Die Wahl der Qual

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Mal wieder ein Trainingslager in Hannover! Anmelden konnte sich, wer die Teilnahmegebühr von 200 € selbst bezahlen konnte oder einen Sponsor dafür an der Hand hatte. Von meinen Leuten hatten sich alle, nämlich Nadine, Kristina, Merle, Simone, Yvonne und Cathleen angemeldet. Jana hatte auch Interesse und sehr kurzfristig geklärt, ob sie Vorerfahrungen bräuchte. Equipment könnte sie in meinem Verein ausleihen, aber wenn sie Einsteiger nicht dabei haben wollten, würde sie sich dort ja eher langweilen.

Nein, Anfänger seien auch willkommen. Wir erfuhren aus der Meldeliste, so quasi 48 Stunden vor Abfahrt, dass sich auch Lisa angemeldet hatte, zusammen mit Julia (nein, nicht ich), einem 12 Jahre alten Mädchen aus Niedersachsen, die wir noch nicht kannten. Und Natascha. Bitte was? Achso, nein, es war ja vereinbart, keine dummen Kommentare zu machen. Trotzdem fragte mich Cathleen sofort, wie ich darüber denke, dass sie sich dort anmeldet. Mein einziger Kommentar: „Solange sie mich in Frieden lässt und da keine Show abzieht, ist mir das egal.“ Und Lotte. Auf Lotte habe ich mich richtig doll gefreut.

Da wir es geschafft hatten, einen Materialtransport zu organisieren (Tatjana fuhr mit dem Vereinsbus und nahm als Trainerin teil), brauchten wir am Freitagabend (bzw. nachts) nur noch unsere Alltagsstühle und die Klamotten unterbringen. Jana schlief auf meinem Beifahrersitz, Cathleen, Simone, Merle und Kristina spielten hinten Bohnanza und die Stinkesocke lenkte, wie könnte es bei meinen sonderbaren Vorlieben und Anziehungskräften auch anders sein, mein Auto direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Fahrstreifen war durch eine Hütchenreihe gesperrt, die Geschwindigkeit auf 30 beschränkt, die fünf Autos vor uns durften durchfahren, uns winkten sie natürlich raus.

Eine junge Frau: „Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte einmal den Motor ausmachen und die Innenbeleuchtung an. Fahrzeugschein und Führerschein hätte ich gerne. Vor Fahrtantritt heute irgendwelche alkoholischen Getränke oder Betäubungsmittel zu sich genommen?“ – „Nein.“ – „Mit einem freiwilligen Alkotest einverstanden?“ – „Ja.“ – „Bleiben Sie bitte im Fahrzeug. Einen kleinen Moment bitte.“

Sie ging hinter mein Auto, leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf meine Papiere und laberte mit einem Kollegen. Dann kam ein zweiter und ein dritter hinzu. Das schien höchst aufregend zu sein! Während die dahinten diskutierten, meinte Jana, die in der Zwischenzeit aufgewacht war: „Kristina, hast du Insulinspritzen im Gepäck? Gib mal welche nach vorne, wenn wir die in die Scheibe legen, ist sicher auch noch ein Drogentest für uns alle fällig.“ – Kristina, Diabetikerin, antwortete: „Ich habe nur meine Pens dabei.“ Aus Janas Sicht schade, ich war jetzt schon bedient. Ein Typ leuchtete die ganze Zeit auf der Beifahrerseite in die Fenster.

Die Frau kam zurück: „Was haben Sie denn da für 20 Millionen Auflagen, da muss man sich ja erstmal durchwühlen. Ihre Pedalabdeckung hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Darf ich die Tür öffnen?“ – „Ja bitte.“ Ich zeigte ihr die Pedalabdeckung, mit der die serienmäßigen Fußpedale abgedeckt werden, damit man nicht aus Versehen dort drauftritt (durch eine Spastik oder ähnliches), während man das Auto mit der Hand bedient. „Rein interessehalber: Wie geben Sie eigentlich Gas? Und wie bremsen Sie?“ Ich führte ihr das vor. Zu einem Kollegen drehte sie sich um: „Komm mal, guck dir das mal an. Sorry, aber sowas sieht man nicht jeden Tag. Für mich ist es das erste Mal.“ – „Schon okay“, sagte ich.

„Sie sind 18, oder?“ – Ich nickte. – „Hatten Sie mal eine Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter?“ – Ich nickte. Sie nickte auch.

„Kommen wir zum Alkotest“, meinte sie. „Kommen Sie bitte einmal mit an das Dienstfahrzeug?“ – „Dann müsste meine Begleitung erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen.“ – „Achso, nein, um Gottes Willen, dann hole ich ein mobiles Gerät her. Einen Moment.“ Einen Moment später kam sie mit so einem Ding in der Hand zurück. „Schonmal gemacht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Das Mundstück auspacken und aufsetzen, das Gerät in beide Hände nehmen, tief einatmen und feste in das Gerät ausatmen, solange bis das Piepen aufhört. Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, noch ein bißchen, weiter, weiter, danke reicht.“ Hechel… Einen Moment dauerte es, dann zeigte sie mir das Ergebnis: 0.00. Nichts anderes hatte ich erwartet. „Nullnull, sehr gut. Bitte einmal das Mundstück abziehen. Das können Sie sich zur Erinnerung aufheben oder wegwerfen. Darf ich fragen, woher Sie jetzt kommen?“

„Von zu Hause“, antwortete ich. Sie fragte weiter: „Und wohin geht es?“ – „Nach Hannover ins Trainingslager.“ – „Gut. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Hier sind Ihre Papiere, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.“ Und tschüss. Kurz nach Mitternacht kamen wir ohne weitere Zwischenfälle bei acht Grad unter Null in Hannover an. Und bekamen kein Zimmer mehr in dem Trainingszentrum. Nö, die Hälfte der Leute sei in der nahe gelegenen Jugendherberge untergebracht. Was grundsätzlich kein Problem ist, nur hätten wir, wenn wir das gewusst hätten, gleich einen Kilometer entfernt vor der Jugendherberge geparkt. So mussten wir nach zwei Stunden im mollig warmen Auto durch die eisige Kälte über einen unbeleuchteten Sandweg mit allem Gepäck auf dem Schoß durch die dunkle Nacht. Und dann dauerte es auch noch bis ein Uhr, bis wir unsere Zimmer zugeteilt bekamen.

