Schimmel

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Es gibt Themen in der Medizin, die finde ich besonders spannend. Und es gibt Themen, die finde ich sogar noch spannender. Derzeit bilde ich mich fünf Jahre lang fort im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Da lerne ich hin und wieder auch mal ein paar neue Dinge, und was meinen aktuellen Arbeitsplatz betrifft, kann ich auch nicht klagen, aber … Maries Mama hat vor einiger Zeit eine Einladung zu einem Workshop bekommen. Sie bekommt ständig solche Einladungen. Und in diesem Fall meinte Marie zu ihr: „Wenn du da nicht hin willst, lass das bloß nicht verfallen. Ich kenne jemanden, der leckt sich die Finger danach.“

So machte ich mich am Freitag auf den Weg. Nach rund fünf Stunden Zugfahrt kam ich pünktlich (ja, das halte ich für erwähnenswert) am Zielort an. Einen Rollkoffer vor mir hergeschoben, eierte ich durch den Bahnhof, bekam die richtige Bimmelbahn und fuhr bis fast direkt vor das Hotel. Checkte ein, mein Zimmer sollte im obersten Stockwerk sein. Und wie ich so am um die Ecke gelegenen Fahrstuhl wartete, sagte doch die eine Mitarbeiterin von der Rezeption lachend zu ihrer Kollegin: „Die Behinderte ist in zwei Minuten wieder hier. Wetten?“

Hm? Warum? Zimmer nicht gereinigt? Der vorherige Gast liegt noch im Bett? Die Schlüsselkarte passt nur zur Putzkammer? Der Aufzug fährt nicht ins oberste Stockwerk? Das Fenster liegt mitsamt seinem Rahmen im Hof? In der Badewanne schläft ein Krokodil?

Nein, ganz anders: Die Tür zum Bad und die Fläche neben dem Bett sind so schmal, dass ich gar keine Chance habe, dort hinein zu gelangen. Hochfloriger Teppichboden. Zum Fenster müsste ich krabbeln. Ich rolle also wieder nach unten. Sie erzählt mir, dass die barrierefreien Zimmer leider renoviert werden. Leider habe man beim Einbuchen der Reservierungen nicht darauf geachtet, dass ich ja ein barrierefreies Zimmer bräuchte. Ob ich auch mit diesem Zimmer klar käme, wollte sie wissen.

„Das fragen Sie mich ernsthaft, nachdem Sie gerade schon vorausgesagt hatten, dass ich in zwei Minuten wieder hier bin? Sie lassen mich hier mit dem Koffer durch das halbe Hotel fahren, obwohl Sie wissen, dass ich das Zimmer nicht nutzen kann und stellen sich jetzt auch noch doof? Werden Sie dafür von mir bezahlt?“ – Ich finde das ungeheuerlich. Die Dame zuckte mit den Schultern und sagte: „Dann müssen Sie sich halt ein anderes Hotel suchen.“

„Ja. Und jetzt hätte ich gerne meine Anzahlung zurück. Die Mehrkosten stelle ich Ihnen hinterher in Rechnung.“ – „Welche Mehrkosten?“ – „Das, was das andere Hotel jetzt mehr kostet. Plus die Taxifahrt dorthin. Kurzum: Der Schaden, der mir dadurch entsteht, dass Sie unseren Vertrag nicht erfüllen.“ – „Welchen Vertrag?“ – „Den in meiner Tasche. Von Ihnen schriftlich bestätigt. Ein barrierefreies Zimmer für zwei Nächte. Können Sie mir dann bitte noch vermerken, dass das bestellte Zimmer nicht verfügbar ist?“

Hat sie tatsächlich gemacht. Ein anderes Hotel, auf der anderen Seite der Stadt, hatte noch ein barrierefreies Zimmer frei. Für 133 Euro pro Nacht. Plus Frühstück. Das ist eigentlich nicht meine Preislage. Aber günstiger ging es nicht.

Nun hätte ich ja erwartet, dass das Zimmer sauber ist. Den Müll hat man sofort abgeholt, das Bett hat man auch noch sofort bezogen, die restlichen Reinigungsarbeiten könnten dann erst am nächsten Morgen stattfinden. Es heißt ja immer, dass bei denen, die am meisten meckern oder sogar einen Meckerblog schreiben, das eigene Zuhause noch viel schlimmer aussieht. Nee, Leute, ich würde mich schämen, wenn meine Bude so schimmelig wäre.

Ich muss jetzt ins Bettchen. Deshalb kann ich nichts mehr von dem Typen schreiben, dem ich da begegnet bin. Aber ich hole es nach. Versprochen.

