Alle Neune

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Heute ist ein merkwürdiger Tag. So viele Neunen, mir wird ganz schwindelig.

Nicht nur, dass heute der Neunte Neunte Zweitausendneun ist, sondern dieses ist, wie ich gerade zufällig bemerkte, auch noch mein neunundneunzigster Post in meinem Blog insgesamt. Allerdings erst das achte Posting im September. Aber dafür hat sich heute mein neunzehnter regelmäßiger Leser in meine Abonnentenliste eingeschrieben. Herzlich willkommen!

Ganz neunmalkluge Leute haben festgestellt, dass heute der 252. Tag des Jahres ist. Die Quersumme dieser Zahl ergibt? Rischtisch: Neun!

Als ich heute morgen um neun Uhr neun und neun Sekunden aufwachte … nein, das geht jetzt zu weit. Das wäre viel zu spät gewesen. Es war ungefähr acht Uhr neunzehn, früh genug, da ich heute erst zur neunten äh dritten Stunde zur Schule musste, als ich mich, während ich auf dem Bauch liegend langsam wach wurde, über ein komisches Gefühl an meiner Brust wunderte. Ich konnte es nicht eindeutig zuordnen. Es fühlte sich irgendwie … verletzt? Nein. Wund? Nein. Kalt? Auch nicht wirklich. Es fühlte sich merkwürdig an. Komisch halt. Immer wacher werdend, fasste ich mit einer Hand an meine Brust und fühlte etwas feuchtes. Jetzt war ich ganz wach und wusste auch sofort, was los war. Ich schmiss die Decke und das zum Glück noch trockene Kopfkissen aus dem Bett, drehte mich auf den Rücken und staunte erstmal eine Runde.

Dass ich seit meiner Querschnittlähmung morgens dringender auf Klo muss als vorher, und dass der Weg dorthin einschließlich rübersetzen und Schlafhose runterziehen jeden Tag ein neues Abenteuer ist, daran habe ich mich bereits gewöhnt. Insoweit bin ich auch froh, nicht mehr bei meinen Eltern zu wohnen und irgendwas erklären zu müssen. Dass ich jedoch gar nicht mehr aus dem Bett komme, bevor die Sauerei los geht, hat eine neue Qualität. Und auch diese Mengen im Schlaf sind nicht normal. War gestern irgendwas besonderes? Party? Zuviel Bier? Omas neunundneunzigster Geburtstag? So langsam dämmerte es mir: So intensiv ich auch nachdachte, ich konnte mich nicht daran erinnern, gestern abend meine Oxybutynin-Tablette genommen zu haben. Mit fatalen Folgen!

Das passte mir natürlich gar nicht in die Tagesplanung. Duschen wollte ich sowieso, aber das Bett neu beziehen und eine Waschmaschine anstellen – das wird verdammt knapp. Also Frühstück ausfallen lassen und Vollgas geben. Und vor allem mal lüften! Nach dem Duschen, auf dem Weg zur Waschmaschine, traf ich Sofie. „Willst du jetzt waschen? Die Maschine ist leider belegt.“ Auch das noch. Ich konnte das Zeug unmöglich bis mittags irgendwo liegen und vor sich hin stinken lassen. Aber jemanden fragen, ob er das in die Maschine packt, wollte ich auch nicht. Also zumindest mit dem Laken ins Bad, unter der Dusche erstmal ausspülen und dann heute mittag waschen. Aber wo das dann triefnasse Zeug solange lassen? Im Zimmer wohl kaum, und im Bad sieht es jeder. „Was überlegst du?“ fragte Sofie. „Soll ich deine Wäsche in die Maschine packen, wenn meine nachher fertig ist?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nee, alles gut.“ – „Hast du ins Bett gemacht?“ Oh nein! Ich wurde dunkelrot. Ich hatte das nasse Laken extra so in dem Deckenbezug eingewickelt, dass man es nicht sofort sehen konnte. Sofie sah natürlich meine knallroten Wangen, Ohren und meinen nervösen Blick, grinste, streckte mir die Hand aus und meinte: „Willkommen im Klub.“ Da in der Waschmaschine drehte sich … Bettwäsche. Jetzt musste ich auch grinsen. Das musste am heutigen Datum liegen. „Also leg das vor die Waschmaschine, ich stelle das nachher an“, sagte Sofie.