Nadine, Kristina, Merle, Simone, Cathleen und Yvonne kamen in ein Sechserzimmer, nicht rolligerecht, ich durfte mit Jana, Natascha und einem fremden Mädel aus Niedersachsen in ein Viererzimmer, ebenfalls nicht rolligerecht. Super. Immerhin gelang es uns kurzfristig, das fremde Mädel gegen Lotte einzutauschen, die da unten auch noch herumirrte und endlich ins Bett wollte. Ins Bad kam man nicht, dafür gab es aber auf dem Flur ein Rolli-Klo. Ich schnappte mir einen Schlafanzug und eine Pampers, meine Zahnbürste, Zahnpasta und düste los.

Nur auf das Klo im Flur wollten jetzt 30 Leute zur gleichen Zeit. Immerhin kam nach 3 Minuten jemand auf die geniale Idee, sich mit dem Aufzug auf sechs Etagen aufzuteilen, da in jedem Flur eine Rolli-Toilette war. Da etliche Leute sich kathetern müssen, dauerte es. Jana beispielsweise braucht pro Klogang rund 15 Minuten…

Zu allem Überfluss waren in den Zimmern Etagenbetten, so dass mindestens zwei Personen Turnübungen machen mussten. Dass Jana unten schläft mit einem hohen und kompletten Brustquerschnitt, versteht sich von selbst, dass Natascha oben schläft, ebenso. Also mussten sich nur Lotte und ich einig werden. Am Ende habe mich freiwillig angeboten. Aus dem Klimmzug in den Stütz, die Beine warf mir Lotte hinterher – irre. Lotte wusste nichts von Nataschas Behinderung, ich war gespannt auf ihre Reaktion. Oder vielmehr erstmal darauf, was Natascha ihr erzählen würde. Ich erfuhr es leider nicht.

Am Samstag mussten wir erst um 9 Uhr beim Frühstück sein. Immerhin brauchten wir nicht alle zu duschen, da anschließend Schwimmen auf dem Programm stand. Schließlich gab es in den Flur-WCs auch keine Duschen und in die Waschräume am Zimmer kamen wir ja nicht. Als ich endlich im Wasser war, sah ich zum ersten Mal meine 12jährige Namensvetterin und Lisa. Lisa kam sofort auf mich zugeschwommen und umarmte mich, Julia tat dasselbe, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte. „Lisa hat mir schon ganz viel von dir erzählt“, strahlte sie mich an. Aha?!

Das Training machte ein Harald. Glatze, Mitte 50, humpelnd. Laut. Militärischer Ton. Wir waren mit 10 Personen in einer 25-Meter-Bahn. Programm: Zuerst 16 Bahnen einschwimmen mit genauem Blick auf die Technik. Dann sofort ein Trainingsprogramm, das es in sich hatte:

200 Meter (8 Bahnen) schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause Rand. Dann wieder 200 Meter schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause am Rand. Nach insgesamt 19 Durchgängen (also 3.800 Metern oder 152 Bahnen) nochmal 15 Sekunden Pause am Rand, dann nochmal 100 Meter locker ausschwimmen.

Super. Ist der nicht ganz dicht? Je nach Behinderung gibt es verschiedene Startklassen. Es wäre ja völlig ungerecht, Leute gegeneinander starten zu lassen, wenn einem lediglich der Fuß fehlt, während der andere ab dem Hals abwärts gelähmt ist. Ich bin aktuell in der Startklasse 6 eingruppiert, wobei die 1 die Klasse mit der stärksten Behinderung ist und die 10 diejenige mit der schwächsten. Der derzeitige Deutsche Rekord für 200 Meter Freistil (50-Meter-Bahn) in meiner Startklasse liegt bei 2:58 Minuten. Bei Merle, die in der Startklasse 5 eingruppiert ist, lag der Deutsche Rekord irgendwo bei 4:30 Minuten.

Daraus ergaben sich zwei Probleme: Keiner würde die vorgegebene Zeit schaffen können und wir müssten uns nicht nur ständig in der Bahn begegnen (was normal ist), sondern uns auch noch ständig überholen. Am Ende wurden wir dann doch in zwei Gruppen aufgeteilt. Die langsamen (S5) mussten am Anfang die Bahnen zählen und immer nach 8 Bahnen den S6ern (und aufwärts) die Trinkflasche reichen, anschließend waren die S5er mit Schwimmen dran und die S6er saßen auf dem Beckenrand und zählten und reichten die Getränke. Die S6er (und aufwärts) bekamen als Vorgabe 3:30 Minuten und die S5er nun doch 5:00 Minuten.

Damit dauerte das Programm der S6er rund 70 Minuten, das Programm der S5er jedoch fast 100 Minuten. Um 10 Uhr war Treffen in der Schwimmhalle, um 14 Uhr durften wir endlich zum Duschen. Ich war nach meinen vier Kilometern schon völlig fertig, aber Merle und Konsorten mussten wir aus dem Wasser ziehen. Die waren am Ende nicht mehr in der Lage, alleine aus dem Becken in den Rollstuhl zu kommen. Harald hatte dazu nur einen Kommentar: „Weich-Eier.“ Wie niedlich!

Als wir um kurz vor drei endlich in der Kantine waren, gab es selbstverständlich kein Mittagessen mehr, so dass die komplette Hamburger Triathlon-Szene sich vom Nachmittagsprogramm abmeldete und erstmal etwas brauchbares zu essen organisierte. Der Nachwuchs konnte wirklich froh sein, bei Tatjana zu sein.

Am Abend fielen wir kurz vor acht Uhr völlig fertig ins Bett. Heute morgen sollte noch Straßentraining auf dem Programm stehen, da aber die Straße wegen einer anderen Veranstaltung nicht gesperrt werden konnte (und das wusste niemand), sollten wir stattdessen auf der Rolle trainieren. Im Rennrolli, vierzig Kilometer bei bis zu 5% Steigung in höchstens zwei Stunden. Ich bin froh, noch in keinem offiziellen Kader zu sein. Ich habe Harald einen Vogel gezeigt, meine Sachen gepackt und mir zwei Stunden bis zum Mittagessen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wie ich später erfuhr, hat niemand der Hamburger daran teilgenommen. Lediglich ein paar männliche Athleten aus Niedersachsen und Hessen meinten, ihrem Körper das antun zu müssen.

