Glückskäfer

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Ich bin ja noch eine Auflösung schuldig. Nein, ich löse mich nicht selbst auf, sondern die „Prüfungsfragen“, die ich vor einer Woche in den Raum gestellt habe. Ich muss ja erwähnen, dass ich hier keine Rechtsberatung mache und die „Auflösung“ nur meine persönliche Meinung ist, die keinen Anspruch auf Richtigkeit hat. Aber so habe ich es gelöst:

Zu 1) Das kommt ja immer auf den Umfang und das mit der Behandlung verbundene Risiko einerseits, auf die Einwilligungsfähigkeit des Patienten andererseits an. Wenn der Eingriff so schwerwiegend ist, dass selbst bei Erwachsenen regelmäßig ein schriftliches Einverständnis eingeholt wird (Narkose, Operation etc.), dann muss immer auch eine Unterschrift der gesetzlichen Vertretung sein. Gleiches gilt bei allen Handlungen des Kindes gegen ärztlichen Rat. Bei einfachen Behandlungen oder Untersuchungen, die in der Regel keine Folgen haben werden, kann ein Kind ab 14 Jahren zustimmen, wenn es überblickt, worum es geht. Das ist bei der Haselnuss-Sache und dieser Patientin eindeutig der Fall gewesen.

Zu 2) Kann das Kind ab 14 Jahren alleine in eine Behandlung einwilligen, gilt die Schweigepflicht vollumfänglich auch gegenüber den eigenen Eltern. Ich dürfte also nicht mal erwähnen, dass das Kind bei mir gewesen ist oder es auf dem Flur in Anwesenheit anderer grüßen (es sei denn, es grüßt zuerst).

Zu 3) Ich bin nicht erziehungsberechtigt und habe keine Verpflichtung, den Eltern zu berichten, dass ihr Kind die Wohnung verlassen hat. Dass die Eltern das vermutlich nicht wünschen, ist nicht meine Baustelle. Selbstverständlich empfehle ich dem Kind aber, mit dem Taxi zu fahren. Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls, die mich zum Eingreifen zwingen würden, liegen nicht schon deshalb vor, weil ein Kind nachts von der Wohnung zum Krankenhaus geht oder ohne Eltern behandelt werden möchte.

Zu 4) Ich esse Haselnüsse nicht so gerne und habe deshalb auch keine auf meinem „bunten Teller“.

Zu 5) Ich hoffe sehr, dass Helena zu mir kommt, wenn sie ein Problem hat. Im Moment glaube ich auch, dass sie das tun würde. Selbst bei einer Haselnuss. Wie das in ein oder zwei Jahren sein wird, weiß ich allerdings nicht.

Ich war gestern nach Dienstschluss im Schwimmbad. Nicht in dem, in dem Lukas und die anderen Leute trainieren, sondern in einem wesentlich größeren Bad, das direkt auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz nach Hause liegt. Das Training mit der Gruppe um Lukas ist zwar nach wie vor klasse und, sofern ich Zeit habe, auch angesagt, aber außerhalb dieser offiziellen Trainingszeiten sind mir einfach zu viele Rentnerinnen vor Ort, die dann wie Treibgut diagonal durch die Bahnen schwimmen oder die ganze Zeit pupsend und pinkelnd quatschend und tratschend am Rand stehen.

In diesem alternativen Schwimmbad habe ich vor einiger Zeit eine stark sehbehinderte Frau, geschätzt in meinem Alter, getroffen, die super gut und vor allem sehr schnell schwimmt und dort wohl regelmäßig ebenfalls zwei bis drei Kilometer abreißt. Wir sind aufeinander aufmerksam geworden, als diese Frau auf dem Weg zum Becken beinahe über meinen Rollstuhl gestolpert wäre, der am Beckenrand stand. Ich habe das in letzter Sekunde gesehen und sie angesprochen. Sie fragte dann, ob der zu mir gehöre und ob sie mit in die „Behindertenbahn“ dürfe. Genau mein Humor. Die Mitarbeiter des Bades waren so freundlich, ihr ein wenig Extralicht einzuschalten, also kein Kerzenschein und Schummerlicht, sondern 750 Lux Veranstaltungsbeleuchtung. Damit ist zwar ihr Eintrittspreis voll und ganz für Lichtstrom draufgegangen, aber sie konnte nun die Wände vor der Wende sehen, was ja, gerade bei schnellem Schwimmen, gewisse Vorteile mit sich bringt.

