Augenblickversagen

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Wenn wir schon bei Regelübertretungen sind: Ich bin seit Jahren nicht mehr geblitzt worden. Marie auch nicht. Weil wir beide relativ vorschriftsmäßig fahren. Nie in einem Bereich, in dem es Punkte geben würde, und in aller Regel auch so wie es dransteht. Neulich kam ich vom Spätdienst nach Hause, da war auf einer Landstraße, auf der sonst 100 km/h gefahren werden darf, 50 km/h angeordnet. Wegen Bauarbeiten. Allerdings war die Baustelle bereits weg. Es lagen nur noch ein paar Warnbaken am Straßenrand. Da bin ich tatsächlich Tacho 75 gefahren. Mit Toleranzabzug … nee, ich glaube, da blitzt keiner. Eher räumen sie mal das vergessene Schild weg. Das am nächsten Morgen übrigens seitwärts gedreht war.

So richtig heftig werden sollte es, als wir vor einigen Monaten in Niedersachsen auf einem Konzert waren. Marie und ich mit Helena. Das Konzert war vorbei, wir fuhren nach Hause. Helena quatschte auf dem Rücksitz, wie toll der Typ singen kann, der da gesungen hatte, ich versuchte mich, bei Dunkelheit und Regen und relativ viel Verkehr in einer mir unbekannten Großstadt auf den Weg zur Autobahn zu konzentrieren. Wir waren froh, dass wir das Konzert ohne Regen überstanden hatten und der Wolkenbruch erst begann, als wir gerade im Auto saßen.

Das Navi wollte mich geradeaus schicken. Fünf Spuren sollten geradeaus gehen, fünf grüne Ampeln leuchteten über der Straße, 60 war erlaubt. Es schüttete. Plötzlich wurde die Fahrspur, auf der ich fuhr, zur Linksabbiegerspur. Gerade eben noch stand über unserer Spur „Richtung Autobahn“, jetzt plötzlich waren wir durch eine fett gestrichelte Linie abgetrennt und sollten nach links ins Wohngebiet geführt werden. Ich wollte eine Spur weiter nach rechts, doch da fuhr jemand in gleichem Tempo. Also wurde ich langsamer. Er auch. Also wurde ich noch langsamer, bremste sogar. Er auch. So langsam endete meine Spur, so langsam näherten wir uns der grünen Ampel. Warum wurde er vor einer grünen Ampel langsamer?

Ich blieb fast stehen. Nun wurde der Kollege in der rechten Spur wieder schneller, und ich schaute, ob ich über die inzwischen durchgezogene Linie einfach geradeaus weiter fahre und mich hinter ihm einordne. Das wäre immerhin besser, als in irgendeiner Anwohnerzone zu landen und dort erstmal mühsam wieder rauszufinden. Rechts neben mir war niemand, schräg rechts hinter mir auch nicht, noch weiter rechts war auch niemand, der nach links in dieselbe Spur wechseln könnte, hinter mir fuhr … oh. Ein Streifenwagen. Dann wohl lieber doch nicht.

Also doch ins Wohngebiet und dort wenden. Ich blinkte links, schaute auf die Straßenbahnschienen, die in der Mitte der Straße verliefen, achtete auf den Gegenverkehr, auf die Fußgänger und zuckelte mit den erlaubten 30 km/h durch die Wohnstraße, um bei nächster Gelegenheit zu wenden. Dazu kam es nicht. Hinter mir gingen alle Lampen an: Stop, Polizei.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hatte eine Linksabbieger-Ampel übersehen. Die nicht über der Straße hing, sondern links an einem Ampelmast. Zusammen mit drei mal drei Lichtzeichen für die Straßenbahn. Marie hatte sie auch nicht gesehen, sagte sie hinterher. Und sie hatte mit auf den Verkehr geachtet. Immerhin hatte ich beim Konzert nichts Alkoholisches getrunken. Was ich nie mache, wenn ich noch fahren muss.

