Lotte

6 Kommentare1.932 Aufrufe

Ich kannte Lotte vom Triathlon, hatte lange keinen Kontakt mehr, umso überraschter war ich, als ich heute eine Mail von Lottes Schwester bekommen habe. Am Vortag abends von Lottes Account abgesendet. Lotte habe den Mann ihrer Träume geheiratet, lässt sie mich wissen. Ich freute mich, überlegte, ob ich gerne eingeladen worden wäre, las weiter. Sie sei schon seit Jahren mit ihm befreundet gewesen und sei nun in kleinster Runde und aus einem eher ernsten Anlass den Bund der Ehe eingegangen. Aus demselben Anlass arbeite sie auch seit einiger Zeit nicht mehr.

Sie schreibt, dass Lotte inzwischen in einer Klinik liege, sich gerne an unser Treffen erinnere, sich in meinem Blog verewigt sehe und mich gerne noch einmal sehen, sich von mir verabschieden möchte. Wegen einer Krebserkrankung werde sie künstlich ernährt und beatmet. Sie bekomme starke Schmerzmittel, die das alles erträglich machten. Der letzte Dienstag sei ein guter Tag gewesen, an dem Lotte auch eine Zeitlang ohne Beatmung ausgekommen sei und geredet habe. Dabei habe sie geäußert, Jule noch einmal sehen zu wollen. Es habe einen Moment gedauert, bis sie recherchiert habe, wer diese Jule sei.

Tränen schossen mir in die Augen. Es fühlte sich an, als würde mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich habe sie eigentlich nur von Wettkämpfen und Trainingslagern gekannt. Und von eben diesem einen gemeinsamen Tag. Diese wunderbare Frau.

Sie könne gut verstehen, schreibt sie weiter, wenn ich die Kraft nicht hätte, die sich Lotte von mir wünschen würde. Wenn ich Lotte in der Erinnerung behalten möchte, in der ich sie hätte. Dann solle ich bitte auch nichts neues in meinem Blog über sie schreiben. Ansonsten möge ich sie besuchen, solange das noch ginge. Und vielleicht vorher mit der Station einen Termin machen. Es dauerte fast eine Stunde, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Ich rief die Nummer an, die in der Mail stand, und erfuhr, dass man täglich damit rechnet, dass sie erlöst wird.

Völlig verheult und mit zitternden Händen ging ich zu Marie in die Praxis. Ihre Mutter war unterwegs bei Hausbesuchen, Marie räumte noch auf. Ich gab ihr den ausgedruckten Brief und konnte zusehen, wie Marie die Farbe aus dem Gesicht wich. „Marie, ich möchte dorthin“, sagte ich zu ihr.

„Ja. Klar. Wann? Jetzt sofort? Ich rufe Mama an und dann fahre ich dich dorthin. So fährst du jedenfalls nicht Auto.“ – „Ich habe dort eben angerufen. Morgen ist es vielleicht zu spät.“ – „Ja, dann los. Worauf warten wir? Wie lange fahren wir? Zwei Stunden? Zweieinhalb?“ – „Zweieinhalb.“

Maries Mutter sagte am Telefon, dass sie nicht möchte, dass Marie fährt. Vor allem nicht zurück. Wir sollten warten, entweder fahre sie oder Maries Papa. Sie versucht ihn zu erreichen. Am Ende fuhren wir alle vier. Maries Papa saß am Steuer, donnerte über die Autobahn ins südliche Niedersachsen, niemand sagte ein Wort.

Als wir dort ankamen, wurden wir von einer Mitarbeiterin in einen Intensivbereich geschickt. „Bitte Schutzkleidung anziehen“, stand dort auf einem Schild. Kittel, Masken, Handschuhe, Schuhüberzieher lagen dort bereit. Maries Mutter schnappte sich Handschuhe. Während ich noch überlegte, wie wir das mit den Rollstühlen machen würden, kam eine andere Mitarbeiterin durch die andere Tür der Schleuse. „Kommen Sie durch, kommen Sie durch“, sagte sie. Maries Mutter zog im Gehen ihre Schuhe aus und schoss sie in eine Ecke. „Ich bleib draußen“, sagte Maries Vater.

Wir wurden zu einem Raum gebracht, der für einen sterilen Intensivraum sehr geschmackvoll eingerichtet war. In einem Intensivbett lag Lotte. An ihrem Bett saßen mehrere Leute. Ich glaubte, die Eltern zu erkennen. Lottes Gesicht war eingefallen und aufgedunsen zugleich. Sie schlief. Die Menschen, die an ihrem Bett saßen, standen auf, nickten uns ohne ein Wort zu, gingen raus. Ich war wie gelähmt. Der Anblick machte mich fassungslos. Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszuschluchzen.

