Studium, Nachbar, Partner

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Es wird allerhöchste Zeit, dass mein Praktisches Jahr vorbei ist. Ich fühle mich, als machte ich im Moment außer arbeiten, lernen und schlafen nichts anderes mehr. Derzeit zeichnen sich Interesse und Arbeitsbereitschaft enorm aus. Und die Bereitschaft, die Scheißjobs ohne großes Aufsehen abzuarbeiten. Entsprechend habe ich acht bis vierzehn Stunden pro Tag oft ununterbrochen mit Menschen zu tun, die einfach nur anstrengend sind. Respektlos, laut, egoistisch, dumm. Und oft auch sexistisch. Mein gestriges Highlight war die Frage, ob man einen Sonografie-Schallkopf auch vaginal einführen könnte und ob das Spaß macht. Als ich direkt zum roten Faden zurückkehrte, griff der Mann um die 40 das Thema noch einmal auf und fragte direkt noch einmal nach, ob ich jemanden kennen würde, der sich das Ding schonmal eingeführt hat. Seine Frau sitzt daneben und lacht sich kaputt. Und nein, es war kein Stab-Sono, wie es der Frauenarzt benutzt und das aussieht wie eine elektrische Zahnbürste, sondern ein ganz normaler Konvexscanner, wie man ihn auch vom Babys-Gucken kennt. Den wird sich niemand freiwillig irgendwo einführen.

Zu meinem verstorbenen Nachbarn gibt es auch einige Neuigkeiten: Inzwischen haben sich Kinder dieses Mannes daran gemacht, die Wohnung aufzuräumen und den ganzen Müll in blauen Säcken aus dem Fenster zu werfen (und unten mit einem Pritschenwagen einer Autovermietung zur Mülldeponie zu bringen). Tatsächlich klingelten sie am Freitag hier und wollten sich mit einer großen Tafel Schokolade bei mir bedanken. Sie hätten gehört, dass ich mich um ihn gekümmert hätte. Leider hatten beide seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, da er diesen nicht wünschte. Wir haben uns eine Zeitlang unterhalten.

Danach hätten beide Kinder noch bis vor etwa vier Jahren regelmäßig Kontakt gehabt und ihren (geschiedenen) Vater etwa zwei bis drei Mal pro Jahr besucht. Sie hätten auch noch etwa einmal monatlich bis zum Schluss mit ihm telefoniert. Er sei immer klar gewesen und orientiert, konnte mitreden, auch zum Tagesgeschehen. In den letzten vier Jahren wollte er schlagartig keinen Besuch mehr und hat es immer wieder mit neuen Ausreden erklärt. Letztlich hätten sich die Kinder oft die Frage gestellt, was wichtiger ist: Der Kontakt und das Vertrauen – oder das Hinwegsetzen über die Wünsche (niemanden zu sehen), verbunden mit Klarheit (über die Situation), aber vermutlich auch mit einem Vertrauensverlust. Aufgesprochen auf den massiven Alkoholmissbrauch, sagten beide Kinder, dass der Vater bereits vor 30 Jahren alkoholkrank war und nie eine Therapie gemacht hat. Schon als beide zur Schule gingen, hat er jeden Abend bis zu 10 Dosen (0,5 Liter) Bier getrunken. Erst später kam auch noch Hochprozentiges dazu.

Das heißt im Klartext, dass er seit dreißig Jahren kaum mehr nüchtern war. Selbst wenn er normal gebaut war, normal gegessen, sich normal bewegt hat, tagsüber kein Alkohol getrunken hat: Bis 5 Liter Bier abgebaut sind, braucht es wohl rund 20 bis 24 Stunden. Wenn ich mir das vorstelle … nicht nur die Menge, die man anschließend pinkeln muss, sondern auch die Ausfälle, die das mitbringt! Ich habe einmal auf einer Party an einem Badesee an einem warmen Sommerabend über mehrere Stunden verteilt insgesamt drei große Flaschen kühles Bier getrunken. Dazu normal gegessen (es wurde gegrillt, gab dazu Brot und Salate und später noch Knabberzeugs). Okay, ich bin nicht so groß und wiege nicht so viel, ich bin eine Frau, das ist nicht vergleichbar. Dennoch: Die dritte Flasche war mir schon zu viel. Ich war nach zwei Flaschen schon so durch den Wind, dass mich plötzlich alle Jungs süß fanden. Und ich hatte gefühlt auch alle lieb. Am Ende war ich froh, dass wir dort gezeltet haben und ich nicht noch irgendwo hinrollen musste.

Ich bin froh, dass auch mein derzeitiger Partner kaum Alkohol trinkt, nicht raucht und auch keine Drogen nimmt. Wir hatten am letzten Wochenende endlich mal wieder viel Zeit für uns. Während mir meine wenigen früheren Beziehungen immer sehr viel bedeutet haben, sehe ich das inzwischen etwas lockerer. Damit ist nicht gemeint, dass wir eine offene Beziehung führen und jemand noch mit anderen Leuten ins Bett geht. Im Gegenteil: Wir gehen beide sehr wohl von Exklusivität aus. Ich halte mich daran auch, und ich vertraue ihm, dass er es auch tut. Mit „etwas lockerer“ meine ich die Hoffnung, den Glauben, vielleicht sogar den Anspruch daran, dass diese Beziehung für immer halten wird. Dass wir in zwei, drei, fünf, zehn Jahren noch zusammen sind. Wenn es so ist und wir damit glücklich sind, ist es schön (denn glücklich zu sein ist immer schön), wenn nicht, hat es dafür wohl nicht gepasst. Ich will insgesamt damit sagen, dass ich mir komplett abgewöhnt habe, eine Beziehung als „Institution“ anzusehen und diese „Institution“ zu bedienen. Stattdessen „bediene“ ich die Beziehung selbst. Gerade in der schwierigen Zeit der letzten zwei Jahre habe ich einige Gedanken dazu durchaus noch einmal etwas neu ausgerichtet. Und zwar durchaus tiefgründiger als es in einen Absatz passt. Vielleicht schreibe ich darüber demnächst noch einmal ausführlicher.

