Stiekum und nonchalant

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Einen hab ich noch! Der letzte Paratriathlon für mich in diesem Jahr. Wie immer: Bis kurz vorher war nicht klar, ob er wirklich stattfindet, und ob unsere Wettkampfklasse starten darf, und dann ging wieder alles ganz schnell.

Weil es bis ins südliche Niedersachsen nicht ganz so weit zu fahren ist wie die letzten Male, als wir nach Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz mussten, waren auch mehr Hamburgerinnen und Hamburger am Start als sonst.

Die Hinfahrt mit dem Auto verlief komplikationslos, die Nacht in einem Vierbettzimmer einer jugendherbergsähnlichen Unterkunft auch, aber das Frühstück war grausam: Hart gekochte Eier an Karotten, zu trinken gab es Instant-Kirsch-Brause. Ohne Flachs! Als wir im Frühstücksraum auftauchten, waren lediglich noch einige Deko-Möhren, jede Menge hart gekochte Eierhälften und Instantbrause übrig. Sportler seien hungrig, man habe falsch disponiert. Immerhin erstatte man uns die elf Euro Frühstückskosten, so dass wir kurzerhand beim Bäcker anhielten, zwei Tüten Brötchen und ein Glas Nutella erjagten, um dann zwischen einer Drogerie und einer Kreuzung, mitten auf dem Gehweg, mit einem Taschenmesser die Brötchenhälften zu bestreichen.

Die vorbeischlendernden Leute hatten so etwas natürlich noch nie gesehen; in Anbetracht der großen Menge Rollstuhlfahrer traute sich aber niemand, einen Ton zu sagen. Einer lief beim Glotzen fast gegen ein Straßenschild. Marie meinte böse: „Ich warte noch auf den Kommentar: Guck mal, Hubert, die Behinderten demonstrieren für ein gleichwertiges Leben in den Heimen. Wenigstens samstags wollen sie auch einmal Brötchen mit Nutella.“

Ganz so schlimm wurde es nicht, aber eine Frau, schätzungsweise Anfang 60, starrte uns ebenfalls an, mit halb geöffnetem Mund. Mir fällt so etwas eigentlich nicht auf, es sei denn, es wird zu penetrant. Ich zählte leise bis 10, als sie dann immernoch glotzte, streckte ihr auf eine Entfernung von etwa 20 Metern eine Hand mit einem Nutella-Brötchen entgegen. „Möchten Sie auch eins?“, fragte ich sie. Verdattert schaute sie weg und ging zügigen Schrittes davon. Etwa eine Minute später war sie plötzlich wieder da: „Entschuldigung, dass ich eben so geschaut habe, aber darf ich wissen, was Sie hier machen?“ – „Frühstücken!“ riefen Cathleen, Marie und Nadine wie aus einem Mund, teilweise noch kauend.

„Haben Sie sich ausgeschlossen?“, fragte sie weiter. Oh nein! Da ich auf nüchternen Magen nur begrenzt skurrile Menschen ertrage, kürzte ich das ab und erklärte: „Wir haben gleich einen Wettkampf und wollen vorher noch was zwischen die Kiemen kriegen, nachdem es in unserer Unterkunft nichts vernünftiges gab.“ – „Achso. ‚Zwischen die Kiemen‘ ist ja niedlich. Sie nehmen aber nicht an diesem Marathon teil hier, oder?“ – „Triathlon, doch.“ – „Ganz blöd gefragt: Wo ist denn der Unterschied zwischen Marathon und Triathlon? Ich kenne mich im Sport nicht so aus.“ – „Beim Marathon wird gelaufen, beim Triathlon ist auch noch Schwimmen und Radfahren dabei.“ – „Achja, wie dumm von mir, Sie können ja gar nicht laufen. Aber das mit dem Radfahren habe ich neulich im Fernsehen gesehen, bei der Olympiade, da war ein Blinder mit einem Nichtblinden auf einem Tandem. Alle Achtung, das könnte ich nicht. Haben Sie denn auch so spezielle Räder?“

Ich antwortete brav: „Einen Rennrollstuhl, ja.“ – „Achso, ja, sowas habe ich mal gesehen, die spielen ja auch Basketball damit.“ – „Ja, das sind noch wieder andere Rollstühle, aber im Prinzip … sowas ähnliches.“ – „Das find ich toll, wissen Sie? Bei Ihnen sieht man die Behinderung ja, bei mir nicht so, ich hab nämlich Leukämie.“ – „Das ist ja nicht so schön, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung und noch einen schönen Tag! Ich muss mal weiter essen, wir müssen nämlich gleich wieder los. Unsere Trainerin meckert sonst.“ – „Ja, ich will Sie nicht aufhalten. Wer ist denn Ihre Trainerin?“ – „Die junge Frau dahinten, die da auf dem grauen Verteilerkasten sitzt.“ – „Die ist ja noch sehr jung. Ich finde das ja toll, wenn junge Menschen sich für soziale Zwecke einsetzen. Na jedenfalls wünsche ich Ihnen viel Spaß auf dem Wettkampf.“

