Kein schönes Ostertraining

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Nein, natürlich habe ich nicht gemeint, dass alle Sozialpädagogen einen an der Waffel haben, als ich in der letzten Woche vom Pädagogischen Konzept schrieb. Ich finde, man muss eine Menge in meinen Text hinein interpretieren, um das herauszulesen. Allerdings mache ich keinen großen Hehl daraus, dass ich recht fest davon überzeugt bin, dass es unter Sozialpädagogen mindestens genauso viele Idioten gibt wie in anderen Berufen. Und dass ich glaube, dass idiotische Sozialpädagogen deutlich mehr Unheil anrichten können als Idioten in anderen Berufen – zumal das Unheil wohl oft erst dann auffällt, wenn vieles bereits zu spät ist und ganz offensichtlich viele Kontrollen nicht funktionieren oder zu lasch sind. Oder kann mir jemand erklären, wieso ein Gruppen-, Abschnitts- oder Einrichtungsleiter zulässt, dass Susanne zur Durchsetzung pädagogischer Ziele die eigene Mobilität noch weiter eingeschränkt wird als sie es ohnehin schon ist?

Zum Beispiel habe ich auch keinerlei Zweifel, dass Susanne alleine mit Bus und Bahn zu mir fahren könnte – oder auch zum Training. Zumal der letzte Bus direkt über den Deich fährt, auf dem wir trainieren. Trotzdem darf sie das nicht alleine und wir müssen sie zu zweit aus ihrer WG abholen. Zu zweit, damit im Notfall einer Hilfe holen kann, während sich der andere um Susanne kümmert. Kein Kommentar.

Nun hat es unser Verein auch endlich geschafft, zu der absolut geilen Outdoor-Trainingsstrecke die passende Dusch- und Umkleidemöglichkeit zu finden. Bisher war das alles recht improvisiert, doch ab sofort dürfen wir bei einem Sportverein, dessen Vereinshaus am Ende unserer Strecke liegt, duschen und uns umziehen. Und parken. Was natürlich absolut genial ist. Und wie schon gesagt, der Linienbus hält auch direkt vor der Tür. Eingefädelt hatte das übrigens der Dorfpolizist, der in der Nähe dieses Sportvereins wohnt und regelmäßig nach dem Rechten sieht, wenn wir trainieren. Ein etwas rundlicher, älterer Herr mit je drei silbernen Sternen auf den Schultern, der grundsätzlich alleine in seinem Streifenwagen sitzt und uns offenbar in sein Herz geschlossen hat. Fast jedes Mal, wenn wir nachts trainieren, taucht er auf dem Fahrrad sitzend mit seinem Hund auf, grüßt einmal und haut wieder ab.

Da in der Nacht zu Ostersonntag in dem Bereich ein Osterfeuer war, mussten wir diesmal auf die Nacht von Karfreitag auf Ostersamstag ausweichen. Wir waren gerade mitten im Training, ich auf meiner zweiten Runde mit dem Rennrolli, als ich in weiter Ferne ein Auto mit hoher Geschwindigkeit entgegenkommen sah. Das machte einmal kurz Fernlicht an, blinkte dann aber rechts, fuhr auf den Grünstreifen und schaltete das Licht aus. Es war noch mindestens einen Kilometer entfernt. Das kam mir im ersten Moment etwas merkwürdig vor. Ich verlangsamte die Fahrt und überlegte, vorher zu drehen und zurückzufahren. Immerhin war ich in dem Moment alleine und es war ziemlich dunkel. Aber einen Rennrollstuhl bekommt man nicht so einfach und schnell gewendet. Also beschloss ich, rechts auf den Parkstreifen zu rollen und auf den nächsten zu warten, der hinter mir kommen würde. Das nächste, was nach gefühlten zwei Minuten kam, war ein weiteres Auto, relativ schnell – es gehörte weder zu uns noch zu dem Fußgänger-Team, das mit uns trainierte. In etwa einem halben Kilometer Entfernung folgte diesem Auto ein Kleinbus, der zu einem der beiden Teams gehören könnte. Auf der nahezu schnurgeraden Strecke konnte man kilometerweit sehen.

Das Auto, ein Golf, fuhr an mir mit etwas überhöhter Geschwindigkeit vorbei. Als ich wieder nach vorne schaute, ging an dem Auto, das in zwei Kilometer Entfernung auf dem Grünstreifen im Dunkeln stand, das Licht wieder an. Das Auto wendete. Oder? Nein, es wendete nicht, es blieb quer auf der Straße stehen. Und plötzlich flackerte Blaulicht auf dem Dach. Häh?! Hatte der Dorfpolizist uns etwa so lieb, dass er jetzt alle Leute, die trotz „Einfahrt verboten“ die Straße passierten, kontrollierte? Um es nicht endlos spannend zu machen: Der Golffahrer hatte am anderen Ende der gesperrten Straße eine Kurve so geschnitten, dass ein Radler aus dem Fußgänger-Triathlon-Team in den Graben geschliddert ist. Außer ein paar Schürfwunden und einigen zerfetzten Klamotten ist dem aber wohl nichts passiert. Der Golffahrer hatte noch gehupt, ist aber gleich weitergefahren. Unfallflucht nennt man sowas wohl. Per Handy hatte jemand aus dem Team direkt die Polizei angerufen. Ein Begleitfahrzeug hatte den Golf verfolgt. Und der Dorfpolizist hat sich die vier Jugendlichen, die ohne Lappen unterwegs waren, gleich geschnappt und zumindest so lange festgehalten, bis seine Kollegen vom nächsten ständig besetzten Revier dort waren. Damit war allerdings auch das Training für diese Nacht erstmal beendet.