Trainings-Camp Hamburg

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Endlich darf ich wieder richtig trainieren. Und endlich gibt es dafür auch wieder die richtigen Möglichkeiten. Am letzten Wochenende hat mein Verein endlich mal wieder ein Trainingslager veranstaltet. Und zwar, völlig unüblich, direkt in Hamburg. Allerdings mit der Bedingung, dass nur Leute teilnehmen dürfen, die die gesamte Zeit dort bleiben. Also das, was man sonst dadurch erreichen will, dass man weiter weg fährt, hat man dieses Mal durch eine freiwillige Verpflichtung aller Teilnehmer erreicht und auch gleich mit den entsprechenden Konsequenzen gedroht, falls jemand doch meint, mal schnell nach Hause zum Computerspielen fahren zu müssen: Wer einmal wegfährt, darf zwar gerne wiederkommen, fliegt aber zwischendurch aus dem Trainingsprogramm. Es hat gefruchtet.

Das Trainings-Camp war bis auf den letzten Platz ausgebucht: Cathleen, Kristina, Merle, Nadine, Simone, Yvonne und ich bei den Mädels. Und, man glaubt es kaum, Lisa. Die Eltern, die gerade mit ihr auf Fehmarn Urlaub machen, haben sie extra nach Hamburg gefahren, um ihrer inzwischen 15-jährigen Tochter ein Trainingswochenende zu bieten, und sie war natürlich stolz wie Oskar, bei den „älteren“ mitmachen zu dürfen. Tatjana und Anna haben das Camp geleitet. Und wir waren von vornherein vorgewarnt worden: Es gibt keine Vollverpflegung, keine festen Betten, nicht mal eine vernünftige Dusche. Dafür aber ganz viel Spaß in einem Mega-Zelt an jenem Baggersee, an dem ich auch in den letzten Wochen regelmäßig geschwommen bin, da allerdings privat. Für das Zelten und die nächtlichen Trainingsfahrten mit den Rennrollstühlen bzw. Handbikes auf der Fahrbahn brauchte mein Verein eine Ausnahmegenehmigung. Und sowas braucht wiederum Zeit.

Am Freitagnachmittag ging es los. In einer von den übrigen Badegästen eher abgeschirmten Ecke auf der anderen Seite des Sees (also nicht an dem Badestrand, wo wir bisher immer waren) durften wir unser Zelt aufbauen. Und dann ging es als erstes ins Wasser. Es gab einen Steg, über den man mit den Rollstühlen an das an dieser Stelle tiefe Wasser heranfahren konnte. Mit einem Transfer über den Boden ging es ab in das 25 Grad warme Wasser. Nach einigen hundert Metern Aufwärmen sollten wir den windgeschützten Bereich verlassen und auf den offenen See hinausschwimmen. Es war ziemlich windig und in erster Linie ging es darum, mit Wind und Wellen zurecht zu kommen, auch wenn die Beine zum Schwimmen nicht zur Verfügung stehen. Tatjana saß in einem Begleitboot. Es ist schon wichtig, in einem Wettkampf zu wissen, wie man ein Ziel anschwimmt, wenn es Wind und Wellen gibt.

Mit den Wellen hatten die wenigsten Leute Probleme, man muss natürlich ein bißchen aufpassen, dass man auf der richtigen Seite einatmet und nicht den halben See leertrinkt. Aber eine vor dem Training ausgesetzte rote Miniboje über 1500 Meter auf möglichst direktem Weg anzuschwimmen, überforderte einige Teilnehmer besonders. Der entscheidende Tipp kam von Tatjana: Man müsse einen Zielpunkt am See-Ufer fixieren, der in einem bestimmten Abstand gegen die Windrichtung hinter der Boje war. Mit dem Tipp klappte es auch bei denjenigen, die das vorher nicht hingekriegt hatten.

Zum Glück waren sowohl Wasser als auch Luft, obwohl es merklich abgekühlt war, so warm, dass man auch nach dem Schwimmen und auch im Zelt nicht fror. Die Jungs waren auf der Straße unterwegs und kamen gerade wieder. Als die ihr Erfrischungsbad genommen hatten, wurde der Grill aufgestellt. Sogar der Chef von unserer Sportabteilung, seine Freundin und noch eine Freundin kamen vorbei, brachten Fleisch und Würstchen und Getränke mit. Wir setzten uns auf einige Wolldecken auf den Rasen. Es war total nett.

Da es lange hell war, konnten wir auch noch einige Spiele spielen. Am besten war „Privacy“, darauf fuhr Lisa besonders ab. Der Reihe nach liest einer eine Aussage von einer Karte vor. Beispielsweise: „Ich habe schon einmal Geld gestohlen.“ Dann stellt jeder Spieler auf einem Rädchen ein, was er glaubt, wieviele Leute aus dieser Runde schon einmal Geld gestohlen haben. Anschließend geht ein Beutel rum, in den jeder Spieler verdeckt ein Steinchen wirft. Einen schwarzen Stein, wenn er der Aussage zustimmt, einen roten, wenn nicht. So weiß man hinterher anonym, wieviele Leute schon einmal Geld gestohlen haben. Oder eben nicht anonym, wenn „keiner“ oder „alle“ rauskommt.

Ich gebe zu, das Spiel hat mich interessiert. Obwohl es eher Teeny-Niveau hat. Fasziniert hat es hingegen Lisa. Und mich wiederum hat Lisas Faszination an diesem Spiel fasziniert. Mit den richtigen Leuten wird es super lustig. Viele Fragen gehen selbstverständlich unter die Gürtellinie. Erschreckt hat mich, dass etwa die Hälfte schonmal ernsthaft über Suizid nachgedacht hat. Dass alle zugeben, sie sagen manchmal die Unwahrheit, weil es bequemer ist, ist einerseits zwar ehrenwert, lässt andererseits aber hoffen, dass diejenigen wenigstens in diesem Spiel anonym die Wahrheit in den Beutel werfen. Und wer hätte gedacht, dass jeder schonmal ein heftiges Gerücht in die Welt gesetzt hat und alle sich zumindest hin und wieder selbst befriedigen?

