Laktat und Glucagon

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Ab morgen wird uns der Alltag wiederhaben. Marie und ich müssen wieder arbeiten, Helena muss in dieser Woche wieder zur Schule und es wird nicht mehr lange dauern, bis der letzte Weihnachtsschmuck aus den Vorgärten verschwunden ist. Wir haben den Heiligabend mit Susi und Otto bei uns zu Hause an der Ostsee verbracht. Wir waren gemeinsam in der Kirche, wo eine Schulfreundin von Helena ein Solo gesungen hat. Was sie echt toll hinbekommen hat.

Helena hat zu Weihnachten ihr erstes vernünftiges Smartphone bekommen, nachdem sie ein Jahr lang mit einem sehr einfachen Jugend-Smartphone sehr gut zurechtgekommen ist und sich überraschend gut an unsere Vereinbarung gehalten hat. Vereinbarung darüber, wie häufig das Ding genutzt wird. Sie spielt überhaupt nicht, nutzt es ausschließlich für Soziale Medien und zur Kommunikation. Wenn ich mitbekomme, was da in ihrer Klasse bei Gleichaltrigen passiert, können wir uns wirklich nicht beklagen.

Seit einem Jahr hat Helena ein eigenes Taschengeld-Girokonto. Auch das funktioniert erstaunlich gut. Sie bekommt derzeit noch 20 Euro im Monat (mit 13 Jahren), in Kürze hat sie Geburtstag, ab dann werden wir es auf 30 Euro im Monat erhöhen. Sie hat ein zweites Konto, auf das die Reste ihrer Unterhaltsleistung vom Jugendamt gehen, also Geld für Schulsachen, Klamotten und ähnliche einmalige Anschaffungen. Die Karte war anfangs bei Marie oder bei mir und die bekam sie einst nur, wenn wir gemeinsam etwas für sie einkaufen. Im Sommer habe ich Helena mit der Karte zum Schulsachen einkaufen geschickt, auch das hat geklappt. Sie kam mit Bon und Karte zu mir und alles war gut. Seit Dezember hat sie die Karte ständig in ihrer Geldbörse. Sie genießt sehr großes Vertrauen – wenngleich das Tageslimit stark begrenzt ist und Marie und ich eine Mail bekommen, wenn jemand mit der Karte verfügt.

Ein Geschenk, über das sie sich ebenfalls sehr gefreut hat, ist ein langer Neoprenanzug zum Schwimmen, den sie von Otto und Susi bekommen hat. Ja genau, jenes Kind, das vor zwei Jahren nicht ins Wasser wollte, weil alle ihr eingeredet haben, sie könne wegen ihrer Behinderung nicht schwimmen. Und es darf geraten werden, wer am zweiten Weihnachtstag nicht mehr aus dem eiskalten Gartenpool herauszulösen war. Wir waren am 1. Weihnachtag mit Susi und Otto nach Hamburg gefahren.

Und während wir den Jahreswechsel ohne großes Theater bei einer Runde Monopoly zu Hause verbracht haben (zu Mitternacht sind wir drei mit unseren Handbikes an die Ostsee geradelt, bei eiskaltem Wind aber guter Sicht haben wir einen Moment dem Feuerwerk zugeschaut, sind anschließend ins Bett), ging es pünktlich am Neujahrsmorgen für uns drei in ein (kommerzielles) Trainings-Camp nach Niedersachsen.

Wir haben uns schon zwei Mal von diesem Anbieter schinden lassen. Fünf Tage für 250 Euro pro Person sind zwar viel Geld, sind aber angemessen. Vollpension wohlgemerkt. Die Unterkunft mit Zwei- oder Vierbettzimmern war für mich okay, da ich mit Marie in ein Zimmer kam. Helena schlief mit drei gleichaltrigen Sportlerinnen in einem Zimmer. Mit Marie und mir hatten sich insgesamt 16 Leute zum Schwimmtraining angemeldet, es gab eine Jugendgruppe für Leichtathletik und eine noch wesentlich größere Gruppe, die Kampfsport trainierte. Gegessen und übernachtet wurde im selben Haus, die Trainingseinheiten waren halt getrennt.

Wir waren die einzigen Menschen mit Behinderung, aber der Veranstalter betonte, dass das kein Problem sei. Ebenso war es kein Problem, dass Helena mit schwamm, statt Leichtathletik zu trainieren – rennen und springen sind nun wirklich nicht ihre Disziplinen. Natürlich konnte sie nicht mit den Schwimmerinnen und Schwimmern mithalten, die das täglich machen, aber sie hatte zusammen mit einer angemeldeten Seniorin ihre eigene Bahn und bekam vom Trainer regelmäßig Aufgaben und Tipps – sie war Feuer und Flamme.

Insgesamt waren viele spannende und sehr freundliche Leute dabei, mit denen jede Unterhaltung Spaß machte. Aber drei Leute schossen natürlich wieder den Vogel ab. Die erste kam mit Fieber und fettem Atemwegsinfekt und wurde quasi noch auf der Türschwelle wieder nach Hause geschickt. Was ich sehr gut fand, denn ich bin dorthin gefahren, um meinem Körper etwas Gutes zu tun und nicht, um krank zu werden. Die zweite wusste genau, wie man „mit Behinderten umgeht“, weil ihr Vater auch mal im Rollstuhl saß. Und so wurde sie regelmäßig übergriffig. Räumte ungefragt unseren Teller weg (obwohl wir nochmal Nachschlag wollten), brachte uns Getränke mit zum Essen (zum Beispiel Kirschsaft aus Pulver angerührt, ohne vorher zu fragen). Sowohl Marie als auch ich haben beide unabhängig freundlich mit ihr geredet, dass das nicht erwünscht ist und wir alleine für uns sorgen können – und bei Bedarf fragen.