Dieser Gammel hing im Rolli-Bad am seidenen Faden. Immerhin gibt es eine Warnung: Falls jemand mit dem Rollstuhl drankommt, sitzt er auf dem elektrischen Stuhl. Was wohl passiert, wenn jemand aus Versehen mit den Duschstrahl draufhält oder Kinder im Krabbelalter mitbringt...
Dieser Klappsitz in meiner Dusche war fast ganz sauber und hatte die Haare schön.
Ich vermute, dass ein einfacher Lappen mit Scheuermilch schon ausgereicht hätte, den Siff zu entfernen. Da soll ich mich anlehnen?
Das war der Fußboden im Bad, bevor mein Bett aufgeschüttelt wurde.
Das sind bestimmt die Fussel von seinen Tennissocken, die er zwischen den Zehen hatte, bevor er duschen ging.
Scheinbar wird an bestimmten Stellen nicht ganz so häufig gewischt. Oder der Lappen ist dann schon dreckig.
Nee, die Fußnägel gehören mir nicht.

So ein Tag

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Ich war gerade, trotz Regen und Wind, eine Stunde Handbiken. Zum Abreagieren. Ist gerade Vollmond oder hat in dieser Gegend wieder irgendjemand eine Büchse Idioten aufgemacht? Unwahrscheinlich viele waren heute unterwegs. Und mein Idiotenmagnet zieht sie bekanntlich alle an. Es war kurz davor, dass ich ausgerastet wäre. Ich halte mich für einen sehr toleranten Menschen, aber mein Geduldsfaden ist nicht endlos strapazierbar.

Das begann schon morgens damit, dass sich jemand direkt vor unsere Auffahrt gestellt hat. Parkenderweise. Zehn Minuten später, ich war wirklich kurz davor, ihn abschleppen zu lassen, kam er wieder, guckte mich grinsend an und sagte: „Ach, ist das Ihre Auffahrt?“ – „Eine Entschuldigung wäre wohl angebracht“, habe ich zurückgeblubbert. Sagte er: „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, wegen der fünf Minuten. Sie werden nicht dran sterben.“

Nee, da hat er Recht. Kurz danach wurde ich auf der Bundesstraße auf zwei Seiten gleichzeitig überholt. Einer überholte regulär, zwar im Überholverbot, aber immerhin links neben mir, der andere bretterte rechts neben mir über den Standstreifen vorbei. Wirbelte jede Menge Dreck auf und lieferte sich ganz offensichtlich ein Rennen mit dem anderen Überholer. Nur fürs Protokoll: Ich fuhr laut Tacho 105 bei erlaubten 100. Ich habe inzwischen übrigens meinen Notfallrucksack im Auto. Ich bezweifel allerdings, dass ich damit noch was ausrichten kann, wenn einer von denen crasht, denn die hatten beide locker 160 oder mehr drauf.

Am Arbeitsplatz konfrontierte mich ein Vater damit, dass er Angst habe, meine Behinderung könne auf seinen Sohn abschreckend wirken. Ich antwortete: „Meinen Sie nicht, mit 15 wäre es allerhöchste Zeit, dass Ihr Sohn einmal Kontakt zu Menschen mit Behinderung bekommt?“ – „Meinen Sie nicht, heute ist der falsche Zeitpunkt? Immerhin ist er krank.“ – Ich habe da schon brechen wollen. Der Sohn hatte übrigens, von einem aufgeplatzten Knie und ein paar Prellungen nach einem Skateboard-Unfall abgesehen: Nichts.

In der Mittagspause wollte ich mir beim Bäcker ein Brötchen holen. Zwei Mitarbeiter standen hinter dem Tresen, quatschten miteinander und ignorierten mich. Ein paar Mal hatten wir Blickkontakt. Nach rund einer Minute rollte ich einen Tresen weiter und sprach die Mitarbeiterin an, die gerade Geld zählte: „Entschuldigung, von Ihren Kollegen werde ich irgendwie nicht bedient. Könnte ich vielleicht von Ihnen ein Brötchen bekommen?“ – Sie packte mein Brötchen in die Tüte, nahm einen Euro von mir entgegen – und nichts passierte. Ich bekam weder mein Wechselgeld, noch das Brötchen. Stattdessen sprach sie erstmal in aller Ruhe die beiden Männer an: „Kollegen, ihr seid zum Arbeiten hier. Wenn ihr Pause machen wollt, geht bitte in den Pausenraum. Aber das macht einen schlechten Eindruck.“ – „Entschuldigung, könnte ich jetzt bitte mein Brötchen und mein Wechselgeld haben?“ – „Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig. Ich komme gleich zu Ihnen herum.“ – „Das ist nicht nötig.“ – „Doch, das ist für mich selbstverständlich, dass ich helfe und Ihnen das Brötchen auch in den Rucksack packe.“ – „Das möchte ich gar nicht. Vielen Dank.“ – Nun war sie beleidigt, feuerte Brötchen und Wechselgeld mürrisch auf den Glastresen und wandte sich ab.