Jedenfalls wurde es gestern plötzlich wieder krass hell in der Halle und siehe da: Jene Frau war wieder da. Während sie am Rand entlang tappste und vermutlich austestete, aus welcher Bahn die wenigsten Geräusche kamen, schwamm ich zum Rand und sagte: „Hier wäre noch ein Platz in der Behindertenbahn frei.“ – „Jule, alte Socke, ich hatte schon Sehnsucht nach dir! Wie geht es dir und deinem Rollstuhl? Steht er hier oder drüben?“ – „Noch zwei Schritte nach rechts und du sitzt drin. Mir geht es gut. Und wie sieht es bei dir aus?“ – „Alles ein wenig verschwommen gerade und drinnen dunkler als draußen, aber sonst bestens. Hast du das Becken schon ordentlich umgerührt?“ – „Aufgeschäumt. Hab mich über einen Kollegen geärgert und meine ganze schlechte Laune am Wasser ausgelassen. Könnte sein, dass ich es an einigen Stellen ein wenig kaputt gemacht habe.“

In der Nachbarbahn steht ein älterer Herr und grinst. Dann kommt er zur Leine uns sagt: „Ich hab da mal eine Frage.“ – Wenn das schon so losgeht, kommt meistens irgendwas mit Schicksal, Behinderung und „wie schaffen Sie das eigentlich“. Ohne meine Reaktion abzuwarten, fragt er: „Wie schaffen Sie das eigentlich, trotz ihrem schweren Schicksal so viel Humor zu haben?“ – Bingo. Die sehbehinderte Schwimmerin sagt: „Tja, Jule, da will ich nicht stören. Der Blindfisch schwimmt sich inzwischen mal locker ein. Kann ich da mit dem Kopf voraus reinspringen oder tut das jemandem weh?“ – „Kannst springen, wir sind zu zweit in der Bahn.“ – Zu dem Mann sage ich: „Es klappt nicht immer und es ist auch nicht immer einfach, aber ich gebe mir größte Mühe.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, schwimme ich weiter. Ich bin nicht zum Quatschen und Tratschen hier, sondern zum Schwimmen. Heute nur 2.300 Meter insgesamt. Als ich wieder zu Hause ankomme, Helena begrüßt habe und meine nassen Sachen aufhängen will, hängen da schon wieder diverse nasse Klamotten von Helena. Einschließlich Jeans und Kapuzenpullover. Die Jeans ist allerdings ohne Falten aufgehängt, ein Wischlappen drunter, weil sie noch tropft. Sie kommt um die Ecke, steht schweigend in der Tür und guckt mich an. Inzwischen kenne ich diesen Ich-habe-etwas-ausgefressen-Blick von ihr.

„Was ist denn das hier schon wieder für nasses Zeug?“, frage ich sie. Als hätte sie darauf gewartet, sagt sie grinsend: „Ich schweige.“ – „Du warst aber nicht in der Ostsee schwimmen bei vier Grad und Schneetreiben, oder?“ – „Ich schweige. Nein, in der Ostsee war ich nicht.“ – „Darf ich trotzdem eine Frage stellen, auch wenn du schweigst?“ – „Darf ich trotzdem schweigen, wenn ich nicht antworten will?“ – „Ja. Warum Jeans und Jacke?“ – Sie überlegt einen Moment und sagt, immer noch grinsend: „Ich möchte schweigen.“ – Und geht in ihr Zimmer. Tja. Es gibt Dinge, die gehen mich nichts an. Das ist so.

Einen Moment später, ich bin gerade in der Küche, bereite das Abendessen vor und freue mich, dass sie von sich aus den Geschirrspüler ausgeräumt hat, setzt sie sich bei mir auf den Schoß, umarmt mich und drückt ihre linke Wange gegen meine linke Wange. Bewegt sich bestimmt zwanzig Sekunden lang nicht, sondern atmet ganz entspannt, gibt mir dann einen Kuss auf meine linke Wange und geht ohne ein Wort zu sagen wieder in ihr Zimmer. Ich werde noch nicht aus jeder Geste schlau, aber mir reicht es manchmal auch, wenn ich das in meinem Kopf in jene Kiste mit dem großen roten Glückskäfer packen darf.