Für den Moment habe ich es erwähnt, weil er nicht nur total verknallt ist und mich noch immer anhimmelt, was ich wunderschön finde, sondern mich irgendwie auch „vergöttert“. Was auch sehr schön sein kann, was mir bei ihm manchmal aber eine Spur zu extrem wird. Zum Beispiel, wenn er die erwähnte „Exklusivität“ der Beziehung für ihn auch bedeutet, dass er sich außerhalb unseres Zusammenseins jede sexuelle Aktivität verbietet. Als freiwillige Entscheidung, an der ich mir kein Beispiel nehmen müsse. Er sagt, er brauche eine gewisse visuelle Stimulation, wenn er masturbiert. Oder auf Deutsch: Augen zu und träumen reicht nicht. Und da ich ihm keine entsprechenden Bilder oder Clips von mir zur Verfügung stellen möchte (nicht nur ihm, sondern niemandem, denn man weiß ja nie, wo die nach einer hässlichen Trennung oder nach einem Systemfehler noch überall auftauchen), findet er, dass er mich so betrügen würde (beim Anschauen anderer Frauen).

Und tatsächlich scheint er das auch durchzuziehen. Was aber zur Folge hat, dass er, wenn wir uns am Wochenende nach fünf bis sechs, manchmal auch zwölf bis dreizehn Tagen wiedersehen, dermaßen unter Druck steht, dass ich gerade nicht weiß, ob es ihm und uns vielleicht besser ginge, wenn er sich hier mehr Freiräume gönnen würde. Dass er, soweit es geht, gleich über mich herfällt, gefällt mir meistens sehr. Nur ist er dann nach spätestens drei Minuten fertig. Neulich kam er schon, als ich ihm die Jeans aufgemacht habe. Mengenmäßig nehme ich ihm die ein bis zwei Wochen Enthaltsamkeit sofort ab. Emotional auch. Wobei es sehr gemischte Emotionen sein können. Neulich fing er zu weinen an und wusste gar nicht, warum. Er meinte, er wollte eigentlich lachen, aber das ginge gerade nicht. Es ginge ihm aber gut.

Wenn ich komme, möchte ich anschließend am liebsten ganz eng kuscheln. Und vielleicht in fünf, zehn, fünfzehn Minuten nochmal wieder etwas heftiger werden. Er ist, wenn er gekommen ist, erstmal offline. Er könnte, wie ein sattes Baby im Arm, dann unvermittelt glücklich einschlafen. Das Problem ist: Mir bringt „Jeans öffnen“ vielleicht klebrige Finger, aber keine eigene Befriedigung. Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil: Wenn ich merke, dass es bei ihm so schnell geht, mache ich alles, damit es sich der Moment für ihn trotzdem toll anfühlt. Und es ist auch völlig okay. Sex ist für mich kein Wettbewerb, bei dem es darum geht, wer der Beste ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viel Angst ich um meine Attraktivität wegen meiner Querschnittlähmung hatte (und auch manchmal immernoch habe).

Meistens ist es dann am Samstagmorgen oder Sonntagmorgen richtig schön. Da passt dann alles. Außer dass ich abends oft mehr Hormone im Blut habe als morgens. Aber es klappt trotzdem. Gerne würde ich auch die „stürmische Begrüßung“ noch anders genießen können. Vielleicht sind meine Erwartungen diesbezüglich zu hoch. Ich werde es wohl herausfinden müssen.

Darum

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Ob wir eines Tages noch erfahren, warum sie nicht mehr schreibt?

Tja, wie soll ich es nun erklären? Ich habe im Knast gesessen. Sitzen weil … stehen kann ich ja bekanntlich nicht. Und immer nur liegen? Uncool. Dreiundzwanzig lange Monate kein Internet!

Man verhaftete mich wegen meines Blogs. Einige Beiträge waren einfach zu schlecht, stilistisch und inhaltlich flach.

Okay. Ganz so war es nicht. Ich durfte mir neulich im Rahmen meines Studiums eine Justizvollzugsanstalt von innen ansehen. Es gab in der dortigen „Röchel-Abteilung“, wie man den Trakt für die älteren und kranken Gefangenen nannte, sogar rollator- und rollstuhlgerechte Zellen. Ich kam allerdings noch am selben Tag wieder raus.

Meine mediale Enthaltsamkeit hatte zuweilen einen anderen Grund, der aber mindestens genauso verstört: Ich hatte einst politische Ansichten und für mich fragwürdige Einsätze öffentlicher Mittel durch einen in Deutschland ansässigen Konzern kritisch hinterfragt. Nicht öffentlich, sondern per Mail. Gezielt und direkt. Zunächst antwortete man mir gar nicht, auf nochmalige Nachfrage teilte mir die Kommunikations-Abteilung mit, dass man dazu nicht schriftlich Stellung nehmen wollte. Aus meiner Sicht war das Thema allerdings zu banal, um es öffentlich zu machen. Aber es hatte mich eben persönlich gestört.

