Eine spannende Herausforderung

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Ich habe die Nacht durchgeschlafen, am Morgen wurde ich vom Wecker geweckt. Neben uns auf dem Parkplatz hat mitten in der Nacht ein Wohnmobil geparkt, das habe ich gar nicht mehr mitbekommen. Noch drei Stunden bis zum Start. Pinkeln geht auch vom Baumstumpf, Zähneputzen auch mit Mineralwasser. Auf dem Weg zum Start kamen wir an einem Bäcker vorbei, der sogar schon geöffnet hatte. Wir konnten mit dem Auto direkt bis an den Start heranfahren und etwa fünfzig Meter daneben auf einer Wiese parken. Ein Wasserrettungsverein hatte Spaß damit, sich gegenseitig die Rücken-Klettschilder (wie „Einsatztaucher“) überkopf aufzukletten. Ein Pavillon wurde aufgebaut. „Siehste, kommst ja doch noch zum Grillen. Krakauer Zwozwanzig“, sagte ich zu Lisa. Sie antwortete: „Zum Frühstück? Pfui.“

Wir begannen, unsere Rennrollstühle und Rennbikes rauszuholen und herzurichten. Es gab einige interessierte Leute, die sich für die Übersetzung, den Hersteller der Kettenblätter und die Frage interessieren, ob das Bike trotz Scheibenbremsen ruhig läuft. Dann fragte mich ein junger Mann, um die 20, nach dem Weg zu den Umkleiden. Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten und schickte ihn zu einem Offiziellen. Wir begannen, uns genügend Flüssigkeit zuzuführen. Eigentlich viel zu spät. „Haben die eigentlich ein Rolliklo?“, fragte ich Lisa. Lisa antwortete: „Ich glaube, die haben nicht mal ein normales Klo hier. Ich habe zumindest noch keins gesehen.“ – „Gehen die jetzt alle in die Büsche oder was?“ – „Oder in den See. Dann ist es nachher wenigstens nicht ganz so kalt.“ – „Na legger. Und ernsthaft?“ – „Irgendwo müssen die Dixis ja stehen.“

Unerreichbar für uns gab es in der zweiten Etage des Bootshauses vier Unisex-Toiletten. Über dem spiegelglatten See lag dünner Nebel. Ein Rabe kam angehüpft, legte den Kopf schief und guckte uns einige Zeit aufmerksam zu. Irgendwann traute er sich bis auf einen halben Meter an Lisa heran. Sie fragte: „Na, wer bist du denn?“ – Ich antwortete mit krächzender Stimme: „Ich bin der Jakob, und ich habe Hunger. Wenn du mir jetzt die Nutella-Brötchen-Krümel von deinem Schoß gibst, laufe ich dir noch mindestens eine halbe Stunde lang aufmerksam hinterher.“ – Lisa streckte mir die Zunge raus und wischte die Brötchenkrümel von ihrem Schoß. Auf den Moment hatte Jakob gewartet. Allerdings hatte er wohl gehofft, dass dabei etwas mehr als ein halbes Spatzen-Frühstück zusammenkommt.

Ein Ordner kam zu uns, legte seinen Arm um meine Schulter und wollte mir erklären, wo der Start ist. Ich sagte: „Oah, bitte nicht anfassen. Das habe ich nicht so gerne.“ – Er starrte mich entsetzt und fragend an. Ich fügte hinzu: „Ja, ist so. Sie können doch nicht einfach jeden anfassen.“ – Er schüttelte den Kopf und zog davon. Eine Frau mit einem Edding und unseren Nummern kam zu uns. „Guten Morgen, an unsere Theke kommen Sie nicht, da müssten Sie durch das hohe Gras, also komme ich zu Ihnen.“ – Wir bekamen unsere Chips, wurden angemalt, bekamen die Nummern mit Kabelbinder an den Bikes und Rennstühlen befestigt. Dann kam ein älterer Mann, geschätzt 60, zu uns. „Ich sammle Autogramme. Können Sie hier in meinem Büchlein unterschreiben?“ – „Wer von uns?“ – „Na beide!“

Wir starteten eine kurze Aufwärmrunde mit dem Bike. Warm werden, aber bloß nicht ins Schwitzen kommen, war die Devise. Als wir wieder zurück waren, zogen wir unsere Neos drüber und rollten zum Einschwimmbereich. Noch 30 Minuten. Sollten wir wirklich? Es war arschkalt und es fielen die ersten Regentropfen. Ein Ordner schob unsere Rennbikes und Rennstühle ins Bootshaus. „Was macht der denn jetzt?“, fragte Lisa. Er kam anschließend zu uns: „Ich habe Eure Geräte mal ins Trockene gestellt, das wird ja sonst alles nass. Aber ich schiebe sie rechtzeitig wieder zurück.“ – Ähm. Bitte?! Man stelle sich jetzt nur mal vor, das würde jemand mit den Rennrädern eines Fußgängers machen. Und hoffentlich werden wir dafür nicht disqualifiziert. Denn eigentlich dürfen die Räder die Wechselzone nicht mehr verlassen. Nur wenn ich mich jetzt noch mit dem nächsten Ordner anlege, der es „nur nett“ meint, gehe ich vermutlich nicht als eine der ersten beiden Rollifahrerinnen, sondern als Oberzicke in die Bücher der Veranstaltung ein. Also lächelte ich höflich und sagte ich dazu mal nichts.

Ein Moderator beschallte mit einer Lautsprecheranlage das gesamte Gelände. Gerade war „Samurai“ von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung verstummt, ich war ja froh, dass sie nicht aus Versehen „Burli“ gespielt haben, da wurde angekündigt, dass das Wasser kalt, das Wetter scheiße und die Teilnehmerzahl nicht so hoch wie im letzten Jahr ist. Aber: „In diesem Jahr sind erstmals zwei Behinderte am Start. Begrüßt mit mir Lisa und Julia aus Hamburg!“ – Die Menge klatschte und gröhlte. Lisa und ich klatschten und winkten einmal freundlich in die Menge. „Die beiden erkennt ihr an der orangenen Badekappe. Ihr habt alle eine gelbe, die beiden Behinderten haben eine orangene. Nehmt etwas Rücksicht und schwimmt sie nicht über den Haufen! Wir starten vom Strand, Lisa und Julia starten aus dem Wasser.“

Lisa sagte leise: „Ach echt? Ich dachte, wir starten vom Steg.“ – „Wir werden es ja sehen.“ – „Ich bin so aufgeregt.“ – „Wird schon schiefgehen!“, versuchte ich sie zu beruhigen. Daran war aber nicht zu denken: „Was meinst du, sind da tote Fische im See?“ – „Zombies!“, blödelte ich. – „Das ist Maries Witz.“ – „Stimmt, aber Marie ist nicht da.“ – „Die sollen mal hinne machen, ich muss dringend ins Wasser.“ – „Setz dich doch auf den Rasen. Dann kann einer der Ordner schonmal deinen Alltagsstuhl wegbringen.“ – „Gute Idee“, befand Lisa. Ich setzte mich zu ihr, zwei Ordner, die zuvor auf das Flatterband aufgepasst hatten, rollten unsere Alltagsstühle in das Bootshaus.

