Dickes Brett

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Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Schulzeit. Als ich so alt war wie Helena und die 8. Klasse besuchte, war ich, genauso wie sie mit ihren 13 Jahren, ganz oft im Reitstall. Ich habe mich damals, genauso wie Helena heute, mit noch zwei anderen Mädchen um ein wunderschönes Pferd gekümmert, dass einer Reiterin gehörte, die nur am Wochenende Zeit hatte. Sie hatte noch ein zweites Pferd, das wir regelmäßig reiten durften. Ich erinnere mich gut, dass ich meistens um 15 Uhr, selten erst um 15.30 Uhr dorthin gefahren bin. Ich hatte meine Hausaufgaben fertig. Vielleicht musste ich abends vor dem Einschlafen hin und wieder nochmal ein paar Vokabeln wiederholen. Aber das war es.

Helenas Schule hat ein Ganztagsprogramm, das täglich Mittagstisch sowie bis 16.00 Uhr Unterricht und Hausaufgabenbetreuung anbietet. An inzwischen vier Wochentagen gibt es darüber hinaus noch ein offenes Programm bis 20.00 Uhr, am Freitag sogar bis 21.00 Uhr. So etwas gab es bei mir früher nicht. Die Teilnahme bis 16.00 Uhr ist verpflichtend, wobei für die letzte Doppelstunde eine sogenannte „vereinfachte Freistellung“ beantragt werden kann. Mit Unterschrift der Eltern kann das Kind einmalig um 14.15 Uhr die Schule verlassen, ohne dass Gründe angegeben oder eine Genehmigung abgewartet werden müssen. Es reicht die Bitte, freizustellen. Allerdings ist so eine Freistellung immer nur einen Tag lang gültig. Helena, die an einem Tag früh zur Physiotherapie soll, muss jede Woche so einen Zettel vorlegen. Aber es ist okay.

Helena fährt meistens um 16.00 Uhr direkt weiter zum Reitstall, ist dann mit ihren Hausaufgaben bereits fertig. Wenn sie abends nach Hause kommt, essen wir noch was zusammen und dann fällt sie ins Bett. Nun schreibt Helena in den Wochen bis Weihnachten noch insgesamt sechs Klassenarbeiten, für die sie lernen muss. Während es mir in dem Alter für Klassenarbeiten oft gereicht hat, den Stoff am Vorabend noch einmal durchzulesen, möchte Helena gerne abgefragt werden und intensiv üben. Das geht während der Hausaufgabenzeit nicht, das müssen wir zu Hause machen. Nach dem Abendessen ist sie nicht mehr aufnahmefähig, also fällt das Reiten aus. Wohlgemerkt: Das ist keine Auflage von Marie und mir, sondern ihre freiwillige Entscheidung. Bei neun Klassenarbeiten oder Tests alleine im Dezember ist klar, dass sie theoretisch einen ganzen Monat lang nicht mehr in den Reitstall kann.

Und als würde das noch nicht ausreichen, haben zwei Lehrkräfte ihr noch eine Vorbereitungsarbeit für die Weihnachtsferien aufgedrückt. Am zweiten Schultag nach den Ferien wird eine Deutscharbeit geschrieben, dafür soll sie sich „Kassandra“ von Christa Wolf reinziehen und interpretieren. Ich kenne das Werk nicht, aber Susi hat mir erzählt, dass sie das im Leistungskurs Deutsch in der 12. Klasse hatte. Sie sagte, dass sie damals selbst mit Grundkenntnissen der griechischen Mythologie nur deshalb durchgestiegen ist, weil sie parallel einen Zeitstrahl und ein Beziehungsgeflecht gemalt hatte. Die Klassensprecherin in Helenas Klasse habe bereits protestiert, darauf vom Deutschlehrer aber nur gehört: „Natürlich ist das über die Ferien freiwillig. Wer es nicht liest, ist dann zur Klassenarbeit eben schlecht vorbereitet.“

Die Englischlehrerin kam noch mit dem Wunsch daher, ein Buch anzuschaffen. 118 Seiten in A6, nur Englisch. Bitte eine schriftliche Zusammenfassung verfassen, acht Fragen beantworten (zum Beispiel Frage 1, auf Englisch wohlgemerkt: „Wie beurteilst du das Verhältnis von … und … zueinander, an welches berühmte Werk erinnert dich dieses Verhältnis und welche Gefahr birgt sich in ihm?“)

Helena macht das alles ohne Murren und Knurren. Aber ich finde das nicht gut. Ein knapp 14 Jahre altes Kind muss auch Freizeit haben. Es kann nicht sein, dass sich alles nur noch um Schule, Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und Schlafen dreht, der Sport (eigentlich schwimmt sie noch neben dem Freizeitreiten) gar nicht mehr stattfinden kann, sie abends um acht von sich aus ins Bett geht, an den Wochenenden nicht vor 12 Uhr mittags aus dem Bett kommt und so weiter. Ich sehe langsam das Burnout auf uns zukommen. Zumal Helena ja ohnehin sehr viel langsamer schreibt.

