So ein Tag

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Ich war gerade, trotz Regen und Wind, eine Stunde Handbiken. Zum Abreagieren. Ist gerade Vollmond oder hat in dieser Gegend wieder irgendjemand eine Büchse Idioten aufgemacht? Unwahrscheinlich viele waren heute unterwegs. Und mein Idiotenmagnet zieht sie bekanntlich alle an. Es war kurz davor, dass ich ausgerastet wäre. Ich halte mich für einen sehr toleranten Menschen, aber mein Geduldsfaden ist nicht endlos strapazierbar.

Das begann schon morgens damit, dass sich jemand direkt vor unsere Auffahrt gestellt hat. Parkenderweise. Zehn Minuten später, ich war wirklich kurz davor, ihn abschleppen zu lassen, kam er wieder, guckte mich grinsend an und sagte: „Ach, ist das Ihre Auffahrt?“ – „Eine Entschuldigung wäre wohl angebracht“, habe ich zurückgeblubbert. Sagte er: „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, wegen der fünf Minuten. Sie werden nicht dran sterben.“

Nee, da hat er Recht. Kurz danach wurde ich auf der Bundesstraße auf zwei Seiten gleichzeitig überholt. Einer überholte regulär, zwar im Überholverbot, aber immerhin links neben mir, der andere bretterte rechts neben mir über den Standstreifen vorbei. Wirbelte jede Menge Dreck auf und lieferte sich ganz offensichtlich ein Rennen mit dem anderen Überholer. Nur fürs Protokoll: Ich fuhr laut Tacho 105 bei erlaubten 100. Ich habe inzwischen übrigens meinen Notfallrucksack im Auto. Ich bezweifel allerdings, dass ich damit noch was ausrichten kann, wenn einer von denen crasht, denn die hatten beide locker 160 oder mehr drauf.

Am Arbeitsplatz konfrontierte mich ein Vater damit, dass er Angst habe, meine Behinderung könne auf seinen Sohn abschreckend wirken. Ich antwortete: „Meinen Sie nicht, mit 15 wäre es allerhöchste Zeit, dass Ihr Sohn einmal Kontakt zu Menschen mit Behinderung bekommt?“ – „Meinen Sie nicht, heute ist der falsche Zeitpunkt? Immerhin ist er krank.“ – Ich habe da schon brechen wollen. Der Sohn hatte übrigens, von einem aufgeplatzten Knie und ein paar Prellungen nach einem Skateboard-Unfall abgesehen: Nichts.

In der Mittagspause wollte ich mir beim Bäcker ein Brötchen holen. Zwei Mitarbeiter standen hinter dem Tresen, quatschten miteinander und ignorierten mich. Ein paar Mal hatten wir Blickkontakt. Nach rund einer Minute rollte ich einen Tresen weiter und sprach die Mitarbeiterin an, die gerade Geld zählte: „Entschuldigung, von Ihren Kollegen werde ich irgendwie nicht bedient. Könnte ich vielleicht von Ihnen ein Brötchen bekommen?“ – Sie packte mein Brötchen in die Tüte, nahm einen Euro von mir entgegen – und nichts passierte. Ich bekam weder mein Wechselgeld, noch das Brötchen. Stattdessen sprach sie erstmal in aller Ruhe die beiden Männer an: „Kollegen, ihr seid zum Arbeiten hier. Wenn ihr Pause machen wollt, geht bitte in den Pausenraum. Aber das macht einen schlechten Eindruck.“ – „Entschuldigung, könnte ich jetzt bitte mein Brötchen und mein Wechselgeld haben?“ – „Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig. Ich komme gleich zu Ihnen herum.“ – „Das ist nicht nötig.“ – „Doch, das ist für mich selbstverständlich, dass ich helfe und Ihnen das Brötchen auch in den Rucksack packe.“ – „Das möchte ich gar nicht. Vielen Dank.“ – Nun war sie beleidigt, feuerte Brötchen und Wechselgeld mürrisch auf den Glastresen und wandte sich ab.