Dafür durften wir am heutigen Ostermontag zum ersten Mal draußen schwimmen. Der See, ein Baggersee, bis zu 19 Meter tief, nur rund 500 Meter breit, dafür aber rund 2300 Meter lang, hatte eine Wassertemperatur von 14 Grad. Etliche Kinder plantschten bereits im flachen Wasser, einige wenige waren auch komplett bis zum Hals drinnen, aber nie länger als wenige Sekunden, dafür war es einfach noch zu kalt. Marie, Cathleen, Simone und ich saßen bereits auf einer Decke auf dem Rasen, zogen uns bis auf die Badesachen aus, während Tatjana noch mit Yvonne, Kristina, Merle und Nadine ins Vereinsbüro wollte, weil die da noch irgendeine Wettkampfmeldung dringend faxen mussten. Es sollte angeblich nur höchstens 30 Minuten dauern, wir sollten uns so lange etwas sonnen.

Nach 20 Minuten begannen wir, uns in die Neoprenanzüge zu zwängen, inzwischen konnten wir es alleine, lediglich Marie machte es zum ersten Mal und brauchte Hilfe. Gefühlte hundert Augen glotzten uns an. Für die ganzen Kinder war es super spannend, dass ein paar Rollifahrer sich dort auf der Erde liegend in ihre Wurstpellen pressten, deren Eltern ließen für Minuten glatt ihre Campinggrills aus den Augen. Nach 10 Minuten saßen wir da, die Einteiler bis zur Brust hochgezogen, auf Tatjana und den Rest wartend. Nach weiteren dreißig (!) Minuten kamen sie dann endlich. Während die anderen sich am Auto umzogen, quetschten wir noch unsere Arme in das Ding, schlossen einander die Reißverschlüsse und warteten darauf, dass es jeden Moment losgehen würde.

Wir rollten langsam vom Rasen auf den Sandstreifen nach unten. Als wir uns wieder umsahen, waren die anderen vier immernoch am Auto. Meine Güte, brauchten die lange. Wir setzten uns schonmal in den Sand. Marie fing an, mich zu ärgern, indem sie mich so anstieß, dass ich (in Ermangelung von Oberkörperstabilität) seitlich umkippte. Sofort warf sie sich auf mich drauf und drückte mich auf die Erde. „Ich bin stärker als du“, meinte sie. Wir kämpften. Es gelang mir, sie umzustoßen und mich zumindest für einige Sekunden mit meinem Oberkörper auf sie draufzulegen, bevor sie uns ein Stück weiter rollte und wieder oben lag. Sie war mir durch ihre niedrigere und imkomplette Querschnittlähmung körperlich eindeutig überlegen. Wir wälzten uns in dem Sand hin und her, aber ich schaffte es nicht, sie irgendwie festzuhalten. Stattdessen hatte sie mich ein paar Mal so unter sich fixiert, dass ich kapitulieren musste. Wir sahen aus wie die panierten Schnitzel. Aber wir wollten ja ohnehin gleich schwimmen.

Tatjana kam und brachte uns vier Flaschen Mineralwasser. „Damit ihr nicht völlig dehydriert in dem warmen Ding“, meinte sie fürsorglich. Sie habe ihren Neo im Auto vergessen, ergo müsse sie jetzt mit dem Kleinbus nochmal zum Parkplatz zurück. Das würde noch weitere 15 Minuten dauern. Die anderen kämen gleich. Wir sollten warten. Wahnsinn. Marie hatte es faustdick hinter den Ohren. Teilweise trank sie, aber zwischendurch nahm sie den Mund voll Mineralwasser, spitzte die Lippen und spuckte es in meine Richtung, mir direkt auf den Arm oder auf die Brust. Das Spielchen fanden Cathleen und Simone natürlich auch toll und so durften etliche Leute beobachten, wie vier Behinderte sich gegenseitig mit Mineralwasser bespuckten, sich in Schwitzkästen nahmen und im Sand herumrollten. Cathleen begann irgendwann, mit Matsch zu werfen und irgendwann waren wir, obwohl wir auf Tatjana warten sollten, im Wasser. Es war dermaßen arschkalt, dass mir richtig ein wenig übel wurde, als ich komplett drinnen war. Im Neo muss sich ja erstmal ein Wasserfilm bilden, bis er isoliert, und der ist erstmal so kalt wie das Seewasser.

Das Schwimmtraining dauerte nur rund 20 Minuten. Das reichte auch. Vor allem mein Kopf fühlte sich wie eingefroren an und meine Stirn fühlte sich leicht schmerzhaft an. Ich war froh, als wir endlich wieder draußen waren, die nassen Sachen ausziehen und uns abtrocknen konnten. Danach kurz gemeinsam duschen, bevor wir dann einen wunderbaren Grillabend am See hatten – es war richtig herrlich.

In der nächsten Woche sind Osterferien, ich werde die Zeit nutzen, um für meinen Test zu lernen, zwei Referate und zwei Hausarbeiten zu schreiben und intensiver zu trainieren. Das Ostertraining war irgendwie nicht der Brüller. „Nicht schön“, wie auch Cathleen fand. Dieser abgebrochene Nachteinsatz und dieses Schwimmen im Eiswasser … da wäre eigentlich mehr drin gewesen. Schwimmen in der Halle wäre jedenfalls effektiver. Auf jeden Fall möchte ich in diesem Jahr noch an mindestens einem Triathlon teilnehmen!

Eine aufregende Woche

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Mir geht es gut. Nein, wirklich. Ich bin selbst erstaunt. Ob es von den ersten Sonnenstrahlen kommt, die Glückshormone freisetzen? Oder vom Sex, der gleiches tut? Oder ob es an den vielen Neuigkeiten und Perspektiven liegt, die meine letzte Woche prall gefüllt haben?

Ich weiß gar nicht, wovon ich zuerst und wovon ich zuletzt schreiben soll. Ich habe auch keine Ahnung, ob sich das jemand antun will, aber ich kündige schon jetzt an: Trotz aller Bemühungen wird es eine lange Kurzfassung. Es war eine Woche, die so bewegt war, dass ich nicht dazu gekommen bin, Tagebuch (Blog) zu schreiben.