Kurz darauf bekam ich per E-Mail ein Jobangebot von eben dieser Firma. Statt zu bloggen, solle ich doch künftig jenes Unternehmen in den sozialen Netzwerken sympathisch machen. Als authentische Figur, die sogar mit einer Behinderung fröhlich und sympathisch im Leben stehe.

Zunächst habe ich das für einen Witz gehalten, Sekunden später gelächelt, am Ende habe ich das Angebot natürlich mit zwei nüchternen Sätzen abgelehnt. Ohne Gründe zu nennen. Und auch eine weitere persönliche Einladung konnte mich nicht umstimmen. Die fand ich fast schon lächerlich. Und selbst wenn ich gerade einen Job gesucht hätte – ich möchte authentisch bleiben. Meine eigene Meinung vertreten. Und nicht etwa eine vorgegebene, die gerade bestmöglich in ein -vielleicht sogar verlogenes- Konzern-Image passt. Das wäre niemals mein Ding.

Ausgerechnet ein junges Küken, das aber bisher weder etwas im Leben geleistet hatte, noch im Geringsten ahnte, wie die Welt funktionierte, dabei scheinbar beiläufig Millionen Klicks und hunderte Abonnements einstrich, hatte vermutlich -ohne es zu wissen- den Finger in irgendeine tiefe Wunde gelegt. Eigentlich eignet sich mein Blog nicht für einen dramatischen Krimi, aber plötzlich war ich ungefragt mittendrin.

Es gab wohl eine große Angst, ich könnte meine Fragen in meinem Blog öffentlich machen. Oder dessen unglückliche Reaktion auf meine Frage. Hinzu kam anscheinend einiger Neid auf eine stinkende Socke, die mit ihrer Party in einem Monat mehr Aufmerksamkeit erzeugte als jener Konzern mit seiner Party. Dazu Missgunst und nicht zuletzt ein wenig Frust darüber, dass der -wie auch immer geartete- Plan mit dem lustigen Job nicht aufgegangen war.

Scheinbar ohne große Mühen fand der bislang Verantwortliche vier Freunde aus seinem engeren Netzwerk, alle um die 40 Jahre alt, die für und mit ihm das mit mir und meinem Blog offenbar verbundene Risiko neutralisieren wollten. Entweder sie redet mit uns – oder künftig mit keinem mehr. Bemühte ich meinen küchenpsychologischen Kaffeesatz, würde ich sie alle in die Profilneurotiker-Schublade packen. Mit den inzwischen über meinen Anwalt erlangten Erkenntnissen kann ich feststellen, dass es ihnen so richtig Spaß gemacht hat.

Die Fünf legten allerlei Fleiß an den Tag. Recherchierten über mich, was das Zeug hielt. Alle Recherchen endeten dabei aber stets bei jenen Menschen, die mir zuvor meine psychotische Mutter und einen kleinen Haufen in meine Querschnittlähmung verliebter Irrer aus meinem unmittelbaren Radius herausgefiltert hatten. Also bei Maries Eltern. Bei einer ambulanten Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung, die mich bis zu meiner Volljährigkeit begleitet hatte. Sogar bei meiner Psychologin. Und natürlich bei meinen Freundinnen und Freunden. Wie ich später aus einer Akte erfuhr, standen eines Abends sogar Männer auf dem Parkplatz meiner früheren (ambulanten!) Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung und suchten mich, glaubten, ich würde dort wohnen. Es gab verschiedenste Anfragen an alle möglichen Stellen, sogar an Behörden.

Kurzum: So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen nicht an mich persönlich heran. Ich meine: Wozu auch? Wo gibt es das, dass eine Privatperson oder ein Angestellter eines Unternehmens einen Anspruch durchsetzen könnte, mich persönlich zu treffen? Und was dann? Will man mich zum Reden und Diskutieren zwingen? Mich verprügeln? Oder was hatte man vor? Ich muss gestehen, ich hatte schon immer Angst vor solchen Menschen, Angst vor ihren Fantasien und vor ihrer Besessenheit.

Plan B: Meine Freunde wurden unter Druck gesetzt. Zwei Freunde ganz besonders. Die würden schon quatschen. Also wurde denen erstmal ernsthaft unterstellt, mit mir zusammen meinen Blog ausgeheckt zu haben, um sich gemeinsam mit mir zu bereichern. Es gab ja mal einen Bloggerverein, der sollte nun angeblich die Plattform für die systematische Veruntreuung von Spendengeldern sein. Über meinen Blog würden die Spender akquiriert. Die bisherigen Recherchen der fleißigen Fünf hätten angeblich genügend Anhaltspunkte ergeben, um zumindest einen Anfangsverdacht für einen solchen Spendenbetrug in den Raum stellen zu können. Außerdem sei mein Blog ja p*rn*grafisch.

Ich bekam eine Mail, ob ich unter diesen Umständen nicht doch noch einmal über alles persönlich sprechen wollte. Ein befreundeter Anwalt telefonierte daraufhin für mich. Nachdem ich jeden persönlichen Kontakt (selbstverständlich) weiterhin ablehnte, teilte man meinem Anwalt mündlich mit, man würde nun Anzeige erstatten. Über Einsichtnahme in die Verfahrensakte käme man früher oder später doch an meine Daten und an meine Adresse.