Ich legte meine Hand auf ihren Arm. Der war eiskalt. Marie stand neben mir. Ich guckte Maries Mutter an. Tränen kullerten durch ihr Gesicht. Sie nickte in die Richtung eines Überwachungsmonitors. Blutdruck 60 zu 40, Puls 25. Sauerstoffsättigung (bei maschineller Beatmung) 52%. Alle Alarme aus. Ich guckte wieder in das Gesicht von Maries Mutter. Sie schüttelte den Kopf und schluckte einmal. „Wir verabschieden uns zügig von ihr und lassen die Eltern und den Ehemann wieder rein“, sagte sie.

Mehr als ein „Tschüss, machs gut, und danke, dass ich dich kennenlernen durfte“ war nicht drin. Ich rollte aus dem Zimmer. Draußen auf dem Flur wollte ich den Eltern noch was sagen, aber ich brachte kein Wort über die Lippen. Der Vater streichelte mir über die Schulter und ging wieder in den Raum. Eine Mitarbeiterin hielt uns die Tür zur Schleuse auf. Maries Vater guckte mich an und sagte nur: „Oh mein Gott, so schlimm?“ – Er nahm mich in den Arm. Als die Tür hinter uns zugefallen war, sagte Maries Mutter: „Vielleicht noch eine Stunde, vielleicht auch zwei. Vermutlich aber nur noch ein paar Minuten.“

Lotte ist die zweite innerhalb eines Jahres, die aus meinem Umfeld unerwartet und in so jungen Jahren verstirbt. Und obwohl ich sie nicht näher kannte, als eben vom Sport, tut es mir wahnsinnig weh. Ich habe mich später gefragt, warum ich mir das angetan habe. Und bin froh, dass ich sofort hingefahren bin. Bis ich die Bilder verarbeitet habe, werden wohl Tage, vielleicht auch Wochen vergehen. Aber ich konnte mich von ihr verabschieden. Und das ist mir wichtiger als alles andere.

Nur die Ohren

5 Kommentare1.739 Aufrufe

Da stehen eine 15jährige Freundin von mir und ich am Bahnhof und warten auf den Zug. Um nicht so auszukühlen, haben wir uns in einen beheizten Bereich gestellt, direkt neben einen Supermarkt. Die Freundin kenne ich vom Sport, sie wollte sich heute mit mir treffen und ich habe den Eltern versprochen, sie zur Bahn zu bringen. Wir unterhalten uns und albern herum, als plötzlich eine Frau direkt auf uns zugestiefelt kommt und fragt: „Na, sucht ihr eure Eltern?“

Bitte?! Sehe ich aus wie 12? Ich sagte: „Nein.“

Damit hatten wir den Anstoß für eine Unterhaltung gegeben. Es kam die nächste Frage: „Ganz schön kalt hier, oder?“ – „Geht so, wir haben uns extra hierhin gestellt, da ist es warm.“ – „Müsst ihr schon immer in dem Rollstuhl sitzen?“ – „Nein.“ – „Achso, hattet ihr einen Unfall?“ – „Ich hatte einen Unfall und sie kann laufen, aber nicht so lange.“ – „Achso. Und mit dem Sex klappt alles?“ – Meiner Freundin, sie möge mir entschuldigen, wenn ich sie als Landei bezeichne, fielen fast die Augen aus dem Kopf. Was sollte ich jetzt mit ihr diskutieren, ob ich darüber reden möchte, ich sagte einfach: „Alles in bester Ordnung.“

Sie sprach meine Freundin an: „Bei dir auch?“ – „Jaja. Alles gut.“ – „Och, das freut mich. Im Rollstuhl sitzen ist ja eine Sache, aber wenn man wenigstens nochmal richtig fi**en kann, das verschafft schon ein Stückchen Lebensqualität. Wobei Männer ja mehr leiden als Frauen, wenn sie nicht können. Aber…“

Ich fuhr ihr in die Parade: „Wir wollen das mal nicht weiter ausweiten, das Thema, ja?“ – „Ach, das muss dir nicht unangenehm sein, das macht doch jeder. Ist etwas ganz menschliches. Hast du einen Freund?“

Also doch diskutieren. Ich antwortete: „Geht Sie das was an?“ – „Also keinen. Und du? Hast du einen Freund? Oder vielleicht eine Freundin? Gibt es ja auch, eine Freundin von mir ist auch Lesbe. Das ist heute etwas ganz natürliches.“ – „Ist gut jetzt. Ich möchte mich mit Ihnen nicht mehr unterhalten. Lassen Sie mich bitte in Ruhe.“

Sie starrte mich 10 Sekunden lang mit einem Psychoblick an, dann ging sie weiter und nuschelte sich irgendwas in den nicht vorhandenen Bart. Als sie dreißig Meter weg war, guckte ich meine Freundin an. „Na du Lesbe?“, nahm ich sie hoch. Sie antwortete: „Hat die einen Schatten?“ – „Irgendwelche Pillen nicht genommen.“ – Meine Freundin lachte. Die Frau drehte sich um, musterte uns, kam zurück in unsere Richtung. Ich sagte zu meiner Freundin: „Komm, nichts wie weg.“