Womit ich beim nächsten Thema bin: Sie hat, wegen ihrer Behinderung, eine Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten und Tests. Aktuell liegt sie bei 30 Prozent und mindestens fünf Minuten. Schreibt die Klasse also eine Klassenarbeit über zwei Schulstunden, also 90 Minuten, darf Helena 117 Minuten lang Zeit beanspruchen. Darüber gibt es einen schriftlichen Bescheid, den alle Lehrkräfte kennen.

Wenn eine Doppelstunde lang geschrieben wird, dann ist nach den 90 Minuten in der Regel die große Pause. Helena darf also die große Pause (15 Minuten) sowie 12 Minuten der nächsten Stunde noch für ihre Klassenarbeit nutzen, während alle anderen spätestens zu Beginn der großen Pause abgeben mussten.

Ich möchte unbedingt vorweg schicken, dass die große Mehrzahl der Lehrkräfte an der Schule Helena vollkommen korrekt, verständnisvoll und gerecht behandelt und benotet. Viele machen sich einen Kopf, überlegen sich, wie sie Helena gut teilhaben lassen. Viele erkennen an, dass Helena fleißig ist und genauso viel versteht wie die anderen Kinder auch – oft sogar mehr. Dass das Mitschreiben oder das Aufschreiben aber etwas länger dauert, dass sie in Bewegung und Koordination eingeschränkt ist. Sie fordern sie, sie geben ihr keine Sonderrolle. Sie achten darauf, dass es ein gutes Miteinander in der Klasse gibt, dass die Schülerinnen und Schüler füreinander Verständnis haben und sich gegenseitig wertschätzen. Sie haben ein offenes Ohr, gehen auf die Kinder ein, reißen sich oft den Allerwertesten auf, kümmern sich, identifizieren sich. Machen einen guten Job.

Ich will zudem allen Lehrkräften zugute halten, dass es viel zu wenig Personal gibt, dass viele kaum bis gar nicht auf inklusiven Unterricht vorbereitet wurden und heute überfordert sind. Ich möchte denen, wo es nicht läuft, gar keinen bösen Willen unterstellen, das wäre sicherlich nicht korrekt. Aber bei einzelnen der hiesigen Pädagogen gibt es mit Sicherheit eine Gedankenlosigkeit und ein viel zu dickes Fell.

Übel 1: Die Lehrkraft möchte auch ihre Pause haben und sammelt mit dem Beginn der großen Pause alle Hefte ein, schickt die Schüler aus der Klasse und verschwindet. Die Lehrkraft lässt Helena also alleine weiterschreiben. Zum Ende der großen Pause kommen die anderen Schüler wieder rein und sind natürlich alles andere als leise. Die Lehrkraft der Folgestunde beginnt ihren Unterricht und labert rum, malt Tafelbilder, beginnt Dialoge, während Helena immernoch schreibt und sich auf ganz andere Dinge konzentrieren muss. Irgendwann sammelt die Lehrkraft der Folgestunde Helenas Heft im Auftrag ein und reicht es nach der Stunde an die andere Lehrkraft weiter.

Es würde zu weit führen, das hier wissenschaftlich abzuhandeln, aber es lässt sich medizinisch erklären, warum Menschen mit Cerebralparese leichter ablenkbar sind als Menschen ohne Hirnverletzung. Menschen mit Cerebralparese fällt es im Allgemeinen sehr viel schwerer, sich zu fokussieren. In der Folge gelingt es auch unverhältnismäßig schwer, sich zu konzentrieren. Wenn nun im Klassenraum während einer Leistungsüberprüfung Papierflieger geworfen werden, Mitschüler grölend zwischen Tafel und Helenas Tisch oszillieren, allgemein rücksichtslos gequatscht und gelacht wird, dann noch Unterricht, vielleicht in fremder Sprache, stattfindet, fällt es einem nicht eingeschränkten Menschen schon schwer, für sich dieselben Bedingungen auszumachen, die in der Stunde zuvor herrschten. Im Ergebnis hat Helena also nicht dieselben Bedingungen für ihre Klassenarbeit wie die anderen Schüler, sondern ist benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs.