Zur Freisetzung des letzten Fünkchens Motivation hielt dann noch der Bürgermeister eine Ansprache über das Mikrofon. Am Wochenende so früh aufstehen sei eine Sache, dann aber kilometerweit schwimmen, radeln und laufen, da bewundere er uns. Und ganz besonders bewundere er die beiden Rollstuhlfahrerinnen, die das alles ohne Einsatz ihrer Beine machen werden. „Können die beiden mal winken?“ – Wir winkten. – „Ah, ich habe sie entdeckt. Ich wünsche Euch und allen anderen Sportlerinnen und Sportlern einen verletzungsfreien und fairen Wettkampf! Ich hoffe, dass ich alle am Ziel wiedersehen werde und übergebe das Mikro nun zurück an den Wettkampfleiter.“

Lisa tickte mich an. „Spitzmaus und Spitzmaus“, sagte sie und zeigte dabei zunächst auf mich und dann auf sich, „krabbelten ums Bootshaus. Wollten sich was kaufen … wie geht es noch gleich weiter?“ – „Keine Ahnung“, antwortete ich. – „Na jedenfalls hatten sie kein Geld mit. Irgendwie so. Also: Wollten sich was kaufen, tralala, hab ich vergessen, und dann: Setzten sich ins grüne Gras und pieselten die Hosen nass.“ – Ich schüttelte den Kopf. Lisa lachte: „Triathlon! Wenn man muss, dann muss man.“ – „Ich kenne den Spruch mit der Dickmadam und der Eisenbahn.“ – „Das kenne ich auch, das diskriminiert aber dicke Leute, hat mal ein Lehrer von mir gesagt.“ – „Aha. Und der Biss einer Spitzmaus ist giftig. Musste ich gerade kürzlich lernen. Die Viecher verwenden das gleiche Gift wie ein Skorpion.“ – „Das ist ja widerlich. Dann bin ich lieber doch keine Spitzmaus.“

Zwei kräftige Jungs in Neoprenanzügen kamen zu uns. „Wir sollen Euch ins Wasser tragen. Wen zuerst?“ – Wir deuteten beide gleichzeitig aufeinander, sagten dann beide wie aus einem Mund: „Na gut.“ – Die Jungs im Neo lachten. „Ihr seid bestimmt so leicht, dass jeder von uns eine von Euch huckepack kriegt, oder?“ – „Können wir probieren.“ – Wir klammerten uns um die Schultern, die beiden standen aus der Hocke auf, latschten mit uns ins Wasser. Wir waren kaum bis zur Brust drin, da kam das Startsignal. Ich schubste mich von meinem Träger weg und schwamm. Eine Frau paddelte auf einem Surfbrett liegend vorweg und zeigte den Weg zur nächsten Boje. Lisa und ich mussten anfangs etwas schräg schwimmen, um zum Hauptfeld zu kommen. Das sollte unseren Vorsprung, den wir dadurch bekommen hatten, dass wir ins Wasser getragen wurden, wieder ausgleichen. Ich befand mich dennoch in der Spitze eines Feldes aus rund 70 Personen und gab Vollgas. Konzentrierte mich nur auf das Schwimmen, konnte mich gut an der Frau auf dem Surfbrett orientieren, schluckte ein paar Mal Wasser, als eine Welle beim Einatmen mein Gesicht traf, verschluckte mich aber nicht. Alles lief super.

Die Schwimmstrecke verlief als Dreieck, man musste um zwei große Bojen herum schwimmen. Bei der ersten Boje gehörte ich noch zu den fünf Schnellsten. Ich schwamm, vorgegeben durch meinen Startplatz, auf der Innenseite des Feldes und bekam auf Höhe der Boje den Kampfgeist der anderen Teilnehmer zu spüren. Ein Kick in den Bauch, ein anderer gegen den Ellenbogen, das zwiebelte ganz schön. Dann schwamm irgendjemand fast auf mir. Vier, fünf Mal bekam ich seinen Arm in die Seite. Ich wich etwas nach links aus, das brachte aber nichts. Ich hörte den langen Pfiff einer Trillerpfeife. Galt der mir? Wohl eher nicht. Ich schwamm weiter. Der Typ, der eben noch halb auf mir lag, schwamm etwas weiter rechts. Inzwischen hatten mich einige Leute überholt. An der zweiten Boje war ich geschätzt noch unter den ersten fünfzehn. Das lief besser als gedacht. Und das, obwohl ich selten schlechter vorbereitet in einen Triathlon gegangen war. Hoffentlich würde ich das durchstehen.

Am Ende wartete bereits ein Helfer im Neo auf mich. Im hüfttiefen Wasser umklammerte ich seinen Oberkörper, er trug mich raus, lief mit mir über den Strand an die Stelle, wo eigentlich unsere Bikes stehen sollten. Er setzte mich etwas unsanft auf dem Boden ab. Ich begann, mich aus dem Neo zu schälen. Er wollte mir helfen. „Wo sind unsere Bikes? Die hatte vorhin jemand ins Bootshaus geschoben.“ – Das durfte doch nicht wahr sein. Der Typ im Neo flitzte los. Bis zum Bootshaus waren es rund 300 Meter. Während ich mich wie ein Käfer auf dem Rücken im Gras wälzte und meinen Neo auf links zog, kam Lisa bereits auf dem Rücken des anderen Helfers aus dem Wasser. Auf der anderen Seite kamen rund ein Dutzend Leute mit unseren Sportgeräten angelaufen. Jeweils vier Leute trugen sie, vermutlich war die Feststellbremse angezogen. Unglaublich. Ich krabbelte in mein Rennbike, klettete meine Beine fest, trocknete meine Hände ab und wischte den Sand weg, Helm auf, Sonnenbrille auf, Trinkflasche ausgerichtet, dann wurde ich über den Rasen zu dem Grundstück gezogen, über das wir die Wechselzone verlassen sollten. Vor der Garage stand noch ein Auto, was dort eigentlich nicht stehen sollte, so dass ich kurzerhand nicht über die Garagenauffahrt, sondern über den gepflasterten Weg rund um einen Fischteich das Gelände verließ. Dann war ich auf der Straße und konnte endlich Gas geben.