Am letzten Wochenende fand endlich mal wieder ein Straßentraining statt. Leider bei keinem tollen Wetter, es fing zwischenzeitlich zu nieseln an. Marie hat zum ersten Mal auf der Straße mittrainiert und es hat ihr sehr gut gefallen. Sie passt prima in unsere Gruppe.

Am letzten Wochenende war auch Pauline dabei. Pauline ist knapp 16 Jahre alt und wohnt in der Straße, in der unser nächtliches Training beginnt und endet. Unser Straßentraining findet ja seit einiger Zeit auf den Elbdeichen statt, im Rahmen einer Sondernutzungserlaubnis teilen wir uns nachts etwa zehn Kilometer Deichstraße mit etlichen Rennradlern. Für den Durchgangsverkehr ist die Straße in dieser Zeit gesperrt.

Pauline saß auch schon die letzten Wochenenden auf einem Verteilerkasten am Straßenrand gegenüber unserer Trainingsbasis und guckte. Sagte kein Wort, sondern beobachtete nur. Über Stunden. Kurz nachdem wir beginnen, kommt sie aus dem Haus, setzt sich auf den Stromkasten (oder Telefonkasten, keine Ahnung, was da verteilt wird), guckt uns ein paar Stunden zu und verschwindet wieder. Keine Eltern in Sicht, es ist arschkalt (wenn man nur da sitzt), sie sagt nichts, sie macht nichts, sie guckt nur.

Vor einer Woche haben wir sie angesprochen. Ergebnis: Sie bewundert uns. Sie bewundert mich. Sie sei verliebt in mich. Sie schwärme für mich. Sie möchte so sein wie ich. Auf meine ziemlich perplexe Frage (immerhin kommt es nicht alle Tage vor, dass jemand mir so etwas sagt, geschweige denn sich dazu überwindet, so etwas zu sagen), was sie denn so toll an mir finde, antwortete sie: Einfach alles. Sie wünsche sich, mit mir tauschen zu können. Aber das ginge ja nicht. Sie träume jeden Abend vor dem Einschlafen davon, so zu sein wie ich.

Ich fragte sie, ob sie sich vorstellen könnte, wie ein Leben mit einer Querschnittlähmung ist. Nein, sagte sie, das könne sie nicht, aber sie bewundere mich und möchte gerne so sein wie ich. Sie fing an, mich Dinge aus meinem Leben zu fragen. Ob ich zu Hause wohne, ob ich noch zur Schule gehe – und ob ich viele Freunde hätte, die im Rollstuhl sitzen. Sie würde auch gerne Rollstuhlfahren lernen.

Ich hielt sie für ziemlich „Psycho“ und fragte sie, was sie am Rollstuhlfahren so erstrebenswert fände. Immerhin kenne ich viele Rollifahrer, die gerne laufen können würden. Sie antwortete, dass ich sie falsch verstanden hätte: Sie sei nicht vom Rollifahren fasziniert, sondern von mir, wie ich Rollstuhl fahre. Dass ich den so gut beherrsche und dass es so wirke, als hätte ich ihn akzeptiert. Das sei bei ihr nicht so – ihr Rollstuhl sei Scheiße und fahren könne sie damit auch nicht. Er sei ganz billig und eigentlich für alte Omas.

Das Gespräch wurde immer verrückter. Sie war eindeutig zu Fuß da und ihr Gangbild deutete nicht im geringsten darauf hin, dass sie irgendeine Einschränkung haben könnte. Im Gegenteil, sie lief, sprang an diesem Stromkasten hoch – völlig unauffällig. Sie sagte, sie habe einen Rollstuhl, weil sie an einigen Tagen nicht laufen könne. Teilweise nicht mal zehn Meter. Lange Strecken sowieso nicht. Die Ärzte finden keinen Grund, die eigenen Eltern halten sie für eine Spinnerin und sie stehe mit ihrem Problem völlig alleine dar.

Woher sie den Rollstuhl denn hätte, wollte ich wissen. Der normale Weg wäre eine Verordnung vom Arzt gewesen – und dann eine Versorgung über ein Sanitätshaus zu Lasten der Krankenkasse. Sie habe ihn selbst gekauft, deswegen sei er auch nur einfach. Und die Eltern wüssten auch nichts von seiner Existenz. Der Kinderarzt habe ihr keinen verschreiben wollen, der meinte, dann würde sie nur noch dadrin sitzen. Auf die Frage, wo der Rolli denn jetzt stehe, meinte sie, dass er bei einem Nachbarn in einer Scheune untergestellt sei. Fragt sich, wie sie dorthin kommt, wenn sie an einigen Tagen nur zehn Meter laufen kann. Wir haben uns verabredet, dass sie den Stuhl nächstes Mal mitbringt und wir mal schauen, ob man den noch besser einstellen kann… Mal sehen, wie die Märchenstunde weitergeht.

A propos „Psycho“: Heute (ich weiß, Chronologie geht anders) saß ich in der S-Bahn, als an der Station „Reeperbahn“ ein Typ einstieg, mit Glatze, Ohrringen, Perlenkette, Stöckelschuhen, Rock und durch die Bluse schimmerte ein BH. Knie frei, stark geschminkt und gepudert – solche Leute trifft man in dem Bereich öfter. Hin und wieder sind sie ein Hingucker, manchmal, weil sie tatsächlich hübsch aussehen, manchmal, weil sie tatsächlich schrecklich aussehen. Der heutige Frau war unspektakulär, setzte sich auf einen Platz und las ein Reclamheft. Mir gegenüber knutschten zwei Typen, Mitte 40, intensivst, eine Sitzgruppe weiter redete jemand laut mit sich selbst und noch ein Stück weiter leckte jemand die Fensterscheibe ab. Als dann, eine Station später, an der Königstraße, noch drei Leute reinkamen, einer mit Gitarre, zwei farbige Frauen in Baströcken dazu, zusammen rockten sie lautstark die Bahn und tanzten, fühlte sich ein Typ genötigt, laut loszubrüllen: „Nur Asoziale hier! Nur Beknackte, Psychotiker und jede Menge Schwuchteln.“ – „Und Behinderte“, fügte ich hinzu und hob demonstrativ meinen Zeigefinger hoch. Der Typ konnte es nicht hören, die beiden homosexuellen Männer grinsten, eine ältere Frau schaute mich vorwurfsvoll an. Großstadt.