Übel 2: Die Klassenarbeit wird offiziell auf 70 Minuten angesetzt. Die Klassenarbeit soll also in 70 Minuten schaffbar sein. Mit ihrer Zeitverlängerung kommt Helena nun auf ziemlich genau 90 Minuten. So muss die Lehrkraft niemanden durch die Pause hindurch betreuen. Die Klassenarbeit wird aber nicht nach 70 Minuten eingesammelt, sondern die anderen Schülerinnen und Schüler dürfen „überziehen“ – bekommen also einen Bonus bis zu dem Zeitpunkt, an dem Helena fertig sein muss. Im Ergebnis sind also alle gleichzeitig fertig und Helena hat keine Zeitverlängerung bekommen. Die Klassenarbeit ist auch nicht in 70 Minuten zu schaffen und dieselbe Arbeit war im Schuljahr vorher noch für 90 Minuten angesetzt. Wenn die Lehrkraft allen nun 20 Minuten Bonus gibt, Helena aber nicht, ist Helena benachteiligt. Trotz ihres Nachteilsausgleichs. Helena hat das der Lehrkraft gegenüber als „Taschenspielertrick“ bezeichnet. Der Ausdruck gehört sich natürlich nicht und sie hat sich für diese Wortwahl auch bereits schriftlich entschuldigen müssen. Gleichwohl halte ich an der von ihr beabsichtigten Aussage, einer Benachteiligung durch Schönrechnen, fest. Damit konfrontiert, dass die Lehrkraft Klassenarbeiten zu 90 Minuten schreiben müsse (laut Lehrplan), antwortete sie: „Die Schülerinnen und Schüler durften ja 90 Minuten schreiben.“ – Also mit anderen (meinen) Worten sagt die Lehrkraft damit aus: Nachteilsausgleiche interessieren mich nicht. Oder ich nehme sie zumindest nicht ernst.

Übel 3: Die Klassenarbeit wird in einem Fachraum geschrieben, der per Rollstuhl nur über einen Aufzug erreicht werden kann. Helena ist pünktlich in der Schule, hat auch einen Transponder, um den Aufzug rufen zu können, allerdings kommt der nicht. Der Aufzug sei laut Display fahrbereit, stehe aber im dritten Stock. Alles Klopfen und Rufen hilft nichts in den lauten Gängen, die Mitschülerinnen und Mitschüler wollen schnell an ihren Platz und können leider nicht nach dem Aufzug schauen. Der Schulhausmeister ist unterwegs, die Sekretärin hat erst in 20 Minuten kurz Zeit. Inzwischen hat die Stunde begonnen. Helena lässt also ihren Rollstuhl im Erdgeschoss stehen und klettert mit Rucksack (da ist ja ein wertvoller Laptop drin) auf dem Rücken Stufe für Stufe bis ins dritte Stockwerk hoch, um dort einen verlassenen Putzwagen aus der Lichtschranke zu ziehen, mit dem Aufzug runterzufahren, ihren Rollstuhl zu holen, in den Fachraum zu fahren und dann … am Ende keine Zeitverlängerung mehr zu bekommen. „Wer zu spät kommt, kann nicht noch Vergünstigungen in Anspruch nehmen.“ – Sie traut sich dann nicht zu widersprechen, ist emotional so angespannt, dass sie sich nicht mehr gut konzentrieren kann. Ich habe ihr empfohlen, künftig dann als letzte Zeile zu schreiben: „ZV verweigert, 11:20 Uhr unfertig abgeben müssen.“ – Ich dachte, dass so etwas die Lehrkraft vielleicht zu einem schriftlichen Kommentar verleitet. Nö: Sie malt einen Smiley dahinter.

Übel 4: Es wird ein Vokabeltest geschrieben. Die Lehrkraft diktiert die Vokabeln, die Schülerinnen und Schüler sollen sie auf einen leeren Zettel notieren, Übersetzung dahinter. Anschließend wird eingesammelt. 15 Vokabeln in zehn Minuten. Helena dürfte nun noch fünf Minuten länger schreiben (Mindestverlängerung). Aber die Lehrkraft sammelt alle Zettel ein, Helenas sogar zuerst, weil sie vorne sitzt. Begründung: Bei zwei Stunden mache eine Zeitverlängerung Sinn, drei Minuten hingegen seien ja auf einer analogen Uhr kaum zu erkennen. Während die anderen Schülerinnen und Schüler schon beim Diktieren schnell die Übersetzung dazugeschrieben haben, hat Helena sich darauf konzentriert, alle diktierten Wörter mitzubekommen und möglichst keins auszulassen. Es ist unheimlich schwierig in dem Alter, bewusst eine Lücke zu lassen, um wieder in den Takt zu kommen und nicht ganz zu versanden. Oder sich aktiv zu entscheiden, erst alles mitzuschreiben, vielleicht auch nur ein paar Buchstaben, und dann die Zeitverlängerung zu nutzen, um zu Ende zu ergänzen und zu übersetzen. Tja … die Übersetzungen wurden bewertet, das richtige Mitschreiben nicht. Sie hatte 2 von 15 Punkten. Obwohl sie am Vorabend alle Vokabeln konnte. Und dann stand drunter: „Vokabeln lernen ist eine Fleißarbeit!!“