Puls bekam Marie, als die Dame ihr im Vorbeigehen in der Schwimmhalle, beim Aufwärmtraining an Land, plötzlich unvermittelt den Kragen vom Poloshirt richtete. Sie grabbelte Marie einfach so an und faltete da am Hemdkragen rum. Marie sagte: „Lass es, ich möchte nicht andauernd angefasst werden.“ – Sie meinte es natürlich nur gut. Wie immer. Als die Dame mir unter Wasser an den Po fasste, um diesen Waschzettel, also dieses eingenähte Etikett, wo draufsteht, wie man etwas waschen kann, wieder in meinen Badeanzug zu stecken, habe ich ihr Schläge angedroht. Wirklich, sowas mache ich normalerweise nicht. Aber wenn es inzwischen drei ganz deutliche Ansagen gegeben hat, muss das wohl sein, um noch klarer zum Ausdruck zu bringen, dass ich es nicht möchte, dass mir jemand ungefragt an den Po greift.

Und der Hammer war auch eine andere Dame, in den Vierzigern, wie ich schätze. Bei einigen Sportlern, die wirklich sehr gut waren und sich auch entsprechend für ein teures Einzeltraining angemeldet hatten, wurde der Laktatspiegel im Blut gemessen. Damit kann man salopp gesagt die Fitness und die Belastbarkeit eines Sportlers messen (und später den Trainingserfolg). Laktat steigt im Blutkreislauf an, wenn die von den Muskeln verwertete Energie nicht vollständig verbrannt wird, also salopp gesagt nach einer Überlastung. Ziel eines solchen Trainings unter Bestimmung des Laktatgehalts im Blut ist es, diese Schwelle, ab der der Körper beginnt, wegen Überlastung die Energie nur noch unvollständig zu verheizen, zu verschieben.

Die Dame behauptete nun ernsthaft, Laktat sei ein Glückshormon, das bei intensivem Training ausgeschüttet würde und für das Glücksgefühl nach einem Ausdauertraining verantwortlich sei. Sie vertiefte das immer weiter und immer abenteuerlicher. Ich habe sie reden lassen. Sie brauchte vermutlich Aufmerksamkeit. Als sie Helena ansprach, dass der frühere Handelsname des synthetisch hergestellten, therapeutisch verwendeten Insulins „Glucagon“ sei, antwortete Helena, sie habe in der Diabetes-Schulung gelernt, dass Glucagon ein Gegenspieler zum Insulin sei – es sei doch fatal, wenn zwei so unterschiedliche Dinge denselben Namen trügen. Ich habe dann gesagt, dass ich vermute, dass die Dame etwas verwechselt. Da war ja was los. Es gibt eben Menschen, die keine Kritik vertragen – und ich hatte das schon befürchtet.

Alles in allem war das aber eine sehr tolle, wenn auch anstrengende Urlaubswoche.

Denkzettel

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Dass eine Person mit einem Rollstuhl durch einen Baumarkt fährt, mag ja heute keine große Besonderheit mehr sein. Aber wenn nun drei Menschen im Rollstuhl hintereinander herfahren, dann bleiben selbst heute noch Leute stehen oder rennen gar gegen ein Regal. Ganz zu schweigen von den vielen lustigen Sprüchen und Fragen, wie beispielsweise der, ob wir ein Rollstuhlrennen machen. Oder ob man die Dinger im Baumarkt testen und kaufen könnte. Die Oma sei nämlich schlecht zu Fuß. Und wehe, ich lächle dann nicht. Dann gibt es beleidigte Leberwürste, und nachdem ich mal gesehen habe, was so alles in eine Leberwurst gedreht wird, mag ich keine Leberwürste mehr. Schade.

Auf den wenigen Rolliparkplätzen vor dem Baumarkt konnten wir nicht parken, weil mal wieder alle anderen darauf parkten. Bis auf eine Ausnahme hatte niemand einen Ausweis. Zu unserem Glück mussten wir nicht viel oder schwer schleppen. Zu unserem Pech ging in dem Moment, als wir über den großen Parkplatz zurück zum Auto rollen wollten, ein Wolkenbruch los, so heftig und so derbe plötzlich, dass wir es gerade noch schafften, uns in ein Zelt zu retten, das ein Würstchenverkäufer auf dem Baumarktparkplatz aufgebaut hat. Bis zum Auto und vor allem bis wir alles verladen hätten, wären wir nass bis auf die Knochen gewesen.

Wenn ich schon keine Leberwurst esse, esse ich Bratwürste eigentlich erst recht nicht. Marie auch nicht. Helena auch nicht. Ob wir trotzdem hier stehen dürften für ein paar Minuten? Beim Würstchenverkäufer fiel mir sofort sein unvollständiges Gebiss und eine eindeutige Alkoholisierung auf. Im Zelt futterte ein Mensch eine Currywurst, der, wenn er kein Rocker war, zumindest wie einer aussah. Mit ihm warteten zwei weitere Typen. Alle drei trugen die gleiche Lederkluft und Sonnenbrillen, hatten kahlrasierte Schädel und lange Bärte, waren extrem tätowiert und hatten auf ihrem Rücken die gleichen Symbole auf der Kutte aufgenäht. „Denen möchte ich nicht im Dunkeln begegnen“, dachte ich mir so.

„Dürfen wir ganz kurz hier warten bis es etwas weniger regnet, auch wenn wir nichts bestellen, sondern nur einen Taler in die Kaffeekasse werfen?“, fragte ich. Der Würstchenverkäufer nickte fröhlich, der Typ mit der Currywurst sagte zu seinen Kumpeln: „Zieht mal die Ärsche ein, damit die Bräute hier komplett reinpassen. Nicht, dass die Lütte noch wegschwimmt. Wie alt bist du?“, fragte er Helena. Helena antwortete etwas schüchtern: „Dreizehn.“ – Während er kaute, sagte er: „Dreizehn … als ich dreizehn war, hab ich mit der Schule schon nichts mehr am Hut gehabt. Hausaufgaben hab ich nie gemacht und Fehlstunden … 333 Stück. Oder so.“ – Die anderen beiden lachten dreckig. Er fuhr fort: „Mach das bloß nicht nach, hörst du?“ – Helena schüttelte den Kopf. Geheuer war ihr der Typ nicht, das sah ich ihren Augen an. Sie guckte mich an, entspannte sich etwas und lächelte.

