Trucks und Hupen

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Jetzt, im Winter, haben wir überwiegend Schwimmtraining. Obwohl … ganz richtig ist das nicht. Es finden auch Einheiten im Rennrolli oder mit dem Rennbike statt, nur leider kollidieren diese Termine mit denen unserer Samstagspraktika, die wir derzeit ableisten müssen. Selbstverständlich haben Marie und ich uns deshalb bei unserer Trainerin Tatjana und bei Kristina, einer Teamkollegin, abgemeldet. Im Januar, soweit es unser Zwischenprüfungsstress zulässt, sind wir wieder dabei.

Für die Trainerin war das kein Problem, nur die Teamkollegin, mit der wir uns mal sehr gut verstanden haben, sieht darin eine Chance, einen besseren Platz innerhalb unserer Trainingsgruppe einzunehmen. Was eigentlich völliger Unsinn ist, denn mir war bis eben nicht bekannt, dass es gute und schlechte Plätze gibt. Aber Kristina fährt zur Zeit auf einen neuen männlichen Teamkollegen ab, der so derbe baggert, dass es einfach nur nervt. „Früher habe ich alles flachgelegt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Seit ich eine feste Partnerin habe, ist an der Bettkante Schluss.“

Also ein Spiel? Das könnte ja in einem gewissen Rahmen sogar noch ganz reizvoll sein. Nur mag ich solche Aufschneider nicht besonders gerne und lasse ihn regelmäßig stehen, wenn er Bemerkungen über meine Oberweite macht. „Wie laut können deine Hüpen tüten? Äh, Hupen tuten? Nicht laut genug für einen großen Truck, wenn ich das richtig sehe. Macht aber nichts, mein Truck fährt manchmal auch ohne den großen Auflieger!“

Bei Marie macht er ähnliche Sprüche, und einmal hat sie relativ schlagfertig gekontert: „Ach weißt du, du bemühst dich immer wieder so charmant. Aber ich stehe weder auf Trucks noch auf deinen Möbelwagen, mein Herz schlägt für Sportflitzer, und in mein Bett kommen nur Männer, die wissen, dass Titten keine Geräusche machen.“

Darauf konnte er nicht mehr rausgeben und seitdem sind Marie und ich bei ihm abgeschrieben. Anscheinend sogar völlig. Direkt konnte er es uns bisher nicht sagen, nur irgendwie scheint er nicht damit gerechnet zu haben, dass bei seinen ständigen Versuchen, uns auszugrenzen, nicht alle mitspielen. Insgesamt drei noch recht junge Kolleginnen haben Marie und mich angerufen und erzählt, was da vor sich geht. Dass er darauf besteht, Termine so zu legen, dass wir nicht daran teilnehmen können. Und ähnliches. Was mich am meisten enttäuscht, ist, dass Kristina da mitmacht und neuerdings nur noch schlecht über uns redet; offenbar, um, wie gesagt, einen besseren Stand im Team zu haben. Was ich sehr bedauerlich finde, denn damit entwickelt sie sich zu einer absoluten Lästerschwester. Und mit solchen Lästerschwestern wird früher oder später niemand eine tiefergründige Freundschaft eingehen wollen – er oder sie muss ja immer damit rechnen, dass sich dieses Verhalten irgendwann mal gegen ihn selbst richtet.

Daher kann ich nur hoffen, dass Kristina ihre Lektion bald lernt und wir wieder zu einem vernünftigen Miteinander finden. Ohne Lästereien, ohne Ausgrenzung und vor allem ohne Trucks und Hupen.

Letzter Wettkampf 2013

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Es war vermutlich der letzte Wettkampf vor dem ersten Schnee. Mit mageren vier Leuten aus Hamburg sind wir gestern morgen ins benachbarte Schleswig-Holstein gefahren, um an einem Handbikerennen für Jedefrau und Jedermann teilzunehmen. Im Vordergrund sollte der Spaß stehen, das hatten auch fast alle begriffen. Die Betonung liegt auf „fast“, denn es gab deutlich mehr Ausschlüsse und Disqualifikationen als bei jedem anderen Rennen, an dem ich vorher teilgenommen hatte. Und ich habe durchaus schon an Wettkämpfen teilgenommen, die Teil einer bepunkteten Serie waren, die internationale Athleten am Start und die entsprechend auch ein strenges Wettkampfgericht hatten.