Viele erstaunte Fragen hat sich Lisa vermutlich mit ihrem Alter selbst beantwortet, aber bei der Frage nach dem Sex auf dem Küchentisch konnte sie nicht mehr an sich halten: „Warum geht man dafür dann nicht ins Bett? Das ist doch viel zu unbequem!“


Nach einem wunderschönen Sonnenuntergang wie aus dem Bilderbuch kam die erste Nacht mit zwanzig Leuten in einem großen Zelt. Es war recht lustig. Während die Jungs nicht genug Platz um sich herum bekommen konnten, steckten Simone und Cathleen ihre Schlafsäcke am Reißverschluss zusammen und wärmten sich gegenseitig. Ich hatte irgendwann einen Arm von Merle auf dem Bauch – zum Glück hat keiner geschnarcht. Der Trainer von den Jungs weckte uns morgens um 7.30 Uhr am Samstag mit einer Druckgas-Hupe, also so etwas, was man auch ins Stadion mitnimmt. Er meinte, er fährt jetzt Brötchen holen und wenn er wiederkommt, möchte er alle Leute frisch gebadet und mit geputzten Zähnen auf dem Rasen sitzen sehen. Auf dem Programm stehe Straßentraining auf dem Deich, bei den Mädels im Rennrollstuhl, bei den Jungs mit dem Handbike.

Da es an dem See nur in einem Bootshaus ein nicht gerade rollstuhlgerechtes WC in einem viereckigen Raum gab, ohne Waschbecken und ohne Licht (ein bißchen Licht kam durch die Lüftungsschlitze in der Wand, aber wer mehr Licht brauchte, musste entweder eine Taschenlampe mitnehmen oder die Tür offen lassen und eine zweite Person als Wache mitnehmen), gab es eine gemeinsame (und das wird die Fetischisten hier mal wieder freuen) morgendliche Gruppenpinkeleinheit. Die Kathetermäuse hatten allesamt Katheter mit Beutel dabei, so dass sie auf den Isomatten sitzend / liegend kathetern konnten, diejenigen, die „normal“ oder durch Beklopfen der Blase etc. pinkeln konnten, verbanden ihr vom Trainer auferlegtes Vollbad im See gleich mit dem Toilettengang. Während ich mich sonst immer bemüht habe, das möglichst so zu machen, dass das keiner mitbekommt, lief es diesmal im wahrsten Sinne des Wortes anders.

Wir krabbelten nicht über den Steg, sondern über den Strand ins Wasser, setzten uns im Kreis in das flache Wasser, fassten uns an den Händen und hatten jede Menge Spaß. Wir waren so albern und ausgelassen, dass einige Frühschwimmer-Omas, die sich dort parallel trafen, nur die Köpfe schüttelten. Natürlich wussten sie nicht, was wir da machten, sonst hätten sie vermutlich noch ihren morgendlichen Schwimmtermin kurzfristig gecancelt. Ich bin sonst morgens selten gut gelaunt (sondern eher neutral bis muffelig), aber die Aktion war ein guter Start in den Tag. Die Kathetermäuse kamen inzwischen hinterher gekrabbelt und setzten sich zu uns in die Runde, und als wir dann noch mit fast 20 Leuten gemeinsam im Wasser sitzend Zähne putzten (selbstverständlich mit biologisch abbaubarer Öko-Bio-Algen-Zahncreme, die wie schonmal ausgekotzt schmeckte), war die Stimmung perfekt.

Nach dem gemeinsamen Frühstück folgte unsere Trainingsroute über die Deiche, die zwar nur etwa 20 km lang war, wir sollten allerdings ständig wieder anhalten und bestimmte Dinge üben. Wie zum Beispiel zügiges und effektives Anfahren. Ich bekam auch noch einen guten Tipp, nämlich mitunter sogar in den ersten paar (halben) Zügen am Greifreifen wechselseitig einzusetzen und den Geradeauslauf des Rennrollstuhls auszunutzen und damit mehr Ruhe und damit mehr Effektivität in das Anfahren zu bekommen. Einige Strecken waren sehr kurvenreich, das war auch eine sehr gute Übung, denn die Rennrollstühle sind ja eher für Geradeausfahrt gebaut. Man kann eine Kurvenvorgabe einstellen, wenn man auf einer 400-Meter-Bahn unterwegs ist, und braucht dann im richtigen Moment nur einen Hebel umlegen, aber ansonsten darf man sich eben nicht verschätzen. Lisa war mehrmals kurz davor, nach einer Kurve seitwärts den Deich hochzufahren. Verbunden damit, dass es Leute gibt, die eine achter Rollstuhl-Gruppe, die vorher mit rund 30 bis 40 km/h vor einem hergefahren ist und die nach hinten extra mit einem Begleitfahrzeug abgesichert wird, in einer langgezogenen Rechtskurve überholen müssen, war es schon gut, dass Tatjana „angeordnet“ hatte, dass Nadine immer links neben Lisa fährt, also praktisch auf der Auto-Seite.


Nach dem Mittagessen mussten wir trainieren, wie man nach dem Schwimmen möglichst günstig in den Rollstuhl umsteigt. Es gibt beim Rollstuhl-Triathlon eine Besonderheit: Während beim Fußgänger-Triathlon festgelegt ist, dass nach dem Schwimmen zwingend das Radfahren kommt und dann das Laufen, darf sich der Rollstuhlfahrer aussuchen, ober er nach dem Schwimmen erst die Handbike-Strecke (=Radfahren) oder erst die Rennrolli-Strecke (=Laufen) fährt. Das kann, besonders dann, wenn eine Strecke mehrmals durchfahren wird, Vorteile haben, weil man als Handbiker zwar auch auf bis zu 50, bergab sogar bis zu 70 km/h kommen kann, jedoch die Grundgeschwindigkeit langsamer ist als mit dem Rennrad; mit dem Rennrolli ist man aber deutlich schneller als die Läufer. Damit man sich nicht ständig in die Quere kommt, muss man sich vorher taktisch gut überlegen, was man will.