Gestern war die Gerichtsverhandlung. Zwei Punkte in Flensburg wären Asche. Wenn die fünf Jahre stehen bleiben würden, wäre ich wohl ungeeignet, um Helena beim Begleiteten Fahren zu begleiten. Aber so ist das Gesetz. 200 Euro … naja. So ist das Gesetz auch. Aber ein Monat Fahrverbot wäre der Hammer, weil ich jeden Tag eine Dreiviertelstunde zur Arbeit fahre und dort weder Bus noch Bahn verkehrt. So. Eine. Scheiße. Darüber hätte ich gerne noch einmal gesprochen. Zu verlieren gab es nichts.

„Julia Socke? Sie sind 27 Jahre alt, ledig, wohnhaft in […]; was sind Sie von Beruf?“ – Ich sagte dem Richter, dass ich mich in Pädiatrie weiterbilde. Der Mann war kurz vor seiner Pensionierung, hatte leicht gewelltes, schwarzes Haar, hatte der Sonnenbräune nach zu urteilen gerade Urlaub gehabt und er trug eine Brille mit einem schmalen silbernen Rand. Er klärte mich, vermutlich pflichtgemäß, darüber auf, dass ich mich vor Gericht nicht selbst belasten müsste. Er erwähnte, dass ich keine Vorstrafen habe und auch keine Punkte in Flensburg.

„Ihnen wird vorgeworfen, am […] in [einer Großstadt] einen Rotlichtverstoß begangen haben. Dabei war die Ampel länger als eine Sekunde Rot. Sie haben sich bislang dazu nicht geäußert. Möchten Sie sich heute dazu äußern?“ – „Ja.“ – „Und was sagen Sie dazu?“ – „Es stimmt.“ – „Sie geben den Verstoß also zu und möchten vermutlich erreichen, dass Ihnen das Fahrverbot in eine höhere Geldbuße umgewandelt wird, weil Sie als berufstätige Rollstuhlfahrerin natürlich täglich auf Ihr Auto angewiesen sind, richtig? Sie sind sehr nervös, das sehe ich. Machen Sie sich bitte keine Gedanken, es passiert hier nichts Schlimmes. Wir können über das Fahrverbot sprechen. Meistens verdreifacht sich dann das Bußgeld. Das könnten Sie notfalls in Raten zahlen. Aber erzählen Sie mir doch bitte erstmal, wie es zu dem Verstoß gekommen ist.“

Ich erzählte ihm die Geschichte. Er fragte, mit wem ich auf dem Konzert war. Ich erzählte kurz von Helena. Ich erzählte auch, wie heilig mir mein Führerschein ist. Ich erzählte ihm, dass ich eigentlich verbotenerweise die durchgezogene Linie überfahren wollte, ich mich dann aber wegen des Streifenwagens hinter mir kurzfristig anders entschieden habe. „Meine Ehrlichkeit hat damit vermutlich einen Grad erreicht, den man auch als Dummheit bezeichnen könnte.“

„Nein, Frau Socke. Sie liefern damit einen entscheidenden Hinweis. Sie wollen eine Regel übertreten, sehen dann aber kurzfristig davon ab, weil Sie die Polizei hinter sich sehen. Und begehen einen noch viel größeren Regelverstoß. Es war nass, es war schlechte Sicht, es war dunkel, viele Lampen leuchteten, insbesondere an dem Mast mit der für Sie maßgeblichen Linksabbiegerampel, die Rot zeigte. Sie haben diese Ampel einfach nicht wahrgenommen. Kann das sein?“

„Nur so kann ich es mir erklären. Hätte ich sie korrekt wahrgenommen, wäre ich nicht bei Rot gefahren.“ – „Juristen sprechen dabei von einem ‚Augenblickversagen‘. Und das kann für sich betrachtet schon ein Grund sein, um von einem Fahrverbot abzusehen. Das kann jeden Menschen betreffen, der in der Routine trotz aller Sorgfalt und Genauigkeit und dem Willen, korrekt zu agieren, etwas Wichtiges übersieht. Es kommt hinzu, dass an dieser Kreuzung selbst Ortskundige regelmäßig Verstöße begehen, gerade beim Abbiegen. Was mich wundert: Warum haben wir eigentlich kein Bild von dem Verstoß in der Akte? Da steht doch ein Blitzer.“