Die Straße war zwar für den Autoverkehr gesperrt, aber einige Leute hielten sich daran nicht. Zum Glück war die Fahrbahn breit genug, so dass wir uns nicht ins Gehege kamen. Einige Autofahrer wichen auch auf den Radweg aus und warteten dort. Die Straße war gut asphaltiert und hatte keine Löcher, so dass man vernünftig fahren konnte. Einige Leute auf Rennrädern überholten mich. An der Strecke standen einige Grüppchen und feuerten an. Die Straße war teilweise nass vom Regen und entsprechend rutschig. Zwei Leute hatten sich gleich in der ersten Kurve hingelegt. Man musste schon etwas langsamer werden. Die Strecke war gut ausgeschildert. Eine Bundesstraße wurde von der Polizei abgesperrt, das funktionierte einwandfrei. Die Lufttemperatur war genau richtig, die Sonne schien inzwischen ein wenig und wärmte angenehm. Meine Blase meldete sich in einer Tour, das war aber nach dem einen oder anderen tiefen Schluck aus dem See kein Wunder. Übel war mir aber nicht, mein Kreislauf spielte auch mit, nichts scheuerte, nichts tat weh, alles war gut.

Lisa war inzwischen etwa 500 Meter hinter mir, wie ich irgendwann zufällig bemerkte. Ich konnte die zweite Wechselzone am Ende der Straße sehen. Während Fußgänger nur bis zu einer Linie auf dem Rad fahren dürfen und ab dort ihr Rad schieben müssen, gilt für Paratriathleten, dass sie hinter dieser Linie nicht schneller als 12 km/h rollen dürfen. Ein Kampfrichter stand an dieser Linie und hielt – wie bei jedem Rennen – massenweise Teilnehmer an, die ihre Helme bereits vor dieser Linie geöffnet und teilweise auch schon abgenommen hatten. Die Regel ist, dass der Helm erst nach Abstellen des Rades geöffnet werden darf. So mussten sie alle dort anhalten, für die letzten 20 Meter ihren Helm wieder aufsetzen und nochmal ordnungsgemäß verschließen. Ich brüllte rechtzeitig, um nicht erst stoppen und mühsam wieder anfahren zu müssen: „Darf ich mal vorbei?“ – Der Ordner brüllte zurück: „Und wenn Sie dabei jetzt noch die Frau im Rollstuhl behindern, werden Sie disqualifiziert!“ – Hier herrscht Recht und Ordnung! Etliche Leute sprangen zur Seite.

Ich hielt direkt neben meinem Rennrollstuhl. Das Umsetzen dauerte keine Minute, nebenbei eine Banane in den Mund, Hände abtrocknen, Handschuhe an. Ich fuhr gerade los, da kam Lisa in die Wechselzone. Sie streckte mir einmal die Zunge raus. Ich grinste. Das Auto stand inzwischen nicht mehr auf der Auffahrt, mit dem Rennrolli wäre der Weg um den Fischteich auch etwas beschwerlicher geworden. Ab auf die Straße, erstmal loskommen. Ich kam nach einigen Metern an einem Wasserstand vorbei und ergatterte im Vorbeirollen einen Pappbecher. Die Hälfte des Inhalts schwappte mir wegen des weichen Bechers über die Brust, den Rest kippte ich in drei großen Schlucken in mich rein. Becher weg, weiter. Einen Kilometer weiter gab es einen Müsliriegel. Eingepackt. Tolle Idee…

Der Rest der Strecke lief fast automatisch. Ich versuchte, den möglichst optimalen Weg zu finden und konzentrierte mich auf ein möglichst gleichmäßiges Tempo. Da ich mit meinem Rennrollstuhl durchaus ein höheres Tempo erreiche als ein Fußgänger im Ausdauerlauf, überholte ich etliche der Leute, die mich zuvor mit ihrem Rennrad abgehängt hatten, wieder. Die drei Stufen vor dem Zieleinlauf kamen sehr überraschend, so dass ich ziemlich scharf abbremsen musste. Drei Leute mit gelben Westen fassten an und hoben mich mitsamt dem Stuhl über die drei Stufen. Ich rollte über einen gepflasterten Weg direkt auf die 400-Meter-Bahn der Anlage. Leider wurde die in Drehrichtung des Uhrzeigers befahren, also gegen die sonst übliche Richtung, so dass die im Rennrolli eingestellte Kurvenvorgabe wirkungslos war und ich mehrmals manuell gegensteuern musste. Über Lautsprecher wurde die halbe Anlage beschallt. „Und da kommt bereits die erste Rollstuhlfahrerin, ich habe noch nicht gesehen, ob es Lisa oder Tina ist, aber das ist im Moment auch egal, freuen Sie sich mit mir auf ihren Zieleinlauf.“ – Einige Leute klatschten. Ich fragte mich, wer Tina ist und wie überrascht man wohl sein würde, wenn es weder Lisa noch Tina ist, die da über die Ziellinie rollt.

Endlich auf der Zielgeraden. Auf einer Zuschauertribüne saßen geschätzt 200 Leute, die nun klatschten, von ihren Sitzplätzen aufstanden und mich anfeuerten. Hoffentlich passt mein Rennrolli durch den schmalen Zieleinlauf und ich fahre nicht noch ein Gitter um oder sowas. Oder dem Bürgermeister über die Füße. Vor allen Leuten sich auf den Schoß reihern wäre bestimmt auch klasse. Ich sah Lisa, die gerade vom gepflasterten Weg auf die Bahn rollte. Während ich über die Ziellinie fuhr, kam eine Ordnerin auf mich zugesprungen und wollte, dass ich meinen Chip an ein Lesegerät halte. Ein anderer Typ hielt mir ein Mikro unter die Nase. Drei Sekunden nach dem Überqueren der Ziellinie. „So, Julia, lese ich, wie war es?“ – „Ich bin im Ziel, bin völlig außer Atem von einem Endspurt auf den letzten vierhundert Metern und sehe gerade, dass ich nur ganz knapp vor meiner Herausforderin ins Ziel gekommen bin.“, hechelte ich. – „Kommen Sie mal ein kleines Stück mit mir, wie war die Strecke?“ – „Lassen Sie mich erstmal fünf Minuten runterkommen, bevor wir ein Interview machen, okay?“ – „Das ist natürlich völlig verständlich“, sagte er, dann wurde dem Typen der Saft abgedreht und ein unsichtbarer Moderator erzählte weiter: „Die Julia werden wir nachher bei der Siegerehrung nochmal zu Wort kommen lassen, jetzt feuern Sie bitte erstmal Lisa an, denn die letzten hundert Meter sind die schwierigsten!“

Wenn auch sonst das eine oder andere etwas holprig verlaufen war, eine Sache hatte geklappt: Unsere Alltagsstühle hatte man vom Start zum Ziel befördert. Wunderbar. Ein Ordner kam, beide Stühle an der Rückenlehne schiebend, auf mich zu. Ich signalisierte ihm, dass wir den Transfer nicht vor allen Leuten machen würden, sondern dafür hinter die Tribüne rollen. Auch Lisa wurde beklatscht und lehnte das Interview mit einem hechelnden „Später, okay?“ ab. Dann kam sie zu mir. Ich knuddelte sie erstmal, dann fuhren wir duschen.