Heini, Bärbel, Aschenbrödel

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Bei kaltem Wetter wird mehr gekuschelt. Deswegen werden ja auch in den Monaten Juli, August und September in Deutschland die meisten Kinder geboren. Einen kleinen Kick gibt es nochmal mit den ersten Frühlingsgefühlen, aber ansonsten ist die stimmungsvolle Zeit vor Weihnachten und kurz danach diejenige, in der die meisten Kinder gezeugt werden. Das bedeutet auch: Jemanden, der aus eher peinlichen Gründen die Notaufnahme aufsucht, wird man am ehesten in dieser Zeit dort antreffen.

Nun arbeite ich derzeit nicht in der Notaufnahme und bin damit schon gar nicht für gynäkologische oder urologische Notfälle zuständig. Worum ich, ehrlich gesagt, auch nicht traurig bin. Allerdings gibt es weniger spektakuläre Notfälle oder auch Entscheidungen, die durch die aktuelle Auslastung der Notaufnahme begründet sind. Oder auch Menschen, die sich selbst nicht als Notfall einschätzen und eher in eine fachspezifische Ambulanz gehen.

Eine Kinder-Ambulanz haben wir nicht, Kinder werden bei uns nur mit Einweisungsschein oder als Notfall aufgenommen. Alle anderen müssten wir eigentlich wieder wegschicken. Es sei denn, dass es unzumutbar ist, zum Notdienst zu laufen oder bis zum nächsten Werktag zu warten.

Mein Wochenend-Nachtdienst hat gerade begonnen, ich kümmere mich gerade um ein Mädchen, das sich bei bestehender Mukoviszidose noch einen fiebrigen Atemwegsinfekt eingefangen hat und vom ärztlichen Notdienst eingewiesen worden ist. Ich bin gerade mit der Aufnahme fertig, als mein Melder losgeht. Ich rufe zurück, flitze zum Aufzug, stehe drin, die Tür schließt sich, als in letzter Sekunde eine ältere Dame ihren Stock dazwischen hält. Die Tür geht wieder auf. „Heini, kommst du?“ – Heini ist noch nicht in Sichtweite. Die Dame grinst mich an. „Heini hat sich mal wieder festgequatscht.“ – „Können Sie bitte den nächsten Aufzug nehmen? Ich muss dringend zu einem Notfall.“ – „Wie bitte?“ – „Rein oder raus. Aber nicht den Aufzug blockieren, bitte.“ – „Heini kommt gleich.“ – „Ich muss zu einem Notfall. Geben Sie bitte die Tür frei.“ – „Ach, das hab ich nicht verstanden. Heini, komm schnell! Die Schwester muss zum Notfall. Heini!“

Heini kommt angetrottet. Dreht sich nochmal um. „Jetzt mal ein bißchen zackig!“, sage ich und klatsche in die Hände. Heini guckt mich mit bösem Blick an: „Würden Sie nicht im Rollstuhl sitzen, hätte ich Ihnen das aber jetzt übel genommen. Wieso scheuchen Sie mich so?“ – „Ich muss dringend zu einem Notfall und Sie blockieren den Aufzug.“ – „Na na, der Aufzug ist aber für alle da! Aber warum haben Sie das denn nicht gesagt?“ – „Hab ich, vier Mal.“ – „Bärbel, sie sagt, sie muss zum Notfall.“ – „Wird schon nicht so schlimm sein.“ – What? Die Aufzugstür öffnet sich. Bärbel steht im Weg. Bevor sich die Tür wieder schließt und ich noch eine Ehrenrunde durch das ganze Haus drehe, schiebe ich Bärbel sanft zur Seite und motze: „Aus dem Weg jetzt mal! Sie sind jawohl nicht ganz dicht.“

Nun war der Notfall kein lebensbedrohlicher, aber trotzdem: Das hat mich insgesamt locker zwei Minuten Zeit gekostet. Und solche Arroganz konnte ich noch nie leiden. Im Behandlungsraum war ein junges Paar. Sie ist vermutlich gerade volljährig oder knapp davor, er laut Gesundheitskarte gerade Sweet Sixteen. Er weinte, hatte Schmerzen, stand relativ unentspannt im Raum, sie umsorgte ihn wie eine Mama. Und eindeutig sie war es auch, die den Hut auf hatte. Ich fragte ihn, was sein Problem sei. Ihm war alles nur noch peinlich und er weinte nur. Es war kein Ton aus ihm herauszubekommen. Seine Freundin: „Wir waren im Bett und seine Vorhaut ist zu lang und zu eng, wie wir jetzt wissen.“