Auf der Rückfahrt hatte ich einen silbernen Seat vor mir. Der fuhr auf der Bundesstraße 80 km/h. Innerorts, außerorts, immer 80. Als ich ihn in einem Bereich, in dem 100 km/h erlaubt sind, überholen wollte, beschleunigte er ebenfalls. Ich brach das Überholmanöver ab, scherte hinter ihm wieder ein und er fuhr kurz danach wieder 80. Zweiter Ansatz, gleiches Spiel. Dritter Anlauf, gleiches Spiel. Beim vierten Mal gab ich dann Vollgas und war dank guter Motorisierung schnell an ihm vorbei, musste allerdings bis auf 130 beschleunigen. Tempomat eingeschaltet – überholt mich doch der Seat anschließend bei Tempo 100, schert vor mir ein und bremst wieder 80 km/h runter, fängt dann an, zuerst die Wisch-Wasch-Anlage zu betätigen, so dass das ganze Wasser über ihn hinweg auf meine Windschutzscheibe spritzt, und anschließend allen möglichen Krempel aus dem Fenster zu werfen. Jede Menge Müll, ein angefressenes Waffeleis, ein kleiner Karton war dabei. Getroffen hat er mich nicht. Ich bin dann, um das nicht weiter eskalieren zu lassen, abgebogen, bin eine kleine Schleife durch einen Nachbarort gefahren und dann wieder aufgefahren. Die Klügere gibt nach?

Auf dem Weg nach Hause hielt ich an einer Apotheke an. Es bediente mich ein Apotheker höchstpersönlich. Der Inhaber war es nicht. Ich wollte für Marie ein Eisenpräparat, da sie nach ihrer Seuche und ihrer letzten Regel vermutlich einen Eisenmangel hatte. Ich sagte: „Bitte eins, das sich erst im Darm auflöst.“ – „Wofür brauchen Sie es?“ – „Um einen Eisenmangel auszugleichen.“ – „Warum denken Sie, dass Sie einen Eisenmangel haben könnten?“ – „Es geht um meine Freundin, sie hat eingerissene Mundwinkel, das steht vermutlich im Zusammenhang mit einem Eisenmangel.“ – „Bei eingerissenen Mundwinkeln nehmen Sie am besten eine Pflegesalbe.“ – „Ich hätte gerne das Eisenpräparat.“ – „Haben wir nicht da.“ – „Wie jetzt, kein Eisen in der Apotheke? Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“ – „Wir haben nur das“, sagte er und holte: Ein Eisenpräparat. Das sich im Magen auflöst. Ich wiederholte: „Bitte eins, das sich im Darm auflöst.“ – „Dieses löst sich im Darm auf.“ – „Nein, dieses löst sich im Magen auf.“ – „Das ist eins für den Darm. Das steht nur nicht drauf.“ – „Ich hätte gerne das, wo es drauf steht, dass es sich im Darm auflöst.“ – „Das haben wir nicht.“ – Ich bemühte meine Suchmaschine und zeigte ihm ein Bild von der Verpackung, nachdem ich nun den Namen schon vier Mal wiederholt hatte. Und plötzlich hatte er es doch da. „Wollen Sie 100 und reichen Ihnen 20?“

Am frühen Nachmittag fuhr ich mit Helena zum Reitstall. Sie war um 15.30 Uhr mit ihrer besten Freundin zum Reiten verabredet. Einschließlich hinterher Box reinigen etc. Ich dachte, ich würde die Wichtigtuerin vom Reitstall mal verarzten. Und tatsächlich sagte Helena gleich: „Ihr Auto steht da auf jeden Fall.“ – Erster Satz auf meine Frage, ob ich sie mal kurz sprechen könne, war: „Ach, geht es um das behinderte Kind, oh, hat es etwa die gleiche Behinderung wie Sie? Ich meine, Sie sitzen ja auch … Sie sind auch nicht ganz gesund, oder?“ – „Sie sind ganz schön distanzlos, oder?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Es fällt doch aber nunmal auf, und wenn man das sieht, muss man das ja auch erwähnen dürfen.“ – „Sehen Sie, und genau da ist der Irrtum. Vielleicht reißen Sie sich künftig einfach mal ein wenig zusammen.“ – „Was hab ich denn so Verkehrtes gesagt?“ – „Dass man Reithosen nicht waschen darf, zum Beispiel.“ – „Darf man ja auch nicht.“ – „Selbst wenn es so wäre, halten Sie das für einen sensiblen Umgang mit einer 12jährigen, die sich gerade in die Hose gemacht hat?“ – „Eine gewisse Härte ist ganz gut für die Disziplin.“