Wir mussten nun den Wechsel vom Wasser zum Rennrolli und vom Rennrolli zum Handbike üben. Und zwar bis zur Verzweiflung. Da am See-Ufer nicht Dutzende oder gar Hunderte Rollstühle greifbar abgestellt werden können, dürfen sich die Rollifahrer zum Transfer einer Hilfsperson bedienen, die einen entweder tragen darf oder mit einem extra dafür abgestellten Rollstuhl aus dem Wasser zieht. Das ist also nicht die Schwierigkeit. Die Schwierigkeit ist vielmehr, den Neoprenanzug möglichst schnell auf dem Boden liegend auszuziehen, ohne dass man Kontrolle über seine Beine und seinen Unterleib hat. Wir hatten ausrangierte Schrott-Neos, mit denen wir üben durften. Bei mir klappte das recht gut, außer dass ich hinterher aussah wie ein paniertes Schnitzel, durch das Wälzen im Sand. Und es war unheimlich heiß, normalerweise würde man bei diesen Temperaturen niemals im Neo starten.

Eine Schar von Leuten beobachtete unser Treiben und es gab doch immer wieder Leute, die helfen wollten, gafften, im Weg standen, die unsere Trainer anmachten, warum sie uns denn nicht helfen würden oder die plötzlich auf einen zugestürmt kamen und Hand ungefragt anlegten. Und teilweise musste man diese Hilfe sogar noch energisch ablehnen, was diejenigen dann gar nicht verstehen konnten und richtig sauer machte. Zusammengefasst: Man konnte uns nicht einfach mal in Ruhe lassen.

Am Abend waren die Jungs mit Schwimmen dran, während wir mit den Handbikes auf dem Deich unterwegs waren. Da es am nächsten Morgen kräftig schüttete, bekamen wir in unserem Zelt die Theorie-Einheit verpasst. Wie man seine Kräfte einteilt, wie man den Windschatten findet und worauf man achten muss, wenn man in diesem fahren will, woran man erkennt, dass man unterzuckert, dehydriert, was man bei Seitenstichen oder bei zu vielen Spasmen tut – und so weiter, und so fort. Es war sehr spannend.

Und mittags, als krönenden Abschluss sozusagen, war, wie könnte es anders sein, ein kompletter Triathlon auf dem Trainingsprogramm. „Komplett“ im Sinne von „alle 3 Disziplinen mit Transfer und Zeitnahme“ und nicht im Sinne von „die volle Strecke“ – das wäre nach einem Trainingswochenende wohl nicht besonders sinnvoll. Es gab kein Begleitfahrzeug, dafür aber eine offizielle Beschilderung auf der Deichstraße, die den Autofahrern Tempo 30 und erhöhte Achtsamkeit wegen einer „Sportveranstaltung“ aufdrückte. Die Genehmigung sei kostenlos gewesen, aber alleine das Auf- und Abbauen der Schilder durch eine Fachfirma (alleine darf man das nicht) habe rund 500 Euro gekostet. Von Vorteil war, dass auch ein anderer Triathlon-Verein mit Fußgängern das mitnutzte und sich an den Kosten beteiligte (und quasi mit uns an den Start ging), von Nachteil war eindeutig, dass Autofahrer, die einen (Renn-) Rollifahrer auf der Straße sehen, völlig überfordert sind.

Es ist nicht anders, als wenn sie ein Fahrrad überholen, aber teilweise überholen sie, scheren vor einem ein und bremsen abrupt, um zu fragen, ob man Hilfe bräuchte oder sich verirrt hätte. Oder sie drehen im Vorbeifahren die Scheibe runter und wollen mit einem ins Gespräch kommen. Oder sie rufen gleich die Polizei. Kein Scherz! Tatsächlich kam zwischendurch die „Deichpolizei“, wie unser Trainer sie nannte, ein dickbäuchiger älterer Herr, der alleine mit einem E-Klasse-Kombi mit zwei blauen Lampen auf dem Dach vorbeigeeiert kam und sich von unserem Trainer erstmal erklären ließ, was so ein Sportrollstuhl kostet. Er meinte, es hätten sich einige Autofahrer gemeldet, die meinten, da seien Behinderte auf der Straße unterwegs und das sei ja gefährlich. Aber der Typ wollte nicht mal die Ausnahmegenehmigung sehen, sondern sagte gleich, er habe uns schon unterwegs gesehen und es sei ja alles super und er wünsche uns viel Spaß und gutes Gelingen und er wollte nur mal „Guten Tag“ sagen und würde jetzt seine Tochter vom Reiten abholen. Na dann…

Aber das alles bekam ich hinterher nur erzählt. Ich selbst wollte zwar zweitranging eine gute Zeit erreichen, aber in erster Linie überhaupt einmal so ein komplettes Ding durchlaufen. Ich hielt mich an Cathleen, Simone schloss sich auch an. Die beiden haben schon an Wettkämpfen teilgenommen. So waren wir quasi in einem Dreierteam unterwegs. Lisa bekam exklusive Begleitung von Tatjana auf dem Fahrrad.

Die Strecke durch den See war heftig, auch ohne Neo. Wir sind knapp 18 Minuten geschwommen, mussten bei Gegenwind fast einmal quer durch den ganzen See. Da wir alle drei sehr leicht sind, schmiss uns der Trainer am Ende über seine Schulter und trug uns aus dem Wasser in den Rennrolli. Das waren einige Meter Fußweg, da wir nicht auf der Wiese oder im Sand starten konnten, sondern erst auf der befestigten Straße. Dutzende Schaulustige standen um die Stühle herum und hinderten uns daran, loszufahren. „Darf ich da mal durch? Könnten Sie bitte mal Platz machen?“ Ätzend!

Dann kam uns noch ein Auto auf der schmalen Zufahrt zum See entgegen. Wir können mit den Rollstühlen nicht über das Gras fahren. Die Gefahr, umzukippen oder stecken zu bleiben, ist zu groß. Der Typ schaffte es nicht, die 10 Meter im Rückwärtsgang zur Hauptstraße zurück zu fahren. Stattdessen zuckte er mit den Schultern und erwartete von uns, dass wir die 500 Meter zum Startpunkt zurückfuhren. Der andere Trainer von den Jungs sah das aber und kam angelaufen, hob einen nach dem anderen vorne hoch und zog uns über den seitlich abschüssigen Rasen an dem Auto vorbei. Durch diesen Zirkus haben wir mindestens 3 Minuten Zeit verloren.

