Total verliebt

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Als ich am Sonntagabend vom Triathlon wieder zurück war, zusammen mit Maries Eltern zu Abend gegessen hatte und mich langsam bettfertig machte, bekam ich eine Nachricht von Marie. Es würde noch länger dauern. Sie hängt mit dem Auto hinter einer Streckensperrung, der ganze Autobahnverkehr werde über eine völlig überlastete Landstraße umgeleitet, sie hatte bis eben gehofft, nun wieder auf die Autobahn auffahren zu können, aber die Umleitung gehe noch eine Ausfahrt weiter. Im Schritttempo. Irgendein umgestürzter Lastwagen, der seine Ladung quer über die Autobahn verteilt hatte. Zusammen mit dem Rückreiseverkehr und dem Dauer-Chaos vor dem Elbtunnel.

Marie war für ihr Studium bei einer Praxis-Einheit, die über das Wochenende andauerte. Als sie später völlig geschafft zu Hause ankam, meinte sie, es sei total schrecklich gewesen. Vor Ort seien fast ausschließlich Spinner gewesen, die sich gegenseitig in ihrer Coolness überbieten wollten. Auch das Klischee, dass Menschen mit Behinderung stinken, wurde mal wieder bedient. Als in einer Zweiergruppe am Mikroskop etwas untersucht werden sollte, habe ihre Gruppenkollegin sich hinter Marie gestellt, an ihr geschnüffelt und gemeint: „Mit der arbeite ich nicht zusammen, die stinkt nach Schweiß.“

Maries Mutter verdrehte die Augen: „Oah, wie ätzend. Du bist dir aber sicher, dass das nicht aus Versehen der Einführungskurs Biologie für die neuen Sextaner war, den du da besucht hast?“ – „Nein, bin ich mir inzwischen nicht mehr.“ – „Wie hast du reagiert?“, fragte ich Marie. Sie sagte: „Ich habe mich umgedreht und in die glotzende Runde gerufen: ‚Sie findet mein Parfüm toll!‘, und dann zu ihr: ‚Such dir ein paar anständige Freunde zum Shoppen, dann riechst du auch nicht mehr nach Tropifrutti.‘ Aber das war eher kontraproduktiv, die anderen kannten sich schon jahrelang.“ – „Und hast du wirklich nach Schweiß gerochen?“ – „Hab ich schonmal nach Schweiß gerochen?“, gab sie die Frage zurück. Ich antwortete: „Nein, aber warum sagt die Kuh das?“ – „Weil sie doof war und Aufmerksamkeit brauchte. Ich bin danach erstmal ins Bad gefahren. Erst habe ich geheult, weil ich so verletzt war, dann hab ich an mir gerochen, und dann hab ich geheult, weil ich so wütend war. Und mir nochmal extra Deo draufgetan, wohl wissend, dass heute noch mehr Leute an mir schnüffeln würden. Hat aber nichts gebracht, die anderen meinten auch alle, ich stinke nach Schweiß, Fisch, Imbiss-Bratfett, Moorleiche, was weiß ich. Das Fischige käme aber davon, dass ich wegen meiner Behinderung diese Omega-3-Fettkapseln futter. Meinten sie zumindest. Ich habe die zwar noch nie genommen, die würden ja nun bei Spina auch nichts bringen, aber egal. So helle waren sie nicht.“

„Ich möchte mir lieber nicht vorstellen, wie diese Leute später ihre Patienten behandeln. Ich hoffe, sie werden noch rechtzeitig rausgesiebt“, meinte Maries Mutter. Marie ging noch duschen, ich legte mich bereits ins Bett und guckte noch einen Moment irgendeine Quizsendung. Dann kam sie endlich ins Bett, krabbelte unter meine Decke und kuschelte sich an mich heran. Ich nahm sie in den Arm. Sie sagte: „Und dann bin ich gerade total eifersüchtig auf Lisa. Ich wäre so gern dabei gewesen und musste mich stattdessen zwei Tage lang beleidigen lassen, während ihr da ohne mich gefeiert habt. Ich habe dann auch noch geträumt, ich wäre dabei gewesen und ihr beide würdet mich nach einem Klogang nicht mehr zu euch in den Bus lassen und mich mobben, ich müsste nahezu unbekleidet irgendwo im Wald stehen und frieren, am Ende bin ich aufgewacht und habe tatsächlich gefroren, weil es in diesem komischen Herbergszimmer arschkalt war.“

„Ach, Marie“, erwiderte ich. Sie sagte: „Du brauchst gar nichts zu sagen, mein Kopf weiß ja, dass du mich gerne dabei gehabt hättest und es war auch alles richtig so, wie es war. Aber meine Seele ist trotzdem verletzt. Wäre der Kurs nicht so blöd gewesen, wäre das vermutlich auch alles anders. Aber ich wäre viel lieber mit dir zusammen gewesen als mit diesen Vollpfosten.“ – „Das kann ich gut verstehen.“ – „Sag mal, können wir vielleicht ein bißchen knutschen?“ – „Knutschen?“ – „Ja, so wie neulich mal im Pool. Ich brauche nach dem Wochenende dringend ein paar Endorphine, und spritzen wollte ich sie mir nicht.“ – „Spinnst du?“ – „Ja. Völlig. Du auch?“ – Ich saß plötzlich senkrecht im Bett. „Hast du dir schon mal was gespritzt?“ – „Quatsch, bin ich bescheuert? Jule, echt mal jetzt.“ – „Ich weiß es ehrlich gesagt gerade nicht genau.“ – „Was weißt du nicht? Meinst du, ich nehme Drogen oder was?“ – „Bis eben nicht, nur was sollte diese Bemerkung?“ – „Das sollte lustig sein und über meine Unsicherheit hinweg helfen. Hat aber nicht geklappt. Sorry, wenn ich dich erschreckt haben sollte. Das war nicht meine Absicht. Und das ist auch heute nicht mein Tag. Gute Nacht.“

