Erinnerung

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Ich könnte es auf das Jahr 2020 schieben, das ohnehin schon eine große Belastung für uns alle ist, ich könnte es aber auch sein lassen, denn sie hat sich gewiss nicht an Jahreszahlen orientiert: Maries Hündin ist heute gestorben.

Bis vor Weihnachten war sie noch verhältnismäßig lebhaft. Sie ist zwar lange schon keinen Bällen mehr hinterher geflitzt, aber ist durchaus gelaufen, hatte Spaß mit anderen Hunden auf ihren täglichen Gassirunden, hat mit denen auch immernoch gespielt. Sie ist auch ohne Leine hin und her getrabt, hat neugierig über jede Deichkrone schauen müssen und an jeder Ecke geschnüffelt. Sie hat bis zuletzt normal gefressen, hat sich für Leckerlis und Knochen interessiert, für ihr Spielzeug, hat sich kraulen lassen, hat unser Haus bewacht. An den Weihnachtstagen wirkte sie, rückblickend betrachtet, etwas müde. Aber wir waren alle etwas müde.

Heute morgen und heute Mittag war sie noch ganz normal draußen, nach dem Mittag hat sie sich auf ihrer Decke schlafen gelegt. Gegen 19 Uhr wollte Marie mit ihr noch einmal vor die Tür, kam in die Küche und sagte: „Was meinst du, ob ich alleine raus gehe?“ – Normalerweise versteht sie „raus gehen“ und kommt sofort angelaufen. Nö. Und dann: „Du, schau mal bitte. Wieso liegt sie hier so komisch?“

Sie war bereits kalt. Ich habe Marie erstmal in den Arm genommen. Marie wollte den Tierarzt haben. „Ich glaube, es ist mir wichtig, dass er nochmal drauf schaut.“ – Na sicher. Der Tierarzt kam auch sofort. Nach seiner Überzeugung ist sie sanft eingeschlafen. Eine Vergiftung schließt er aus. „Wie alt war sie?“ – „15 Jahre.“ – „Dann hat sie es sehr gut bei euch gehabt. Normalerweise werden die so 10 bis 12 Jahre.“

Seit ich Marie kenne, war die Hündin immer da. Es war uns allen klar, dass das eines Tages so sein würde. Helena ist sofort in Tränen ausgebrochen: „Sie war meine erste große Tierliebe.“ – Marie, die seit ihrem 13. Lebensjahr mit ihr zusammen ist, hat ihr gesagt: „Wenn sie uns jetzt so sehen würde, wüsste sie gar nicht, wem sie zuerst ihren Kopf auf den Schoß legen sollte. Das hat sie immer getan, wenn jemand traurig ist.“ – Helena: „Ich möchte, dass sie zurück kommt.“ – „Das wird nicht gehen. Ab heute lebt sie in deiner Erinnerung. Es wird eine Zeit brauchen, bis unsere Herzen das verstanden haben. Solange wird es weh tun, wenn wir an sie denken. Und so lange werden wir um sie trauern und um sie weinen.“

Flatterviecher

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Es wäre unverantwortlich und kein gutes Vorbild, zu Weihnachten zu Susi und Otto zu fahren, auch wenn wir das eigentlich so verabredet hatten. Auch wenn niemand von uns auf einer Corona-Station arbeitet, ist das Risiko, mit Infizierten Kontakt gehabt zu haben, gerade in der Medizin sehr hoch. Und wer von uns kann schon sicher sagen, wen wir dann noch anstecken und wie schwer unsere Verläufe sind? Nein, nein und nochmals nein. Außerdem wird davon abgeraten. Und selbst wenn es erlaubt wäre, man muss nicht alles ausreizen. Bleiben wir also zu Hause.

Unser direkter Nachbar, der sich immer mal wieder aus der Ferne erkundigt, wie es uns geht, und der auch in der Pandemie regelmäßig von uns ein selbstgebackenes Brot bekommt, bimmelte vor vier Tagen an unserer Haustür: „Ich hab einen Weihnachtsbaum für euch. Jetzt, wo ihr doch hier bleibt. Der lachte mich so an, da habe ich ihn spontan mitgenommen. Hauptsächlich für die Lütte [Helena]. Dann kann sie den schmücken und so … macht ihr bestimmt Freude. Jetzt habe ich also zwei auf dem Anhänger, einen für euch, einen für uns. Wenn ihr wollt. Ist aber nur geliehen, und er muss im Eimer bleiben. Der geht am 6. Januar zu meinem Kumpel. Der musste vier Bäume fällen und hat da jetzt eine riesige Lücke, in die er neue Bäume einpflanzen will.“

So haben wir also jetzt einen Weihnachtsbaum auf der Terrasse. Ganz kurzfristig und ungeplant. Aber schön.