Als sie weg war, sagte Cathleen: „‚Haben Sie sich ausgeschlossen?‘ Aus unserer Zehner-WG oder was? Der letzte hat die Tür zugeschlagen und keiner hat seinen Schlüssel mit.“ – „Tja, wir können ja auch nicht mal eben über den Balkon klettern, nä?! Am Ende verheddert sich der Rolli dabei im Blumenkasten“, ergänzte Marie ohne eine Miene zu verziehen. Cathleen blödelte weiter: „Du meinst die kleinen Vorderräder?“ – Marie guckte genervt vorwurfsvoll, als würde Cathleen nichts verstehen: „Wieso denn die Vorderräder? Du kannst doch kippeln. Das Gepäcknetz, Schatzi, das Gepäcknetz.“ – „Ach ja, das Gepäcknetz. Sieht man übrigens immer seltener, oder? Selbst die älteren Leute haben mittlerweise alle Rucksäcke oder Beutel oder so.“ – „Stimmt. Oh, kennst du noch diese Rangierrollen? Wo man die großen Räder abnehmen konnte und dann konnte dich einer auf solchen Rangierrollen schieben?“

Ich verstand nur Bahnhof. Cathleen fuhr fort: „Ja! Das war geil. Und dann hat er dich losgelassen und du rolltest unaufhaltsam bergab. Lenken und bremsen war ja nicht mehr drin.“ – „Genau. Die einzige Chance war: Sich seitlich umwerfen.“ – „Was ja problemlos ging. Einmal falsch geatmet, kippte der Stuhl um.“ – „Herrlich. Oder diese großen Ballonreifen vorne.“ – „Na komm, du bist wenigstens nirgendwo hängen geblieben damit.“ – „Nee, aber dafür hattest du dreimal die Woche einen Platten. Irgendwas war immer platt.“ – „Hat sich aber im Fahrkomfort kaum bemerkbar gemacht. Die Stühle wogen ja locker 35 Kilo, vor allem mit dieser doppelten Schere unter der Sitzfläche, zum Zusammenklappen.“

Wie gut, dass ich das nicht mehr erleben muss. Eine Stunde später sah ich mich auf einer Wiese stehend, nach einer kurzen Aufwärmrunde einige Dehnübungen praktizierend, fortgesetzt unendliche Trinkmengen schluckweise in mich reinschüttend, langsam immer aufgeregter werdend. Tatjana rannte mit Sonnenlotion und Fettcreme durch die Gegend, versorgte alle blassen und weniger blassen Hamburgerinnen und Hamburger großzügig und leistete allen Angsthasen seelischen Beistand.

„Lange oder kurze Hose?“, fragte Anja. Tatjana sah sie entsetzt an: „Langer Einteiler! Oben und unten lang! Es sind noch nicht mal 14 Grad! Du holst dir sonst den Tod, wenn du den Neo ausziehst und hier durch die Gegend radelst. Ich hoffe, du hast einen dabei?“ – Anja zog den Kopf ein und nickte schüchtern. Irgendwann saßen wir endlich alle auf dem Steg. Tatjana rannte immernoch mit Getränken rum, wurde dann weggeschickt. Doch der Start verzögerte sich, weil es Probleme mit der Zeiterfassung gab. „Es geht jeden Moment los“, ließ uns ein offizieller Typ mit weißer und roter Fahne in der Hand wissen. Zwanzig Minuten vergingen, zum Glück schien die Sonne und wärmte uns. Dann durfte Tatjana doch wieder auf den Steg. Brachte noch mehr Isomix in Nuckelflaschen.

So langsam wurde es eklig. Triathlon ist kein Schönheitswettbewerb, wurde mir in einer der ersten Stunden erklärt. Marinierte Stinkesocke, damit kann ich leben – aber wenn der Pegel nach zwanzig Minuten schon am Hals steht und es kontinuierlich an den Handgelenken aus den Ärmeln tropft, ist irgendwann auch meine Schmerzgrenze erreicht. Marie hatte beste Laune und foppte mich: „Du transpirierst. Aus allen Nähten.“ – „Ich komm gleich kuscheln.“

Marie streckte mir die zu einem Anti-Vampir-Zeichen überkreuzten Zeigefinger entgegen. Lisa, in diesem Zusammenhang selten um einen Kommentar verlegen, dessen Tragweite sie jedoch meistens erst realisiert, nachdem sie ihn ausgesprochen hat, grinste bis über beide Ohren. Und sagte dann: „Das nennt man ‚Zentralheizung‘!“

Marie fing an zu lachen. Lisa fuhr fort: „Sagt meine Oma!“ – Jetzt musste ich auch lachen. Ich fragte: „Wieso denn deine Oma? Was hat sie denn damit zu tun? Macht sie auch Triathlon?“ – „Nein, sie kann nicht mehr so viel raus, liegt meistens im Bett und muss gepflegt werden, aber sie will immer alles wissen. Alles, alles, alles. Dann macht sie die Augen zu. Wahrscheinlich stellt sie sich das dann alles vor. Ich muss alles genau beschreiben, ob die Kühe Flecken hatten und all so Zeugs.“

„Okay, und wie kommt sie jetzt zur Zentralheizung?“ – „Ja, pass auf. Ich hab ihr von meinem Wettkampf erzählt und wenn ich alles erzählen soll, habe ich ihr natürlich auch davon erzählt, wie ich auf dem Steg gesessen und Pipi gemacht habe.“ – Marie kiecherte und sagte: „Auweia. Und?“

Lisa sagte: „Ja, nicht lachen, das lustige kommt erst. Sie hat ihre Augen aufgemacht und hat mich ganz vorwurfsvoll angeguckt und gefragt, warum ich das mache. Und dann habe ich gesagt: ‚Oma, beim Triathlon darf man sich wie ein Räuber benehmen und das finde ich toll. Zu Hause darf ich das nicht. Und das Pinkeln ist wirklich lustig. Also nicht einfach so, da würde ich mich schütteln. Aber wenn man im Wasser schwimmt und dann kommt plötzlich das Gefühl wo es überall ganz heiß wird, das ist einfach herrlich. Und Mama hat das erlaubt.'“