„Der Blitzer hat nicht ausgelöst, weil die Ampelanlage einen gemeldeten [?] Defekt hatte. Das ist meistens eine kaputte Lampe. Wenn die Ampelanlage feststellt, dass bei ihr irgendwas nicht geht, löst auch der Blitzer nicht aus. In diesem Fall gibt es aber die eindeutige Aussage der Polizeibeamten, dass Frau Socke bei Rot gefahren ist und sie hat es ja auch eingeräumt.“

Der Richter antwortete: „Sie hat es nicht eingeräumt. Sie hat die Ampel nicht gesehen und wehrt sich nicht gegen die Behauptung, sie sei bei Rot gefahren. Das ist ein Unterschied. Es ist Aufgabe der Stadt, die Ampelanlage den Regeln entsprechend zu betreiben. Wir wissen nicht, was konkret defekt war und wie dieser Defekt sich auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmerin ausgewirkt hat. Noch dazu an dieser Kreuzung, die ohnehin sehr anspruchsvoll ist. Noch dazu die Witterungsbedingungen. Augenblickversagen. Eine schwere Behinderung, die Frau Socke auf ihr Auto angewiesen sein lässt. Es kommen so viele Zweifel, Faktoren und Umstände zusammen, dass ich eine Strafe nicht rechtfertigen kann. Möchten Sie dazu gehört werden?“, fragte er den Verkehrsmenschen. Der schüttelte den Kopf.

„Das Verfahren ist eingestellt. Alles Gute für Sie! Fahren Sie vorsichtig.“ – Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Bedankte mich. Fing vor Rührung fast an zu heulen. Da hatte ich aber richtig Glück gehabt! So richtig fassen kann ich es noch immer nicht.

Beratungsbesuch

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Inzwischen kennen wir das ja schon: Zu uns nach Hause kommt regelmäßig das Jugendamt, um sich ein Bild davon zu machen, wie es Helena geht. Ein erster Termin fiel wegen Krankheit der Mitarbeiterin aus, nun, zum zweiten Termin, erschien eine Kollegin, die wir noch nicht kannten. Schätzungsweise um die 60 Jahre alt, hatte vor dem Termin im Auto erstmal geraucht und zog nun eine Fahne aus Parfüm und Zigarettengeruch hinter sich her. Auch wenn Helena ungewohnt schüchtern, fast schon ängstlich ihr gegenüber war, war die Frau eigentlich in Ordnung.

Sie wollte Helenas Zimmer sehen, was sie anlässlich des Besuchs aufgeräumt hatte, so dass es nicht aussah wie ein tapezierter Bombentrichter. Sie fragte, ob sie in ihren Kleiderschrank schauen dürfe. Das kannten wir noch nicht. Helena zuckte mit den Schultern und öffnete alle Türen. Dann wollte sie von Helena wissen, welches ihr derzeitig größtes Problem sei. Sie stellte aktiv die Frage, ob Helena umziehen und von hier weg möchte, was ich immer wieder verstörend finde, aber natürlich vollends verstehe, weil Kinder so einen Wunsch im Zweifel ja nicht selbst ansprechen würden. Es ist aber auch schwierig, zu verstehen, dass das Amt mit dieser Frage keine weiteren Hintergedanken verfolgt. Bei den ersten Malen dachte Helena gleich, man wolle ihr da was in den Mund legen.

Helena zeigte freiwillig ihr letztes Zeugnis und einige Handyfotos und Videoclips vom Reiten, Schwimmen und Handbiken, dann hatte die Dame es auch schon fast wieder eilig. Eigentlich dient so ein Besuch auch unserer Beratung, dafür war gar keine Zeit. Aber es war auch gar kein Bedarf da. Wir würden in den nächsten Tagen eine Abschrift des Berichts bekommen, den sie anfertigen müsse. Ich vermute, dass auch dieses Mal alles in bester Ordnung sein wird.