Da sollte man jetzt nicht zu lange warten, zumal sie ja nun auch, trotz Anfahrt mit dem Taxi, etwas länger unterwegs waren. Ich war schon auf weniger schöne Bilder gefasst, aber es sah erstmal halb so wild aus. Ich will das jetzt auch nicht unnötig ausschmücken, nur die Tatsache, dass sein bestes Stück sonst immer völlig bedeckt ist, macht bestimmte Stellen natürlich extrem empfindlich, wenn es dann mal gerade nicht so ist. Bevor ich einen Facharzt anpiepen musste, war alles schon wieder in Ordnung. Mit viel Gel und zwei, drei Handgriffen war das akute Problem erstmal behoben. Und augenblicklich ging es ihm auch wieder besser. „Hast du mich noch lieb?“, fragte er als erstes seine Freundin. Oh jee!

Direkt danach ein sechsjähriger Junge mit aufgeschlagenem Kinn. Gestolpert und auf eine Eckbank gefallen. Blutet heftig. Die Zähne sind aber noch alle drin. Mit fusselnden Papiertaschentüchern in der Wunde herumzudrücken war vielleicht nicht die schlaueste Idee, aber wir haben es wieder hinbekommen. Und der junge Mann war ganz tapfer.

Um halb zwei, ich will mich gerade für einen Moment hinlegen, kommt der nächste „Notfall“ aus der Kategorie, die man sonst nicht alle Tage hat und dafür heute doppelt. Obwohl – das Paar war ja vor Mitternacht dran. Das zählt also nicht zum selben Tag. Ein weiblicher Teenie, Aschenbrödel nenne ich sie mal für meinen Blog, vierzehn Jahre alt, unten eine Schlafanzughose und eine Jogginghose, oben ein Schlafanzug-Oberteil und eine Daunenjacke. Und eine Plüschmütze. Ist aus dem Fenster geklettert. Mama und Papa schlafen zu Hause. Sie sollen nichts erfahren. Die Krankenkassenkarte hat sie in ihrer Geldbörse.

Auf meine letzte Anmerkung, dass ich gerne Kommentare lese, habe ich neben vielen Gratulationen und tollen technischen Anregungen für meinen Blog auch den Hinweis bekommen, dass ich es manchmal zu wenig konkret für kommentierfreudige Menschen mache. Auch wenn ich mein Tagebuch in erster Linie für mich schreibe …

… stelle ich heute mal folgende Prüfungsfragen: 1. Dürfen Sie das Kind behandeln, ohne dass die Eltern dabei sind und ohne dass Ihnen ein schriftliches Einverständnis vorliegt? 2. Dürfen oder müssen Sie die Eltern informieren, oder verstoßen Sie damit gegen Ihre Schweigepflicht? 3. Dürfen Sie das Kind (nach der Behandlung oder davor, falls Sie diese ablehnen) durch die dunkle Nacht alleine wieder nach Hause gehen lassen oder müssen Sie die Eltern verständigen? Viel Spaß!

Der Grund für ihren Besuch war eine verschwundene Haselnuss, vermutlich vom „bunten Teller“. Nicht der Stubenhase hat sie gefressen, sondern eher der Stubentiger. Ich schmücke auch das nicht weiter aus, und es war auch hier am Ende ziemlich harmlos. Hätte sie sich in die warme Badewanne gelegt (okay, das ist um halb zwei in der Nacht vielleicht mit etwas Radau verbunden), und sich mal völlig entspannt, wäre das Ding wohl ganz von selbst wieder rausgekommen. Zum Glück war es nur eine Haselnuss und keine drei, insofern stimmt der Name Aschenbrödel nicht ganz.