Das sagt die Richtige. Die mit der größten Disziplin von uns allen. Da es nicht lohnte, ihr zu erklären, dass eine spastische Blase auch mit größter Disziplin nicht immer beherrschbar ist und Helena mir manchmal schon viel zu „diszipliniert“ ist, bat ich sie lediglich, Helena künftig in Ruhe zu lassen.

Auf dem Weg zum Reitstall hatte mich Helena gebeten, ihre Klassenlehrerin am Nachmittag anzurufen. Sie hatte mit Helena einen Disput, weil Helenas Insulinpumpe während einer Klassenarbeit gepiept hatte. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Laut Helena war es nicht die Pumpe, sondern das Messgerät, das einen Blutzuckerspiegel-Abfall erkannt und sie rechtzeitig vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt hat. Das macht es durch Vibrieren und einen etwa zwei Sekunden dauernden einmaligen Piepton. Und das ist einfach genial, weil das Ding in Echtzeit die Verlaufskurve auswertet und schon Alarm gibt, bevor überhaupt ein Wert außerhalb einer Toleranzgrenze erreicht wird. Früher fühlte Helena sich unterzuckert und hat dann mit einer Einzelmessung geschaut, ob das Gefühl richtig ist. Da war der Wert dann aber schon so niedrig, dass sie quasi notfallmäßig Gegenmaßnahmen einleiten musste, um nicht in den nächsten Minuten bewusstlos zu werden.

Dazu muss man wissen, dass ein Nüchternwert bei nicht zuckerkranken Menschen etwa zwischen 4,4 und 6,7 mmol/l liegt. Unter 3,6 entwickeln nicht zuckerkranke Menschen ein Heißhungergefühl und werden wegen der Unterzuckerung zittrig. In der Regel reguliert der Körper das selbstständig wieder. Helena hatte in der Vergangenheit schon Werte unter 2,0 mmol/l, ohne dass sie gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Bei uns nicht, aber früher wohl. Unter 1,7 wird man in der Regel bewusstlos, unter 1,1 sind Krampfanfälle und Hirnschädigungen wahrscheinlich. Inzwischen hat sich diese Wahrnehmung bei ihr wieder einigermaßen normalisiert und die neue Pumpe trägt entscheidend zu dieser positiven Entwicklung bei.

Die Lehrerin meinte nun, dass es störend sei, wenn das Gerät piept, Helena erstmal damit „rumspielt“ und dann auch noch nicht nur Traubenzucker, sondern auch noch eine halbe Scheibe Käsebrot mampfe. Es würde die anderen ablenken, weil doch alle sich einmal vergewissern, was da los sei. Dass sie mitunter in der Stunde sofort was essen muss, sei ihr klar, aber ob in einer Klassenarbeit nicht der Traubenzucker reichen würde. Früher sei es ja auch ohne Piepen und ohne Brot gegangen. Auf meine Nachfrage sagte sie, dass das mit dem Brot bisher genau einmal vorgekommen sei. Ihr Problem sei aber, dass sie im Interesse der Gleichbehandlung … Da habe ich sie dann unterbrochen: „Entschuldigen Sie mal: Sie dürfen alle Menschen mit Diabetes gleich behandeln. Die, die keinen Diabetes haben, müssen in der Stunde auch nichts essen. So einfach ist das. Das Piepen muss sein, das Brot auch.“ – „Warum sind Sie denn gleich so angefressen?“ – „Weil wir vor einiger Zeit exakt darüber ganz intensiv gesprochen haben, ich Ihnen dazu eine Broschüre, extra für die Schule geschrieben, überlassen habe, ich Ihnen meine Handynummer gegeben habe, und ich es als äußerst unprofessionell empfinde, ein Kind, das ohnehin schon mit einer Situation zu kämpfen hat, mit der viele Erwachsene nicht klar kommen, vor großer Runde zur Rechtfertigung aufzufordern, anstatt das wahrzunehmen, leise dorthin zu gehen und ihr allenfalls Hilfe anzubieten oder mich bei Fragen einmal anzurufen.“