Die Fahrt verlief von den paar beknackten Autofahrern (siehe oben) mal abgesehen, sehr gut. Anfangs hätte ich noch wesentlich mehr Kraft gehabt, wollte aber mit Cathleen und Simone zusammen bleiben. Am Ende stellte sich raus, dass das sehr gut war, denn zum Ende hin kam ich an meine Grenzen. Allerdings darf man auch nicht vergessen, wie lange ich flach gelegen habe zwischendurch.

Als wir auf die Zufahrtsstraße einbogen, stellten die Trainer gerade unsere Handbikes bereit. Einer nach dem anderen wurde geschnappt und umgesetzt. Man kann das natürlich auch selbst machen, nur dauert das dann fünf Minuten länger. Dann heizten wir los. Mit den Handbikes ist man natürlich erheblich wendiger und schneller und es ist insgesamt weniger anstrengend.

Am Ende durften wir zur Abkühlung als Ersatz für die Dusche danach noch eine Runde im See baden. Dann wurde nochmal alles besprochen, Zelte abgebaut, alles verladen und dann: Ab nach Hause. Ich freute mich auf die saubere Dusche zu Hause, denn ich kam mir vor, als wenn ich inzwischen nur noch nach Algenwasser roch. Ich bin schön braun geworden am Wochenende, hatte jede Menge Spaß mit meinen Leuten und – wann ist das nächste Trainings-Camp?

Nachtrag

Nur, um die Unterschiede zwischen einem Handbike (Speedbike) und einem Rennrolli rauszustellen, erkläre ich das nochmal anhand zweier Fotos. Das Handbike ist die Antwort auf das Fahrrad, das ganze Ding wird über eine Kurbel und eine Kette angetrieben, wie beim Fahrrad, nur dass die Kurbel nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen bedient wird und der Fahrer liegt statt auf einem Sattel zu sitzen. Es gibt auch noch eine Version, bei der man sitzt oder kniet, die meisten Profis liegen aber, alleine schon wegen des Luftwiderstandes.


Der Rennrolli ist ein Rollstuhl, mit dem man schnell fahren kann. Er wird, wie ein herkömmlicher Alltagsrollstuhl, über Greifreifen angetrieben, hat jedoch nur drei Räder (dafür ein großes vorne) und man kniet nicht, sondern man sitzt in einem Gurt und winkelt anschließend die Beine so an, dass die Füße unter dem Sitz sind. Sonst könnte man darin wohl keine drei Minuten sitzen.

Peinlichkeiten – Heimlichkeiten

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Nun ist sie wieder weg. Es war ein aufregendes Osterwochenende. Und der Höhepunkt war unser Straßentraining in der Nacht auf Ostermontag. Wir alle hatten eine viel zu lange Winterpause, aber für Lisa war es das allererste Mal. Bisher hatte sie nur auf dem Sportplatz, in der Sport- und in der Schwimmhalle trainiert. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein erstes Straßentraining, an dem ich teilgenommen habe, bevor ich mir so recht überlegen konnte, ob ich das überhaupt wollte.

Dass das nachts stattfindet, hat lediglich den Grund, dass nachts kaum Verkehr auf den Straßen ist. Auch wenn man mit Rennrollstühlen locker 30, teilweise sogar 50 km/h erreichen kann, die Beschleunigung und die Verzögerung entsprechen nicht dem eines normalen Autos, daher wäre unser Training im normalen Straßenverkehr ein absolutes Verkehrshindernis. Wir wurden von Tatjana ausdrücklich schon per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass durch den Winter viele Straßen kaputt sind und wir jederzeit mit tiefen Schlaglöchern rechnen müssten. Sie ist die Strecke vorher mit dem Auto abgefahren und es gibt derzeit noch zwei ganz heftige: Eins an der Buskehre Övelgönne und eins in der Ebertallee, kurz vor dem Osdorfer Weg. Aber auch weniger heftige, die für Autofahrer kaum merkbar sind, können für Rennräder oder Rennrollstühle schon gefährlich werden.

Die Strecke war 26 Kilometer lang, in erster Linie verlief sie über die Elbchaussee stadteinwärts, dann durch den Halbmondsweg in Richtung Luruper Hauptstraße und von dort noch ein einer Schleife über die Elbgaustraße zu einer Sporthalle, in der wir nachts noch duschen und die Rennrollstühle unterstellen und am nächsten Tag reinigen können (sofern sich nicht sowieso schon der Hausmeister die Stühle mit einem Hochdruckreiniger vornimmt, was er immer sehr gerne macht). Einige, wie zum Beispiel Simone oder Yvonne nehmen ihre Stühle auch immer selbst wieder im Auto mit.

Da es sich nicht um einen Marathonwettkampf handelt und gerade, wenn wir lange nicht trainiert haben und neue Leute, wie Lisa, dabei sind, fahren wir ja nicht die ganze Zeit Höchstgeschwindigkeit, so dass man für die Strecke mindestens zwei, eher drei Stunden einplanen muss. Drei Stunden ist gerade für Neulinge eine enorme Herausforderung. Die Körperhaltung mit stark angewinkelten Beinen ist anstrengend, ebenso die Belastung der Hände, der Arme und der Schultern. Muskelkater ist vorprogrammiert. Besonders wichtig ist bei diesen Nachttemperaturen auch, dass es nicht regnet. Was im Sommer durchaus angenehm sein kann, ist zu dieser Jahreszeit ein ernsthaftes Problem, man würde wirklich zu schnell auskühlen. Zumal man keine Regenkleidung tragen kann und auch keine Kleidungsstücke tragen sollte, die sich im Rad verfangen könnten.

Pflicht ist auf jeden Fall ein Fahrradhelm, dazu gibt es eine Empfangseinheit mit Knopf im Ohr, damit man hört, was die Trainerin im Begleitfahrzeug sagt. Wenn man etwas langärmliges trägt, müssen die Ärmel auf jeden Fall ganz eng anliegen, empfehlenswert sind Armwärmer aus dem Rennradsport. Ansonsten kann man ein oder mehrere T-Shirts tragen, eventuell auch über einem Einteiler, der aus Oberteil und Hose besteht. Bei der Hose ist es besonders wichtig, dass sie keine Falten hat, da man sich sonst sofort Druck- und Scheuerstellen holt, was bei Leuten, die ihre Beine nicht spüren, in doppeltem Maße schlimm ist: Sie merken es nicht und wegen schlechter Durchblutung der Beine heilen Verletzungen auch kaum ab. Mit einem aufgeschlagenen Knie kann man locker schonmal ein Jahr zu tun haben. Schuhe gibt es keine. Wenn man, so wie Yvonne, regelmäßig seine Socken verliert, sollte man versuchen, eine Hose oder einen Einteiler mit Füßen zu finden. Die Füße hängen in der Luft, über der Straße, unter dem Gesäß.