Ich könnte jetzt noch mehr Beispiele aufzählen. Aber es geht ja nicht darum, anzuklagen. Sondern deutlich zu machen, dass dringendst sensibilisiert werden muss. Und zwar überall.

Ich will noch einmal erwähnen, dass diese Beispiele nicht der Maßstab sind und eine untergeordnete Rolle spielen; trotzdem schafft es aber eine Minderheit, das Positive derer, die sich engagieren, in den Schatten zu stellen. Helena hat nunmal eine Cerebralparese und damit etwas, was derzeit nur einmal an dieser Schule vorkommt. Unser Bildungssystem hat darauf keine adäquate Antwort, sondern behilft sich mit individuellen Sonderregeln. Ich will nicht behaupten, dass ich bessere Antworten kenne. Aber wenn die Zeitverlängerung die Antwort ist, weil erkannt wurde, dass unser Bildungssystem sonst Menschen wie Helena ausgrenzt, dann muss diese Antwort auch verbindlich sein. Sie ist keine Vergünstigung, kein Entgegenkommen, keine Diskussionsgrundlage. Es kann nicht sein, dass eine Dreizehnjährige um ihren gleichberechtigten Zugang zu Bildung kämpfen muss – neben dem ausufernden Lernstoff.

Also ist die Socke mal wieder eskaliert. Hat sich mit Marie, Susi und Otto ausgetauscht und zum persönlichen Gespräch angemeldet. Dieses Mal nicht bei den betroffenen Lehrkräften, sondern die Mail ging an den Jahrgangskoordinator und an den Direktor. Ich bekam sofort einen Termin und das Ergebnis lässt hoffen: Der Schulleiter war sichtlich mitgenommen, hat mehrfach geschluckt. Hat sich bei mir entschuldigt, will sich bei Helena, die bei dem Gespräch aus guten Gründen nicht dabei war, persönlich entschuldigen. Und möchte nun selbst mit den betroffenen Lehrkräften sprechen, wie künftig besser sichergestellt sein kann, dass Helena gleichberechtigt am Unterricht teilnimmt. „Darüber brauchen wir gar nicht weiter reden. Das geht so überhaupt nicht. Ich werde mir jeden Test und jede Klassenarbeit aus dem letzten Halbjahr vorlegen lassen und persönlich anschauen. Ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass dieser Vokabeltest nicht in die Wertung einfließt. Entweder wird der nachgeschrieben oder rausgenommen. Und wir werden intern abstimmen, ob Helena entweder nur jedes zweite Wort mitschreibt und dann am Ende noch drei weitere Worte bekommt; oder ob sie einen Zettel bekommt, auf dem bereits jedes zweite Wort schon steht, oder ähnliches. Das kann ich so nicht aus dem Ärmel schütteln. Aber so geht es nicht weiter.“

Wenigstens ist er jemand, mit dem man wohl reden kann. Er hat mir seine Karte gegeben, er möchte von mir sofort direkt informiert werden, wenn wieder irgendwas passiert. Und die Raumpflege werde ebenfalls sensibilisiert, dass es auch unter den Schülerinnen und Schülern Menschen gibt, die den Aufzug benutzen. „Vermutlich haben die das nicht überlegt.“

Ich habe Hoffnung, dieses dicke Brett heute etwas weiter durchbohrt zu haben. Ich weiß allerdings, dass es nicht mein letzter Besuch in der Schule sein wird.

Oktoberfest 2019

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Fünf Jahre nach meinem letzten Besuch auf der Wiesn habe ich tatsächlich noch einmal zugestimmt, mit Emma und Paula über das Oktoberfest zu rollen. Ich finde es inzwischen schon schlimm, in Hamburg über den Kiez zu ziehen, weil mir das Massenbesäufnis inmitten halbstarker Jugendlicher nicht mehr so liegt. Vermutlich bin ich inzwischen zu alt für sowas geworden.