In der nächsten Sekunde brüllte er mit derart lauter und tiefer Stimme, dass Helena vor Schreck fast aus ihrem Rollstuhl sprang: „Hööiiii! Kannst du lesen? Oder hast du Tomaten auf den Augen? Du willst mir doch nicht sagen, dass du ne Behinderung hast!“ – Die Brüllerei richtete sich an jemanden, der gerade auf einem der frei gewordenen Rolliplätze parkte, ausstieg und beinahe wie ein junger Gott mit einem Regenschirm in der Hand in Richtung des Baumarktes sprang. Der Mensch blieb erschrocken stehen und sagte: „Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ – Unser Rockerfreund ging zum Eingang des Zeltes, stemmte seine Hände in die Hüften und sagte: „Das geht mich verdammt was an. Meine Freunde hier müssen bei Regen über den gesamten Parkplatz eiern, weil du Idiot denen die Plätze wegnimmst. Sieh zu, dass du deine Karre umparkst, sonst erledige ich das gleich für dich.“ – „Blas dich hier nicht so auf“, sagte der Falschparker und lief weiter.

Unser Rockerfreund zog die Nase hoch, schüttelte den Kopf und sagte: „Wie ich solche Krawattenträger hasse. Zu fein, mal zehn Schritte durch den Regen zu laufen. Lieber nehmen sie anderen Leuten die Parkplätze weg. Der kriegt jetzt erstmal eine Packung.“ – Die beiden anderen Kollegen lachten erneut dreckig. Was hatte er vor?

Ohne Schirm stapfte er zum falsch geparkten Auto, holte ein Taschenmesser aus seiner Lederweste und begann, die Kennzeichen des Autos abzumontieren. Erst vorne, dann hinten. Beide waren in so eine Blende mit Werbeaufdruck geklemmt. Die Kennzeichen stellte er neben einen Müllcontainer neben dem Imbisszelt, dann kam er völlig durchnässt wieder rein und sagte: „Meister, gib mir mal was von deiner Papierrolle.“ – Er bekam eine Rolle Küchentücher und trocknete sich damit ausgiebig die Glatze und das Gesicht ab. Irgendwann deutete er auf meine Beine und sprach mich an: „War das ein Unfall?“ – Ich sagte: „Auf dem Schulweg, ja. Eine Autofahrerin hat mich erwischt beim Abbiegen. Fußgängerüberweg. Ich hatte grün, sie auch … zack.“ – „Bei dir auch?“, fragte er Marie. Marie schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, ich habe das seit Geburt. Ich bin so auf die Welt gekommen.“ – „Was gibt es bloß für einen Scheiß auf dieser Welt? Ich stelle mir das schlimm vor, in so einem Ding sitzen zu müssen. Entschuldige, wenn ich so direkt bin.“ – „Ich habe nie etwas anderes kennengelernt“, sagte Marie. Der Typ guckte sie an, dachte einen Moment nach und verkniff sich irgendwas. Wie zu erwarten war, kam die Story von einem Kumpel, der jetzt im Rollstuhl sitzt.

Dann guckte er Helena an, traute sich aber wohl nicht, sie auch zu fragen. Helena sagte: „Ich kann laufen. Wollen Sie mal sehen?“ – Bevor er antwortete, stand sie auf und wackelte in dem engen Zelt einmal um unsere drei Rollstühle herum. Der Imbissbesitzer klatschte, aber unser Rocker sagte: „Bist du bescheuert, da klatscht man nicht. Aber eins musst du dir merken: Ich will von Frauen nicht gesiezt werden. Ich heiße Torsten. Und …“

Bevor er weiter reden konnte, kam der Falschparker zu seinem Auto zurück. Er wollte gerade einsteigen, als Torsten sich wieder in den Zelteingang stellte und rief: „Die Bullen waren gerade hier und haben deine Kennzeichen mitgenommen. Sie mussten gleich weiter und hatten leider keine Zeit. Wir sollen dir aber ausrichten, wenn du ohne Kennzeichen fährst, bist du reif. Du sollst da drüben zur Wache kommen und deine Kennzeichen auslösen. Tja, dumm gelaufen, würde ich sagen.“

Einer seiner Kumpel röhrte lachend in sein Glas. Helenas Augen wurden immer größer. Marie guckte mich an. Ich dachte mir so: Damit möchte ich eigentlich nichts zu tun haben. Mit so einem Scheiß, so nett es auch gemeint ist, macht man sich bestimmt strafbar. Amtsanmaßung oder irgendsowas. Der Falschparker kam mit seinem Schirm zum Imbiss gelaufen. „Haben die gesagt, was es kostet?“ – „Ich würde vorher lieber nochmal zum Automaten. Die haben bestimmt keine Kartenzahlung da.“ – „Haben Sie dort angerufen?“ – Torsten grinste. Der Mann lief mit seinem Schirm in der Hand davon.

„So, Regen wird weniger. Wir machen zügig die Biege. Vorher baue ich ihm noch schnell seine Kennzeichen wieder an.“ – Er gab Marie, mir und zum Schluss Helena seine Pranke. „Hol di fuchtig“, sagte er zu ihr. Was auf Hochdeutsch so viel heißt wie: „Machs gut.“ – Das Anbauen der Kennzeichen dauerte nur Sekunden. Reinstecken, gegendrücken, fertig. Der Regen hatte so gut wie aufgehört. „Wir machen uns dann auch mal vom Acker“, sagte ich. Ich hatte keine Lust, erst noch befragt zu werden. Denn er würde mit ziemlicher Sicherheit nicht alleine wiederkommen.

Ich sage nochmal, dass ich Selbstjustiz nicht gut finde. Es ist nicht meine Aufgabe, jemand anderen für sein falsches Verhalten zu sanktionieren. Das ist alleine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Ich hoffe trotzdem, dass dem Falschparker dieser Denkzettel eine Lehre war. Ich vermute allerdings, er wird spätestens bei der Rückkehr realisiert haben, dass Torsten ihm ein Märchen aufgetischt hat. Von daher dürfte der Erfolg des Denkzettels dann auch dahin sein. Und nein, wir haben nicht mitbekommen, wie das ausgegangen ist. Wollen wir auch nicht.