Marie und ich kugelten uns schon wieder vor Lachen. Lisa fuhr fort: „Das macht man allenfalls stiekum und still.“ – „Was für ein Ding? Stiekum?“ – „Ja genau! Du kennst das auch nicht, oder?“ – „Na, ich würde aus dem Zusammenhang schließen, dass das sowas wie ‚unauffällig‘ oder ‚lässig‘ heißt.“

Lisa antwortete: „Nein eben nicht. Stiekum heißt ‚heimlich‘. Das, was du meinst, ist ‚Nonchalance‘. Das hat mir meine Oma in dem Zusammenhang auch beigebracht. Man pinkelt stiekum und nonchalant, also heimlich und gekonnt lässig. Und dazu gehört, dass man das nicht jedem laut erzählt.“

Eine andere Teilnehmerin, vermutlich knapp 50, die auch auf dem Steg wartete, mischte sich in die Unterhaltung ein: „Deine Oma ist ja drollig. ‚Nonchalance‘ heißt übrigens auch ein sehr tolles Parfüm.“

Lisa guckte die Frau entsetzt an: „Wirklich?“ – Die Frau nickte. Lisa fuhr fort: „Na jedenfalls meinte sie, auch wenn ich jung bin, es ist ein erster Schritt, sich eine diskretere Wortwahl anzugewöhnen. Eine Umschreibung! Angeblich sagt man auch nicht, man muss auf Toilette, sondern man geht sich frisch machen. Dabei finde ich das voll albern, weil ‚frisch machen‘ find ich viel peinlicher als wenn man auf Klo muss. Das eine ist normal und das andere ist als wenn man stinkt.“

Jetzt lachte auch die Frau. Lisa meinte: „Ich dann gesagt, dass mir kein anderes Wort einfällt, was meine Leute nicht albern finden. Oder was nicht richtig derb ist. Und dann hat sie vorgeschlagen, ich soll doch das umschreiben und ‚Zentralheizung‘ sagen.“

Bevor wir das noch weiter vertiefen konnten, wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, unsere Startpositionen einzunehmen. „Wir haben internationale Teilnehmer, wir starten mit internationalem Kommando. We will start with the international command.“ – Wo waren die denn? Die internationalen Teilnehmer? Ich klärte Lisa auf: „Das bedeutet, der sagt nicht ‚Auf die Plätze!‘, sondern stattdessen ‚Take your marks!‘ – nicht wundern!“

Marie sagte: „Es gibt doch diesen Witz, wo einer das nicht versteht und vom Startblock klettert, um ein Markstück aufzuheben, was dort am Fußboden liegt.“ – Ich reagierte nicht. Sie setzte noch einen drauf: „Du, da sind Zombies im See.“ – „Ach Marie! Hör auf damit, ich will mich konzentrieren.“ – „Ich will, dass du dich vor Lachen verschluckst und ich dich überholen …“ – „Take your marks! Möööööp!“

Das Schwimmen verlief, von dem anfänglichen Gewusel abgesehen, ohne Zwischenfälle und mit gut dosierten Kräften. Cathleen, Marie und ich teilten uns die ersten drei Zwischenzeiten unserer Startklasse, brachten mit jeweils hauchdünnen Vorsprüngen Tatjana ins Schwitzen, die uns vom Wasser in die Wechelzone bringen sollte. Lisa, die zum allerersten Mal völlig alleine einen Wettkampf schwamm, war weit zurück, genauso wie Anja. Für die beiden war Ankommen das Ziel.

Beim Biken schaffte es ebenfalls keiner von uns dreien, sich entscheidend abzusetzen. Marie hatte bei Bergabfahrten mehrmals Probleme mit dem letzten Gang, also mit der längsten Übersetzung, die ständig wieder raussprang, so dass sie nur im vorletzten fahren konnte. Vermutlich ist der entsprechende Seilzug zu straff eingestellt gewesen. Es hat aber nicht wirklich gestört, weil die Bergabfahrten immer nur sehr kurz waren, dafür umso steiler – und in einer scharfen Kurve endend. Das war, als wir uns die Strecke angesehen hatten, noch nicht. Tolle Wurst, wenn man kurzfristig den Streckenverlauf ändert ohne jeden Hinweis. Ich sah Lisa schon fliegen und sie meinte hinterher, es war kurz davor.

Die per Rennrolli zu bewältigende Strecke war sowohl im Verlauf als auch im Profil sehr gut, allerdings, und irgendwas ist ja immer, kollidierte Marie, kurz nachdem sie mich überholt hatte, mit einem Fußgänger, der meinte, die gesperrte Straße überqueren zu müssen, als sie dort angedonnert kam. Alles Brüllen half nichts, er reagierte viel zu spät und Marie hatte hinter einer Kurve und bergab viel zu viel Speed drauf, um ausweichen oder bremsen zu können. Zumal Rennrollis ohnehin einen schier endlosen Bremsweg haben, anders als Rennbikes. Der Typ sprang im letzten Moment zur Seite, Marie erwischte ihn aber trotzdem mit ihrer Schulter am Bein und brachte ihn ins Straucheln und Fallen. Und er fiel genau dorthin, wo ich vorbei rutschten wollte. Zum Glück war es nicht nass, so dass ich noch genug Zeit hatte, um auf der anderen Seite um Marie herum lenken konnte.