Ihr war das so unangenehm, dass sie mich beim Sprechen zuerst nicht ansehen wollte. Sie erzählte mir erst, sie habe sich aus Versehen draufgesetzt. Ich werde ja nicht gerne angelogen. „Du musst mir nicht sagen, wie es passiert ist“, sagte ich und streichelte ihren Arm. Sie murmelte: „Wahrscheinlich wissen Sie es sowieso.“ – „Genau. Ich vermute mal, du konntest nicht einschlafen. Du musst dir aber keinen Kopf machen, du bist nicht die Erste und auch nicht die Letzte, die mit so einem Problem hier auftaucht. Andere Leute probieren auch mal was aus.“

Nicht prüfungsrelevant: 4. Isst du gerne Haselnüsse und wieviele liegen noch auf deinem „bunten Teller“? 5. Würde dein Kind aus dem Fenster klettern und ins Krankenhaus laufen oder mit allen Problemen zu dir kommen?

Ableismus und Stigma

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Dass ich seit vielen Jahren versuche, den Menschen um mich herum einen Spiegel vorzuhalten, wenn mich jemand anschaut und mal wieder nur einen Rollstuhl sieht, ist nicht neu und haben alle, die meinen Blog regelmäßig lesen, wohl schon mitbekommen. Was heute „Able-ismus“ genannt wird, also die Beurteilung meiner Persönlichkeit anhand meiner Fähigkeiten, zieht sich seit jeher durch meinen Blog. Leider scheint diese Seuche nicht auszurotten zu sein.

Ich finde es ja charmant, beispielsweise besonders schlau, besonders schnell, besonders kräftig oder auch besonders hübsch zu sein. Ich unterhalte mich gerne mit schlauen Menschen, fiebere sehr gerne mit tollen Sportlerinnen, lasse mich gerne von einem muskulösen Menschen tragen und könnte stundenlang einen wunderhübschen Mann anblicken. Oder eine wunderhübsche Frau. Eine der hübschesten Frauen, die ich persönlich kennenlernen durfte, hat übrigens das 21. Chromosom drei Mal.

Ich finde es wichtig, auch gegenüber sich selbst anspruchsvoll zu sein. Und für das alltägliche Zusammenleben brauchen wir Maßstäbe und Schubladen, und selbstverständlich müssen wir sortieren. Ich möchte nicht, dass mir jemand eine Spritze setzt, der von dem, was da drin ist, keinen blassen Schimmer hat. Mir ist sehr wichtig, dass der Mensch, der mir meine Winterräder ans Auto schraubt, begreift, was er da tut. Und auch wenn mir meine Frisörin jedes Mal wieder erzählt, welche Gangster in ihrem Haus wohnen und dort regelmäßig randalieren, möchte ich sie nicht eintauschen. Aber darum geht es auch gar nicht.

Ich kann einen Menschen nicht anhand seiner Fähigkeiten beurteilen. Wer legt bitte fest, was Fähigkeiten sind, welche gut und welche schlecht sind? Kennt jemand alle Fähigkeiten eines anderen Menschen? Oftmals kennt man seine eigenen Fähigkeiten ja noch nicht mal vollumfänglich. Und den Wert eines Menschen kann überhaupt niemand beurteilen. Nicht zuletzt, weil es niemandem zusteht, den Wert eines Menschen festzulegen. Ich kann mir meine persönliche, subjektive Meinung bilden. Und diese auch vertreten. Eigentlich hatte ich gedacht, oder zumindest gehofft, dass das gerade in Deutschland seit mindestens 75 Jahren Konsens wäre. Stattdessen lese ich gestern auf einer Gratulationskarte an Marie:

„Liebe [Marie], wir freuen uns mit dir, dass du es geschafft hast! Wir zweifeln keine Sekunde daran, dass du schon bald eine mindestens genauso gute Medizinerin sein wirst wie deine Mutter, die [meinem Mann] und mir nun schon seit so vielen Jahren, in guten und in schlechten Zeiten, mit Rat und Tat zur Seite steht und immer für uns da ist. [Wir] erinnern uns noch sehr genau an deine Anfänge in ihrem Labor. Die Zeit vergeht, und inzwischen bist du eine erwachsene Frau geworden und gehst deinen eigenen Weg! Wir hoffen sehr und wünschen dir von ganzem Herzen, dass dein abgeschlossenes Studium dir […] helfen wird, den Makel deiner Behinderung und der damit oft verbundenen gesellschaftlichen Wertlosigkeit mit eigener Kraft auszugleichen. Wir wünschen dir von ganzen Herzen eine gute Zukunft in deinem neuen Lebensabschnitt und hoffen, dass es dir [an der Ostsee] genauso gut geht wie [in Hamburg]! Herzliche Grüße, deine […]“