Vor knapp zwei Wochen schrieb ich über einen Mann, der keine Erlaubnis bekam, eine ausreichend große Wohnung anzumieten. Das Thema hat sich inzwischen erledigt: Nachdem der Leiter jener Abteilung, die dem Mann diese Berechtigung verwehrt hatte, darüber zu entscheiden hatte, ob die Verfahrensakte zur Einsichtnahme zum Anwalt geschickt werden kann, stellte die Sachbearbeiterin dem Mann den richtigen Berechtigungsschein aus. Damit habe sich die Sache ja nun erledigt…

A propos „erledigen“: Bei meinem „Schulproblem“ hat sich nach wie vor nichts erledigt. Zwei der drei Unruhestifter sind nicht mehr suspendiert, eine endgültige Entscheidung, wie es weiter geht, gibt es trotzdem nicht. Zumindest nicht, was die Konsequenzen für die Plagegeister angeht. Für mich bedeutet das: Es geht (fast) so weiter wie vor der Suspendierung, denn dieser halbherzige Versuch, die Streithähne in die Schranken zu weisen, hat sie offenbar nur in der Ansicht bestärkt, man könne ihnen nicht ans Leder. Die Direktorin ist mir ein paar Mal über den Weg gelaufen, sie grüßt nicht mehr, es scheint mir, als wenn sie mich mutwillig übersieht, vielleicht verdrängt sie mich auch einfach nur aus ihren Gedanken, vielleicht bilde ich mir das alles auch nur ein und sie hat mich einfach nur ein Dutzend Mal nicht gesehen.

Es soll ja bei Beamten die inoffizielle Möglichkeit des „Weglobens“ geben, meistens in aufwärtige Richtung. Damit ist gemeint, dass man einen Beamten, der auf seiner Stelle mehr Scheiße baut als sinnvolles zu leisten, in eine andere (höhere) Position befördert, wo er weniger Unheil anrichten kann – Beamten kann man schließlich schlecht kündigen. Nicht, dass ich nun Gerüchte in die Welt setzen will, dass man meine Direktorin wegloben will – bewahre! Sondern ich komme mir im Moment so vor, als wolle man mich „wegloben“. Ich weiß natürlich, dass das nicht so ist, sondern kann noch gar nicht fassen, was da gerade passiert, welche Mühe sich einige Leute mit mir geben und welche vermutlich einzigartige Chance man mir gerade eröffnet. Ich suche nach Erklärungen – die absurdeste, die des Weglobens, ist noch nicht absurd genug.

Am letzten Dienstag rief mich meine Hausärztin, die Mutter von Marie, nachmittags an. Sie, meine Hausärztin, habe auf Erzählungen von Marie über meinen Schulstress in meinem Blog geblättert. Sie konnte nicht glauben, was Marie ihr erzählt hat. Sie sagte, das alles sei ja unerträglich. Sie wusste zwar aus meinen knappen Erzählungen, dass da nicht alles rund laufe, aber so schlimm habe sie es sich nicht vorgestellt. Meine Texte (in denen es ja auch hin und wieder mal um meine Schulnoten ging) haben ihr aber insgesamt sehr gut gefallen und sie erlebe mich ja auch schon einige Zeit, insofern würde sie mir gerne helfen – ob ich damit einverstanden sei.

Sicherlich bin ich damit einverstanden, nur was kann sie schon tun? Schließlich haben sich ja schon einige Leute vergeblich daran versucht. Sie fragte mich, was ich nach meinem Abi tun möchte. „Studieren“, antwortete ich. – „Was denn?“ – „Genau weiß ich es noch nicht, aber vermutlich Psychologie. Oder irgendwas anderes Soziales, bei dem man mit Menschen zu tun hat.“ – „Medizin?“ – „Dafür ist mein NC zu schlecht.“ – „Scheitert es nur am NC? Oder anders gefragt: Was wäre, wenn im nächsten Jahr der NC so läge, dass es möglich wäre?“

„Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, weil ich keinen NC von 1.1 hinbekomme und sich diese Tür mir sowieso nie öffnen wird. Außerdem weiß ich nicht, ob ich das packen würde, da ich ja nur begrenzt belastbar bin und das Studium ja sehr anspruchsvoll ist. Und ob ich das alles verstehe, gerade in Chemie, weiß ich auch nicht.“ – „Naja, die Belastbarkeit ließe sich ja durch eine längere Studienzeit ausgleichen. Und was den Intellekt angeht, hätte ich überhaupt keine Zweifel. Die entscheidende Frage wäre aus meiner Sicht, ob das inhaltlich das richtige wäre.“

„Und ob ich das letzte Jahr an meiner Schule überstehe“, sagte ich. Maries Mutter ließ nicht locker: „Sie denken mir zu praktisch. Hätten Sie theoretisch Interesse, wenn Ihnen morgen jemand einen Studienplatz anbieten würde?“ – „Ich glaube schon. Aber warum ist das so wichtig?“ – „Marie fängt nächsten Winter an, Medizin in Hamburg zu studieren. Sie hat ein entsprechendes Abi geschafft. Und nun sucht sie noch jemanden, der sie begleiten möchte. Ich habe da spontan an Sie gedacht. Ich glaube, das wäre etwas für Sie.“