Auf der Rückfahrt hatte ich einen silbernen Seat vor mir. Der fuhr auf der Bundesstraße 80 km/h. Innerorts, außerorts, immer 80. Als ich ihn in einem Bereich, in dem 100 km/h erlaubt sind, überholen wollte, beschleunigte er ebenfalls. Ich brach das Überholmanöver ab, scherte hinter ihm wieder ein und er fuhr kurz danach wieder 80. Zweiter Ansatz, gleiches Spiel. Dritter Anlauf, gleiches Spiel. Beim vierten Mal gab ich dann Vollgas und war dank guter Motorisierung schnell an ihm vorbei, musste allerdings bis auf 130 beschleunigen. Tempomat eingeschaltet – überholt mich doch der Seat anschließend bei Tempo 100, schert vor mir ein und bremst wieder 80 km/h runter, fängt dann an, zuerst die Wisch-Wasch-Anlage zu betätigen, so dass das ganze Wasser über ihn hinweg auf meine Windschutzscheibe spritzt, und anschließend allen möglichen Krempel aus dem Fenster zu werfen. Jede Menge Müll, ein angefressenes Waffeleis, ein kleiner Karton war dabei. Getroffen hat er mich nicht. Ich bin dann, um das nicht weiter eskalieren zu lassen, abgebogen, bin eine kleine Schleife durch einen Nachbarort gefahren und dann wieder aufgefahren. Die Klügere gibt nach?

Auf dem Weg nach Hause hielt ich an einer Apotheke an. Es bediente mich ein Apotheker höchstpersönlich. Der Inhaber war es nicht. Ich wollte für Marie ein Eisenpräparat, da sie nach ihrer Seuche und ihrer letzten Regel vermutlich einen Eisenmangel hatte. Ich sagte: „Bitte eins, das sich erst im Darm auflöst.“ – „Wofür brauchen Sie es?“ – „Um einen Eisenmangel auszugleichen.“ – „Warum denken Sie, dass Sie einen Eisenmangel haben könnten?“ – „Es geht um meine Freundin, sie hat eingerissene Mundwinkel, das steht vermutlich im Zusammenhang mit einem Eisenmangel.“ – „Bei eingerissenen Mundwinkeln nehmen Sie am besten eine Pflegesalbe.“ – „Ich hätte gerne das Eisenpräparat.“ – „Haben wir nicht da.“ – „Wie jetzt, kein Eisen in der Apotheke? Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“ – „Wir haben nur das“, sagte er und holte: Ein Eisenpräparat. Das sich im Magen auflöst. Ich wiederholte: „Bitte eins, das sich im Darm auflöst.“ – „Dieses löst sich im Darm auf.“ – „Nein, dieses löst sich im Magen auf.“ – „Das ist eins für den Darm. Das steht nur nicht drauf.“ – „Ich hätte gerne das, wo es drauf steht, dass es sich im Darm auflöst.“ – „Das haben wir nicht.“ – Ich bemühte meine Suchmaschine und zeigte ihm ein Bild von der Verpackung, nachdem ich nun den Namen schon vier Mal wiederholt hatte. Und plötzlich hatte er es doch da. „Wollen Sie 100 und reichen Ihnen 20?“

Am frühen Nachmittag fuhr ich mit Helena zum Reitstall. Sie war um 15.30 Uhr mit ihrer besten Freundin zum Reiten verabredet. Einschließlich hinterher Box reinigen etc. Ich dachte, ich würde die Wichtigtuerin vom Reitstall mal verarzten. Und tatsächlich sagte Helena gleich: „Ihr Auto steht da auf jeden Fall.“ – Erster Satz auf meine Frage, ob ich sie mal kurz sprechen könne, war: „Ach, geht es um das behinderte Kind, oh, hat es etwa die gleiche Behinderung wie Sie? Ich meine, Sie sitzen ja auch … Sie sind auch nicht ganz gesund, oder?“ – „Sie sind ganz schön distanzlos, oder?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Es fällt doch aber nunmal auf, und wenn man das sieht, muss man das ja auch erwähnen dürfen.“ – „Sehen Sie, und genau da ist der Irrtum. Vielleicht reißen Sie sich künftig einfach mal ein wenig zusammen.“ – „Was hab ich denn so Verkehrtes gesagt?“ – „Dass man Reithosen nicht waschen darf, zum Beispiel.“ – „Darf man ja auch nicht.“ – „Selbst wenn es so wäre, halten Sie das für einen sensiblen Umgang mit einer 12jährigen, die sich gerade in die Hose gemacht hat?“ – „Eine gewisse Härte ist ganz gut für die Disziplin.“

Das sagt die Richtige. Die mit der größten Disziplin von uns allen. Da es nicht lohnte, ihr zu erklären, dass eine spastische Blase auch mit größter Disziplin nicht immer beherrschbar ist und Helena mir manchmal schon viel zu „diszipliniert“ ist, bat ich sie lediglich, Helena künftig in Ruhe zu lassen.

