Nicht immer einfach

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Diese Klinik scheint es besser mit mir zu meinen. Sofern ich das nach so kurzer Zeit überhaupt schon beurteilen kann. Die Arbeitszeiten und die Erwartungshaltung gerade gegenüber jungen Ärzten sind nicht anders als anderswo – darüber hatte ich aber auch keinerlei Illusionen. Immerhin wird relativ ernst genommen, dass ich ein Kind zu Hause habe, das nicht endlos alleine bleiben kann. Wann Marie da ist, wann Helena ein Angebot der Ganztagsschulbetreuung in Anspruch nimmt oder wann sie zur Therapie, mit einer Freundin unterwegs ist oder zu Hause, muss ich ja nicht großartig erläutern. Ich habe mich nur schon gewundert, dass alle Welt sich beschwert, Mütter hätten es in Deutschland im Beruf so schwer, und ich es als (Pflege-) Mutter gefühlt einfacher habe als als Arbeitnehmerin mit Behinderung. Vor allem, wenn es um klare Arbeitszeiten geht.

Die üblichen schrägen Vögel gibt es allerdings auch an meinem neuen Arbeitsplatz. Beispiel: Das gesamte ärztliche Personal der Kinderklinik sitzt zusammen mit dem Chefarzt in einem Besprechungsraum. An dem Tisch sind zwölf Plätze, es sind vierzehn Leute da. Strenge Hierarchie: Die teilnehmenden Studierenden im Praktischen Jahr sitzen zu viert an der kurzen Seite des Tisches, wo eigentlich nur zwei Plätze vorgesehen sind. Ein älterer Oberarzt, geschätzt 63 Jahre, nimmt auch an der Runde teil, setzt sich aber nicht zu uns an den Tisch, sondern setzt sich drei Meter zurück in den Türrahmen zur Teeküche. Ist dabei aber nur für diejenigen sichtbar, die ihm gegenüber sitzen. Ich sehe ihn nicht, sondern höre immer nur mal eine Stimme aus dem Off.

Bei einer meiner Patientinnen soll eine bestimmte Untersuchung gemacht werden. Ich darf sie alleine nicht machen, der ältere Oberarzt könnte sie machen, hat aber wegen des Aufwandes keinen Bock. Zumindest ist das mein Eindruck. Nun könnte sie auch ein anderer Kollege zusammen mit mir machen, dafür müssten wir aber in „seinen“ Behandlungsraum. Wobei man dazu sagen muss, dass es nicht sein Behandlungsraum ist. Er hat sich dort aber häuslich eingerichtet. Ganz schwieriges Kapitel, weil auch der (jüngere) Chefarzt sich nicht traut, das mit ihm auszudiskutieren. Der ältere Oberarzt macht dann nämlich auf bockig und arbeitet gar nicht mehr, sondern sitzt nur rum und tut beschäftigt. Also frage ich: „Wann können wir die [Untersuchung] bei [der Patientin] machen?“

Drei Kollegen bieten sich an, das mit mir zusammen zu machen. Stimme aus dem Off: „Wie sich ja alle, die einigermaßen Erfahrung haben, denken können, wird das in dieser Woche nicht mehr möglich sein. Von daher ist das erstmal vom Tisch.“ – „Warum geht es diese Woche nicht? Diese Erfahrung fehlt mir.“ – Stimme aus dem Off: „Werden Sie erfahren, Frau Kollegin, und so lange vertrauen Sie den Kollegen, die das schon 40 Jahre machen.“ – „Davon haben wir ja derzeit nur einen. Könnten Sie mich bitte teilhaben lassen?“ – Sagt er: „Nächster Punkt! Ich will nach Hause. Habe eigentlich schon seit einer halben Stunde Feierabend.“

Ich antworte: „So kommen wir doch jetzt nicht weiter. Wann machen wir denn jetzt die Untersuchung?“ – „Besprechen wir nächste Woche. Weiter im Text!“ – Und der Chefarzt sitzt daneben und spricht den nächsten Punkt an. Also schnappe ich mir nach dem Meeting die drei Kollegen, die sich angeboten hatten. Antwort: „Das haben wir ja nun vertagt.“ – Also wartet das Mädchen weiterhin auf ihre Untersuchung und nichts geht voran. Sie würde jetzt sowieso nicht entlassen werden, aber wir kämen in ihrer Therapie vielleicht mal ein Stückchen weiter. Und selbst wenn sich durch die Untersuchung kein neuer Ansatz finden sollte, immerhin habe ich dann alle Chancen genutzt. Aber nee, ich fühle mich wichtig und bin faul, ich stehe mal auf der Bremse.