Auch wenn ich Stolz und Eigenlob nicht so mag, so bin ich doch sehr froh und sehr glücklich, dass Marie und ich trotz anfänglicher Zweifel, ob wir das schaffen würden, diesen Weg gegangen sind und diese Herausforderung angenommen haben. Ich weiß, dass es auch ganz anders laufen kann, aber: Wir bereuen die Entscheidung zu keiner Sekunde. Helena bereichert unser beider Leben sehr, im Übrigen auch das von Maries Eltern, und wir sind stolz, ihr etwas Halt geben zu können. Auch wenn es nicht einfach ist, mit zwei Menschen im Schichtdienst in so klaren und geregelten Strukturen zu leben, die ein Kind gerne hätte; die Erfahrungen, die wir mit Helena machen, und die sehr überwiegend positiv sind, bereichern unser Leben sehr.

Wert des Menschen

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Vier Nachtschichten bringen eigentlich alles durcheinander. Eine geht noch, finde ich, wenn ich dann morgens schlafen kann bis mittags, komme ich relativ gut wieder in meinen Rhythmus hinein. Aber vier am Stück machen mindestens eine relativ schlaflose Folgenacht. Und wenn ich dann am Tag auf diese Folgenacht wieder mit Frühdienst beginnen soll, fällt es mir wirklich sehr schwer, morgens um 4.00 Uhr aufzustehen.

Noch größere Bauchschmerzen macht mir allerdings die momentane Personalsituation bei meinem Arbeitgeber. Ich werde fast täglich gefragt, ob ich noch eine andere Schicht zumindest zur Hälfte zusätzlich übernehmen könne. Wenn ich „nein“ sage, wird noch einmal moralischer Druck aufgebaut. Nicht nur unter vier Augen, sondern auch durch fragwürdige Darstellungen gegenüber Dritten. Ich habe nicht live mitbekommen, dass jemand über mich abgelästert hat, weil ich nicht (ausreichend oft) einspringen würde; aber ich habe live mitbekommen, wie ein Vorgesetzter sich mir gegenüber über eine Kollegin ausgelassen hat, die ein kleines Kind zu Hause hat und deshalb weitere Schichten abgelehnt hat. Wer über andere lästert, lästert auch über mich. Widerlich sowas, weil es eben immer nur die halbe Wahrheit oder zumindest nicht überprüfbar ist. Leider ist die Hoffnung, dass Menschen fundierte Informationen von dämlichem Geläster abgrenzen können und wollen, erfahrungsgemäß vergeblich. So bleibt mir nur: Ein dickes Fell und zwei Ohren.

Meine Kollegen wissen nicht, wann ich Geburtstag habe. Mit Ausnahme derjenigen, zu denen ich ein engeres Verhältnis habe. Von denen war nachts niemand da, so dass ich nur einige Kurznachrichten um Mitternacht auf mein Handy bekam. Um halb drei war es so ruhig, dass ich mich einen Moment im Bereitschaftszimmer hinlegen wollte, aber noch nicht mal lag, als ich schon wieder angepiept wurde. Stichwort Atemnot. Socke flitzte, am Ende war nichts los, wofür man mich gebraucht hätte. Ein Kind, das mit bekanntem Asthma und einer chirurgischen Sache bei uns war, hatte ein vergleichsweise harmloses asthmatisches Geschehen und brauchte sein Spray.

„Wo Sie schonmal hier sind, im Zimmer 5 der junge Privatpatient ist noch immer wach und kann nicht einschlafen. Kann der was bekommen?“ – „Ja, einen warmen Tee.“ – „Ob er davon schläft…“ – „Werden wir sehen. Ich kümmere mich mal.“ – Ich klopfte vorsichtig und schaute um die Ecke. Der junge Mann, acht Jahre alt, saß in seinem Einzelzimmer, auf das die Eltern bestanden haben, im Dunkeln auf dem Bett und guckte aus dem Fenster. Er drehte sich nicht um, als ich reinrollte. Vermutlich hatte er mein Spiegelbild im Fenster gesehen. Als ich an der dem Fenster zugewandten Bettkante stand, merkte ich, dass er weinte. Nicht aufgeregt, sondern sehr entspannt. Traurig. „Darf ich mich zu dir setzen?“, fragte ich ihn. Er nickte und zuckte mit den Schultern. Gleichzeitig.