Puzzleteile

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Es gibt einen Menschen in meinem Leben, der mich immer mal wieder begleitet. Kennengelernt habe ich ihn im ersten Semester meines Studiums, über eine damalige Bekannte. Er war der Partner dieser Bekannten. Inzwischen habe ich seit fünf Jahren nichts mehr von dieser Bekannten gehört, nachdem sie mich am Ende nur noch genervt hat. Sie bekam nichts organisiert und hat immer alle möglichen Leute eingebunden, ohne selbst einen Finger zu rühren. War total verpeilt, chronisch pleite und absolut naiv. Da kann sie oberflächlich noch so lieb sein, solche Bekanntschaften sind mir auf Dauer zu anstrengend.

Er ist auch nicht mehr mit ihr zusammen. Er ist zehn Jahre älter als ich, eher unscheinbar. Hat schöne Hände, eine attraktive Stimme, vor allem am Telefon, hübsche Augen – und kann sehr gut zuhören. Er ist für mich jemand, den ich anrufe, wenn ich mal eine neutrale Meinung zu einem Thema brauche. Oder einfach, um zu quatschen. Oder um mal wieder auf den Boden zurückzukommen, wenn ich das Gefühl habe, alle um mich herum drehen frei. Wenn wir telefonieren, können durchaus auch mal zwei Stunden dabei vergehen, auch wenn ich vorher noch gar nicht weiß, worüber ich reden soll. Eins ergibt das andere. Er hört sich vor allem auch das an, was mich beschäftigt. Oder vielleicht sogar bedrückt. Er bildet sich eine Meinung, fragt nach. Gibt mir seine Einschätzung. Redet mir nicht nach dem Mund. Findet schnell Lösungsansätze, hat gute Ideen. Und vor allem: Er ist sehr einfühlsam, durchaus auch charmant; er kann vor allem sehr gut verstehen, warum Frau nicht alles toll findet, was Männer so sagen oder tun.

Wir telefonieren vielleicht alle acht Wochen mal. Es ist schon vorgekommen, dass wir zwei Mal im Monat gequatscht haben; es ist auch schon vorgekommen, dass wir fast ein halbes Jahr nichts voneinander gehört haben. Wenn ich ihn anrufe, hat er für mich Zeit. Wenn nicht sofort, dann meistens noch am selben Tag. Manchmal rufe ich ihn auch nur an, weil ich hören möchte, wie es ihm geht. Fast immer geht es ihm gut. Ich würde ihn durchaus als Freund bezeichnen wollen. Auch wenn ich ebenso klar sagen muss: Ich würde ihn im richtigen Moment nicht von der Bettkante stoßen. Eine feste Beziehung könnte ich mir eher nicht vorstellen, aber einmal im Quartal eine schöne Nacht? Aus Respekt vor seiner aktuellen Partnerin, und da ich auch unsere Freundschaft nicht verkomplizieren oder sogar kaputt machen möchte, und auch nicht weiß, was von diesen meinen Träumen Wunschdenken ist und was vielleicht wirklich schön wäre, habe ich nur manchmal von einer sinnlichen Nacht mit ihm geträumt.

Wir waren auch ein paar Mal gemeinsam in einer (öffentlichen) Sauna. Wir hatten jeweils einen schönen gemeinsamen Nachmittag, haben viel gequatscht, gemeinsam auf einer Wiese in der Sonne gelegen, sind nackt schwimmen gewesen. Er hat mich nie angemacht oder sogar angefasst. Hat nie irgendeinen sexualisierten Spruch gemacht. Hat vor allem nie, auch früher, als wir uns noch nicht so gut kannten, von sich aus meine Behinderung thematisiert. Hat mir Türen aus Höflichkeit aufgehalten, aber wenn ich zuerst an der Tür war, hat er sie sich auch von mir aufhalten lassen.

In der letzten Woche, es war kurz vor 20 Uhr, klingelte es an der Tür. Wer davor stand, ist klar. Normalerweise würde er nie zu mir kommen, ohne sich vorher mit mir zu verabreden. Weil er weiß, dass ich keine Überraschungsbesuche mag. Nicht, weil ich nicht aufräume, sondern weil ich gerne Zeit für meinen Besuch hätte, die ich nicht immer habe, wenn ich zur Arbeit muss oder mich schon anders verabredet habe. Jetzt hatte ich gerade mit Helena etwas für die Schule fertig gemacht. Wenn jemand bei uns klingelt, sehe ich ein Videobild auf meinem Handy. Er sah nicht gut aus.

Als ich öffnete und er mich sah, war er kurz vorm Heulen. „Hast du mal eine halbe Stunde Zeit für mich?“, fragte er. Eigentlich ist es jetzt gerade ungünstig, dachte mein Kopf. „Selbstverständlich“, sagte ich und bat ihn herein. Er zog seine Schuhe aus. Helena kannte er noch nicht. Normalerweise verabreden wir uns anderswo. Marie arbeitete noch. Helena verschwand von sich aus in ihrem Zimmer, nachdem ich ihr sagte, dass das ein Freund von mir ist, dem es gerade nicht gut ging.

„Was ist passiert?“, fragte ich ihn. Er erzählte mir, dass seine Partnerin sich von ihm getrennt habe. Okay, das ist ein herber Moment im Leben, immerhin waren sie mehr als zwei Jahre ein Paar. Sie habe einen anderen, habe ihn auch bereits mehrere Monate mit ihm betrogen. Wobei er nicht von „betrügen“ sprechen wolle, denn sie hätten in der ganzen Zeit nie miteinander geschlafen.

What? Jemand ist über zwei Jahre mit einer Partnerin zusammen, wohnt zusammen, teilt ein Schlafzimmer, und beide gehen nie miteinander ins Bett? Ich hatte bisher immer gedacht, es wäre eine Liebesbeziehung, und ich hätte auch gedacht, dass dazu auch Sexualität gehört. Ja klar, muss nicht. Aber ist doch eher ungewöhnlich. Oder? Ich hätte es zumindest nicht vermutet. Mir fiel allerdings auf, dass wir bislang nie so intensiv über seine Beziehung zu seiner (jetzt Ex-) Partnerin gesprochen hatten. Was nicht daran gelegen hat, dass ich nie darüber hätte reden wollen.