Ein anderer schräger Vogel kommt aus dem Pflegedienst. Eine achtjährige Patientin wird stationär aufgenommen. Immer bei Anstrengung kommt sie außer Atem und bekommt blaue Lippen. Der Kinderarzt hat sie eingewiesen. Ich untersuche sie im Rahmen der Aufnahme und möchte selbstverständlich ihr Herz abhören. Dafür brauche ich ein paar Minuten Zeit und vor allem Ruhe. Immer, wenn ich gerade drei bis vier Sekunden auf ihr Herz höre, fängt die Pflegekraft an zu labern, irgendwas zu verräumen oder stellt Fragen an die Patientin oder an die daneben sitzende Mutter. „Können wir mal bitte alle kurz zwei Minuten still sein? Ich kann sonst nichts hören.“

Zehn Sekunden später labert sie wieder. „Bitte! Seien Sie einmal ganz ruhig. Ich höre sonst nicht das, was ich hören will, sondern nur Ihre Stimme.“ – Ich versuche mich zu konzentrieren, Sie räumt Kanülen in die Fächer ein, reißt dafür Kartons auf und lässt Schubladen auf und zu schlagen. – „Also nochmal jetzt: Ich brauche absolute Ruhe. Können Sie das bitte später machen!“ – Nächster Anlauf: „Wie lange hat sie das schon?“, fragt die Pflegekraft die Mutter, flüsternd. Das kann doch echt nicht wahr sein. Ich fahre Sie an: „Kommen Sie mal bitte kurz mit raus.“ – Ich rolle vor die Tür. „Sagen Sie mal, wie oft soll ich Sie jetzt noch bitten, leise zu sein? Ich möchte einmal das Herz abhören, und das geht nur, wenn es leise ist.“ – „Das haben Sie doch nun schon fünf Mal gemacht. Wie lange brauchen Sie denn dafür? Bei anderen Patienten geht das doch auch in acht bis zehn Sekunden.“ – Ich bin sprachlos. Das ist eine solche Respektlosigkeit, dass ich mich frage, was ich falsch mache.

Das, was ich hören muss, ist ungefähr so, als wenn ich vor einer geschlossenen Tür stehe, drinnen im Raum spielt jemand eine große Pauke, und jetzt soll ich durch die geschlossene Tür hindurch hören, ob in dem Raum auch noch eine Katze schnurrt oder sich die Pfoten leckt. Oder ob gar keine Katze mit drinnen ist. Also hänge ich mit meinem Ohr direkt an der Tür, werde von dieser Pauke malträtiert – und dann labert jemand in dem Flur, in dem ich stehe. Unnötig.

Jedenfalls kann ich für einen Mini-Sekunden-Bruchteil eine Art Zwitschern oder Zirpen hören, ganz leise, unregelmäßig. Aber wenn, dann rhythmisch und immer im selben Abstand zu den üblichen Herztönen. Das kann auf eine nicht richtig schließende Herzklappe hindeuten und durchaus schon die Ursache für das akute Problem sein. Ich untersuche alles andere, mache auch ein Ultraschall, das unauffällig ist, höre danach erneut auf das Herz. Wieder dieses Geräusch. Ganz leise, nicht immer, aber wenn, dann regelmäßig.

Ich rolle zu einer Kollegin, bitte sie, auch einmal auf das Herz zu hören. Wichtig ist natürlich, dass das Kind nicht verunsichert wird. Aber die Kollegin verpackt das ganz gut. Wieder fängt die Schwester an, Lärm zu machen. Die Kollegin: „Einmal Ruhe bitte!“ – Sagt die Schwester: „Ach, geht das wieder los.“ – „Schschttt!“ – Die Kollegin schüttelt den Kopf. „Ich höre da nichts.“ – Wir hören zusammen auf das Herz. Wieder dieses Geräusch: „Das!“, sage ich zu der Kollegin. Nochmal: „Das!“ – Die Kollegin: „Ich höre das nicht. Aber du hast eindeutig die jüngeren Ohren.“

Die ersten Laborwerte kommen zurück: Ausgeprägter Eisenmangel, erheblich zu wenige rote Blutkörperchen, hohe Entzündungswerte. Der Rest unauffällig. Ich entscheide mich zusammen mit der Kollegin, die kleine Maus in eine Kinder-Herzklinik verlegen zu lassen, wo eine vernünftige Herzdiagnostik gemacht werden kann. Ende vom Lied: Das Mädchen hatte vor einem halben Jahr eine Entzündung im Mund, Bakterien von dort haben das Herz besiedelt und es geschädigt. Wie es mit ihr weitergeht, weiß ich nicht. Die Information habe ich nur bekommen, weil die Mutter mir ein großes Glas selbst gemachte Marmelade vorbeigebracht hat. Sie war der Meinung, dass ihre Tochter es nur mir verdankt hat, dass die Ursache gefunden wurde. Ich behaupte mal bescheiden: Spätestens bei einer Keimbestimmung im Blut wäre das jedem aufgefallen. Aber dass die Mutter nochmal zurückkommt, hat mich natürlich gefreut: So etwas passiert bei 200 Patienten vielleicht ein Mal. Vom Rest erfährt man nichts.

Mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen komme ich gut aus. Und sie wohl auch mit mir. Und die plappernde Pflegekraft kann auch anders drauf sein: Wenn sie nicht gerade redet, macht sie einen guten Job. Und es darf nicht vergessen werden, dass sie den schon seit Jahrzehnten macht. Aber sie ist halt super einfach gestrickt. Und der ältere Oberarzt kann auch anders. Neulich bekam ich von ihm ein großes Lob: „Sehr gut. Ich könnte das nicht. Als ich so alt war wie Sie, gab es sowas nicht.“ – Obwohl er eigentlich nicht für mich zuständig ist, hat er mir angeboten: „Wenn du mal ein Problem hast, kannst du immer zu mir kommen.“

Menschen: Nicht immer einfach.

So ein Tag

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Ich war gerade, trotz Regen und Wind, eine Stunde Handbiken. Zum Abreagieren. Ist gerade Vollmond oder hat in dieser Gegend wieder irgendjemand eine Büchse Idioten aufgemacht? Unwahrscheinlich viele waren heute unterwegs. Und mein Idiotenmagnet zieht sie bekanntlich alle an. Es war kurz davor, dass ich ausgerastet wäre. Ich halte mich für einen sehr toleranten Menschen, aber mein Geduldsfaden ist nicht endlos strapazierbar.

Das begann schon morgens damit, dass sich jemand direkt vor unsere Auffahrt gestellt hat. Parkenderweise. Zehn Minuten später, ich war wirklich kurz davor, ihn abschleppen zu lassen, kam er wieder, guckte mich grinsend an und sagte: „Ach, ist das Ihre Auffahrt?“ – „Eine Entschuldigung wäre wohl angebracht“, habe ich zurückgeblubbert. Sagte er: „Nun stellen Sie sich mal nicht so an, wegen der fünf Minuten. Sie werden nicht dran sterben.“

Nee, da hat er Recht. Kurz danach wurde ich auf der Bundesstraße auf zwei Seiten gleichzeitig überholt. Einer überholte regulär, zwar im Überholverbot, aber immerhin links neben mir, der andere bretterte rechts neben mir über den Standstreifen vorbei. Wirbelte jede Menge Dreck auf und lieferte sich ganz offensichtlich ein Rennen mit dem anderen Überholer. Nur fürs Protokoll: Ich fuhr laut Tacho 105 bei erlaubten 100. Ich habe inzwischen übrigens meinen Notfallrucksack im Auto. Ich bezweifel allerdings, dass ich damit noch was ausrichten kann, wenn einer von denen crasht, denn die hatten beide locker 160 oder mehr drauf.

Am Arbeitsplatz konfrontierte mich ein Vater damit, dass er Angst habe, meine Behinderung könne auf seinen Sohn abschreckend wirken. Ich antwortete: „Meinen Sie nicht, mit 15 wäre es allerhöchste Zeit, dass Ihr Sohn einmal Kontakt zu Menschen mit Behinderung bekommt?“ – „Meinen Sie nicht, heute ist der falsche Zeitpunkt? Immerhin ist er krank.“ – Ich habe da schon brechen wollen. Der Sohn hatte übrigens, von einem aufgeplatzten Knie und ein paar Prellungen nach einem Skateboard-Unfall abgesehen: Nichts.

In der Mittagspause wollte ich mir beim Bäcker ein Brötchen holen. Zwei Mitarbeiter standen hinter dem Tresen, quatschten miteinander und ignorierten mich. Ein paar Mal hatten wir Blickkontakt. Nach rund einer Minute rollte ich einen Tresen weiter und sprach die Mitarbeiterin an, die gerade Geld zählte: „Entschuldigung, von Ihren Kollegen werde ich irgendwie nicht bedient. Könnte ich vielleicht von Ihnen ein Brötchen bekommen?“ – Sie packte mein Brötchen in die Tüte, nahm einen Euro von mir entgegen – und nichts passierte. Ich bekam weder mein Wechselgeld, noch das Brötchen. Stattdessen sprach sie erstmal in aller Ruhe die beiden Männer an: „Kollegen, ihr seid zum Arbeiten hier. Wenn ihr Pause machen wollt, geht bitte in den Pausenraum. Aber das macht einen schlechten Eindruck.“ – „Entschuldigung, könnte ich jetzt bitte mein Brötchen und mein Wechselgeld haben?“ – „Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig. Ich komme gleich zu Ihnen herum.“ – „Das ist nicht nötig.“ – „Doch, das ist für mich selbstverständlich, dass ich helfe und Ihnen das Brötchen auch in den Rucksack packe.“ – „Das möchte ich gar nicht. Vielen Dank.“ – Nun war sie beleidigt, feuerte Brötchen und Wechselgeld mürrisch auf den Glastresen und wandte sich ab.