Tatsächlich interessierte sich kurz darauf die Staatsanwaltschaft. Aber nicht etwa für mich, sondern erstmal für die privaten Kontounterlagen desjenigen, der in dem Bloggerverein die Finanzen abwickelte. Und gegen den legten zwei der fleißigen Fünf schriftlich auch noch ein paar andere „beiläufige Informationen“ nach, die man angeblich vom Hörensagen kannte: Mein Bekannter hätte auch im Job Gelder veruntreut, zudem Kinder angefasst und Drogen genommen! Wow. Alles war so formuliert, dass der Verfasser jederzeit sagen konnte: „Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber man munkelt.“

Der kam nun natürlich sofort auf mich zu und bat mich, als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Einerseits wollte ich ihn natürlich nicht hängen lassen, andererseits konnte ich aber nichts aussagen, was sich nicht auch anderweitig aus Dokumenten oder aus den Aussagen anderer Menschen herleiten ließe. Nur mit dem Unterschied, dass mit meiner Zeugenaussage auch meine persönlichen Daten in den Akten auftauchen würden. Es war eine absolut beschissene Situation, denn ich wusste nicht mehr, wem ich überhaupt noch vertrauen kann. Würden wirklich alle meine Freunde einem solchem Druck standhalten, oder würden mir irgendwann doch zwei bis fünf Typen gegenüber stehen, vor deren Fantasien man inzwischen sogar Todesangst haben musste? Die Vorstellung, dass die über meine Freunde doch an meine Adresse kämen, mir vielleicht dort auflauern, löste in mir Panik aus. Was hatten diese Menschen vor? Was lief da?

Ich habe mich mit Marie gestritten, weil ich ihr auch nicht vertrauen konnte. Ihr Vater ist Polizist – könnte er mich beschützen oder müsste er irgendwann irgendwas gegen mich unternehmen, was er nicht mehr kontrollieren kann? Wer könnte wissen, was die fleißigen Fünf so alles über mich in die Welt setzen? Ich habe mich mit anderen Freunden gestritten, weil ich ihnen nicht vertrauen konnte. Schließlich habe ich den Kontakt zu allen anderen Menschen völlig auf Eis gelegt. Und erstmal aufgehört, zu bloggen. Um zu vermeiden, dass es aktuelle Informationen über mich geben könnte. Vielleicht würde man mich sogar orten? Das alles ging so weit, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe, mein Studium unterbrochen hatte, aus meiner Wohnung ausgezogen bin, meine Immobilie verkauft, in Panik sogar Deutschland zeitweilig verlassen hatte. Dorthin, wo mich keiner kennt. Wo freundliche Menschen sind. Und wo es warm ist.

Um mit Marie zu telefonieren, habe mich mir ein Handy geliehen, bin im Dunkeln an einen abgelegenen großen See gefahren, wo man Personen, die mir zu nahe kämen, schon von weitem sehen konnte. Es kam natürlich niemand. Es vergingen Wochen, in denen ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. In denen ich nicht wusste, wo hinein ich geraten war, welche Sorgen berechtigt waren, und was Paranoia war. In denen ich kaum etwas essen konnte. Marie war die einzige, die immer wieder Kontakt zu mir suchte. Mein Herz wusste, dass sie sich Sorgen um mich machte. Mein Kopf hatte aber keinen Plan, wie es weiter gehen könnte.

Die Wende nahm es, als ich eines abends mit ihr telefonierte und sie das Telefon an ihre Mutter weitergab. Maries Mutter weinte. Sie fragte mich immer wieder, was genau ich getan hätte. Wie sie mir helfen könnte. Und ob ich nicht selbst merken würde, dass ich mich genau so verhalte wie jemand, dem man Schreckliches angetan hätte. Im Studium hatte ich das alles mal gehört und gelesen. Wie sich viele Frauen verhalten, nachdem sie beispielweise vergewaltigt wurden. Aber zu reflektieren und zu erkennen, in welchen Denkmustern ich mich gefangen hatte, das bedurfte eben genau eines solchen Anstoßes von außen. „Auch wenn du nicht mein leibliches Kind bist, bist du für mich wie eine Tochter. Ich würde niemals etwas tun, was du nicht willst. Und ich würde dich niemals in eine Falle locken. Wenn ich der Meinung wäre, du solltest dich irgendwo melden, dann würde ich versuchen, dich davon zu überzeugen. Aber ich würde dich niemals ausliefern. Darauf hast du mein Ehrenwort.“

Meinen nächsten Termin hatte ich bei einem Rechtsanwalt. Eine völlig kuriose Situation. Ich bekam seine Handynummer von Maries Mutter. Maries Papa hatte sie besorgt. Ich gab seinen Namen in eine Suchmaschine ein und erfuhr, dass der Mann schon deutlich über 60 Jahre alt war. Und dass er einige Menschen vertreten hatte, die jeder kennt. „Lassen Sie uns nicht so viel am Telefon reden, das mache ich nach einigen schlechten Erfahrungen grundsätzlich nicht“, sagte er mir. Wir verabredeten ein Treffen vor einem Gerichtsgebäude. Er würde sich zu mir ins Auto setzen. Seine Kanzlei sei nicht barrierefrei. War das wirklich keine Falle?