„Ich bin doch erst 2012 mit dem Abi fertig. Frühestens. Und ich habe keinen entsprechenden NC.“, antwortete ich. Was sollte das?! Schnallte sie das nicht oder wollte sie mich provozieren? Ich wurde langsam sauer, weil ich mich nicht verstanden und nicht ernst genommen fühlte – und das kann ich nicht leiden. Sie sagte: „Ich weiß, es klingt bescheuert, aber vielleicht schlafen Sie einmal drüber und sagen mir morgen früh, ob das was für Sie wäre, ob Sie sich grundsätzlich vorstellen könnten, Medizin zu studieren, wenn Sie sich über NC und Abi und arschige Mitschüler keine Gedanken machen müssten. Ob das Ihr Studiengang sein könnte. Überlegen Sie sich das ernsthaft und rufen mich bitte bis morgen Mittag an. Ich meine das wirklich ernst!“

„Und dann?“ – „Dann rufen Sie mich wieder an. Bitte nicht vergessen! Tschüss!“ – Zuerst war ich sauer, spielte sogar schon mit dem Gedanken, Marie anzurufen und sie zu fragen, was das sollte, entschied mich dann aber zum Glück dagegen und redete mich allen möglichen Leuten. Alle möglichen Leute hatten alle möglichen Bedenken. Meine körperliche Behinderung, wenn ich da mal jemanden hochheben müsste, oder reanimieren müsste, das ginge doch gar nicht. Ich würde schon im Pflegepraktikum scheitern, das dem Studium vorausgeht. Andererseits gibt es einige wenige Ärzte im Rollstuhl – die müssen es ja irgendwie auch geschafft haben.

Als ich sie am Mittwoch anrief und ihr erzählte, dass ich mir das vorstellen könnte, mehr aus der Neugier heraus, was wohl passieren würde, als aus der Überzeugung, dass da wirklich etwas passieren könnte, antwortete sie, dass ich am Abend einen Termin hätte mit Marie – den sollte ich unbedingt wahrnehmen und alles andere absagen. Es sei meine Chance, ohne NC einen Studienplatz für Medizin zu bekommen. Wenn ich möchte.

Bis dahin habe ich das ganze für albern gehalten, aber als mir in dem Moment klar wurde, dass das wirklich ernst gemeint war (ohne zu wissen, wie das klappen sollte), zweifelte ich doch, ob ich mich richtig entschieden hatte. Mehr aus dieser Eigendymamik heraus fuhr ich abends mit Marie in den Hamburger Westen in ein Krankenhaus und sollte mich bei einer Sekretärin melden. Es dauerte endlos, bis wir die richtige Zimmertür gefunden hatten. Dann standen wir in einem Raum mit einer Dachschräge, ein ziemlich großer, dünner Mann mit blondem, ungeordneten Haar, sehr dezenter Brille, Dreitagebart, großen Händen, schätzungsweise Anfang 40 (später erfuhren wir dann, dass er über 60 war) stand an einem offenen Dachfenster und rauchte. Das Zimmer war grell erleuchtet, überall standen und lagen Bücher herum, prall gefüllte Regale standen an jeder Wand.

Als wir reinrollten, drückte er seine Zigarette in einem Aschenbecher aus und schloss das Fenster. Bevor er uns die Hand gab, ging er zu seinem Schreibtisch, wackelte mit der Maus, um den Bildschirmschoner auszuschalten, und drehte seinen Monitor. „Aus dem Leben einer Stinkesocke“ – mein Blog war auf dem Bildschirm zu sehen.

„Hätte ich das gewusst, hätte ich einige Beiträge ausgeblendet“, sagte ich. Er antwortete: „Gut, dass Sie das nicht gewusst haben. Schauen Sie mal hier. Daran forsche ich gerade. Die Genetik der einzelnen Bakterien im Darm. Sie sind bei jedem Menschen verschieden. Außer bei Zwillingen. Die haben dieselben. Auch, wenn sie seit 50 Jahren nicht mehr zusammen wohnen, sich völlig unterschiedlich ernähren, der eine nimmt ständig Antibiotika, der andere schwört auf Naturheilkunde – die haben trotzdem die gleichen Darmbakterien. Der eine Zwilling hat ein Reizdarmsyndrom, der andere nicht. Woran liegt es?“

„Am Antibiotikum?“ – Der Mann lachte. „Nein. Das kann auch denjenigen Zwilling treffen, der kein Antibiotikum genommen hat.“ – „Keine Ahnung. An der Psyche? An der Ernährung?“ – „Die erste Antwort war richtig.“ – „Die Psyche.“ – „Nein, die erste. ‚Psyche‘ war die zweite.“ – „Keine Ahnung?“ – „Genau. Keine Ahnung. Wir wissen es nicht. Fragen Sie einen Mediziner nach der Ursache des Reizdarmsyndroms und sie bekommen allenfalls eine Bankrott-Erklärung. Die Darmflora ist so gut wie nicht erforscht. Wir wissen, dass in ihm zwischen drei und zwanzig Pfund Bakterien leben, 10% von ihnen haben schon einen Namen. Ende.“

„Warum hat das noch nie jemand erforscht?“, fragte ich. Er antwortete: „Was denken Sie?“ – „Hm, es scheitert schon daran, an alle Bakterien ranzukommen?“ – „Richtig, warum?“ – „Der Darm ist zu lang, um mit irgendwelchen Instrumenten…“ – „Falsch. Im Zweifel nimmt man bei einer Operation oder Sektion irgendwelche Proben. Das ist nicht der Grund.“ – „Hm, vielleicht herrscht da drin so eine einzigartiges Milieu, dass sie tot sind, bevor sie unter dem Mikroskop liegen?“ – „Genau richtig. Erst mit Hilfe der DNA-Untersuchung, die erst seit einigen Jahren möglich ist, hat man festgestellt, was da so alles unterschiedliches lebt. Bei der DNA-Untersuchung ist es egal, ob das Bakterium tot ist oder lebendig. Ein Mediziner in den USA hat sich die Mühe gemacht und die DNA aller Bakterien im Darm eines Menschen entschlüsselt. Und dabei mal eben schnell einige Tausend neue Bakterien gefunden. In einem Menschen. Und im zweiten nochmal. Da ist unheimliches Forschungspotential.“