Wir suchten das Weite. Zum Glück tauchte die Frau nicht wieder auf. Ich setzte meine Freundin in den richtigen Zug (eigentlich hätte sie das auch alleine gekonnt, aber ich hatte es den Eltern ja versprochen) und fuhr wieder nach Hause. Während ich im Bus saß, musste ich an den Kinofilm von gestern denken, bei dem ein hoch gelähmter Mann als einzig erogene Zone seine Ohren hatte. So ein Halsquerschnitt ist schon Asche, vor allem, wenn der Betroffene auch noch Phantomschmerzen hat. Also Schmerzen spürt in Gliedmaßen oder Körperbereichen, die er eigentlich nicht spürt. So etwas habe ich zum Glück nicht.

Aber sich bei einem hoch gelähmten Körper nur auf die Ohren zu beschränken … ich weiß nicht. Genauso, wie man vom Ansehen eines Pornos heiß werden kann, kann man auch davon heiß werden, wenn man sich in einem Bereich streichelt, den man eigentlich gar nicht mehr merkt. Oder dort eben gestreichelt wird. Ich hatte kürzlich die Diskussion mit einer anderen querschnittgelähmten Sportlerin darüber, ob einem der Teil des Körpers „gehört“, den man nicht fühlt, den man nicht kontrollieren kann, der zum Teil ein Eigenleben führt (Muskelkontraktionen etc.) und ob es ein Missbrauch dieses Körperteils ist, wenn man sich selbst zum Beispiel mit Fingern oder gar einem Gegenstand streichelt oder sich gar penetriert, um auf indirektem Weg sexuelle Lust zu verspüren – statt es auf direktem Weg in einem Bereich zu machen, über den man noch Empfinden hat (Brüste etc. – oder eben die Ohren). Eine interessante Frage, wie ich finde.

Kaum war ich zu Hause, springt mir ein aktueller und recht guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung entgegen, über das Tabu „Sex“ bei Körperbehinderung. Da fällt mir ein, dass ich mich lange schon mit Lotte nicht mehr getroffen habe. Das gilt es, bald nachzuholen.

Flotter Dreier und schlechtes Benehmen

9 Kommentare2.654 Aufrufe

In der Schule steppt zur Zeit der Bär. Am letzten Freitag dieses Monats gibt es Halbjahreszeugnisse, wenige Tage davor sind Zeugniskonferenzen, die letzte reguläre Klausur ist gerade geschrieben, nun müssen noch etliche Nachschreibetermine koordiniert werden. Mein Glück: Ich muss nicht eine einzige Klausur nachschreiben, da ich die Mindestzahl von „einzubringenden Ergebnissen“ erreicht habe. Insofern habe ich nach zwei anstrengenden Wochen erstmal Zeit zum Durchatmen. Aber nur einmal kurz: Im kommenden Halbjahr geht es wegen Studienprojekt, Studienfahrt und einem Praktikum nochmal richtig rund – neben der üblichen Anzahl Klausuren wohlgemerkt.

Das Wochenende war aber erstmal vollkommen gelungen. Wir waren mal wieder im Trainingslager, wieder in Niedersachsen, aber dieses Mal nicht in Hannover. Dafür aber wieder mit den Athleten aus Niedersachsen zusammen, was ich sehr gut fand. Ich musste mich am Freitag ausnahmsweise mal um nichts kümmern, alle anderen Teilnehmer hatten ihre eigenen Fahrmöglichkeiten gefunden, so konnte ich völlig entspannt direkt von der Schule auf die Autobahn und war trotz kurzem Stau bereits um kurz nach drei Uhr da. So gerne ich auch mit anderen Leuten zusammen fahre oder sie mitnehme, so nett kann es auch mal sein, wenn das Auto nicht bis unter das Dach vollgeladen ist und man alles vorher genau organisieren muss!

Das Sportzentrum lag in einem kleinen Kaff, ein paar Kilometer von der Autobahn entfernt, wurde Mitte der Achtziger erbaut und vor einigen Jahren umfangreich saniert. Alle Zimmer rollstuhlgerecht – sowas hab ich noch nicht gesehen. Nicht nach DIN-Norm, aber so, dass Sportler im Rollstuhl sich absolut frei bewegen können und keinerlei Hilfe brauchen. Ich war richtig begeistert! Es war nicht besonders luxuriös, eher sehr einfach, aber dennoch sehr gepflegt und vor allem sehr sauber. Das Essen wurde direkt vor Ort zubereitet und war absolut lecker, großes Buffet, einfach, aber sehr gut.