Also hat sich Socke nachts um kurz vor drei Uhr auf das Bett gesetzt und einen Moment lang stumm mit dem jungen Mann in die dunkle Nacht hinausgeschaut. Ein paar Bäume bewegten sich im Wind, einige Lampen leuchteten, die Wege waren menschenleer. Ich habe nichts gesagt. Nach drei Minuten fragte er mich: „Was ist eigentlich jemand wert, der Asthma hat?“ – Ach, daher wehte der Wind. Srichwörtlich. Ich wartete einen Moment ab, aber er wollte wohl eine Antwort auf seine Frage bekommen. Ich antwortete mit einer Gegenfrage: „Was ist das denn überhaupt, der Wert eines Menschen?“

Ich merkte, wie er nachdachte. Bevor er antwortete: „Naja, wie andere einen finden und so. Ob andere einen als Freund haben wollen zum Beispiel.“ – „Würdest du denn jemanden zum Freund haben wollen, der Asthma hat?“ – „Ich ja.“ – „Und glaubst du, dass andere Menschen anders denken?“ – „Ich weiß es. Wir haben ein Mädchen mit halben Armen und ohne Finger in der Schule. Die ist auch (!) immer alleine.“ – „Dann quatsch doch mal mit ihr. Vielleicht versteht ihr euch ja gut. Ich glaube übrigens, dass der Wert eines Menschen nicht dadurch bemessen wird, wieviele Freunde er hat. Natürlich ist es wichtig und ein gutes Zeichen dafür, ob jemand gut ankommt. Aber ich finde, jeder Mensch ist gleich viel wert. Und alles andere sind Sympathiepunkte. Und die kannst du auch mit Asthma bekommen. Vielleicht sind einige deiner jetzigen Freunde nicht die richtigen. Vielleicht bist du ihnen durch dein Asthma aber auch schon einen Schritt voraus, weil du mehr über dich nachdenkst als die anderen über sich.“

Am Ende trank er seinen Tee und wurde müde. Ich bin dann aus seinem Zimmer, habe noch etwas schlafen können und bin bei mir zu Hause gerade noch angekommen, bevor Helena eigentlich zur Schule los musste. Marie war schon zum Frühdienst weg und wir hatten abgesprochen, dass sie ihr alles für das Frühstück hinstellt. Stattdessen hatte Helena uns beiden einen Geburtstags-Frühstückstisch gezaubert, mit einem selbstgebackenem Topfkuchen mit Kerzen drauf, Brötchen vom Bäcker geholt … so lieb! „Ich muss erst zur zweiten Stunde, erste fällt heute aus.“

Endlich mal wieder gemeinsam ausgiebig frühstücken und quatschen. Als Helena aus dem Haus war, habe ich mich einen Moment lang hingelegt. Aber so wirklich lange schlafen konnte ich nicht. Immerhin konnte ich während meiner nächtlichen Bereitschaftszeit schon einige Zeit meine Augen schließen. Am Mittag habe ich einen Kartoffelauflauf vorbereitet, gegen 14 Uhr haben wir dann zu dritt gemeinsam gegessen und sind dann bei schönem Sommerwetter alle gemeinsam fast drei Stunden lang mit unseren Handbikes an der Ostsee entlang gefahren. Haben viel gequatscht, endlich mal wieder Zeit für uns gehabt, bevor abends mein nächster Nachtdienst losging.