„Nein, das ist mir unangenehm“, druckste ich weiter.

„Ach jetzt halt die Klappe, pack das Zeug da hin und sieh zu, dass Du zur Schule kommst.“ Ich liebe Sofies manchmal zu direkte Art. Aber sie wirkt bei mir Wunder. Auf dem Weg zur Schule musste ich mich wirklich schon beeilen. Ich wollte auf gar keinen Fall bei meinem „Lieblingslehrer“, den ich in meiner ersten Stunde haben würde, zu spät kommen. Man muss ihm ja nicht unbedingt eine Steilvorlage für seine dummen Sprüche liefern.

Wer aber denkt, dass er bei mir damit heute schon alle eklige Sachen gelesen hat, kennt noch nicht Kapitel zwei, drei und neun. Während wir alle in atemberaubender Stille damit beschäftigt waren, eine Aufgabe zu lösen und mein Lieblingslehrer in das heutige Hamburger Abendblatt vertieft war, trat genau die Situation ein, vor der ich ohnehin schon soviel Angst habe: Nein, ich habe es nicht unter Kontrolle, wenn ich pupsen muss. Und das haben natürlich nicht nur neun Leute, sondern das hat jeder mitgekriegt. Während ich die Luft anhielt und versuchte, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten, schaute ich mit gesenktem Kopf und aus dem Augenwinkel zu meiner Tischnachbarin. Die andere Rollstuhlfahrerin. Ich sah, wie sie sich ein Lachen verkniff und dabei den Mund verzog. Im gleichen Moment stand der Lehrer auf und ging schrittweise in meine Richtung. „Oh nein“, dachte ich. Das Blatt vor mir auf dem Tisch fing an sich zu drehen. Der Typ blieb direkt vor unserem Tisch stehen und sagte im militärischen Tonfall: „Wer war das?“

„Tschuldigung“, murmelte ich. Er wiederholte seine Frage im gleichen Tonfall: „Wer war das?“ Meine Tischnachbarin antwortete im gleichen Tonfall: „Ja, irgendein Arsch wird das schon gewesen sein, ne?“ Er lachte dreckig. „Hähähä, irgendein Arsch, ja. Bedenken Sie künftig, dass sich Faulgase auch bei Windstille in Räumen ausbreiten. Immerhin tun Sie etwas gegen Ihre Migräne, die ja bekanntermaßen durch atomaren Überdruck im Hirn ausgelöst werden soll. Die Frage ist nur, was erstrebenswerter ist: Ein Krankheitsfall wegen Migräne oder 23 Krankheitsfälle wegen einer Methanvergiftung. Also gehen Sie künftig gefälligst auf Klo, wenn Sie kacken müssen!“

„Jawohl“, antwortete ich deutlich für alle hörbar und nahm mir vor, bei der nächsten Ansprache dieser Art darauf zu beharren, dass er mir nur verboten hat, im Unterricht zu defäkieren. Immerhin wussten nun alle, dass ich die Verursacherin war. Als er wieder zu seinem Tisch zurückging, bedankte ich mich bei meiner Tischnachbarin. Die grinste nur.

Im zweiten Unterrichtsblock für heute glaubte ich noch an ein Déjà-vu-Erlebnis, allerdings reagierte der Lehrer im ersten Moment nicht darauf. Dafür aber eine Mitschülerin, die noch nie irgendwas mit mir zu tun hatte. „Oah, Alder, kann die da hinten mal mit dem Gefurze aufhören? Das ist jawohl voll eklig, ey! Wir sind doch hier nicht aufm Bauernhof. Echt ey!“ Einige lachten. „Ist doch wahr, Mann. Wenn das in der zweiten Woche schon so los geht, ey.“ Bevor ich darauf etwas erwidern konnte, sagte der Lehrer: „Shirin, sowas kann auch mal aus Versehen passieren.“ – „Nee Mann, vorhin hat die das auch schonmal gemacht, ey!“ – „Shirin, gehen Sie davon aus, dass es Umstände gibt, bei denen man das nicht unter Kontrolle hat, auch wenn einige das gerne anders hätten, allen voran sicherlich der oder die Betroffene. Wenn Sie es für nötig halten, öffnen Sie das Fenster, aber solche Sprüche möchte ich nicht hören.“