Auf dem Weg zum Reitstall hatte mich Helena gebeten, ihre Klassenlehrerin am Nachmittag anzurufen. Sie hatte mit Helena einen Disput, weil Helenas Insulinpumpe während einer Klassenarbeit gepiept hatte. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Laut Helena war es nicht die Pumpe, sondern das Messgerät, das einen Blutzuckerspiegel-Abfall erkannt und sie rechtzeitig vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt hat. Das macht es durch Vibrieren und einen etwa zwei Sekunden dauernden einmaligen Piepton. Und das ist einfach genial, weil das Ding in Echtzeit die Verlaufskurve auswertet und schon Alarm gibt, bevor überhaupt ein Wert außerhalb einer Toleranzgrenze erreicht wird. Früher fühlte Helena sich unterzuckert und hat dann mit einer Einzelmessung geschaut, ob das Gefühl richtig ist. Da war der Wert dann aber schon so niedrig, dass sie quasi notfallmäßig Gegenmaßnahmen einleiten musste, um nicht in den nächsten Minuten bewusstlos zu werden.

Dazu muss man wissen, dass ein Nüchternwert bei nicht zuckerkranken Menschen etwa zwischen 4,4 und 6,7 mmol/l liegt. Unter 3,6 entwickeln nicht zuckerkranke Menschen ein Heißhungergefühl und werden wegen der Unterzuckerung zittrig. In der Regel reguliert der Körper das selbstständig wieder. Helena hatte in der Vergangenheit schon Werte unter 2,0 mmol/l, ohne dass sie gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Bei uns nicht, aber früher wohl. Unter 1,7 wird man in der Regel bewusstlos, unter 1,1 sind Krampfanfälle und Hirnschädigungen wahrscheinlich. Inzwischen hat sich diese Wahrnehmung bei ihr wieder einigermaßen normalisiert und die neue Pumpe trägt entscheidend zu dieser positiven Entwicklung bei.

Die Lehrerin meinte nun, dass es störend sei, wenn das Gerät piept, Helena erstmal damit „rumspielt“ und dann auch noch nicht nur Traubenzucker, sondern auch noch eine halbe Scheibe Käsebrot mampfe. Es würde die anderen ablenken, weil doch alle sich einmal vergewissern, was da los sei. Dass sie mitunter in der Stunde sofort was essen muss, sei ihr klar, aber ob in einer Klassenarbeit nicht der Traubenzucker reichen würde. Früher sei es ja auch ohne Piepen und ohne Brot gegangen. Auf meine Nachfrage sagte sie, dass das mit dem Brot bisher genau einmal vorgekommen sei. Ihr Problem sei aber, dass sie im Interesse der Gleichbehandlung … Da habe ich sie dann unterbrochen: „Entschuldigen Sie mal: Sie dürfen alle Menschen mit Diabetes gleich behandeln. Die, die keinen Diabetes haben, müssen in der Stunde auch nichts essen. So einfach ist das. Das Piepen muss sein, das Brot auch.“ – „Warum sind Sie denn gleich so angefressen?“ – „Weil wir vor einiger Zeit exakt darüber ganz intensiv gesprochen haben, ich Ihnen dazu eine Broschüre, extra für die Schule geschrieben, überlassen habe, ich Ihnen meine Handynummer gegeben habe, und ich es als äußerst unprofessionell empfinde, ein Kind, das ohnehin schon mit einer Situation zu kämpfen hat, mit der viele Erwachsene nicht klar kommen, vor großer Runde zur Rechtfertigung aufzufordern, anstatt das wahrzunehmen, leise dorthin zu gehen und ihr allenfalls Hilfe anzubieten oder mich bei Fragen einmal anzurufen.“

Zu meinem größten Erstaunen antwortete sie: „Da haben Sie Recht. Das war höchst ungeschickt von mir. Ich werde mich bei Helena dafür entschuldigen.“ – Das wiederum fand ich stark. Als Helena vom Reiten wiederkam, haben wir ihre Werte gemeinsam ausgelesen. Vermutlich durch den Stress der Klassenarbeit gab es nach etwa 25 Minuten einen krassen Trend nach unten. Bei völlig normaler Dosierung, so, wie sie vorher wochenlang funktioniert hat. Helena hat völlig richtig entschieden, nicht nur kurzwirksamen Traubenzucker, sondern auch eine nachhaltige Nahrung zuzuführen und die ständig im Hintergrund abgegebene Insulindosis für 90 Minuten um 30% zu reduzieren. Alles richtig gemacht, mal eben während einer Klassenarbeit. Und ein einzelner Piepston wird zum Aufreger. Seufz.