Die Dame ist noch nicht pensioniert und arbeitet im höheren Dienst einer Behörde. Hat also studiert, engagiert sich in Kirche und vor allem in der Politik, ist also keine Anfängerin, wenn es darum geht, die richtigen Worte zu finden. Na klar, unglückliche Formulierungen, ein Griff ins Klo, davor kann sich niemand immer bewahren. Aber „Makel“ und „gesellschaftliche Wertlosigkeit“ in einem Satz sind kein Versehen. Das ist das Spiegelbild einer behindertenfeindlichen und ableistischen Denkweise. Maries Mutter hat schon gesagt, dass sie eine ausdrückliche Entschuldigung dafür erwartet, auch wenn sie überzeugt ist, dass dieses Ehepaar es nicht böse gemeint hat.

Ich begreife diese Denkweise nicht.

Ich habe heute mit einer Nachbarin gesprochen. Sie brachte uns unsere Mülltonne wieder, die jemand bei ihr vor die Tür gestellt hat. Die Tonne wurde heute geleert und ich vermute, sie ist nach der Leerung bei dem Orkan hier durch die halbe Straße geweht, obwohl wir eigentlich dafür bezahlen, dass sie wieder zurückgebracht wird. Ich hatte sie noch gar nicht vermisst. Die Nachbarin wohnt seit drei Jahren hier und ist mit ihrer Lebenspartnerin aus Syrien geflüchtet. Wir sind schon öfter mal kurz ins Gespräch gekommen. So auch heute. „Der Lesbenhaushalt hat keinen Tannenbaum“, erzählt ein Nachbar (zum Glück nicht der, der bei uns den Rasen mäht) in der ganzen Straße herum. Sowas gebe es in Syrien nicht. Ich habe das auch schon mitbekommen, obwohl er Marie und mich noch nicht persönlich angesprochen hat. Sie erzählt: „Wir haben ihn in unsere Wohnung eingeladen, damit er sich davon überzeugen kann, dass wir dort kein offenes Feuer machen. Das hat er nämlich auch behauptet.“ – „Das müssen Sie nicht machen. Der Mensch hat ein dreckiges Mundwerk und verstößt gegen unsere Gesetze.“ – „Wir wollen keine Probleme. Davon hatten wir Jahre lang genug.“

Am Ende haben wir beide Frauen zu uns zum Abendessen eingeladen. Es gab nichts Besonderes, belegte Brote, Gemüse, Wasser, Tee. Und Kaminfeuer. Es war sehr schön, ein unterhaltsames und auch spannendes Gespräch, ein Viertel auf Deutsch, drei Viertel auf Englisch. Es ist übrigens zu keinem Zeitpunkt die Frage gestellt worden, warum wir im Rollstuhl sitzen und ob Marie und ich eine sexuelle Beziehung haben. Nur mal so angemerkt. Und wir sind jetzt „per du“.

Helena hat uns heute berichtet, dass sie beim Reiten ihrer besten Freundin von ihrer bald beginnenden Psychotherapie erzählt hat. Sie geht vollkommen neugierig und positiv an das Thema heran. Die Freundin habe sie über die Probestunde ausgefragt und ganz interessiert zugehört. Eine anwesende Pferdebesitzerin, die Helena gar nicht kennt aber das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin wohl mitbekommen hat, habe Helena ungefragt den Rat gegeben, das mit der Pschotherapie künftig für sich zu behalten, weil Psychotherapie „etwas Peinliches“ sei. Der Spruch hätte auch von meinem Vater kommen können.

Was denken Menschen eigentlich, was man da Peinliches macht? Können wir mal bitte aufhören, Menschen, die traumatisiert sind, mit dem Stigma zu beschämen, dass sie gerade von der Welt um sie herum falsch verstanden und ausgegrenzt werden?

Wilde Maus

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Ganz lange – drei Jahre, um genau zu sein – war ich nicht mehr auf dem Hamburger Dom. Nee, das ist keine mit dem Rollstuhl erklimmbare Aussichtsplattform auf einer besonders großen oder besonders hübschen Kathedrale der Hansestadt, sondern ein Volksfest unweit der legendären Reeperbahn mit über 200 Schaustellern und mehr als 100 Gastronomiebetrieben. Über 10 Millionen Besucher zählt die Veranstaltung jedes Jahr. Den Namen hat sie aufgrund ihres ursprünglichen Veranstaltungsortes, dem ehemaligen Hamburger Mariendom, der um 1800 abgerissen wurde.