„Ich muss mit dir darüber sprechen. Ich weiß so viel über dich, aber du kennst mich von einer Seite überhaupt nicht. Ich fühle mich, als würde meine Seele brennen.“ – Ich bat ihm was zu trinken an, ahnend, dass jetzt etwas Heftiges kommen würde. Um nicht zu triggern, erwähne ich vorab, dass etwas Heftiges kommen wird, und warne vor einem Inhalt über sexuellen Missbrauch.

Es ist schon krass: Er hat seine Geschichte bereits ausgiebig in einem einschlägigen Internetforum anonym erzählt, hat sie für eine Aufarbeitungskommission aufgeschrieben, hat aber offenbar noch nie mit jemandem darüber gesprochen. Bis zu dem Tag, an dem er vor meiner Tür stand. Und ja, ich habe gefragt, bevor ich darüber schreibe, auch wenn er meinen Blog nicht kennt.

Er beschrieb mir fast lehrbuchhaft ein Phänomen, das entsteht, wenn Menschen verstanden und die Tatsache akzeptiert haben, dass sie sexuell missbraucht wurden: Verhaltensweisen, auch jene Dritter, die von dem sexuellen Missbrauch gewusst haben, und die vorher nicht einzuordnen waren, geben plötzlich einen Sinn. Plötzlich passen alle Puzzleteile zusammen, die vorher nur Fragezeichen hervorgerufen haben.

Letztes Jahr im Dezember ist sein Vater völlig überraschend an Krebs gestorben. Er kam nach einem Schwäche-Anfall ins Krankenhaus, dort gab es die Diagnose, vier Wochen später war er tot. Bei der Haushaltsauflösung der seit vielen Jahren getrennt lebenden Eltern fielen ihm Briefe in die Hand, die seine Mutter seinem Vater geschrieben hat. Seitenweise. Vor über dreißig Jahren. Der Vater hatte ihn als Kleinkind regelmäßig sexuell missbraucht. Ich beschreibe nicht, was genau er getan hat, weil es einfach nur widerlich ist und fassungslos macht.

Aus heutiger Sicht würde ich als erstes fragen, warum die Mutter lange Briefe schreibt, statt den Typen anzuzeigen oder sich wenigstens sofort von dem Mann zu trennen. Da ich damals noch gar nicht gelebt habe, kann ich aber schlecht mitreden. Fakt ist, dass die Mutter versucht hat, den sexuellen Missbrauch zu unterbinden. Den Vater beispielsweise nicht mehr mit dem Kind alleine gelassen hat. Allerdings gelang diese Trennung natürlich nicht immer. Fakt ist auch, dass der Vater seinen Sohn nicht mehr sexuell missbraucht hat, seit er drei Jahre war. Dennoch kam es teilweise zu skurrilen Situationen, beispielsweise sei das siebenjährige Kind mal mit dem Vater und einem Schulfreund im Schrebergarten gewesen. Die beiden Kinder hatten hinter der Gartenlaube gespielt, während der Vater im vorderen Bereich des Gartens, für die Kinder nicht sichtbar, umgegraben hatte. Die beiden Kinder entschieden sich, sich nackt auszuziehen und auszufechten, wer weiter im Strahl pinkeln könnte. Ohne die Vorgeschichte würde ich sagen: Völlig normal. Sowas probieren Kinder aus. Sowas muss natürlich nicht sein, und ich würde sowas auch nicht toll finden, aber eben auch nicht dramatisch.

Nur kam in dem Moment die Mutter auf dem Fahrrad angefahren, hatte Kaffee und Kuchen mitgebracht und sah die beiden Kinder nackt hinter der Gartenlaube. „Ich habe mich über Jahre gefragt, warum mein Vater von meiner Mutter solchen Stress bekommen hat. Warum er zu uns kam und mehrmals in Gegenwart der Mutter bestätigt haben wollte, dass er uns nicht aufgefordert hatte, uns auszuziehen. Wir waren mit der Situation völlig überfordert: Wir wussten, dass das nicht okay war. Wir wussten, dass es Ärger geben würde, wenn man uns erwischt. Aber wir wollten auch wissen, wer weiter pissen kann. Und wir waren total verwirrt, dass wir keinen Ärger bekamen, sondern dass stattdessen der Vater den Stress bekam, obwohl er überhaupt nichts damit zu tun hatte. Und das Wichtigste nur unsere Aussage war, dass wir das heimlich ohne das Wissen des Vaters gemacht hatten. ‚Der hätte das doch bestimmt verboten‘, hatte mein Freund damals zur Überzeugung der Mutter gesagt.“

Als er fünf Jahre alt war, habe es eine Situation im Schwimmbad gegeben. Die Familie war verreist, habe am Urlaubsort ein Hallenbad aufgesucht. Natürlich sei das Kind in die Herrendusche gegangen, wie eben auch der Vater. Es sei absolut nichts gewesen, außer dass der Vater sich mit Duschgel nackt unter der Dusche abgeseift hätte, wie sich das halt gehört, bevor man schwimmen geht. Und der Sohn, fünf Duschplätze weiter, habe es nachgemacht. Und hinterher der Mama im Wasser stolz erzählt, dass er seinen Pipimann gründlich eingeseift habe. Andere Badegäste hätten gelacht, die Mutter sei böse geworden und habe ihn ausgefragt, ob der Vater das von ihm verlangt habe. Und so weiter.