Gute Vorsätze und: Wie man damit umgeht

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„Gute Vorsätze“ ist, glaube ich, ein Instrument, um vom Jahreswechsel-Blues, den viele Menschen schieben, wenn sie die letzten 365,25 Tage in ihren Gedanken Revue passieren lassen, abzulenken. Genauso wie die Knallerei. Die soll böse Geister vertreiben. Vermutlich nicht nur die draußen, sondern auch die, die auf der Psyche liegen. Wenn Weihnachten, das Fest der Liebe, vorbei ist, und alle Aufregung verflogen, dann brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Gute Vorsätze.

Früher oder später ist der Jahreswechsel-Blues weg. Alle sind wieder im Alltag angekommen, sind wieder im Stress, sind mittendrin. Mit ihm weg sind dann auch die guten Vorsätze. Einmal pro Tag ins Schwitzen kommen, respektvoll und wertschätzend mit meinen Mitmenschen umgehen, nicht auf Behindertenparkplätzen parken und so weiter – spätestens Ende Januar ist alles so wie früher.

Alle Behindertenparkplätze sind belegt, mit Leuten ohne Ausweis. Das Schwimmbad ist wieder leer, niemand zieht mehr seine Bahnen. Außer die Verrückten, die auch ohne gute Vorsätze schon immer regelmäßig trainiert haben. So wie Marie und ich, die heute beide 2,8 Kilometer geschwommen sind. Und Helena, die nebenbei, ganz cool, ihr Jugendschwimm-Abzeichen in Silber geschafft hat. Zum Sprung vom Dreimeter-Brett ist die Mitarbeiterin der Schwimmhalle doch tatsächlich Stufe für Stufe mit ihr die Leiter hochgeklettert und hat sie gesichert. Und oben, ohne lange zu überlegen: Zack, erledigt.

Vorher musste Helena eine Karte lösen. Marie und ich nicht, wir kommen mit unserem Mitgliedsausweis rein. Helena stellt sich brav an der Kasse an, vor ihr führt eine ältere Dame unendliche Gespräche wegen Gutscheinen und Rabatten. Als Helena endlich dran ist und schon Luft holt, kommt eine Frau von rechts und drängelt sich vor. Helena, nicht auf den Mund gefallen, fragt ganz höflich: „Möchten Sie vor?“ – Da sagt doch die Frau: „Nicht nötig, ich bin schon dran.“

Löst ihre Karte, bezahlt mit einem Dutzend Münzen, grinst Helena nochmal an, dreht sich zum Eingang und muss ruckartig stehen bleiben, weil ich mich ihr in den Weg gestellt habe. Ich frage: „Was war das denn eben?“ – Sie geht um mich herum ohne zu antworten. Ich hätte ja große Lust, sie in der Halle noch einmal anzusprechen. Aber was würde das bringen? Sie hat sich lediglich vorgedrängelt. Ich denke mir so: Hoffentlich verschluckt sie bei der nächsten Wende zwei Liter Beckenwasser mit drei richtig fetten Haarbüscheln. Und ein wenig ärgert es mich, dass ich nicht auf Kommando neben ihr pinkeln kann.

Während wir unsere Bahnen schwimmen, schiebt plötzlich ein Badegast unsere beiden Rollstühle an die Wand. Also er hebt sie mehr als dass er sie trägt, weil sie ja festgebremst sind. 25 Meter Kraul schaffe ich, wenn ich mich beeile, in rund 20 Sekunden. Das ist eine Geschwindigkeit von immerhin fast 2,5 Knoten! Oder 4,5 km/h. Okay, die schnellste Schwimmerin der Welt mit einer in etwa vergleichbaren körperlichen Einschränkung schafft rund 6,5 km/h, aber das Ziel, die weltschnellste Schwimmerin mit Querschnittlähmung im Lumbalbereich zu sein, hatte ich noch nie. „Entschuldigung, was machen Sie mit unseren Rollstühlen?“, frage ich den recht sportlich aussehenden Herrn, der zwischen 55 und 60 Jahre alt sein dürfte.