Dann fragte sie wie ein vierjähriges Kind: „Hast du das nicht unter Kontrolle? Ehrlich? Das ist ja krass.“ – „Shirin, ich möchte Sie nach der Stunde mal unter vier Augen sprechen.“ Ohne Luft zu holen fuhr er mit dem Unterricht fort. Ich weiß nicht, was er ihr gesagt hat, aber nach der Stunde kam Shirin zu mir, streckte mir die Hand entgegen und entschuldigte sich. Ob freiwillig oder gezwungenermaßen konnte ich nicht erkennen, aber die Geste fand ich schon gut.

Fehlt noch Kapitel neun. Okay. Kapitel Neun: Am Nachmittag sind Sofie, Frank und ich zu Luisa gefahren, um sie in ihrer neuen Wohnung zu besuchen. Sie hat eine, wie ich finde, sehr schöne Wohnung gefunden. Allerdings ist alleine wohnen etwas völlig anderes als eine WG, sagte sie mehrmals. Ich finde es bescheuert, wenn jemand, der eigentlich in einer WG wohnen möchte, wegen seiner Behinderung gezwungen wird, alleine zu wohnen. Aber insgesamt trägt sie es wohl einigermaßen mit Fassung. Und freute sich, mit uns endlich mal wieder Phase 10 spielen zu können. Natürlich hörten wir nicht bei Phase Neun auf.

Damit endet Kapitel Neun und mit ihm auch mein heutiges neunundneunzigstes Blogposting. Ich muss mir ja für mein 100. Posting auch noch was aufsparen. Hattest du jetzt etwa gedacht, da kommt noch mehr Schweinkram? Nee, irgendwann ist auch mal gut damit. Schließlich darf ich das Niveau nicht ganz aus den Augen verlieren. Und schließlich hieße es dann ja auch nicht Kapitel Neun, oder?! Was?! Prost! Auf die Neun!

Cathleen möchte zu uns

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Dass Luisa zum 1. September wieder auszieht, hat sich spätestens seit meinem Post vom 11.08.09 auch außerhalb unserer WG herumgesprochen. Die sehr bedauerlichen und für mich auch eher inakzeptablen Gründe dazu auch. An wen wir das frei werdende Zimmer vergeben wollen, also auf welchen neuen Mitbewohner oder auf welche neue Mitbewohnerin wir uns einigen, eher nicht. Wir wissen es schließlich selbst noch nicht.

Der Vermieter möchte natürlich keine Leerstände, deshalb waren bereits vier Leute hier und haben sich das Zimmer angesehen. Zwei Leuten war es zu klein, ein Rollstuhlfahrer Anfang 20 wirkte nicht etwa wegen des Vollbartes sehr ungepflegt (sondern eher wegen des fetten Zahnbelags und den schmierigen Brillengläsern), eine Rollstuhlfahrerin Anfang 20 war uns schlicht und einfach zu doof.

Natürlich wäre allen geholfen, insbesondere Luisa, wenn sich schon zum 1. September ein Nachmieter finden würde, aber es muss eben auch passen. Gestern fragte mich Cathleen, ob sie mal eine ganz dumme Frage stellen dürfte. Ich weiß inzwischen, dass sie damit Fragen ankündigt, bei denen sie nicht weiß, ob sie ausverschämt sein könnten. Ich habe mit allem möglichen gerechnet, nur nicht mit der Frage, ob sie eine Chance hätte, bei uns einzuziehen.