Leider haben etliche Leute nicht verstanden, dass auch bei einem Spaßturnier einige Regeln gelten. So wurde eine Frau Mitte 40 ausgeschlossen, weil sie sich geweigert hatte, ihre Ohrringe rauszunehmen. Was nun wirklich albern ist, denn jedes Kind weiß, dass beim Sport kein Schmuck getragen wird. Drei Leute produzierten nacheinander je zwei Fehlstarts, beim siebten Start und drei Teilnehmern weniger klappte es denn nun endlich, dafür bekam Marie nach 500 Metern einen Trinkbecher von einer Konkurrentin vor den Kopf geworfen, was dieser zunächst eine Zeitstrafe, und als sie -kaum zu glauben, aber wahr- noch einer anderen Teilnehmerin aus Sachsen ebenfalls einen Becher an den Kopf warf, natürlich wieder aus Versehen, war auch ihr Rennen zu Ende. Eigentlich. Uneigentlich fuhr sie einfach weiter, was bei einem offiziellen Wettkampf ganz schnell mit einer Sperre belegt wird – nur das war ja eher eine Just-for-Fun-Veranstaltung, so dass sie hinterher auch noch zu Marie meinte: „Auch wenn meine Zeit nicht offiziell auftaucht, ich bin besser als du.“

Ich hatte den Eindruck, da hatten sich ein paar Leute versammelt, die lediglich Stunk machen wollten. Ich habe aber nicht herausgefunden, warum. Schade eigentlich, denn ansonsten war die Veranstaltung wirklich gelungen.

Mal wieder ein Trainingslager

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Das war mal wieder eine Woche…

Eigentlich wollte ich seit Montag über unser Ostertrainingslager schreiben, aber die Uni hat mich wieder voll im Griff. Hinzu kommt die Zypernkrise, die mich ziemlich auf Trab gehalten hat. Da ich Schmerzensgeld & Co. natürlich nicht unter meiner Matratze aufbewahre, muss ich mich ja ständig darum kümmern, dass das Risiko, Geld zu verlieren, kalkulierbar bleibt. Bei der damaligen Anlage ist der Berater eindeutig noch von anderen politischen Voraussetzungen ausgegangen, insbesondere, was die Einlagensicherung bei Bankenpleiten angeht. Nun hatte ich zwar kein Geld in Zypern angelegt, aber dafür hat eine Bank, bei der ein Teil der Kohle liegt, nach einer Fusion mit einer ausländischen Bank neue Geschäftsbedingungen, die zwar für die alten Verträge nicht galten, bei einer nun fälligen Verlängerung aber in Kraft treten würden und deutlich ungünstiger und riskanter sind. Es gab also bisher weder eine akute Gefahr noch ist irgendwas verloren gegangen, aber verschiedene Entscheidungen mussten wegen Ablauf von Verträgen ohnehin getroffen werden, und nachdem mir unabhängig voneinander mehrere Leute (denen ich vertraue) dazu geraten haben, bestimmte Teile umzuschichten, bin ich nun hoffentlich wieder auf der sicheren Seite.

Aber zurück zum Ostertrainingslager. Nach meiner Zwiebackwoche hatte ich lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahren sollte, habe mich aber am Ende dafür entschieden. Maries Mutter hatte mir nochmal Blut abgenommen und gemeint, es spräche nichts dagegen, ich sollte nur auf meinen Körper hören und kürzer treten, wenn ich merke, dass irgendwas nicht stimmt und mich nicht überanstrengen. Fit würde ich nach der Woche sowieso nicht sein.

Mein Equipment war im Vereinsbus untergebracht, die Teilnehmer reisten selbständig mit der Bahn an. Wir waren zu viert, neben mir waren noch Cathleen, Marie und Kristina in dem ICE. Die Bahn hatte natürlich vergessen, uns die versprochene Einstiegshilfe bereit zu stellen, so dass die Servicekraft auf dem Bahnsteig 14 kurzfristig rotierte. Vier Rollstuhlfahrer in einem Zug ginge sowieso nicht. Am Ende saßen wir aber alle drin und kaum hatten wir Hamburgs Stadtgrenzen verlassen, begann es wie verrückt zu schneien. Und das nächste Problem ließ wie immer nicht lange auf sich warten: „Meine Damen und Herren, wegen einer Aggregatsstörung kann unserer Zug nicht die vorgesehene Höchstgeschwindigkeit erreichen. Wir werden daher bis München voraussichtlich eine Verspätung von etwa 45 Minuten aufbauen. Über Ihre Anschlussmöglichkeiten informiere ich Sie rechtzeitig. Für die entstehenden Unannehmlichkeiten bitte ich Sie im Namen der Deutschen Bahn um Entschuldigung. Ladies and gentlemen…“