Auf der Rückfahrt hatte ich einen silbernen Seat vor mir. Der fuhr auf der Bundesstraße 80 km/h. Innerorts, außerorts, immer 80. Als ich ihn in einem Bereich, in dem 100 km/h erlaubt sind, überholen wollte, beschleunigte er ebenfalls. Ich brach das Überholmanöver ab, scherte hinter ihm wieder ein und er fuhr kurz danach wieder 80. Zweiter Ansatz, gleiches Spiel. Dritter Anlauf, gleiches Spiel. Beim vierten Mal gab ich dann Vollgas und war dank guter Motorisierung schnell an ihm vorbei, musste allerdings bis auf 130 beschleunigen. Tempomat eingeschaltet – überholt mich doch der Seat anschließend bei Tempo 100, schert vor mir ein und bremst wieder 80 km/h runter, fängt dann an, zuerst die Wisch-Wasch-Anlage zu betätigen, so dass das ganze Wasser über ihn hinweg auf meine Windschutzscheibe spritzt, und anschließend allen möglichen Krempel aus dem Fenster zu werfen. Jede Menge Müll, ein angefressenes Waffeleis, ein kleiner Karton war dabei. Getroffen hat er mich nicht. Ich bin dann, um das nicht weiter eskalieren zu lassen, abgebogen, bin eine kleine Schleife durch einen Nachbarort gefahren und dann wieder aufgefahren. Die Klügere gibt nach?

Auf dem Weg nach Hause hielt ich an einer Apotheke an. Es bediente mich ein Apotheker höchstpersönlich. Der Inhaber war es nicht. Ich wollte für Marie ein Eisenpräparat, da sie nach ihrer Seuche und ihrer letzten Regel vermutlich einen Eisenmangel hatte. Ich sagte: „Bitte eins, das sich erst im Darm auflöst.“ – „Wofür brauchen Sie es?“ – „Um einen Eisenmangel auszugleichen.“ – „Warum denken Sie, dass Sie einen Eisenmangel haben könnten?“ – „Es geht um meine Freundin, sie hat eingerissene Mundwinkel, das steht vermutlich im Zusammenhang mit einem Eisenmangel.“ – „Bei eingerissenen Mundwinkeln nehmen Sie am besten eine Pflegesalbe.“ – „Ich hätte gerne das Eisenpräparat.“ – „Haben wir nicht da.“ – „Wie jetzt, kein Eisen in der Apotheke? Das ist jetzt nicht Ihr Ernst.“ – „Wir haben nur das“, sagte er und holte: Ein Eisenpräparat. Das sich im Magen auflöst. Ich wiederholte: „Bitte eins, das sich im Darm auflöst.“ – „Dieses löst sich im Darm auf.“ – „Nein, dieses löst sich im Magen auf.“ – „Das ist eins für den Darm. Das steht nur nicht drauf.“ – „Ich hätte gerne das, wo es drauf steht, dass es sich im Darm auflöst.“ – „Das haben wir nicht.“ – Ich bemühte meine Suchmaschine und zeigte ihm ein Bild von der Verpackung, nachdem ich nun den Namen schon vier Mal wiederholt hatte. Und plötzlich hatte er es doch da. „Wollen Sie 100 und reichen Ihnen 20?“

Am frühen Nachmittag fuhr ich mit Helena zum Reitstall. Sie war um 15.30 Uhr mit ihrer besten Freundin zum Reiten verabredet. Einschließlich hinterher Box reinigen etc. Ich dachte, ich würde die Wichtigtuerin vom Reitstall mal verarzten. Und tatsächlich sagte Helena gleich: „Ihr Auto steht da auf jeden Fall.“ – Erster Satz auf meine Frage, ob ich sie mal kurz sprechen könne, war: „Ach, geht es um das behinderte Kind, oh, hat es etwa die gleiche Behinderung wie Sie? Ich meine, Sie sitzen ja auch … Sie sind auch nicht ganz gesund, oder?“ – „Sie sind ganz schön distanzlos, oder?“ – „Nein, wie kommen Sie denn darauf? Es fällt doch aber nunmal auf, und wenn man das sieht, muss man das ja auch erwähnen dürfen.“ – „Sehen Sie, und genau da ist der Irrtum. Vielleicht reißen Sie sich künftig einfach mal ein wenig zusammen.“ – „Was hab ich denn so Verkehrtes gesagt?“ – „Dass man Reithosen nicht waschen darf, zum Beispiel.“ – „Darf man ja auch nicht.“ – „Selbst wenn es so wäre, halten Sie das für einen sensiblen Umgang mit einer 12jährigen, die sich gerade in die Hose gemacht hat?“ – „Eine gewisse Härte ist ganz gut für die Disziplin.“