Ernsthaft darüber nachgedacht hatte wohl bisher niemand, da sie in ihrem Internat wohnt, dort (nämlich 90 Kilometer von hier) zur Schule geht, gerade 15 Jahre alt ist, aus einer Familie kommt, bei der nicht alles einfach ist und vor allem noch nie alleine gewohnt hat, nicht einmal probeweise. Das hätte man allerdings in den Sommerferien prima machen können, wenn man ernsthaft mit dem Gedanken spielt. Mein erster lauter Gedanke dazu war: „Meinst du, dass deine Eltern dem überhaupt zustimmen würden?“

Sie wusste es nicht. Sie hatte nicht gefragt, weil sie nicht einschätzen kann, ob sie bei uns überhaupt eine Chance hätte. Meinetwegen könnte sie natürlich sofort einziehen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die anderen etwas dagegen hätten. Einigen wäre es vielleicht egal. Aber das Problem wird sein, dass sie minderjährig ist, das Internat vom Sozialamt bezahlt wird, sie dort zum Teil gepflegt wird, sie dort Psychotherapie bekommt (nachdem sie vor einem Jahr mal eine Depression hatte, und zwar eine richtige, mit der sie auch in einer Klinik war), dass sie hier in Hamburg keine Schule kennt, auf die sie gehen könnte und vor allem: Dass völlig unsicher ist, ob sie das so (oder mit einer Betreuung, wie ich sie bekomme) hinbekommen würde. Sie hätte dort ihre Leute, die sie kennt, sie hätte hier erstmal nur die WG. Was, wenn das nicht klappen würde, sie keine neuen Freunde findet?

Immerhin war ihr Gedanke aber so ernst, dass wir beschlossen, Sofie und Frank davon zu erzählen. Sofie hatte sofort die gleichen Bedenken wie ich. Frank war etwas entspannter: „Wenn man das wirklich will, wird sich kein Sozialamt und keine Schule dagegen stemmen. Nicht mehr in Klasse 10. Nach dem, was ich bisher mitgekriegt habe, bist du da ja auch nicht so glücklich.“ Das stimmt schon: Vor kurzem hat Frank eine Beschwerde an das Schleswig-Holsteinische Sozialministerium geschickt, da Cathleen kein Taschengeld bekam. Sie darf das Haus nicht verlassen, darf sich ihren Hausarzt und Frauenarzt nicht frei aussuchen, bekommt die falschen Pampers vom Internat einfach vorgesetzt, ohne dass sie daran was ändern kann – und geht letztlich mit Leuten in eine Klasse, die nur vom Jahrgang zusammenpassen, aber nicht von den Fähigkeiten. Einer in ihrer Klasse bekommt angeblich nicht mal den Satz „Ich habe Hunger“ in der richtigen Reihenfolge zusammen. Was sich nach dem Sommer allerdings geändert haben dürfte, denn der wird den Hauptschulabschluss nicht geschafft haben.

Wir redeten einige Zeit darüber und mehr und mehr stellte sich heraus, dass Cathleen mehr als nur einen Gedanken daran gehabt hat. Sie hat sich diese „ganz dumme“ Frage sehr genau überlegt und durchdacht. Am Ende sagte Frank, dass wir auf jeden Fall die Zustimmung der Mutter brauchen. Er würde mit ihr reden, wenn Cathleen das möchte. Und Cathleen wollte das. Und Frank griff zum Telefon. Cathleens Mutter kannte ihn ja bereits von der Taschengeld-Aktion. Und das Gespräch war unerwartet sachlich: Wo Cathleen zur Schule geht, sei ihr völlig egal. Wenn sich in unserer WG eine Betreuung sicherstellen lässt, sei auch das für sie denkbar. Aber: Sie werde keinen Finger rühren, was irgendwelche Anträge bei Behörden angeht. Sie sei froh, dass sie das alles erledigt hat. Sie wolle darüber schlafen und wenn ihr dabei nicht noch irgendwas wichtiges einfiele, werde sie auch nicht im Wege stehen, aber sie werde auch keine Energie mehr in das Thema stecken und irgendwelche Leute von irgendwas überzeugen.