Sie war völlig übermüdet. Das merkte ich in diesem Moment. Mir war wichtig, nicht in dieser angespannten Stimmung einzuschlafen. Oder noch stundenlang wach zu liegen und zu grübeln. Ich sagte: „Marie, können wir das bitte einmal klären?“ – „Aus meiner Sicht ist da nichts zu klären. Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt haben sollte. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich möchte jetzt schlafen. Mach bitte das Licht aus.“ – „Boa, Marie, ich habe mich so gefreut, dich wiederzusehen, und dann sagen wir uns noch nicht mal vernünftig gute Nacht?“ – „Ich habe dir schon eine gute Nacht gewünscht. Gerade eben.“ – „Warum bist du so angepiekst? Warum zeigst du mir die kalte Schulter?“ – „Wer zeigt hier wem die kalte Schulter? Ich dachte, wir kuscheln noch einen Moment, und dann fängst du hier mit Drogen an, obwohl du genau weißt, dass ich mir vor jeder Kopfschmerztablette drei Mal überlege, ob ich meiner Leber das zumuten möchte.“ – „Marie, du hast damit angefangen. Du hast gemeint, du würdest dir nichts spritzen wollen.“ – „Das war ein Scherz, Jule. Wie schon gesagt, meine Unsicherheit über die Frage mit dem Knutschen.“ – „Aber dann mach mir doch bitte keinen Vorwurf, wenn ich nicht damit rechne, dass du mir mit Unsicherheit begegnest und das, weil ich das nicht einordnen kann, in einen falschen Zusammenhang stecke. Und dann irritiert bin und nachfrage.“

„Habe ich dir einen Vorwurf gemacht?“ – „Ja, hast du. Eben dass ich auf deine Unsicherheit falsch reagiert habe.“ – „Okay, kann sein. Ich möchte mich entschuldigen, ich bin völlig erschöpft. Ich sehe es ein und gebe mir dafür selbst einen Backs.“ – „Und warum bist du dir nun so unsicher?“ – „Weil wir beste Freundinnen sind, weil ich dich als allerbeste Freundin behalten möchte, weil ich gerne nochmal mit dir knutschen möchte, weil mir das letztes Mal im Pool so viel Spaß gemacht hat, ohne dass ich mehr von dir will und ohne dass es sich irgendwie blöd auswirkt. Ich habe das Gefühl, ich strapaziere und missbrauche dabei unsere Freundschaft für ein körperliches Verlangen. Unsicher, ob Knutschen in die Schublade „Freundschaft“ oder in die Schublade „Sexualität“ gehört. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, dir sofort heute abend zu sagen, dass ich das Gefühl habe, noch nie in meinem Leben so eine enge Verbundenheit mit einem Menschen gehabt zu haben, dass ich Angst habe, dich zu verlieren, dass ich das Bedürfnis habe, meine Gefühle mit dir zu teilen, und was mir noch so alles stundenlang im Kopf herumkreist, wenn ich nachts in einem kalten Bett alleine aufwache. Stattdessen geht das nun völlig in die Hose und ich habe zudem noch die Angst, gerade etwas zu zerstören, was mir wichtiger ist als körperliche Zuneigung.“

Ich schluckte. Drückte sie noch einmal fest an mich heran. Sie sagte: „Ich bin total verliebt in dich. Nein, nicht mit Schmetterlingen im Bauch. Nicht so, wie ich mich in einen Mann verlieben würde. Völlig anders. Eher so, wie ich in meine kleine Nichte verliebt bin. Oder wie ich meine Mutter liebe. Oder meinen Vater. Oder meine Oma. Oder unseren Hund. Ich möchte dich am liebsten den ganzen Tag in meinen Armen haben und dich nicht wieder loslassen. Du bedeutest mir so viel, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Oder nur in schwachsinnige, wie die mit den Endorphinen. Ich will keinen Sex mit dir, aber ich möchte mit dir schmusen, in den Arm genommen und gestreichelt werden, vielleicht auch knutschen, aber vor allem dich festhalten. Möglichst die ganze Nacht.“

Ich bin mir sicher, dass körperliche Zuneigung zu einer intensiven Freundschaft gehören kann. Ich bin mir auch relativ sicher, dass Rumknutschen einer intensiven Freundschaft nicht schadet. Auch dann, wenn wir nichts Sexuelles miteinander möchten. Kuscheln ist eine andere Ebene. Eben jene, auf der auch ein Hund stundenlang gekrault werden möchte. Auf der ein Hund mir am liebsten stundenlang durch mein Gesicht lecken würde. Ohne dabei eine Erektion zu bekommen. Aber selbst wenn ich mir darüber im Kopf unsicher wäre: Mein Herz irrt sich nicht. Und mein Herz sagt, alles ist gut und richtig, so wie es ist. Und ja, nach dieser Definition bin ich auch total verliebt!