Helena, die sich schon darauf gefreut hatte, über die Festtage mindestens einmal bei Susi und Otto im Garten in die Sauna zu dürfen, hat sich in den letzten Monaten ja aus unserer aller Sicht weiterhin recht gut entwickelt. Sehr unglücklich war eine Mobbing-Attacke mehrerer Mitschüler aus der Parallelklasse. Zuerst hatte jemand ihr den Rucksack entwendet, und, nachdem er ihn durchwühlt hatte und offenbar nichts brauchbares finden konnte, außerhalb des Schulgebäudes in den Müllcontainer geworfen. Hinterher kam heraus, dass mehrere Mitschüler Geld-Wetten darauf abgeschlossen hatten, dass der Diebstahl gelingen würde.

Sehr positiv war, dass mehrere Mitschüler aus Helenas Klasse sofort auf ihrer Seite standen, zwei sogar in den Müllcontainer geklettert sind, um den Rucksack wieder rauszuholen. Wir haben Helena einige Tage aus der Schule genommen, bis sie von sich aus wieder am Unterricht teilnehmen wollte. Ausschlaggebend war ein Brief ihrer Klasse, mit dem ihre Mitschülerinnen und Mitschüler sich ausdrücklich zu ihr bekannt haben, und das Angebot zweier Schüler, sich mit Helena auf dem Schulweg zu treffen, um gemeinsam zur Schule zu gehen und im Wiederholungsfall eingreifen zu können.

Sehr negativ war, dass eine weitere Person aus eben dieser Parallelklasse auch noch eine Webseite über Helena ins Internet gestellt hat, ebenfalls, um sie zu mobben. Darauf waren Bilder und Texte gespeichert. Auf einer Fotomontage sitzt ein Affe auf Helenas Schulter und laust ihre Haare. In einem Text heißt es beispielsweise, Helena habe sich während des Geburtsvorgangs so spastisch und krampfhaft an ihrer Mutter festgehalten, dass diese dabei verstorben sei. Und ähnliches. Die Seite ist inzwischen aus dem Netz verschwunden; angeblich wollte der Ersteller nur sein technisches Können unter Beweis stellen und habe an die Folgen für Helena nicht gedacht. Dass das eine Schutzbehauptung ist, ist spätestens klar, seitdem noch über eine weitere Person eine ähnliche Seite im Netz belassen wurde. Ein Anwalt kümmert sich. Von der Schule gab es bisher gefühlt wenig Unterstützung.

Auch wenn wir viel mit Helena darüber gesprochen haben und sie damit oberflächlich recht cool umgeht, hat das was mit ihr gemacht. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich gemobbt werde. Als Mensch mit Behinderung bin ich es gewohnt, Zielscheibe dummer Witze zu sein.“ Aber die Beharrlichkeit, mit der mehrere Täter vorgingen, hatte eine neue Qualität, wie ich ihre anders formulierten Gedanken in Worte fasse. Es ist noch lange nicht alles in Ordnung bei ihr und Marie und ich sind sehr glücklich, dass wir so gut miteinander zurecht kommen. Das war ja keineswegs selbstverständlich; und wir wissen auch, dass sich das jederzeit ändern könnte. Auch wenn wir es nicht hoffen.

Ihre ambulante Psychotherapie ist nicht mehr verlängert worden, obwohl sie dort sehr gut gearbeitet hatte. Widerspruch läuft, Susi hat eine sehr fundierte Begründung geschrieben, aber die Mühlen mahlen halt langsam. Vor drei Tagen kam Helena plötzlich weinend aus ihrem Zimmer, nachdem sie mit einer Mitschülerin gechattet hatte. Wir wussten erst gar nicht, was passiert sein könnte, es dauerte auch einen Moment lang, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte, dann meinte sie plötzlich: „Stell dir mal vor, bei […] hat sich die Mutter beschwert, dass sie ihr Weihnachtsgeschenk zu billig und zu oberflächlich findet. Vor Weihnachten. Es ist gar keine Überraschung mehr, weil sie das irgendwo gesehen hat. Das ist so schlimm und das tut mir so leid für […], weil sie sich solche Gedanken gemacht hat und es ehrlich gesagt gar nicht so billig war. Und das wühlt sie total auf.“