Am nächsten Mittag stand Christin plötzlich bei mir vor der Haustür. Wollte was abgeben. „Eigentlich wollte ich das gestern schon vorbei bringen, aber da warst du nicht da. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich, aber du musst versprechen, dass du es mir nicht übel nimmst. Du brauchst ganz viel Humor. Aber es hat mich so angelacht, dass ich dem nicht widerstehen konnte.“

Ich rechnete schon mit einer Barbie im Rollstuhl oder einem Shirt mit dem Aufdruck „Hauptsache, die Haare liegen“ oder ähnliches. Nein: Pampers. Sie schenkte mir zu meinem 27. Geburtstag ernsthaft mehrere Probierpackungen Windeln. Wobei das keine kostenlosen Testpackungen waren, sondern käuflich erworbene Einzelstücke, immer zu viert eingeschweißt. Was das sollte? Nun: „Ich dachte mir, immer nur weiß mit Zahlen und Buchstaben drauf, ist auf die Dauer ein wenig langweilig. Also ich trag ja auch nicht nur weiße Baumwollslips. Und die haben mich angelacht.“

Eine amerikanische Firma bringt ihre Produkte auch in bunt und mit aufgedruckten Comic-Motiven auf den Markt. Katzencomics, Einhörner, Schmetterlinge, Kühe, Regenbögen, alles mögliche. Aber auch: Piraten-Outfit (mit Totenköpfen) oder komplett schwarz, komplett pink. Wahnsinn. Weg von dem medizinisch-sterilen Design, hin zu ganz bunt und schräg. Für Erwachsene. Vermutlich mehr als Spielzeug für die Adult-Baby-Szene (ja, es gibt Menschen, die finden die Dinger erotisch oder zum Spiel dazugehörig), aber ich fand das auch so megalustig und eine schöne Idee. Leider kosten sie pro Stück deutlich über zwei Euro, was natürlich heftig ist. Aber für besondere Anlässe, zum Beispiel beim nächsten Besuch bei meiner Gynäkologin, hab ich wohl den Lacher auf meiner Seite.

Nächtlicher Besuch

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Da liege ich abends um 22 Uhr in meinem flauschigen Bett, habe das Licht ausgeschossen und höre keine Musik mehr, weil ich nach anstrengender Arbeit einfach nur noch schlafen möchte, als draußen im Garten Licht angeht. Da ich das Fenster gekippt habe und die Rolläden nicht ganz geschlossen, damit ich nachts beim Schlafen mit meinem hohen Sauerstoffbedarf keinen Unterdruck erzeuge, kann ich das sehen. Ich vermute eine Katze oder irgend ein anderes Tier, das durch einen Bewegungsmelder gelaufen ist.

Eine Minute später ist das Licht wieder aus. Hätte ich schon geschlafen, hätte ich das gar nicht mitbekommen. Doch dann: Erneut geht das Licht an. Zweite Katze? Kloppen die sich gleich noch im Garten mit lautem Geschrei? Da es bei uns nachts sehr still ist, höre ich, wenn ich die Ohren spitze, sehr viele Geräusche. Quakende Frösche, zirpende Grillen, alles sowas. Jetzt glaubte ich, Schritte zu hören. Ich hielt die Luft an, damit ich das besser hören konnte. Wirklich Schritte?

Paranoia. Keine Schritte. Oder? Das Licht ging wieder aus. Dann klapperte ein Rolladen. Mir stockte der Atem. Jemand tippte mit seinen Fingernägeln ganz sanft gegen das Fensterglas. Spooky! Erlaubte sich hier jemand von meinen Freunden einen blöden Scherz? Oder ist es irgendein Psycho, der meinen Blog gelesen, meine Adresse herausgefunden hat und mich jetzt mal live erleben oder vielleicht gleich vergewaltigen will? Auf dem Rollstuhl neben meinem Bett lag mein Handy. Ich griff es im Dunkeln, zog es in mein Bett, zog die Bettdecke über den Kopf und versuchte die App zu öffnen, mit der ich die Überwachungskamera im Garten sehen kann. Es lud und lud, dann: Da stand tatsächlich jemand vor dem Fenster.