Unfall mit verletzter Person? Immer anhalten. Der Typ stand auf, fing zu meckern an: „Man darf immer nur so schnell fahren, dass man in dem Bereich zum Stehen kommt, den man einsehen kann.“ – „Sind Sie verletzt?“ – „Nein.“ – Also weiter. So ein Idiot, das mag im Straßenverkehr gelten, aber nicht auf gesperrten Rennstrecken. Deshalb sind sie ja gesperrt. Ich ließ Marie überholen. Soviel Fairness muss sein. Entsprechend ließ sie mich kurz vor dem Ziel, als ich immernoch eine Länge hinter ihr war, auf gleiche Höhe aufholen, so dass wir beide gleichzeitig über die Ziellinie rollten. Was den anderen Teilnehmerinnen unserer Startklasse einen um 2 Positionen besseren Platz einbrachte, denn wir wurden dafür beide disqualifiziert. Die erste schlechte Nachricht.

Die zweite schlechte: Der Typ, der über die gesperrte Straße geschlendert ist, hat sich beim Veranstalter gemeldet, weil er angeblich doch verletzt sei. Das Knie blute, seine Hose sei versaut, habe er später bemerkt. Zum Glück hat er nicht abgestritten, vor Ort erst gesagt zu haben, dass alles in Ordnung ist. Das hätte dann nämlich mitunter ganz andere Konsequenzen haben können. Tatjana meinte, hätte er unwiderlegbar das Gegenteil behauptet, hätte Marie das eine mehrjährige Sperre einbringen können. So wird gegen Marie jetzt wegen Körperverletzung ermittelt. Der Typ hat Anzeige erstattet. Sie musste Personalien bei der Polizei angeben, wurde noch vor Ort verhört. Sie hat allerdings die Aussage verweigert. Die Polizisten meinten aber gleich, dass das wohl eingestellt werden würde – ob sie eine Haftpflichtversicherung hätte.

Die gute Nachricht: Wegen der Disqualifizierung ergehen noch zwei Strafbescheide. Tatjana erwartet 500 € pro Person. Und kennt ja nun den Namen des Störers, meinte, sie schickt das unserem Vorstand mit der Bitte, eine entsprechende Spende bei ihm einzuwerben.

Und bei der Gelegenheit bekamen wir dann alle auch noch einmal Nachhilfe bei den Regeln: Absichtlich langsam fahren, offensichtlich überholen lassen oder anders auf das Wettkampfergebnis taktisch einzuwirken, ist nicht erlaubt. Vorsicht ist auch bei einer Sache geboten, die es mehr im Behindertensport gibt als anderswo: Wenn wir mit unseren Rennstühlen nebeneinander an einer Verpflegungsstation vorbei donnern, ist es üblich, dass der, der am dichtesten dran ist, dem anderen auch eine Trinkflasche angelt, auch wenn es ein Gegner ist. Dabei müsse man nur aufpassen, dass man sich nicht berührt. Nicht an den Stühlen, sondern auch nicht am Körper. Also bloß nicht anticken oder sowas. Sondern nur hinhalten und im Zweifel loslassen. Ansonsten führt das auch sofort zur Disqualifikation. Auch wenn derjenige sagt, es sei ihm egal, vielleicht sogar im selben Team ist – es ist nicht erlaubt.

„Weder stiekum noch nonchalant?“, fragte Marie. Tatjana, vermutlich ohne ein Wort verstanden zu haben, antwortete: „Gar nicht. Und ‚gar nicht‘ heißt ‚gar nicht‘. Ohne Wenn und Aber.“

Kurz aber ganz

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Wie immer kam die Anmeldebestätigung kurzfristig, wie immer galt es, in den letzten Sekunden alles zu organisieren. Ich werde es, glaube ich, nie verstehen, warum man Paratriathlon-Wettkämpfe bis zur letzten Sekunde offen hält, anstatt sie, wie bei Fußgänger-Wettkämpfen üblich, mit einem verbindlichen Meldeschluss zu versehen. Die Betonung liegt dabei auf verbindlich, denn eigentlich gab es ein Datum, bis zu dem sich nicht genügend Leute gefunden hatten, die teilnehmen wollten. Kurzfristig bekamen wir in der letzten Woche einen Anruf, dass der Wettkampf nun aber doch stattfindet, weil noch Leute nachgemeldet hatten.

Ergo haben wir unser eigentlich mit „Strand“ verplantes Wochenende kurzfristig wieder umgeworfen und sind ins westliche Rheinland-Pfalz gegondelt, um dort an einem Paratriathlon teilzunehmen. Eine eher kleine Veranstaltung abseits der bekannten Serien – der Fußgänger-Triathlon hat in diesem Ort Tradition und gegenüber Menschen mit Behinderung zeige man sich inklusiv, wie der Bürgermeister bei seiner Ansprache wissen ließ.

In der Tat sahen wir uns sehr willkommen: Man hatte für alle, die nicht im Hotel oder in der Jugendherberge schlafen konnten, große Zelte aufgebaut. Eins davon extra für Rollstuhlfahrer. Wir reden hier nicht von Zwei- oder Dreimannzelten, sondern von befahrbaren Konstruktionen, die ein wenig an eine kleine Zirkusmanege erinnerten. Kreisrund, ohne Boden, stattdessen innen komplett mit Holzpaletten ausgelegt, so dass man, ohne im Gras zu versinken, zu seinem Schlafplatz gelangen konnte. Wohl wissend, was uns erwartet, hatte Marie zwei 140 x 200 Luftmatratzen dabei, beide ließen sich elektrisch aufblasen – die Geräuschkulisse erinnerte ein wenig an die eines defekten Staubsaugers. Ja, es gab sogar Licht und Strom in dem Zelt.