Auch wenn ich es natürlich nicht mag, wenn Helena so aufgewühlt ist, so rührt mich der Gedanke irgendwie, dass sich ihre Mitschülerin ausgerechnet Helena ausgesucht hat, um ihr Herz auszuschütten. Wir hatten ein gutes Gespräch über Aufmerksamkeiten. Über Freude machen, über Schleimerei, über Verselbständigung des Themas, über Konsumverhalten – allerdings ohne großartigen Widerspruch durch Helena. Wir haben schon immer die weihnachtliche Geschenke-Kurve mutwillig abgeflacht und alle nötigen Anschaffungen auf Zeiten abseits des Weihnachtsfestes gelegt. Wenn Helena neue Schuhe oder eine neue Hose braucht, gibt es die bewusst nicht zu Weihnachten. Nun ist es bei uns mit dem Geld auch nicht so knapp, dass wir neue Schuhe nur vom Weihnachtsgeld der Oma kaufen könnten; aber selbst wenn, fände ich es erst recht nicht gut, diesen kommerziellen Radau dadurch zu unterstützen. Sondern dann hätte ich vermutlich mit der Oma einen Deal, dem Kind die Schuhe anlasslos zu schenken. Und zu Weihnachten eine Kleinigkeit. Zu sehr nervt mich dieses „weiter, schneller, besser“ unter dem Weihnachtsbaum.

Susi und Otto schenken „ihrer Helena“ sehr gerne etwas zu Weihnachten oder zum Geburtstag und Helenas „materielles Sachvermögen“ profitiert sehr davon. Wobei man dazu sagen muss, dass Helena so gut wie nie materielle Wünsche hat und eigentlich sehr bescheiden ist. Umso mehr schätzt sie diese Geschenke. Susi und Otto sprechen es vorher mit uns (und beiläufig meistens auch mit Helena) ab, geben dann lieber mehr Geld für die Qualität aus, würden aber niemals irgendeinen Quatsch schenken. Beispiel Trampolin: Helena nutzt es auch nach einem Jahr fast täglich. Und unsere Nachbarn und wir profitieren davon, dass es eine gute Qualität hat, weil es quasi lautlos ist. Da klackert, scheppert, klimpert, quietscht und knarzt absolut nichts.

Heute fiel mir Helena um den Hals, als ich nach Hause kam. Ich dachte erst, es sei eine ungewöhnlich herzliche Begrüßung, aber dann merkte ich, dass sie schon wieder weinte. Inzwischen erzählt sie sehr schnell, was sie bedrückt. Was völlig neu ist, und deswegen erwähnte ich die derzeit beendete pausierte Psychotherapie, dass sie mit uns über ihre früheren Pflegeeltern spricht. „Jule, dieses Weihnachtsgedöns triggert mich wahnsinnig. Jetzt auch noch dieser Baum auf der Terrasse. Er ist schön, und es sind viele schöne Gefühle. Aber ich muss auch immer an viele doofe Sachen denken. Was essen wir eigentlich am 1. Weihnachtstag?“ – „Das hast du soeben resettet, wenn es irgendein Essen gibt, was dich aufwühlt.“ – „Ich möchte kein Flatterviech.“ – „Das hatten wir doch aber sowieso nicht vor.“ – „Ich weiß. Aber weißt du, warum? Bei meinen früheren Pflegeeltern gab es am 1. Weihnachtstag immer Gans. Und am 2. Weihnachtstag eine Suppe mit den Resten. Ich bekam am 1. Weihnachtstag immer als Letzte irgendwas Fettes, Ekliges auf den Teller, was die anderen nicht wollten, und was ich nie gegessen habe. Immer mit dem hämischen Kommentar, dass die guten Stücke leider schon alle weg sind. Einmal habe ich mir das so zu Herzen genommen, dass mir richtig übel wurde und mir das danach alles wieder hochgekommen ist. Später habe ich gehört, wie mein Pflegevater zu meiner Pflegemutter vor ihren beiden Kindern in der Küche gesagt hat: Sie weiß solche Kostbarkeiten doch gar nicht zu schätzen. Gans ist eindeutig zu gut für Helena.“