Keine Kirschen

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Ich habe weiche Lippen. Auch ohne spezielle Lippenpflege. Ich brauche keine Produkte, die meine Lippen süchtig machen und austrocknen. Gerade jetzt, zu Beginn des Winters, wird man ständig angequatscht. In Fußgängerzonen, in Einkaufscentren, in Apotheken: Überall wollen sie ihre Wintercremes loswerden. Und besonders, wenn ein Lippenpflegestift dann auch noch nach Pfefferminze schmeckt, rollen sich bei mir alle 10 Fußnägel hoch.

Ich weiß, dass Marie solche Stifte auch nicht benutzt. Nicht zuletzt, weil der Kuss, den ich mir ihr hatte, nicht nach Kirsch-ChapStick schmeckte.

Wir hatten auch keinen Drink in der Hand, ich habe keinen Freund, dem ich das erklären müsste, und ich weiß auch ihren Namen. Insofern unterscheide ich mich etwas von Katheryn Hudson. Es hat sich aber, und da gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zu dem Song der Kalifornierin mit dem Künstlernamen Katy Perry, richtig, falsch und ungezogen zugleich angefühlt. Und peinlich, weil wir beide nackt waren, uns Maries Mutter dabei ungeplant gesehen hat und einigermaßen irritiert war. So irritiert, dass sie sich spätabends noch ein klärendes Gespräch wünschte.

Marie lässt mich auf der sexuellen Ebene völlig kalt. Ich glaube, das ist die Voraussetzung dafür, um mit jemandem ins Bett zu krabbeln, ohne mit ihm Sex zu haben oder auch nur haben zu wollen. Marie hat, genauso wie Cathleen, bereits diverse Male mit mir zusammen in einem Bett übernachtet. Weil es mir oder ihr schlecht ging, weil kein Platz da war, weil uns kalt war, weil wir zusammen in einem Bett ferngesehen haben und es anschließend für einen von uns zu aufwändig war, noch unter der warmen Decke heraus in ein kaltes Bett zu kriechen. Wir können eng zusammen liegen, diese Nähe ist für mich okay. Sie riecht gut, sie schnarcht nicht – alles okay. Anders herum oder mit Cathleen ist es genau dasselbe.

Zur Begrüßung sagen wir „Hallo“, treffen wir uns beim Sport, kann es sein, dass wir uns, genauso wie mit den anderen, nur einmal abklatschen. Meistens umarmen wir uns einmal zur Begrüßung und zum Abschied. Wenn ich sie sehr vermisst oder lange nicht gesehen habe oder wenn mir gerade danach ist, küssen wir uns auch mal flüchtig auf die Wange. Ich weiß, dass andere Menschen da anders sind, und vor meinem Unfall war ich in dieser Hinsicht auch komplett anders. Ich weiß aber auch, dass ich damit heute auch nicht außergewöhnlich bin.

Wir waren gestern abend im Pool, haben, endlich nach langer Zeit, drei Saunagänge eingeschoben, und kamen in endlosen Gesprächen mal wieder auf das Thema „Jungs“. Und, um es kurz zu machen, irgendwann stellte Marie die Frage, ob ich meine, dass ich gut küssen könnte. Und nach einigem Gerede, wie man denn überhaupt gut küsst, ob Jungs gut küssen können und vier bis fünf schüchternen Küsschen auf den Mund haben wir es tatsächlich ausprobiert. Und festgestellt, dass wir beide gut küssen können. Das war alles und bereits beendet, als Maries Mutter auftauchte und uns ein Tablett mit Obst brachte. Ananasstücke, geschnittenen Apfel, … alles mögliche. Aber keine Kirschen.

Sie hat es uns auf Anhieb geglaubt. Und es war sehr gut, dass sie uns gleich darauf angesprochen hat. Denn zunächst so richtig einordnen konnte ich ihre Irritation nicht. Und Marie auch nicht, bis zu ihrer Frage: „Was wäre so schlimm daran, wenn ich mit Jule zusammen wäre?“ – Worauf Maries Mutter antwortete: „Dass du es mir nicht erzählt hättest, sondern mich bewusst in dem Glauben lässt, ihr wäret beste Freunde.“

Die erste Nacht mit Jan

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Gestern war das letzte Schwimmtraining vor den Weihnachtstagen. Das ist auch kein großes Kunststück, wenn der 23.12. auf einen Mittwoch fällt. Ein Kunststück war hingegen, eine geeignete Schwimmhalle zu finden, da etliche Hamburger Bäder am Tag vor Heilig Abend bereits vorzeitig schlossen oder den üblichen Vereinsbetrieb außerhalb der regulären Öffnungszeiten bereits eingestellt hatten.

Die einzige Möglichkeit bot das Festland in der Holstenstraße, was aber unser Verein wegen der teuren Eintrittspreise nicht so gerne sieht. Hier kostet das Schwimmtraining pro Person 2,46 Euro nur für Eintritt. In unseren „üblichen“ Trainingsbädern zahlen wir 1,48 Euro für jeden. Bei zehn Leuten sind das mal eben 10 Euro mehr, da kommen im Jahr mal schnell 500 Euro zusammen. Aber manchmal geht es eben nicht anders, wenn kein „billiges“ Bad mehr geöffnet hat – und im Festland gibt es den schönen Warmwasserpool! 🙂

Dem Rat von Sofie folgend (siehe ihren Kommentar hier), habe ich Jan vorher schon per SMS eingeladen, nach dem Training noch mit zu mir zu kommen. Und er hat zugesagt! Das fand ich so genial. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war mir klar, dass sich das Zeitfenster für das gefürchtete Gespräch über meine Inkontinenz damit langsam schloss. Ich hoffte inständig, dass das nicht unser erster und letzter Abend werden würde oder dass sich gleich am Anfang unüberwindbare Hindernisse in unsere Beziehung drängen würden.