Frisch gebürstet und gestriegelt tauchten wir dann bei der Siegerehrung auf, bekamen unsere Urkunden, eine Medaille und noch einmal das Mikro unter die Nase gehalten. Wir bedankten uns für die Organisation, für das tolle Erlebnis. Auf die Schwachstellen in der Organisation ging ich gar nicht erst ein, auch wenn ich explizit danach gefragt wurde. Vor Publikum musste das nicht sein, so dass ich nur sagte: „Es war ein schöner Tag, ihr seid ein tolles Team mit vielen hilfsbereiten Menschen hier, und dass beim ersten Mal noch nicht alles routiniert abläuft und das eine oder andere noch optimiert werden kann, ist völlig normal. Wir freuen uns, dass wir dabei sein konnten, und wir freuen uns über zwei tolle Zeiten und einen tollen Applaus im Ziel.“ – Der Organisator meinte dennoch: „Ich persönlich freue mich riesig, dass wir erstmals zwei Paratriathletinnen dabei gehabt haben und ich euch kennenlernen durfte. Es war eine spannende Herausforderung, ich bin froh, sie angenommen zu haben, denn ich habe heute so viele wichtige Dinge dazu gelernt wie auf den letzten zehn Veranstaltungen nicht. Ich bin ganz ehrlich, bis heute morgen fand ich mich cool, weil ich hier jedes Jahr mit meinem Team dieses Event auf die Beine stelle, aber heute musste ich feststellen, ich habe dabei nie an Menschen mit Behinderung gedacht und bin in diesem Trott über zehn Jahre lang völlig an der Realität vorbeigelaufen. Ich verspreche Euch, beim nächsten Mal haben wir für Euch den gleichen Standard wie für alle anderen Athletinnen und Athleten, und ich lade Euch schon heute ein, im nächsten Jahr dabei zu sein und uns mit anderen Triathlon-Events zu messen!“

Doch noch ein Triathlon

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„Begleitest du mich auf den Triathlon am Wochenende?“, fragte mich per Mail Lisa. Ja, jene Lisa, die ich alle fünf Minuten knuddeln könnte. Die oft nicht merkt, dass sie gerade wieder einen Witz nach dem nächsten reißt, und alle über sie lachen müssen, weil sie so herzerfrischend einfach ist. Keineswegs dumm, sondern einfach einfach. Dass das ein Unterschied ist, merkt der letzte spätestens dann, wenn ich erwähne, dass sie vor einem halben Jahr ihren Führerschein bestanden hat und inzwischen mit einer rund 20 Jahre alten Blechkiste Hamburgs Straßen unsicher macht. Und inzwischen mit ihrem Freund eine eigene Wohnung bewohnt. Ja, Zeiten ändern sich.

Eigentlich habe ich dafür so überhaupt keine Zeit, aber andererseits wäre das die Chance, wenigstens an einem Triathlon in diesem Jahr noch teilzunehmen. Meine Vorbereitung ist nicht optimal, Marie und Cathleen hatten auf gar keinen Fall Zeit – tja. „Die haben zum ersten Mal auch Rollifahrer dabei“, sagte Lisa. Aber es sei alles mit dem Rolli zu machen. Sie habe mit dem Veranstalter telefoniert und es gebe wirklich keinerlei Stufen oder so. Es sei nur ein kleiner Triathlon, man müsste so rund 2 bis 3 Stunden mit dem Auto fahren und … am besten dort auch schlafen.

„Ach, Lisa“, sagte ich. – „Ach, Jule“, sagte Lisa und ich bildete mir ein, ich konnte am Telefon ihre Wimpern klimpern hören. „Du musst keine Angst haben, ich werde dich nicht überholen, dafür bin ich viel zu langsam!“ – „So wenig fit, wie ich bin, bist du von vornherein vor mir. Aber das ist nicht mein größtes Problem, sondern ich muss für die Uni noch so viel tun“, antwortete ich. Lisa: „Och bitte. Ich bezahl auch deine Startgebühr und ich nerv auch nicht. Bitte! Alleine traue ich mich nicht.“

Okay. Lisa. „Ich machs.“ – „Wow, super, grillen wir dann zusammen am Abend davor? Darf ich mit dir in deinem Bus schlafen? Und stellen wir den dann irgendwo hin, wo die Sonne romantisch untergeht?“ – „Was hast du mit mir vor?“ – „Nix, Jule. Nein, echt nicht! Ich guck ja die Sonne an und nicht dich.“ – „Während du mit mir schläfst?“ – „Willst du mit mir schlafen?!“ – „Nein, du hast gerade gesagt, du willst mit mir in meinem Bus schlafen.“ – „Ja, nein, also, … Location, Jule, Location!“ – Na, dann ist ja alles geklärt.

Ich bekam auch noch einmal bestätigt, dass auch Rollstuhlfahrer teilnehmen dürfen und man sich auf uns freue. „Wieviele Anmeldungen von Rollstuhlfahrern liegen Ihnen denn vor?“, fragte ich den Organisator. – „Mit Ihrer sind es jetzt zwei“, ließ er mich wissen. Eine Lisa nehme noch teil, ob ich sie kennen würde…

Nachdem wir am Freitag angereist waren, uns kaum verfahren hatten, wollte der Veranstalter mit uns nochmal alles genauestens besprechen. Wo geht es los, wo starten wir, kommen wir einen steilen Berg hoch, wo brauchen wir Hilfe, wie kommen wir über die Treppen, … – „Treppen? Ich dachte, da wären keine Stufen!“ – „Ja, sind ja auch nicht, nur zum Schluss geht es drei Stufen hoch zum Sportplatz, wo der Zieleinlauf ist.“ – „Also doch Stufen.“ – „Ja, aber da tragen wir Sie hoch.“ – „Aber dann sagen Sie doch bitte nicht am Telefon, da wären keine Stufen, wenn da Stufen sind, über die wir getragen werden müssen.“ – „Macht das einen Unterschied?“ – „Wenn ich Ihnen sage, ich bezahle die Teilnahmegebühr, dann rechnen Sie damit, dass Geld auf dem Konto eingeht. Wenn ich aber in Wirklichkeit drei hochrangige Pressevertreter mitbringe, die über Ihre Veranstaltung berichten, und deshalb davon ausgehe, dass Sie mir die Startgebühr erlassen, ist das was völlig anderes.“ – „Wir haben das aber im Griff!“ – „Ich meine Pressevertreter aber auch! Nein, mal im Ernst, das bestreitet auch niemand und das ist auch sehr nett und ich finde es toll, dass Sie sich so viele Gedanken unseretwegen machen! Nur wenn Sie mich irgendwo reinheben müssen während des Wettkampfs, würde ich das gerne vorher wissen, wenn ich schon explizit danach frage.“ – „Machen wir nächstes Jahr besser, okay?“ – „Okay.“