Kleine Anekdote am Rande: Eine Teilnehmerin aus Niedersachsen kam sehr spät, weil sie eine Autopanne hatten, die Küche hatte schon lange zu, sie fragte beim Einchecken, ob sie vielleicht noch einen Apfel oder eine Banane bekommen könnte, weil sie so großen Hunger habe und auch direkt aus der Ganztagsschule hierher gefahren war. Ich hatte erwartet: „Da hinten ist ein Automat, da gibt es Kekse, Schokolade etc.“ – Stattdessen kam: „Ich mache Ihnen noch schnell ein kleines Tellerchen fertig.“ Und dann hat die Frau (ein Ehepaar leitet die Einrichtung) ihr noch mehrere belegte Brote gemacht, frische Gurkenscheiben, eine Tomate, zwei Äpfel … die meinte es eben gut. War so eine eher rundliche Frau Anfang 60, die sonst immer mit Schürze in der Küche stand und kochte.

Auch beim Essen selbst: Können wir noch Milch bekommen? – Zack, stand die Milch da. Hinterher: Können wir eine Kiste Wasser für das Training bekommen? – Paar Minuten später brachte der Chef fünf Kisten Mineralwasser auf einer Sackkarre in die Sporthalle. „Bitte am Sonntag das Leergut vor den Schuppen stellen.“ – Wir sind da echt verwöhnt worden.

Lisa war auch dabei. Sie kam kurz nach mir. Beziehungsweise: Die Mutter brachte sie. Die Mutter fuhr aber nicht selbst, sondern das machte die Chauffeurin. Ja, richtig gelesen. Eine S-Klasse-Limousine mit Fahrerin. Wenigstens nicht noch in Uniform mit Mütze… Und ihre Sportgeräte? Kamen in einem VW-Bus hinterher, ebenfalls von einem Angestellten gefahren. Ich lernte endlich auch mal die Mutter von Lisa einen Moment länger kennen. Den Vater, er war dieses Mal nicht dabei, hatte ich schon ein paar Mal gesehen und gesprochen. Ich fand beide Elternteile sehr nett.

Die Mutter interessierte sich natürlich, wo ihre Tochter am Wochenende untergebracht war und mit wem sie in einem Zimmer schlafen würde. Viele andere Eltern brachten ihre Kinder auch selbst vorbei und schauten sich das an. Lediglich die älteren Sportler kamen alleine oder mit anderen, älteren Teilnehmern zusammen. Dieses Mal waren auch die „Senioren“ mit bei uns untergebracht. Insgesamt waren wir fast 50 Leute.

Es gab Viererzimmer, die aber nur zu zweit belegt werden mussten. Wir entschieden uns trotzdem, zu dritt ein Zimmer zu nehmen: Cathleen, Simone und ich. Beziehungsweise: In der zweiten Nacht waren wir zu viert. Brauchten allerdings doch nur drei Betten. Cathleen war sich mit einem Typen aus Niedersachsen einig geworden, dass sie kuscheln möchten… Kein Küssen, keine Liebe, kein Sex … aber kuscheln. Und fummeln. Schätze ich. Man bekam davon aber nichts mit. Beide hatten was an, es war dunkel, man hörte nichts, beide waren zugedeckt – allerdings störte sich eine Trainerin aus Niedersachsen daran und machte eine große Szene. Sie hat wohl durch Zufall mitgekriegt, dass die beiden im selben Bett geschlafen haben.

Sie mache sich strafbar wegen Förderung von sexuellen Handlungen Minderjähriger. Meine Güte! Ich bin vielleicht nicht die geborene Jugendleiterin, aber solange sie nicht ungeschützt poppen, sondern nur kuscheln und ein bißchen unter der Decke angezogen fummeln und das noch so diskret, dass es eigentlich keiner mitkriegt … könnte es auch sein, dass sie sich nur gewärmt haben, denn es war nachts eher kühl in den Räumen.

Aber die Trainerin machte sowieso aus allem ein Drama. Fand ich persönlich. Ihr Trainerkollege hat mit seiner Freundin zusammen ein Zimmer gehabt und dort auch eine dritte Person drin gehabt, die wiederum mit der Freundin eng befreundet war. Ob die dadrin einen flotten Dreier gemacht haben oder sich einfach nur gut verstanden haben, ist mir völlig banane. Sollen sie doch. Vielleicht bin ich dafür zu jung, um daran etwas schlimmes zu sehen. Trainer und Freundin waren Mitte 30, die Dritte war 27. Er müsse mit gutem Beispiel voran gehen, forderte die Trainerin aus Niedersachsen. Er hätte ein Einzelzimmer nehmen müssen. Das „Problem“ war nur, dass sich, bis auf diese Trainerin, absolut niemand daran gestört hat.