Wir hatten uns für heute mittag erneut verabredet: Cathleen, Sofie, Frank und ich. Liam und Lina stehen der Sache wie erwartet völlig neutral gegenüber. Cathleen sagte, dass weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater, bei denen sie zur Zeit zu Besuch ist, das Thema angeschnitten hatte. Bevor sie zu uns fuhr, hat sie ihre Mutter gefragt, ob das, was sie am Telefon gesagt hat, noch gilt. Daraufhin habe sie erwidert: „Ich weiß zwar nicht, warum der Typ jetzt so einen Wirbel macht, aber ich stehe zu dem, was ich gesagt habe. Ich zwinge dich nicht, auf das Internat zu gehen, wenn du woanders genauso betreut wirst.“ Cathleen wusste natürlich, warum Frank so einen Wirbel macht: Sie hatte ihn ja darum gebeten. Und das hatte Frank eigentlich auch gesagt im Telefonat.

Cathleen, Sofie und ich besuchten einen Mitarbeiter vom Gesundheitsamt, von der Beratungsstelle für behinderte Menschen. Der Mann war blind. Er war sehr nett und ich hatte den Eindruck, ihm machte seine Arbeit Spaß. Es lief am Ende alles auf eine Sache hinaus: Die Entscheidung treffen die Eltern. Es wäre für ihn leicht, dem Sozialamt zu begründen, dass es keinen Pflegesatz von 3.500 Euro im Monat mehr zahlen muss, sondern nur noch rund 400 Euro Miete plus paar Euro zum Leben und eine ambulante Betreuerin, die einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage nach dem Rechten sieht. Aber er braucht dafür auch ein Gutachten, aus dem sich ergibt, dass diese Förderung einen Sinn macht. Es muss jemand abschätzen, ob Cathleen dort zurecht kommen wird, ob sie in der neuen Schule integriert wird, ob die Betreuung einmal pro Tag oder einmal alle zwei Tage ausreicht – dann stünde dem nichts im Wege.

Er gab uns den Tipp, Cathleen in den Herbstferien eine Woche zur Probe wohnen zu lassen. Jetzt erst merkte ich, wie sehr sich Cathleen darauf bereits fixiert hatte. Sie war kurz vorm Weinen. „Wenn ich jetzt erst wieder in Schleswig-Holstein zur Schule gehe, verpasse ich doch hier den Anschluss.“

Blinde Menschen haben ja ein besonderes Gespür für die Stimme des Gegenüber. „Du hast es dir fest vorgenommen, oder? Du willst es schaffen.“ Cathleen nickte. Was der Mann nicht sehen konnte. Aber wohl fühlen – ich weiß es nicht. Er griff zum Telefon. Cathleen hat am Donnerstag – an meinem ersten Schultag, an ihrem viertletzten Ferientag – einen Termin bei einem Sozialpädagogen, der ein entsprechendes Gutachten schreiben soll. Sofie wird Cathleen zu diesem Termin begleiten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Cathleen bei uns einzieht. Vorausgesetzt, sie schafft, was sie sich vornimmt und wir alle werden und bleiben glücklich dabei. Aber ich bin sehr skeptisch, dass sie den Sozialarbeiter davon überzeugen kann, ihr eine solche Empfehlung zu schreiben. Und die bräuchte sie. Sehr skeptisch.

Keine süße Sechzehn mehr

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Dass Sofie relativ geschickt Gespräche und Unterhaltungen führen kann, ist nichts neues. Als Diplom-Psychologin sollte man das auch können. Dass selbst ich nicht mehr vor ihr sicher bin, durfte ich in den letzten beiden Tagen liebevoll erfahren. Zu Beginn der Woche hatte sie mich eher beiläufig gefragt, was ich an meinem Geburtstag plane. Falls hier mehrere Leute zu Besuch kämen und auch noch hier schlafen würden, möchte sie das rechtzeitig wissen. Ich antwortete ihr, dass es schon sein könnte, dass ein paar Leute vorbei kämen, dass sich das aber relativ spontan entscheidet.