Zu meinem größten Erstaunen antwortete sie: „Da haben Sie Recht. Das war höchst ungeschickt von mir. Ich werde mich bei Helena dafür entschuldigen.“ – Das wiederum fand ich stark. Als Helena vom Reiten wiederkam, haben wir ihre Werte gemeinsam ausgelesen. Vermutlich durch den Stress der Klassenarbeit gab es nach etwa 25 Minuten einen krassen Trend nach unten. Bei völlig normaler Dosierung, so, wie sie vorher wochenlang funktioniert hat. Helena hat völlig richtig entschieden, nicht nur kurzwirksamen Traubenzucker, sondern auch eine nachhaltige Nahrung zuzuführen und die ständig im Hintergrund abgegebene Insulindosis für 90 Minuten um 30% zu reduzieren. Alles richtig gemacht, mal eben während einer Klassenarbeit. Und ein einzelner Piepston wird zum Aufreger. Seufz.

Schnucki und Blondi

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Seit zwei Wochen habe ich einen neuen Arbeitsplatz. Mal wieder. Ich hoffe, dass das Vertrauensverhältnis zwischen mir und meinem neuen neuen Arbeitgeber dieses Mal länger hält. Ansonsten schrecke ich aber auch nicht davor zurück, noch ein weiteres Mal zu wechseln. Hauptgrund meiner Kündigung war, dass die bisherige Klinikleitung aus meiner Sicht nicht genug gegen einen übergriffigen Kollegen unternommen hat. Genau, jener, der gerne BHs öffnet und über Orgasmus-Faces philosophiert.

Aufgrund der Beschwerden von verschiedenen Kolleginnen und mir ist er wohl zu Jahresbeginn abgemahnt worden. Wobei ich das nicht genau weiß, sondern nur vermute. Nahezu unbeeindruckt hat er trotzdem sein Verhalten unverändert fortgesetzt. Auf meine weitere Beschwerde meinte der Chefarzt dann: „Irgendwann muss mit dem Thema aber jetzt auch mal gut sein, wir haben ja schließlich auch noch unsere Arbeit.“ – Klassischer Fall von Projektion: Das Opfer ist schuld, sobald es die Übergriffigkeit kommuniziert.

Eine Kollegin hat lange, blonde Locken. Sie hat er immer quer über den Flur „Blondi“ gerufen, wenn er was von ihr wollte, und sie gefragt, ob sich die Haare in ihrem Schlüpfer auch so locken würden – oder ob die ab seien. Davon mal abgesehen, dass ihre Zweitfrisur niemanden etwas angeht, wird es kein Zufall sein, dass er ihr ausgerechnet den Namen von Adolfs Schäferhündin gegeben hat. Von mir wollte er wissen, ob ich mittags blutiges Steak hatte oder ob meine Regelblutung wieder so aus dem Ruder läuft. Man würde das über den halben Gang riechen. Ich habe auf diese Sprüche regelmäßig nur noch mit „Halt die Fresse“ reagiert und mich dann gefragt, ob ich das noch länger möchte.

Im Personalgespräch wurde ich natürlich gefragt, warum ich wechseln möchte. Ich habe es offen angesprochen, die beiden Menschen, die mir gegenüber saßen, fragten, ob ich vor dem Problem weggelaufen sei. Meine Antwort war dieses Mal nicht, dass ich nicht laufen könne, sondern dass ich das Problem der richtigen Stelle zugeführt habe, diese aber aus meiner Sicht ihre Mittel nicht ausgeschöpft habe. Das hat ihnen ganz plötzlich gereicht. „Sie können hier anfangen“, war der nächste Satz. Ohne weiteren Kommentar. Wieder Pädiatrie, ein weiterer Anlauf auf dem Weg zum Facharzt. Bis jetzt gefällt es mir sehr gut, sehr viel besseres Team, sehr viel besseres Arbeitsklima. Auch wenn dort ebenso Personal knapp ist und insbesondere Pflegekräfte fehlen.

Marie hat inzwischen auch einen Job, hat das gleiche Ziel wie ich, ist allerdings für ein Jahr in einer Kinder-Reha-Einrichtung und ist erstmal krankgeschrieben. Das ging gleich am ersten Tag los, dass sie sich matschig fühlte. Sie fror, wollte in die Badewanne, und kaum lag sie drin, rief sie nach mir. Zum Glück habe ich das gehört. Ich rollte hin und fragte: „Na, was ist los? Quietsche-Ente vergessen?“ – Ihr Gesicht war kreidebleich. Wie eine Wand. Ich bekam eine Ein-Wort-Antwort: „Kreislauf.“