Absolut knuffig war aber wieder Lisa. Am Freitag hatten wir abends noch Training in der Halle (auf der Rolle), das Draußen-Training musste wegen Regen ausfallen. Es ist noch nicht warm genug, um bei Regen draußen fahren zu können. Sobald es aber an den nächsten Tagen trocken sein würde, würden wir auch draußen trainieren. Lisa fragte mich nun, als sie neben mir auf der Rolle stand: „Sag mal, gilt das eigentlich immernoch, dass man sich beim Training benehmen darf, wie man will?“

Ich wusste nicht so ganz, was sie mit der Frage erreichen wollte. „Wie meinst du das?“ – „Na, ihr habt mir mal was von ‚Rotzraketen‘ erzählt. Also dass man in die Gegend rotzen darf, wenn man beim Training kein Taschentuch hat.“ – Ich guckte entsetzt. „Aber nicht in der Halle, das ist eklig! Da fragst du jemanden von den Fußgängern, ob er dir ein Taschentuch an deinen Trainingsplatz bringt und dann putzt du deine Nase im Rollen und legst dir das Paket Taschentücher gleich auf den Schoß. Das fällt weder runter noch fliegt es weg, du stehst ja auf der Stelle.“

„Das meinte ich gar nicht“, sagte Lisa. „Ich meinte draußen. Morgen oder so, wenn es aufgehört hat zu regnen, und wir draußen auf der Straße trainieren. Da darf man sich dann doch so benehmen wie man will, oder?“ – „Da darfst du dann Rotzraketen abschießen.“ – „Und darf man zum Beispiel auch laut rülpsen? Also ganz laut?“ – Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Sie lachte verlegen mit. „Ich meine ja nur so ganz theoretisch.“

„Naja, man kann das auch leise machen, wenn das sein muss. Aber wenn du das unbedingt willst, machst du das halt laut. Willst du das denn?“ Ich bekam den Eindruck, als wenn Lisa eine Möglichkeit suchte, dem geforderten immer-guten Benehmen von Zuhause zumindest zeitweilig zu entfliehen. Was sie zwei Minuten später auch durchblicken ließ. „Immer, wenn ich aus Versehen mal einen kleinen Pups mache, sagen meine Eltern, dass es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und dass ich mich entschuldigen soll.“

„Im Grunde ist es ja so: Man macht das eigentlich nicht so, dass andere das mitkriegen. Hier ist das ein bißchen anders, weil gerade die Querschnitte das nicht unter Kontrolle haben. Aber gerade wenn denen das nicht unter Freunden passiert, die das schon kennen, entschuldigen sich hier auch die meisten, obwohl die eigentlich gar nichts dafür können.“ – Lisa sagte: „Ich kann dafür auch nichts, manchmal kriechen die einfach so aus dem Po.“ – Die halbe Halle lachte und insbesondere einige von den älteren Herren jenseits der 40 hatten Lachtränen in den Augen. Lisa verzog hingegen keine Miene, als sie das erzählte…

„Wahrscheinlich traue ich mich sowieso nicht. Was sollen die anderen denn von mir denken. Aber ich würde mich schon gerne mal so richtig daneben benehmen.“ – Klaus, ein alter Hase, erklärte ihr: „Vor allem sollst du beim Wettkampftraining lernen, alle diese Situationen zu beherrschen. Stell dir vor, du fährst auf einem Wettkampf, bist 2 Kilometer vor der Zielgeraden, und dann läuft plötzlich die Nase. Willst du dann aufhören? Oder erstmal lange überlegen? Dann musst du dich auf das Gewinnen konzentrieren, weil dein Gegner direkt im Nacken sitzt und er jede Unkonzentriertheit ausnutzt und sofort überholt. Und dann ist es von Vorteil, wenn du trainiert hast, wie man ohne Taschentuch die Nase putzt. Denn den Preis gewinnst du für schnelles Fahren und nicht für gutes Benehmen. Das ist bei solchem Sport mal völlig unwichtig.“

Inzwischen ist Lisa 15 Jahre alt. Trotzdem verknüpft sie Neues oft nur sehr langsam. Man könnte sagen, der Euro fällt centweise. Jedenfalls haben diese Worte des alten Hasen bewirkt, dass Lisa beim nächsten Training alles ausprobieren musste. Und mit „alles“ ist wirklich alles gemeint. Alles, was man sonst nicht macht. Das war so süß, weil sie das alles total vom Training abgelenkt hat, sie total verlegen gemacht hat, aber am Ende war sie stolz wie Oskar, dass sie das alles hingekriegt hatte.

So stolz, dass sie am Sonntag ihre Mama mit den Worten empfing: „Mama, ich habe es geschafft! Ich habe meine erste Rotzrakete abgefeuert!“ – Wir standen gerade mit mehreren Leuten in einem Gruppenraum und alles lachte. Ich hatte die Befürchtung, die Mutter würde sagen, wir verderben ihre Tochter oder bringen ihr schlechtes Benehmen bei, oder ähnliches, aber das Gegenteil war der Fall. Die Mutter war bestens informiert und fragte: „Ist das das, wo man sich ein Nasenloch zuhält und dann seinem Hintermann einen Klecks aufs Hemd macht?“