Wie immer ging diese Kalkulation nicht auf. „Meine Damen und Herren, wir haben soeben den Bahnhof ‚Kassel-Wilhelmshöhe‘ mit einer Verspätung von 42 Minuten verlassen.“ – Super. Leider war dann auch noch die Toilette defekt, und da man als Rollstuhlfahrer nur zu dieser einen WC-Kabine gelangt, angelte ich mir kurzfristig die Chefin des Zugbegleiterteams, die drei Kabinen weiter saß und wild telefonierte. Einzige Lösung: „Ich kann Ihnen anbieten, dass ich Ihnen für Fulda eine Ausstiegshilfe bestelle und Sie dort im Bahnhof die Toilette aufsuchen und anschließend mit dem nächsten ICE weiterfahren.“ – Bevor wir uns alle vollpinkeln, ist das mit Sicherheit die beste Lösung. Der nächte ICE müsste dann ja auch bald kommen, immerhin hatten wir fast eine Stunde Verspätung.

Leider kamen wir dann in den nächsten beiden Zügen nicht mit, da dort die Rollstuhlplätze bereits belegt waren. Drei Stunden später als vorgesehen kamen wir also in München an und mussten von dort aus noch mit einem Nahverkehrszug weiter. Als wir vor der einzigen Tür mit fahrzeuggebundener Rampe standen und auf den Klingelknopf drückten, kam uns schon eine Zugbegleiterin entgegen. „Wollen Sie mit?“ – „Gerne.“ – „Nächstes Mal melden Sie sich bitte an, ja?“ – „Wir sind angemeldet, allerdings für den Zug von vor drei Stunden. Wir hatten leider etwas Verspätung und einen ungeplanten Aufenthalt in Fulda.“ – „Darf ich dann gleich mal Ihre Fahrkarten sehen?“

Eindeutig nach dem geplanten Ankunftstermin erreichten wir unser Hotel. Bei einer bereits im Voraus bezahlten Rate von 74 € pro Nacht und Person im Doppelzimmer sollte man davon ausgehen, dass wenigstens dort die Toilette funktioniert. Leider tat sie das nicht. An der Information konfrontierte man uns bereits damit, dass man heute nochmal Staub gewischt hätte und dabei festgestellt hätte, dass das WC leider unbenutzbar sei. Leider sei zwischen Gründonnerstag und Osterdienstag auch kein Haustechniker erreichbar. „Und was schlagen Sie jetzt vor?“, fragte ich die Dame an der Rezeption.

„Sie sind ja Sportler und haben zwei Zimmer bestellt, könnten Sie nicht im anderen rollstuhlgerechten Zimmer das WC mitbenutzen? Wir würden Sie alle dafür täglich zu einem Drink an der Cocktailbar einladen.“

Ich antwortete: „Wir können uns darauf einigen, dass Sie nur ein Zimmer berechnen. Dann machen wir das und nehmen in Kauf, dass wir uns zu viert eine Toilette teilen. Schließlich dauert das ja bei jedem von uns alles etwas länger und wir müssen morgens in Schlafsachen über den Flur in ein anderes Stockwerk und so weiter.“ – „Nein, es handelt sich ja um bereits bezahlte Raten, eine Erstattung ist nicht möglich.“

Marie sagte: „Ich sehe gerade, dass an dem Aufzug steht, er sei auch defekt. Kommen wir denn überhaupt in unsere Zimmer?“ – „Darüber müssen wir auch nochmal kurz reden. Der Aufzug ist in Ordnung, allerdings klemmt diese Tür. Das Erdgeschoss ist die einzige Etage, wo diese Tür aufgeht, alle anderen Stationen haben die Tür auf der anderen Seite. Wenn die Gäste mit ihren Rollkoffern gegen die Tür fahren, verzieht sie sich gerne. Dann klemmt sie und geht nicht mehr zu. Aber der Aufzug geht. Sie müssten also hier aus dem Haus raus, die Tiefgarageneinfahrt runter und könnten dann unten einsteigen und …“ – „Vergessen Sie es.“ – „Wir würden auch jemanden bereitstellen, der Sie hochschiebt, wenn Sie vorher anrufen.“ – „Vergessen Sie es!“ – „Was anderes kann ich Ihnen leider nicht anbieten.“ – „Wir hätten dann gerne unser Geld wieder.“ – „Wie ich Ihnen schon sagte, das ist bei vorab bezahlten Raten ausgeschlossen.“ – „Gut, dann rufe ich jetzt meinen Anwalt an.“ – „Wenn Sie meinen, dass Sie seine Kanzlei am Feiertag erreichen…“

Frank meinte, ich solle die Dame auffordern, uns eine geeignete andere Übernachtungsmöglichkeit bereit zu stellen. Notfalls in einem anderen Hotel auf Kosten des Hauses. Wenn sie so vehement auf der Erfüllung des Vertrages bestehen, müssten sie auch leisten. Ansonsten selbst ein anderes Hotel suchen, dann fordern wir die Kosten später zurück.