Später, als dem Vater klar sein musste, dass der Sohn sexuelle Übergriffigkeit als solche erkennen könnte, hat er den Sohn stattdessen verprügelt und dadurch seine Übermacht bestätigt bekommen. Es gab immer einen Anlass, den auch immer der Sohn geliefert hatte, der den Vater ausrasten ließ. Anschließend vermöbelte er ihn. Vor allem außerhalb der Wohnung, im Auto, auf dem Rückweg vom Einkaufen oder ähnliches. Es war immer so gestaltet, dass er Angst hatte, das seiner Mutter zu erzählen. Wenn, dann erzählte der Vater plötzlich ganz andere Geschichten, um sich zu rechtfertigen. Wir wissen ja inzwischen, dass die nahezu absolute Mehrheit jener Menschen, die sexuell auf Kinder übergriffig ist, das nicht macht, weil sie mit dem Kind schmusen und dabei ungewollt sexuell stimuliert werden, sondern weil sie Macht ausüben wollen. Einfach nur Macht. Und jemanden ungewollt eine sexuelle Handlung aufzudrücken, zeigt nunmal Macht. Jemanden verdreschen natürlich auch.

Mit vierzehn Jahren sei er fast ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Wegen Verhaltensauffälligkeiten. Die -wen wundert es- mit der Pubertät begannen und alle einen sexuellen Kontext hatten. Beispielsweise habe er beim Schwimmunterricht die Mädchen in der Mädchendusche besucht und vor deren Augen blank gezogen oder auf einer Klassenfahrt heimlich Seiten aus Pornoheften in deren Betten verteilt. Und jetzt kommt es: In den ersten zwei Monaten der stationären Behandlung gab es nur Einzelgespräche. Psychologe mit Kind. Man redete über Probleme, die es zu Hause gab, darüber, dass der Vater auch mal prügelte – aber von dem sexuellen Missbrauch als Kleinkind wusste der Sohn noch immer nichts. Dann gab es Gespräche der Mutter mit dem Psychologen. In den folgenden Einzelgesprächen mit dem Kind habe der Psychologe immer wieder Fragen gestellt, in denen es um die frühe Kindheit und die Beziehung zum Vater ging. Beispielsweise, ob er zusammen mit dem Vater in der Badewanne war. Was man gemacht habe. „Wellen“, habe er da geantwortet. Also mit dem Körper auf dem Badewannenboden so lange hin- und hergerutscht, bis das Wasser oben überschwappte. Kurzum: Der Sohn habe nie an eine Übergriffigkeit des Vaters gedacht. Und die anschließenden Monate hat man in der Psychotherapie auch nie darüber gesprochen. Stattdessen stand im Abschlussbericht: „Es wurde versucht, die belastenden Lebensumstände zu eruieren.“ – Oder auf Deutsch: Außer Spesen nix gewesen.

Es ist wohl klar, dass ein Kind in seiner Naivität nicht immer von sich aus weiß, was richtig ist. Ich wäre auch mit 10 Jahren am Strand am liebsten nackt herumgelaufen. Weil ich nasse, auf der Haut klebende Badeanzüge doof fand. Damals wusste ich auch nicht, warum mich jemand anschauen sollte. Oder warum jemand Fotos von mir machen sollte, die er später ins Internet stellt und mit erniedrigenden Kommentaren überzieht. Ich will damit sagen: Ein Kind kann begreifen, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es vergleichen kann. Wenn es mal Geheimnisse gab, die doof waren, dann versteht ein Kind, was schlechte Geheimnisse sind. Aber woher soll ein Kleinkind wissen, was zum Wickeln üblicherweise dazugehört und was nicht? Und entsprechend speichert das Kind das auch nicht als „unüblich“ ab.

Als er später Dinge als falsch bemerkte, wusste er nicht, wie er sich gegen die Übermacht des Vaters wehren sollte. Zum Beispiel beobachtete er fast jeden Abend, dass die jüngere Schwester sich beim Vater, der auf dem Sofa saß und Fußball schaute, quer über die Beine legte und sich am Rücken kraulen ließ. Völlig normal, würde ich sagen. Macht Helena auch, wobei sie sich noch lieber am Kopf kraulen lässt als am Rücken. Der Vater bekam regelmäßig eine Erektion und hat das Kind rhythmisch gegen sein Becken gedrückt. Beim Kraulen. Nicht normal, sondern einfach nur widerlich.

Er erzählte, dass er noch nie mit einer Frau intim geworden ist. Ja, im Bett gelegen, geschmust, gefummelt, das war okay. Aber auch beim Masturbieren kann er sich dort nicht anfassen. Selbst beim Pinkeln fasst er sein bestes Stück nur durch den Stoff der Unterhose oder ähnliches an. Wenn er sich selbst oder eine Frau ihn berührt, dürfe sein Penis nicht nackt sein. Das habe die Partnerin, die sich kürzlich von ihm getrennt hat, natürlich nie verstanden. Er hat es ihr auch nie erklärt. Er habe noch nie zuvor mit jemandem darüber gesprochen. Sondern, wie gesagt, nur im Internet darüber geschrieben.

Jetzt, wo er wisse, was los ist, gebe plötzlich alles einen Sinn. Wie Puzzleteile, die sich zusammenfügen. „Ich hoffe, du siehst mich nicht als Versager.“ – „Als Versager?“, fragte ich entsetzt. Und fragte: „Mich würde interessieren, ob du heute Sexualität genießen kannst. Oder ob das für dich, entweder seit jeher oder seit jetzt, wo du um die Dinge weißt, etwas Belastendes ist. Ich stelle mir gerade vor, wie sich hormonelle Gegebenheiten auf der einen Seite und ein innerer Konflikt auf der anderen Seite duellieren.“ – „Das ist unterschiedlich. Wenn ich völlig frei sein darf, hemmungslos, dann erlebe ich so schöne Gefühle, die ich nicht missen möchte. Sobald mich aber jemand unter Druck setzt oder mein Ding in die Hand nimmt, ist es vorbei. Und weil das zum Vorspiel gehört, kommt es nie zum eigentlichen Akt.“ – Ich sagte: „Vor allem, wenn deine Partnerin davon nichts weiß.“

Er schaute mich an und sagte: „Ja. Da hast du wohl nicht ganz Unrecht. Allerdings habe ich bei meiner letzten Partnerin erst später gemerkt, dass ich mich ihr nicht öffnen kann. Und warum ich das Problem überhaupt habe, weiß ich ja erst seit einigen Monaten.“ – „Vielleicht sind das aber auch die besten Voraussetzungen, dass es beim nächsten Mal jetzt besser laufen wird.“ – „Meinst du, ich habe noch eine Chance?“ – Sicher hat er die. Und ich habe ihm eine Psychotherapie empfohlen. Nicht nur, weil ich auf die ganzen Fragen, die jetzt in seinem Kopf sind, keine Antworten habe. Sondern weil ich dafür einfach nicht kompetent bin. Zuhören, ja. In den Arm nehmen, unbedingt. Er darf auch nach wie vor bei mir pennen. Auch in meinem Bett. Aber sein Problem kann er nur selbst lösen und vermutlich auch nur mit professioneller Hilfe. Nach immerhin fast 40 Jahren Irrfahrt sehe ich Land. In weiter Ferne.