Umso mehr wunderte ich mich, als Simone und Cathleen hier am Donnerstagmittag unangemeldet vor der Tür standen, beide mit großen Rucksäcken. „Es ist so heiß. Wollen wir nicht ins Freibad?“ Gute Idee.

„Wir kommen mit, wenn das okay ist“, sagte Sofie. Ich packte einige Sachen zusammen. Es hätte mir gleich komisch vorkommen sollen, als Frank darauf bestand, mit zwei Autos zu fahren. Nicht, dass ich was dagegen hätte, wenn Sofie mein Auto fährt (ich darf ja noch nicht selbst zum Freibad fahren), aber wieso muss Frank dann noch mit einem zweiten Auto parallel fahren?

Und in welches Freibad überhaupt? Wieso müssen wir dazu einmal quer durch die Stadt? So langsam begriff ich, dass diese merkwürdige Aktion irgendetwas mit meinem morgigen Geburtstag zu tun haben musste. Cathleen war ziemlich aufgeregt, so dass ich ziemlich schnell merkte, wer diesen Komplott eingefädelt hatte. Bis kurz vor der Autobahn 24 glaubte ich noch, dass wir noch einmal zum Öjendorfer Park fahren würden, wo wir vor kurzem nach einem Straßentraining gebadet hatten, aber als wir am Horner Kreisel auf die Autobahn fuhren, war mir klar, dass man etwas größeres mit mir vorhatte. Ich lehnte mich entspannt zurück.

Es ging mal wieder an die Ostsee. Wer hätte das gedacht? Auch wenn kein Strandkorb mehr zu bekommen war und der Strand aussah, als hätte ihn jemand mit Handtüchern, Decken und Menschen gepflastert, fanden wir ziemlich schnell ein Plätzchen. Und ziemlich schnell fanden Luisa und ihre Freundin auch uns. Zu siebt machten wir als allererstes die Ostsee unsicher. Weil die Luft so heiß war, wirkte das Wasser sehr kalt. Aber es war eine angenehme Abkühlung. Insgesamt waren wir drei Mal im Wasser.

Abends grillten wir wieder auf dem öffentlichen Grillplatz. Drei Mal fielen einige Tropfen vom Himmel und dichte Wolken zogen auf, es wurde auch deutlich kühler, aber das angesagte Gewitter kam nicht. Um Mitternacht stießen wir zu siebt auf meinen Siebzehnten an. Sofie hatte einen Kuchen gebacken und holte ihn aus ihrem Auto. Kurz danach begannen die ersten Blitze den Himmel zu erhellen. Wir fuhren zu einer öffentlichen Rollidusche, spülten uns den Sand vom Körper und machten uns nachtfertig.

Die drei Autos (das dritte von Luisas Freundin) standen bereits auf einem abgelegenen Parkplatz. Frank und Sofie hatten die Ladefläche ihres Passat Kombi mit zwei Luftmatratzen, Kissen und Wolldecken zu einem Bett umfunktioniert. Die beiden hatten darin schon Übung, ich hatte jedoch noch nie meine Rücksitze umgeklappt. Aber es war einfacher als ich dachte. Jedoch ist der Golf noch ein bißchen kleiner als der Passat und so wurde es ziemlich eng mit drei Leuten. Wenn einer sich umdrehte, mussten auch die anderen sich umdrehen. Ich lag in der Mitte, Cathleen lag rechts neben mir, Simone links neben mir – es war äußerst kuschelig. „Irgendjemand hatte sich doch eine gemeinsame Kuschelstunde gewünscht!“ meine Simone und spielte auf diesen Blog und seine Kommentare an.

Unsere Rollstühle standen auseinandergebaut auf den Vordersitzen und bei Luisas Freundin im Bus, so dass sie nicht nass wurden, als es, kurz nachdem wir alle richtig lagen, zu schütten anfing. Ein heftiges Gewitter zog über uns hinweg. Wir blickten durch die Scheiben in den mit Blitzen durchzogenen Nachthimmel und quatschten ohne Ende. Schlafen konnte erstmal sowieso keiner. Als der Regen aufhörte, öffneten wir die Scheiben in den hinteren Türen einen kleinen Spalt. Die Temperatur unter der Decke war genau richtig.