Er verspätete sich um fast 90 Minuten. Hörte mir dann aber fast eine Stunde zu. Stellte Fragen. Ging zwei Mal los, um uns einen Becher Kaffee zu besorgen. Kam tatsächlich alleine und mit Kaffee wieder. Regen trommelte auf die Scheiben. Ich kam mir vor wie in einem Krimi. Er brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was hier lief. Und etliche Anläufe: „Was ich aber noch immer nicht begriffen habe…“ – Am Ende sagte er: „Darüber muss ich erstmal schlafen. Und nachdenken.“ – „Das heißt aber, Sie wollen mir helfen?“ – „Ja. Die Sache hat mein Interesse geweckt. Und bevor Sie fragen, was es kostet: Sie werden es sich leisten können. Es wird nicht billig, aber Sie wollen ja auch einen guten Job von mir.“

Erstmals nach Wochen telefonierte ich mit jenem Freund, dem man diesen Unsinn mit den Drogen unterstellt hatte. Er freute sich, von mir zu hören. Er hatte zwar bereits einen Anwalt, der ihn gut verteidigte, ich konnte ihn aber überzeugen, zusätzlich auch noch einen Kollegen, der in derselben Kanzlei meines Anwalts arbeitete, in Anspruch zu nehmen. Auf meine Kosten.

Neun Monate später stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass ein Betrug anhand der ganzen eingeholten Unterlagen und Auskünfte nicht beweisbar sei. Die Geschäfte des Bloggervereins waren also korrekt geführt worden. Die Ermittlungen gegen den Freund wurden abgeschlossen. Nachdem es bei dem Projekt ja in erster Linie um ideelle Zwecke ging, wurden über die Jahre zusammengerechnet keine 300 € bewegt. Vielmehr hatte der Finanzbeauftragte früher schon aus seinem privatem Vermögen Geld hinzugesteuert, um anfallende Gebühren zahlen zu können. Und ich hatte in meinem Blog niemals jemanden um Geld für mich gebeten. Am Ende stellte auch das Finanzamt nach eigener gründlicher Prüfung schriftlich fest, dass alles in Ordnung war.

Plan B hatte also auch nicht funktioniert. Nicht zuletzt, weil sich Behörden ungern instrumentalisieren lassen. Außer Spesen nichts gewesen. Heute arbeiten drei der fleißigen Fünf allerdings mehr oder weniger unfreiwillig woanders. Die anderen beiden haben andere Entfaltungsmöglichkeiten gefunden.

Mich erinnert die Sache ein wenig an eine Geschichte um Helene Fischer. Nach verschiedenen Medienberichten wollte ein österreichischer „Fan“ mit Behinderung ihr ein Geschenk persönlich überreichen, wozu es aber nicht gekommen ist. Er hatte sich ortsgünstig positioniert und behauptete später, sie habe ihn im Vorbeigehen ausgelacht und beschimpft. Sie bestritt das. Er setzte ebenfalls alle Hebel in Bewegung, um sie vor Gericht zu bekommen und dort zu treffen. Am Ende ohne Erfolg.

Ich glaube nicht, dass alle fleißigen Fünf künftig ihre Füße still halten werden. Sie werden andere Wege finden, um mir zumindest das Leben schwer zu machen. Die teilweise Anonymität des Internets macht eben doch einiges möglich. Man darf gespannt sein, welche neuen Erkenntnisse schon bald über mich berichtet werden und wer künftig belästigt wird. Ich glaube, meine Grenzen werden niemals akzeptiert werden. Auch wenn ich noch so oft sage, dass ich über meine Erlebnisse, Gedanken, Meinungen und Ansichten schreibe, ohne dabei als Person in der Öffentlichkeit stehen zu wollen. Und ohne von zweifelhaften Personen verfolgt werden zu wollen. Ich möchte nicht den Atem desjenigen spüren, der aus meinem Blog fast alles über mich weiß.

Wenn jemand tolle Fotos macht, kann man heute nicht mehr die Fotos genießen, ohne den Fotografen dazu zu kennen. Man braucht die Story über das Genie hinter dem Okular, die Orte seiner Lieblingsmotive und am besten noch ein paar Geheimtipps für schönes Knipsen. So zerstört man die Einzigartigkeit, die Kunst, die Seele. Leider begreifen das zu viele nicht.

Inzwischen habe ich mich mit Marie wieder vertragen. Wir wohnen nicht mehr zusammen. Aber wir haben uns gerade gestern gesehen. Und vorgestern. Und zusammen in einem Bett geschlafen. Rücken an Rücken. Wir sind, wie Jugendliche es formulieren würden, nach wie vor allerbeste Freunde.

Ich studiere noch. Um genau zu sein: Ich habe zwar meine Dissertation sausen lassen, dafür aber trotz der mehrwöchigen Auszeit (überwiegend in den Semesterferien) nichts wirklich verpasst, alle Scheine bekommen, und habe inzwischen auch das 2. Examen durch. Aktuell bin ich im Praktischen Jahr, bin nach einem Drittel Pädiatrie in Kürze in der Chirurgie, bevor es am Ende nochmal kurz in die Innere Medizin geht. Wenn alles gut geht, bin ich im nächsten Sommer so weit fertig, so dass ich mich um meine Facharztausbildung kümmern kann. Wie anhand meiner Wahl für das erste Drittel meines Praktischen Jahres schon zu vermuten ist, wird es später in Richtung Kinderheilkunde oder Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen.

Auch Marie studiert noch, derzeit allerdings an einem anderen Ort als ich. Ich wohne aktuell gar nicht mehr in Hamburg und weiß nicht, ob es mich später einmal in meine Lieblingsstadt zurück ziehen wird. Derzeit bewohne ich eine kleine Mietwohnung in einem 30-Parteien-Haus in der Nähe meines aktuellen Studienortes. Und ich habe tatsächlich eine weitere kleine Wohnung gefunden, ebenfalls zur Miete, als Rückzugsraum in unmittelbarer Nähe zu meiner geliebten Ostsee und rund eine Autostunde von meinem geliebten Hamburg entfernt. Ein Schnäppchen, einst als „gemütliches Nest“ inseriert, mit separatem, ebenerdigen Eingang, keine 200 € kalt im Monat von privat.