Helena und Marie hatten sich mit Susi und Otto verabredet und nahmen mich mit nach Hamburg, so dass ich mir die umständliche Fahrt dorthin mit Überlandbus und Regionalzug sparen konnte. Der erste Zug, für den ich mir einen Sitzplatz und eine Einstiegshilfe bestellt hatte, hatte leider einen Defekt des einzigen barrierefreien WC, so dass die Zugchefin kurzerhand entschied: Stinkesocke fährt nicht mit! Die Mitarbeiterin, die mir mit der Rampe in den Zug helfen sollte, organisierte mir kurzfristig eine Reservierung für den nächsten Zug in einer Stunde. Dessen Bereitstellung dauerte schonmal 30 Minuten länger als geplant, und wäre ich böswillig, würde ich behaupten, man musste erstmal das barrierefreie WC in Gang setzen. Aber ich bin nicht böswillig. Also behaupte ich: Ich weiß nicht, warum die Bereitstellung solange dauerte.

Irgendwann saß ich im Zug, irgendwann schlief ich einige Stunden, irgendwann wachte ich wieder auf, irgendwann kam ich in München an. Emma und Paula holten mich vom Zug ab. Ich hatte sie so lange nicht gesehen und mich riesig auf unser Wiedersehen gefreut. Nach einem gemeinsamen Abendessen fuhren wir in unser Hotel. Ein aufgebettetes Zweibettzimmer bekamen wir, sprich: Auch das Sofa war beschlafbar, wie der Mensch an der Rezeption sich ausdrückte. Wir schliefen allerdings zu dritt auf einer Kingsize-Matratze. Und ich in der Mitte.

Das Oktoberfest ist nicht meins. Nach wie vor nicht. Aber ich mache mit. Feiere mit. Trinke auch eine Maß Bier. Bewundere schöne Mädels im Dirndl, knackige Jungs in Lederhosen, finde die Blasmusik viel zu laut, hänge intensiv der Frage nach, ob der alte Peter noch am Petersbergerl steht und bereue, meine Ohrstöpsel nicht mitgenommen zu haben. Emma und Paula finden den Carpenter-Effekt interessant, der offenbar eine Rolle spielt, wenn jemand gähnt und drei andere empathische Menschen dasselbe tun. Wir fragen uns, ob es auch mit Empathie zusammenhängt, wenn andere Kotzen, nur weil ein anderer Gast mit Eins-Acht im Turm schonmal vorgekotzt hat. Die zelteigene Feuerwehr kommt mit dem Abstreuen des Mageninhalts auf dem Boden schon gar nicht mehr hinterher, als ich aufgeklärt werde, dass der alte Mann, der zwei Reihen weiter vor dem Biertisch seine Lederhose vorn aufgeklappt hat und an seinem Gehstock entlang auf die Erde uriniert, ein „Stockbrunzer“ ist.

Nach so viel Kultur und einer Fahrt mit der Achterbahn, in die mich ein deutlich alkoholisierter Typ hineintragen wollte, bevor Emma sich mich nicht aus ihren Armen nehmen ließ, fuhren wir zurück ins Hotel und am nächsten Morgen stand die Heimreise schon wieder an. Auch wenn ich dem Oktoberfest noch immer nichts abgewinnen kann: Das Wiedersehen mit meinen beiden Halbschwestern war eine Reise wert! Und um auch diese Frage noch zu beantworten: Zwei halbe Schwestern sind deutlich mehr als eine ganze.

Dazu gehören

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Ich hörte sie schon in der Nachbarstraße laut krähen. Nein, unser Nachbar hat sich glücklicherweise keinen Hahn gekauft. Ich meine Helena. Und Kiara. Sie hatten Spaß. Gackerten über irgendetwas. Spielten irgendeine Situation nach und hatten einen Lachflash. Sie sollte zum Abendessen zu Hause sein. Und brachte Kiara noch mit. Kiara ist pflegeleicht, hat schon öfter bei uns übernachtet. Allerdings nicht unter der Woche, wenn Schule ist.