Nur noch peinlich

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Was habe ich nicht so alles vermisst in der einen Woche, in der ich flach lag: Menschen! Vollmond! Menschen bei Vollmond?!

Ich habe den heutigen dienstfreien Morgen zum Einkaufen genutzt. Also Lebensmittel und so. Wir haben bei uns im Ort fünf verschiedene Supermärkte, davon zwei Discounter und drei relativ große Läden mit Vollsortiment. Am häufigsten bin ich bei dem, der Lebensmittel liebt, vor allem, weil der so schöne Behindertenparkplätze vor der Tür hat. Und weil ich die eine Kassiererin so gerne mag. Oder sie mich. Oder beides.

Ich nenne sie mal Gabi. Ich kannte sie schon aus dem Supermarkt, als ich sie plötzlich mit ihrem Enkel im Krankenhaus traf. Das ist einige Monate her. Sie trug den Jungen auf dem Arm und kam in die Notaufnahme. Panisch, weil er überraschend allergisch auf irgendein Nahrungsmittel reagiert hatte. Ich glaube, es waren Scampis. Damit meine ich nicht, dass es nach dem Essen ein wenig (oder ein wenig mehr) im Hals kratzte, wie es viele Leute beispielsweise nach grünen Äpfeln haben, sondern da war richtig was los. Quaddeln am ganzen Körper, das Gesicht war so angeschwollen, dass der Junge kaum mehr aus den Augen gucken konnte, die Lunge pfiff wie eine Dampflok, schon von Weitem hörbar. Er war einerseits kaum zu beruhigen, andererseits abwesend und benommen – kurzum: Mit Schock oder Kreislaufstillstand war jeden Moment zu rechnen und der Zustand war durchaus potenziell lebensbedrohlich. Sein Glück war, dass das Essen in einem Restaurant in der Nähe des Krankenhauses stattgefunden hatte. Oma hatte sich ihren Enkel direkt geschnappt und hat die Beine in die Hand genommen.

Das Gute ist, dass man mit den richtigen Medikamenten den Zustand relativ schnell in den Griff bekommt. Nach zehn Minuten hat sich der Sturm komplett gelegt und nach einer Stunde fragen die meisten schon, ob es wirklich nötig ist, dass sie noch länger zur Beobachtung vor Ort bleiben. Jedenfalls wollte Gabi in den ersten zwei Minuten ihren Enkel kaum loslassen, bis sie dann merkte, dass die Medikamente anschlagen. Erst als ich sie dann in die dermatologische Ambulanz entlassen hatte, fragte sie mich, ob wir uns nicht kennen. Kurzum: Jedes Mal, wenn ich nun dort einkaufe, stelle ich mich an ihre Kasse. Und jedes Mal legt sie mir mein Wechselgeld mit beiden Händen in meine Hand, drückt sie fest zu und wünscht mir einen schönen Abend. Oder ein schönes Wochenende.

Heute nun kam ich auf den Parkplatz. Alle Behindertenparkplätze waren von unberechtigten Leuten belegt, also habe ich mich über zwei normale Parkplätze an einen Bordstein gestellt, so dass neben mir niemand mehr parken konnte und ich genügend Platz zum Ein- und Aussteigen hatte. Dafür musste ich aber nun einmal komplett um den Supermarkt herum rollen und auf dem Weg dorthin hätte mich beinahe jemand mit seinem SUV einkassiert, der meinte, mit mindestens 40 Sachen über die Auffahrt hämmern zu müssen.

Zuerst holte ich vom Bäcker, der dort eine Shop-in-Shop-Filiale hat, ein Brot. Es sollte 25 Cent mehr kosten als sonst. Und es war beim letzten Mal schon 50 Cent teurer geworden. 75 Cent innerhalb von drei Wochen fand ich so happig, dass ich ganz freundlich fragte: „Huch, ist das teurer geworden?“ – Die Verkäuferin, geschätzt relativ neu oder aus einer anderen Filiale, jedenfalls hatte ich sie da noch nie gesehen, pampte mich in einem unmöglichen Tonfall an: „Nee. Das kostet schon immer so viel.“ – Ich erwiderte: „Echt? Ich war der Meinung, dass ich vor drei Wochen noch 75 Cent weniger bezahlt hätte.“ – „Das kann ja gar nicht sein. Und ich finde die Tour auch ziemlich beknackt von Ihnen. Wir sind hier nicht auf einem türkischen Basar. Wenn Sie sich das Brot nicht leisten können, nehmen Sie einfach ein günstigeres.“ – What?! Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Lief hier eine versteckte Kamera, hatte sie schlecht gefrühstückt? Kunde stört? Ich blieb betont ruhig: „Das habe ich so nicht gemeint. Ich möchte nicht verhandeln. Ich habe mich nur gewundert, weil ich vor zwei Wochen dafür einen anderen Preis bezahlt habe.“ – „Das glaube ich Ihnen nicht.“ – „Also nun wird es echt unverschämt.“ – „Zahlen Sie jetzt für das Brot oder kann ich den nächsten Kunden bedienen?“