Und fließend Wasser. In der ersten Nacht gab es einen Wolkenbruch, der befürchten ließ, das Zelt würde gleich unter der Last des Wassers zusammenbrechen. Das Zelt hielt zwar, jedoch war unser Zelt am tiefsten Punkt der Wiese aufgebaut, so dass innerhalb der Paletten das Wasser plätscherte. Zum Glück stieg es nicht über die Höhe der Holzpaletten – ansonsten wären wir wohl in Ermangelung eines Ankers mit unserer Luftmatratze nach draußen getrieben. Marie, Cathleen und ich machten unter dem Eindruck des Getöses auf dem Zeltdach aus unseren Schlafsäcken eine große Decke und krochen unter dieser zu dritt so eng zusammen wie nur irgend möglich. Die Mütter von Marie und Lisa, die ebenfalls mit in dem Zelt schliefen und am nächsten Tag zusammen mit Tatjana unsere Teamhelfer sein wollten, schauten sehr ängstlich drein und befanden, ein Survivaltraining könnte nicht schlimmer sein. Irgendwann war der Regen vorbei und alle 20+ Leute in unserem Zelt schliefen ein.

Am nächsten Morgen holte uns eine Meldung ein, die wir am Vortag während unserer Anreise nicht mitbekommen hatten: Auf unserer Trainingsstrecke in Hamburg ist es zu einem tödlichen Unfall gekommen. Ein Rennradfahrer, ein 33jähriger Sonderschullehrer, sei beim Training frontal mit einem Lkw kollidiert und sofort tot gewesen – drei weitere Radfahrer wurden zum Teil schwer verletzt. Im Rahmen eines Überholmanövers sei ein entgegenkommender Lkw direkt in die etwa 30köpfige Gruppe gerast.

Als wir dann erfahren haben, dass wir den Verunglückten nicht kannten (er war wohl zum ersten Mal dabei), dass der Unfall nicht auf einer abgesperrten Trainingsstrecke, sondern im fließenden Verkehr passiert ist und auch nicht wirklich auf der Straße, auf der wir fahren, sondern auf einer Parallelstraße, waren wir zwar nicht erleichtert (wer ist das schon, wenn so ein folgenschwerer Unfall passiert), aber immerhin konnten wir für uns ganz klar feststellen: Es hätte eben nicht auch uns treffen können. Wir trainieren nicht im fließenden Straßenverkehr. Eben genau aus diesem Grund. Trotzdem gilt seiner Familie und seinen Kameraden natürlich unser und mein Mitgefühl.

Zurück nach Rheinland-Pfalz: Es handelte sich um einen Kurzdistanz-Wettkampf, also 1500 Meter schwimmen, 10 Kilometer per Rennrolli und 40 Kilometer mit dem Rennbike. Wir waren vor allen anderen Teilnehmern dran, das Wetter war okay, fast zu warm – und das Wasser war zu kalt, um ohne Neo zu starten. Mit 10 Minuten Verspätung ging es endlich los. Ich fand zum Glück sofort meinen Rhythmus, bekam zwar ein paar Mal ein paar fremde Hände ab, ließ mich davon aber nicht ablenken und konnte mich zusammen mit Marie aus dem relativ kleinen Starterfeld lösen. Nach ziemlich genau 45 Minuten waren wir beim ersten Wechsel angekommen. Maries Mutter half Marie, Tatjana half mir, nach knapp drei Minuten saßen wir in unseren Rennstühlen und konnten als erste die Wechselzone verlassen. Wir bekamen nur noch mit, wie Cathleen aus dem Wasser kam.

Da Windschattenfahren verboten war, fuhren wir demonstrativ nebeneinander, zumindest dort, wo die Straßenverhältnisse es zuließen. Die Strecke war nicht wirklich gut, zwar relativ eben und durchgehend asphaltiert, ein einziges Mal wurde der Streckenverlauf durch eine Hütchenreihe an einem Schlagloch vorbei geführt, aber insgesamt sehr kurvig. Was für Läufer kaum ein Problem ist, ist mit dem schnurgeradeaus fahrenden Rennrolli keine leichte Aufgabe. Mir ging es gut, ich hatte keinen Leistungsdruck, keinen Verfolger – ich versuchte einfach, so schnell wie möglich zu sein, ohne mich zu überanstrengen. Marie bekam Probleme mit ihrer Blase, sie wurde zu voll. Sie meinte, sie könne sich nicht genug entspannen, sei zu aufgedreht, ich gab ihr den Tipp, während einer abschüssigen Passage mal komplett zu entspannen, aber es funktionierte nicht. Was besonders blöd ist, denn so müsste sie beim nächsten Wechsel auf eins der ekligen Dixi-Klos, während die Zeit weiter läuft. Etwa 500 Meter vor T2 klappte es dann doch noch.

Die 40 Kilometer biken waren im ersten Moment sehr angenehm, nach zwei Kilometern war ich mir sicher, ich würde die letzten 38 problemlos schaffen. Doch etwa ab der Hälfte zog sich die Strecke wie Kaugummi. Es war ständig ein leichter Wind von vorne, so dass man ständig zwischen drei, vier Gängen hin- und herschalten musste, und das kostete endlos Nerven. Nach knapp über einer Stunde rollten wir ins Ziel: Erst Cathleen, dann ich, dann Marie, alle innerhalb von sechs Sekunden. Insgesamt lag ich bei 3 Stunden und 16 Minuten – es hätte deutlich schneller sein können, wenn die „Laufstrecke“ nicht so kurvig gewesen wäre. Aber alle anderen hatten dieselben Vorgaben und somit: Der zweite Platz (von 12) zählt! Ich habe mich riesig gefreut.