Das sagt die Richtige. Die mit der größten Disziplin von uns allen. Da es nicht lohnte, ihr zu erklären, dass eine spastische Blase auch mit größter Disziplin nicht immer beherrschbar ist und Helena mir manchmal schon viel zu „diszipliniert“ ist, bat ich sie lediglich, Helena künftig in Ruhe zu lassen.

Auf dem Weg zum Reitstall hatte mich Helena gebeten, ihre Klassenlehrerin am Nachmittag anzurufen. Sie hatte mit Helena einen Disput, weil Helenas Insulinpumpe während einer Klassenarbeit gepiept hatte. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Laut Helena war es nicht die Pumpe, sondern das Messgerät, das einen Blutzuckerspiegel-Abfall erkannt und sie rechtzeitig vor einer drohenden Unterzuckerung gewarnt hat. Das macht es durch Vibrieren und einen etwa zwei Sekunden dauernden einmaligen Piepton. Und das ist einfach genial, weil das Ding in Echtzeit die Verlaufskurve auswertet und schon Alarm gibt, bevor überhaupt ein Wert außerhalb einer Toleranzgrenze erreicht wird. Früher fühlte Helena sich unterzuckert und hat dann mit einer Einzelmessung geschaut, ob das Gefühl richtig ist. Da war der Wert dann aber schon so niedrig, dass sie quasi notfallmäßig Gegenmaßnahmen einleiten musste, um nicht in den nächsten Minuten bewusstlos zu werden.

Dazu muss man wissen, dass ein Nüchternwert bei nicht zuckerkranken Menschen etwa zwischen 4,4 und 6,7 mmol/l liegt. Unter 3,6 entwickeln nicht zuckerkranke Menschen ein Heißhungergefühl und werden wegen der Unterzuckerung zittrig. In der Regel reguliert der Körper das selbstständig wieder. Helena hatte in der Vergangenheit schon Werte unter 2,0 mmol/l, ohne dass sie gemerkt hat, dass etwas nicht stimmt. Bei uns nicht, aber früher wohl. Unter 1,7 wird man in der Regel bewusstlos, unter 1,1 sind Krampfanfälle und Hirnschädigungen wahrscheinlich. Inzwischen hat sich diese Wahrnehmung bei ihr wieder einigermaßen normalisiert und die neue Pumpe trägt entscheidend zu dieser positiven Entwicklung bei.

Die Lehrerin meinte nun, dass es störend sei, wenn das Gerät piept, Helena erstmal damit „rumspielt“ und dann auch noch nicht nur Traubenzucker, sondern auch noch eine halbe Scheibe Käsebrot mampfe. Es würde die anderen ablenken, weil doch alle sich einmal vergewissern, was da los sei. Dass sie mitunter in der Stunde sofort was essen muss, sei ihr klar, aber ob in einer Klassenarbeit nicht der Traubenzucker reichen würde. Früher sei es ja auch ohne Piepen und ohne Brot gegangen. Auf meine Nachfrage sagte sie, dass das mit dem Brot bisher genau einmal vorgekommen sei. Ihr Problem sei aber, dass sie im Interesse der Gleichbehandlung … Da habe ich sie dann unterbrochen: „Entschuldigen Sie mal: Sie dürfen alle Menschen mit Diabetes gleich behandeln. Die, die keinen Diabetes haben, müssen in der Stunde auch nichts essen. So einfach ist das. Das Piepen muss sein, das Brot auch.“ – „Warum sind Sie denn gleich so angefressen?“ – „Weil wir vor einiger Zeit exakt darüber ganz intensiv gesprochen haben, ich Ihnen dazu eine Broschüre, extra für die Schule geschrieben, überlassen habe, ich Ihnen meine Handynummer gegeben habe, und ich es als äußerst unprofessionell empfinde, ein Kind, das ohnehin schon mit einer Situation zu kämpfen hat, mit der viele Erwachsene nicht klar kommen, vor großer Runde zur Rechtfertigung aufzufordern, anstatt das wahrzunehmen, leise dorthin zu gehen und ihr allenfalls Hilfe anzubieten oder mich bei Fragen einmal anzurufen.“