„Die dürfen hier nicht am Beckenrand stehen, das ist eine Unfallgefahr“, sagt er. Ich antworte: „Und wie kommen die später wieder zu uns zurück? Ich krabbel doch jetzt nicht quer über die Fliesen.“ – „Das müssen Sie auch nicht. Sagen Sie mir einfach Bescheid, dann hole ich sie Ihnen wieder.“ – „Nein, lassen Sie die bitte hier am Beckenrand stehen.“ – „Unfallgefahr. Die müssen hier weg.“ – „Dann müssten Sie die Startblöcke da aber auch abmontieren. Ob die nun da stehen oder direkt daneben ein Rollstuhl …“ – „Die Startblöcke sind fest, die Rollstühle beweglich. Jemand könnte darüber stolpern und mit den Stühlen ins Wasser stürzen.“ – „Nun ist aber gut.“ – „Wie gesagt, sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie wieder raus wollen. Ich bin dahinten in Bahn 2. Wenn es sein muss, hebe ich Sie sogar hoch. Ich habe jahrelang meine behinderte Mutter gepflegt, von daher weiß ich, wie man damit umgeht.“

Wie man damit umgeht. Aha. Ich schwimme zurück, tauche unter der Leine durch und kralle mir die Schwimmhallen-Aufsicht. „Entschuldigung? Der Herr dort hinten hat unsere Rollstühle vor die Wand geschoben. So kommen wir jetzt aber nicht mehr dran. Könnten Sie uns die bitte wieder an den Beckenrand stellen?“ – „Ja, selbstverständlich.“ – „Danke.“

Wie man damit umgeht.

Hokuspokus

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Ich war heute nach Feierabend noch einmal im Schwimmbad. Helena war mit eine Freundin verabredet, Marie hilft heute ihrer Mutter bei einer Jahresabrechnung und ich hatte nochmal Lust auf den Blindfisch.

Normalerweise glaube ich nicht an Hokuspokus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, als gäbe es eine gewisse Paranormalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Frau bereits fertig ist mit Schwimmen und im nassen Badeanzug, in ein Handtuch eingewickelt, auf einer gefliesten Bank sitzt und … auf mich wartet? Würde sie sehen können, würde ich sagen, sie starrt Löcher in die Luft. Ich rolle zu ihr und begrüße sie mit einem herzlichen „Moin“, wie sich das für ein Nordlicht gehört.

Sie dreht ihr Gesicht in meine Richtung. Weint sie? Oder ist das vom Chlorwasser? Nein, sie weint. Neulich hat mich noch jemand gefragt, ob blinde Menschen weinen können. Sie versucht, das, was sie bedrückt, einigermaßen zu überspielen, aber es gelingt ihr nicht. „Hi Jule, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir?“ – „Danke. Was ist denn los mit dir? Ärger?“ – „Nee, alles gut.“ – „Du kannst mit mir sprechen. Oder möchtest du nicht?“ – Sie schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, fängt an, Rotz und Wasser zu heulen. Ich nehme sie in den Arm und streichel ihr den Rücken. Ich kenne die Frau kaum.

Da ist was ganz bescheuertes passiert. So mitgenommen, wie sie ist. Das hab ich im Gefühl. Zum Glück hab ich noch nicht geduscht. „Wir ziehen uns jetzt an und dann setzen wir uns zu mir ins Auto und dann erzählst du mir alles, okay?“ – Würde sie das wollen? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber sie nickte. Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich in meinem Auto. Die Standheizung versuchte, die kalten Temperaturen draußen zu lassen. Und die sehbehinderte Frau fing sofort zu erzählen an: „Ich war heute nicht arbeiten. Ich konnte nicht.“

„Was ist denn passiert? Hat dich da jemand geärgert?“ – „Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mich gewundert, warum er nicht neben mir liegt heute morgen, habe totale Panik bekommen, dass ihm was passiert sein könnte, will ihn anrufen und lese eine Nachricht auf meinem Handy. Ich habe sie noch immer nicht vollständig entziffert. Magst du sie mir mal vorlesen, bitte?“

„Oh nein. Wie lange seit ihr denn verheiratet?“ – „Seit knapp drei Jahren. Kannst du mir das bitte vorlesen?“ – „Wenn du das unbedingt möchtest?“ – „Keine Sorge, Jule, ich kann das trennen. Ich verknüpfe das nicht mit dir. Aber ich möchte wirklich wissen, was er geschrieben hat. Wenn ich so aufgeregt bin, kann ich mich nicht konzentrieren, da können Schrift und Kontrast noch so groß sein.“