Es kam aber -wie immer- ganz anders. Simone, Yvonne, Cathleen, Nadine, Kristina, Merle, Jan, Kevin, Marco, Rolf, ich und Trainerin Tatjana hatten allesamt einen Tag vor Heilig Abend nichts besseres zu tun, als ein wenig Platz für den Weihnachtsspeck zu generieren und warteten auf den Einlass. Beim Festland, erbaut in 2009, gibt es leider nur eine Umkleidekabine für Rollstuhlfahrer. Daneben einen rollstuhlgerechten Raum mit Dusche (samt Klappsitz), Waschbecken und WC. Beide Räume gehen von einem Flur ab, der durch eine Tür vom Hauptgang abgetrennt ist. Meistens teilen sich die Frauen auf die beiden Räume auf, während die Jungs sich in dem Flur umziehen. Die „normalen“ Umkleiden, Duschen und Toiletten sind nicht rollstuhlgerecht.

Cathleen, Simone und ich quetschten uns in den Duschraum. Wie schon öfter (siehe auch hier), war mal wieder die Toilette defekt. Es ist doch sagenhaft, dass sie einer Gruppe Rollstuhlfahrer an der Kasse den Eintritt abnehmen und mit keinem Sterbenswörtchen erwähnen, dass das einzige rollstuhlgerechte WC außer Betrieb ist! Wir haben uns darüber nun schon mindestens drei Mal beschwert. Entsprechend konnten wir drei nur duschen. Aber ich hatte eine entsprechende Steilvorlage für mein Problem.

„Jungs, Klogang fällt aus, Toilette ist mal wieder kaputt“, sagte ich, als ich die Tür zum Flur öffnete. „Nadine hat bestimmt Katheter mit Beutel mit, aber das nützt euch ja nicht viel.“ scherzte ich weiter. Nadine erzählt das jedem, das ist kein großes Geheimnis. Zur Aufklärung für meine nicht fachkundigen Leser: Kathetern müssen alle, deren Blase durch Medikamente oder durch die Schädigung im Rückenmark etc. gelähmt ist und sich daher nicht selbständig oder nicht vollständig entleert. Kathetert wird immer nur kurz, das heißt, das Ding wird sofort nach Gebrauch wieder entfernt und weggeworfen. Die einfache Variante besteht nur aus einem sterilen und in Kochsalzlösung getränkten Plastikschlauch, den man auf dem Klo sitzend durch die Harnröhre schiebt (nein, das tut nicht weh), die kompliziertere Variante ist für alle Leute, die das auf dem Klo nicht hinkriegen (weil sie nicht frei sitzen können, weil sie das nicht sehen etc.), die hat dann am Ende einen Beutel mit Rücklaufventil, in dem der Urin aufgefangen wird. Frauen können Männerkatheter verwenden, aber nicht umgekehrt, da Männer die deutlich längere Harnröhre haben (20 cm zu 3 cm bei Frauen) und Frauenkatheter in der Regel zu kurz sind. Lediglich der Durchmesser sollte in etwa stimmen.

Allgemeines Gemecker folgte, auch die Tür zum Umkleideraum ging auf und Yvonne beschwerte sich, ich behielt aber Jan im Auge und den schien das überhaupt nicht zu stören. Auf dem Weg zum Schwimmbecken, der sich durch einen endlosen Flur zieht, nahm ich mein Schicksal in die Hand und sprach ihn an (frei nach dem Motto: Wer fragt, der führt): „Musst du eigentlich kathetern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nee, zum Glück nicht. Ich habe das so unter Kontrolle. Außerdem war ich zu Hause erst.“ Oh nee. Knirsch. Damit stiegen die Chancen, dass er keine Antenne für solche Probleme haben könnte. „Und Du?“

Ich biss mir fast auf die Lippe. Dann druckste ich herum: „Ich muss auch nicht kathetern, ich bekomme sie auch so komplett leer.“ – „Aber ohne Pressen hoffentlich?“ fragte er besorgt. Zur Aufklärung: Bei neurologischen Erkrankungen oder Schäden am Rückenmark ist es nicht gut, wenn die Blase mit übermäßigem Druck entleert wird, da dadurch Urin aus der Blase in die Nieren zurückgepresst werden kann. Spätestens bei einem Harnwegsinfekt bedeutet das automatisch auch einen Infekt der Nieren.

„Ja, ohne Pressen“, sagte ich. Argh, das lief in die falsche Richtung. Ich fügte schnell hinzu: „Ich muss eher aufpassen, dass es sich nur dann entleert, wenn ich das auch wirklich will.“ So, nun war es raus. Er guckte mich an: „Achso, verstehe.“ Dann trennten sich unsere Wege kurz. Wir mussten durch je einen Vorraum, von dem aus die nicht-rollstuhlgerechten Duschen abzweigten. Die Vorräume waren bereits nach Geschlechtern getrennt. Auf der anderen Seite trafen wir uns wieder. Die zehn Sekunden Trennung waren ganz gut, ich überlegte mir, nicht weiter auf das Thema einzugehen, sondern seine Reaktionen zu beobachten. Er sprach das Thema auch nicht mehr an, sondern wir begannen mit dem Schwimmtraining.