Zu meinem größten Erstaunen antwortete sie: „Da haben Sie Recht. Das war höchst ungeschickt von mir. Ich werde mich bei Helena dafür entschuldigen.“ – Das wiederum fand ich stark. Als Helena vom Reiten wiederkam, haben wir ihre Werte gemeinsam ausgelesen. Vermutlich durch den Stress der Klassenarbeit gab es nach etwa 25 Minuten einen krassen Trend nach unten. Bei völlig normaler Dosierung, so, wie sie vorher wochenlang funktioniert hat. Helena hat völlig richtig entschieden, nicht nur kurzwirksamen Traubenzucker, sondern auch eine nachhaltige Nahrung zuzuführen und die ständig im Hintergrund abgegebene Insulindosis für 90 Minuten um 30% zu reduzieren. Alles richtig gemacht, mal eben während einer Klassenarbeit. Und ein einzelner Piepston wird zum Aufreger. Seufz.

Gute Vorsätze und: Wie man damit umgeht

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„Gute Vorsätze“ ist, glaube ich, ein Instrument, um vom Jahreswechsel-Blues, den viele Menschen schieben, wenn sie die letzten 365,25 Tage in ihren Gedanken Revue passieren lassen, abzulenken. Genauso wie die Knallerei. Die soll böse Geister vertreiben. Vermutlich nicht nur die draußen, sondern auch die, die auf der Psyche liegen. Wenn Weihnachten, das Fest der Liebe, vorbei ist, und alle Aufregung verflogen, dann brauchen die Menschen etwas, an dem sie sich festhalten können. Gute Vorsätze.

Früher oder später ist der Jahreswechsel-Blues weg. Alle sind wieder im Alltag angekommen, sind wieder im Stress, sind mittendrin. Mit ihm weg sind dann auch die guten Vorsätze. Einmal pro Tag ins Schwitzen kommen, respektvoll und wertschätzend mit meinen Mitmenschen umgehen, nicht auf Behindertenparkplätzen parken und so weiter – spätestens Ende Januar ist alles so wie früher.

Alle Behindertenparkplätze sind belegt, mit Leuten ohne Ausweis. Das Schwimmbad ist wieder leer, niemand zieht mehr seine Bahnen. Außer die Verrückten, die auch ohne gute Vorsätze schon immer regelmäßig trainiert haben. So wie Marie und ich, die heute beide 2,8 Kilometer geschwommen sind. Und Helena, die nebenbei, ganz cool, ihr Jugendschwimm-Abzeichen in Silber geschafft hat. Zum Sprung vom Dreimeter-Brett ist die Mitarbeiterin der Schwimmhalle doch tatsächlich Stufe für Stufe mit ihr die Leiter hochgeklettert und hat sie gesichert. Und oben, ohne lange zu überlegen: Zack, erledigt.

Vorher musste Helena eine Karte lösen. Marie und ich nicht, wir kommen mit unserem Mitgliedsausweis rein. Helena stellt sich brav an der Kasse an, vor ihr führt eine ältere Dame unendliche Gespräche wegen Gutscheinen und Rabatten. Als Helena endlich dran ist und schon Luft holt, kommt eine Frau von rechts und drängelt sich vor. Helena, nicht auf den Mund gefallen, fragt ganz höflich: „Möchten Sie vor?“ – Da sagt doch die Frau: „Nicht nötig, ich bin schon dran.“

Löst ihre Karte, bezahlt mit einem Dutzend Münzen, grinst Helena nochmal an, dreht sich zum Eingang und muss ruckartig stehen bleiben, weil ich mich ihr in den Weg gestellt habe. Ich frage: „Was war das denn eben?“ – Sie geht um mich herum ohne zu antworten. Ich hätte ja große Lust, sie in der Halle noch einmal anzusprechen. Aber was würde das bringen? Sie hat sich lediglich vorgedrängelt. Ich denke mir so: Hoffentlich verschluckt sie bei der nächsten Wende zwei Liter Beckenwasser mit drei richtig fetten Haarbüscheln. Und ein wenig ärgert es mich, dass ich nicht auf Kommando neben ihr pinkeln kann.

Während wir unsere Bahnen schwimmen, schiebt plötzlich ein Badegast unsere beiden Rollstühle an die Wand. Also er hebt sie mehr als dass er sie trägt, weil sie ja festgebremst sind. 25 Meter Kraul schaffe ich, wenn ich mich beeile, in rund 20 Sekunden. Das ist eine Geschwindigkeit von immerhin fast 2,5 Knoten! Oder 4,5 km/h. Okay, die schnellste Schwimmerin der Welt mit einer in etwa vergleichbaren körperlichen Einschränkung schafft rund 6,5 km/h, aber das Ziel, die weltschnellste Schwimmerin mit Querschnittlähmung im Lumbalbereich zu sein, hatte ich noch nie. „Entschuldigung, was machen Sie mit unseren Rollstühlen?“, frage ich den recht sportlich aussehenden Herrn, der zwischen 55 und 60 Jahre alt sein dürfte.