Auf dem Foto kann man eine Sache sehr genau erkennen: Während man auf dem Sportplatz höchstens mal mit etwas Sand und Staub zu kämpfen hat, darf man bei einem Straßentraining oder sogar Straßenrennen nicht zimperlich sein. Rennrollstühle sind zum Geradeausfahren gebaut, da kann man nicht jeder Pfütze ausweichen. Auch die Autos, die einen überholen, tun das meistens nicht. Gerade auf nassen Straßen sieht man hinterher aus wie eine Drecksau: Der ganze Schmutz spritzt hinter dem Vorderrad hoch und je nach Geschwindigkeit auch gerne mal bis zu den Füßen oder Knien. Und alles, was die Hinterräder aufwirbeln, bekommt man gegen Rücken, Schultern und Ellenbogen.

Gerade bei Intervalltraining oder so genannten Pyramiden, wo Leistung entweder ein paar Mal hintereinander in einem festen Zeitrahmen abgerufen wird oder wo in vorher festgelegten Intervallen Höchstleistungen für eine zu- und später wieder abnehmende Zahl von Minuten abgefordert wird, hat man keine Chance, sich um rinnende Schweißströme, die einem über das Gesicht laufen und unter dem Helm zu jucken anfangen, zu kümmern. Genauso wenig um laufende Nasen oder eine verschleimte Kehle. Wie man so genannte Rotzraketen so abfeuert, dass man sich nicht selbst damit im Fahrtwind beschießt oder sich komplett die Schultern oder Knie vollschnoddert, hat man irgendwann mehr oder weniger drauf.

Und auch das leidige Thema, dass man in den zwei bis drei Stunden, gerade wenn man viel trinkt, um nicht zu dehydrieren und keine Bauchkrämpfe zu bekommen, ständig pinkeln muss, ist jedes Mal wieder aufs Neue aktuell. Gerade bei Menschen, die eine Rückenmarkverletzung oder -erkrankung haben, ist die Blasenkontrolle ja häufig unterbrochen. Einige lassen sich den Blasenmuskel durch Medikamente (wie Oxybutynin oder hochdosiertes Tolterodin) lähmen, so dass sich die Blase niemals von alleine entleert (sondern sich das eher in die Nieren hochstaut, wenn man nicht rechtzeitig mit einem Einmalkatheter durch die Harnröhre die Blase entleert), andere tragen Pampers, die das, was unkontrolliert rausläuft, aufsaugen. Beides ist mit stundenlangem Training oder bei Wettkämpfen nicht besonders kompatibel, denn zwischendurch unter möglichst sterilen Bedinungen am Straßenrand zu kathetern, gestaltet sich sehr schwierig und zeitaufwändig, und im Rennrollstuhl Pampers zu tragen bedeutet vorprogrammierte Druck- und Scheuerstellen. Irgendwie haben wir aber bislang immer eine Lösung gefunden: Sobald das Training über 2 Stunden geht, werden 10 bis 15 Minuten Pause für die Kathetermäuse eingelegt. In Wettkämpfen, die länger als 90-120 Minuten dauern, muss vorher mit dem Arzt die Medikamentendosis einmalig so angepasst werden, dass sich das nicht in die Nieren hochstauen kann (also von alleine rausläuft – das, was man sonst mit den Medikamenten gerade verhindern will). Die kurze Halbwertszeit dieser Medikamente ist hier eindeutig von Vorteil. In jedem Fall ist dieser Sport, wenn man ihn professionell betreibt, bei Menschen mit Rückenmarksverletzung in dieser Beziehung immer eine ziemliche Sauerei. Man kann sich darüber aufregen, sich davor ekeln oder es einfach als gegeben hinnehmen, hinterher gründlich duschen, die Klamotten waschen und den Rollstuhl reinigen.

Anders ist es allerdings bei Spastikern, die meistens volle oder nur leicht eingeschränkte Kontrolle über ihre Blase haben. Da ist ja kein Nervenkanal unterbrochen, lediglich eine Schädigung im Gehirn führt zu Bewegungslähmungen oder unkontrollierten Muskelspannungen. Die können im Alltag meistens auch ganz normal auf Toilette gehen, manche haben lediglich kein gut ausgebildetes Gefühl dafür, wann es mal wieder sein muss. Lisa, die durch ihren frühkindlichen Hirnschaden eine spastische Lähmung hat, gehört zu jener Gruppe rollender Behindis, die ganz normal auf die Toilette gehen kann. Womit wir endlich wieder beim Thema „Lisa“ wären, die zu diesem berühmt-berüchtigten Thema einen großen Beitrag geleistet hat, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte.

Lisa war bereits den ganzen Ostersonntag Feuer und Flamme und der Tag konnte nicht schnell genug vorbei gehen. Sie fragte sowohl Cathleen als auch Simone, die bei Cathleen zu Besuch war, als auch mir permanent irgendwelche Löcher in den Bauch. Ob schonmal jemand eingeschlafen ist mitten in der Nacht, ob wir schonmal von der Polizei angehalten oder von einer Radarfalle geblitzt wurden, ob sich schonmal jemand verletzt hat, wie cool es wohl wäre, mit der ganzen Horde mal bei Mc Donald’s durch die Drive-In-Spur zu fahren … bis dann irgendwann die Frage kam, ob unterwegs irgendwo ein Klo ist. Cathleen verneinte das mit den Worten: „Nach zwei Stunden gibt es eine Pause, wo nachts keiner ist, so lange musst du entweder aushalten oder vorher in die Hosen machen.“ – Lisa wären fast die Augen rausgefallen. Sie guckte von einem zum anderen. Simone bestätigte: „Ja, ist so. Wir machen da ernsthaft Sport und keinen Eiertanz. Du bist da auch nicht auf einer Beautyfarm. Glaubst du, bei einem Marathon oder Triathlon halten die Sportler unterwegs an und werfen irgendwo eine Münze ein für ein öffentliches Klo, während die Konkurrenz in aller Seelenruhe überholt?“

Die Unterhaltung hatte zur Folge, dass Lisa uns zu diesem Thema bis in alle Einzelheiten ausfragte. Sie kannte ja etliche Leute bereits vom Training auf dem Sportplatz. Sie wollte nun wirklich im Detail über jeden einzelnen Bescheid wissen („Und wie ist das bei der?“) – und ihre größte Sorge kam zum Schluss: „Nur mal angenommen, also wirklich nur mal angenommen, wenn mir das auch passieren sollte, erzählt ihr das dann meinen Eltern?“ – „Möchtest du das vor ihnen verheimlichen?“ – „Das ist doch richtig peinlich!“ Soso *lach*.