Sie sagte, sie fände es gut, dass sich hier ihre Tochter mal austoben könne und mal aus dem ganzen Alltagstrott herauskäme. Die Reaktion hatte ich absolut nicht erwartet. Die Mutter fügte hinzu: „Solange du weißt, wann du im Trainingslager bist und wann zu Hause am Esstisch, ist alles gut.“ – Cathleen, bekannt für ihre direkte Art, fügte hinzu: „Siehste, Lisa, und irgendwann ist es auch nicht mehr peinlich zu erzählen, was man macht, wenn es unterwegs kein Klo gibt.“ – Lisa lief dunkelrot an, die Mutter sagte: „Das müssen wir jetzt aber nicht ausführen, ich kann es mir schon denken. Hoffentlich hast du deine Sachen hinterher ausgespült.“

Lisa nickte aufgeregt, nicht wissend, dass sie damit verraten hatte, was sie eigentlich vor ihren Eltern geheim halten wollte. Ich wiederhole mich gerne: Sie ist einfach soooo süß. Sie antwortete: „Ich hab gleich mit all meinen Sachen geduscht. Das ging ganz gut.“ – Die Leute krümmten sich schon vor Lachen. Mit dieser naiven Art stiehlt sie echt jedem die Show. Und wenn dann noch die Frage kommt: „Hab ich jetzt einen Witz gemacht?!“

Zurück in Hamburg. Es ist noch nicht mal ein Monat des neuen Jahres vorbei und ich habe bereits mein erstes Trainingslager hinter mich gebracht. Meinen ersten Abend in einer Hütte mit Lagerfeuer in der Mitte. Mein erstes Training unter freiem Himmel bei zweistelligen Temperaturen und richtig tollem Sonnenschein. Und meinen ersten längeren Blog-Eintrag. In diesem Jahr 2011.

Die Wahl der Qual

7 Kommentare1.902 Aufrufe

Mal wieder ein Trainingslager in Hannover! Anmelden konnte sich, wer die Teilnahmegebühr von 200 € selbst bezahlen konnte oder einen Sponsor dafür an der Hand hatte. Von meinen Leuten hatten sich alle, nämlich Nadine, Kristina, Merle, Simone, Yvonne und Cathleen angemeldet. Jana hatte auch Interesse und sehr kurzfristig geklärt, ob sie Vorerfahrungen bräuchte. Equipment könnte sie in meinem Verein ausleihen, aber wenn sie Einsteiger nicht dabei haben wollten, würde sie sich dort ja eher langweilen.

Nein, Anfänger seien auch willkommen. Wir erfuhren aus der Meldeliste, so quasi 48 Stunden vor Abfahrt, dass sich auch Lisa angemeldet hatte, zusammen mit Julia (nein, nicht ich), einem 12 Jahre alten Mädchen aus Niedersachsen, die wir noch nicht kannten. Und Natascha. Bitte was? Achso, nein, es war ja vereinbart, keine dummen Kommentare zu machen. Trotzdem fragte mich Cathleen sofort, wie ich darüber denke, dass sie sich dort anmeldet. Mein einziger Kommentar: „Solange sie mich in Frieden lässt und da keine Show abzieht, ist mir das egal.“ Und Lotte. Auf Lotte habe ich mich richtig doll gefreut.

Da wir es geschafft hatten, einen Materialtransport zu organisieren (Tatjana fuhr mit dem Vereinsbus und nahm als Trainerin teil), brauchten wir am Freitagabend (bzw. nachts) nur noch unsere Alltagsstühle und die Klamotten unterbringen. Jana schlief auf meinem Beifahrersitz, Cathleen, Simone, Merle und Kristina spielten hinten Bohnanza und die Stinkesocke lenkte, wie könnte es bei meinen sonderbaren Vorlieben und Anziehungskräften auch anders sein, mein Auto direkt in eine Polizeikontrolle. Ein Fahrstreifen war durch eine Hütchenreihe gesperrt, die Geschwindigkeit auf 30 beschränkt, die fünf Autos vor uns durften durchfahren, uns winkten sie natürlich raus.

Eine junge Frau: „Guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Bitte einmal den Motor ausmachen und die Innenbeleuchtung an. Fahrzeugschein und Führerschein hätte ich gerne. Vor Fahrtantritt heute irgendwelche alkoholischen Getränke oder Betäubungsmittel zu sich genommen?“ – „Nein.“ – „Mit einem freiwilligen Alkotest einverstanden?“ – „Ja.“ – „Bleiben Sie bitte im Fahrzeug. Einen kleinen Moment bitte.“

Sie ging hinter mein Auto, leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf meine Papiere und laberte mit einem Kollegen. Dann kam ein zweiter und ein dritter hinzu. Das schien höchst aufregend zu sein! Während die dahinten diskutierten, meinte Jana, die in der Zwischenzeit aufgewacht war: „Kristina, hast du Insulinspritzen im Gepäck? Gib mal welche nach vorne, wenn wir die in die Scheibe legen, ist sicher auch noch ein Drogentest für uns alle fällig.“ – Kristina, Diabetikerin, antwortete: „Ich habe nur meine Pens dabei.“ Aus Janas Sicht schade, ich war jetzt schon bedient. Ein Typ leuchtete die ganze Zeit auf der Beifahrerseite in die Fenster.