Je näher die beiden kamen, umso ruhiger wurden sie. Sie waren beim Reiten. Es dauerte noch einen Moment, dann klingelte es an der Tür. Warum kamen die beiden nicht rein? Brauchten sie Hilfe beim Stiefel ausziehen? Ich rollte zur Tür, öffnete. Draußen standen zwei pitschnasse Mädchen und guckten mich mit großen Augen etwas verunsichert an. Helena hatte ihren Rollstuhl vor sich hergeschoben und fragte keck: „Na?!“

„Was ist denn bei euch los?“, fragte ich. Gummistiefel, Reithose, Sweatshirt, Weste, Haare, alles triefnass und voller Matsch und Sand. Die beiden sahen aus wie die Erdferkel. Helena antwortete frech: „Wir waren schwimmen. Im Meer. War schön. Schöne Wellen, noch schön warm das Wasser.“ – „Mit den Pferden?“ – „Mit unseren nicht. Aber [fünf andere Mädchen im Alter von 14 bis 17 vom Reitstall] haben uns gefragt, ob wir mitkommen und dann haben sie uns auf [ihren Pferden] mitgenommen. Wir mussten aber weiter [an den Strand im Nachbarort], weil hier bei uns ja Pferde erst ab 1. Oktober wieder an den Strand dürfen. Aber [die Mutter von zwei anderen Mädchen, die dort selbst ein Pferd hat] wusste Bescheid, wo wir sind.“

Bevor ich irgendwas antworten konnte, fragte Helena: „Kann Kiara heute nacht bei mir schlafen?“ – „Mitten in der Woche? Eigentlich nicht.“ – „Jule, wenn ihre Mama sie so sieht, bekommt sie Ärger. Können wir nicht ihre Sachen mitwaschen?“ – „Och Helena, sie braucht doch morgen früh ihre Schulsachen und Klamotten zum Wechseln hat sie doch auch keine.“ – „Für heute Nacht kriegt sie was von mir und morgen früh zieht sie sich Leggings an und geht vor der Schule bei sich rum. Wir haben erst zur dritten Stunde. Bitte.“ – „Weil ihr morgen zur dritten Stunde habt. Aber ich möchte ein Okay von deiner Mutter aufs Handy bekommen. Und meinst du nicht, dass deine Mutter merkt, wenn die Sachen frisch gewaschen sind? Und dass es besser wäre, wenn sie das weiß?“ – „Eltern müssen nicht alles wissen“, sagte Kiara. Helena grinste.

„Ab in den Garten unter die Dusche! So voller Sand kommt ihr mir nicht ins Haus. Außen rum! Und dann ab in die heiße Badewanne. Und Haare waschen.“ – Die beiden fassten sich an die Hände und hampelten in den Garten. Ich holte große Handtücher aus dem Bad. Als ich wiederkam, versuchten die beiden schon, sich gegenseitig den Gartenschlauch aus der Hand zu nehmen. Die halbe Terrasse war nass. Helena pupste laut, sagte „Oh“ und beide bekamen erneut einen Lachflash. Meine Güte, sind die albern! Und so gut gelaunt.

„Spült bitte den ganzen Sand ab und dann hier die nassen Sachen ausziehen und direkt ab in die Badewanne.“ – Eine Stunde später hatten Marie und ich zwei nach Badeschaum duftende Teenies mit Handtuch auf dem Kopf am Tisch sitzen. „Wenn dir das nicht zu viel wird, kann Kiara bei euch schlafen“, ließ mich die Mutter per Kurznachricht wissen. Als wir mit dem Essen fertig waren, verschwanden die beiden in Helenas Zimmer. Weil sie die Tür noch nicht ganz geschlossen hatten, konnte ich den ersten Satz gut hören: „Siehste, ich hab dir gesagt, ich kriege keinen Ärger.“

Nee. Auch wenn das pädagogisch vielleicht jetzt nicht ganz so sinnvoll ist, solchen Mist wie „ohne Handtuch in der Ostsee schwimmen gehen“ und dann „nass durch den halben Ort laufen“ unkommentiert zu lassen, freue ich mich in erster Linie darüber, dass Helena dazugehört. Denn viele Kinder mit Behinderung gehören nicht dazu, wenn die anderen Blödsinn bauen.

Augenblickversagen

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Wenn wir schon bei Regelübertretungen sind: Ich bin seit Jahren nicht mehr geblitzt worden. Marie auch nicht. Weil wir beide relativ vorschriftsmäßig fahren. Nie in einem Bereich, in dem es Punkte geben würde, und in aller Regel auch so wie es dransteht. Neulich kam ich vom Spätdienst nach Hause, da war auf einer Landstraße, auf der sonst 100 km/h gefahren werden darf, 50 km/h angeordnet. Wegen Bauarbeiten. Allerdings war die Baustelle bereits weg. Es lagen nur noch ein paar Warnbaken am Straßenrand. Da bin ich tatsächlich Tacho 75 gefahren. Mit Toleranzabzug … nee, ich glaube, da blitzt keiner. Eher räumen sie mal das vergessene Schild weg. Das am nächsten Morgen übrigens seitwärts gedreht war.