„Wenden am Bahnende“ stand auf dem Plan, so ein Blödsinn, wenn wir für Triathlon trainieren. In Seen und Flüssen wird in der Regel nicht gewendet und wenn doch, dann meistens an einer Boje und nicht mit einer Rolle wie am Beckenrand. Aber es gibt natürlich auch Wettkämpfe, bei denen ein festes Schwimmbecken herhalten muss. Also übten wir alle die Wende am Beckenrand. Am ätzendsten fand ich dabei das Wasser in meinem Ohr.

Am Ende verschwanden Jan und ich noch wieder in dem heißen Pool, den wir, da es schon kurz vor 21 Uhr war und dieser Pool zusammen mit dem Kinderbereich um 21 Uhr schließt, für uns alleine hatten. Eng umschlungen knutschten wir und drückten uns fest gegeneinander. Er hielt mich mit beiden Händen am Po fest, ich hatte meine Arme um seine Schultern gelegt. Ich hätte noch endlos so weitermachen können, aber die Schwimmmeisterin warf uns raus. Die anderen waren schon fertig mit Umziehen, Cathleen fragte vorsichtig, ob sie mit uns zurückfahren dürfte. „Na klar.“

Ich wusste nicht, ob wir uns zusammen im gleichen Raum umziehen sollten. Ich war recht froh, dass er mir die Entscheidung abnahm und sagte: „Du darfst zuerst duschen, wenn du möchtest.“ Vielleicht wollte er mir damit auch die Frage entlocken, ob wir nicht zusammen duschen wollen – aber das können wir ja auch nächstes Mal noch machen. Ich duschte mich, dann ließ ich ihn mit seinen kompletten Klamotten in den Duschraum, während ich mich mit Cathleen in die Umkleide begab. Cathleen schaute mir zu. Ich bat sie, da sie ja diesen Blog auch kennt, Sofie anzusprechen, dass wir bereits drüber gesprochen hätten. Nicht, dass sie noch ein Gespräch darüber anfängt…

Sofie kam zu Hause auch gleich auf mich zu und bat, mich kurz unter vier Augen sprechen zu dürfen. Ich war erstaunt. „Jan kennt deinen Blog ja noch nicht, oder? Da musst du drigend aufräumen. Ich kenne dein Passwort nicht, sonst hätte ich das schon getan. Da haben rund ein Dutzend Leute rumgeschmiert.“ Ich nutzte die Chance, ihr gleich mitzuteilen, dass ich ihm das gesagt hätte. „Und?“ wollte sie wissen.

„Keine Reaktion bisher“, antwortete ich.

Da man nach dem Schwimmen hungrig ist, machten wir uns auf die Schnelle eine Pizza selbst. Den Teig hatte ich vorher schon vorbereitet, nur noch belegen und ab in den Ofen. Dann holte ich eine normale Unterhose aus meinem Zimmer, verschwand im Bad, schmiss die Pampers weg, duschte mich untenrum kurz ab, zog mich an und nahm meine Beute mit in mein Zimmer. Wir wollten Fotos gucken auf dem Laptop.

„Wollen wir uns aufs Bett setzen?“ fragte ich. Er nickte. „Schön breit, das Bett.“ Grins. „Willst du hier schlafen?“ nutzte ich meine Chance, ihn entscheiden zu lassen. Seine spontane Antwort: „Darf ich denn?“ – Was hat er vor?! „Kommt drauf an, ob du lieb bist“, gab ich zurück. Aus dem ‚Fotos gucken‘ wurde nicht viel, es war mehr Geknutsche und Gefummel. Als er mir unter das T-Shirt gehen wollte, hielt ich ganz still, machte die Augen zu und genoss. Er traute sich aber nicht weiter als bis kurz über den Bauchnabel. Ich bekam eine Gänsehaut, so schön war das.

Gegen Mitternacht wollten wir ins Bett gehen. Er verschwand im Bad, ich kümmerte mich schnell um meinen Blog und löschte alles, was irgendwie Mist war oder sich auf den Mist bezog. (Ist ja immer schlecht, wenn solche Bezug nehmenden Beiträge alleine da stehen, auch wenn der Beitrag sonst in Ordnung ist.)

Er war nicht darauf vorbereitet, bei mir zu schlafen (ist das nun ein gutes, ein schlechtes oder ein beabsichtigtes Zeichen?) und hatte ein T-Shirt und eine Shorts an. Ich machte es ihm nach und wir beide verschwanden im Bett. Ich hoffte, meine Blase würde sich in dieser Nacht benehmen. Wenn Simone oder Cathleen bei mir im Bett schläft, hatten wir bisher immer eine Pampers an, schließlich muss man den anderen nicht ungefragt an einem Bad teilnehmen lassen. Bei Jan wollte ich es erstmal so versuchen und ihn vielleicht später noch darauf ansprechen.