„Kommen Sie denn über eine Wiese?“ – „Das kommt auf die Wiese an, würde ich mal sagen.“ – „Naja, die hier“, sagte er und deutete auf einen Acker mit kniehohem Gras. – „Ausgeschlossen. Da kommen wir keinen Meter drüber.“ – „Ich dachte, Sie seien Sportler.“ – Ich setzte mich auf eine daneben stehende Holzbank. „Hier ist mein Stuhl, versuchen Sie, den über die Wiese zu schieben. Ohne jemanden drin ist es einfacher.“ – „Nein, davon habe ich ja keine Ahnung.“ – „Okay, würden Sie mit einem Fahrrad durch das Gras kommen?“ – „Nein. Ach, kann man das ungefähr vergleichen?“ – „Ja, ungefähr.“ – „Dann haben wir noch ein Problem, dann kommen Sie nämlich auch nicht durch den Sand auf der Laufstrecke.“ – „Wie tief ist der?“ – „Naja, das ist so eine Art Strandabschnitt in der Wechselzone.“ – „Nee, da brauchen wir auch eine andere Lösung.“

Immerhin haben wir das vorher alles noch besprochen und am Ende wurde improvisiert. Die Rollstuhlfahrer mussten nicht den steilen Hang am Schwimmausstieg hoch. Die mussten auch nicht über den Acker, der schon die Alternative für einen steilen Waldweg war, sondern ein Anwohner öffnete sein Grundstück, so dass wir beide über einen gepflasterten Weg und einmal quer über seine Garagenauffahrt fahren durften. Unsere Wechselzone wurde vom Strand auf einen Parkplatz verlegt. Dann konnte es ja losgehen. Unsere Rennrollis und Rennbikes konnten in einer Bootshalle eingeschlossen werden, so dass wir unsere Betten herrichten konnten. „Wenn ich mich nachts so drehe, dass ich quer liege, musst du mich einfach wegschieben“, sagte Lisa, die sich inzwischen einen Schlafanzug angezogen hatte, auf dem in bunten Lettern geschrieben stand: „You make me happy!“

„Okay, grillen fällt aus, der Himmel ist auch bewölkt, ich glaube, wir machen schnell Licht aus und Augen zu. Was meinst du?“, fragte sie mich. Ich nickte. Kaum war das Licht aus, fing sie an, über Gott und die Welt zu erzählen. Ich glaube, ich kenne inzwischen mehr als ihr halbes Leben. „Wollen wir mal schlafen? Das wird morgen bestimmt ein anstrengender Tag.“ – „Ja. Hast du Einschlafmusik?“ – „Spezielle Einschlafmusik nicht, aber wir können ja noch leise einen Moment lang was hören.“ – Ich krabbelte nach vorne, machte das Radio an, ließ die Zufallsfunktion für 30 Minuten ein paar Songs von der Speicherkarte auswählen. Nach dem Sonnenstrahl von Schandmaul schnorchelte Lisa bereits. Bei Jan Delays St. Pauli ging nochmal ein Auge auf. „Heimatmusik“, meinte sie. Und schlief weiter. An „Break My Stride“ erinnere ich mich noch, danach muss auch ich eingeschlafen sein.

Adler und Möwen

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Keine Campingliegen, keine Feldbetten, sondern Holzpaletten mit aufblasbaren Luft-Schaumstoff-Rollmatratzen und Schlafsäcken. Die Paletten und Matratzen sowie die persönlichen Schlafsäcke (sofern man es geschafft hatte, kurzfristig jemanden damit in Hamburg zum Hauptbahnhof zu schicken) brachte Maries Papa gestern abend aus Hamburg mit einem Lkw. Dieses Paletten-Zeug hatten wir schon öfter mal bei Freizeiten in Gebrauch. Allerdings gab es zunächst noch Probleme mit dem Aufbau der Zelte. Es waren einfach zu wenig Fußgänger vor Ort, die mal mit anfassen konnten. Leider war es trotz der späten Stunde noch etwas arg windig. Mit Hilfe des Zeltplatzbetreibers und seinen von ihm dazu gebetenen Kumpeln der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr standen um halb zehn dann doch noch fünf Mannschaftszelte (zu je 23 Quadratmeter, ich habe allerdings nicht nachgemessen) aus dem Bestand einer Hamburger Hilfsorganisation, die uns die Dinger immer mal wieder günstig vermietet.

Der Tag begann heute mit zwei ernüchternden Feststellungen: Dass auflandiger Wind herrscht und dass die örtliche Badeaufsicht eine gelbe Fahne in den Wind gehängt hatte. Aus Gründen.

Und nachdem unsere Camping-Nachbarn meinten, das würde lediglich bedeuten, dass man sich eincremen soll, weil die Ozon-Belastung zu hoch sei (was hat Ozon mit Sonnencreme zu tun und seit wann wird am Strand davor gewarnt?), waren die Behinderten des Lesens kundig und wussten, dass die Damen und Herren aus der Baywatch-Fraktion uns damit signalisieren wollten, dass nicht nur ein Lifeguard on Duty, sondern auch noch das Baden saugefährlich sein würde. „Badeverbot für ungeübte Schwimmer, Kinder und ältere Menschen“, stand auf einem extra verteilten Flyer, auf dem auch die Baderegeln (Unterwasser-Fondue verboten u.a.) abgedruckt waren.