Ich tauchte meine Hand ins Wasser. Nein, zu warm war es auf keinen Fall. Ich öffnete den Abfluss und schloss den Wasserhahn. Sie guckte mich mit ängstlichem Blick an und hielt sich krampfhaft im Badewannenrand fest. „Ich glaub, ich muss spucken. Es dreht sich alles.“ – Ich rollte neben sie, beugte mich zu ihr und hielt ihren Kopf fest. Sie spuckte nicht. Stattdessen entleerte sich etwas anderes. In Mengen. „Oh pfui“, sagte Marie. Ich antwortete: „Bleib ruhig. Ich dusch dich gleich ab. Wichtiger ist erstmal, dass dein Kreislauf nicht noch weiter in den Keller geht. Kannst du dich mal eben so festhalten, dass ich deine Beine auf den Rand legen kann?“ – Füße hoch. Das eklige Wasser lief zum Glück zügig ab. Irgendwann konnte ich ihr ein Handtuch unter den Kopf legen, so dass der Kopf tief lag. Nach drei, vier Minuten wurde es langsam besser.

Nach fünfzehn Minuten hatte ich sie endlich in ihrem Bett. Unten Pampers, oben Spuck-Eimer, nochmal Füße hoch. Sie fror und zitterte. Blutdruck 80 zu irgendwas. Kenne ich so gar nicht von ihr. Nach zehn Minuten ging der Blutdruck wieder hoch, als wäre nichts gewesen. Der Pflege-Aufwand war immens, der Zellstoffverbrauch und damit der Flüssigkeitsverlust auch. Ich will das nicht weiter ausschmücken. Vom Trinken wurde ihr übel, irgendwann habe ich ihr dann einen Zugang gelegt und ihr über den Flüssigkeit gegeben. „Wehe, du triffst die Vene nicht im ersten Anlauf“, setzte sie mich unter Druck. Ganz schlecht konnte es ihr also nicht gehen. Ich antwortete: „Noch so ein Spruch und ich nehm das Schienbein.“ – Inzwischen telefonierte sie mit ihrer Mama und redete vom „Moorbad“ und „größten anzunehmenden Unfällen in Tüten und Papier“.

Maries Mama hatte sich nach Feierabend ins Auto gesetzt und war zu uns gekommen. Wie ich das bei mir schon kenne, zeigte sich ihr Darm von Loperamid völlig unbeeindruckt, von Codein ebenfalls, so dass wir nach dem gefühlt zehnten völlig dünnflüssigen Stuhl auf Opiumtinktur zurückgriffen. Der massive Flüssigkeitsverlust ist ja irgendwann das größte Problem. Und was genau das ausgelöst hat, wissen wir bis heute, trotz Laboruntersuchung, nicht. Aber inzwischen geht es ihr wieder besser. Und ich habe mich zum Glück nicht angesteckt, falls es ansteckend gewesen sein sollte.

Das zweite Drama, allerdings wesentlich kleiner, wurde kurz nach der Ankunft von Maries Mama von ihrer Freundin nach Hause gebracht. Ich hatte eigentlich gerade mit Marie genug zu tun, aber Helena ging es auch nicht gut. Sie guckte mich an und ihr Blick war eine Mischung aus „ich habe was angestellt“, „ich möchte feste in den Arm genommen und nie wieder losgelassen werden“ und „bitte nicht schimpfen, ich weiß schon so, dass es blöd war“. Sie war mit ihrer besten Freundin und zwei anderen Mädchen reiten, das war so auch verabredet, sie haben auch das Gelände des Reitstalls verlassen und sind über ein paar Reitwege zum Meer geritten und wieder zurück, das war auch erlaubt. Leider sind bei Menschen mit Zerebralparese in den meisten Fällen ebenfalls Blase und Darm irgendwie betroffen, meistens nicht so ultimativ wie bei Querschnittlähmungen, aber häufig ist irgendwas nicht ganz in Ordnung. Meistens gibt es Verstopfung, das hat Helena zum Glück nicht, und meistens drückt die Blase eher plötzlich und aufdringlich.

Sie bekommt das normalerweise sehr gut hin, aber -lange Rede, kurzer Sinn- an diesem Tag nicht so richtig. Als wäre das nicht schon anstrengend genug, hat noch dieselbe Frau, die Helena auch schon abriet, ihre Psychotherapie vor den Ohren anderer zu erwähnen, ihren nassen Po gesehen und ein Fass aufgemacht, weil man angeblich Reithosen nicht waschen dürfe, die ja noch sehr neu aussehe und die Mama nun stinkesauer sein würde. Das kam wohl so überzeugend rüber, dass Helenas beste Freundin sie nach Hause brachte, um die Verantwortung für Helenas nasse Hose zu übernehmen. Sie meinte, sie habe Helena ein paar Mal motiviert, weiterzureiten und nicht in die Büsche zu gehen, weil sie dachte, sie würden es noch bis zum Stall schaffen.