„Was?! Das ist so schlimm, was du durchgemacht hast. Die waren so scheußlich zu dir. Aber hör mal: Es gibt keine Gans zu Weihnachten. Auch kein anderes Tier. Wir wollten doch diese Mini-Burger zusammen machen. So richtig mit Brötchen selbst backen und Salate und so … oder wollen wir lieber gar nichts kochen und uns, wenn wir Hunger haben, ne Pizza auftauen? Ich weiß, dass das immer wieder Flashbacks gibt, gerade wenn es vergleichbare Umstände sind, wie jetzt zur Weihnachtszeit. Aber du kannst Weihnachten nicht abschaffen, sondern du kannst es nur anders machen und deiner Psyche so zeigen, was gut ist und was scheußlich war. Und ich glaube, zu dritt können wir das schaffen. Gerade dieses Jahr.“

„Mein Kopf weiß das ja auch. Aber weißt du, was es für ein verstörendes Gefühl war, als ich zum ersten Mal hier gegessen habe und du zu mir gesagt hast: Fang an, füll dir was auf!? Ich weiß inzwischen, dass das nicht normal war, wie meine früheren Pflegeeltern das gemacht haben. Herr [Therapeut] hat gesagt, das macht man mit Hunden so, wenn es Probleme mit der Rangordnung gibt. Dann fressen die zum Schluss. Die Message dahinter ist klar: Du bist die Unwichtigste hier. Jule, ich weiß das, und ich bin jeden Tag aufs Neue glücklich, dass ich hier bin und dass ich eine neue Chance bekommen habe. Aber meine Psyche glaubt es bis heute noch nicht und klickt ganz plötzlich random irgendwelche alten Videos rein.“ – „Und das Video-Fenster kriegst du dann so schnell nicht zu, oder?“ – „Es ist wie im Netz: Du bist mittendrin und plötzlich zählt irgendwo ein Countdown runter, noch 6 Sekunden, 5, 4, 3, 2, 1 und dann poppt irgendeine Scheiße auf, volle Lautstärke. Die Maus ist gerade nicht in der Nähe und klemmt immer in solchen Situationen, und bevor du wenigstens den Ton abgestellt hast, weiß das ganze Haus, was du gerade machst. Aber klar, die Idee mit den selbstgemachten Mini-Burgern ist gut und ich war ja auch spontan dafür.“

Kurz danach hat eine Freundin sie angerufen und wollte mit ihr über irgendwas mit Pferden sprechen. Zehn Minuten später war Helenas Lachen schon wieder durch das ganze Haus zu hören. Es ist mir bis heute unbegreiflich, wie diese Eltern an Helena oder überhaupt an ein Pflegekind gekommen sind. Vermutlich können sie gut etwas vorspielen. Aber es wird mir unbegreiflich bleiben, warum jemand, wenn die Chemie nicht stimmt, sein Pflegekind nicht abgibt, sondern es psychisch quält. Es bleibt mir wirklich ein Rätsel. Und ich möchte das vermutlich auch gar nicht verstehen.

Und dann kam Corona

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Warum habe ich seit über einem Dreivierteljahr nicht mehr gebloggt? Die Frage wurde mir im letzten Dreivierteljahr oft gestellt. Blöder Beginn für einen neuen Blogbeitrag nach so langer Zeit. Blöder Stil und so. Fast so wie „es war einmal“. Und „es war einmal“ ist nicht meins. Im Moment zumindest nicht.

Ich hatte so viel vor. Ich wollte so viel von den Dingen tun, die mir gut tun. Stattdessen: Quarantäne. Nur noch arbeiten und ansonsten zu Hause bleiben. Möglichst niemanden treffen. Eine schlimme Seuche liegt über unserem Land. Und bald schon über der ganzen Welt. Eine Pandemie. Ein Ereignis, das wir in unserem Land, in dem Menschen einst in Notaufnahmen gingen, weil sie sich einen Fingernagel eingerissen haben, nicht vorkam. Ein Ereignis, vor dem die Wissenschaft zwar immer schon mal vage und hypothetisch gewarnt hat, das aber, hätte man in 2019 jemanden außerhalb des medizinischen Sektors gefragt, dieser Jemand allenfalls als überzeichnetes und fiktives Katastrophenszenario auf Kinoleinwänden vermutet hätte.