Im August letzten Jahres habe ich einen neuen Kerl kennengelernt, im September mit ihm und Marie erstmals einen Nachmittag zusammen verbracht, ihn danach auch hin und wieder alleine getroffen. Eigentlich war uns beiden schon von Anfang an klar, was wir voneinander wollten, es hat aber noch bis Mitte März dieses Jahres gedauert, bis wir zum ersten Mal miteinander im Bett waren. Es ist, wie überall, nicht alles optimal, aber es ist sehr schön. Sehr körperlich. Sehr lieb. Oft sehr verspielt. Manchmal sehr versaut. Und vor allem sehr intensiv. Ich genieße, ohne dabei an Morgen zu denken. Was bekanntlich gefährlich sein kann, aber vielleicht nicht immer gefährlich werden muss.

Das neunte Gyrosbaguette hat geschmeckt. Nicht außergewöhnlich. Aber normal. Und zu meinem 25. Geburtstag haben mir tatsächlich mehr als 25 Menschen gratuliert. Einige von ihnen haben erst heute erfahren, warum ich in den letzten zwei Jahren nichts mehr schrieb.

Einhörner und Regenbögen

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Ein heißes Wochenende liegt hinter mir. Nicht nur von den Außentemperaturen, sondern auch von den inneren. Philipp und ich sind zwei Tage lang bei mir zu Hause gewesen und … ja, bitte zur nächsten Überschrift scrollen, wenn mehr als Bienchen und Blümchen nicht genehm sind.

Ich könnte es damit zusammenfassen, dass ich berichte, dass wir zwei Tage lang nicht aus dem Bett gekommen sind. Von einigen wenigen Unterbrechungen mal abgesehen, haben wir nur geschlafen. Mal nebeneinander, mal aufeinander, mal miteinander. Er dachte, er würde mir mit einer fünftägigen Enthaltsamkeit einen Gefallen tun, stellte aber kurz darauf selbst Vergleiche mit der gemeinsamen Nahrungsaufnahme von Mensch und Hund an. Während der Mensch vom leckeren Würstchen möglichst kleine Stückchen abbeißt, um lange genießen zu können, macht der Hund einmal „Schnapp“ und die Wurst ist weg. (Muss ich erwähnen, dass ich danach nur noch an Würstchen denken konnte?)

Kurzum: Mein Kopf lag noch nicht mal richtig, da war er schon fertig. Ich hatte zwar noch nie einen Höhepunkt nach wenigen Minuten, aber wenn, würde ich einfach weitermachen und genießen. Bei Männern ist das ja bekanntlich anders. Die sogenannte Refraktärphase ist gekennzeichnet von „ich bin fertig“, was soviel bedeutet wie „lass mich Frieden“. Etwas, was Frau lernen muss. Aber ankuscheln war möglich und einen positiven Nebeneffekt hat eine wochenlange Abstinenz ja doch: Die Refraktärzeit scheint wesentlich kürzer zu sein.

Das zweite Mal war für mich das schönste. Was die Dauer, die vielen Hormone, die mir zuerst Bilder von knackigen Männerpopos in nassen Jeans am Strand, später von fluffigen Wolken zwischen Regenbögen und Einhörnern durch den Kopf kreisen ließen, und die Intensität und das Zusammenspiel unserer Handlungen anging. Die restlichen Male (ja, wir hatten ein Wochenende Zeit für uns und großen Nachholbedarf, sorry) dienten mehr der gegenseitigen Wahrnehmung, dem Austausch von Zärtlichkeiten und dem Bewusstsein, dass da noch jemand mit im Bett liegt. Schade nur, dass wir in der Woche so wenig Zeit füreinander haben.

Eine besondere Nacht

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Es ist alles irgendwie anders. Bei mir, bei ihm, bei uns. Mit uns. Ich wünsche mir eine liebevolle Partnerschaft, ich möchte Sex … achso, sorry, zusammen mit dem Stichwort sollte ich davor warnen, dass dieser Beitrag vielleicht für den einen oder die andere zu viele Informationen enthalten könnte … also Sex, möglichst sofort und so oft und so lange bis das Defizit der letzten Jahre ausgeglichen ist; aber gleichzeitig geht es mir wie vielen Frauen: Ich freue mich über jeden Tag, an dem mir Philipp zeigt, dass es ihm, obwohl er anfänglich gar nichts von mir wollte, zunächst um alles geht und nicht nur um das Eine. Ich fühle eine liebevolle Partnerschaft, aber ich vermisse gleichzeitig den Sex. Paradox und unlogisch irgendwie. Und anders. Anders, weil ich von vielen Freundinnen gehört habe, dass sie doch spätestens nach 48 Stunden im Bett gelandet sind. Weil das Eine ja dann doch nicht ausschließt, dass es nebenbei um Alles geht. Das Eine gehört ja schließlich zum „Alles“. Kommt noch jemand mit?

Kompliziert mache ich es nicht. Ich denke und analysiere nur kompliziert. Und lache dabei schon über mich selbst. Er will gerne, ich will gerne. Aber wir haben keine Eile. Eigentlich doch, aber offiziell halt nicht. Vorgestern bekam ich nun endlich eine Nachricht von ihm. Sein Bett sei kaputt. Was? Auweia. Ich habe das für ein paar Minuten noch geglaubt und nachgefragt, dachte, es sei vielleicht der Rahmen gebrochen. „Das wird zurzeit nicht richtig warm“, klärte er dann recht bald auf. Ich hätte ihn natürlich necken und ihm schnell ein paar Links zu wärmenden Unterbetten schicken können (Kamelflaum oder Torf werden ja empfohlen, wobei zweites nicht ganz so anschmiegsam sein soll), aber ich dachte mir so: In meinem ist noch viel Platz!