Er nannte die Chaoten auf meiner Schule „Hallodris“ und wollte von mir hören, warum einige Querschnittgelähmte einen sehr hohen Blasendruck haben und andere nicht. Ich erklärte ihm das. Steht ja auch in meinem Blog. Er wollte dann wissen, wieso Querschnittgelähmte keine Reflexe hätten. Erklärte ich ihm auch. Dann fragte er: „Haben Sie eine Querschnittlähmung?“ – Ich nickte. – „Komplett?“ – Ich nickte nochmal. – „Wetten, dass ich bei Ihnen doch einen Reflex auslöse?“

„Wenn Sie so fragen, gibt es bestimmt einen“, antwortete ich, „den man auslösen kann. Mit List und Tücke.“ – „Ich wette, Sie können mit ihrem großen Zeh wackeln“, sagte er. Ach den. Kannte ich schon. „Babinski lässt grüßen?“ – „Sie haben ein großes medizinisches Interesse, oder?“ – „Es betrifft mich halt. Wenn Sie mich jetzt was über Herzinfarkte fragen würden, müsste ich passen.“ – „Warum wollen Sie Medizin studieren? Weil ein Studium besser wäre als sich weiter zu den Hallodris in die Schule zu setzen? Also die Frage wäre ja, ob nicht derzeit alles besser wäre als diese Hallodris.“

„Ich weiß es nicht. Es würde mich interessieren und ich könnte es mir vorstellen. Ich habe keine fernen Ziele, die ich erreichen will. Ich will keine Darmbakterien entdecken und auch nicht die Welt retten. Vielleicht tue ich das eines Tages mal, nichts ist unmöglich, aber ferne Ziele habe ich derzeit nicht. Als nahes Ziel möchte ich mein Abi schaffen, um studieren zu können und dazu so schnell wie möglich raus aus dieser Chaos-Schule.“

„Ich hätte einen Studienplatz für Sie. Zum 1. Februar 2012. Zusammen mit Marie. Könnten Sie einsteigen. Wenn Sie wollen und sich gut vorbereiten. Wollen Sie?“, fragte er mich. – „Ich bekomme mein Abi frühestens im Mai 2012 und habe keinen Einser-NC.“ – „Wollen Sie?“ – „Ja, aber…“ – „Dann sage ich Ihnen jetzt, wie Sie das machen können.“ – Ich nickte und hörte aufmerksam zu. – „Sie melden sich jetzt zum Test. Es gibt eine Art Einstellungstest, der ist eigentlich im letzten Monat gelaufen, aber es gibt noch einen Nachholtermin im Mai. Bis dahin büffeln Sie, entsprechende Lektüre bekommen Sie von mir mit.“

„Okay!?“, sagte ich. – „Wenn Sie den Test bestehen – daran habe ich keine Zweifel, wenn Sie fleißig üben – haben Sie im Februar 2012 einen Studienplatz. Ab Juni haben Sie Sommerferien und Ihre Fachhochschulreife. Machen Sie die so gut wie irgend möglich. Reden Sie mit den Lehrern, dass Sie jetzt abgehen und gute Noten brauchen. Schreiben Sie Hausarbeiten und Referate, machen Sie alles mit, was Ihre Noten verbessert. Wenn Sie den Test bestanden haben, steigen Sie im Sommer aus und machen alle vorbereitenden Dinge, die Sie für das Studium brauchen. Pflegedienst, Ersthelferkurs, Anmeldeprozedur, Vorgespräche. Ab Februar 2012 studieren Sie. Wenn Sie das nicht packen, steigen Sie ab August 2012 wieder in die Schule ein und hängen Ihr letztes halbes Jahr bis zum Abi dran. Man darf ein Jahr aussetzen. Wenn Sie das mit dem Studium aber packen, haben Sie im Februar 2013 (also nach einem Jahr) eine offizielle Hochschul-Zugangsberechtigung, die in ganz Deutschland gilt. Für alle Studiengänge, für alle Unis. Die ist wie das Abi. Wenn Sie in der Medizin bleiben, werden Ihnen sogar alle Scheine angerechnet, die Sie seit Februar 2012 schon gemacht haben.“

„Aber normalerweise darf man doch nicht ohne Abi an eine Hochschule, oder?“ – „Nein. Aber das Abi ist nicht der einzige Zugangsweg. Man kann auch anders eine Berechtigung zum Hochschulstudium bekommen. Zum Beispiel durch eine abgeschlossene Berufsausbildung und einige Jahre Berufserfahrung. Da gibt es einige Möglichkeiten. Man muss nachweisen, dass man die Reife hat, ein Hochschulstudium zu absolvieren. Der Nachweis gilt auch als erbracht, wenn man den Eingangstest schafft und ein Jahr lang erfolgreich studiert – und (zum Beispiel) eine Empfehlung eines Hochschullehrers hat.“ – „Habe ich denn so eine Empfehlung?“ – „Ja. Ich habe ja nun viel von Ihnen gelesen, ich habe Sie persönlich kennen gelernt, Ihre Noten sind überdurchschnittlich – ich habe keine Zweifel, dass Sie bereits heute mindestens dieselbe Reife besitzen wie eine Abiturientin. Daher würden Sie von mir eine Empfehlung bekommen.“

„Und der NC?“ – „Der ist geschenkt, weil Sie direkt einsteigen. Sie bewerben sich nicht zentral, sondern direkt mit der Empfehlung. Dann könnten Sie theoretisch auch mit dreikommafünfer Durchschnitt sein. Aber nur theoretisch – praktisch würde man zweifeln, ob Sie dann den Einstellungstest bestehen.“

Ist das genial oder genial? Ich weiß das noch gar nicht richtig einzuordnen in meinem Kopf. Und auch ein Trainingslager in Niedersachsen, von dem ich heute erst zurück gekommen bin, hat mir nicht den Kopf freigepustet. Lediglich einen klitzekleinen Sonnenbrand habe ich da bekommen.