Körperlich war ich nach dem Wettkampf eigentlich kaum erschöpft, ich fühlte mich nicht übermäßig ausgepowert. Aber müde. Ich hätte, als der Wettkampf-Flash vorbei war, mich sofort hinlegen können. Wie gut, dass wir erst am nächsten Morgen abreisten. So konnte ich in Ruhe ausschlafen, bevor wir die Heimfahrt antraten. Leider war das -bis auf ein weiterer Termin- die letzte Chance in diesem Jahr, an einem Paratriathlon teilzunehmen. Aber Tatjana meinte: Vielleicht machen wir selbst noch einen internen Wettkampf. Lust hätte ich.

Supporting Lisa

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So schnell wollte ich eigentlich an keinem Wettkampf teilnehmen, denn meine Schleimbeutel-Entzündung ist erst relativ kurzzeitig wieder abgeheilt. Die Gefahr, dass sich das sofort wieder entzündet, bestünde laut meiner Hausärztin zwar eher nicht, aber meinen Trainingszustand würde ich wegen der Zwangspause eher als suboptimal bezeichnen.

Bei Tatjana weiß man nie so genau, was sie im Schilde führt, wenn sie einen in tolle Pläne einweiht. Sie versteht es, Leuten Honig um den Mund zu schmieren. Mitten in der Woche fragte sie Cathleen, Marie und mich, ob wir Lisa, Anja und ein weiteres junges Mädel aus Schleswig-Holstein am Wochenende bei einem Wettkampf in Hessen supporten könnten. Soll heißen: Cathleen, Marie und ich starten außer Konkurrenz in einer unpassenden Alters- oder Startklasse, um fehlende Konkurrenz oder fehlende Erfahrung (bei ganz jungen Sportlern, die zum ersten oder zweiten Mal starten) auszugleichen. So etwas gibt es nur bei ausgewählten Wettkämpfen im Behindertensport, meistens jene Nachwuchsrennen, zu denen nicht genügend Leute melden.

Es handelte sich um einen Wettkampf, bestehend aus 750 Meter Schwimmen, 5 Kilometern Sprint im Rennrolli und 20 Kilometern Handbiken im Rennbike (so genannte Sprintdistanz). Cathleen, Marie und ich sagten zu, sehr zur Freude der drei jungen Mädels. Die Schleswig-Holsteinerin kannte ich locker von einem gemeinsamen Trainingslager – deren Mutter rief mich am Mittwochabend prompt an und wollte von mir hören, ob ich glaube, dass alles klappen wird. Ihre Tochter habe noch keine Erfahrungen mit Alkohol oder Jungs und sei auch nicht verdorben … sie wäre froh, wenn das so bliebe. Ich konnte sie etwas beruhigen.

Und so standen wir am Samstagnachmittag mit sechs Rollstühlen auf dem Hamburger Hauptbahnhof und warteten auf den ICE. Unsere Rennbikes und unsere Rennrollis waren bei Tatjana im Bus, damit war aber kein Platz mehr für irgendeinen Mitfahrer. Das erwartete Theater bei der Bahn („Was?! Mit sechs Rollis? Da passen nur zwei rein!“) blieb gänzlich aus und bevor wir überlegen konnten, ob uns langweilig wird, waren wir auch schon da. Mit einer Straßenbahn ging es zu einem Vier-Sterne-Hotel, das vom Veranstalter als Unterkunft ausgesucht worden war und von dem ich verwöhnte Göre eigentlich etwas mehr Luxus erwartet hätte.

Aber bei vier Sternen kann man schließlich nicht zu viel erwarten und so waren von den acht Halogenspots in der Zimmerdecke sechs defekt, die Gardine hing in Fetzen vor dem Fenster (das war vermutlich die Hotelkatze), die Dusche war völlig verkalkt, ein Bettbezug war schmutzig, der Teppichboden voller Flecken und der Fernseher ging auch nicht. An der Rezeption zeigte man sich entsetzt, meinte dann aber, dass sie völlig ausgebucht seien und man kein anderes Zimmer für uns hätte. Ich bin ja sonst nicht so zickig, aber eins konnte ich mir dennoch nicht verkneifen: „Ein sauberer Bettbezug würde schon reichen. Wenn es zu viele Umstände macht, ziehe ich ihn auch selbst auf.“

Eine der Rezeptionsdamen kam mit ins Zimmer und bezog meine Decke neu. Am nächsten Morgen stellten wir dann fest, dass in der Dusche auch nicht in Ordnung war: Was nicht direkt an den Fliesen entlang lief, spritzte unkontrolliert in alle Himmelsrichtungen. Ich dachte erst, Cathleen und ich hätten das Zimmer bekommen, was sonst die Gäste bekommen, die man rausekeln möchte, aber die anderen drei Zimmer der Hamburger Leute waren genauso unmöglich. Beim Frühstück mussten wir sechs Mal um ein Kännchen kalte Milch bitten und fast eine Viertelstunde auf frische Brötchen warten (nehmen Sie doch solange etwas Obst), und als man sich dann bei der Gesamtrechnung noch um über 100 Euro zu unseren Ungunsten verrechnet hatte, platzte Tatjana so richtig der Kragen. Ich habe sie lange nicht mehr so weit oben auf der Palme erlebt. Die Dame hinter dem Tresen war gut geschult und konnte auf jeden Satz, den Tatjana sagte, mit irgendeiner Floskel rausgeben.