„Die dürfen hier nicht am Beckenrand stehen, das ist eine Unfallgefahr“, sagt er. Ich antworte: „Und wie kommen die später wieder zu uns zurück? Ich krabbel doch jetzt nicht quer über die Fliesen.“ – „Das müssen Sie auch nicht. Sagen Sie mir einfach Bescheid, dann hole ich sie Ihnen wieder.“ – „Nein, lassen Sie die bitte hier am Beckenrand stehen.“ – „Unfallgefahr. Die müssen hier weg.“ – „Dann müssten Sie die Startblöcke da aber auch abmontieren. Ob die nun da stehen oder direkt daneben ein Rollstuhl …“ – „Die Startblöcke sind fest, die Rollstühle beweglich. Jemand könnte darüber stolpern und mit den Stühlen ins Wasser stürzen.“ – „Nun ist aber gut.“ – „Wie gesagt, sagen Sie mir kurz Bescheid, wenn Sie wieder raus wollen. Ich bin dahinten in Bahn 2. Wenn es sein muss, hebe ich Sie sogar hoch. Ich habe jahrelang meine behinderte Mutter gepflegt, von daher weiß ich, wie man damit umgeht.“

Wie man damit umgeht. Aha. Ich schwimme zurück, tauche unter der Leine durch und kralle mir die Schwimmhallen-Aufsicht. „Entschuldigung? Der Herr dort hinten hat unsere Rollstühle vor die Wand geschoben. So kommen wir jetzt aber nicht mehr dran. Könnten Sie uns die bitte wieder an den Beckenrand stellen?“ – „Ja, selbstverständlich.“ – „Danke.“

Wie man damit umgeht.

Hokuspokus

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Ich war heute nach Feierabend noch einmal im Schwimmbad. Helena war mit eine Freundin verabredet, Marie hilft heute ihrer Mutter bei einer Jahresabrechnung und ich hatte nochmal Lust auf den Blindfisch.

Normalerweise glaube ich nicht an Hokuspokus. Aber manchmal habe ich das Gefühl, als gäbe es eine gewisse Paranormalität. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Frau bereits fertig ist mit Schwimmen und im nassen Badeanzug, in ein Handtuch eingewickelt, auf einer gefliesten Bank sitzt und … auf mich wartet? Würde sie sehen können, würde ich sagen, sie starrt Löcher in die Luft. Ich rolle zu ihr und begrüße sie mit einem herzlichen „Moin“, wie sich das für ein Nordlicht gehört.

Sie dreht ihr Gesicht in meine Richtung. Weint sie? Oder ist das vom Chlorwasser? Nein, sie weint. Neulich hat mich noch jemand gefragt, ob blinde Menschen weinen können. Sie versucht, das, was sie bedrückt, einigermaßen zu überspielen, aber es gelingt ihr nicht. „Hi Jule, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir?“ – „Danke. Was ist denn los mit dir? Ärger?“ – „Nee, alles gut.“ – „Du kannst mit mir sprechen. Oder möchtest du nicht?“ – Sie schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, fängt an, Rotz und Wasser zu heulen. Ich nehme sie in den Arm und streichel ihr den Rücken. Ich kenne die Frau kaum.

Da ist was ganz bescheuertes passiert. So mitgenommen, wie sie ist. Das hab ich im Gefühl. Zum Glück hab ich noch nicht geduscht. „Wir ziehen uns jetzt an und dann setzen wir uns zu mir ins Auto und dann erzählst du mir alles, okay?“ – Würde sie das wollen? Ich möchte mich nicht aufdrängen. Aber sie nickte. Eine Viertelstunde später saßen wir tatsächlich in meinem Auto. Die Standheizung versuchte, die kalten Temperaturen draußen zu lassen. Und die sehbehinderte Frau fing sofort zu erzählen an: „Ich war heute nicht arbeiten. Ich konnte nicht.“

„Was ist denn passiert? Hat dich da jemand geärgert?“ – „Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe mich gewundert, warum er nicht neben mir liegt heute morgen, habe totale Panik bekommen, dass ihm was passiert sein könnte, will ihn anrufen und lese eine Nachricht auf meinem Handy. Ich habe sie noch immer nicht vollständig entziffert. Magst du sie mir mal vorlesen, bitte?“

„Oh nein. Wie lange seit ihr denn verheiratet?“ – „Seit knapp drei Jahren. Kannst du mir das bitte vorlesen?“ – „Wenn du das unbedingt möchtest?“ – „Keine Sorge, Jule, ich kann das trennen. Ich verknüpfe das nicht mit dir. Aber ich möchte wirklich wissen, was er geschrieben hat. Wenn ich so aufgeregt bin, kann ich mich nicht konzentrieren, da können Schrift und Kontrast noch so groß sein.“