Er komme aber erst gegen halb elf zu mir, weil er vorher unbedingt noch einen Auftrag fertig stellen müsse. Muss ich vorher nochmal Staub wischen? Papierkorb leeren? Haare waschen? Duschen? Beine rasieren? Abführen? Okay, letztes lieber nicht, man soll ja nichts durcheinander bringen, und ich habe keinen Grund, anzunehmen, dass da irgendwas verrückt spielt. Solange er mich nicht anal … ähm … schönes Wetter draußen! Ob ich morgen zum Mittagessen mitkommen möchte zu Maries Eltern. Fragte Marie. Und abends ein kleines Osterfeuer im Garten mit ein paar Freunden der Eltern?

„Philipp schläft heute nacht bei mir“, meinte ich. Also eher nicht. Marie war nicht enttäuscht, sondern eher noch aufgeregter als ich: „Echt? Erzähl!“ – „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Sein Bett ist kaputt, wird nicht mehr richtig warm.“ – „Aha. Könnt ihr nicht einfach sagen, dass ihr vögeln wollt?“ – „Nein, wir brauchen neuerdings Ausreden.“ – „Frag ihn doch einfach, ob er auch Appetit auf leckeres Ostermenü hat. Und abends Osterfeuer.“ – „Das klingt gut, aber was sagt deine Mutter dazu? Ich kann doch nicht einfach meinen Freund mitschleppen.“ – „Wenn ich dich dazu einlade, dann schon. Meine Eltern freuen sich, wenn sie Philipp mal kennenlernen. Und ich auch.“ – „Ich weiß nicht, Ostern ist ein Familienfest.“ – „Eben drum.“

Eben drum? Diese Familie ist sooo herzlich zu mir. Zumal zehn Minuten später eine SMS von Maries Mama kam: „An unserem Tisch sind immer Plätze frei für die Liebsten unserer Liebsten.“ – Wenn ich das so wiedergebe, könnte es sich glatt kitschig anhören. Oder altbacken. Wenn man nicht weiß, dass sie es so aufrichtig und großmütig meinen wie sie es schreiben. Ob Philipp das allerdings will, müsste ich erstmal klären. Zumindest müsste ich ihm die ganze Geschichte erzählen, damit er versteht, warum ich so eine enge Bindung zu den Eltern meiner Freundin und Mitbewohnerin habe.

Um halb elf kam er tatsächlich. Sah gut aus, war wohl von der Arbeit nochmal nach Hause gefahren, um seinen Lidstrich nachzuziehen und die Schuhe überzupolieren. Ich war um halb zehn extra für ihn in die Badewanne gehüpft und hatte mir einen flauschigen Schlafanzug angezogen. Und er? „Ich habe nur noch schnell unterwegs eine Zahnbürste eingekauft.“ – „Ich habe bei irgendeinem Wettkampf ein XXL-T-Shirt bekommen, das kannst du haben, falls du frierst.“ – „Ist dein Bett etwa auch kaputt?“

Gemeinsames Zähneputzen. Er fand meine elektrische Ultraschall-Zahnbürste toll. „Bürstet die oder sägt die? Vom Betriebsgeräusch her würde ich eher zweites vermuten.“ – Anschließend schmiss ich ihn aus dem Bad, denn ich wollte auf jeden Fall noch kathetern. Muss ich sonst nicht tun, aber wenn man ganz sicher sein will, dass überhaupt nichts mehr in der Blase ist, ist das kurzzeitige Einführen eines Einmalkatheters durch die Harnröhre die sicherste Methode. Blase leer, Katheter wieder raus, fertig. Herzklopfen.

Ich rollte in mein Zimmer. Er saß auf meinem Bett, am Fußende, und spielte mit seinem Handy herum stellte sein Handy auf lautlos. Ich rollte neben mein Bett, setzte ich rüber, Beine rein, Socken aus und auf den Rollstuhl geworfen. „Komm unter die Decke, mir wird kalt“, sagte ich. Er gehorchte mir… Er legte sich auf den Rücken, zog die Decke halb über sich, ich hob mit den Händen eins meiner Beine über seine Beine hinweg, krabbelte dicht an ihn heran und legte mich anschließend auf seinen Bauch. Dieses Mal etwas höher. Er zog die Decke über uns. Ich merkte, wie er mir am Rücken hinunter strich und mit ausgestreckten Händen von hinten in meine Hose fasste und mir mit beiden Händen gleichzeitig über meinen Popo streichelte. „Den hatte ich schon vermisst“, ließ er mich wissen. Und fragte dann: „Heute keine Protection?“

„Ich hoffe, dass es gutgeht“, sagte ich und war innerlich angespannt, weil dieses Thema sofort wieder wichtig sein musste. Eine blöde Situation könnte wirklich viel kaputt machen, entsprechend unentspannt bin ich dabei einfach. Immernoch. Das wird sich wohl auch nie ändern. Er sagte: „Das wird gutgehen. So oder so.“ – „Reiß mir bitte nicht den Kopf ab, okay?“ – „Also pass auf: Ich möchte mit dir mindestens dreißig Sachen im Bett ausprobieren in den nächsten Wochen. Mach dich also auf etwas gefasst.“ – „Das hört sich gut an.“ – „Ja. Und wann ‚Anpinkeln‘ dran ist, bestimmst du. Ich lasse mich da überraschen. Jedenfalls wirst du mich damit nicht abschrecken. Es gibt Männer und Frauen, die bezahlen viel Geld dafür und gehen fremd, weil sie das in ihrer Beziehung nicht bekommen. Ich bekomme vielleicht diesen Luxus und muss dann nur noch herausfinden, ob das was für mich ist.“