Die Frau kam zurück: „Was haben Sie denn da für 20 Millionen Auflagen, da muss man sich ja erstmal durchwühlen. Ihre Pedalabdeckung hätte ich gerne mal gesehen.“ – „Darf ich die Tür öffnen?“ – „Ja bitte.“ Ich zeigte ihr die Pedalabdeckung, mit der die serienmäßigen Fußpedale abgedeckt werden, damit man nicht aus Versehen dort drauftritt (durch eine Spastik oder ähnliches), während man das Auto mit der Hand bedient. „Rein interessehalber: Wie geben Sie eigentlich Gas? Und wie bremsen Sie?“ Ich führte ihr das vor. Zu einem Kollegen drehte sie sich um: „Komm mal, guck dir das mal an. Sorry, aber sowas sieht man nicht jeden Tag. Für mich ist es das erste Mal.“ – „Schon okay“, sagte ich.

„Sie sind 18, oder?“ – Ich nickte. – „Hatten Sie mal eine Ausnahmegenehmigung vom Mindestalter?“ – Ich nickte. Sie nickte auch.

„Kommen wir zum Alkotest“, meinte sie. „Kommen Sie bitte einmal mit an das Dienstfahrzeug?“ – „Dann müsste meine Begleitung erstmal meinen Rollstuhl aus dem Kofferraum holen.“ – „Achso, nein, um Gottes Willen, dann hole ich ein mobiles Gerät her. Einen Moment.“ Einen Moment später kam sie mit so einem Ding in der Hand zurück. „Schonmal gemacht?“ – Ich schüttelte den Kopf. – „Das Mundstück auspacken und aufsetzen, das Gerät in beide Hände nehmen, tief einatmen und feste in das Gerät ausatmen, solange bis das Piepen aufhört. Weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, weiter, noch ein bißchen, weiter, weiter, danke reicht.“ Hechel… Einen Moment dauerte es, dann zeigte sie mir das Ergebnis: 0.00. Nichts anderes hatte ich erwartet. „Nullnull, sehr gut. Bitte einmal das Mundstück abziehen. Das können Sie sich zur Erinnerung aufheben oder wegwerfen. Darf ich fragen, woher Sie jetzt kommen?“

„Von zu Hause“, antwortete ich. Sie fragte weiter: „Und wohin geht es?“ – „Nach Hannover ins Trainingslager.“ – „Gut. Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Hier sind Ihre Papiere, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.“ Und tschüss. Kurz nach Mitternacht kamen wir ohne weitere Zwischenfälle bei acht Grad unter Null in Hannover an. Und bekamen kein Zimmer mehr in dem Trainingszentrum. Nö, die Hälfte der Leute sei in der nahe gelegenen Jugendherberge untergebracht. Was grundsätzlich kein Problem ist, nur hätten wir, wenn wir das gewusst hätten, gleich einen Kilometer entfernt vor der Jugendherberge geparkt. So mussten wir nach zwei Stunden im mollig warmen Auto durch die eisige Kälte über einen unbeleuchteten Sandweg mit allem Gepäck auf dem Schoß durch die dunkle Nacht. Und dann dauerte es auch noch bis ein Uhr, bis wir unsere Zimmer zugeteilt bekamen.

Nadine, Kristina, Merle, Simone, Cathleen und Yvonne kamen in ein Sechserzimmer, nicht rolligerecht, ich durfte mit Jana, Natascha und einem fremden Mädel aus Niedersachsen in ein Viererzimmer, ebenfalls nicht rolligerecht. Super. Immerhin gelang es uns kurzfristig, das fremde Mädel gegen Lotte einzutauschen, die da unten auch noch herumirrte und endlich ins Bett wollte. Ins Bad kam man nicht, dafür gab es aber auf dem Flur ein Rolli-Klo. Ich schnappte mir einen Schlafanzug und eine Pampers, meine Zahnbürste, Zahnpasta und düste los.

Nur auf das Klo im Flur wollten jetzt 30 Leute zur gleichen Zeit. Immerhin kam nach 3 Minuten jemand auf die geniale Idee, sich mit dem Aufzug auf sechs Etagen aufzuteilen, da in jedem Flur eine Rolli-Toilette war. Da etliche Leute sich kathetern müssen, dauerte es. Jana beispielsweise braucht pro Klogang rund 15 Minuten…

Zu allem Überfluss waren in den Zimmern Etagenbetten, so dass mindestens zwei Personen Turnübungen machen mussten. Dass Jana unten schläft mit einem hohen und kompletten Brustquerschnitt, versteht sich von selbst, dass Natascha oben schläft, ebenso. Also mussten sich nur Lotte und ich einig werden. Am Ende habe mich freiwillig angeboten. Aus dem Klimmzug in den Stütz, die Beine warf mir Lotte hinterher – irre. Lotte wusste nichts von Nataschas Behinderung, ich war gespannt auf ihre Reaktion. Oder vielmehr erstmal darauf, was Natascha ihr erzählen würde. Ich erfuhr es leider nicht.