Keine Hose, kein Training – aber Schwimmen

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Am Freitag waren Cathleen, Simone, Jana, Marie und ich in der Hamburger City, um für Marie Sportbekleidung zu kaufen. Nachdem Marie ein paar Mal begeistert auf dem Sportplatz trainiert hatte, wollte sie an diesem Wochenende am Straßentraining (Rennrolli) teilnehmen. Es war ein totaler Reinfall.

Wir hatten zwar viel Spaß, aber wirklich gefunden haben wir nichts brauchbares. Das heftigste erlebten wir in einem Sportkaufhaus Saftladen: Der Verkäufer, Anfang 20, mindestens eine Tube Gel in den Haaren, wollte sich köstlich darüber amüsieren, dass wir Triathlon machen. Erst fragte er mehrmals, wofür wir die Klamotten brauchen, dann, ob das ein Scherz ist und wo die versteckte Kamera ist, dann amüsierte er sich derart, dass Marie fast zu weinen anfing und Cathleen irgendwann sagte: „Lasst mal woanders einkaufen. Ich habe keinen Bock auf diesen Idioten.“ – Der Verkäufer stand daneben und sagte, immernoch lachend: „Damit meinst du aber hoffentlich nicht mich, oder?“

Ich erwiderte: „Selbst wenn, würdest du uns das ja sowieso nicht glauben. Schönen Tag noch.“ – Der Verkäufer hörte auf zu lachen und sagte: „Ach kommt, Mädels, so war das doch nicht gemeint. Wer wird denn gleich beleidigt sein?“ – Cathleen war schon auf dem Weg zum Aufzug, rollte noch einmal zu ihm zurück und sagte mit einem aufgesetzten Grinsen: „Kleiner Tipp noch: Nimm nächstes Mal nicht so viel von dem Zeug. Das frisst sich ins Hirn.“ – Marie fielen fast die Augen raus. Jana lachte laut – wer ihr wahres Lachen nicht kennt, könnte es für echt halten. Bloß raus.

Da wir auch im nächsten Kaufhaus nicht erfolgreich waren, versprach Cathleen, Marie einen ihrer Einteiler zu leihen. Größenmäßig müsste es passen. Es kam aber nicht mehr dazu, da das Wochenendtraining -das letzte in den Ferien- kurzfristig wegen Krankheit abgesagt wurde. Nun hat Marie Zeit, sich ein Teil bei unserem Sponsor zum regulären Preis zu bestellen – das ist wohl das Beste.

Heute waren wir im Schwimmbad. Sofie, Frank, Cathleen, Jana, Simone und ich – Markus musste leider arbeiten. Anfangs war es ziemlich voll, später war es angenehm leer. Wir sorgten mit unseren sechs Rollstühlen natürlich wieder für ungeahnte Aufmerksamkeit, eine Mutter mit polnischem Akzent musste ihrem etwa dreijährigen Sohn erklären, dass in solchen Stühlen jene Menschen sitzen, die der Liebe Gott mit kaputten Beinen auf die Welt geschickt hat. Ich befürchte, es wird noch einige Generationen geben, in denen uns Leute wie Außerirdische anstarren. Sollte man einem Kind wirklich erklären, dass wir vom Lieben Gott kommen?! Oder jener eine Verantwortung für unsere Behinderung trägt? Während man durchaus mal diskutieren könnte, ob Gott behinderten Menschen eine besondere Aufgabe gibt, so muss man doch befürchten, dass das dreijährige Kind überhaupt nicht schnallt, was hier vor sich geht und Angst bekommt!

Und absolut genial war ein Paar, schätzungsweise um die 20, er recht groß und muskulös, sie mit auffallend wasserstoffblonden Haaren und mindestens 82 Tatoos – während wir im Wasser auf einer Bank lagen und auf den Sprudelturnus warteten, trug er sie recht übermütig ins Wasser, sie kiecherte, er deutete ein paar Mal an, sie fallen zu lassen, dann waren sie endlich drin, sie umschlang ihn mit Armen und Beinen, er tanzte mit ihr durchs Wasser. Dann sagte sie: „Soll ich jetzt wirklich hier Pipi machen?“ – Kein Scherz. Mit großen Augen schaute ich Sofie an, die direkt neben mir lag. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Sofie schaute mich ebenso ungläubig an. Frank lag daneben und sagte laut: „Lasst euch nicht stören. Falls noch jemand kacken muss: Ich könnte da den Whirlpool empfehlen.“

Die beiden bekamen das nicht mit. Oder wollten es nicht mitbekommen. Sie waren schon ein Stückchen weiter getanzt. Eng umschlungen… Themenwechsel: Morgen fängt die Schule wieder an. Ich werde wieder am Unterricht teilnehmen. Ich bin gespannt, was mich da erwartet. Ich muss ins Bett.

Dieses Kribbeln im Bauch

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Wenn ich lange nichts schreibe, gibt es dafür meistens drei mögliche Gründe: Entweder stecke ich bis über beide Ohren in Arbeit (ja, auch Schüler langweilen sich nicht immer nur), mir geht es sehr schlecht oder mir geht es sehr gut.

Die erste Möglichkeit scheidet aus, ich will zwar nach den Ferien wieder in die Schule gehen und habe das eine oder andere nachzuholen (und damit sind nicht nur die Übungen gemeint, möglichst elegant den doppelten Stinkefinger auszufahren), die zweite auch (ich habe gerade beschlossen, dass ich erstmal oft genug im Krankenhaus war oder mich habe ärgern lassen) – also muss es die dritte Möglichkeit sein. Nein, ich muss das nicht umständlich herleiten, ich wollte nur einen Spannungsbogen aufbauen.