„Das mit dem Ozon liegt daran, dass bei den Temperaturen so viele Leute ihre Kühlschränke offen stehen lassen“, meinte selbiger Campingnachbar bierernst. Und dass Rollstuhlfahrer in der Ostsee sowieso nicht baden dürften, das sei viel zu gefährlich. Stünde auch überall auf den Blechschildern. Früher hieß es, so ein alter Hase unter unseren Teilnehmern, tatsächlich noch „Badeverbot für Kinder, Alte und Behinderte“, doch inzwischen weiß man wohl, dass nicht jeder, der behindert wird, automatisch gleich schlechter schwimmt. „Baden und Schwimmen gefährlich“ finde ich mal gelungen:

Und gleich daneben war ein Schild angebracht, das unseren Camping-Nachbarn vermutlich erst recht irritiert hätte. „Schätzungsweise hätte selbiger ‚Steinmolen‘ für Energie spendende Maulwürfe gehalten, die sich zwischen Steinen verstecken, und denen regelmäßig eine Spannung anliegt, die eine komplette S-Bahn zum Summen bringen könnte“, frotzelte ein Schwimmkollege herum, der sich noch immer nicht über den Unsinn mit den offenen Kühlschränken beruhigt hatte.

Ein Blick auf das Meer bestätigte, die gelbe Fahne hängt nicht ohne Grund da:

Ein Blick in den Himmel verriet, es gibt fliegende Fische. Und andere See-Ungeheuer:

Selbst Elsa standen die Haare zu Berge (anklicken!):

Nein, wir waren nicht nur zum Fotos schießen da. Und nein, das war nicht meine Spiegelreflex-Kamera, die nehme ich weder zum Schwimmen noch zum Strand mit. Wir mussten warten. Auf zwei Seekajaks, die von einem rund 15 Kilometer entfernten Wassersportverein kommen sollten, und die eine unserer Trainerinnen über Vitamin B (ihre Schwester ist dort Mitglied) organisiert hatte. Uns besuchte ein uniformierter Mensch von der DLRG, riet uns zu einheitlichen Badekappen in Leuchtfarben, versorgte Tatjana, eine andere unserer Trainerinnen (die wiederum Mitglied in der DLRG ist), mit einem wasserdichten Handfunkgerät. Sie musste sich ihre Funknummer auf dem Handrücken notieren und sich vor den Ohren des uniformierten Menschen mit dem Ding irgendwo anmelden und wurde dann in den nächsten zwanzig Minuten prompt noch fünf oder sechs Mal vom anderen Ende mit allen möglichen Fragen angesprochen. Als Anspielung darauf fragte dann einer unserer älteren Teilnehmer, ob ihm der „Adler Null-Acht-Fuffzehn Siebenundvierzig-Elf Anton“ mal den Reißverschluss vom Neo schließen könnte.

Dann endlich konnten wir mal anfangen. Sehr zur Verwunderung etlicher Badegäste, die nicht sahen, dass hinter der Düne Rollstühle standen und somit nicht unbedingt verstanden, warum lauter schwarz gekleidete Leute nacheinander oder im Pulk auf dem Hosenboden sitzend durch den Sand rutschten. Das Wasser war herrlich warm, fast schon zu warm, um im Neo zu schwimmen. Die ersten zwanzig Meter, wo es noch relativ flach war, musste ich relativ schnell überwinden und mich bei jeder Welle gut abstützen, um nicht umzufallen. Spätestens mit der zweiten Welle war ich von oben bis unten komplett nass. Als ich dann endlich so tief im Wasser war, dass ich schwimmen konnte, war es ein absolut geiles Erlebnis. Es herrschte Windstärke 5, in Böen bis 7, der Wind war in einem ungefähren Winkel von 45 Grad auflandig.

Die Wellen selbst waren eher weniger die Herausforderung, ich musste mich nur beim Atmen darauf einstellen, dass ich nicht bei jedem vierten oder sechsten Zug, sondern notfalls bei jedem zweiten Zug versuche, Luft zu holen. Im Schwimmbad kann ich mich halt darauf verlassen, dass der Mund, wenn ich ihn an die Wasseroberfläche drehe, aus dem Wasser ragt, in einer großen Welle ist das mitunter nicht der Fall. Darauf mussten wir individuell reagieren und durften nicht panisch werden, wenn das nicht wie geplant beim zweiten, sondern eben erst beim vierten oder sechsten Armzug klappt. Entsprechend ruhig und kräftig mussten wir eben auch schwimmen, um mit der Atemluft lange auszukommen. Das hat einigen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern anfangs große Probleme gemacht. Viele waren wegen der unbekannten Situation eher aufgeregt und hektisch. Atmen ist ja ohnehin schon mit die schwierigste Aufgabe beim Kraulschwimmen, dann auch noch individuell auf die Umwelt reagieren zu müssen, hat einige Leute anfangs echt überfordert. Der Trick dabei war die so genannte Drittel-Atmung, die ein wenig Übung erfordert: Es wird pro Doppelschwimmzug immer nur ein Drittel ausgeatmet, allerdings wird versucht, nach jedem Doppelschwimmzug einzuatmen. Gelingt das nicht, weil das Gesicht nicht aus dem Wasser kommt, wird nicht eingeatmet, sondern beim nächsten Doppelschwimmzug das zweite Drittel ausgeatmet. Nach dem zweiten Doppelschwimmzug kommt noch ein Versuch einzuatmen, notfalls habe ich noch das dritte Drittel. Spätestens nach dem dritten Doppelschwimmzug sollte ich aber atmen können, sonst muss ich unterbrechen und komplett auftauchen. Ich habe selten das dritte Drittel gebraucht. Wichtig ist, aufzupassen, dabei nicht zu hyperventilieren. Ich kannte diese Technik schon und habe mich schnell wieder darauf einstellen können. Wichtig ist nur, dass alle ihren Rhythmus finden, nach einigen Minuten ist dieser Drittel-Kram hinfällig, er dient einfach nur dazu, überhaupt mal irgendwie zu beginnen.

Weitaus herausfordernder aber war die Unterströmung, also das, was passiert, wenn die Welle bricht und zurück läuft. An einigen Stellen war diese Strömung so stark, dass es die Leute umgerissen und vom Strand weggesaugt hat. Allerdings muss man dazu sagen, dass viele Menschen sich im Wasser bewegen wie Pinguine an Land und auch nicht nachdenken. Tippeln auf Zehenspitzen, weil das Wasser so kalt spritzt. Und geraten sofort in Panik, sobald mal irgendwas passiert, womit sie nicht rechnen. Und weil sie nicht vorbereitet sind, rechnen sie eben auch mit nichts. Solange ich nicht in der Nähe von irgendwelchen Buhnen oder Molen schwimme, gegen die mich Wellen oder Strömung werfen könnten, soll mich die Strömung doch hin und her schaukeln. Das gehört nunmal zur Ostsee. Strudel gibt es an den Ostseestränden eher nicht und solange mein Kopf aus dem Wasser guckt und ich Luft bekomme, ist doch alles gut. Einige Badegäste haben ein Geschrei veranstaltet, weil sie auf dem Hosenboden gelandet und auf diesem einige Meter wieder ins Meer zurück gerutscht sind, meine Güte. Einem älteren Herrn habe ich noch geholfen, der versuchte fast direkt neben mir panisch, mit den Händen sich im etwa ein Meter tiefen Wasser am Grund abzustützen. Anstatt einfach zu schwimmen und den Kopf aus dem Wasser zu nehmen. Unglaublich! Und wenn die Strömung an einer Stelle zu stark ist, so dass man aus eigener Kraft nicht an den Strand zurück kommt, probiert man es halt mal zehn oder zwanzig Meter weiter links oder rechts. Schwimmt flach auf den Wellen mit und setzt sich zum Schluss auf den Po, Blick in Richtung Meer und dann lässt man sich mit jeder Welle einen Meter weiter in Richtung Strand schieben und stemmt zwischendurch, wenn das Wasser zurückläuft, Füße und Hände in den Meeresgrund. Sofern man die Beine kontrollieren kann und man nicht aufpassen muss, dass einem die Knie nicht ins Gesicht schlagen.