Inzwischen war die Beleuchtung wieder aus, so dass ich keine eindeutigen Details erkennen konnte. Meine Oma hat früher immer gesagt: „Wenn jemand hinten rein will, flüchte nach vorne!“ – Und ich glaube nicht, dass sie irgendetwas doppeldeutig gemeint hat. Also raus aus dem Zimmer und die Polizei rufen? Nur: Bis die hier ist, wäre wohl alles vorbei. Nachts ist die Station im Ort nicht besetzt, die zuständige Stelle über zwanzig Kilometer entfernt. Mit Chance wäre ein Fahrzeug in der Nähe und könnte sofort losfahren. Maries Hund ist auch nicht vor Ort, Schusswaffen habe ich keine im Haus (geschweige denn, dass ich damit umgehen könnte oder können möchte). Wenn ich jetzt die Rolläden ganz runter mache und das Fenster schließe, wäre erstmal etwas mehr Sicherheit da und derjenige wüsste, dass jemand zu Hause ist. Wenn er aber wirklich rein will…

„Jule?“, flüsterte draußen jemand. Das war eine weibliche Stimme. Wer schleicht nachts unangemeldet durch den Garten? Meine Mutter? Hatte sie meine Adresse herausgefunden und stalkt mich wieder? Die Stimme sagte erneut, nur dieses Mal etwas lauter: „Jule?!“ – Jetzt erkannte ich die Stimme. Es war Christin. Ich öffnete den Rolladen und das Fenster weit. Sie fragte: „Darf ich rein?“ – „Wie bitte?“ – „Ich möchte zu dir ins Bett. Ich vermisse dich total und habe totalen Entzug.“ – „Ich habe mich tierisch erschreckt! Warum meldest du dich denn nicht vorher? Ich hätte fast die Polizei gerufen!“ – „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten und wollte unbedingt zu dir. Und weil es schon etwas später war, wollte ich [Helena] nicht aufwecken, wenn ich jetzt noch klingel. Kuscheln wir ein wenig?“

„Nein“, sagte ich mit ernster Miene. Sie guckte mich mit großen Augen wie versteinert an. Das hatte sie wohl nicht erwartet. Und vermutlich rechnete sie mit allem, nur nicht mit einer Offensive. Ich löste die Situation schnell auf: „Ein wenig reicht mir nicht. Ich möchte mehr.“

Christin kletterte durch mein Schlafzimmerfenster hinein. Wenn das jemand von außen beobachtet, würde er sich vermutlich auch alles Mögliche denken. Hoffentlich, so dachte ich, denkt sich nur keiner, hier wären Einbrecher am Werk. Ich schrieb Marie eine Nachricht, dass ich überraschend noch Besuch bekommen hätte, und hängte für Helena einen Bitte-nicht-Stören-Zettel an die Tür, damit sie bei Bedarf zu Marie ginge, bevor ich meine Schlafzimmertür abschloss. „Ich habe noch nie in einem Wasserbett gepennt“, sagte sie. Ich antwortete: „Wieso pennen, ich dachte, du willst kuscheln?“

Um es kurz zu machen: Am Ende haben wir gekuschelt. Ich habe eine Schulter-Nacken-Rücken-Massage bekommen, ich habe ihr den Bauch gekrault. Mehr ist nicht gelaufen: Kein Sex, kein Knutschen, keine intimen Berührungen. Auch wenn wir nackt waren und es für den einen Leser oder für die andere Leserin möglicherweise nahe liegt. Irgendwann sind wir beide eingeschlafen. Es war alles sehr schön und ich habe auch nichts vermisst. Am Morgen ist Christin noch vor dem Duschen und vor dem Frühstück wieder abgezischt. Ich musste sehr früh raus, und liegen bleiben wollte sie nicht. Verständlichweise – vor dem Kennenlernen der Anderen hätte ich das vermutlich auch nicht gemacht an ihrer Stelle.

Auch wenn ich solche Überraschungen, bei denen jemand durch meinen Garten schleicht, überhaupt nicht mag, habe ich mich sehr über diesen spontanen Besuch gefreut.