Am Ende suchten wir selbst und hatten die Möglichkeit, in einem anderen Hotel in einem Familienzimmer (zwei französische Betten) unterzukommen, für 148 € pro Nacht, also zum halben Preis. Das wurde uns vorher im Internet nicht angeboten, sonst hätten wir das vielleicht gleich genommen. In dem Hotel war alles super, das einzige, was etwas nervte, war, dass es zu den Betten nur je eine Kingsize-Decke gab. Im Familienzimmer vielleicht nicht die optimale Lösung. Während Cathleen und Kristina sich immer abwechselnd die Decke klauten, haben Marie und ich es in der Löffelchenstellung probiert. Dadurch haben wir uns zwar nicht die Decke gegenseitig weggenommen, kamen uns aber beim Umdrehen ins Gehege. Aber insgesamt es war okay so.

Am nächsten Morgen stand ein Neoprentestschwimmen auf dem Programm. Mehrere Vertreter größerer Hersteller waren eingeladen und hatten verschiedene Vorführprodukte dabei, die man nach vorheriger Anmeldung testen konnte. Allerdings waren nicht nur die Paratriathleten vor Ort, sondern auch viele nicht behinderte Triathleten aus der Region. Ich hatte mich für ein bestimmtes Produkt angemeldet und hatte gleich morgens um 8.00 Uhr einen Termin. Der Vertreter war sehr erstaunt, dass auch Rollstuhlfahrer diesen Sport machen. Der Veranstalter unseres Trainingslagers hatte mehrere Gymnastikmatten auf die Erde gelegt, damit man diese Dinger ohne großen Aufwand im Liegen anziehen kann. Ich habe ihn gefragt, ob er mir beim Anziehen helfen kann. Nein, das wollte er nicht. Mal ganz ehrlich: Ich kann ja gewisse Berührungsängste verstehen, aber dass man nicht mal weiß, was in der Szene abgeht, wenn man Produkte dafür vermarktet, das fand ich schon extrem merkwürdig.

Ich habe dann tatsächlich auch einen gefunden, der wie angegossen passt. Den, den ich auch vorher in die engere Auswahl genommen hatte. Der Vertreter meinte, er macht mir ein besonderes Angebot: Wenn ich ihn über ihn direkt erwerbe, kann er mir 20% auf die unverbindliche Preisempfehlung geben. Die beträgt 295 US-Dollar. Also hätte ich, nach Abzug des Rabatts, rund 180 € bezahlt. Ich hätte sofort per Kreditkarte zahlen sollen und hätte den Artikel dann binnen zwei Wochen zugeschickt bekommen. Wie froh bin ich doch, dass ich das nicht gemacht habe: Gestern habe ich den Anzug für 169 € in Hamburg bekommen, 40% reduziert. Kohle auf den Tisch, meiner.

Zurück zum Trainingslager: Da das Wetter absolut blöd war und immer wieder Schneeflocken fielen (das hatte sich, als der Termin angesetzt wurde, wohl auch niemand träumen lassen), gab es lediglich Schwimmtraining und ansonsten Zirkeltraining und Ausdauertraining auf der Rolle in der Halle. Von daher war es nicht so effektiv wie wir es uns eigentlich erhofft hatten. Aber ich habe am Samstagabend auch meine beiden Halbschwestern getroffen. Wir waren zusammen Essen und hatten jede Menge zu quatschen und einen wunderbaren Abend. Unter anderem habe ich erfahren, dass die beiden kürzlich Kontakt zu meinem Vater hatten und er sie vor die Wahl gestellt habe, sich für mich oder für ihn zu entscheiden. Auf mein Stirnrunzeln sagte Emma: „Lass gut sein. Es hat wirklich keinen Sinn, das verstehen zu wollen.“ – Womit sie recht haben dürfte.

Stiekum und nonchalant

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Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“