Zugegebenermaßen: Das waren verschärfte Bedingungen. Die DLRG hatte an dem Tag in einer Tour zu tun. Nicht mit uns, sondern mit Leuten, die achtlos ins Wasser gingen. Ich begreife nicht, wieso man sich das nicht erstmal aus sicherer Entfernung anschaut. Die Leute beobachtet, vorsichtig mal bis zur Wasserkante geht und sich dann überlegt, ob man sich das zutraut. Und sobald die ersten Zweifel kommen: Sein lassen. Es gab bei uns auch Leute, die sich das nicht zugetraut haben. Die waren für unser Mittagessen und die Getränkeversorgung auf See zuständig. Die Trainingseinheit dauerte über drei Stunden (mir kam es allerdings vor wie eine), ich habe in der Zeit gefühlte drei Liter Seewasser getrunken und dazu zwei komplette Trinkflaschen mit Wasser-Iso-Mix an unserem (zweiten) Verpflegungs-Kajak, um zwischendurch mal irgendeinen vernünftigen Geschmack in den Mund zu bekommen. Inzwischen waren meine Hände schrumpelig, ich hatte trotz des vielen Wassers im Bauch mächtigen Hunger. Von unseren Leuten brauchte niemand Hilfe beim Herausklettern aus dem Wasser. Drei, vier Leute, die das schon kannten, machten das vor – der Rest orientierte sich daran und fertig.

Weil ich lange kein Foto-Posting mehr gemacht habe, gibt es noch zwei Bilder, von aus der Perspektive der Trainerin – direkt nachdem wir aus dem Wasser waren.

Einmal quer durch den Sand zu unseren Rollis – und wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Welche Wassermengen ich aufgenommen haben musste, wurde mir deutlich, als wir endlich auf der Bank saßen, unsere Neos von außen gegenseitig grob vom Sand befreiten und sie ausziehen wollten. Ich musste plötzlich so schnell und so dringend aufs Klo, dass ich gar nicht mehr zu überlegen brauchte, wie ich das jetzt am besten anstellen könnte. Ich versuchte noch, meine Füße irgendwie auf dem Rasen und nicht auf den Steinplatten zu halten, die zu aller Begeisterung auch noch abschüssig waren, aber es hatte keinen Zweck. „Jule ist undicht, Jule ist undicht!“, krähte eine 12jährige Teilnehmerin begeistert. Marie, die auf dem Rasen saß und sich mit einem Handtuch bearbeitete, murmelte: „So kann man auch mit kleinen Sachen Kindern eine Freude machen.“ – Ich antwortete dem Küken: „Komm her, wir kuscheln!“ – „Iiiiih, geh weg!“, krähte sie weiter. – „Ich kann nicht gehen“, frotzelte ich. „Ich bin behindert.“ – „Ach echt? Sag bloß.“

„Ganz schön kiebig, die halbe Portion“, alberte Cathleen, die direkt neben mir saß, bewusst laut und streckte der übermütigten und vom Meeresschaukeln vermutlich gut mit Adrenalin angereicherten Zwölfjährigen die Zunge raus. Ich fügte hinzu: „Stimmt, irgendwas überlege ich mir noch für sie. Mal sehen, wieviel Meerwasser sie beim nächsten Training trinken wird.“ – „Gar nicht!“ – „Abwarten“, sagte ich. Lisa fühlte sich ebenfalls auf den Plan gerufen: „Zeig mal! Haha, ich brauche meine Kamera, ich will Fotos! Schnell, wer kann Fotos von Jule machen?!“ – „Nix da“, versuchte ich mich zu wehren und war froh, dass niemand auf die Idee kommen würde, mir sandigen Fingern irgendwelche technischen Geräte anzufassen. Geschweige denn, sie am Strand dabei zu haben. „Ich setz mich gleich bei dir auf den Schoß.“

Ehrlich gesagt war ich eher froh, dass mich die Salzwassermengen in Verbindung mit dem Geschaukel nicht zum Kotzen gebracht haben. Und die abführende Wirkung von Salzwasser im Darm sollte man auch nicht unterschätzen. Aber diesbezüglich hat mein Körper sich gut benommen.

Zum Abend hin ließ der Wind glücklicherweise etwas nach, so dass wir beim Lagerfeuer und Grillen einen wunderschönen Sonnenuntergang sahen. Leider hatte ich nur eine Handy-Kamera dabei. Dennoch:

Und als ich gegen halb drei noch zum gefühlten zwanzigsten Mal pinkeln war, hatte ich diesen Blick auf den fast vollen Mond:

Ich glaube, wir werden morgen gutes Wetter haben.

Cellulite, Dixiklo und Blumenstrauß

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Endlich mal wieder ein Triathlon. Entsprechend aufgeregt war ich, als wir an dem vom Ausrichter reservierten Hotel ankamen. Das Hotel war eigentlich eine Jugendherberge, was nicht schlimm ist, nur frage ich mich, warum man dann in der Anmeldebestätigung ausdrücklich „Hotel“ schreibt. Die Adresse stimmte jedenfalls und ein Zimmer bekamen wir auch.

Dass das Zweibettzimmer nur ein Etagenbett hatte, fiel der jungen Dame an der Schlüsselausgabe zwar auf, machen konnte sie da aber nichts und der Herbergsleiter war nicht da. Zum Abendessen gab es Natriumglutamat mit Nudeln in Bolognese-Soße, dazu Instantbrause und einen gemischten Salat. Unsere Konkurrentin aus Great Britain, die bei uns mit am Tisch saß, beschrieb seinen Geschmack mit: „That’s not me and that’s not you. But I do hardly taste a hint of lemon!“

Nach dem Abendessen kam Tatjana zu uns auf das Zimmer. Der obere Teil des Bettes war senkrecht an die Wand geklappt und sollte mit einem Schlüssel in die waagerechte Lage gebracht werden. Außerdem hätte noch ein Gitter installiert werden müssen, damit man nachts nicht rausfällt, das war aber nirgendwo zu finden und die überforderte junge Dame vom Empfang konnte uns da auch nicht helfen. „Ich würde sagen, wir klappen das wieder nach oben und ihr schmust heute nacht ein bißchen, oder?“ – Auf jeden Fall.