Ich legte mich auf die eine Seite, deckte mich zu. Jan krabbelte hinterher, kroch unter seine Decke. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis eine Hand unter meine Bettdecke kam. Er streichelte mir den Bauch unter meinem T-Shirt. Seine Hand war warm und weich. Ich rutschte etwas dichter an ihn heran. Er zog mich fest an sich und umklammerte mit seinen Armen meinen Körper. Wir lagen nun Bauch an Bauch. Und knutschten uns die Lippen wund. So fühlte es sich zumindest irgendwann an, als die Uhr auf drei zuging.

„Wollen wir schlafen?“ fragte er irgendwann. Ich nickte. „Willst du auf mir liegen?“ fragte er mich. „Und auf meinem Bauch einschlafen?“ Verlockende Idee.

„Dann geh ich aber vorher nochmal auf Klo. Sicher ist sicher“, antwortete ich. Er nahm das so hin. Als ich wiederkam, krabbelte ich zu ihm unter die Bettdecke, legte mich auf ihn, mein Ohr auf seine Brust. Ich konnte seinen Herzschlag hören. Es war weich und warm. Ich spürte aber noch was anderes spannendes an meinem Bauch. Wir beide schliefen friedlich ein. Nach rund einer Stunde war mein Arm taub, deshalb legte ich mich neben ihn, aber trotzdem so, dass ich ihn berührte, und legte einen Arm über ihn.

Heute morgen um 10 wachte ich auf. Mein erster Griff versicherte: Es war alles trocken. Allerdings habe ich morgens nach dem Aufwachen nie viel Zeit bis zum Klo. Und ich sollte dabei auch besser nicht über ihn rübersteigen. Ich bat ihn, mich einmal schnell durchzulassen. Es kam kein „Och, ist doch gerade so schön“, kein „Keine Panik“ oder ähnliche Diskussionsstarts, sondern er setzte sich hin, ließ mich mit einem Küsschen auf den Mund durchkrabbeln, zack, saß ich in meinem Stuhl. Dabei pupste ich natürlich laut. Ich hoffte, dass er das nicht gehört hatte, aber er grinste gleich und sagte: „Puuuuups!“ Und ließ sich wieder auf sein Kopfkissen fallen.

„Entschuldigung.“ sagte ich. „Ich habe das leider nicht so unter Kontrolle.“ Er sagte gar nichts. Ich musste erstmal ins Bad. Als ich wiederkam, lag er auf dem Bett, hatte die Bettdecke zurückgeschlagen und das T-Shirt ausgezogen. Was für eine Einladung. Ich krabbelte wieder ins Bett, knutschte ihm die Brust und legte mich wieder so hin wie wir gestern abend eingeschlafen sind. Ich wollte das unbedingt nochmal klären. „Das passiert mir leider öfter mal.“ sagte ich. – „Was?“ fragte er. – „Na, Puuuuups!“

„Ich stell mir das lustig vor beim Bewerbungsgespräch“, witzelte er. „Oder bei einem Vortrag vor der Klasse.“ – „Mir reicht schon, wenn das in der ersten Nacht mit dem Freund passiert“, antwortete ich.

„Du hast heute nacht auch schon zwei Mal gepupst“, sagte er. Ich hob meinen Kopf und blickte ihn entsetzt an. „Wie peinlich!“ – „Bei dem einen Mal hast du dazu noch mit dem Mund geschmatzt – als würdest du gerade Gummibärchen essen. Daraus habe ich geschlossen, dass es dir gut geht.“ Boa, war der gemein. Ich legte mich wieder auf seine Brust. Ich merkte, wie ich rot anlief und mein ganzes Gesicht glühte. Er streichelte mir über die Haare. „Darf ich dich Pupsi nennen?“

Ey hallo? „Ich finde das nicht witzig, dass du dich darüber lustig machst.“ fauchte ich ihn an. Er antwortete: „Ich mache mich nicht lustig, ich nehme das mit Humor. Solltest du auch tun. Du sagst ja selbst, du kannst es nicht ändern.“ Schon. Richtig. Aber trotzdem möchte ich nicht mit einem solchen Kosenamen aufgezogen werden. Ich überlegte einen Moment, entschied mich dann aber für Diplomatie: „Ich finde das trotzdem nicht gut. Stell dir vor, ich hätte ins Bett gepisst. Dann würdest du mich jetzt ‚Pissi‘ nennen, oder was? Das verletzt mich.“

Dann kam die unglaubliche Antwort: „Nö, dann hätte ich zurückgepisst“, sagte er und lachte dabei, als wenn er den Witz des Tages erzählt hätte. Hatte er vielleicht auch, ich weiß es nicht. Ich fand das alles überhaupt nicht witzig, denn ich habe mir tagelang einen Kopf gemacht, damit genau so eine Situation nicht eintritt. Er nahm mich und meine Probleme nicht ernst, sondern machte sich darüber lustig. Ganz toller Freund.

