Raum geschoben, auf eine andere Liege gehoben, bekam noch eine Infusion. Ich ließ das alles nur noch mit mir machen. Hin und wieder fragten sie was, dann machten sie mich sauber, dann deckten sie mich zu, dann wieder auf, dann zapften sie mir Blut ab, dann sollte ich irgendwas bitteres in einem Schnapsglas trinken und irgendwann bin ich eingeschlafen. Als ich aufwachte, war es später Nachmittag. Man hatte mir einen Dauerkatheter gelegt, ich lag auf einer Zellstoffunterlage, die aber sauber war, ich hatte ein Krankenhaus-Nachthemd an und mehr weiß ich nicht. Dann habe ich noch einmal geschlafen bis morgens um fünf.

Seit heute morgen bin ich wieder zu Hause. Man tippt auf eine allergische Reaktion auf die grünen Bohnen. Der Stuhl sei untersucht worden, das Blut auch, es gab keine Anzeichen auf eine Lebensmittelvergiftung oder irgendwelche Keime oder sonstwas, was da nicht reingehört. Absolut merkwürdig. Meine Hausärztin habe ich vorhin angerufen, sie sagte, ich soll mich nächstes Mal vorher ins Krankenhaus fahren lassen. Und erstmal auf grüne Bohnen verzichten. Im Moment habe ich noch sehr viel Luft im Bauch, aber alles andere ist wieder normal. Ich muss nun schauen, wann sich mein Darm wieder auf einen normalen Rhythmus einstellt. Das kann einige Tage bis Wochen dauern. So ein Mist, ich hatte das so gut im Griff.