Am Samstag mussten wir erst um 9 Uhr beim Frühstück sein. Immerhin brauchten wir nicht alle zu duschen, da anschließend Schwimmen auf dem Programm stand. Schließlich gab es in den Flur-WCs auch keine Duschen und in die Waschräume am Zimmer kamen wir ja nicht. Als ich endlich im Wasser war, sah ich zum ersten Mal meine 12jährige Namensvetterin und Lisa. Lisa kam sofort auf mich zugeschwommen und umarmte mich, Julia tat dasselbe, obwohl sie mich überhaupt nicht kannte. „Lisa hat mir schon ganz viel von dir erzählt“, strahlte sie mich an. Aha?!

Das Training machte ein Harald. Glatze, Mitte 50, humpelnd. Laut. Militärischer Ton. Wir waren mit 10 Personen in einer 25-Meter-Bahn. Programm: Zuerst 16 Bahnen einschwimmen mit genauem Blick auf die Technik. Dann sofort ein Trainingsprogramm, das es in sich hatte:

200 Meter (8 Bahnen) schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause Rand. Dann wieder 200 Meter schwimmen in höchstens 3 Minuten. Dann 15 Sekunden Pause am Rand. Nach insgesamt 19 Durchgängen (also 3.800 Metern oder 152 Bahnen) nochmal 15 Sekunden Pause am Rand, dann nochmal 100 Meter locker ausschwimmen.

Super. Ist der nicht ganz dicht? Je nach Behinderung gibt es verschiedene Startklassen. Es wäre ja völlig ungerecht, Leute gegeneinander starten zu lassen, wenn einem lediglich der Fuß fehlt, während der andere ab dem Hals abwärts gelähmt ist. Ich bin aktuell in der Startklasse 6 eingruppiert, wobei die 1 die Klasse mit der stärksten Behinderung ist und die 10 diejenige mit der schwächsten. Der derzeitige Deutsche Rekord für 200 Meter Freistil (50-Meter-Bahn) in meiner Startklasse liegt bei 2:58 Minuten. Bei Merle, die in der Startklasse 5 eingruppiert ist, lag der Deutsche Rekord irgendwo bei 4:30 Minuten.

Daraus ergaben sich zwei Probleme: Keiner würde die vorgegebene Zeit schaffen können und wir müssten uns nicht nur ständig in der Bahn begegnen (was normal ist), sondern uns auch noch ständig überholen. Am Ende wurden wir dann doch in zwei Gruppen aufgeteilt. Die langsamen (S5) mussten am Anfang die Bahnen zählen und immer nach 8 Bahnen den S6ern (und aufwärts) die Trinkflasche reichen, anschließend waren die S5er mit Schwimmen dran und die S6er saßen auf dem Beckenrand und zählten und reichten die Getränke. Die S6er (und aufwärts) bekamen als Vorgabe 3:30 Minuten und die S5er nun doch 5:00 Minuten.

Damit dauerte das Programm der S6er rund 70 Minuten, das Programm der S5er jedoch fast 100 Minuten. Um 10 Uhr war Treffen in der Schwimmhalle, um 14 Uhr durften wir endlich zum Duschen. Ich war nach meinen vier Kilometern schon völlig fertig, aber Merle und Konsorten mussten wir aus dem Wasser ziehen. Die waren am Ende nicht mehr in der Lage, alleine aus dem Becken in den Rollstuhl zu kommen. Harald hatte dazu nur einen Kommentar: „Weich-Eier.“ Wie niedlich!

Als wir um kurz vor drei endlich in der Kantine waren, gab es selbstverständlich kein Mittagessen mehr, so dass die komplette Hamburger Triathlon-Szene sich vom Nachmittagsprogramm abmeldete und erstmal etwas brauchbares zu essen organisierte. Der Nachwuchs konnte wirklich froh sein, bei Tatjana zu sein.

Am Abend fielen wir kurz vor acht Uhr völlig fertig ins Bett. Heute morgen sollte noch Straßentraining auf dem Programm stehen, da aber die Straße wegen einer anderen Veranstaltung nicht gesperrt werden konnte (und das wusste niemand), sollten wir stattdessen auf der Rolle trainieren. Im Rennrolli, vierzig Kilometer bei bis zu 5% Steigung in höchstens zwei Stunden. Ich bin froh, noch in keinem offiziellen Kader zu sein. Ich habe Harald einen Vogel gezeigt, meine Sachen gepackt und mir zwei Stunden bis zum Mittagessen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Wie ich später erfuhr, hat niemand der Hamburger daran teilgenommen. Lediglich ein paar männliche Athleten aus Niedersachsen und Hessen meinten, ihrem Körper das antun zu müssen.