„Ich geh mal Frühstück machen“, sagte ich. „Ich weiß nicht, ob du duschen möchtest in der Zwischenzeit, ich muss heute vormittag noch einige Dinge erledigen.“ – „Och Pupsi“, sagte er, „nun hab dich nicht so. Wir hatten so einen tollen Abend und so eine schöne Nacht und nun regst du dich über einen Pups auf.“ – „Ich rege mich nicht über den Pups auf, sondern über deine beschissene Reaktion. Du machst dich über mich lustig, und darauf habe ich keinen Bock.“

„Das ist nunmal so bei den Rollstuhlfahrern“, sagte er. „Wenn du aus dem Stuhl kippst, lachen auch alle. Es sei denn, dir passiert was ernstes. Dann helfen dir alle und zwar ohne dass du überhaupt einmal darum bitten musst. Du kannst dir aussuchen, ob du deine Behinderung akzeptierst und über sie und vor allem über dich lachen kannst, oder ob du sie ernst nimmst und sie dein Leben bestimmen lässt. Du kannst es doch nicht ändern. Du pupst sowieso, ob du willst oder nicht. Also sei einfach du selbst, und wenn dir danach ist und die Situation komisch ist, dann lache drüber, sonst ignoriere es einfach, und sollten Leute dabei sein, die das nicht wissen, dann entschuldige dich, um dein Gesicht zu wahren.“

Ich schluckte. Der Monolog ging weiter. „Bei deiner Behinderung sind peinliche Sachen vorprogrammiert. Einmal liegst du auf der Straße, der Rollstuhl auf dir drauf, einmal hältst du die Bahn auf, weil sich eine Rampe verkeilt hat oder sich plötzlich nicht mehr einfahren lässt, einmal müssen dich ein halbes Dutzend Leute eine Treppe hochtragen, einmal brauchst du fünf Anläufe, um dich aus einem Schwimmbecken rauszuheben, einmal kommst du als einzige nicht durch eine schmale Tür oder durch die schmale Kasse im Supermarkt, einmal siehst du als einzige nichts, einmal stolpern Leute in der überfüllten U-Bahn über dich, einmal pupst du laut und alle kriegen es mit und einmal pinkelst du dir vor allen Leuten in die Hosen. Alle Leute gaffen, Kinder suchen die Hand ihrer Mutter und fragen, warum die Frau oder der Mann das tut oder warum das so ist und du würdest am liebsten sehen, wenn alle weitergehen oder zumindest nicht blöde gaffen oder gar noch Fragen stellen würden. Oder noch besser: Dich einfach in Luft auflösen. Das geht aber nicht. Das wurde nicht erfunden. Man kann also sich nur der Situation stellen. Das gelingt am einfachsten, wenn jemand aus der Szene oder auch gute Freunde dabei sind und man gemeinsam darüber lachen kann. Das gelingt aber auch, wenn man über sich selbst und seine Behinderung lachen kann. Kann man das nicht, geht man irgendwann seelisch kaputt und entwickelt sich zu einem alten, jähzornigen Greis, der aufs Amt stürmt und alle runterputzt, weil ihm 10 Prozentpunkte für eine Voll-Invalidität fehlen. Oder weil die Rollstuhlrampe vor dem Gebäude um 0.8 Zentimeter zu schmal ist – einen Zollstock haben solche Leute immer dabei.“

Ich schluckte nochmal. „Trotzdem möchte ich nicht ‚Pupsi‘ genannt werden. Ich finde es ja sehr gut, wenn dich das nicht stört. Aber man muss es nicht auch noch betonen.“ – „Da hast du vielleicht recht. Vielleicht habe ich etwas überzogen reagiert, als du dich dafür entschuldigt hast und ich merkte, dass dir das ziemlich peinlich ist. Aber trotzdem möchte ich, dass du darüber einmal nachdenkst.“

Das werde ich mit Sicherheit tun. Aber erstmal werden wir jetzt Heilig Abend feiern. Er mit seiner Familie, ich mit einigen Leuten aus der WG. Wir wollen auch noch in die Kirche. Ich freue mich auf einen schönen Abend.

Verliebte Stinkesocke

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Heute war wieder Schwimmtraining angesagt. Dieses Mal mal wieder in einer Ausweichhalle, zu der ich erstmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln „anreisen“ musste. Scheiße, ist das kalt geworden! Ich wollte, wie immer, nicht unnötig viel mitschleppen und hatte mich zu Hause schon schwimmfertig umgezogen, über dem Schwimmanzug nur eine Sporthose, ein T-Shirt und eine Fleecejacke … brrrr! In den drei Minuten bis zur Bushaltestelle wäre ich fast erfroren. Am meisten genervt hat mich dieser eisige Wind, der mir ins Gesicht wehte.

Im Bus durfte ich wenigstens an der Heizung stehen. Und umsteigen musste ich auch nicht, sondern wurde direkt bis vor den Eingang der Schwimmhalle chauffiert. Cathleen soll zur Zeit nicht schwimmen, da ihr grippaler Infekt irgendwie noch nicht ganz weg ist. Ich war etwas spät dran, insofern warteten vor Ort schon die üblichen Verdächtigen…

Einschließlich Jan. Und der war heute dran. Es kann doch echt nicht sein, dass ich ihm Andeutungen über Andeutungen mache und er einfach nichts eindeutiges erwidert!? Hat er Angst, mit einer noch nicht ganz Volljährigen irgendetwas anzufangen? Will er nur eine gute Freundschaft? Wir kennen uns nun schon so lange und heute war der Tag, an dem ich das rausfinden musste. Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, im unklaren zu sein.