Das fand ich fast schon rührend. Er fügte noch hinzu: „Oder anders ausgedrückt: Ich bin mit einer Scheibe Brot völlig zufrieden. Ich bin glücklich, wenn wir jetzt die ganze Nacht so liegen und ich hin und wieder mal deinen geilen Arsch anfassen darf. Oder deinen süßen Busen. Und du auf meiner Brust einschläfst und mir was vorschnarchst. Und ich dich beschützen darf. Oder so. Wenn du mir aber statt des Brots ein saftiges Schnitzel anbietest, freue ich mich noch mehr. Und falls es vorweg, zwischendurch oder hinterher noch eine heiße Suppe gibt, nehmen wir die doch einfach mit. Oder nicht? Wir werden schon nicht davon sterben. Ausprobieren möchte ich es auf jeden Fall. Also berufe dich im Zweifel einfach darauf und sei mal ganz entspannt.“

Es hat nicht lange gedauert, dann haben wir endlich geknutscht. Wir haben die Hosen ausgezogen und aus dem Bett geworfen, es war angenehm warm und flauschig unter der Bettdecke und wir waren eigentlich nur damit beschäftigt, uns auf der Seite liegend zu küssen und uns eng zu umarmen. Gegenseitige Berührungen von Körperteilen unterhalb des Bauchnabels waren allenfalls zufällig. Ohne Worte zu wechseln wurde es eine Art Spiel, einerseits immer mehr Hormone im eigenen Blutkreislauf zu spüren, andererseits bewusst keinen Schritt weiterzugehen und diese Anspannung ins Unbeherrschbare zu steigern. Natürlich merkte jeder die zunehmende Hochspannung des Anderen, aber ich wollte so lange wie möglich genießen und diesen emotionalen Rausch immer weiter steigern. Hin und wieder zog er die Bettdecke ein Stück weiter über uns. Insgesamt sprechen wir nicht von Minuten, sondern eher von Stunden.

Mund und Lippen waren mehr als gut durchblutet. Küssen kann er auf jeden Fall. Irgendwann war die Situation dar, in der ich merkte, dass ich die maximal mögliche Anzahl von Hormönchen und Hormonen in meinem Blut hatte. Ich hatte nicht das Bedürfnis nach einem Höhepunkt, sondern danach, möglichst lange zu genießen. Masturbation finde ich ja schon schön, nur das hier war etwas ganz anderes und so etwas hatte ich auch noch nie so intensiv erlebt. Erstmals kam mir der Gedanke in den Kopf: „Hoffentlich geht es ihm genauso.“ – Aber es war, sofern mir eine neutrale Bewertung überhaupt möglich war, mehr als offensichtlich, dass es ihm bestens ging.

Und letztlich kam dann auch die Bestätigung: „Das ist so heftig mit dir, ich kann mich nicht mehr lange beherrschen. Ist das okay, wenn ich in dir komme?“ – Ich wollte irgendwas sagen, bekam aber nur ein „Bitte“ aus mir heraus. Inzwischen liebe ich ihn für diese Fragen. Er drehte mich kraftvoll auf meinen Rücken, ich lag diagonal in meinem Bett, der Kopf halb draußen, ich spürte nicht genau, was er tat, aber ich spürte etwas Wunderschönes. Ein wohlig warmes, aber intensives und beinahe zu heftiges Zucken durchdrang mich. Ich kam mir vor als hätte mir jemand eine Droge intravenös gespritzt. Mir war alles egal. Ich hörte sein tiefes Atmen. Er nahm zum Glück keinerlei falsche Rücksicht auf mich. Ich versuchte, irgendwas mit meinen Händen zu greifen. Ich bekam eine Ecke der Bettdecke zwischen meine Finger und presste sie zusammen.

Dann war es ruhig. Wie nach einem Sturm. Philipp lag schlaff wie eine aufblasbare Luftmatratze mit undichtem Ventil auf mir drauf, ich fühlte die Hormone in meinem Kopf Party feiern und wunderte mich, wie intensiv ich das alles spüre, obwohl ich da unten eigentlich kaum etwas spüre. Ich fing plötzlich zu Weinen an. Aber aus emotionalem Glück, nicht aus Trauer, Enttäuschung oder Schmerz. Philipp fragte sofort: „Hey, was ist los?“ – Ich sagte: „Nichts. Alles ist gut.“ – „Warum weinst du? Habe ich dir weh getan?“ – „Nein, im Gegenteil. Es ist so schön. Das überwältigt mich gerade emotional. Ich bin gerührt. Lass mich einfach weinen, das ist gleich wieder vorbei.“

Und tatsächlich hat sich meine Blase benommen. Zumindest ist sie zwischen den ganzen Flüssigkeiten, die solche Spielchen mit sich bringen, nicht unangenehm aus der Reihe getanzt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich jetzt für unhygienisch halten. Aber wir haben uns tatsächlich anschließend aneinander gekuschelt und sind eingeschlafen. So verschwitzt wie wir waren, ohne nochmal zu duschen und komplett nackt. Allerdings haben wir das vor dem Frühstück mit Marie nachgeholt. Und auch das Bett frisch bezogen. Und soll ich was verraten? Ich freue mich auf das nächste Mal.