Nach Popcorn dürfte inzwischen niemandem mehr zumute sein. Und das nicht nur, weil die meisten von uns inzwischen nicht mehr wissen, wie ein Kino von innen aussieht. Nachdem kurzzeitig die strengen Hygieneauflagen mal etwas gelockert werden konnten, weil das Corona-Virus bei hohen Sommertemperaturen und frischer Luft eher müde ist, ist Deutschland inzwischen wieder im harten Lockdown angekommen. Schulen zu, Einzelhandel zu, kein Sport, keine Kultur, Treffen nur online, zu Weihnachten und zu Silvester nach Möglichkeit bitte niemanden sehen. Allenfalls online.

Die anfängliche Hysterie, in der uns in der Klinik reihenweise die Desinfektionsflaschen aus den Spendern gestohlen wurden, haben viele schon wieder vergessen. Klopapier hat inzwischen auch jeder zu Hause, viele haben sich anfangs gleich eine ganze Palette bestellt, als sei das größte Problem der Arsch, den man sich notfalls nicht mit Wasser säubern könnte. Wasser wurde hingegen nicht in großen Mengen eingekauft, das kommt ja schließlich immer mit großem Druck aus der Leitung…

Zwischenzeitlich wurde mein Arbeitgeber hysterisch und wollte mich als Arbeitnehmerin mit hohem Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und schlechten Chancen, bei überlasteten Intensivstationen mit eigenem Erfolg durch die Triage zu kommen, lieber zu Hause sehen. Kurz danach brauchte er mich dann aber doch so dringend, dass ich nicht mehr zu Hause bleiben dürfe, und setzte mich auf der peripheren Inneren ein, trotz Weiterbildungsvertrag für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Flexibität sei gefragt, um Personal für die Intensivstationen herauslösen zu können.

Die Sache mit dem Abstand haben trotz aufgeklebter Abstandsbuttons und begegnungsfreien Einbahnstraßenregelungen bis heute noch nicht alle Menschen verstanden. Geschweige denn das Thema „Mund-Nasen-Bedeckung“, die Coronaleugner auch gerne am Kinn oder provozierend an der Stirn tragen. „Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“ wird zu meinem Standardspruch, um die unerwünschten Kuschelsüchtigen auf Distanz zu halten. Und ein ums andere Mal erkläre ich lieb meinen Mitmenschen, warum ich „als Behinderte“ meinen Maske auch dann trage, wenn ich mich vielleicht davon befreien lassen könnte. Solidarität ist das Gebot des Jahres.

Und so habe ich auch Christin seit einem Dreivierteljahr nicht mehr live gesehen und nicht mehr berühren können. Auch im Sommer nicht, schließlich arbeite ich im Gesundheitswesen und sie kann sich eine Corona-Erkrankung als Leistungssportlerin absolut nicht erlauben. Immerhin weiß noch niemand, wie sehr selbst ein fast symptomloser Verlauf die Lunge einschränken würde. Und damit die Möglichkeiten, absolute Spitzenleistungen zu erbringen. Von der Gefahr, auch als junger Mensch schwer zu erkranken, will ich gar nicht schreiben. Aber wir telefonieren mehrmals in der Woche, meistens mit Video.

Inzwischen habe ich mich entschieden, mich nicht in Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern in Pädiatrie weiterzubilden. Das eine Jahr wird angerechnet, aber nun musste ich mich festlegen und arbeite seit einigen Monaten in einer Kinderarzt-Praxis hier im Ort. Nein, das wollte ich eigentlich nicht, weil mich inzwischen hier jede Mutter und jeder Vater und jedes Kind kennt. Aber es war die einzige Praxis im Umkreis von 50 Kilometern, die einerseits barrierefrei erreichbar war (einschließlich der Mitarbeiter-Toilette), andererseits einen Platz vergeben konnte – und drittens keine offensichtlichen oder versteckten Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung hatte.

Von einzelnen Startproblemchen mal abgesehen, läuft es inzwischen sehr gut. Und ja, ich kann damit leben, dass im Supermarkt plötzlich Kinder angelaufen kommen und mir erzählen, dass ihre Warze oder ihr Durchfall verschwunden sind. Und tatsächlich ist ein Drittel meiner Zeit in dieser Praxis schon wieder vorbei. Noch bin ich gerne dort.