Ich weiß, es lesen ein paar Kinder mit, und es lesen auch ein paar Erwachsene mit, die besorgt sind, Kinder könnten mitlesen – aus beiden Gründen formuliere ich die nächsten Absätze sehr artig. Auch wenn ich mal wieder ziemlich unartig war. Gemeinhin wird ja behauptet, Ferien seien auch zum Ausschlafen da: Stimmt. Irgendwie sind Markus und ich rund eine Woche nicht aus dem Bett gekommen…

Wir haben am Anfang, vor ungefähr einer Woche, ziemlichen Stress miteinander gehabt und es wäre fast dazu gekommen, dass ich ihn abgeschossen hätte. Er gelang plötzlich zu der festen Überzeugung, mich wie ein zerbrechliches Püppchen behandeln zu müssen. Er wollte zwar mit mir ins Bett, machte sich auch über meine Lähmung und meine Blase überhaupt keinen Kopf, störte sich daran scheinbar überhaupt nicht. Aber er hatte immer, wenn es etwas lebhafter wurde, Befürchtungen, mir an der einen oder anderen Stelle weh zu tun, zu grob zu mir zu sein. Und obwohl ich das immer wieder verneinte, nahm es immer schlimmere Formen an. Bis ich ihm irgendwann sagte: „Wenn du mich jetzt nicht endlich so durchf…st wie du das bei einer nicht gelähmten Frau machen würdest, schmeiß ich dich raus. Ich will jetzt hart rangenommen werden und nicht stundenlang diskutieren. Wenn Blut spritzt, darfst du nochmal fragen, vorher nicht. Wenn mir was nicht gefällt, sage ich schon was.“

Nun wird es auch wieder Leser geben, die meinen, etwas mehr Intimsphäre sollte ich mir bewahren. Nein, das hier möchte ich erzählen, weil es mich beschäftigt: Ich mag es … ich weiß nicht, wie ich es genau nennen soll … wenn ich die komplette Verantwortung für die Situation und auch für mich abgeben kann. Wenn er einfach mit mir macht, was er mit mir machen will. Wenn er mich „benutzt“, wie er es gerne hätte. Seine Wünsche mit an mir befriedigt, ich mich dem unterordnen muss. Natürlich in einem klar definierten Rahmen. Zumindest außerhalb jeder Fantasie. Nun wird es Psychologen geben, die daraus innere Sorgen, Ängste, Wünsche und Schwächen ableiten oder zumindest konstruieren können oder mir vielleicht bescheinigen, für mein Alter zu viel Verantwortung tragen zu müssen und alles gerne mal in fremde Hände lege – kann sein, dass das so ist. Ist mir aber in dem Moment völlig egal, weil es mir damit total gut geht. Es ist sehr schön für mich, wenn er sich nimmt, was er braucht. So komisch das vielleicht klingt.

Umgekehrt, und das macht die Sache vielleicht paradox, habe ich aber auch gerne mal die völlige Kontrolle. Das heißt: Auch ein Querschnitt muss nicht zwangsläufig unten sein, sondern kann den Spieß auch prima umdrehen. Ich liebe es, wenn es mir gelingt, ihn wie selbstverständlich bis zu einem Punkt zu bringen, an dem alles kippen könnte, um dann noch eine neue Runde einzuläuten. Wie bei einer rasenden Karussellfahrt, bei der es schon unerträglich im Bauch kribbelt, als der Mann an den Hebeln und Knöpfen noch ein weiteres Mal Vollgas gibt.

Kribbeln im Bauch gibt es bei mir aber nicht nur auf dem Jahrmarkt, sondern auch, als wir nach unserem Straßentraining in der Nacht auf Sonntag im Auto schliefen. Nackt. In zwei miteinander verbundenen Schlafsäcken. Ein Radio mit MP3/USB-Stick, eine große umklappbare Viano-Ladefläche und eine Standheizung sind doch was tolles. Und wenn man dann auf einem verlassenen Parkplatz an der Elbe steht, der Vollmond leuchtet und nach und nach ein paar kaum beleuchtete Schiffe vorbei tuckern, während Jule sich nach etlichen Trainingskilometern (ja, ich darf wieder) glücklich fühlt, während ein völlig erschöpfter Markus in ihrem Arm vor sich hinschnorchelt, möchte man am liebsten die ganze Welt umarmen. Das einzige, was noch fehlt: Elbe oder Badesee sollten so warm sein, dass man morgens gleich eine Runde schwimmen kann.

Beim nächsten Outdoor-Training möchte Marie mitmachen. Mit ihrem Handbike (kein Rennbike) kurvt sie öfter mal in der City rum, vom Schwimmen ist sie (wie wohl alle Leute mit angeborener Querschnittlähmung) fasziniert. Ein paar Mal war sie beim Schwimmtraining, beim Rennrolli-Training auf dem Sportplatz war sie wohl auch zwei Mal, als ich im Krankenhaus war. Marie ist die Tochter meiner Hausärztin. Wir (MCathleen, Simone und ich) treffen uns morgen mit ihr zum Shoppen. Marie braucht auf jeden Fall einmal vernünftige Trainingsklamotten, mit denen sie ein paar Stunden überlebt. Auf dem Sportplatz geht auch mal eine halbe Stunde lang die Baumwollhose, die sich mit ihren 500 Falten in die Haut drückt. Alle die, die seit längerer Zeit regelmäßig dabei sind, dürfen sich ja über einen Sponsor versorgen, alle anderen bekommen etwas zum Selbstkostenpreis – nur der liefert nicht so schnell und Marie möchte jetzt anfangen. Schaun wir mal.