So richtig heftig werden sollte es, als wir vor einigen Monaten in Niedersachsen auf einem Konzert waren. Marie und ich mit Helena. Das Konzert war vorbei, wir fuhren nach Hause. Helena quatschte auf dem Rücksitz, wie toll der Typ singen kann, der da gesungen hatte, ich versuchte mich, bei Dunkelheit und Regen und relativ viel Verkehr in einer mir unbekannten Großstadt auf den Weg zur Autobahn zu konzentrieren. Wir waren froh, dass wir das Konzert ohne Regen überstanden hatten und der Wolkenbruch erst begann, als wir gerade im Auto saßen.

Das Navi wollte mich geradeaus schicken. Fünf Spuren sollten geradeaus gehen, fünf grüne Ampeln leuchteten über der Straße, 60 war erlaubt. Es schüttete. Plötzlich wurde die Fahrspur, auf der ich fuhr, zur Linksabbiegerspur. Gerade eben noch stand über unserer Spur „Richtung Autobahn“, jetzt plötzlich waren wir durch eine fett gestrichelte Linie abgetrennt und sollten nach links ins Wohngebiet geführt werden. Ich wollte eine Spur weiter nach rechts, doch da fuhr jemand in gleichem Tempo. Also wurde ich langsamer. Er auch. Also wurde ich noch langsamer, bremste sogar. Er auch. So langsam endete meine Spur, so langsam näherten wir uns der grünen Ampel. Warum wurde er vor einer grünen Ampel langsamer?

Ich blieb fast stehen. Nun wurde der Kollege in der rechten Spur wieder schneller, und ich schaute, ob ich über die inzwischen durchgezogene Linie einfach geradeaus weiter fahre und mich hinter ihm einordne. Das wäre immerhin besser, als in irgendeiner Anwohnerzone zu landen und dort erstmal mühsam wieder rauszufinden. Rechts neben mir war niemand, schräg rechts hinter mir auch nicht, noch weiter rechts war auch niemand, der nach links in dieselbe Spur wechseln könnte, hinter mir fuhr … oh. Ein Streifenwagen. Dann wohl lieber doch nicht.

Also doch ins Wohngebiet und dort wenden. Ich blinkte links, schaute auf die Straßenbahnschienen, die in der Mitte der Straße verliefen, achtete auf den Gegenverkehr, auf die Fußgänger und zuckelte mit den erlaubten 30 km/h durch die Wohnstraße, um bei nächster Gelegenheit zu wenden. Dazu kam es nicht. Hinter mir gingen alle Lampen an: Stop, Polizei.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hatte eine Linksabbieger-Ampel übersehen. Die nicht über der Straße hing, sondern links an einem Ampelmast. Zusammen mit drei mal drei Lichtzeichen für die Straßenbahn. Marie hatte sie auch nicht gesehen, sagte sie hinterher. Und sie hatte mit auf den Verkehr geachtet. Immerhin hatte ich beim Konzert nichts Alkoholisches getrunken. Was ich nie mache, wenn ich noch fahren muss.

Gestern war die Gerichtsverhandlung. Zwei Punkte in Flensburg wären Asche. Wenn die fünf Jahre stehen bleiben würden, wäre ich wohl ungeeignet, um Helena beim Begleiteten Fahren zu begleiten. Aber so ist das Gesetz. 200 Euro … naja. So ist das Gesetz auch. Aber ein Monat Fahrverbot wäre der Hammer, weil ich jeden Tag eine Dreiviertelstunde zur Arbeit fahre und dort weder Bus noch Bahn verkehrt. So. Eine. Scheiße. Darüber hätte ich gerne noch einmal gesprochen. Zu verlieren gab es nichts.

„Julia Socke? Sie sind 27 Jahre alt, ledig, wohnhaft in […]; was sind Sie von Beruf?“ – Ich sagte dem Richter, dass ich mich in Pädiatrie weiterbilde. Der Mann war kurz vor seiner Pensionierung, hatte leicht gewelltes, schwarzes Haar, hatte der Sonnenbräune nach zu urteilen gerade Urlaub gehabt und er trug eine Brille mit einem schmalen silbernen Rand. Er klärte mich, vermutlich pflichtgemäß, darüber auf, dass ich mich vor Gericht nicht selbst belasten müsste. Er erwähnte, dass ich keine Vorstrafen habe und auch keine Punkte in Flensburg.