Am Ende hat sie sich in unser Team super eingefügt. Es war zwar kalt, aber nicht zu kalt, und trocken. Niemand ist über ein Schlagloch gestürzt, alle waren noch besser in Form als befürchtet und alle waren froh, als sie am Ende im Bett lagen. Lisa wäre fast schon beim Duschen eingeschlafen, so fertig war sie. Und sie hat 12 Stunden am Stück geschlafen, nicht einmal mitbekommen, dass ich, als ich ausgeschlafen hatte, aufgestanden bin. Ja, Erschöpfung nach Sport kann sehr angenehm sein.

Als am Abend die Eltern kamen und sie abholten, redete sie ohne Punkt und Komma. Von dem kleinen Mann im Ohr, von Fahren im Scheinwerferlicht, von verschiedenen Trainingsaufgaben und von den mindestens 10 Streifenwagen, die uns mit Blaulicht entgegen gekommen sind und vermutlich zu einer Massenschlägerei auf der Reeperbahn oder in der Schanze wollten. Die Eltern haben sich bei uns mindestens 20 Mal bedankt. Ich glaube, sie haben es nicht bereut, mal ein Wochenende ohne ihre Tochter wegzufahren und ich glaube, die Tochter hat es nicht bereut, mal ein Wochenende etwas getan zu haben, was ganz viel Spaß macht.

Ballamann, Dildos und DSDS

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Seit gestern abend ist Lisa bei uns. Wir haben uns getroffen, um mit ihr gemeinsam über das Volksfest zu gehen. Sofie, Frank, Lina und Liam, Jana und zwei Freunde von Lina waren auch noch dabei, also sechs Rollifahrer und drei Fußgänger insgesamt. Die Leute glotzten natürlich wieder, als wäre eine Gruppe Behindis spannender als die ganzen Fress- und Fahrgeschäfte, aber das ist ja nichts neues. „Drei Betreuer für sechs Behinderte? Die sparen aber auch wo sie können“, regte sich ein älterer Herr auf und seine Frau stimmte ihm zu. So kurios das auch klingt, es ist nicht erfunden.

Die Frage, ob wir nur am Wochenende rausdürfen oder heute einen Ausflug machen, haben wir mal nicht gehört, den Spruch mit der 30-Zone dafür aber umso öfter. Lisa wollte in jedes dritte Karussell rein und die Schausteller sind allesamt sehr behindertenfreundlich. Überall wurde uns geholfen, man hatte fast das Gefühl, die kräftigen Jungs, die sonst Karten abreißen oder schauen, ob die Bügel richtig geschlossen sind, waren froh, mal ein paar sexy Mädels auf den Arm nehmen zu dürfen. Man muss dann echt ein dickes Fell haben, denn die umstehenden Leute gaffen in solchen Momenten, teilweise sogar mit offenen Mündern. Aber die Hauptsache ist, wir haben unseren Spaß, und den hatten wir bestimmt.

Anschließend fragte ich Lisa: „Und nun? Noch ne Runde über den Kiez?“ – Grinsen und eifriges Nicken. Jede Wette, dass sie dort noch nie gewesen ist. Wir gingen in den Ballamann, das ist ein Indoor-Beach-Club gleich am Anfang der Reeperbahn, und bestellten uns einen Eimer Sangria. Und eine Fritz-Kola für unseren Nachwuchs… Sie wollte natürlich auch einen eigenen Strohhalm haben. „Ein winziger Schluck ist okay, hat mein Papa gesagt!“

Um kurz vor elf, als eigentlich noch gar nichts los war, zogen wir noch ein kleines Stück über die Reeperbahn. Lisa wollte unbedingt in einen der Sexshops. Ich habe mich ein bißchen dumm gestellt, mir das Schaufenster angesehen und dann gesagt: „Nö, da will ich nicht rein. Was haben die denn hier für komische Küchengeräte ausgestellt? Das ist ja öde.“ Lisa grinste: „Ich weiß, wofür die sind.“

„Nun sag bloß“, nahm Sofie sie auf den Arm. Sie merkte es nicht: „Na klar, ich bin nicht so naiv wie du denkst! Das sind Vibratoren. Eine Freundin von mir hat auch sowas. Aber die hat alles, das ist langweilig.“ – „Och du, so langweilig sind die nicht“, sagte ich. Sie guckte mich mit großen Augen an: „Hast du auch so einen?“ Ich grinste. Sie sagte: „Du verarschst mich. Sag mal wirklich: Hast du einen?“ Ich nickte.

„Jetzt kommt es raus“, sagte Frank. Lisa setzte noch einmal nach: „Nein, jetzt sag doch mal in echt. Hast du wirklich sowas?“ – „Ja! Wirklich.“ – „Schwörst du?“ – „Ich schwöre.“ – „Wahnsinn.“ – „Aber ohne Batterien.“ – „Das ist dann aber ein Dildo!“ Ich musste mich arg zusammenreißen. Sie war so süß. Und wollte natürlich alles andere als süß sein.

Als wir wieder zu Hause waren, stand zur Entscheidung, ob wir „früh“ ins Bett gehen oder noch die Aufzeichnung von DSDS schauen. Mich interessiert das nicht wirklich, aber Lisa war Feuer und Flamme. Also haben wir uns im Gruppenraum zu siebt auf das Sofa gepackt (ja, es ist groß genug), uns zugedeckt und uns angeschaut, wie sich Kim aus dem Viertelfinale gesungen hat. Es war noch nicht ganz vorbei, als zwischen uns jemand tief und fest schlief…