Und zu Hause? Da hat sich nicht viel verändert. Marie geht es gut. Auch sie zieht ihre Weiterbildung tapfer durch. Helena geht inzwischen schon in die 9. Klasse und beißt sich durch die behinderungsbedingten Unzulänglichkeiten des Alltags, kommt aber insgesamt gut zurecht. Maries Eltern, Maries Hündin geht es gut. Uns auch – so gut es uns unter Corona halt gehen kann.

Vierzehn und kein Service

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Im letzten Jahr war es noch uncool, zu Helenas Geburtstag zu kommen. In diesem Jahr kamen gleich zwölf Mitschülerinnen und drei Mitschüler, um mit ihr zu feiern. Wir haben von einem Verein einen Partyraum gemietet, diesen mit Helena zusammen schön geschmückt und es ordentlich krachen lassen. Es gab ein kaltes Buffet, das Marie, Helena und ich am Vortag gemeinsam vorbereitet hatten, altersentsprechende Mucke, Luftballons und Leuchtgirlanden. Dazu Rolläden runter und Partybeleuchtung an – einschließlich Diskokugel.

Was machen 14 Jahre alte Teenys so? In erster Linie quatschen, lachen, singen und tanzen. Nein, es gab kein festes Programm, sondern eine Playlist. Und zwei Mikrofone zum Mitsingen. Und einen Bildschirm für die beim Karaoke nicht ganz so textsicheren Gäste. Alkohol gab es keinen, geraucht wurde auch nicht, weder Tabak noch Gras, selbst der Konsum von Zuckerzeug und Chips hielt sich in engen Grenzen. Helena, die mir gerade in der Zeit, in der sie ihre letzten Jahre mit einem Psychologen mühsam aufarbeitet, oft viel zu ernst und zu erwachsen ist, standen Spaß, Freude und Ausgelassenheit ins Gesicht geschrieben. Insgesamt war es zweifellos ein ziemlich verrückter Haufen. Im positiven Sinn. Einige hatten ihr einen Gutschein für ein angesagtes Bekleidungsgeschäft geschenkt, es gab sogar zwei Taschenbücher, andere hatten ihr ein Kuscheltier, eine Stoff-Schildkröte, geschenkt, ihre beste Freundin hatte ihr einen Kuchen gebacken und ein Fotobuch gebastelt. Das alles spricht für mich dafür, dass sie inzwischen in ihrer Klasse ankommen ist und akzeptiert wird. Vielleicht nicht von allen (wer wird das schon), aber immerhin von einem gewissen Teil, der ihr zu einem festen Stand verhilft. Und ehrlich gesagt: Ich weiß gerade gar nicht, wer darüber glücklicher ist.

Am nächsten Tag räumten Marie und ich die Reste der Party auf, um den Raum wieder zu übergeben. Bevor ich mich direkt mit Christin auf den Weg zu einem Langstrecken-Schwimmwettkampf in die USA machte. Christin, die sich dabei durchaus international messen kann, hatte mich gebeten, sie zu begleiten. Sie war bereits am Wochenende zuvor auf einem Wettkampf außerhalb Deutschlands gestartet, steckte diese Doppelbelastung aber offenbar gut weg. Ich selbst bräuchte wohl eine längere Regenerationsphase. Es würde mein erster Auslandsaufenthalt und auch mein erster Flug nach einigen Jahren sein, und mein erster USA-Besuch überhaupt. Meine Einreisegenehmigung hatte ich bekommen, wir hatten einen Direktflug mit einer großen und seriösen, dafür etwas teureren Airline gebucht. Da es sehr früh aus der Mitte Deutschlands losgehen sollte, reisten wir am Tag vor dem Abflug bereits mit der Bahn in die Nähe des Flughafens an und würden eine Nacht im Hotel pennen.

Ich hatte mich schon gefreut, dass mein Idiotenmagnet offenbar zu Hause geblieben war. Ich hatte eine günstige Bahnfahrkarte geschossen, bekam auf Anhieb den gewünschten Zug, das Einsteigen mit der Rampe funktionierte ohne größere Vorkommnisse, es waren keine Chaoten im selben Waggon, kurzum: Es gab bis eine Stunde vor unserem ersten Zwischenziel nichts zu Meckern. Aber als wäre es zu langweilig, kam am vorletzten Bahnhof ein Mann, etwa 50 Jahre alt, in den Großraumwagen, ging nahezu zielstrebig auf mich zu, deutete auf meinen Platz und fragte: „Kann ich da sitzen?“ – Ich antwortete: „Sind ja irgendwie noch genügend andere Plätze frei, oder?“ – „Ja, wie Sie sehen, bin ich behindert und muss mein Bein ausstrecken. Hier ist ja schön viel Platz, wenn ich mich in eine der anderen Sitzreihen setze, stolpern alle über mein Bein.“