Als ich am Morgen aufwachte, tat mir alles weh. Cathleen schlief mit halb offenem Mund, Simone hatte einen Arm um meinen Bauch geschlungen, ich hatte irgendwelche losen Haare im Mund und alle schienen glücklich zu sein. Als ich mich anders hinlegen wollte, fing Cathleen an, im Schlaf zu schmatzen, vermutlich träumte sie noch von der Grillwurst.

Nach einem ausgiebigen Nutellafrühstück unter einem großen Sonnenschirm bei Regen (der Sonnenschirm gehörte zu einem Imbiss, der aber noch geschlosen hatte) und einem weiteren ausgiebigen Bad in der warmen Ostsee, ebenfalls bei Regen, mit Schlamm- und Quallenschlacht, duschten wir noch einmal und fuhren dann wieder nach Hause.

Am Abend zogen wir noch mit insgesamt 15 Leuten über den Hamburger Dom (Volksfest) und schauten uns das Feuerwerk an. Es war zwar bewölkt, aber trocken und man konnte es gut sehen. Danach fiel ich völlig müde in mein Bett.

Danke an alle für die vielen Mails und Geburtstagsgrüße, für die lieb organisierte Geburtstagsparty, den Kuchen, und für alles, was ich gerade nicht erwähne!

Luisa zieht wieder aus

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Luisa zieht zum Ende dieses Monats aus unserer WG wieder aus. Es ist sehr schade und sie ist darüber sehr unglücklich. Sie hat sich hier richtig wohl gefühlt und ich finde, sie passt auch super in die WG. Nur leider benötigt sie mehr Platz. Sie war beim Einzug zu optimistisch. Das ist eine äußerst bittere Pille.

Ihr Unfallquerschnitt liegt unterhalb des 4. Brustwirbels, also vergleichsweise hoch. Die Grenze, über der sie etwas merkt, liegt genau auf Höhe der Brustwarzen. Sie ist für ihre Lähmungshöhe unglaublich mobil, kommt aber nicht komplett ohne Pflegehilfe aus. Sie schafft im Notfall zwar alles alleine, nur es dauert Stunden und belastet Arme, Handgelenke und Schultern derart, dass sie beste Chancen hat, innerhalb von wenigen Jahren das, was jetzt noch funktioniert, auch noch zu ruinieren.

Wie wir alle wissen, ist für professionelle Pflege keine Zeit, so dass alles optimiert werden muss, insbesondere Hilfe beim Aufstehen und Zubettgehen wird immer gleich mit Hilfe bei der Körperpflege verbunden. Sie hat die Pflegestufe II und findet keinen Pflegedienst, der sie in einem 12 Quadratmeter großen Zimmer mit Dusche auf der anderen Seite des Flures betreuen möchte. Jedenfalls nicht zu den Sätzen der Pflegestufe II. Zuerst hatten wir alle noch gehofft, dass die gegnerische Unfallversicherung aufstockt, das Verfahren ist jedoch nicht abgeschlossen und wird vermutlich noch bis 2013 dauern. Das Sozialamt hat ein Gutachten erstellen lassen, ob es überbrückungsweise in Vorleistung geht. Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass man in einem anderen Wohnumfeld mit weniger Pflegeleistung auskommen würde und lehnt ab, müsste also auch verklagt werden.

Nun zieht Luisa zum 01.09. in eine eigene, größere Wohnung nach Hamburg-Allermöhe. Während sonst rund zwei Jahre Wartezeiten auf rollstuhlgerechte Wohnungen in Hamburg sind, geht es bei einer Anfrage des Sozialamtes innerhalb von wenigen Tagen. Ich verkneife mir jeden Kommentar und hoffe, dass Luisa uns so oft wie möglich besuchen kommt.