Er schrieb sinngemäß: Liebe […], das ist ein Abschiedsbrief. Ich brauche eine Veränderung. Ich weiß noch nicht, wohin es geht und wo ich landen werde. Aber vor allem, dass wir keine gemeinsamen Kinder haben können, wird für mich zunehmend zu einem Problem. Ich habe nicht vermutet, dass mir etwas fehlen könnte, wenn ich immer im Hinterkopf habe, dass wir verhüten. Du bist eine wunderbare Frau und ich werde auch in Zukunft immer an dich denken. Alles Gute, […]

Sie hörte auf zu weinen. Eine Zeitlang sagte niemand was. Dann kam von ihr: „Der spinnt ja total. Weiß der, was er tut? Wir haben Jahre lang, bevor wir geheiratet haben, immer wieder darüber gesprochen, dass wir beide es nicht möchten, dass unser Kind ebenfalls sehbehindert sein wird. Das war nie ein Problem. Und plötzlich ist es eins, quasi von heute auf morgen? Und ich erfahre das in einem Abschiedsbrief?“

„Darf ich ehrlich zu dir sein, auch wenn das vielleicht weh tut?“ – „Bitte, Jule, deine Meinung interessiert mich sehr. Du schaust ja quasi von außen drauf.“ – „Für mich klingt es, als ob das vorgeschoben ist. Ist denn überhaupt sicher, dass euer Kind eine Sehbehinderung haben würde? Habt ihr das testen, euch beraten lassen? Und es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen. Adoption zum Beispiel. Wenn man das unbedingt wollte.“ – „Jule, das war nie ein Thema. Ich habe das erwähnt und wir haben Dutzende Male darüber gesprochen, dass uns Kinder nicht wichtig sind. Und an dem Stand hat sich nie etwas geändert. Ich weiß, wie er schreibt, und ich vermute, er hat eine andere Frau kennengelernt. Sein Herz war schon seit Wochen nicht mehr bei mir.“

„Das tut mir so leid.“ – „Weißt du, das Schlimme ist ja, dass ich ihn so liebe. Und dass ich weiß, dass ihn niemand anderes so lieben wird wie ich. Würde er morgen, in einer Woche oder in drei Jahren wieder angekrochen kommen, ich würde ihm die Tür sofort wieder öffnen. Ich kann mir nicht einfach einen neuen Mann suchen. Ich liebe ihn. Und stehe jetzt irgendwo im Niemandsland, hoffe, dass er zurück kommt, wenn er zur Vernunft zurück findet und merkt, dass die andere Frau seine ganzen Träume auch nicht erfüllen kann.“

„Ist er denn so ein Träumer?“ – „Das liebe ich an ihm ja so. Ich hatte vor ihm eine kurze Beziehung, bevor ich ihn kennen gelernt habe. Und egal, mit welcher Freundin ich auch drüber gesprochen habe, alle haben mich beneidet. Er hat alles für mich getan, ich habe alles für ihn getan, wir haben uns manches Wochenende stundenlang geliebt. Nicht nur im Bett, verstehst du? Wir waren selbst nach Jahren noch wie zwei verliebte Turteltäubchen. Schon morgens habe ich sehnsüchtig darauf gewartet, dass ich ihn nach Feierabend wieder neben mir habe. Und jetzt komme ich nach Hause und alle seine Sachen sind noch da. Und dann gehe ich ins Bett und sein Kopfkissen riecht nach ihm. Und jedes Mal muss ich mir wieder sagen: Der kommt nicht mehr. Oder hoffen, dass er eines Tages doch zurück kommt.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn du erstmal ein paar Tage zu einer Freundin gehst. Oder leben deine Eltern noch?“ – „Meine Mutter, aber die würde sterben vor Mitleid, wenn ich jetzt eine Woche bei ihr einziehe. Aber ich werde meine Schwester fragen, ob ich ein paar Tage zu ihr kann. Darüber habe ich auch schon nachgedacht.“ – „Wird sie das machen?“ – „Hundertprozentig. Sie ist Single, jünger als ich und hat schon immer gesagt, wenn mal was ist, mein Gästezimmer ist immer für dich offen.“

Während sie im Auto saß, telefonierte sie mit ihr. „Ich fahre dich eben zu ihr.“ – Das war doch kein Zufall, dass sie trotz dieses Zustandes heute schwimmen gegangen ist. Und das war auch kein Zufall, dass ich vorher an sie gedacht habe und gehofft habe, sie zu treffen. Kann mir niemand erzählen.