Ich sollte mich um Lisa kümmern, Marie um Anja und Cathleen um das Mädel aus Schleswig-Holstein. Lisa ließ mal wieder einen Spruch nach dem nächsten vom Stapel, leider bekomme ich sie nicht mehr alle zusammen. Fest steht nur: Ich könnte sie noch immer alle fünf Minuten knuddeln.

Irgendwann gab es eine offizielle Ansprache. Das Wasser hätte mindestens die erforderlichen 19 Grad. Ob Celsius oder Fahrenheit, ließ man mal offen. Tatjana füllte uns mit Getränken ab, um eine möglichst ideale Hydrierung zu erreichen. Eine Dreiviertelstunde vor dem Start rollte ich zum sechsten letzten Mal an diesem Morgen zum Klo, zog anschließend meine Wettkampfklamotten an, ließ mir von Tatjana beim Neo helfen und als fünf Minuten später Lisa auch fertig angezogen war, düste ich mit ihr schonmal zum Steg runter. Eine halbe Stunde vor dem Start sollte man sich dort melden. Auf dem Steg hatten sie Rasenteppich ausgerollt, auf dem es sich besonders schlecht rollte.

Üblicherweise darf man, nachdem man sich gemeldet hat, bis zehn Minuten vor dem Start sich in der Nähe hin und her bewegen und sich weiter warm halten, aber hier war das nicht möglich. Es gab nur einen sehr engen Zuweg zu diesem Steg, der auch nur von den Paratriathleten genutzt wurde. Die Fußgänger starteten vom Strand aus.

Marie und Anja sowie Cathleen und die Schleswig-Holsteinerin kamen kurz nach uns. Es begann zu nieseln. Tatjana kam auf den Steg und machte mit uns noch einige weitere Aufwärmübungen, zehn Minuten vor dem Start musste sie jedoch den Steg verlassen, so dass nur noch die sechs Hamburgerinnen und zwei Teilnehmerinnen aus Hessen und drei Offizielle dort standen und warteten. Wir versuchten, uns durch Arm- und Rumpfbewegungen halbwegs warm zu halten. Das Mädel aus Schleswig-Holstein wurde immer nervöser. Cathleen versuchte, sie zu beruhigen. „Wenn du erstmal im Wasser bist und die ersten 100 Meter geschwommen hast, legt sich auch die Aufregung. Ich bleibe immer bei dir, wir schaffen das zusammen. Bei meinem ersten Wettkampf war ich auch ziemlich aufgeregt. Das ist aber nur vor dem Start, das ist gleich vorbei.“

Lisa, die sonst oft nur unfreiwillig lustig ist, ließ jetzt den von ihr zum Frühstück vertilgten Clown aufstoßen und erzählte laut mit einem schelmischen Grinsen: „Übrigens, falls es jemanden interessiert: Ich mach grad Pipi.“ – Anja erwiderte mit entsetztem Blick: „Das ist nicht dein Ernst.“ – Lisa antwortete: „Doch, ich darf das! Wir sind hier auf einem Wettkampf, da gelten andere Regeln!“ Cathleen, Marie und ich krümmten uns vor Lachen. Anja guckte uns entsetzt an. Ich sagte: „Wo sie recht hat, hat sie recht!“

Anja antwortete: „Ja ich glaub dir das, aber darüber redet man doch nicht.“ – Cathleen erwiderte: „Beim Triathlon ist alles anders. Und beim Paratriathlon sowieso. Da redet man über alles, was unwichtig ist und morgen schreibt Jule das in ihren Blog und spaltet dadurch ihre Leserschaft in die, die schmunzeln, die, die es eklig finden und die Fetischisten.“

Lisa fragte: „Was ist eine Leserschaft? Und was sind diese Feti-Dinger?“ – Marie sagte: „Als ‚Leserschaft‘ bezeichnet man alle Leserinnen und Leser eines bestimmten Buches oder einer bestimmten Zeitung oder auch eines Internetblogs und Fetischismus ist in diesem Fall, wenn einer davon Pipi toll findet. Davon hat Jule unfreiwillig ein paar Leute in ihrer Leserschaft.“ – Lisa antwortete: „Ok. Dann bin ich jetzt auch so ein Feti-schissi-mus-duweißtschon. Diese Leute da.“ – Cathleen, die sich gerade die letzten Lachtränen aus den Augen gewischt hat, fing erneut an zu gackern und fragte: „Wieso? Findest du auch Pipi toll?“ – Lisa antwortete ohne eine Miene zu verziehen: „Zumindest ist es gerade schön warm am Po.“

Marie, Cathleen und ich kugelten uns auf dem Steg, die Wettkampfrichter müssen gedacht haben, wir haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Anja lächelte verlegen und die beiden Hessinnen sagten: „Na ihr seid ja gut drauf.“ – Dann wurden wir aufgefordert, an die Stegkante zu rutschen und Sekunden später ging es los. Es war arschkalt. Von wegen 19 Grad. Ich schwamm neben Lisa, die ein recht ordentliches Tempo vorlegte. Ständig kamen mir ihre Worte vom Steg wieder in den Kopf und ich musste den Gedanken zur Seite schieben, um nicht beim Schwimmen das Lachen anzufangen und mich zu verschlucken. Bei einem Wettkampf für mich wäre so etwas absolut hinderlich gewesen. Ich hoffe, ich habe es bis zum nächsten Mal wieder vergessen.