„Macht euch doch nicht so verrückt deswegen. Die Hose tun wir in die Waschmaschine und dann kann sie auf der Leine trocknen.“ – „Die Frau hat gesagt, dann geht das Leder kaputt und wird steinhart.“ – „Nein, Helena, das stimmt nicht. Ich habe meine Hosen auch schon gewaschen. Vielleicht hat die Frau welche mit echtem Lederbesatz. Die sind dann aber richtig teuer. Und selbst die kann man mit der Hand waschen. Wenn das wirklich hinterher hart ist, dann muss man das ein wenig einfetten und durchkneten. Mehr Sorgen würde ich mir um den Sattel machen, was habt ihr denn mit dem gemacht?“ – „Der hat nichts abbekommen. Das ist erst beim Absteigen passiert. Und dann wollte ich schnell zum Klo, das war besetzt, und dann wollte ich in eine Box, da kamen Leute, naja, und irgendwann war es dann völlig zu spät.“ – „Wie das immer so ist. Mach dir keinen Kopf, okay?“

„Darf [meine beste Freundin] heute bei mir schlafen? Ihre Mama hätte nichts dagegen, hat sie gesagt.“ – Es ist das erste Mal, dass eine Freundin bei Helena übernachtet. Maries Infekt machte das natürlich etwas schwieriger, aber ich wollte auch keine Spielverderberin sein. „Soll ich duschen oder in die Badewanne?“ – „Wie du möchtest.“ – „Dürfen wir auch zusammen in die Badewanne?“ – What? Ihre Freundin guckte abwechselnd Helena und mich an. Ich sagte: „Hast du sie überhaupt gefragt, ob sie das möchte?“ – „Sie möchte“, bestimmte Helena unbeeindruckt. Ihre Freundin nickte schüchtern. Helena flüsterte ihr ins Ohr: „Ich leihe dir einen Bikini von mir und dann lassen wir uns ein Schoko-Eis und ein kühles Malzbier bringen, okay?“

Ihre Freundin nickte eifrig. Ich tat so, als hätte ich das nicht gehört. Und musste schmunzeln. „Ach, und Jule?“, fragte Helena. Ich hob fragend meine Augenbrauen. „Es kann sein, dass es demnächst nochmal Ärger gibt.“ – „Habt ihr was angestellt?“ – „Nein, nein und nochmals nein“, sagte Helena. Ihre Freundin ergänzte: „Nee, echt nicht. Aber die Frau [jene oben schon erwähnte] will sich beschweren, weil wir auf dem Reitweg zu laut gesungen haben.“ – „Gesungen? Was habt ihr denn gesungen?“ – „Wir haben zu viert ‚Girls Like You‘ von Maroon 5 gesungen.“ – „Und was war daran so schlimm?“ – „Sie hat irgendwas erzählt von Besinnlichkeit im Wald“, sagte Helena.

Ich antwortete: „Ich kann mir kaum etwas Besinnlicheres vorstellen als vier hübsche Mädchen auf vier stolzen Pferden, die fröhlich singend einen sonnigen Waldweg entlang reiten.“ – „Findest du mich hübsch?“, fragte Helena. Ich antwortete: „Aber hallo!“ – Ihre Freundin fragte: „Mich auch?“ – „Ja, dich auch. Und mit der Dame werde ich demnächst mal ein paar Worte wechseln.“ – „Scheißt du sie zusammen?“ – „Was ist das denn für eine Ausdrucksweise?“ – „Ich wollte ‚ankacken‘ sagen, aber das fand ich irgendwie zu derb.“ – Helenas Freundin guckte Helena mit großen Augen an. Ich glaube nicht, dass sie sich das bei ihr zu Hause getraut hätte. Aber besser finde ich das auch nicht. Ich sagte: „Ich werde mit ihr sprechen, sie kennenlernen. Mehr nicht. Und du ziehst dir jetzt bitte die nasse Hose aus und fährst deine Kraftausdrücke ein wenig zurück!“

Schoko-Eis fand ich jetzt ein wenig unpassend. Also habe ich den beiden schnell einen Obstsalat geschnibbelt. Ein wenig Joghurt drunter gerührt. Als ich wieder aus dem Bad rollte und wieder in der Küche war, hörte ich Helenas Freundin fragen: „Warum klopft sie an?“ – Helena antwortete: „Sie klopft immer an. Auch bei mir am Zimmer.“ – „Meine Mutter platzt immer rein. Ich erschrecke mich immer voll, auch wenn ich gerade nichts gemacht habe, und dann denkt sie sofort, ich habe Geheimnisse.“ – „Das kenne ich. Meine vorige Pflegemutter ist auch immer einfach so reingekommen. Sogar, wenn ich auf Klo saß.“ – „Nee, das macht meine nicht. Ist es nicht blöd, wenn man keine richtige Mutter hat?“