Er schrieb sinngemäß: Liebe […], das ist ein Abschiedsbrief. Ich brauche eine Veränderung. Ich weiß noch nicht, wohin es geht und wo ich landen werde. Aber vor allem, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben können, wird für mich zunehmend zu einem Problem. Ich habe nicht vermutet, dass mir etwas fehlen könnte, wenn ich immer im Hinterkopf habe, dass wir verhüten. Du bist eine wunderbare Frau und ich werde auch in Zukunft immer an dich denken. Alles Gute, […]

Sie hörte auf zu weinen. Eine Zeitlang sagte niemand was. Dann kam von ihr: „Der spinnt ja total. Weiß der, was er tut? Wir haben Jahre lang, bevor wir geheiratet haben, immer wieder darüber gesprochen, dass wir beide es nicht möchten, dass unser Kind ebenfalls sehbehindert sein wird. Das war nie ein Problem. Und plötzlich ist es eins, quasi von heute auf morgen? Und ich erfahre das in einem Abschiedsbrief?“

„Darf ich ehrlich zu dir sein, auch wenn das vielleicht weh tut?“ – „Bitte, Jule, deine Meinung interessiert mich sehr. Du schaust ja quasi von außen drauf.“ – „Für mich klingt es, als ob das vorgeschoben ist. Ist denn überhaupt sicher, dass euer Kind eine Sehbehinderung haben würde? Habt ihr das testen, euch beraten lassen? Und es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen. Adoption zum Beispiel. Wenn man das unbedingt wollte.“ – „Jule, das war nie ein Thema. Ich habe das erwähnt und wir haben Dutzende Male darüber gesprochen, dass uns Kinder nicht wichtig sind. Und an dem Stand hat sich nie etwas geändert. Ich weiß, wie er schreibt, und ich vermute, er hat eine andere Frau kennengelernt. Sein Herz war schon seit Wochen nicht mehr bei mir.“

„Das tut mir so leid.“ – „Weißt du, das Schlimme ist ja, dass ich ihn so liebe. Und dass ich weiß, dass ihn niemand anderes so lieben wird wie ich. Würde er morgen, in einer Woche oder in drei Jahren wieder angekrochen kommen, ich würde ihm die Tür sofort wieder öffnen. Ich kann mir nicht einfach einen neuen Mann suchen. Ich liebe ihn. Und stehe jetzt irgendwo im Niemandsland, hoffe, dass er zurück kommt, wenn er zur Vernunft zurück findet und merkt, dass die andere Frau seine ganzen Träume auch nicht erfüllen kann.“

„Ist er denn so ein Träumer?“ – „Das liebe ich an ihm ja so. Ich hatte vor ihm eine kurze Beziehung, bevor ich ihn kennen gelernt habe. Und egal, mit welcher Freundin ich auch drüber gesprochen habe, alle haben mich beneidet. Er hat alles für mich getan, ich habe alles für ihn getan, wir haben uns manches Wochenende stundenlang geliebt. Nicht nur im Bett, verstehst du? Wir waren selbst nach Jahren noch wie zwei verliebte Turteltäubchen. Schon morgens habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass ich ihn nach Feierabend wieder neben mir habe. Und jetzt komme ich nach Hause und alle seine Sachen sind noch da. Und dann gehe ich ins Bett und sein Kopfkissen riecht nach ihm. Und jedes Mal muss ich mir wieder sagen: Der kommt nicht mehr. Oder hoffen, dass er eines Tages doch zurück kommt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du erstmal ein paar Tage zu einer Freundin gehst. Oder leben deine Eltern noch?“ – „Meine Mutter, aber die würde sterben vor Mitleid, wenn ich jetzt eine Woche bei ihr einziehe. Aber ich werde meine Schwester fragen, ob ich ein paar Tage zu ihr kann. Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ – „Wird sie das machen?“ – „Hundertprozentig. Sie ist Single, jünger als ich und hat schon immer gesagt, wenn mal was ist, mein Gästezimmer ist immer für dich offen.“

Während sie im Auto saß, telefonierte sie mit ihr. „Ich fahre dich eben zu ihr.“ – Das war doch kein Zufall, dass sie trotz dieses Zustandes heute schwimmen gegangen ist. Und das war auch kein Zufall, dass ich vorher an sie gedacht habe und gehofft habe, sie zu treffen. Kann mir niemand erzählen.

Glückskäfer

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Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.