Ich meine, derjenige sieht doch, dass das ein Sitzplatz für Rollstuhlfahrer ist und mein Rollstuhl mir gegenüber steht. Wie kommt jemand auf die bescheuerte Idee, einen Rollstuhlfahrer aufzufordern, seinen Sitzplatz herzugeben? Bevor ich antworten konnte, sagte er: „Verstehen Sie nicht, oder? Wie denn auch, verstehe ich ja kaum.“ – Christin guckte mich mit offenem Mund völlig ungläubig an, sammelte sich und fragte mich: „Ist er nicht ganz dicht?“ – Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Nö, ist er nicht.“

Der Mann setzte sich direkt hinter uns und begann erstmal umständlich mit dem in meiner Rückenlehne integrierten Klapptisch zu hantieren, als die Zugbegleiterin reinkam und ihn direkt nach seiner Fahrkarte fragte. Er hatte eine für die zweite Klasse, saß aber in der ersten und begann auch mit ihr die Diskussion um sein behindertes Bein. „Nachlösen oder den Wagen wechseln“, war die Ansage. Er wollte weiter diskutieren, sie blieb hartnäckig und kurz darauf verließ er mit Sack und Pack den Wagen wieder in Richtung der zweiten Klasse. Und tschüss.

Das Hotel hatte Christin gebucht. Schön billig. Sie hatte sich schon gefreut, in dem Hotel einer Billigkette ein barrierefreies Zimmer bekommen zu haben. Und nein, ich bin nicht verwöhnt. Ich penne auch im Zelt, in einer Turnhalle auf einer Matte oder am Strand. Aber das hier war selbst für günstige 24,50 Euro pro Person eine Frechheit. Wir bemerkten natürlich sofort den Temperaturunterschied vom warmen Hotelflur in das eiskalte Zimmer. Heizkörper war defekt und kalt. Es gab ein Doppelbett mit einer Decke und zwei halbe Kissen. Die Decke war eine superdünne Steppdecke, halb so dick wie eine Wolldecke. Christin nahm sie in die Hand und fragte entsetzt: „Was ist das für ein Lappen!? Igitt, riech mal!“ – Das Ding stank völlig widerlich nach zu wenig Waschpulver im Hauptwaschgang. Genauso wie die beiden Handtücher, die auf dem Bett lagen.

Der Herr an der Rezeption gab sich ahnungslos. „Heizung müsste gehen.“ – „Es ist arschkalt in der Bude. Haben sie wenigstens einen Heizlüfter?“ – Er zuckte mit den Schultern. Christin fügte hinzu: „Eine vernünftige Decke wäre auch schonmal was.“ – Ich weiß, warum das vorab bezahlt werden muss. Wir einigten uns darauf, die eine Übernachtung am Tag der Rückkehr nach Deutschland zu stornieren und von unterwegs etwas anderes zu buchen. Für diese eine Nacht mussten wir wohl in den sauren Apfel beißen.

Das Frühstück am nächsten Morgen, das uns beide nochmal je 7,50 Euro extra gekostet hat und natürlich auch vorab bezahlt werden musste, bestand aus jeweils einem einzigen Brötchen und keinem Getränk. Die Kaffeemaschine war defekt, andere Getränke gab es nicht, mehr als ein Brötchen pro Person gab es auch nicht. Kein Saft, nicht mal Wasser. Dazu für uns beide zwei Scheiben Mortadella, zwei Scheiben Käse, zwei Marmeladen, in Plastik verpackt. Auf unsere schriftliche Beschwerde bei der Verwaltung der Hotelkette würde es später heißen: „Die Kaffeemaschine war tatsächlich defekt. Deswegen wurde Ihnen ja auch ein Gutschein für ein Frühstück in der Bäckerei nebenan ausgehändigt.“ – Ich muss wohl nicht erwähnen, dass niemand der Gäste einen Gutschein bekommen hatte. Auf die Heizung wurde gar nicht eingegangen. Vermutlich haben sie es nicht nötig.