„Ihnen wird vorgeworfen, am […] in [einer Großstadt] einen Rotlichtverstoß begangen haben. Dabei war die Ampel länger als eine Sekunde Rot. Sie haben sich bislang dazu nicht geäußert. Möchten Sie sich heute dazu äußern?“ – „Ja.“ – „Und was sagen Sie dazu?“ – „Es stimmt.“ – „Sie geben den Verstoß also zu und möchten vermutlich erreichen, dass Ihnen das Fahrverbot in eine höhere Geldbuße umgewandelt wird, weil Sie als berufstätige Rollstuhlfahrerin natürlich täglich auf Ihr Auto angewiesen sind, richtig? Sie sind sehr nervös, das sehe ich. Machen Sie sich bitte keine Gedanken, es passiert hier nichts Schlimmes. Wir können über das Fahrverbot sprechen. Meistens verdreifacht sich dann das Bußgeld. Das könnten Sie notfalls in Raten zahlen. Aber erzählen Sie mir doch bitte erstmal, wie es zu dem Verstoß gekommen ist.“

Ich erzählte ihm die Geschichte. Er fragte, mit wem ich auf dem Konzert war. Ich erzählte kurz von Helena. Ich erzählte auch, wie heilig mir mein Führerschein ist. Ich erzählte ihm, dass ich eigentlich verbotenerweise die durchgezogene Linie überfahren wollte, ich mich dann aber wegen des Streifenwagens hinter mir kurzfristig anders entschieden habe. „Meine Ehrlichkeit hat damit vermutlich einen Grad erreicht, den man auch als Dummheit bezeichnen könnte.“

„Nein, Frau Socke. Sie liefern damit einen entscheidenden Hinweis. Sie wollen eine Regel übertreten, sehen dann aber kurzfristig davon ab, weil Sie die Polizei hinter sich sehen. Und begehen einen noch viel größeren Regelverstoß. Es war nass, es war schlechte Sicht, es war dunkel, viele Lampen leuchteten, insbesondere an dem Mast mit der für Sie maßgeblichen Linksabbiegerampel, die Rot zeigte. Sie haben diese Ampel einfach nicht wahrgenommen. Kann das sein?“

„Nur so kann ich es mir erklären. Hätte ich sie korrekt wahrgenommen, wäre ich nicht bei Rot gefahren.“ – „Juristen sprechen dabei von einem ‚Augenblickversagen‘. Und das kann für sich betrachtet schon ein Grund sein, um von einem Fahrverbot abzusehen. Das kann jeden Menschen betreffen, der in der Routine trotz aller Sorgfalt und Genauigkeit und dem Willen, korrekt zu agieren, etwas Wichtiges übersieht. Es kommt hinzu, dass an dieser Kreuzung selbst Ortskundige regelmäßig Verstöße begehen, gerade beim Abbiegen. Was mich wundert: Warum haben wir eigentlich kein Bild von dem Verstoß in der Akte? Da steht doch ein Blitzer.“

„Der Blitzer hat nicht ausgelöst, weil die Ampelanlage einen gemeldeten [?] Defekt hatte. Das ist meistens eine kaputte Lampe. Wenn die Ampelanlage feststellt, dass bei ihr irgendwas nicht geht, löst auch der Blitzer nicht aus. In diesem Fall gibt es aber die eindeutige Aussage der Polizeibeamten, dass Frau Socke bei Rot gefahren ist und sie hat es ja auch eingeräumt.“

Der Richter antwortete: „Sie hat es nicht eingeräumt. Sie hat die Ampel nicht gesehen und wehrt sich nicht gegen die Behauptung, sie sei bei Rot gefahren. Das ist ein Unterschied. Es ist Aufgabe der Stadt, die Ampelanlage den Regeln entsprechend zu betreiben. Wir wissen nicht, was konkret defekt war und wie dieser Defekt sich auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmerin ausgewirkt hat. Noch dazu an dieser Kreuzung, die ohnehin sehr anspruchsvoll ist. Noch dazu die Witterungsbedingungen. Augenblickversagen. Eine schwere Behinderung, die Frau Socke auf ihr Auto angewiesen sein lässt. Es kommen so viele Zweifel, Faktoren und Umstände zusammen, dass ich eine Strafe nicht rechtfertigen kann. Möchten Sie dazu gehört werden?“, fragte er den Verkehrsmenschen. Der schüttelte den Kopf.

„Das Verfahren ist eingestellt. Alles Gute für Sie! Fahren Sie vorsichtig.“ – Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Bedankte mich. Fing vor Rührung fast an zu heulen. Da hatte ich aber richtig Glück gehabt! So richtig fassen kann ich es noch immer nicht.