Man könnte vielleicht erwarten, dass mir kurz nach dem Tod meines Vaters der Sinn nicht nach Kirmes steht. Und trotzdem waren wir heute da und hatten viel Spaß. Und ich glaube sogar, dass es angemessen und gut war. Ja, der Tod meines Vaters ist ein emotionaler Moment, auch wenn wir in den letzten beinahe zehn Jahren keinen Kontakt mehr hatten, und er mich zuletzt wie den letzten Dreck behandelt hat. Aber dass ich mir jetzt aus moralischen oder ethischen Gründen eine Trauerzeit aufzwingen lasse, in der ich nicht lachen und keinen Spaß haben dürfte, sehe ich nicht ein.

Marie und ich hatten Helena schon seit Monaten versprochen, heute mit ihr das Volksfest zu besuchen, und sie hat sich bereits sehr darauf gefreut. Mit dabei waren Maries Eltern, bei denen wir vorher zum gemeinsamen Brunch verabredet waren. Helena, die vorher nach eigenen Angaben noch nie auf einem so großen Volksfest war, weil sie den 1,6 Kilometer langen Weg nicht schafft, bekam zum ersten Mal meinen alten Rollstuhl ausgeliehen. Zu Hause lässt sie keine Gelegenheit aus, um sich in Maries oder meinen aktuellen Stuhl zu setzen, sobald ich beispielsweise auf dem Sofa bin. Sie gurkt damit durchs Haus, kippelt damit herum und hat null Berührungsängste. Draußen war sie damit allerdings, von unserer Terrasse abgesehen, noch nie.

Es war proppevoll, was natürlich, weil Menschen nicht geradeaus gehen, sondern immer mal wieder stehen bleiben, rückwärts, seitwärts oder diagonal gehen, eine enorme Herausforderung war. Die Menschen gucken ja nicht, sondern stolpern seitwärts über uns oder springen plötzlich zur Seite, um mitten in einer Menschentraube Platz zu machen, obwohl man sowieso nur zwei Meter weiter kommt und schon seit fünf Minuten demjenigen langsam hinterherfährt. Ich würde behaupten, für Helena war es eine Herausforderung, die sie aber insgesamt sehr gut gemeistert hat. Und während sie zwischenzeitlich immer mal aufstehen konnte, um sich irgendeinem abgefahrenen Fahrgeschäft hinzugeben, musste ich mich von kräftigen Männern hineintragen lassen. In Autoscooter (mir tut noch alles weh), über Kopf drehenden Scheiß (mir dreht sich jetzt noch alles) und eine abgefahrene Geisterbahn, auf deren halber Strecke irgendein blutüberströmter Freak mit Kettensäge hinter uns herlief. Der gehörte aber zum Geschäft.

Marie musste mit Helena in die wilde Maus, eine Achterbahn, auf der einzelne Gondeln eher unsanft um die Kurven heizen. Und in irgendein Dreh-Katapult-Überkopf-Istmirschlecht-Teil, das immerhin so dicht neben der Kinder-Bimmelbahn lag, dass ich mich beim Zuschauen entscheiden konnte, ob ich lieber Awolnation oder den Wildecker Herzbuben zuhören wollte. Am Ende durfte sich unsere kleine wilde Maus noch einen klebrigen Liebes-Apfel mitnehmen und als sie gerade fünf Minuten im Auto saß, schlief sie bereits tief und fest.

Ich bin ganz froh, dass sie auf Wörter wie „Rollstuhl“ oder „behindert“ noch nicht so reagiert. Ich filtere diese und ähnliche Wörter inzwischen aus jeder Unterhaltung heraus. Heute sagte ein Paar, geschätzt um die 60 Jahre alt, während wir auf Marie und Helena warteten, zueinander: „Du, guck mal da! Die Familie da. Drei behinderte Kinder. Ich meine, wenn man eins hat und das zweite schon unterwegs ist, okay. Aber wie kann man mit 10 Jahren Abstand noch eins kriegen, wenn man schon vorher weiß, dass es behindert sein wird? Völlig verantwortungslos, sowas. Die armen Kinder.“

Seine Frau antwortete: „Nicht so laut!“ – Und Maries Mutter murmelte nur trocken: „Weißte Bescheid?!“