Die Kundin hinter mir sagte, ebenfalls betont ruhig: „Keine Hektik bitte, ich habe Zeit.“ – Ich legte ihr das Geld auf die Glastheke, und ich war mir sicher, was ich sonst bezahlt hatte und noch sicherer, beim letzten Mal mit einem Schein ausgekommen zu sein und nicht noch zusätzliche Münzen rausgekramt zu haben. Aber egal. Für das nächste Mal überlegen wir uns halt, ob wir nicht doch wieder häufiger selber backen, denn bei fast 20 Prozent Aufschlag ist eine Schmerzgrenze überschritten. Ich bekam mein Brot, rollte in den Supermarkt und verschwand im ersten Gang. Und während ich dort stand und abwartete, ob jemand vorbei kommen würde, der mir ein Glas aus dem obersten Regal holen könnte, hörte ich Gabi mit mühsam gedämpfter Stimme: „Sind Sie eigentlich noch ganz dicht, die Kundin so anzukacken?“ – Die Verkäuferin blökte irgendwas zurück, was ich nicht verstehen konnte, weil Gabi ihr gleich in die Parade fuhr: „Ich will hier nichts hören! Sie entschuldigen sich sofort, wenn sie wieder rauskommt. Mindestens mit einem Stück Kuchen. Das ist eine Stammkundin, die immer freundlich ist.“

Freundlich? Oh, dann kennt sie mich an meinen schlechten Tagen nicht. Aber irgendwie machte es Spaß, zuzuhören. Ich blickte mich um, ob man mich irgendwo in einem Spiegel sehen könnte. Nö. Die Verkäuferin versuchte nochmal, sich zu rechtfertigen: „Vielleicht habe ich etwas zu heftig reagiert. Aber wir sind doch hier kein Sozialamt, das Nahrungsmittel an Bedürftige verteilt.“ – „Sind Sie eigentlich komplett bescheuert? Noch ein Wort und ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass das Ihr letzter Tag in dieser Filiale ist. Zu Ihrer Information: Das ist eine Kinderärztin! Und keine Obdachlose, die sich hier ihr Essen zusammenschnorrt.“

Okay, Kinderärztin stimmt nicht. Aber „keine Obdachlose“ stimmt. Wobei mir wichtig ist, dass man einer Obdachlosen auch freundlich sagen könnte, dass man nicht bereit ist, ihr ein Brot umsonst oder verbilligt zu geben. Auch eine Obdachlose müsste man nicht so unmöglich anfahren. Es ist aber erstaunlich, was Leute so alles mit Rollstühlen verbinden. Einige denken ja, ich schlafe in dem Teil, andere verbinden damit Obdachlosigkeit (ich bin in der Tat schon mehrmals gefragt worden, ob ich eine Wohnung hätte, und bekam auf erstaunte Nachfrage erklärt, dass ja viele Obdachlose im Rollstuhl sitzen würden). Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nur Leggings, alte Sneaker, einen Wollpullover und eine Mütze trug.

Nachdem weitere Kunden in den Kassenbereich kamen, war das Gespräch schlagartig vorbei. Ich suchte immernoch jemanden, der mir das Glas aus dem Regal holen könnte. Als ich später mit meinem gesamten Krempel bei Gabi an der Kasse war, erkundigte sie sich, wie immer, nach meinem Befinden. Ich mich nach ihrem. Am Ende drückte sie mir mein Wechselgeld fest in die Hand und wünschte mir, wie immer, einen schönen Tag. Von ihrer Explosion beim Bäcker war ihr nichts anzumerken. Auf dem Weg nach draußen fing mich die Verkäuferin ab. Inzwischen bedienten zwei Frauen hinter der Bäckerei-Theke. Die andere hatte mich schon öfter bedient. „Darf ich Ihnen ein Stück Kuchen anbieten? Ich möchte mich bei Ihnen für meinen Tonfall eben entschuldigen.“

„Ach, wissen Sie, mir reicht schon, dass Sie es sich nochmal überlegt haben. Das hat mich nämlich gerade sehr verletzt, wie Sie mit mir umgegangen sind.“ – „Ja, das tut mir leid, aber letztlich haben Sie sich getäuscht. Und dann so aufzutreten, war auch nicht in Ordnung.“ – War sie wirklich so doof, dass sie nicht merkte, dass sie sich gerade erneut um Kopf und Kragen redete? Inzwischen war es mir scheißegal, was dieses Brot kostete, und am liebsten hätte ich ihr das als Geschoss hinter ihre Theke gefeuert. Ungefähr so:

Nein, ich kann mich ja benehmen, wenngleich mir vermutlich jeder Bissen davon im Hals stecken bleiben wird. Ich ließ die blöde Schrippe stehen und rollte zum Auto. Auf halbem Weg holte mich ihre Kollegin ein und sagte: „Ich möchte mich für meine Kollegin entschuldigen. Sie ist ganz neu bei uns im Team. Wir werden das Verhalten mit unserem Chef nachbesprechen. Ich habe das eben schon von Frau Gabi gehört, was da vorgefallen ist. Das ist wirklich nicht unser Stil.“

„Sie müssen sich nicht für Ihre Kollegin entschuldigen. Ich kann das schon trennen. Ist das Brot eigentlich teurer geworden?“ – „Ja, seit Anfang April kostet es 40 Cent mehr.“ – „Ich habe jetzt […] bezahlt.“ – „Dann hat die Kollegin das auch noch falsch gebucht. Kommen Sie bitte beim nächsten Mal zu mir. Sie bekommen eine Tüte Brötchen aufs Haus. Da ist offenbar alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Das ist wirklich nur noch peinlich. Bitte keine Feindschaft, okay?“

Ja. Das stimmt. Und nee, keine Feindschaft. Wobei ich um die neue Kollegin künftig einen großen Bogen machen werde. Die bedient mich nicht nochmal. Muss ich erwähnen, dass sich jemand mit seinem SUV (nicht der, der mich fast umgenietet hätte) neben mein Auto gestellt hat? Mit zwei Rädern den Bordstein hochgefahren und auf dem Rasen stehend, zwanzig Zentimeter neben meiner Tür? Und ich hatte Speise-Eis im Einkaufskorb …