Zuerst dachte ich, es wäre Aufregung, inzwischen hatte ich aber diese komische Mahlzeit im Verdacht. Wer gerade frühstückt, liest besser nicht weiter. Zwei Stunden nach dem Abendessen wurde mir zuerst ziemlich übel, nach einer halben Stunde an der frischen Luft war das aber schlagartig vorbei. Dafür hatte ich dann aber ein anderes Problem, nämlich einen heftigen Blähbauch, der nicht wenig weh tat. Ich legte mich früh hin, mit angewinkelten Beinen auf der Seite war es erträglich. Ich bat Marie, im Haus nach einer Wärmflasche zu fragen. Süß, wie sie immer ist, ist sie, nachdem im Haus niemand eine hatte, zum Bahnhof gefahren und hat dort eine für mich gekauft. Der Aufwand wäre gar nicht nötig gewesen, aber sie hat nicht mal gefragt.

„Ist das denn überhaupt okay, wenn ich mich noch zu dir ins Bett lege? So groß ist das Bett ja nicht.“ – „Natürlich, solange du dich nicht auf meinen Bauch legst, ist alles gut.“ – „Ich mach mich ganz klein und leg mich hinter dich.“ – „Hoffentlich pups ich dich dann nicht an.“ – „Wenn dadurch deine Bauchschmerzen weg gehen, machst du das bitte! Nimm jetzt hier bloß nicht noch falsche Rücksicht.“

Wir haben sogar geschlafen und am nächsten Morgen fühlten wir uns beide fit. Während ich noch überlegte, ob es warm genug werden würde, um nur im Schwimmanzug (Badeanzug) zu radeln und zu rennen, hatte Lisa sich schon für den kurzen Einteiler entschieden. „Dann sieht man meine Cellulite nicht so“, meinte sie und posierte barfuß, sich an der Tür festhaltend und dabei wackelig stehend. Vermutlich nicht wissend, was das ist, hatte sie das irgendwo aufgeschnappt und trug damit außerordentlich zur allgemeinen Erheiterung bei. Vermutlich wusste sie auch nicht, warum wir so amüsiert waren, aber das ist eben Lisa: Sie lacht dann einfach mit und freut sich, einen Witz gemacht zu haben.

Ein halbes Brötchen, einen Tee, mehr bekam ich nicht runter. Marie und ich hatten uns für Schwimmanzug plus Neo entschieden, den Neo deshalb, weil er außer der Wärme ja noch viele andere Vorteile bietet. So viele, dass das Ausziehen nach dem Schwimmen nicht ins Gewicht fällt. Im Paratriathlon darf fast immer mit Neo geschwommen werden.

Der Weg zum Start war nicht weit, Tatjana durfte mit dem Bus bis direkt in die Startzone fahren, musste ihn aber sofort wieder wegbringen. Uns half das sehr. Als sie vom Parkplatz wieder da war, begann der übliche kontrollierte Abfüll-Marathon, damit alle ausreichend hydriert sind und genug Energiereserven haben. Was nicht so klasse war, waren die Anzahl der rollstuhlgerechten Toiletten. Es gab ohnehin nur Dixiklos und für Rollifahrer gerade mal zwei. Das hätte normalerweise gereicht, nur war eins mit einem Vorhängeschloss, zu dem niemand den Schlüssel hatte, gesichert und das zweite wurde auch von allen anderen (sprich: Fußgängern) benutzt (schließlich ist es schön groß) und war bereits zwei Stunden vor unserem Start vollgekotzt.

Was zur Folge hatte, dass die meisten Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer es sich auf dem Rasen bequem gemacht hatten. Ja, bitte keine Verurteilung. Immerhin waren genug Flaschen da, um bei Bedarf mit Seewasser nachspülen zu können. Dann endlich konnten wir uns kurz einfahren, anschließend Neo anziehen und ab auf den Steg. Während die Fußgänger vom Strand aus starteten, hatten wir einen Schwimmponton für uns alleine. Noch bevor Marie ihre üblichen Witze über die Zombies im See machen konnte, ging es los.

Die Planung war etwas ungünstig, da wir mit Fußgängern einer anderen Distanz zusammen starteten und uns die Fußgänger beim Schwimmen einmal überholen mussten, während wir am Ende die Fußgänger mit unseren Bikes nochmal passierten. Üblich ist das nicht. Jedenfalls bekamen sowohl Marie als auch ich bei diesem Überholmanöver im Wasser einige Füße ins Gesicht gekickt. Was beim Fußgängertriathlon wohl üblich ist, fand ich befremdlich, da man ohne Beinschlag ja doch etwas instabiler im Wasser liegt. Aber außer dass es unangenehm war, ist nichts passiert.

Der erste Transfer einschließlich Entkleiden klappte gut, unter den für mich magischen 70 Sekunden, die mit dem Rennbike zurückzulegende Strecke war auch relativ entspannt. Es waren insgesamt drei Runden zu fahren, was sehr gut war, da mein Getränkevorrat bei der Wärme ständig leer war und ich so die Chance hatte, ihn auffüllen zu lassen. Das kostete zwar ein paar Sekunden, aber trotzdem besser als zu dehydrieren.

Die Strecke mit dem Rennrolli war nicht ganz so klasse, weil man sich einmal über einen Bordstein helfen lassen musste und der Helfer das vorher anscheinend noch nie probiert hatte. Später wusste er, wie das ging, aber die erste, und das war bis dahin noch ich, hatte ihre liebe Not mit ihm. „Wo kann ich anfassen? Wie soll ich das machen?“

Am Ende hatte ich 34 Sekunden Vorsprung vor Marie, war aber leider langsamer als die Britin, die sich am Abend noch über den Salat beschwert hatte. Alle anderen, gegen die wir direkt angetreten waren, belegten die Plätze 4 bis 8, einmal DNF (nicht angekommen). Das soll aber nicht darüber täuschen, dass ich für die offiziellen Zeiten viel zu langsam bin. Hätte die Elite-Konkurrenz teilgenommen, wäre ich wohl auf Platz 12 von 18 gelandet. Aber so gab es wenigstens einen Blumenstrauß.