Eigentlich wollte ich das Radio einschalten, weil ich nicht lauschen möchte. Aber die Versuchung, diese eine Antwort noch zu hören, war unbeherrschbar. Helena sagte: „Ich kenne meine Mutter nicht. Ich kenne nur Pflege-Eltern und Wohnheime. Und hier möchte ich nicht wieder weg.“ – Das reichte. Eigentlich wusste ich ja schon, dass sie sich bei uns wohl fühlt. Aber hin und wieder höre ich es gerne wieder.

Tägliches Leben

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Helena hat seit letzter Woche ihre Insulinpumpe. Bis jetzt sind wir super zufrieden. Wir haben uns für die neueste Generation entschieden, also ein schlauchloses System, bei dem ein Reservoir mit 2 ml Insulin gefüllt und zusammen mit der Pumpe auf die Haut geklebt wird. Die Pumpe ist etwa so groß wie eine Streichholzschachtel. Aus ihr sticht eine Nadel in die Haut und verbleibt dort für einen gewissen Zeitraum. Bei Helena reichen die 2 ml Insulin für etwa 5 Tage. Die kleinste Einzeldosis, die die Pumpe abgeben kann, ist ein halber Mikroliter Insulin. Also die Hälfte von einem Tausendstel Milliliter. Kurz gefasst: Ein hochpräzises Teil.

Dazu gibt es noch eine Steuereinheit, auf der die Software ist, die dann die Befehle zur Pumpe sendet. Diese muss im Umkreis von 10 Metern zur Pumpe sein. Diese empfängt wiederum Daten von einer Mess-Einheit, die ebenfalls auf die Haut geklebt wird und etwa so groß ist wie ein Brausebonbon. Diese piekst eine Sonde in die Haut und misst dort alle zwei Minuten den Blutzuckerwert, verfolgt ihn also live. Nach sieben Tagen muss die Sonde gewechselt werden. Der ganze Kram lässt sich dann auch noch über eine App verfolgen und steuern.

Nun muss man wissen, dass die Krankenkassen eine Insulinpumpe nur unter bestimmten Voraussetzungen bezahlen. Eine Pumpe ohne Schlauch, also eine mit einer separaten Einheit, die auf die Haut geklebt wird, wird nur in ganz besonderen Ausnahmefällen übernommen. Und dann noch eine kontinuierliche Blutzuckermessung dazu, die auch relativ teuer ist, wäre bei Helena aussichtslos. Entsprechend haben wir nur die Pumpe mit externem Reservoir verordnen lassen und beantragt, und haben die Mess-Einheit selbst gekauft, mit der Option, die Sonden später statt der Blutzuckerteststreifen übernehmen zu lassen.

Die Krankenkasse hat innerhalb der vorgeschrieben Frist nicht geantwortet. Entsprechend haben wir die Pumpe besorgt und nun die Kosten zur Erstattung eingereicht. Innerhalb von 48 Stunden bekommen wir nun ein Schreiben, dass über den Antrag sehr wohl entschieden worden war. Möglicherweise sei der Bescheid auf dem Postweg verloren gegangen, was man bedaure.

Die grundsätzliche Notwendigkeit habe man anerkannt. Allerdings sei eine Pumpe mit Schlauchsystem ausreichend, und (und nun wird es lustig), die Pumpe ersetzt in ihrer Funktion einen [nicht näher bezeichneten] allgemeinen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens, so dass eine Zuzahlung von rund 2.500 € anfalle. Aufpreis für schlauchlos und Aufpreis für Messeinheit sollen wir also selbst zahlen bzw. war gar nicht erst zu verordnen. Man will im Endeffekt nur ein Fünftel der Gesamtkosten übernehmen, behält sich aber gleich im nächsten Satz das Eigentum an dem Gerät vor.

Da ich mich mit so einem Schwachsinn nicht mehr auseinandersetze, ist die ganze Sache nun beim Anwalt. Der ließ schon durchblicken, dass er sich nach Einsichtnahme in die Akte mit der Frage beschäftigen möchte, ob überhaupt eine Entscheidung ergangen ist, oder ob man nur, um die Frist einzuhalten, irgendwas „hingerotzt“ hat. Maries Mutter hat sich, als sie das zu lesen bekam, nur an die Stirn getippt. Der ewige Kampf geht in eine neue Runde.