Ich fragte nach dem Schwimmen, ob er noch mit ins warme Wasser kommt. Es gibt in der Schwimmhalle einen heißen Pool, keinen Whirlpool, aber einen ähnlich warmen, mit etwa 1,35 m Wassertiefe, rund, Durchmesser etwa 8 Meter. Er wollte mit. Simone auch. Als wir alle drin waren, sagte ich zu Simone: „Ich bin kuschelsüchtig.“ Simone kam gleich zu mir geschwommen, umarmte mich und sagte: „Och, hat dich keiner lieb?“ Ich schmollte und schüttelte den Kopf. Simone streichelte mir über die Haare. „Armes nasses Schaf“, ärgerte sie mich.

Ich antwortete: „Bäääh, Jan, die ist gemein zu mir!“ Schüttelte Simone ab, schwamm zu ihm und klammerte mich um seinen Hals. Was macht er? Wiederholt: „Armes nasses Schaf!“ Mit den Worten: „Blödmann. Ich klau dir gleich die Badehose!“ schob ich ihn ebenfalls von mir weg. Er antwortete: „Die würde dir bestimmt gut stehen.“

„Wenn du sie mir gibst, probiere ich sie an.“ – „Sicher…“ – „Ich mache das! Sofort!“ – „Ich zieh doch hier nicht meine Badehose aus!“ – „Schade.“ Simone grinste nur und planschte unauffällig vor sich hin. Ich schwamm wieder auf ihn zu und versuchte, sie ihm runterzuziehen. Er hatte natürlich deutlich mehr Kraft, schnappte mich an den Oberschenkeln und zog meine Beine aus dem Wasser, so dass ich fast einen Handstand machte. Zum Glück hatte ich vorher tief Luft geholt. Als ich mit meinen Händen den Boden berührte, ließ er mich los, gab mir aber noch einen fetten Klaps auf den Po.

Als ich wieder aufgetaucht bin, schwamm ich wieder zu ihm, hängte mich um seinen Hals und versuchte, ihn unter Wasser zu drücken. Ohne auch nur einen geringsten Erfolg. Er war deutlich stärker als ich. Aber ich genoss den engen Körperkontakt. Als ich nach einer Minute nichts erreichte, ließ ich ihn los und schwamm zu Simone. Gab ihr einen Kuss auf die Wange. Bekam prompt einen zurück. Schaute wieder zu Jan und fragte: „Willst du auch einen?“

„Na klar“, antwortete er. Ich fragte ihn: „Von wem?“ – Er überlegte nicht lange, sondern antwortete: „Na von beiden!“

Simone antwortete: „Du musst dich schon entscheiden.“ Sehr gut. Er machte irgendeinen Abzählvers: Ene mene muh und raus bist… Dann merkte er, dass das bei mir enden würde und fing noch einmal an. So dass am Ende dann doch Simone raus war. Er wollte einen Kuss von mir! So ein Spielkram. Ich setzte noch einen drauf und sagte: „Okay, kriegste. Kriegst auch zwei. Aber ich will vorher deine Badehose anprobieren.“

„Dann verzichte ich auf den Kuss“, sagte er.

„Okay, dann lassen wir das mit der Badehose“, sagte ich, schwamm auf ihn zu, klammerte mich um seinen Hals und gab ihm erst rechts und dann links einen Kuss auf die Wange. Mein Herz raste. Dann ließ ich ihn wieder los und schwamm zu Simone zurück. „Das ging zu schnell“, sagte er. Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, schwamm zurück und wiederholte das ganze nochmal langsam. Und nochmal. Und nochmal. „Jetzt langsam genug?“ Er schüttelte den Kopf.

„Um neun macht der Pool zu, bis dahin hätten wir Zeit“, sagte ich. Seine Antwort: „Ich glaube nicht, dass ich das bis dahin realisiert habe. Das sind nur noch 15 Minuten.“ – Simone: „Ich geh schonmal duschen… ihr könnt ja um 9 nachkommen.“

Während er sich mit seinen Schultern an einer Haltestange abstützte, die Beine im 45-Grad-Winkel mit durchgedrückten Knien auf dem Boden stehend, umklammerte ich seine Schultern und schaute ihm in die Augen. Mit seinen Händen hielt er mich an den Hüften fest. Er fragte mich: „Warum sagst du mir eigentlich nicht, dass du dich in mich verliebt hast?“

Was für eine Frage! Die kann nur von Männern kommen, ehrlich. „Ich war mir lange Zeit nicht sicher, ob das auf Gegenseitigkeit beruht.“ – Er sagte: „Ich weiß nicht, ob ich zu alt für dich bin.“ – „Bist du nicht“, antwortete ich spontan. „Oder findest du, dass ich zu jung bin?“ – „Ich nicht, aber andere könnten das vielleicht denken.“ – „Lass andere doch denken, was sie wollen. Solange das nichts verbotenes ist und von beiden gewollt, ist doch alles in bester Ordnung.“

„Willst du denn?“ fragte er. Oh Mann! Ich nickte. Er gab mir einen Kuss auf den (geschlossenen) Mund. Keinen Kuss, eher einen flüchtigen Schmatzer. So wie die anderen, die wir uns vorher gegenseitig auf die Wangen gegeben hatten. Dann drückte er mich fest an sich ran. Das erste Mal, dass ich in meinem Leben mit einem Typen zusammen bin. Es ist so schön!!! Verliebte Stinkesocke ist glücklich.

Mehr ist nicht passiert, ziemlich schnell danach kam die Schwimmmeisterin und warf uns raus, zum Abschied bekam er noch einen Kuss auf die Lippen – aber wir sehen uns ja bestimmt bald wieder. 🙂