Der Rest des Wettkampfes verlief unspektakulär, allerdings wurde der Regen stärker, so dass wir bereits nach dem Rennrolli fahren aussahen als hätten wir ein Schlammbad genommen. Bei Regen macht so ein Wettkampf entsprechend weniger Spaß. Ich fuhr außer Konkurrenz vier Sekunden nach Lisa über die Ziellinie und dann kam der Hammer: Auf Lisas Weg zur Dusche gesellte sich plötzlich eine Frau, etwa Mitte 40, zu ihr, hielt ihr einen Ausweis unter die Nase und sagte: „Guten Tag, mein Name ist Dr. …, ich bin Ärztin und bin heute im Auftrag des Deutschen Behinderten-Sportverbandes hier. Sie sind für eine Anti-Doping-Kontrolle vorgesehen.“

Hurra. Was folgte, waren nervige 150 (!) Minuten umringt von zwei Frauen, die alles genau beobachteten. Man darf eine Vertrauensperson / Zeugen mitnehmen, Lisa suchte sich spontan mich aus. Und dann nahm das Drama seinen Lauf. Zuerst hatte sie nicht genug in der Blase, dann musste sie trinken, trinken, trinken, dann war ihr Urin zu dünn (unter 1.005 g/ml), dann sollte sie erstmal duschen gehen, dann musste sie beim Duschen plötzlich nochmal dringend, dann bekam sie dort einen neuen Becher von der Assistentin, den hat die Ärztin dann aber später verworfen, weil sie meinte, da könnten Seifenreste reingekommen sein, das sei nur in Lisas Interesse, noch einmal neu abzugeben und dann beim nächsten Versuch klappte es endlich. Dann mussten noch etliche Codenummern übertragen und verglichen werden, Ausweise abgeschrieben werden, alles umgefüllt und verschlossen werden, erst in Gläser, dann in Tüten, dann in Styroporkartons, ein Protokoll mit mindestens 25 einzelnen Punkten angefertigt werden und dann endlich war Lisa, völlig eingeschüchtert, wieder entlassen.

Der Tag endete damit, dass der Zug auf dem Rückweg wegen eines Polizeieinsatzes in Hannover eine Verspätung von 75 Minuten aufbaute. Als ich endlich zu Hause war, war es halb ein Uhr nachts. Ich glaube, ich bin innerhalb von 3 Minuten eingeschlafen.

Endlich wieder draußen

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Wie könnte man das bescheidene Wetter und den freien Tag besser nutzen als für das erste 2012er Schwimmtraining im offenen Wasser? Ja, ja, ja. Schnatter!!! Der See hatte 13,2 Grad und war damit genauso warm wie die Luft. Aber wir sind ja Kummer gewohnt, waren im letzten Jahr auch noch bei 11 Grad schwimmen und auch schonmal bei 14 Grad Wassertemperatur in der Ostsee – letztes ohne Neo.

Heute war aber Schwimmen mit Neo angesagt und nach dem üblichen ersten Schock war es sogar ganz okay. Von dem blöden kalten Wind und der fehlenden Sonne mal abgesehen, habe ich mir das schlimmer vorgestellt. Trainerin Tatjana lieferte ein göttliches Bild ab, als sie mit Flip Flops, knielangen Shorts, Badeanzug und drüber eine Fleecejacke mit wehenden Haaren bis zum Schienbein im Wasser stand und uns so entweder ihre Zugehörigkeit oder ihr Mitleid demonstrieren wollte.

Am meisten hat sich Lisa gefreut, die nun endlich zum ersten Mal offiziell ihren neuen Neo einweihen durfte. Sie ist immer noch die alte und ich könnte sie alle paar Minuten knuddeln. Alle Leute bibberten vor Kälte, nur halt Lisa nicht. Die biss sich zwar auf die Lippen, damit die Zähne nicht klapperten, aber ihr Neo ist der beste – darin friert man auf gar keinen Fall. Auch dann nicht, wenn er erstmal mit eiskaltem Seewasser volläuft, bevor er wärmen kann und auch dann nicht, wenn man noch gar nicht losgeschwommen ist und kaum Energie verbrennt…

Anja war auch dabei, bekam von Marie einen Neo geliehen. Das hatten die vorher abgesprochen, das passte soweit auch. Als es endlich los ging, hatten wir am Seeufer eine Gruppe johlender Vatertagsväter, die irgendwas grölten, was man aber auf die Entfernung nicht verstehen konnte, da sie zudem auch noch gegen den Wind brüllten. Aber da in den nächsten 30 Minuten weder ein Hai noch ein U-Boot vor uns auftauchte, kann es nicht so wichtig gewesen sein. Dreißig Minuten, länger war es aber auch nicht auszuhalten, ohne dass man tiefblaue Lippen tiefblaue Füße, Hände und Lippen bekommt.

Wir hatten von Tatjana unser verhältnismäßig einfaches Trainingsprogramm bekommen, diese packte nun alle neun Rollis in den Vereinsbus und gurkte sie in Richtung Umkleideräume, die vom See gut zwei Kilometer entfernt sind. Anschließend holte sie in zwei Fahrten die ganzen Leute aus dem Wasser und brachte sie zu den Duschen. Es war eine gewisse logistische Herausforderung, da nie mehr als fünf (nasse!) Leute in den Bus passen und nie mehr als fünf Leute gleichzeitig duschen können. Daher wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und starteten gut eine Viertelstunde versetzt. Ich war in der zweiten Gruppe, musste also am Anfang schon länger warten und war froh, als ich endlich unter der heißen Dusche saß. Aber das Training war genial.